7
Rums.
O mein Gott. Hab ich die Tür abgeschlossen? Hab ich sie zugeschlossen? Hab ich an alle Schlösser gedacht?
Die Panik lässt sie im Bett erstarren, sie liegt gerade wie ein Brett da, Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn, als hätte sie eben ein türkisches Bad betreten. Und dennoch friert sie, fröstelt unter der dicken Decke, weil sie weiß, dass Kieran draußen steht. Weil sie weiß, was er tun wird, wenn er hereinkommt.
Rums.
Jetzt ist auch Yasmin wach: Mit Augen, die in dem Licht, das zwischen den Vorhängen hereinfällt, groß wie Untertassen erscheinen, liegt sie flach auf der Matratze, als würde sie von einer unsichtbaren Macht niedergedrückt.
Rums. Er tritt mit dem Fuß gegen die Tür. Wenn ich vergessen habe, die Riegel vorzuschieben, das Einsteckschloss vergessen habe, dann wird das Sicherheitsschloss nur ein paar dieser Tritte aushalten.
Der Instinkt rät ihr, sich zu verstecken, sich so weit wie möglich von diesem Lärm zu entfernen, sich irgendwo in der Dunkelheit zusammenzukauern, die Hände vor dem Gesicht, und zu hoffen, dass er wieder geht. Aber er wird nicht gehen. Nicht, wenn er hereinkommt, und in dieser kleinen Wohnung kann man nirgends entkommen.
Ich muss aufstehen und nachsehen.
Nein, nein, nein, er wird dich umbringen.
Rums.
O Gott, hilf mir!
Sie setzt sich auf. Fühlt sich nackt, verletzlich, sobald die Decke weg ist und zwischen ihm und ihrer Haut nichts mehr ist als eine dünne Schlafanzughose, ein Baumwollhemdchen und vielleicht ein schwaches Schloss. Sie schwingt die Füße auf den Teppich.
Yasmin wird klar, was sie vorhat: Dass sie sie verlassen wird, dass sie allein sein wird, und sie fängt zu weinen an. »Mummy, Mummeeee!«
»Pst, Darling.« Bridget versucht, ihre Stimme nicht zittern zu lassen. Sie muss ruhig bleiben. Muss Yasmin zuliebe tapfer sein. Mein Baby. Gib, dass er mein Baby nicht kriegt. »Pst. Du musst jetzt leise sein, Baby.«
Ihre Stimme klingt wie die einer Fremden, als hörte man sie unter Wasser. Sie spürt das Rauschen des Bluts in ihren Ohren, spürt, wie ihre Zunge sich müht, sich vom Gaumen zu lösen. »Ich komme gleich wieder«, versichert sie. »Ich verspreche es.«
»Lass mich nicht allein, lass mich nicht allein!«
Ich habe keine Zeit. Ich habe keine Zeit dafür. Ich muss gehen, verstehst du das nicht? Ich muss gehen. Das ist unerträglich. Nur um dich zu schützen, muss ich dich verlassen, ach Baby, verstehst du das denn nicht?
Rums.
Sie tastet nach der Nachttischlampe, da fällt ihr ein, dass sie noch immer keinen Strom hat. Na ja, das wird jetzt ein Vorteil für uns sein. Er kennt sich hier nicht so gut aus wie wir, im Dunkeln. Es ist zwei Jahre her, dass er das letzte Mal hier war, und seitdem ist alles umgestellt worden. Er wird uns nicht sehen, jedenfalls nicht gleich. Vielleicht können wir ihm entkommen.
Wohin entkommen? Diese verdammte Stadt. Wenn jemand auf der Straße schreit, rührt sich keiner. Die Yuppies im ersten Stock, diejenigen, die heute Abend, als sie nach Hause kamen, die Haustür sicher wieder nicht zweimal abgeschlossen haben, die haben, als er noch hier gewohnt hat, nie bemerkt, was hier oben vor sich ging: Haben nie Hilfe geholt, nie nachgeschaut, was los ist. Sind auf der Treppe an ihr vorbeigegangen und haben verlegen den Blick von ihren blauen Flecken abgewandt. Die brüllen wegen der Alarmanlage eines Autos aus dem Fenster, würden aber zulassen, dass im Stockwerk über ihnen ein Mann seine Familie halb tot prügelt, und keinen Finger rühren …
Mach schon. Mach schon, Bridget. Du musst aufstehen. Du musst aufstehen und nachschauen.
»Versteck dich unter dem Bett«, sagt sie zu ihrer Tochter. »Komm schon, schnell. Versteck dich einfach unter dem Bett und komm erst wieder heraus, wenn ich es dir sage. Komm auf keinen Fall eher heraus. Los, schnell.«
Jetzt setzt sich Yasmin hastig in Bewegung, begreift, dass Schnelligkeit die einzige Verteidigung, Verstecken die einzige Möglichkeit ist. Rollt sich aus dem Bett und kriecht darunter, schiebt sich zwischen Koffer und Schachteln und macht sich so klein, wie sie nur kann.
Der Flur: pechschwarz, weil alle Türen geschlossen sind. Hier, in diesem kleinen Raum, ist der Krach viel lauter. Sie kann hören, wie er auf der anderen Seite der Tür flucht und vor sich hin murmelt. Sieht ihn im Geiste vor sich, die Sehnen an seinem Hals dick wie Stahlseile, sein Hemd halb offen, wie es bei den schicken Jungs in der City Mode ist, den Mund vor Bosheit und Wut verzerrt. Warum können sie es nicht erkennen? Warum können sie nicht erkennen, wie er wirklich ist, diese Leute, mit denen er zusammenarbeitet, jene, die sich für ihn eingesetzt haben, damit er nicht vor Gericht musste?
Denen ist es natürlich egal. Er bringt schließlich Ergebnisse, verhandelt im Börsensaal geschickt und knallhart, was spielt es also für eine Rolle, wenn der Kerl ein bisschen aggressiv ist, wenn das die Voraussetzung ist, um einen Bonus einzuheimsen?
Sie stößt sich den Zeh an ihrer Reisetasche an, bemerkt den Schmerz kaum, während sie auf die Tür, den Rachen des Löwen, zukriecht, sich Zentimeter für Zentimeter an der Wand entlangtastet. Habe ich sie abgeschlossen? Habe ich es wirklich nicht vergessen? Hält er sich im Moment mit seinen Fußtritten zurück, weil er weiß, dass ich da bin, und dass die Tür, wenn er schließlich seine ganze Kraft einsetzt und sie eintritt, direkt auf mich fällt?
Sie ist da. Kann ihn jetzt spüren, das Gesicht alkoholselig verzerrt, wie er sich gegen das Holz lehnt und lauscht, und wie ihm nach der Anstrengung der Schweiß unter seiner Dealer-Tolle herunterrinnt. »Verdammt, verdammt, verdammt«, murmelt er. »Ich weiß, dass du da bist, verdammt noch mal.«
Sie bringt es nicht über sich, durch den Spion zu spähen, in sein Gesicht zu sehen. Nach hinten an die Wand gedrückt, tastet sie nach dem Schlüssel des Sicherheitsschlosses, der immer im Schloss steckt, damit er auch ja nicht abhanden kommt. Dreht ihn nach rechts. Er lässt das Schloss mit einem leisen Klicken einrasten. Doch es ist nicht so leise, dass er es nicht hören würde.
»Ich höre dich, verflucht, du verdammte Schlampe!«, brüllt er. »Lass mich rein! Los! Lass mich in meine Wohnung, verdammt!«
Das ist nicht deine Wohnung. War es noch nie. Sie gehört mir, deinetwegen aber nicht mehr lange.
Und jetzt tritt er mit aller Kraft zu, wirft sich mit dem ganzen Körper gegen das Holz, hämmert mit den Fäusten und Stiefeln dagegen. Bridget weicht instinktiv zurück, muss sich zwingen, wieder näher heranzugehen, um die Riegel zu fassen und vorzuschieben. Sie hat mit dem untersten zu kämpfen, weil die Tür in ihrem Rahmen bebt, da der getrennt lebende Ehemann mit seinem Gewicht von neunundachtzig Kilo sich dagegen wirft, um zu ihnen hereinzukommen. Ach, Yasmin, ach, mein Baby, er kriegt dich nicht, ich verspreche es. Ich werde alles tun. Alles.
Der Riegel schnappt ein, und das Geräusch löst ein erneutes Gehämmere auf der anderen Seite aus. »Ich kriege dich, Bridget! Du kannst mich nicht ausschließen! Verdammt, du kannst mich nicht aus meiner eigenen Wohnung ausschließen!«
Kommt, so kommt doch endlich! Wo seid ihr bloß? Irgendjemand! Carol! Irgendjemand!
Sie kann sich nicht erinnern, wo sie ihre Tasche hingestellt hat. Jetzt, da die Tür gesichert ist, hat sie sich etwas Zeit verschafft, bis die Polizei eintrifft, aber sie muss sie zuerst einmal rufen. Sie kriecht auf dem Boden entlang, tastet mit ausgestreckten Händen blind nach der Ledertasche, die sie sich in besseren Zeiten gekauft hat. Findet nur herumliegendes Spielzeug, Kartons, die als Kommoden dienen, Schuhe, Bücher, hört seine Wut durch das Haus dröhnen.
Und dann hört sie Carol, oben an der Treppe. Keine Spur von Angst, die sie doch eigentlich haben müsste, in der Stimme, nur ihr lauter Befehl. »Kieran! Ich habe die Polizei gerufen! Sie kommt jeden Augenblick. Du solltest lieber verschwinden.«