47
Irgendetwas ist mit Mrs Blakemore geschehen. Es hat sich seit dem Sommer langsam abgezeichnet, aber jetzt ist sie ganz allein in diesem hallenden Haus, die Angestellten sind längst gegangen, die Familie hat es ihnen gleichgetan, und der Winter, der sich mit diesen starken Regenfällen ankündigt, scheint die Sache noch beschleunigt zu haben. Ihr Gesicht, das bei Lilys Ankunft so ordentlich gepudert war, ist inzwischen gar nicht mehr geschminkt, die Muskeln unter der Haut sind schlaff geworden, und ein halbes Dutzend dicker schwarzer Haare sprießt unbehelligt an ihrem Kinn und der Oberlippe. Sie macht sich mittlerweile nur noch selten die Mühe, sich richtig anzuziehen; schlurft in einem wollenen Herrenmorgenmantel und Slippern durchs Haus, hinterlässt Essensflecke und zieht eine Schwade Körpergeruch hinter sich her.
In diesen Tagen kommt niemand mehr zum Haus. Keine Lieferanten, keine Nachbarn, nicht einmal der Postbote, weil er scheinbar nichts zu bringen hat. Jetzt, da die Ferien vorüber sind und Lily von der Schule verwiesen wurde, ist es so, als wäre das Haus mitsamt seinen Bewohnern in Vergessenheit geraten, isoliert, als litten sie an einer ansteckenden Krankheit. Jetzt sind nur noch sie beide da: eine Frau, die Selbstgespräche führt, und ein Kind, das mit niemandem redet.
Lily hat es aufgegeben fortzulaufen. Sie hat es so viele Male vergeblich versucht, dass sie schließlich begreift, dass es kein Entrinnen gibt. Keine Mum, zu der sie zurückgehen könnte, und eigentlich auch kein Portsmouth, weil sie erst neun Jahre alt ist und noch immer nicht richtig lesen kann und nicht mehr weiß, wo Portsmouth von Bodmin aus gesehen liegt – genauso wenig würde sie den Weg nach London finden. Sie weiß lediglich, was sie gehört und was sie gesehen hat: Dass sich zwischen ihnen und der Außenwelt riesige Gebiete des Bodmin Moors und des Dart Moors erstrecken, dass die hiesige Winterkälte ihr sogar im Haus in die Knochen kriecht, ganz zu schweigen davon, wenn sie hinausgeht und sich dem heftigen Westwind aussetzt. Sie weiß, dass man Erwachsenen – selbst jenen, die so tun, als stünden sie auf deiner Seite, jenen, die lächeln und dir Pfefferminzbonbons schenken – nicht trauen kann, keinem, niemals, und dass eine ganze Welt von Erwachsenen zwischen ihr und ihrem Zuhause steht. Inzwischen begreift Lily, dass ihr vom Schicksal bestimmt ist, hierzubleiben, dass sie, was immer sie unternimmt, wohin auch immer sie flieht, am Ende, als wiederkehrender Albtraum, genau an der Stelle landen wird, von der sie aufgebrochen ist.
Hin und wieder laufen sie sich in den Fluren oder in der Küche über den Weg. Gelegentlich unternimmt Lily, mit den Lebensmittelkarten in der Hand, meilenlange Ausflüge hinunter ins Dorf, denn sonst müssten sie sich ausschließlich von Porridge und Gemüse aus dem Garten hinter dem Haus ernähren. Sie hat in den Geschäften alles Mögliche auf die Rechnung des Hauses setzen lassen, aber sie bezweifelt, dass sie noch lange werden anschreiben lassen können. Mrs Blakemore scheint es gar nicht zu bemerken. Sie geht nur selten ans Telefon. Zieht es vor, ihre Zeit damit zu verbringen, die vor dem Krieg gefüllten Alkoholbestände im Keller leer zu trinken und ausdruckslos aus dem Fenster auf die silberne Winterlandschaft zu starren. Lily weiß nicht, was passieren wird, wenn die Geschäfte ihnen am Ende nichts mehr geben werden. Sobald das Getreide aufgebraucht ist, werden sie sich wahrscheinlich ausschließlich von Gemüse ernähren müssen.
Lily bekommt nicht so leicht Angst, aber sie ist wegen Mrs B. nervös. Sie weiß, dass sie hier unerwünscht ist, weiß, dass man sie, wenn das Ministerium ihre Papiere findet, auf der Stelle abholen würde. Sie wünscht sich inständig, dass sie sie finden mögen. Im Kinderheim wäre es besser als hier, denkt sie. Im Kinderheim würde zumindest jemand wissen, dass ich existiere. Wenn ich wüsste, wie, dann würde ich sie veranlassen, dass sie mich holen kommen.
Wie auch immer, ich muss weg von hier. Die alte Frau ist verrückt geworden. Es ist, als wäre jemand gekommen und hätte ihre Seele mitgenommen. Wenn wir in Portsmouth wären, wenn wir unter armen Leuten wären, dann hätten sie die inzwischen längst abgeholt, ihre Wohnung geräumt und sie sicher weggesperrt. Wären wir in Portsmouth, dann hätten sie mich sicher weggesperrt, nach dem, was ich in der Schule angestellt habe, anstatt mich rauszuschmeißen und ihre Hände in Unschuld zu waschen und zu sagen, das sei Blakemores Problem. Das war ja der springende Punkt. Das war der Gedanke dahinter. Wenn sie mich schon nicht weglaufen lassen wollten, dann wollte ich sie wenigstens dazu veranlassen, dass sie mich wegholen. Und stattdessen bin ich wieder hier, sitze mehr in der Falle denn je, gehe der Blakemore aus dem Weg und warte, dass ER für die Ferien nach Hause kommt. Sie wollen mich nicht hierhaben, aber sie lassen mich auch nicht gehen. Es ist, als hätte die ganze Welt das so geplant.
Ich sitze in Einzelhaft, denkt sie. Ich bin eine Kriegsgefangene.
Auf dem Weg in die große Küche – wo hin und wieder im Brotkasten ein Laib und in der Speisekammer ein Glas Kürbismarmelade zu finden sind – geht sie gerade durchs Wohnzimmer, als das Telefon zu läuten beginnt. Bei dem Geräusch fährt Lily zusammen und tritt den Rückzug in die Richtung an, aus der sie gekommen ist, für den Fall, dass ihre Gefängniswärterin auftaucht. Als sie an der Tür ankommt, stellt sie fest, dass sie sich hinsichtlich Blakemores Aufenthaltsort getäuscht hat: Dass sie tatsächlich aus dem Arbeitszimmer kommt. Sie verbringt inzwischen so viel Zeit in ihrem Schlafzimmer und schluchzt und flucht abwechselnd hinter der verschlossenen Tür, dass Lily ganz erstaunt ist, sie hier zu sehen. Ihr bleibt nur der Bruchteil einer Sekunde, um zu entscheiden, was zu tun ist: Entdeckt zu werden und einen weiteren Zornesausbruch zu riskieren oder sich zu verstecken.
Sie versteckt sich. Springt hinter einen der bodenlangen Vorhänge und hält die Luft an.
Das Telefon klingelt weiter. Sie hört, dass Mrs Blakemore an ihrem Versteck vorbeikommt, hört sie murmeln: »Schon gut. Schon gut. Immer mit der Ruhe.« Die Hausschlappen schlurfen über das Parkett. Sie klingen ölig, matschig, als wäre die Trägerin durch irgendetwas Nasses gegangen und habe sich nicht die Mühe gemacht, den Matsch abzuwischen.
Sie kommt in der Eingangshalle an. Lily hört das Klingeln, als sie den Hörer von der Gabel abhebt. »Rospetroc House«, verkündet sie langsam, in arrogantem Tonfall.
»Tessa!«, ruft sie aus.
»Wuuunderbaar, Darling!«, lallt sie. »Ich halte hier in dem alten Haus die Stellung! Und, wie geht es in der Schule?«
Sie hört kurz zu. Lily beobachtet, wie sie an einer fettigen Haarsträhne herumspielt, die aus der längst herausgewachsenen Bobfrisur herunterhängt. Mrs Blakemore hat es aufgegeben, ihre Haare zu bürsten. Vertraut stattdessen auf eine immer größer werdende Armee von Haarnadeln, mit welchen sie, wie Lily bemerkt, jeden Tag immer mehr Haarsträhnen feststeckt. So viel zu meinen Nissen, denkt Lily. Da muss es inzwischen vor Maden nur so wimmeln. »Gut, gut«, sagt sie, »und, mit welchem Zug kommst du? Wir holen dich natürlich ab. Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Hughie kann erst zu Silvester nach Hause kommen; sie müssen für den Kadettenkorps noch dableiben. Aber wir werden uns auch so amüsieren. Mr Varco hat mir eine Gans versprochen.«
Lily hört das Quäken der fernen Stimme, dann ein Luft-schnappen. Und Mrs Blakemore bricht wieder in Tränen aus. »Das kannst du nicht machen«, sagt sie. »Tessa, das kannst du nicht machen.«
Die Stimme quäkt eine ganze Weile.
»Aber ich … Tessa, wie kannst du mir das nur antun? Du weißt, was er getan hat? Begreifst du denn nicht?«
»…«
»Illoyal sein«, unterbricht sie den Schwall an Erklärungen. »Du bist illoyal.«
Sie zupft an ihren Haarnadeln herum. Lehnt sich gegen die Wand, als hätten ihre Beine auf einmal keine Kraft mehr. »Ich habe alles getan«, jammert sie. »Alles. Ich habe hier gesessen – ich habe auf dich gewartet … ich hätte … Mein Gott. Und du verrätst mich. Du glaubst, er …«
Ein seltsames Geräusch entweicht ihrer Kehle: animalisch, verzweifelt. Tessa schweigt schockiert und sprachlos am anderen Ende der Leitung.
Mrs Blakemore schiebt sich an der Wand entlang und schlägt mit dem Hörer Dellen in den Verputz. »Ja, ja, ja …«, jammert sie. »Was mache ich nur? Was mache ich bloß?«
Lily erhascht einen Blick auf ihr Gesicht. Es ist wachsbleich, abgespannt, die Augen weit aufgerissen. Sie weicht wieder hinter den Vorhang zurück, versteckt sich. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, denkt sie. Auch wenn es Winter ist, auch wenn ich nicht weiß, wohin ich soll, ich muss von hier weg. In letzter Zeit war sie ziemlich harmlos, und dadurch habe ich ganz vergessen, wie sie wirklich ist. Aber es klingt so, als sei sie jetzt endgültig übergeschnappt.
Quäk, Quäk, Quäk.
Sie hört, wie Mrs Blakemore tief Luft holt. Und als sie weiterspricht, klingt ihre Stimme kalt: »Na ja«, sagt sie, »du hast deine Entscheidung also getroffen. Ich weiß nicht, was ich dir angetan habe, aber …«
Quäk, Quäk, Quäk.
»Du warst schon immer der kleine Liebling deines Vaters«, sagt sie. »Nicht wahr? Ich denke, ich hätte dir nie vertrauen dürfen. Tja, ich hoffe, du hast eine schöne Zeit.«
Quäk. Quäk. Quäk.
»Aber es ist nicht nur für diese Ferien, stimmt’s?«, fragt Mrs Blakemore. »Das ist etwas, was du nicht begreifst. Das ist in Ordnung. Du kannst für immer verschwinden. Das ist mir egal. Du und dein dreckiger Vater: Dann geh, geh zu ihm. Als ob mir das etwas ausmachen würde! Ich habe ja immerhin einen Sohn. Ich habe zumindest noch einen Sohn.«
Lily versteht das nächste Wort. »Mummy!«, schreit Tessa im fernen Wantage.
Die Stimme, die ihr antwortet, klingt inzwischen übergeschnappt und hasserfüllt. Lily späht erneut hinter dem Vorhang hervor und sieht, dass Mrs Blakemore mittlerweile wieder aufrecht dasteht und mit der Faust gegen die Wand schlägt.
»Nein! Dafür ist es zu spät! Zu spät! Du hast dir dein Bett ausgesucht. Ich hoffe, es gefällt dir, darin zu liegen. Du widerliches, undankbares kleines Ding! Er wird dich im Stich lassen! Tessa, er wird dich im Stich lassen! Das hat er schon einmal gemacht und wird es wieder tun, aber glaub bloß nicht, dass du dann hierher zurückkommen kannst. Glaub bloß nicht, dass ich dich hierhaben will. Schlag dir das aus dem Kopf! Du bist nicht mehr …«
Sie verstummt. Hält den Hörer ein Stück von ihrem Ohr entfernt und betrachtet ihn mit erstaunter Miene. Drückt ihn sich wieder ans Ohr. »Tessa? Tessa?«
Tessa hat aufgelegt.
Schreiend durchquert Felicity Blakemore den Salon und bleibt vor der Hausbar stehen. Den Keller hat sie schon fast geleert, den Keller ihres Vaters, und es kommt kein Nachschub über den Ärmelkanal, aber da stehen noch immer Portwein und Armagnac aus dem letzten Jahrhundert, seit über fünfzig Jahren geschätzt, gedreht und für einen speziellen Anlass aufbewahrt, und diese Flaschen kommen ihr jetzt gelegen, während der Rest der Welt auf dem Trockenen sitzt. Sie schluchzt laut auf, die Lippen feucht und formlos, als sie nach der Flasche greift. Sie hat sich in eine Groteske, in ein Ungeheuer verwandelt.
Mit zittriger Hand schenkt sie sich einen großen Teil der noch zu einem Viertel gefüllten Flasche in einen geschliffenen Schwenker ein und führt ihn zum Mund. Leert ihn mit einem Zug. Schwankt, während sie schluckt, und drückt sich das Glas gegen die Brust.
»Nein, nein, nein, nein«, stöhnt sie. Dicke Tränen laufen ihr über das Gesicht, tropfen ihr vom Kinn. »Scheißkerl«, sagt sie. Und schleudert das Glas in den Kamin.
Lily ist hinter dem Vorhang erstarrt. Sie darf mich nicht entdecken, denkt sie. Wenn sie mich entdeckt, wird ihr klar, dass ich sie belauscht habe …
»Waaaah«, stößt Mrs Blakemore aus. Nimmt sich ein neues Glas, füllt es wieder und stolpert zum Sofa hinüber. Lässt sich darauf fallen, die Füße platt auf dem Boden, die Knie gespreizt, als wolle sie eine Kuh melken. »Verraten«, sagt sie laut zu den Wänden und der stummen Beobachterin. »Ich habe nichts getan. Was habe ich getan? Was habe ich bloß getan?«
Sie sackt nach vorn, hält sich den Magen. Wieder hallt ein Schluchzen durch das Zimmer. »Allein. Allein. Dreckige kleine Hure. Dreckige kleine Hure, die bring ich um. Ich wünschte, sie wäre tot.«
Lily spürt, dass ihr die Nackenhaare zu Berge stehen. Sie weiß nicht, ob Mrs Blakemore von Tessa oder von ihr spricht.
Ich muss weg von hier. Jetzt bleibt mir gar nichts anderes mehr übrig.
Sie wartet hinter dem Vorhang, bis Mrs Blakemore auf dem Sofa eingeschlafen ist, bis ihr Schnarchen durch das Haus dröhnt und ihre Schritte übertönt.
Ich hole meinen Koffer. Der ist sowieso schon gepackt. Ich brauche ja nicht viel.
Auf Zehenspitzen schleicht sie durch das Zimmer. Mrs Blakemore liegt auf dem Rücken, der Mund steht offen, ein Arm hängt auf der Seite des Sofas herunter, und die Fingerknöchel berühren den Teppich. Lily kann die dick hervorstehenden Krampfadern sehen, die sich die Beine hinaufziehen und unter dem Nachthemd verschwinden. Ein Slipper baumelt an den gekrümmten Zehen. Sie sabbert.
Was geht da vor?, fragt sie sich. Wie kann sich jemand nur so verwandeln? Ihre Mutter pflegte sich hin und wieder ebenfalls zu betrinken, aber nie so hemmungslos. Ihre Mutter hatte zumindest so viel Anstand, angezogen zu sein, wenn sie sich bis zur Bewusstlosigkeit besoff.
Dieses Mal laufe ich über die Felder. Ich halte mich von den Straßen fern, gehe quer durchs Moor. Keiner läuft im Winter durchs Moor. Keiner wird mich entdecken. Wenn ich weit genug komme, bevor es dunkel wird, werde ich es schaffen. Im Moor gibt es Schuppen und Unterstände für die Schafe. Darin kann ich übernachten. Ich nehme etwas Brot und Milch mit, und ich renne, bis ich über der Kuppe des Hügels bin. Ich werde immer nach Süden gehen – ich weiß, wo Süden ist –, bis ich ans Meer komme, dann muss ich nur nach links abbiegen und immer weiterlaufen.
Sie schleicht die Treppe zum Dachboden hinauf, sucht ihren Koffer. Er ist in noch schlechterem Zustand als bei ihrer Ankunft; er ist mehrmals herumgeworfen und geschleift worden, und ein paar Mal hat sie sich sogar darauf gesetzt. Die linke Ecke des Deckels ist ganz eingerissen. Er wird keine weitere Reise durchhalten. Er wird ihr hinderlich sein, keine Hilfe. Ich werde das, was ich brauche, anziehen, und den Rest in einem Tuch zu einem Bündel zusammenschnüren. Wie eine Ausreißerin. Wie eine richtige Ausreißerin.
Plötzlich ist sie ganz optimistisch. Genau, das habe ich bisher falsch gemacht. Ich hatte zu viel Gepäck dabei und habe damit Aufmerksamkeit erregt. Selbstverständlich fällt ein Kind mit einem Koffer auf: Jeder bemerkt es. Wenn ich ein paar Sachen in meine Taschen stecke und den Rest in einem Bündel mitnehme, werden sie mich nicht bemerken. Ich muss ja nicht viel zurücklassen. Ich bin bloß ein Kind, das daherläuft, und sie werden sich nicht die Mühe machen, mir Fragen zu stellen. Es gibt heutzutage Unmengen von Fremden hier auf dem Land. Die Einzigen, denen sie argwöhnisch gegenüberstehen, sind die, die ihrer Meinung nach möglicherweise deutsche Spione sein könnten.
Lily leert den Koffer und zieht ihre Oberbekleidung aus. Da draußen wird es kalt sein. Schließlich ist sie nicht dumm. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang mit vielen Kleiderschichten gegen die Kälte geschützt. Sie findet ihre zweite Jacke, ihre Sporthose, die zwei Paar Strumpfhosen, mit denen das Sozialamt sie damals im Mai ausstaffiert hat, als es richtig warm war. Sie zieht sie an, die Shorts unter den Rock, den Pulli über die Bluse, die Jacke über den Pulli, wie ein nicht zusammenpassendes Twinset. Vielleicht sollte ich ein paar Perlen mitgehen lassen, denkt sie. Die könnte ich verkaufen, sobald ich in Portsmouth bin, damit wir für eine Weile etwas zum Essen haben. Sie schmunzelt bei der Vorstellung und schiebt den Gedanken beiseite. Sie wird mich nur schnappen wollen, wenn sie mich für eine Diebin hält. Lieber nicht. Sie zieht die Socken über die Strumpfhosen und quetscht ihre Füße in die Riemchensandalen.
Mum wird sich freuen, mich zu sehen, denkt sie. Deshalb ist sie nicht gekommen. Sie haben meine Papiere verschlampt, und sie weiß nicht, wo ich stecke. Wahrscheinlich sorgt sie sich halb zu Tode, weil sie nicht weiß, was mit mir passiert ist. Ich werde hingehen und an die Tür trommeln, und sie wird eine Minute brauchen, bis sie kommt, weil sie ja nicht wissen wird, wer es ist, und dann wird sie aufmachen, und wenn sie mich sieht, wird ihr Gesicht ganz verzerrt sein, und sie wird zu weinen anfangen, so, wie sie geweint hat, als sie mich zum Bahnhof brachte. Und sie wird sagen, wie groß ich doch geworden bin, und sie wird die Arme ausbreiten und gar nicht darauf achten, dass die Nachbarn vielleicht zuschauen, und mich gleich da auf der Straße, wo alle es sehen können, in die Arme schließen.
Sie zieht die Sandalen wieder aus und trägt sie die Treppe hinunter, damit ihre Schritte nicht zu hören sind. Schleicht den Korridor entlang und die Treppe zum Speisezimmer hinunter, damit sie nicht noch einmal an dem Monster auf dem Sofa vorbeimuss.
Hinter der Tür der Waschküche hängen abgelegte und vergessene Mäntel. Tweedmäntel für die Jagd und wollene zum Ausgehen in die Stadt; aufbewahrt für mögliche Besucher, die jedoch nie kommen. Sie weiß, dass da auch abgelegte Mäntel von Hugh dabei sein müssen; aus denen er herausgewachsen ist und die ihm zu klein geworden sind, aber groß genug für sie, wo sie jetzt so dick gepolstert ist, und die höchstwahrscheinlich niemand vermissen wird. Lily tastet die muffig riechende, raue Reihe der Mäntel ab. Entscheidet sich schließlich für einen Mantel aus Harris Tweed, der lang genug ist, dass er ihr über die Knie reicht, aber nicht so lang oder so neu, dass er offenkundig als gestohlen auffällt. An einem Haken entdeckt sie ein großes wollenes Kopftuch. Sie breitet es auf dem Boden aus, legt ihre bescheidene Habe – ihre Stifte und ihren Zeichenblock, ein einzelnes, verknittertes und unscharfes Foto ihrer Mutter und eine Handvoll Bonbons aus ihrer Ration – in die Mitte und knotet es jeweils an den Ecken locker zusammen.
Wahrscheinlich wird die ein paar Tage gar nicht merken, dass ich fort bin, versucht sie sich selbst zu beruhigen. Ich habe es immer mal wieder geschafft, ihr einen ganzen Tag aus dem Weg zu gehen. Ich bekomme einen guten Vorsprung, während sie ihren Rausch ausschläft.
Auf Zehenspitzen schleicht sie zur Speisekammer, klappt die Brotbüchse auf und findet einen halben Laib schweres Vollkornbrot. Auf dem Regal liegt ein kleines Stück Cheddar Käse. Es ist mit Schimmel überzogen. Lily nimmt es herunter und kratzt den Schimmel mit dem Buttermesser ab. Wickelt das, was übrig bleibt, in ein weggeworfenes Stück Stoff und steckt es in die Manteltasche. Sie schneidet einen Teil des Brotlaibs ab. Den ganzen mitzunehmen, könnte Aufmerksamkeit erregen. Auf dem Boden sind Kartons vom Gemüsehändler mit Kochäpfeln aufgestapelt, die im Obstgarten hinter dem Teich geerntet und verstaut wurden, als Mrs Blakemore noch bei etwas klarerem Verstand war. Sie werden sauer sein, das weiß sie, und schwer zu verdauen, aber besser als gar nichts. Lily steckt vier in ihr Stoffbündel.
Es ist halb ein Uhr mittags, und der Himmel verändert sich bereits. Sie späht aus dem Fenster und schaut, ob die Wolken bedrohlich wirken. Vielleicht sollte ich ein Messer mitnehmen, überlegt sie. Ja, das sollte ich vielleicht. Ein Messer könnte nützlich sein. Ich weiß nicht, wozu, aber keiner büxt ohne ein Taschenmesser aus. Sie schleicht mit ihrem Bündel in die Küche hinüber. Hier ist es warm; der Küchenherd ist mit Reisig aus dem kleinen Wäldchen befeuert und hält das Herz des Hauses am Schlagen, auch wenn seine Seele längst auf und davon ist. Lily schlurft in ihren Socken über die Fliesen, zieht die oberste Schublade neben der Spüle auf und schaut hinein. Etwas Scharfes. Nichts aus Silber, obwohl ich das Silber später zu Geld machen könnte. Aber ich brauche etwas, was wirklich gut schneidet. Ich brauche etwas, was mir bei Gefahr von Nutzen ist.
»Hallo«, sagt eine Stimme hinter ihr.
Lily schnappt nach Luft und fährt herum. Mrs Blakemore steht in der Tür zum Speisezimmer, eine Hand am Türrahmen, um sich abzustützen, weil sie so sehr schwankt. Auf der linken Kopfseite sind ihre Haare zusammengedrückt, auf der anderen hängen sie locker herab. Sie mustert Lily von Kopf bis Fuß. Leckt sich über die Lippen, kneift sie zusammen.
»Du hast also ebenfalls vor, das Weite zu suchen?«