KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

Showtime«, raunte Billy the Kid.« Er tippte Josh auf die Schulter und wies auf die Golden-Gate-Brücke.

Josh kauerte auf einem niedrigen Felsen an der Westküste von Alcatraz und beobachtete, wie sich auf der Wasseroberfläche ein lang gezogenes V auf die Insel zubewegte. Die Bugwelle brach sich an den Felsen am Strand und weißer Schaum flog hoch in die Luft. Ein grünlich schwarzer schlangenähnlicher Tentakel kam aus dem Wasser, wedelte einen Augenblick herum und fiel dann auf die Felsen. Er zuckte und schlängelte sich vorsichtig über Sand und Steine. An einem größeren Felsbrocken saugten sich die Hunderte kleiner Saugnäpfe auf der hellen Unterseite des Tentakels schließlich fest. Ein zweiter Tentakel erschien, dann ein dritter und ein vierter. Josh schluckte hart. Ihn schauderte. »Schlangen.«

»Du siehst ein bisschen grün aus«, stellte Billy the Kid fest. Er kauerte sich neben Josh.

Der wies mit dem Kinn auf die Tentakel. »Sie sehen aus wie Schlangen. Und ich hasse Schlangen.«

»Ich war auch noch nie ein Fan davon«, gab Billy zu. »Als ich jünger war, hat mich mal eine Klapperschlange gebissen. Mein ganzer Körper ist angeschwollen wie ein Ballon, und ich wäre gestorben, wenn Black Hawk sich nicht um mich gekümmert hätte.«

»Wenn es nach mir ginge«, unterbrach Josh ihn rasch, »gäbe es keine Schlangen auf dieser Welt.«

»Ich weiß, was du meinst.«

Josh schauderte. Obwohl Juni war, wehte ein kalter Wind von der Bucht herein, und die Wassertropfen, die ihm ins Gesicht spritzten, waren eisig. Doch er wusste, dass nicht allein das Wetter schuld war, wenn er fror. Es lag etwas fast greifbar Böses in der Luft. Etwas Uraltes und Böses. »Bist du ihm je begegnet, diesem Ner… Nereul …?«

»Nereus«, korrigierte Billy.

»Bist du ihm schon einmal begegnet?«

»Gehört habe ich von ihm, aber gesehen habe ich ihn heute zum ersten Mal. Eigentlich hatte ich nie viel zu schaffen mit den Älteren oder der nächsten Generation hier im Westen. Dee und Machiavelli sind die ersten wirklich alten europäischen Unsterblichen, die ich bisher getroffen habe.« Er strich sich ein paar lange Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Ich bleibe schön für mich und erledige den einen oder anderen Job für meinen Meister Quetzalcoatl. Hin und wieder ein paar Besorgungen, Dinge in der Art. Und bei seinen seltenen Trips in die Stadt spiele ich den Bodyguard. Zusammen mit Virginia habe ich einige der nahe gelegenen Schattenreiche ausgekundschaftet, aber die meisten waren mehr oder weniger gelungene Kopien von diesem. Monster sind uns dabei so gut wie nie über den Weg gelaufen.« Er wies mit dem Daumen auf den Zellenblock hinter sich. »Etwas wie diese dort hab ich noch nie gesehen.«

»Da kommt er«, flüsterte Josh. Die Wasseroberfläche kräuselte sich und er bereitete sich innerlich auf eine Art Schlangenmonster mit Tentakeln vor. Stattdessen erschien der überraschend gewöhnlich aussehende Kopf eines Mannes über dem Wasser. Das stark gelockte Haar klebte an seinem Schädel. Er hatte ein flächiges Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen. Das kräftige Kinn war von einem dichten Bart bedeckt, der zusammen mit ein paar Tangschnüren zu zwei straffen Strängen zusammengedreht war.

»Der Alte Mann aus dem Meer«, flüsterte Billy. »Einer aus dem Älteren Geschlecht.«

»Er sieht eigentlich ganz normal aus«, begann Josh. Dann hievte Nereus sich weiter aus dem Wasser, und er konnte sehen, dass die untere Körperhälfte des Älteren aus acht Oktopusarmen bestand. Aber irgendetwas stimmte nicht. Drei der gewaltigen Arme endeten in zerhackten Stümpfen und eine hässliche Brandwunde auf der Stirn der Kreatur warf schon Blasen. Der Ältere trug eine ärmellose Jacke aus überlappenden Tangwedeln, die mit Algenfäden zusammengestichelt worden war. Auf den Rücken hatte er sich einen spitzen steinernen Dreizack geschnallt. Josh hustete und Billy rieb sich die tränenden Augen. Die saubere Seeluft war verpestet von dem Gestank nach verwestem Fisch und ranzigem Tran.

Dee marschierte hinunter zum Strand. »Nereus«, rief er. »Wurde auch Zeit. Wir haben auf dich gewartet.«

Der Alte Mann aus dem Meer stützte sich mit seinen Menschenarmen auf den Felsbrocken und lächelte Dee an. Dabei zeigte er seine winzigen spitzen Zähne. »Du vergisst, wer du bist, Humani. Ich höre nicht auf deinen Befehl.« Seine Stimme blubberte wie zäh fließendes Wasser. »Und ich habe Hunger«, fügte er hinzu.

»Solche Drohungen kannst du dir sparen«, fauchte Dee.

Nereus ignorierte ihn. »Dann wollen wir mal schauen, was wir hier haben …« Der Ältere blickte von Machiavelli zu Billy, dann zu Virginia und schließlich zu Josh. »Unsterbliche und eine Goldaura, gekommen, um der Welt ein Ende zu setzen. Wie es vorhergesagt wurde in der Zeit vor der Zeit.« Er heftete den Blick auf Josh, dessen Aura sich sofort als goldener Kettenpanzer schützend um ihn legte. »Du bist … Du bist genau so, wie ich dich in Erinnerung habe.«

Josh versuchte zu lachen. »Ich habe Sie noch nie gesehen, Sir.«

»Bist du sicher?«, fragte Nereus.

»An Sie würde ich mich ganz bestimmt erinnern«, antwortete Josh und freute sich, dass seine Stimme nicht allzu stark zitterte.

»Man hat mir gesagt, du würdest meinen Anweisungen folgen«, unterbrach Dee.

Nereus ignorierte ihn ein zweites Mal und wandte sich an Machiavelli. »Ist es so weit?«

Der Italiener nickte. »Es ist so weit. Hast du es mitgebracht?«

»Ja.« Der Alte Mann aus dem Meer blickte von Machiavelli zu Dee und wieder zurück zu Machiavelli. »Wer will dem Lotan die Befehle erteilen?«

»Ich.« Dee trat einen Schritt vor.

»Natürlich«, blubberte Nereus. Ein Tentakel löste sich von dem Felsbrocken, schoss auf Dee zu, wickelte sich um sein Handgelenk und zog ihn mit einem Ruck nach vorn. Der Unsterbliche hatte nicht einmal Zeit zu schreien. Virginia Dare machte mit ihrer Flöte in der Hand einen Schritt auf ihn zu, doch ein Blick von Nereus ließ sie innehalten. »Mach keine Dummheiten. Wenn ich seinen Tod wollte, hätte ich ihn von diesem Felsen pflücken und an meine Töchter verfüttern können.« Hinter ihm tauchte ein Dutzend grünhaariger Nereiden aus dem Wasser auf. In den offenen Mündern waren die Piranhazähne zu sehen. »Und wir beide haben noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen wegen deiner Untat von vorhin. Ich liebe meine Familie nämlich über alles.«

»Du bist nicht der erste Ältere, der mir droht.« Virginias grausames Lächeln machte sie hässlich. »Und du weißt, was mit dem anderen passiert ist.«

Der Gestank nach fauligem Fisch wurde noch intensiver. Billy und Josh würgten und wichen ein Stück zurück.

Virginia warf den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. »Wie ich den Geruch der Angst liebe!«

Nereus wandte sich wieder an Dee. »Ein kleines Geschenk für dich.« Damit legte er etwas, das aussah wie ein kleines blau geädertes Ei, in Dees Hand und bog die Finger des Doktors darüber. Über die Faust legte sich ein Tentakel und schloss sie fest. »Du darfst die Hand nicht öffnen«, schärfte Nereus ihm ein, »egal was du tust.« Dann drückte er zu und man hörte das unverwechselbare Geräusch einer zerbrechenden Eierschale.

»Warum nicht?«, fragte Dee. Im nächsten Augenblick keuchte er und vor Schmerz traten ihm fast die Augen aus dem Kopf.

»Ja, ja«, blubberte Nereus weiter und verzog das Gesicht zu einem grausamen Grinsen. »Dann hat dich jetzt wohl der Lotan gebissen.«

Dee schauderte, sagte aber nichts. Die grauen Augen waren auf das Gesicht des Älteren gerichtet.

»Mutig bist du, das muss man dir lassen.« Nereus’ Lächeln wurde breiter und noch grausamer. »Man sagt, der Biss des Lotans sei noch schmerzhafter als der Stich eines Skorpions.«

Der Doktor war kreidebleich, sein Blick starr. Auf seiner Stirn bildeten sich gelbe Schweißtropfen und die Luft stank nach Schwefel. »Ich dachte …«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich dachte, er wäre größer.«

Billy zwinkerte Josh zu. »Das dachte ich auch.«

»Kommt noch.« Nereus lachte. »Er muss nur erst ein bisschen Blut zu sich nehmen.«

Dee zitterte jetzt heftig am ganzen Körper. Er versuchte, seinen linken Arm freizubekommen, doch ein weiterer Tentakel hatte sich darum gewickelt.

»Sobald er dein Blut geschmeckt hat, ist er an dich gebunden. Dann tut er, was du von ihm verlangst. Aber du musst rasch handeln. Ein Lotan ist wie eine Eintagsfliege; er hat nur ein sehr kurzes Leben. Du hast drei, maximal vier Stunden, bevor er stirbt.« Nereus nahm seine Tentakeln von Dees Arm und fügte hinzu: »Aber das sollte reichen, um die Zerstörung der Humani-Stadt einzuläuten.«

Josh blickte dem Alten Mann aus dem Meer nach, wie er über die Felsen am Rand der Insel kroch und dann in das eiskalte grünliche Wasser der Bucht glitt. Frauenköpfe tauchten um ihn herum auf und grünes Haar breitete sich wie Tang auf der Wasseroberfläche aus. Der Ältere drehte sich noch einmal um und heftete seinen Blick auf Josh. Er runzelte die Stirn, als versuchte er, sich an etwas zu erinnern, schüttelte dann aber den Kopf und tauchte unter. Eine nach der anderen verschwanden auch die Nereiden wieder.

Dee schwankte und Virginia lief rasch zu ihm. Die Haut des Magiers war aschfahl. Seine linke Hand war immer noch zur Faust geschlossen, doch zwischen seinen blaurot verfärbten Fingern sickerte Blut hindurch.

»Helft mir doch!«, rief Virginia.

Billy kletterte über die Steine, schlang einen Arm um Dees Taille und hielt ihn so aufrecht. »Ich habe ihn.«

»Bringen wir ihn nach oben«, sagte Virginia.

»Nein«, brüllte Machiavelli. »Wartet!« Er balancierte vorsichtig über die schlüpfrigen Felsen und baute sich vor Dee auf. »Josh, komm und hilf mir.«

Ohne nachzudenken, kletterte Josh über die Steine und stellte sich neben den Italiener.

»Schau mir genau zu«, befahl Machiavelli. Er hob die Arme und zwei kunstvoll gearbeitete Metallhandschuhe formten sich um seine Hände. »Kannst du das nachmachen?«

»Kein Problem.« Josh streckte die Hände aus. Zitrusduft mischte sich in die salzige Luft, als goldene Handschuhe sich um seine Finger legten.

»Halte seinen Arm fest«, befahl Machiavelli, »und lass nicht los, egal was passiert.« Er sah Virginia und Billy an, die rechts und links von dem schwankenden Magier standen. »Seid ihr bereit?«

Die beiden Unsterblichen schauten sich an und nickten.

»Josh?«

Auch Josh nickte, nahm Dees Arm und hielt ihn so, dass er ausgestreckt war. Die schweflige Aura des Magiers zischte und knisterte dort, wo die goldenen Handschuhe seine Haut berührten, doch der Orangenduft überdeckte den Gestank nach fauligen Eiern. Machiavelli griff nach Dees linker Hand und drehte sie so, dass die Handfläche nach oben zeigte. Dann öffnete er vorsichtig die Finger. Auf der Handfläche des Magiers lag die zerbrochene Eierschale. Und mittendrin der Lotan.

»Er sieht ein bisschen aus wie ein Skink.« Josh beugte sich vor, um besser sehen zu können. Das Wesen war winzig, nicht einmal vier Zentimeter groß. Es hatte vier Beine und die Haut an seinem Körper wies grüne Längsstreifen auf. »Nur die Köpfe stimmen nicht.« Auf kurzen Hälsen wuchsen sieben genau gleiche Köpfe aus dem Körper. Sie hingen alle an Dees Handfläche und die winzigen runden Münder tranken mit lauten Schmatzgeräuschen sein Blut.

»Wenn ich es nicht besser wüsste«, flüsterte Billy the Kid, »würde ich annehmen, der Alte Mann aus dem Meer hätte sich einen Scherz mit uns erlaubt.« Er wies mit dem Kinn auf die winzige echsenähnliche Kreatur. »Damit lässt sich nicht viel Terror ausüben.«

»Ach, Billy«, fragte Virginia, »was tust du, wenn du etwas wachsen lassen willst?«

Billy schaute sie verständnislos an und zuckte mit den Schultern.

Virginia schüttelte den Kopf, ganz offensichtlich enttäuscht, weil er die Antwort nicht wusste. »Du gibst Wasser dazu.«

Die Kreatur hob ihre sieben Köpfe, als Machiavelli sie vorsichtig von Dees blutiger Handfläche pflückte. Sie wehrte sich heftig und schrie wie ein neugeborenes Kätzchen. Sämtliche sieben Köpfe machten sich über die Hand des Italieners her. Winzige, nadelspitze Zähne ratschten mit schrillem Pfeifen über die Handschuhe aus gehärteter Aura. »Drecksding«, murmelte er. Er hielt den Lotan auf Armeslänge von sich und ließ ihn dann in eine Wasserpfütze fallen, die sich auf den Steinen zu seinen Füßen gebildet hatte.

»Und jetzt?«, fragte Billy.

»Jetzt laufen wir.«

Nicholas Flamel Bd. 5 Der schwarze Hexenmeister
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