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Wieder war der Gerichtsvollzieher da gewesen. Zumindest hat sie sich durch die Fahrt und ihren frühen Aufbruch erspart, den ganzen Tag bei geschlossenen Vorhängen in der Wohnung hocken zu müssen. Zudem hat sie sich erspart, aus dem Haus zu treten und festzustellen, dass das Auto, das einzig Wertvolle, was sie noch besitzt, abgeschleppt wurde. Seit einer ganzen Weile parkt sie es schon ein Stück abseits der Brixton Water Lane in der Hoffnung, dass es nicht entdeckt und zur Begleichung der Wasserrechnung gepfändet wird.

Wir werden es brauchen, denkt sie, um darin zu leben, sobald die Wohnung zwangsversteigert ist. Das Schlimmste, was ich je getan habe, war, mich von der Liste für eine Sozialwohnung streichen zu lassen und den Kauf einer Eigentumswohnung zu wagen. Aber woher hätte ich auch wissen sollen, dass das Sozialamt ungeachtet der Umstände keine Hypothekenzahlungen übernimmt? Dass das Sozialamt dich eher in einer Pension einquartiert, als deinem Kind die Aussicht auf ein dauerhaftes Zuhause zu geben?

Als Leserin der Mail versteht sie das Argument mit der Hypothek, nämlich, dass es nicht Sache des Steuerzahlers ist, Schnorrern wie ihr ein komfortables Dach über dem Kopf zu finanzieren, aber es kommt ihr auch nicht fair vor, dass das System abwartet, bis Familien auf der Straße stehen, um ihnen endlich zu helfen. Ich bin nur eine Nummer in der Statistik, denkt sie, genau das bin ich. Etwas, was man bei Parteitagen anführt, um die Schuld am Zustand der Jugend in diesem Lande anderen in die Schuhe zu schieben.

Heute ist sie insgesamt zwölf Stunden auf der Straße unterwegs, und ihre Finger und Knie sind schon ganz verkrampft, weil sie schon so lange die gleiche Haltung einnehmen. Sie weiß, sie sollte dankbar sein, in ihren Verhältnissen überhaupt noch ein Auto zu haben, auch wenn es schon zehn Jahre alt ist und die Türdichtungen kaputt sind, aber sie vermisst ihren kleinen Mercedes mit seinem Geschwindigkeitsregler und dem leichtgängigen Getriebe, den sie schon längst verkauft hat, um die Hypothek ein paar Monate weiter bezahlen zu können. Sie spürt, wie sich die ersten Anzeichen von Kopfschmerzen in ihrem Nacken ankündigen. Sie ist lange Fahrten über die Autobahn nicht gewöhnt, und die Kombination aus ihrer Angst vor starken Geländewagen und ihrer Sorge, das Auto könnte die Strecke nicht durchhalten, hat die Muskeln zwischen ihren Schulterblättern steinhart werden lassen. Sie zieht sich am Geländer die Treppe hinauf, als wäre sie achtzig. Sie hasst diese Treppen, die sie jahrelang treppauf, treppab gelaufen ist, Kind und Buggy, Tüten, Handtaschen und Windelpackungen jonglierend.

Dumpfe Bässe dringen durch die geschlossene Tür der Wohnung im Erdgeschoss. Das wird bis in die frühen Morgenstunden so weitergehen, es sei denn, die Bewohner gehen aus in einen Club und gönnen ihren Nachbarn bis vier oder fünf Uhr am Morgen ein paar Stunden Ruhe. Das Schlimmste am Jungle, denkt sie, ist die Tatsache, dass er ohne Unterbrechung dröhnt. Das und die Tatsache, dass er diejenigen, die sich das anhören, offenkundig taub macht. Oder egoistisch. Kann Musik die Persönlichkeit verändern? Sie hält das durchaus für möglich. Die Bewohner reagieren weder auf das Klopfen gegen die Tür noch aufs Klingeln. Und sie hat sie in dem einen Jahr, das die inzwischen hier wohnen, noch nie zu Gesicht bekommen. An Verkehrslärm, selbst an einen plärrenden Fernseher, kann man sich gewöhnen, aber an Jungle … die wenigen Sekunden, die er aussetzt, wenn man den Eindruck hat, das ganze Haus halte den Atem an in der Erwartung, dass er dauerhaft aufhört, und die hörbaren Seufzer der Verzweiflung, wenn der Beat wieder einsetzt.

Manchmal fragt sie sich, ob die Musik nicht über eine Zeitschaltuhr läuft, die ein ausgebuffter Bauträger in der Absicht installiert hat, langjährige Bewohner wie Carol zu vertreiben. Nur die große Zahl an schwarzen Müllsäcken, die am Tag, wenn der Müll abgeholt wird, draußen liegen, überzeugt sie davon, dass überhaupt jemand in dieser Wohnung lebt.

Sie hat die Heizung den ganzen Tag ausgestellt – jeder Penny zählt schließlich –, und die Wohnung ist kalt und feucht, als sei sie verwahrlost. Man fühlt sich hier mehr wie im Keller als in der zweiten Etage. Bridget lässt ihre Schlüssel auf den mit Stoff überzogenen Karton fallen, der als Dielenkonsole dient, seit sie die richtige letztes Jahr verkauft hat, um die Gasrechnung zu bezahlen, sie blättert die Handvoll Briefe durch, die sie zusammen mit der Karte des Gerichtsvollziehers von der Fußmatte aufgehoben hat. Das übliche Sorgenbündel. Die Raten fürs Wasser: überfällig. Gemeindesteuer – sie ist besonders sauer, dass sie Geld, das sie gar nicht hat, berappen muss, um sich die Moralpredigten und verdammten Hilfsangebote der Sozialarbeiter anzuhören. Fernsehgebühren. Sie verzieht das Gesicht. Zumindest, denkt sie, brauche ich die nicht mehr bezahlen, sobald der Gerichtsvollzieher den Fernseher mitgenommen hat. Da ist noch ein Brief, von unbekannter Art. Schwerer cremefarbener Umschlag mit Wasserzeichen, länger und schmaler als gewöhnlich, und die Adresse ist auf das Papier gedruckt anstatt, wie es sonst meist der Fall ist, durch ein Plastikfenster hindurchzuscheinen.

Sieht aus wie ein Anwaltsschreiben, denkt sie.

Ihr Herz macht einen Sprung.

Jemand ist gestorben.

Sie dreht den Umschlag und betrachtet die Rückseite, als würde ihr diese einen Hinweis auf den Inhalt liefern.

Vielleicht, denkt sie, ist es jemand, den ich nicht kenne; einer der entfernten Verwandten in Kanada, von denen man hin und wieder liest, diejenigen, die nie geheiratet haben, aber das Geld, das für Kinder gedacht war, erfolgreich an der Börse anlegten und jetzt niemanden haben, dem sie es vererben können.

O Gott, denkt sie. Ist es schon so weit gekommen, dass ich hoffe, irgendwer möge irgendwo gestorben sein, nur weil mir das aus diesem Schlamassel heraushelfen könnte?

Vielleicht hat jemand im Lotto gewonnen und eine anonyme Spende gemacht. Einer meiner Freunde. Einer jener Menschen, die ich früher gekannt habe, und der gehört hat, was uns zugestoßen ist, und helfen möchte …

Sie bringt es jetzt nicht über sich, den Brief zu öffnen, weil sie tief in ihrem Innersten weiß, dass er weitere schlechte Nachrichten enthält, dass die Rettung nicht aus heiterem Himmel kommt. Sie hat das Gefühl, als renne sie ihr ganzes Leben, ohne jemals voranzukommen. Es scheint alles so zufällig zu sein. Immer wieder berichten die Zeitungen über Abfindungen von mehreren Millionen Pfund für Vorzeigefrauen, und sie steht da, kuvertiert die ganze Nacht und verteilt Reklamezettel, um den Unterhalt für das Kind aufzubringen, den ihr Mann nicht bezahlen will aus Protest, dass ihm das Recht verweigert wird, seine Tochter zu Tode zu ängstigen.

Wir leben in einem Zweiklassensystem, denkt sie. Die Reichen und wir, der Rest.

Klack. Plötzlich herrscht rings um sie Dunkelheit, weil ihre Stromkarte abgelaufen ist.

»Scheiße«, sagt Bridget. »Scheiße, Scheiße, Scheiße.«

Warum passiert das ausgerechnet immer am Abend, wenn der einzige Laden, in dem man die Karte wieder aufladen kann, die Tankstelle an Streatham Hill ist, wo die Wahrscheinlichkeit, überfallen zu werden, genauso groß ist, wie dass du dir einen Riegel Mars kaufst?

Weil du, sagt sie zu sich selbst, natürlich abends Strom brauchst. Und es passiert so häufig, weil du nie mehr als einen Fünfer übrig hast, den du dafür aufbringen kannst. Es liegt nicht etwa daran, dass die Welt sich gegen dich verschworen hat, so sehr du auch den Eindruck haben magst.

Sie hält in jedem Zimmer Kerzen und Streichhölzer bereit, auf hohen Regalen, um sie von kleinen Händen fernzuhalten. Die nächste ist in der Küche, oben auf dem Schrank. Bridget tastet sich durch den Flur, stößt sich den Zeh an etwas an – wahrscheinlich an einem Spielzeug, das Yasmin liegen gelassen hat –, schmeißt etwas mit lautem Krach auf den dummerweise mit Schiefer gefliesten Küchenfußboden, den sie und Kieran damals vor ihrer Schwangerschaft hier verlegten, damals, als er ihr noch wie ein Traumprinz vorkam, als sie dachte, er würde hier einziehen und seine Wohnung als ersten Schritt die Eigentumsleiter hinauf vermieten. Wir wollten hier in zwei Jahren ausgezogen sein und ein Haus in Clapham bezogen haben, denkt sie. Nicht einmal in meinen wildesten Träumen hätte ich mir ausgemalt, dass die erste Wohnung, die ich mir vor zehn Jahren gekauft habe, jetzt mein Gefängnis sein würde. Ich bin schlechter dran als damals, als ich Anfang zwanzig war. Mit Anfang zwanzig hat der Weg zumindest ausschließlich nach oben geführt.

Sie tastet an der Kante der Schranktür entlang und findet die Untertasse aus dem Trödelladen, die als Kerzenhalter dient.

Beim Aufleuchten des Streichholzes erhascht sie einen flüchtigen Blick auf eine Gestalt in der Ecke. Zuckt mit klopfendem Herzen zusammen, lässt das Streichholz beinahe fallen. Es ist Kieran, natürlich. Immer Kieran. Immer da und beobachtet sie, lässt sich aus dem Augenwinkel sehen und wartet darauf, loszuspringen.

Und wieder unterdrückt sie die Tränen, zum achten Mal heute, zum zwölftausendsten Mal, seit dem Tag, an dem sie ihn kennenlernte. Und dann bläst sie das Streichholz aus, lässt den Brief auf die Arbeitsfläche fallen, ignoriert die Schürze, die an ihrem Haken hängt, wo sie schon immer hing, und geht, um ihre Tochter abzuholen.

Das Haus der verlorenen Kinder
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