55

Ein schöner Tag. Ein herrlicher Tag. Wir sind wieder auf dem richtigen Weg, Yasmin und ich. Wir mögen uns wieder, verstehen einander. Jetzt vertraut sie mir: Sie weiß, dass ich auf ihrer Seite stehe, weiß, dass wir zusammen Spaß haben können. Zusammen lustig sind.

Bridget steht in der Tür von Yasmins Zimmer und lauscht, wie sie atmet. Mein Kind: mein wunderbares Kind. Tage wie dieser, Tage, an denen sie zusammen sind und sie dazulernt, und Yasmin dazulernt, und an denen sie spüren kann, dass sie einander verstehen, wenn sie erschöpft von der Kälte und dem Herumtoben nach Hause kommen – das sind die Tage, an denen sie weiß, dass alles gut wird, an denen sie weiß, dass es ihnen trotz allem, trotz ihrer prekären Lage, trotz der Vergangenheit, trotz der unsicheren Zukunft irgendwie gut gehen wird. Es wird alles in Ordnung sein, weil sie einander haben und weil das alles ist, was sie brauchen.

Zehn Uhr, und sie ist schon im Begriff einzuschlafen. Aus dem Badezimmer dringt Dampf, der nach Lavendel duftet. Sie denkt, dass sie Carol später vielleicht anrufen könnte, sobald sie gebadet und sich entspannt hat, um ihr Bescheid zu geben, dass hier alles wieder in Ordnung ist. Es ist acht Tage her, seit sie das letzte Mal miteinander telefonierten, und sie kann ja nicht ewig keinen Empfang haben. Jedenfalls wird sie ihr eine Nachricht aufs Band sprechen und den verzweifelten Anruf von gestern Abend erklären. Die arme Carol. Es ist nicht fair, sie damit zu belasten, wo sie doch gerade dabei ist, ihr eigenes Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen.

Bridget zieht die Tür zu Yasmins Zimmer fast zu, lässt sie aber einen Spalt offen stehen, damit ein wenig Licht in die Dunkelheit fällt, geht durch den Flur und knotet dabei den Gürtel ihres Bademantels auf. In der Wohnung ist es wohlig warm. Sie hat die Heizung voll aufgedreht, weil sie davon ausgeht, dass Tom Gordhavo niemals wird feststellen können, wie hoch sich die Kosten belaufen, die Heizungsrohre im Rest des Hauses davor zu bewahren, dass sie zufrieren.

Im Gegensatz zu ihrem sonst so hastigen Umkleiden, lässt sie jetzt den Bademantel auf den Boden des Badezimmers fallen und betrachtet sich im Spiegel, während sie sich die Haare hochsteckt. Es ist lange her, dass ich das gemacht habe, denkt sie, seit kurz nach Yasmins Geburt nicht mehr, als der Schock über die Veränderungen an meinem Körper und Kierans Ekel mich dazu veranlasst haben, an jeder spiegelnden Oberfläche vorbeizuhuschen, als würde sie mir meine Seele rauben. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Vielleicht habe ich mich daran gewöhnt, vielleicht ist es im Laufe der Jahre nur wieder besser geworden. Mein Bauch ist nichts Besonderes, aber mein Busen ist okay – rund und weich und anziehend, wie Brüste eben sein sollten –, und durch die Arbeit hier habe ich ein bisschen abgenommen, durch das Heben und Tragen und Putzen habe ich mehr Muskeln als je zuvor. Auch meine Haut ist besser geworden. Fern der Londoner Luftverschmutzung, der ständigen Belastung durch die Sorgen ist sie klarer, weniger faltig und weicher; die dunklen Ringe unter meinen Augen verschwinden allmählich. Sie lächelt sich an, sieht, wie sich an ihren Mundwinkeln Grübchen bilden.

Das Badewasser ist beinahe zu heiß. Bridget taucht Zentimeter um Zentimeter ein, lehnt sich schließlich in der Wanne zurück und seufzt. Atmet tief ein und lässt heißes, öliges Wasser über ihre Arme und Hände rinnen.

Die Lichter gehen aus.

Oh, mein Gott, verdammt. Ich dachte, Mark hätte gesagt, dass er das repariert hat. Verdammt. Ausgerechnet jetzt, wo ich es mir gemütlich gemacht habe.

Sie stößt einen tiefen Seufzer aus, setzt sich auf und spürt den Sog des Wassers, als sie sich hochstemmt. Für ihre Augen, die sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist der Raum pechschwarz. Sie tastet sich mit den Zehen vorsichtig über das Linoleum, bis sie ihren Bademantel findet, der in der Ecke neben dem Waschbecken liegt. Nach dem heißen Bad fühlt sich die Luft auf ihrer Haut kalt an, und sie weiß, dass es im Haupthaus noch um einiges kälter sein wird.

»Verdammt«, flucht sie wieder. Sie spürt den Frotteestoff auf ihrer Gänsehaut und zieht den Gürtel fest um sich. Geht in die Küche und holt die Kerze.

Die Treppe ist ihr nicht mehr fremd. Inzwischen kennen ihre nackten Füße die unebenen Stufen, und die Schatten um sie herum stellen für sie keine unbekannte, lauernde Bedrohung mehr dar. Sie möchte einfach zurück in ihr Bad. Möchte es wieder warm und gemütlich haben. Sie ist verärgert, nicht etwa ängstlich.

Das Erdgeschoss, wo sie die Vorhänge offen gelassen hat, ist in kaltes Mondlicht getaucht. Sie steckt den Kopf in den Sicherungskasten und stellt fest, dass keine einzige herausgesprungen ist.

»Oh, mein Gott, verdammt«, sagt sie wieder. Es liegt an den Überlandleitungen. Das musste ja mal passieren.

»Mist, Mist, Mist«, sagt sie. Und ist sich nicht einmal bewusst, dass sie laut vor sich hin spricht. Na schön. Ich muss zu diesem verdammten Schuppen rausgehen und Holz für morgen früh holen. Das mache ich morgen. Jetzt gehe ich einfach ins Bett. Verdammt, warum habe ich den Campingofen nicht angenommen? Es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich den Holzofen in der Hauptküche angefeuert habe, und bis dahin werden wir nichts Warmes zu essen kriegen. Hoffentlich ist noch genug heißes Wasser da, damit ich mir eine schöne Wärmflasche füllen kann. Und wenn es ganz schlimm kommt, können wir es uns ja die nächsten Tage im Salon vor den Kamin gemütlich machen.

Sie geht ins Speisezimmer hinüber, um ihren Vorrat an Kerzen zu holen. Große, dicke, schöne, zum Teil angebrannte Kirchenkerzen, die die Aykroyds zurückgelassen haben. Es hat sie eine Menge Arbeit gekostet, die Wachstropfen vom Esstisch zu entfernen, aber jetzt ist sie froh, die Kerzen zu haben.

Bridget geht zielstrebig durchs Haus, schaut weder nach links noch nach rechts. Mit diesen Zimmern ist sie weniger vertraut, und die Schatten sind hier dunkler und länger. Sie spürt, dass ihr auf den Armen die Haare wieder zu Berge stehen. Schimpft sich selbst, eine abergläubische Haushälterin zu sein. Diese verfluchten Bensons. Ich hatte mich schon fast an dieses Haus gewöhnt, bis die dahergekommen sind. Es ist niemand da, Bridget. Du weißt, dass niemand hier ist.

Die Kerzen befinden sich an der Stelle, an der sie sie vermutet hatte, nämlich in dem Fenstersitz, in dem sich Yasmin vor so vielen Wochen versteckt hatte. Sie leuchtet mit ihrer Kerze in die riesige Truhe, um sich, bevor sie hineingreift, zu vergewissern, dass da keine Spinnen sind. Nimmt drei Kerzen heraus – so viele, wie sie in einem Arm tragen kann – und macht sich auf den Weg zurück zum Speisezimmer.

Als sie an der Haustür vorbeikommt, fällt ihr etwas auf. Draußen. Ein kleiner Lichtfleck.

Bridget bleibt stehen. Seltsam.

Das Licht bewegt sich. Huscht im Vorgarten über den Schnee, fährt hoch und schweift über die Fenster. Von der Stelle, an der sie in der Eingangshalle steht, kann sie sehen, dass der Lichtstrahl auf die Wand des Speisezimmers fällt.

Der Strahl einer Taschenlampe. Das ist eine Taschenlampe.

Da draußen ist jemand.

Die Haustür ist nicht verschlossen. Die hintere Tür genauso wenig. Sie ist nachlässig geworden. Hat aufgehört, sich Sorgen zu machen.

Und jetzt weiß sie, wer das ist. Wer würde sonst schon im Schnee um ihr Haus schleichen. Im Dunkeln.

Kieran ist hier.

Das Haus der verlorenen Kinder
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-1.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-2.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-3.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-4.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-5.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-6.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-7.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-8.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-9.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-10.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-11.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-12.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-13.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-14.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-15.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-16.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-17.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-18.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-19.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-20.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-21.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-22.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-23.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-24.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-25.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-26.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-27.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-28.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-29.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-30.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-31.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-32.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-33.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-34.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-35.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-36.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-37.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-38.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-39.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-40.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-41.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-42.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-43.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-44.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-45.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-46.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-47.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-48.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-49.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-50.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-51.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-52.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-53.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-54.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-55.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-56.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-57.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-58.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-59.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-60.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-61.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-62.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-63.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-64.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-65.xhtml