56

Ich muss ruhig bleiben. Ich muss unbedingt ruhig bleiben. Zuerst muss ich die Tür abschließen. Ihn aussperren. Ihn davon abhalten, hereinzukommen.

Sie bläst die Kerze aus. Wahrscheinlich hat er deren Schein bereits an den Fenstern vorbeihuschen sehen, aber sie darf ihn nicht wissen lassen, wo sie jetzt ist.

Er ist hier. Wie hat er mich nur ausfindig gemacht? Ich weiß nicht …

Bridget bückt sich, legt ihre Last ganz leise auf die Steinfliesen. Schweiß – kalter Schweiß – steht ihr auf der Stirn. Sie beißt sich auf die Lippe.

Was mache ich bloß?

Oh, mein Gott, Carol. Er hat Carol etwas angetan. Das ist der Grund, warum sie nie ans Telefon geht: Er hat es irgendwie in seinen Besitz gebracht, und das bedeutet, dass er … ach, Carol. Meine liebste, meine beste Freundin. Hoffentlich geht es dir gut. Wo immer du auch bist. Bitte, es darf doch nicht sein, dass er dir etwas …

Jede Zelle ihres Körpers rät ihr, vor ihm zurückzuweichen, nicht in seine Richtung zu gehen. Sie sieht, dass das Licht näher kommt. Er kommt. Er kommt zur Tür.

Lass das.

Sie muss sich zwingen, weiterzuatmen. Spürt, wie sie die Luft stoßweise einzieht und langsam, ganz langsam wieder ausatmet, als könnte er das auf der anderen Seite der Tür draußen hören. Bridget geht auf die Knie. Kriecht voran. Streckt ihre steifen Finger aus und greift nach dem Riegel. Dreht ihn und schiebt ihn langsam, ganz langsam in den Haken.

Das Knirschen von Stiefeln auf Stein. Er ist auf der Eingangsveranda. Stampft sich den Schnee von den Schuhen.

Sie streckt den Arm aus, duckt sich unter dem kleinen Türfenster, während sie nach dem Schlüssel greift. Er steckt bereits im Schloss, wo er immer ist, damit er nicht verloren gehen kann. Kieran wird mich hören. Er wird mich hören. Er wird wissen, dass ich da bin. Das muss er wissen.

Er räuspert sich. Hat keine Eile. Er hat die ganze Nacht Zeit.

Bridget dreht den Schlüssel herum. Das Kratzen und Klacken des uralten Schlosses.

Er verstummt. Er hat mich gehört.

Der Türknauf beginnt sich zu drehen. Sie kann Kieran atmen hören.

Er muss auch mich hören können.

Sie drückt sich gegen die hölzerne Haustür und versucht, sich im Dunkeln zu verstecken. Ich kann nicht weg hier. Wenn ich versuche davonzulaufen, sieht er mich durchs Fenster. Er wird wissen, dass ich da bin. Er wird wissen, dass ich Bescheid weiß.

O mein Gott, hilf mir.

Die Tür in ihrem Rücken bewegt sich. Ein ganz klein wenig. Dann greifen die Schlösser, halten, geben nicht weiter nach.

O mein Gott, hilf mir.

»Verdammte Scheiße«, murmelt er. Er ist es. Er ist es. Sie hört, dass er ein paar Schritte rückwärts geht, über die Stein-platten schlurft. Wieder hebt sie die inzwischen vor Kälte starre Hand und nimmt den Schlüssel ganz vorsichtig zwischen die Finger. Zieht ihn Stück für Stück aus dem Schloss.

Über ihr zerspringt Glas. Die winzige Scheibe, die jedoch groß genug ist, dass eine Hand, ein Arm hineinlangen kann.

Sie rennt los. Hört ihn wieder fluchen, als ihm klar wird, dass sie in Reichweite seiner Hand war, hört, wie die Tür in ihrem Rahmen wackelt, als habe sich ein Körper dagegen geworfen.

Und jetzt rennt sie los, so schnell sie kann. Durch das Speisezimmer. An den Fenstern vorbei, die zu hoch sind, um hinauszusehen, am Tisch vorbei, dem großen Schrank, vorbei an der Tür zum Arbeitszimmer in die Küche, wo die Geräte, da sie keinen Strom haben, still und unheimlich dastehen.

O mein Gott, hilf mir.

Sie kann ihn jetzt hören, wie er hinter ihr her durch den Schnee stapft, wie er dadurch, dass er immer wieder einsinkt, behindert wird, aber trotzdem vorankommt. Bitte, bitte, bitte …

Sie schnappt den Schlüssel der Spülküche vom Haken, rennt zur Tür, dreht den Schlüssel im Schloss, wirft die Riegel vor. O mein Gott. Das wird ihn nicht lange draußen halten. Er wird schon einen Weg finden. Er wird einen Weg finden und schließlich die Treppe heraufkommen und …

Yasmin. Ach, Schätzchen. Ich habe solche Angst.

Während sie die Treppe hinaufrennt, schreit sie in sich hinein. Lässt den Schrei aus ihren Lungen, als sie oben ankommt. Kämpft sich den Flur entlang, reißt die Tür zum Zimmer ihrer Tochter auf. »Schätzchen! Yasmin! O Gott, schnell!«

Sie tastet sich zum Bett vor, stolpert über einen herumliegenden Schuh und verliert beinahe das Gleichgewicht. Komm schon, komm schon, komm, los. Yasmin ruft in die Dunkelheit: »Wer ist da? Wer ist da?«

Sie reißt sich zusammen, zwingt sich, ruhig zu bleiben. Ich darf meine Panik nicht auf sie übertragen. Darf mich von ihrer Angst nicht anstecken lassen.

»Pst«, sagt sie. »Ich bin’s.«

»Was ist los?«

»Schätzchen«, sagt sie, »wir müssen …«

»Er ist da«, stellt Yasmin fest.

Sie überlegt kurz, ob sie sie anlügen soll. »Ja«, antwortet sie schließlich. »Wir müssen … schnell. Komm schon. Gib mir die Hand. Wir …«

Er wird uns entdecken. Wo immer wir uns auch verkriechen, er wird uns finden.

Ich rufe die Polizei. Wir verbarrikadieren uns hier irgendwo und warten, bis sie kommt. Meine Tasche. Die ist im Schlafzimmer.

Yasmin schweigt, während sie den Korridor entlanghasten. Sie kann spüren, wie er atmet. Spüren, wie er überlegt. Er wird ums Haus herumschleichen. Den Riss suchen, die Schwachstellen finden. Das Gemäuer ist so alt. Die Fensterrahmen werden nur durch ihren Lack zusammengehalten, jedenfalls einige. Er wird einen solchen entdecken. O Gott, habe ich die andere Tür überprüft? Die am anderen Ende des Hauses? Nachdem die Bensons abgereist waren?

Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Sie fühlt sich schwach. Ist nicht sicher, ob ihre Beine sie tragen werden.

Jetzt sind sie im Schlafzimmer, und sie zerrt an der Kommode, zieht sie über den Teppich. »Such das Handy«, sagt sie. »Es ist in meiner Handtasche. Wähl 110.« Die Kommode ist schwer; massives Teakholz, das durch ihre Kleider und Habseligkeiten noch schwerer ist. Hätte ich keine solche Angst, denkt sie, könnte ich die nicht von der Stelle bewegen. Ich bin wie jene Leute, die im Notfall Autos anheben, um ihre Kinder darunter hervorzuziehen. Adrenalin. Das verleiht ungeahnte Kräfte.

Aber auch Wut löst einen Adrenalinstoß aus. Er wird genauso stark sein.

Hör auf. Hör auf. Schieb einfach.

Sie zerrt das Möbelstück quer vor die Tür. Schiebt es direkt ans Holz.

»Das piepst bloß«, stellt Yasmin fest, deren Gesicht vom Display gespenstisch grün beleuchtet ist.

Sie lehnt sich gegen die Kommode und streckt die Hand in die Dunkelheit aus. »Gib es her.«

Da sind keine Balken. Keine Balken. Dieser verdammte Empfang. Ich hätte ja wissen müssen, dass der Schnee ihn noch zusätzlich verschlechtert. Verzweifelt starrt sie auf das Handy. Schleudert es durch das Zimmer.

Ach, Carol, was ist dir nur zugestoßen? Er hat dir etwas angetan, das weiß ich. Sonst hättest du eine Möglichkeit gefunden, mir eine Nachricht zu schicken, ich weiß, dass du …

»Ruf sie vom Festnetzanschluss an, Mummy«, sagt Yasmin ganz gelassen.

Ich kann doch nicht wieder da hinuntergehen. Das kann ich nicht.

»Ich kann nicht«, sagt sie. »Der Apparat liegt unten in der Eingangshalle. Und wir haben sowieso keinen Strom. Das Telefon wird nicht funktionieren.«

»Und was machen wir jetzt?«

Bridget vergräbt das Gesicht in den Händen. »Ich weiß nicht, Baby. Ich weiß nicht.«

Das Haus der verlorenen Kinder
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