9

Sie ist immer nervös, wenn sie nach Hause kommt, selbst wenn sie nur ein paar Minuten fort war. Schließlich würde es ja nur ein paar Minuten in Anspruch nehmen: Er könnte hereinkommen und wieder verschwinden, und keiner würde es merken, wenn sie nicht da ist. So kann man sein Leben unmöglich verbringen, sein einziges Leben, denkt sie. Ich werde eine dieser alten Damen sein, deren Leiche längst mumifiziert ist, bis einer überhaupt bemerkt, dass ich nicht mehr da bin.

Dafür werde ich allmählich zu alt, denkt Carol, während sie die Eingangsstufen hinaufsteigt. Ist ja alles schön und gut, aber ich bin beinahe fünfundvierzig, eine Frau mittleren Alters, und Damen mittleren Alters sollten nicht einmal in Krisenzeiten die ganze Nacht auf den Beinen sein. Sie fühlt sich ausgelaugt, mitgenommen. Yasmin hängte sich am Schultor wie eine Klette an sie, wie sie es immer tut, wenn Kieran ihnen einen Besuch abgestattet hat. Ich brauche ein Nickerchen. Ein Nickerchen, ein Bad und mehrere Tassen Kaffee.

Im Haus ist es still, die Haustür zweifach abgeschlossen. Sie bleibt in der Eingangshalle stehen und lauscht. Nichts. Nur das Brummen des Verkehrs auf der High Road. Sie steigt die Treppe hinauf. Klopft an Bridgets Wohnungstür und stellt fest, dass der Riegel einfach nachgibt.

»Hallo?«, ruft sie. Späht beklommen hinein. Alles sieht normal aus. Keine Kampfspuren, keine Blutflecken.

»Bridget? Hallo?«

»Hier bin ich.«

Sie folgt der Stimme in die Küche. Bridget sitzt auf dem Boden, hat neben sich einen Becher Kaffee stehen, und ein Brief liegt auf ihrem Schoß. Tränen laufen ihr übers Gesicht.

»Ach, Darling«, sagt Carol. Sie kniet sich nieder und schlingt die Arme um ihren Kopf.

»Keine gute Nachricht, wirklich«, antwortet Bridget.

»Worum geht es denn?«

»Darum.«

Sie gibt ihr den Brief. Er trägt den Briefkopf einer großen Kanzlei im Zentrum Londons, aber er stammt von der Wohnungsgesellschaft, wie Bridget bereits gestern Abend vermutet hat. Carol liest ihn, langsam, verarbeitet die steife und formelle Ausdrucksweise und legt ihn zur Seite.

»Einen Monat? Mehr Zeit lassen sie dir nicht?«

Bridget seufzt. Zuckt mit den Schultern. »Sie haben mir mehr als ein Jahr Zeit gelassen. Man kann von ihnen nicht erwarten, dass sie es ewig so weiterlaufen lassen. Sie sind schließlich keine Wohltätigkeitseinrichtung.«

»Ja, aber du hast ein Kind.«

Bridget lässt ihren Tränen freien Lauf.

»Es ist sowieso Zeit, dass wir ausziehen«, sagt sie schließlich. »So kann ich jedenfalls nicht weitermachen. Er wird bald wiederkommen. Das weißt du.«

»Du bist ja fix und fertig«, stellt Carol fest.

»Und das aus gutem Grund«, antwortet Bridget. »O Gott, was bin ich müde.«

Carol setzt sich hin, lehnt sich gegen den Küchenschrank. Ergreift Bridgets Hand und drückt sie.

»Ist sie gut zur Schule gekommen?«

Carol nickt. »Klar. Ich hole sie auch wieder ab.«

»Tut mir leid«, sagt Bridget. »Tut mir wirklich leid, Carol. Das ist dir gegenüber so unfair.«

»Ach, Darling«, antwortet Carol. »Schau. Wir werden schon eine Lösung finden. Bestimmt. Es wird alles gut, du wirst schon sehen.«

»Wie soll denn alles gut werden? Wie nur?«

»Ich weiß nicht«, sagt Carol. »Wir werden …«

Sie hält inne, weil ihr nichts einfällt. Weil sie, um ehrlich zu sein, nicht über diesen Vormittag hinaussehen kann. Vor der Dämmerung ist es immer am dunkelsten, ruft sie sich ins Gedächtnis. Immer, wenn man im Begriff ist, die Hoffnung aufzugeben, dann tut sich etwas Neues auf.

»Ich habe es satt«, sagt Bridget. »Habe das alles satt. Satt zu kämpfen, satt, so zu tun, als sei ich tapfer, satt, Yasmin zu sagen, dass alles gut wird. Satt, die Straße entlangzugehen und mich ständig umzuschauen, ob er vielleicht aus dem Nichts auftaucht. Satt, mich zwischen Schuhen für meine Tochter und Lebensmitteln für mich entscheiden zu müssen. Satt, darauf zu warten, dass man mir meine Wohnung wegnimmt. Carol, ich schaffe das einfach nicht mehr.«

»Ach, sag das nicht. Sag das nicht, Liebes.«

»Vielleicht sollte ich einfach …«

Carol wartet. Bridget spricht nicht weiter.

»Liebes«, sagt sie schließlich. »Du weißt, dass du weitermachen musst. Das müssen wir doch alle, oder? Welche Alternative bleibt uns denn?«

Wieder läuft Bridget eine Träne über die Wange. Sie hat den Eindruck, sich völlig ausgeweint zu haben, innerlich so salzig zu sein wie ein Räucherhering. Kann kaum glauben, dass sie noch Tränen übrig hat.

»Man weiß nie«, stellt Carol fest. »Vielleicht ruft dieser Kerl ja an.«

»O ja, bitte.«

Sie zerknüllt den Brief, schleudert ihn gegen die Wand.

»Als ob das je passieren würde«, sagt sie. »Mensch, was war das für eine Zeitverschwendung. Und Vergeudung von Benzin. Er wird nicht anrufen. Warum sollte er? Mein Pech hat nie ein Ende. Niemals. Das war immer so. Und wird ewig so weitergehen, mich auf der Spirale immer weiter abwärts führen. Du weißt das, Carol, und ich weiß es, und es hat keinen Zweck, so zu tun, als wäre es anders. Ich könnte genauso gut …«

Im Schlafzimmer läutet das Handy in ihrer Tasche.

Das Haus der verlorenen Kinder
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