49

»Das muss aufhören, Yasmin! Das muss unbedingt aufhören!«

Ihre Stimme ist lauter als beabsichtigt, sie verrät Wut und Panik. Yasmin hat sich in die Ecke ihres Zimmers verkrochen, sich wie ein kleines Tier, das seinen Tod vorausahnt, gegen die Wand gedrückt. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Ich sollte den Wunsch verspüren, sie zu trösten, denkt Bridget, aber ich kann es nicht, ich bin so wütend.

»Wie kannst du mir das nur antun?«, schreit sie. »Begreifst du denn nicht, dass du das nicht nur mir, sondern uns antust? Wir werden obdachlos sein, Yasmin! Mitten im Winter nicht wissen, wo wir hinsollen, und ohne Job – wie konntest du das nur tun? Wie kannst du so …«

Yasmin brüllt lauthals: »Ich war es nicht! Ich war das nicht!«

»Na ja, irgendjemand war es! Und ich war’s nicht! Du musst damit aufhören, Yasmin! Du musst aufhören, so etwas zu machen, und du musst aufhören zu lügen! Was ist nur in dich gefahren? Früher hast du nie gelogen!«

»ICH LÜGE NICHT!«

Yasmins Stimme klingt mit einem Mal herzerweichend. »Warum glaubst du mir denn nicht? Du glaubst mir nie, Mummy! Ich lüge nicht! Ich habe nicht gelogen! Ich lüge nie!«

Bridget fällt nichts mehr ein. Sie weiß nicht, was sie tun soll. All die Jahre habe ich sie beschützt, mein Bestes versucht, um sie trotz allem gut zu erziehen, und jetzt … wo kommt das bloß her? Warum ist sie so wütend? Hat es etwas mit Kieran zu tun? Ist es eine Art, sich Luft zu machen? Ist sie auf mich wütend und bestraft mich, weil ich mit ihr weggezogen bin?

»Na ja, vielleicht sollten wir später darüber reden«, sagt sie schließlich, »wenn du dich – wenn wir beide uns – beruhigt haben. Aber du musst nachdenken, Yasmin. Ich kann dir einfach nicht glauben, weißt du. Jemand muss es doch gemacht haben, und ich weiß, dass ich es nicht war.«

Yasmin schnieft, schaut sie mit großen, tränenfeuchten Augen an. »Das war Lily«, sagt sie. »Lily muss es gewesen sein. Sie hat gesagt, dass sie die Bensons nicht mag. Sie hat gesagt, dass sie die schon loswird.«

Bridget verspürt erneut einen Stich in der Magengrube. Sie ist verwirrt, dann wieder wütend.

»Yasmin!«, schreit sie. »Hör auf! Hör auf damit!«

»Womit?«, brüllt Yasmin.

»Dir Sachen auszudenken! Sachen zu erfinden, um deine Taten zu vertuschen. Ich bin nicht blöd!«

»Was?«

»Die Sache mit dieser Lily! Ich hab die Nase voll davon! Du kannst andere Leute nicht deiner Missetaten bezichtigen! Dafür bist du zu alt! Und vor allem nicht deine – weißt du was? Ich glaube, diese Lily gibt es gar nicht! Ich glaube, du hast sie nur erfunden!«

»Es gibt sie! Es gibt sie!«

»Nein. Es gibt sie nicht.«

Sie hat ein seltsames Gefühl, als würden sie beobachtet, und ihr stehen die Nackenhaare zu Berge.

»Es gibt sie! Sie steht da drüben!«

Yasmin gestikuliert wild in Richtung der Tür hinter ihr. Bridget erstarrt. Ich werde nicht hinschauen. Ich. Schau. Nicht. Hin. Sie macht mich noch wahnsinnig. Ich weiß nicht, wo sie das herhat, aber sie treibt mich noch in den Wahnsinn. Plötzlich hat sie den verrückten, unwiderstehlichen Drang, mit einem Satz durchs Zimmer zu stürzen und ihre Tochter wie wild auf den Kopf zu schlagen, ihr Ohrfeigen zu verpassen, sie zu schütteln, bis sie zur Vernunft kommt. Sie geht einen Schritt, reißt sich am Riemen und bleibt taumelnd stehen. Als sie ihre Stimme hört, stellt sie fest, dass sie schreit.

»Hör auf! Hör auf damit, verdammt! Ich höre mir das nicht länger an! Du kleines – hör auf, Yasmin! Es gibt keine Lily! Du bist eine kleine Lügnerin, und ich will kein Wort mehr davon hören!«

Oh, mein Gott. Bin ich das? Brülle ich so herum? Sie ist sieben Jahre alt. In was habe ich mich verwandelt? Was ist aus mir geworden?

Yasmin hat sich weiter in die Ecke verkrochen. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht spricht Bände. Es ist ein Blick, den Bridget nie mehr zu sehen hoffte. Der Blick, den sie immer hatte, wenn Kieran da war. Der Blick, den sie für ihren Vater reserviert hatte. Und schlimmer noch: Sie sieht – sie sieht triumphierend aus, als wüsste sie, dass ich am Ende klein beigeben würde. Dass alles, was sie zuvor gesagt hat, sich als wahre Prophezeiung herausstellen würde.

Urplötzlich bricht Bridget in Tränen aus. Sie schlingt die Arme um sich, als habe sie Bauchschmerzen, und kämpft nicht einmal gegen die Tränen an.

Yasmin sagt nichts.

Ich bin so schwach. Ich dachte, ich würde die Kraft besitzen, ich dachte, ich hätte genug Mut für uns beide, aber den hab ich nicht … Ich bin hilflos und schwach, und jetzt bin ich mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert: Dass ich kein Jota besser bin als er. Ich bin schwach, und ich bin böse, und meine Tochter hat Angst vor mir.

»Ich kann nicht …«, stottert sie. »Ich ka… Yasmin, ich mache das jetzt nicht. Ich bin nicht in der Lage. Ich werde jetzt aus dem Zimmer gehen, und ich werde – es tut mir leid. Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich wollte nicht – es ist nur so – schwierig.«

Yasmin greift nach ihrem Teddybären und drückt ihn sich an die Brust. Große Augen, mürrischer kleiner Mund. Das kann ich ihr gegenüber nie mehr gutmachen. Nie mehr. Sie hat mir vertraut, und jetzt kennt sie die Wahrheit …

Bridget geht aus dem Zimmer und schließt hinter sich die Tür. Lehnt sich gegen die Wand des Flurs und vergräbt das Gesicht in den Händen. Sie kommt sich vor, als sei sie selbst wieder sieben Jahre alt: sieben und verletzlich und allein und kann nicht begreifen, warum keiner kommt und alles wieder gutmacht. So sollte es nicht sein. Wirklich nicht. Was ist passiert? Was habe ich getan? Was habe ich nur getan?

Ihr wird klar, dass sie laut weint, dass das Geräusch durch die Tür dringt, dass Yasmin es hört, und dass es alles noch schlimmer macht. Sie stößt sich von der Wand ab und stolpert tränenblind über den Teppich in Richtung Wohnzimmer. Jemand muss mir helfen. Irgendjemand. Bitte.

Das Telefon liegt mit dem Display nach oben auf dem Beistelltisch. Bridget greift danach, klickt sich durch das Adressbuch und wählt. Am anderen Ende klingelt es erst gar nicht, der Anrufbeantworter springt direkt an. »Hallo, hier ist Carol. Ich kann im Augenblick nicht ans Telefon gehen, aber bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.«

Der Klang ihrer Stimme bringt Bridget noch mehr zum Weinen. Nach dem Piepton schreit sie ins Telefon: »Wo bist du? Wo bist du denn? Du gehst überhaupt nicht mehr an den Apparat, und ich muss unbedingt mit dir reden! Ich weiß, dass du ständig auf dem Sprung bist, aber bitte! Du musst doch irgendwann mal zu Hause sein! Oh, Gott, Carol, es ist alles so schrecklich, und ich weiß nicht mehr weiter! Bitte! Bitte ruf mich an, wenn du das abhörst!«

Sie lässt sich auf das Sofa fallen, wiegt sich vor und zurück. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Echt nicht. Ich muss mit jemandem reden, weil ich sonst noch verrückt werde. Wer ist da? Ich bin so allein. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann. Aber ich muss mit jemandem reden.

Und weil Carol nicht erreichbar ist, ruft sie Mark an.

Das Haus der verlorenen Kinder
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