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Mr Benson hat normalerweise eine blasse Gesichtshaut – das blutarme Aussehen eines Menschen, der nicht genügend Fleisch zu sich nimmt –, aber jetzt ist sie vor Wut dunkelrot angelaufen. Er steht mitten in dem Chaos, und seine Hand ist zur Faust geballt.
»Können Sie …«, brüllt er, »können Sie Ihr verdammtes Kind nicht unter Kontrolle halten?«
Bridget verschlägt es für kurze Zeit die Sprache. »Das war sie nicht – ich kann mir nicht vorstellen – das kann sie nicht …«, hebt sie schließlich an.
»Versuchen Sie es erst gar nicht!«, sagt er. »Ich möchte nichts davon hören.«
Das Zimmer ist in einem grässlichen Zustand. Einfach grauenvoll. Bilder des Zustands, in dem es sich befand, nachdem die Terrys abgereist waren, kommen ihr in den Sinn, aber das hier ist noch schlimmer. Es ist so – unerwartet.
Sie blickt auf Yasmin hinab, die sich an ihren Rockzipfel klammert, den Mund erstaunt aufgerissen. Sie kann das nicht gemacht haben, denkt sie. Sie war die ganze Zeit bei mir …
Wieder steht der Schrank offen. Darin kann sie den Inhalt der Koffer der Bensons auf dem Boden zusammengeknüllt liegen sehen, einige Kleidungsstücke hängen aus der Tür heraus auf den Teppich, Kleider, Schuhe und Taschen, ein Laptop und eine Videokamera, alles bis zur Unkenntlichkeit mit Puder überzogen.
Auf dem Fenstersitz liegen die Bestandteile eines Blackberry verstreut, als hätte man es mit ziemlicher Wucht dort hingeknallt.
Eine Vase aus blauem Glas ist gegen die Wand geschleudert worden. Zwischen den Scherben liegt die Sammlung von Mrs Bensons schlichtem, unauffälligem Schmuck.
Wieder wurde der Baldachin von seinen Pfosten gerissen.
Die weiß getünchte Wand ist mit rotbraunem, blutfarbenem Lippenstift beschmiert. HAUT AB HAUT AB HAUT AB.
»Ich – wann ist das denn passiert?«
»Woher soll ich das denn wissen?«, schnauzt er. Er kaut Kaugummi; er beißt so fest zu, dass die Sehnen an seinen Schläfen hervortreten. »Als wir zurückgekommen sind, hat es so ausgesehen.«
»Ich war das nicht«, sagt Yasmin.
Wann habe ich das schon einmal gehört?
»Das war ich nicht«, sagt Yasmin.
»Na, wer soll es denn sonst gewesen sein?«
Ich habe die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der denkbaren Wahrheit ins Auge zu blicken und einen Weg zu finden, das wiedergutzumachen, oder mich vor meine Tochter zu stellen, sie vor unberechtigten Anschuldigungen zu schützen und von diesen Leuten zu Recht gehasst zu werden, und vielleicht der Kündigung entgegenzusehen: Das sind meine Alternativen.
Benson richtet seinen Blick starr auf Bridget.
»Sie?«
»Sehen Sie nicht – das ist doch absurd!«
»Na ja«, sagt er.
Mrs Benson sitzt auf der Fensterbank. Sie trägt braune Wildlederstiefel und ein beigefarbenes Wollkleid.
Sieht so aus, als hätten Sie vorläufig nichts anderes anzuziehen, schießt es Bridget boshaft durch den Kopf. Bekommt sogleich Schuldgefühle, als sie die Verzweiflung auf dem Gesicht der Frau sieht. Selbst Leute ohne jeden Schick lieben ihre Kleider. Die Farblosen leiden genauso unter wilder Zerstörungswut wie die Bunten.
»Es ist nicht zu fassen«, sagt sie. »Warum haben Sie uns das angetan? Das sind unsere Flitterwochen. Was in aller Welt haben wir getan, dass … dass wir so etwas verdienen?«
Sie hat allen Grund, wütend zu sein, selbst wenn die Anschuldigung unfair ist. Da müssen Dinge im Wert von Tausenden Pfund verstreut liegen. Das meiste davon ist ruiniert.
»Wir waren den ganzen Tag außer Haus«, stottert Bridget.
»Na, wer hätte das denn sonst machen können?«
Sie zählt: eins, zwei, drei. »Ich habe keine Ahnung. Tut mir leid, dass das passiert ist. Das ist natürlich äußerst unangenehm, aber ich war nicht hier und meine Tochter auch nicht.«
Sie spürt, dass jemand an ihrem Rock zupft. Schaut zu Yasmin hinab und zieht sie näher an sich. Hat sie das gemacht? Ist es möglich, dass sie das getan hat? Ich war den ganzen Tag jede Minute mit ihr zusammen. Da gab es nur die kurze Zeitspanne, als ich mit der Hausarbeit beschäftigt war. Sie hätte … Nein, hör auf damit, Bridget. Sie ist deine Tochter.
»Sie behaupten also, dass – dass wer das getan haben soll? Kobolde? Dass Diebe hier waren, die nichts gestohlen haben, die im Rest des Hauses nichts kaputt gemacht haben, die nur hier heraufgekommen sind, um dieses eine Zimmer zu verwüsten?«
»Ich weiß nicht.« Sie schaut sich um. Flüssige Foundation ist auf die Wände und den Bettüberwurf gespritzt und die leere, tropfende Flasche auf den Sessel geworfen worden. »Es tut mir leid, aber ich weiß es nicht. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun … jetzt umgehend. Das ist … ich weiß nicht, wie das passiert ist.«
»Tja, für mich ist das offenkundig«, sagt er.
Bridget ergreift Yasmins Hand und drückt sie. Sie liegt heiß und steif in ihrer. »Das verstehe ich. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich davon nichts weiß.«
Er wendet sich ab. Betrachtet die Zerstörung. Dreht sich wieder um. »Das wird Sie den Job kosten«, erklärt er. »Dafür werde ich sorgen.«
Sie spürt, wie ihr das Blut in die Wangen steigt.