XXXVIII
Bei Einbruch der Dunkelheit entzündeten Cunomar und
Valerius gemeinsam den Scheiterhaufen, auf dem Braints Leichnam
lag; sie taten dies vor den versammelten Angehörigen des
Kriegsheeres und in Sichtweite des Legionsfeldlagers.
Die Abendluft war regelrecht schwarz vor Insekten.
Mauersegler und Fledermäuse schossen mit schrillem Gekreische durch
die Schwärme hindurch. Tausende und Abertausende von Lagerfeuern
sandten ihren Rauch in den noch blauen Himmel empor.
Die beiden Armeen waren lediglich durch eine flache
Rippelmarke voneinander getrennt, eine Kammlinie, die so etwas wie
eine Knitterfalte in der Landschaft bildete und noch nicht einmal
so hoch war wie ein ausgewachsener Mann.
Westlich dieses Grates leuchteten in der sich
herabsenkenden Dunkelheit die Feuer der Legionen - Reihe für Reihe
in schnurgeraden, perfekt ausgerichteten Linien angeordnet.
Sie waren in der Minderzahl und dennoch so forsch
in ihrer Arroganz. Wie Ulla ganz richtig gesagt hatte, hatten die
Legionen erst einmal den Rückzug angetreten, um sich in die
vermeintliche Sicherheit zu flüchten. Der Ort, an dem sie sich
inzwischen verschanzt hatten, war ein in einer Sackgasse endendes
Tal, das auf allen drei Seiten von steilen, grün bewachsenen Wänden
umschlossen war, sodass die römischen Truppen darin eingepfercht
waren wie die Schafe. Und genauso versuchte Cunomar sie zu sehen -
als Schafe und somit als hilflos. Diese Sichtweise half ihm, die
Situation besser zu bewältigen; die Vorstellung von einem in die
Enge getriebenen Bären, der sich in seiner Verzweiflung plötzlich
gegen jene wendet, die ihn so unerbittlich gejagt haben, barg
einfach zu viele Schrecken.
Östlich des Grates bereiteten sich unterdessen die
fünfzigtausend Angehörigen des Kriegsheeres der Bodicea darauf vor,
in der fortdauernden Abwesenheit ihrer Anführerin in den Kampf zu
ziehen. An den weit verstreuten Lagerfeuern, um die sich die
Familien der Flüchtlinge geschart hatten, ging es äußerst lebhaft,
um nicht zu sagen chaotisch zu, während diejenigen, die zu jung
oder zu alt, zu gebrechlich oder auch zu verängstigt waren, um zu
kämpfen, darum wetteiferten, Geschichten darüber zum Besten zu
geben, wie sie bei der bevorstehenden Schlacht gegen die Legionen
letztendlich den Ausschlag geben würden, indem sie einem völlig
erschöpften Krieger im entscheidenden Moment einen Wasserschlauch
zur Erfrischung reichten oder indem sie sein Pferd fertig
aufgezäumt bereithielten und ihm das Tier in genau dem Augenblick
brachten, in dem es am dringendsten gebraucht wurde.
Auf der Südseite des Grates wiederum loderten die
etwas planmäßiger angeordneten Feuer für Civilis und seine
batavische Kavallerie, die Valerius von neuem herbeigerufen hatte,
um das Kriegsheer zu verstärken. Links und rechts von diesen Feuern
hatte der Bruder der Bodicea seine eigenen Krieger positioniert,
die diesem nun so bedingungslos folgten, als ob keiner von ihnen
jemals auch nur den geringsten Zweifel an dessen Eignung als ihr
Anführer gehegt hätte.
Vor dieser schier unübersehbaren Anzahl von
Lagerfeuern, sozusagen an der Front, loderte Braints Feuer so hoch,
dass es fast die Wolken zu berühren schien. Wenn die Höhe eines
Scheiterhaufens ein Beweis für den Ruhm und den Mut und die Ehre
eines Kriegers war, so war dieser hier mindestens einer halben
Legion würdig.
Die schon seit etlichen Tagen unbarmherzig heiß vom
Himmel brennende Sonne hatte dafür gesorgt, dass trockenes Holz im
Überfluss zu finden war, und die Flüchtlinge aus Verulamium hatten
überdies in ihren Wagen und Lastkarren Vorräte von Pechkiefer und
Lampenöl und ganze Ballen rauer brauner Wolle entdeckt, welche sie
großzügig als Geschenke für die Verstorbene und die Götter
hergegeben hatten, auf dass der Scheiterhaufen der Ranghöchsten
Kriegerin von Mona den gesamten Himmel erhellen möge, seine Flammen
bis zu den römischen Legionen hin sichtbar, um diesen schon einmal
einen Vorgeschmack jenes Schicksals zu vermitteln, das in Kürze
auch sie ereilen würde. Denn zumindest die Flüchtlinge waren davon
überzeugt, dass der kommende Tag den sicheren Sieg über die
Legionen barg.
Cunomar hingegen war alles andere als
zuversichtlich. Er hatte zunächst noch gar nicht so recht
begriffen, welch weitreichende Folgen Braints Tod haben würde. Erst
im Laufe des Tages war ihm nach und nach die ganze
Ungeheuerlichkeit dessen aufgegangen, was passiert war, sodass er
zu dem Zeitpunkt, als der Scheiterhaufen schließlich entzündet
wurde, sich innerlich völlig leer und elend fühlte.
Noch bevor er mit Braints Leichnam auf den Armen am
Schauplatz des Geschehens eingetroffen war, hatte Valerius bereits
damit begonnen, mit den einzelnen Abteilungen des Heeres Kriegsrat
zu halten und eine Strategie für die Schlacht zu entwickeln, die
jetzt stattfinden musste. Zu Cunomar hatte er, nachdem die Anführer
der Speerkämpferverbände schließlich wieder gegangen waren, gesagt:
»Wir hätten die Legionen niemals so in die Enge treiben dürfen,
dass sie sich genötigt sahen, sich erst einmal in einen sicheren
Schlupfwinkel zu verkriechen. Es ist mein Fehler. Ich hatte dich
gebeten, sie wiederholt anzugreifen und auf diese Weise in
Bedrängnis zu bringen, wusste aber nicht, dass es da dieses Tal
gibt, in dem sie Schutz finden und sich verschanzen könnten. Es tut
mir leid.«
Die leidige Frage, ob Valerius’ Bitte womöglich
nicht mehr gewesen war als eine Art Knochen, wie man ihn zuweilen
einem Hund zuwarf, hatte sich lange erübrigt. Der Bruder der
Bodicea und deren Sohn zogen nun gemeinsam an einem Strang, vereint
in dem verzweifelten Bemühen, den Sieg aus der Katastrophe zu
retten oder doch wenigstens eine drohende Niederlage abzuwenden.
Cunomar hatte auf Valerius’ Äußerung erwidert: »Wir könnten doch
einfach davonreiten und so tun, als ob wir sie in Ruhe ließen. Sie
werden es sicherlich nicht riskieren, sich allzu weit von der
Straße fortlocken zu lassen.«
Nachdenklich hatte Valerius sich in den Nasenrücken
gekniffen. »Wenn wir weniger wären, würden wir ganz sicherlich so
vorgehen, aber mittlerweile haben wir dreißigtausend Flüchtlinge im
Schlepptau, nachdem deine aus Verulamium nun noch dazugekommen
sind. Wir können sie unmöglich dem Gemetzel aussetzen, das
unweigerlich darauf folgen würde. Auf jeden Fall sind die Krieger
fest davon überzeugt, dass die Götter ein Wunder geschehen lassen
werden und dass die Bodicea aus der untergehenden Sonne zum
Vorschein kommen wird, um das Heer in den Sieg zu führen. Das hat
irgendjemand gesagt, und die Krieger glauben fest daran, dass es
die Wahrheit ist. Genauso wenig, wie wir sie dazu überreden
könnten, jetzt plötzlich aufzugeben und davonzureiten, könnten wir
ihnen begreiflich machen, dass sie morgen womöglich doch nicht
siegen werden. Wir brauchen’s gar nicht erst zu versuchen, das ist
völlig zwecklos. Wir müssen sie unbedingt in dem Glauben lassen,
dass wir an sie glauben.«
»Glauben wir denn etwa nicht an sie?«, hatte
Cunomar daraufhin entgegnet. »Immerhin sind wir den Legionen
zahlenmäßig um das Fünffache überlegen.« Noch war Raum für ein
wenig Hoffnung - noch war Cunomar nicht bereit, alle Hoffnung
aufzugeben.
»Auch das Rotwild ist den Hunden zu Beginn einer
Jagd zahlenmäßig überlegen, aber die Rehe und Hirsche sterben
trotzdem«, hatte Valerius erwidert. »Wir befinden uns in einer
Phase des Krieges, in der es nicht mehr so sehr auf die Anzahl
ankommt, sondern in allererster Linie auf Ausbildung und Erfahrung.
Wir haben es hier mit der Vierzehnten und der Zwanzigsten Legion zu
tun, die seit den vergangenen zwanzig Jahren jeden Sommer über
gekämpft und jeden Winter über exerziert haben. Wir haben
vielleicht zweitausend Krieger von Mona, die über zehn Jahre
Kampferfahrung verfügen. Deine Bärinnenkrieger sind überaus
engagiert, haben bisher aber stets nur in Städten und in Wäldern
gekämpft. Erinnerst du dich noch daran, wie ihr in dem Garten
hinter dem Tempel gegen die Veteranen gekämpft habt? Genauso würde
der Kampf auch diesmal verlaufen, nur dass wir noch sehr viel
größere Verluste zu beklagen hätten. Auf offenem Gelände gegen eine
stehende Legion zu kämpfen ist ungefähr das Gleiche, als ob man
versuchen würde, ein kleines Boot in einem ausgewachsenen Orkan
über einen Ozean zu steuern, nachdem man es mit Paddeln über einen
stillen, spiegelglatten See bewegt hat. Und was den Rest des Heeres
angeht, so haben wir vierzigtausend enthusiastische Amateure, und
den meisten von ihnen ist es seit der ersten Invasion bei Strafe
verboten gewesen, eine Klinge auch nur in der Hand zu halten. Wir
brauchen Glück, eine ganze Menge Glück, um überhaupt irgendeine
Chance zu haben.«
Valerius hatte nicht gelächelt. Von dem trockenen,
selbstironischen Humor, der sonst so typisch für ihn war, war keine
Spur mehr zu erkennen gewesen. Und das war mindestens ebenso
beunruhigend wie das, was er gesagt hatte.
Grimmig hatte Cunomar daraufhin erwidert: »Dann
müssen wir dieses Glück eben irgendwie erzwingen.«
»Ich weiß. Wenn deine Mutter zu uns stoßen würde,
könnte das die Sachlage entscheidend ändern. Während ihrer
Abwesenheit müssen wir beide, du und ich, eben tun, was wir
können.«
»Kommt sie denn zurück?« Cunomar hatte sich
angehört wie ein Kind, das war sogar ihm selbst bewusst gewesen.
Nur dass es ihm in jenem speziellen Moment völlig gleichgültig
gewesen war.
»Das hoffe ich doch sehr. Aber bisher haben die
Kundschafter noch nichts von ihr gehört.«
Auf diese Weise hatte für Cunomar und Valerius der
Abend begonnen - indem sie sich nach besten Kräften bemühten,
andere etwas glauben zu machen, was man unmöglich glauben konnte,
und ihre stetig wachsende Furcht zu verbergen. In Ermangelung eines
Geeigneteren - und nicht etwa deshalb, weil er das Recht dazu
besessen oder weil Braint dies ausdrücklich so gewollt hätte -,
hatte Cunomar schließlich dabei geholfen, Braints Scheiterhaufen
anzuzünden. Innerlich hatte er sich jedoch möglichst weit weg
gewünscht, als er seine Kiefernharzfackel an die Feuerschwämme an
den Rändern des riesigen Holzstoßes gehalten und dann mit der
brennenden Fackel in der Hand dagestanden hatte, während die
Flammen dicht an seinem Gesicht vorbei in den aufgeschichteten
Ästen emporgezüngelt waren.
In diesem Augenblick hatte er sich inständig
gewünscht, Cygfa wäre da, damit sie ihn anschreien und all ihren
Zorn und ihren Schmerz über Braints Tod an ihm auslassen könnte und
er ihr hätte sagen können, wie unendlich leid ihm das alles tue. Er
hatte gewünscht, die Bodicea wäre endlich da, ein wandelndes
Wunder, ganz einfach, um zu beweisen, dass solche Dinge möglich
waren. Beinahe noch inständiger aber hatte er Ardacos
herbeigesehnt, allein schon um der bloßen Anwesenheit des alten
Kriegers willen.
Da aber weder Cygfa noch Breaca oder Ardacos da
waren, und da er sich noch nicht einmal sicher sein konnte, dass
sie überhaupt noch lebten, hatte Cunomar schließlich laut das
Bittgebet an Briga gesprochen, jene speziellen Worte der Anrufung,
mit denen ein Ranghöchster Krieger von Mona in die Obhut der Göttin
übergeben wurde. Dann, auf Valerius’ Rat hin und in Anwesenheit und
Hörweite der Götter und der versammelten Krieger, hatte er Huw von
den Ordovizern zu Braints Nachfolger ernannt, sofern der
Vorsitzende des Ältestenrats von Mona es nicht vorziehen sollte, an
seiner Stelle einen anderen in dieses Amt einzusetzen.
Seine Stimme hatte plötzlich so tief geklungen wie
noch nie zuvor, so tief, wie Cunomar sie selbst noch nie
wahrgenommen hatte, als ob erst jetzt, durch Braints Tod, die
endgültig letzte Brücke zu seiner Kindheit abgebrochen wäre,
obgleich er selbst immer geglaubt hatte, diesen Abschnitt seines
Lebens schon lange hinter sich gelassen zu haben. Der Nachhall
seiner Worte verebbte und wurde zusammen mit den Nachtfaltern in
den züngelnden Flammen verbrannt. Eine Fledermaus schoss dicht an
seinem Kopf vorbei und ließ einen Hauch von kühlerer Luft über jene
Stelle an seinem Kopf streifen, wo früher einmal sein Ohr gesessen
hatte. Braint zu Ehren hatte er sich Kalkfarbe ins Haar gekämmt und
dann den langen, von der Stirn bis zum Nacken reichenden Streifen
mit Beerensaft dunkel gefärbt, sodass die Strähnen in diesem
Bereich schwarz emporstanden wie die Stacheln eines Igels. Er
spürte, wie die Farbe in der Hitze des Feuers steif wurde, wie sich
seine Kopfhaut spannte. Die alten Narben der Bärin auf seiner
Schulter juckten so sehr, wie sie es seit jenem lange
zurückliegenden Tag nicht mehr getan hatten, als die Ältesten der
Kaledonier ihm in ihren Höhlen die Schnitte in die Haut geritzt
hatten. Cunomar versuchte, darin eine Botschaft zu erkennen, doch
es gelang ihm nicht.
Er schloss für einen Moment die Augen und
beobachtete, wie die Flammen die Innenseite seiner Lider rot
färbten, dann öffnete er die Augen wieder und wandte den Kopf nach
links, blickte zu der Stelle hinüber, wo Valerius stand.
Mit seinen dunklen Haaren, der fein geschnittenen
Nase und den hohen Wangenknochen war dieser das vollkommene
Ebenbild Luain mac Calmas, seines Vaters, der der Vorsitzende des
Ältestenrats von Mona war, und dennoch hatte er irgendwie noch
immer etwas von einem Römer an sich, obgleich die Kleidung, die er
trug, keinerlei Ähnlichkeit mehr hatte mit einem römischen Gewand.
Die Flammen gingen sanft mit Valerius um; sie wuschen die Falten um
Mund und Augen glatt, die Kummer und Sorge in seinen Zügen
hinterlassen hatten, lüfteten den Deckmantel bitteren Humors, unter
dem er so häufig Schutz zu suchen pflegte, und ließen ihn schlicht
als einen Mann erkennen, der fast bis an die Grenze des
Erträglichen erschöpft war, aber trotzdem noch immer versuchte, das
zu tun, was er für richtig hielt.
In diesem Moment war es Cunomar plötzlich möglich,
den Bruder seiner Mutter ganz deutlich als einen Menschen zu sehen,
den das Schicksal zerrissen hatte, der innerlich gespalten war,
gefangen in der Kluft zwischen zwei Völkern. Zum ersten Mal war es
Cunomar möglich, Valerius für dessen täglichen Kampf, diese beiden
Gegensätze in seinem Inneren miteinander in Einklang zu bringen,
aufrichtig zu bewundern, statt ihn zu verachten. Es war möglich -
und plötzlich auch überaus dringend notwendig -, zu begreifen, dass
genau dieser Widerspruch der Schlüssel zum Sieg war in einer
andernfalls von vornherein verlorenen Schlacht.
Förmlich, in der Ausdrucksweise des Großen
Versammlungshauses, weil der Augenblick dies schließlich so
erforderte, sagte Cunomar: »Es gibt da noch einen Punkt in unseren
Plänen für morgen, den wir bisher noch nicht besprochen haben: Für
den Fall, dass die Bodicea nun doch nicht aus dem Sonnenuntergang
geritten kommt, werden wir einen Anführer brauchen, der das
Kriegsheer in den Kampf führt. Hiermit ernenne ich nun dich zu
genau diesem Anführer. Die Krieger der Bärin werden dem Bruder der
Bodicea in die Schlacht folgen. Du brauchst nur den Befehl zu
erteilen, und wir werden unser Leben dafür geben, um ihn
auszuführen.«
»Nein.«
Cunomar war mit einem Mal, als hätte ihm eine
unsichtbare Faust ein Loch in die Brust geschlagen. »Du willst uns
nicht kämpfen lassen?«
»Ganz im Gegenteil. Ich werde tun, was immer ich
kann, um euch dazu zu bewegen zu kämpfen - lediglich von
Waffengewalt gegen euch werde ich natürlich absehen. Aber was ich
eigentlich sagen wollte, ist, dass die vereidigten Speerkämpfer des
Bruders der Bodicea dem Sohn der Bodicea folgen werden, wo immer er
sie auch hinführt, dass du uns also nur zu befehlen brauchst, und
wir werden unter Einsatz unseres Lebens tun, was wir können.« Nun
zeichnete das Feuer neue Linien in Valerius’ Gesicht. »Ich habe den
Schlachtplan allein aus dem Grund entwickelt, weil ich sehr viel
mehr Erfahrung mit den Legionen habe als die meisten anderen hier
und daher ziemlich genau weiß, worauf es ankommt. Auf keinen Fall
jedoch werde ich die Stämme in die Schlacht führen.«
Einen Moment lang herrschte Stille, nur
unterbrochen vom Knistern und Knacken des brennenden
Scheiterhaufens. Braints Haar fing Feuer und verbrannte unter einem
jäh auflodernden, an die Federkrone eines Löwenzahns erinnernden
Kranz von Flammen. Für einen kurzen Moment war die Luft von einem
ekelerregenden Gestank erfüllt, dann roch sie wieder angenehm
würzig nach Kiefernharz.
»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Cunomar. »Warum
denn nicht? Bist du etwa nicht gewillt, Rom anzugreifen?«
Mit einem Mal spielte wieder das scharfe,
selbstironische Lächeln um Valerius’ Lippen. »Und ob ich das bin.
Schließlich tue ich ja schon seit Jahren kaum etwas anderes, als
Rom zu attackieren. Ich werde den rechten Flügel im Keil anführen,
und es wird mir eine große Ehre sein, dies zu tun. Aber ich werde
sicher nicht die Führung über ein komplettes Kriegsheer übernehmen,
das sich im Namen der Bodicea versammelt hat. Dieser Platz steht
von Rechts wegen nur dir zu, und ich glaube, dass du jetzt auch
durchaus fähig und in der Lage bist, diese Aufgabe zu übernehmen.
Mir würden die Krieger auf jeden Fall nicht folgen.«
»Doch, zumindest wir, die Krieger von Mona, würden
dir folgen«, erklärte Huw ruhig. »Wir folgen dir überallhin. Und wo
wir hingehen, dorthin wird auch der Rest der Krieger folgen.«
In Huws Worten schwang eine unumstößliche
Überzeugung mit. Cunomar nickte. »Danke. Es wird den Kriegern der
Bärin eine Ehre sein, den grauen Umhängen von Mona zu folgen, wohin
auch immer sie uns vorangehen mögen.«
Unter Valerius’ Auge zuckte ein Muskel. »Dann
werden sie alle deinem Banner folgen«, erklärte er. Er hatte
plötzlich so einen Zug um den Mund, der aufs Haar genau Breacas
Gesichtsausdruck glich, wenn sie gerade besonders stur und
dickköpfig war. Cunomar hatte diesen speziellen Ausdruck noch an
keinem anderen lebenden Menschen beobachtet, außer bei seiner
Schwester Graine. Er hatte stets geglaubt, dass er selbst die
gleiche ausgeprägte Unnachgiebigkeit besäße, dass er in puncto
Hartnäckigkeit jeden anderen übertreffen könnte. Nun schien es ganz
so, als ob Valerius ihm auch in dieser Hinsicht überlegen
wäre.
Er wandte sich wieder dem Feuer zu. Die Flammen
hatten inzwischen Braints Körper erreicht, züngelten an ihrem Leib
empor und strömten dann daran entlang wie von der Sonne
beschienenes Wasser, sodass der Glut die Illusion von angenehmer
Kühle anhaftete. Während Cunomar dastand und zuschaute, verbrannte
Braints Gesicht zuerst rot und dann schwarz und begann schließlich,
in sich zusammenzuschrumpfen. Ihr Schwert lag längs neben ihrem
Körper. Das Heft leuchtete glühend rot in der von unten
emporsteigenden Hitze. Cunomar dachte wieder daran zurück, wie
Braint zu Lebzeiten gewesen war, erinnerte sich an das kalte
Funkeln in ihren Augen und daran, wie sich dieser Ausdruck in
Erwartung einer Schlacht dann ganz plötzlich veränderte. Braint
hatte es niemals nötig gehabt, die Bärengöttin zu suchen oder aus
dem ziehenden Schmerz alter Narben so etwas wie eine Botschaft
herauszulesen, um zu erfahren, was sie tun sollte und wie und wo
sie es zu tun hatte.
Cunomar schob den letzten Rest von Stolz, den er
noch besaß, beiseite und gab sich innerlich einen Ruck. »Ich kann
die Führung nicht übernehmen«, entgegnete er mit ruhiger Stimme.
»Ich weiß nicht, was zu tun ist.«
Einen langen, nachdenklichen Moment lang
betrachtete Valerius ihn schweigend. Er öffnete den Mund, um etwas
zu sagen. Valerius’ Miene war schwer zu entziffern, doch Cunomar
glaubte, so etwas wie Mitleid in dessen Gesicht zu lesen. Und
ausgerechnet das war etwas, was Cunomar nun überhaupt nicht
wollte.
Um dem zuvorzukommen, was immer Valerius nun
vielleicht auch sagen würde, fuhr Cunomar hastig fort: »Ich sage
das nicht nur, weil ich für das, was mit Braint passiert ist,
irgendwie Buße tun müsste und weil ich meine Schuld nur auf diese
Weise abtragen könnte. Sondern ich sage das in erster Linie
deshalb, weil du bereits für Rom gekämpft hast, noch bevor ich
überhaupt auf der Welt war. Du hast in deinem bisherigen Leben
schon mehr Männer in mehr Schlachten geführt, als ich jemals
Jagdtrupps angeführt habe, und du hast es stets mit Erfolg getan.
Ich will nicht völlig grundlos sterben. Aber genau das wird morgen
passieren, wenn du uns nicht sagen kannst, wie wir gegen die
kampferprobten Soldaten der Legionen siegen könnten. Es genügt ganz
einfach nicht, dass du den Schlachtplan entwickelt hast. Wir
brauchen dich auch auf dem Feld, damit du uns sagst, was wir machen
sollen, wenn die Römer plötzlich etwas tun, womit wir überhaupt
nicht gerechnet haben.«
Während Cunomar den Scheiterhaufen beobachtete,
hatte sich nach und nach der Abend über das Land herabgesenkt. Der
Himmel war nun erheblich dunkler als noch vor einer Weile, und das
Feuer brannte noch heller, sodass es den gesamten Horizont zu
verzehren schien. Im Westen brach die Sonne auf und blutete auf die
Silhouette der Kammlinie hinab.
Valerius strich sich mit der Hand durchs Haar und
kniff sich erneut in den Nasenrücken. »Es gibt so etwas wie einen
glücklichen Zufall oder auch gottgegebenes Glück, und in einer
Schlacht ist Glück ebenso unverzichtbar wie jede Menge Übung und
Erfahrung. Gleichzeitig hast auch du natürlich vollkommen recht mit
dem, was du gesagt hast: Ohne die nötige Disziplin werden wir eine
vernichtende Niederlage erleben. Und ausgerechnet Drill und
Disziplin haben noch niemals zu den Kampftechniken der
Stammeskrieger gehört. Es dauert Jahre, um eine Legion vom Kaliber
der Vierzehnten auszubilden. Wir dagegen haben lediglich noch eine
Nacht, und wenn wir auch nur ein Körnchen Vernunft besitzen, werden
wir den größten Teil dieser Nacht mit Schlafen verbringen. Da es
uns also an der nötigen Zeit fehlt, um die Krieger ausreichend zu
drillen, brauchen sie stattdessen eine Leitfigur, der sie folgen
können und an die sie bedingungslos glauben. Jemanden, der auf den
Beistand der Götter zählen kann und der die Fähigkeit besitzt, den
Verlauf der Schlacht allein schon durch die Kraft seiner
Anwesenheit entscheidend zu beeinflussen. In Abwesenheit der
Bodicea ist daher der Sohn der Bodicea der einzige in Frage
kommende Ersatz.«
»Er ist keineswegs der einzig mögliche Ersatz, aber
nun vielleicht ein würdiger.«
Es war Cygfas Stimme, die da plötzlich aus der
Dunkelheit jenseits des Feuers zu ihnen herüberschallte. Cygfa
hatte sich schon immer genauso lautlos zu bewegen vermocht wie die
Bärinnen. Erschrocken zuckte Cunomar zusammen und hasste sich
prompt dafür. Valerius, so dachte er, ist es allerdings auch nicht
viel anders ergangen als mir, eine Erkenntnis, bei der er sich
gleich wieder etwas besser fühlte. Er suchte den Blick des anderen
Mannes und sah seinen eigenen plötzlichen Schmerz in den Augen des
anderen widergespiegelt.
Für einen Moment schien alles zwischen ihnen im
Gleichgewicht. Dann nickte Valerius kaum merklich und trat einen
halben Schritt zurück, wie um Cunomar das Feld und somit auch alles
Weitere zu überlassen.
Cunomar brauchte nun mehr Mut, als er jemals zuvor
für irgendetwas hatte aufbieten müssen - selbst der Moment, als er
sich den Ältesten der Bärin und ihren Messern hatte stellen müssen,
selbst jener lange zurückliegende Morgen in Rom und später dann
noch einmal jener Morgen im Land der Eceni, als er auf seine eigene
Kreuzigung gewartet hatte, hatten ihm nicht derart viel Mut
abverlangt. Dennoch wandte er sich nun zu seiner Schwester um und
sprach: »Braint ist tot. Es war meine Schuld. Wir wussten nicht,
dass du hierherkommen würdest. Deshalb haben wir Braints
Scheiterhaufen ohne dich angezündet. Es tut mir aufrichtig
leid.«
Er sah Cygfa nur durch einen Schleier von Flammen.
Ihr Gesicht war verschwommen, ihre Züge wirkten weicher, milder,
sodass sie plötzlich wieder so aussah wie das halbwüchsige Mädchen,
dass er nur noch vage von ihrer gemeinsamen Kindheit auf Mona her
in Erinnerung hatte.
Schließlich fragte Cygfa: »Wie?« Dabei sah sie
jedoch Valerius an, nicht ihren Bruder.
»Pfeile«, antwortete Cunomar. »Die römische
Kavallerie hatte Bogenschützen eingesetzt. Zwei von ihnen griffen
uns plötzlich an. Den einen Schützen tötete Braint mit einem
Schleuderstein. Der andere erschoss daraufhin Braint. Sie wusste,
dass das passieren würde. Sie hat ihr Leben dafür hingegeben, um
den Besseren der beiden Schützen zu erledigen und uns wiederum
somit eine Chance zu verschaffen, auch den Rest der Truppe zu
töten.«
Nun endlich wandten sich die von Flammen
verschleierten Augen Cunomar zu. Cygfa glich noch immer einem aus
Feuer und Glut geborenen Geschöpf, dessen vom Widerschein des
Scheiterhaufens umrahmte Silhouette sich gegen die zunehmend tiefer
werdende Dunkelheit abzeichnete. Cunomar hatte das Gefühl, als ob
das Eis in ihrer Seele geschmolzen sei, wusste aber nicht, was
jetzt an dessen Stelle getreten war; er wusste nur, dass Cygfa nun,
da sie weniger hart und kalt war, an Stärke gewonnen hatte. »Hast
du sie denn dann auch tatsächlich erledigt?«, wollte sie
wissen.
Er hätte alles daransetzen müssen, den Feind zu
vernichten; immer noch besser, er wäre bei dem Versuch, die
Angreifer zu töten, umgekommen, als überlebt zu haben und nun
zugeben zu müssen, dass er kläglich versagt hatte. »Nein«, gestand
Cunomar. »Das heißt, ich glaube, einen von ihnen habe ich getötet,
aber ganz sicher bin ich mir nicht. Und die Übrigen... sie waren zu
Pferd. Sie waren drauf und dran, uns alle über den Haufen zu
reiten, als sie ganz plötzlich zurückgerufen wurden. Daraufhin
rannten sie in die eine Richtung und wir in die andere. Morgen
werden sie auf jeden Fall schon auf uns warten.« Cunomar hatte das
Gefühl, dass ihm das Blut in den Adern zu Eis erstarrte, als er
dies sagte. Wie trockenes Stroh kamen die Worte aus seiner Kehle
hervor.
Erstaunlicherweise jedoch lächelte Cygfa. »Dann
werden wir sie so begrüßen, wie Braint es sich von uns wünschen
würde. Wenigstens wird der Scheiterhaufen, den ihr für Braint
errichtet habt, ihnen deutlich machen, wer sie war. Dafür danke ich
euch.«
Sie ließ sich noch einen Moment Zeit, um die hoch
in den dunklen Abendhimmel emporlodernden Flammen zu betrachten,
und blickte dann Valerius und Cunomar gleichermaßen an. »Vielleicht
hilft es euch ja«, sagte sie, »wenn ich euch versichere, dass ich
sowohl einem von euch als auch euch beiden zusammen bereitwillig in
die morgige Schlacht gefolgt wäre.«
Keiner von ihnen traute sich zu sprechen. Es war
Huw, der neue Ranghöchste Krieger von Mona, der überrascht fragte:
»... gefolgt wäre...? Dann bist du also nicht allein
gekommen?«
Wortlos trat Cygfa zurück. Andere schattenhafte
Gestalten tauchten hinter ihr auf und schoben sich an die Stelle,
wo gerade eben noch Cygfa gestanden hatte. Cunomar glaubte, nun
endgültig die Grenze ins Reich der Wunschträume und Hirngespinste
überschritten zu haben, denn auf einmal war Graine da, Graine, die
auf ihrem kleinen, dicken, graubraunen Pferd saß und wieder so
gesund aussah, wie man es sich nur irgend hatte vorstellen können.
Und gleich darauf erschienen auch noch Ardacos und Hawk, Gunovar
und Efnís sowie ein goldhaariger junger Träumer, den Cunomar nicht
kannte, und an letzter Stelle - eigentlich hätte es nicht an
letzter Stelle sein dürfen, aber Dubornos fehlte, und es war
erstaunlich, welch große Lücke er hinterließ - kam seine, Cunomars,
Mutter aus dem Sonnenuntergang heraufgeritten, genauso, wie es
irgendwo irgendjemand einmal prophezeit hatte, und blieb
schließlich unmittelbar vor ihm stehen.
Seine Mutter. In diesem Moment hörte er auf zu
denken und konnte die Erscheinung vor ihm nur noch wie gebannt
anschauen.
Jede Nacht während seiner Kindheit und an den
meisten Abenden während der Jahre, als er zum jungen Mann
herangewachsen war, hatte Cunomar seine Mutter beim Schein eines
Feuers gesehen. Besser noch als das Tageslicht vermochte der Tanz
der lebendigen Flammen zu bewirken, dass sie sich ihm öffnete, sich
ihm erschloss, so wie das Mondlicht dem Jäger eine Wildfährte
erschließt. Von dem Moment seines Lebens an, in dem er seine Mutter
zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte, hatte er stets
fasziniert dem Spiel des weichen Lichts auf ihrem Haar zugeschaut
und es für etwas geradezu Lebendiges gehalten, für einen Fluss aus
Kupfer, der sich in Kaskaden über den Fels ihrer Schultern ergoss -
und dies allein ihm, Cunomar, zuliebe.
Später dann, als er schon etwas älter gewesen war,
hatte er beobachtet, wie das Feuer der Kampfleidenschaft in ihr zum
Leben erwachte, wenn sie sich auf eine Schlacht vorbereitete. Er
hatte auch das gänzlich andere Feuer gesehen, wenn auch noch nicht
so recht verstanden, das seine Mutter erfüllte, wenn sie kurz vor
der Niederkunft stand. Und hatte noch später wiederum voller Kummer
beobachtet, wie diese Flamme in ihrem Inneren mehr und mehr
erstickt wurde während ihrer letzten Jahre auf Mona und ihrer
darauf folgenden Zeit in den Ländern der Eceni, als seine Mutter um
den Verlust des Landes getrauert hatte und sich wegen Caradoc mac
Cunobelin, seinem Vater, grämte, der bis in alle Ewigkeit ins Exil
verbannt worden war. Und immer war es bei Nacht gewesen, dass
Cunomar am besten verstanden hatte, was seine Mutter bewegte.
Nun betrachtete er sie eingehend im Lichtschein von
Braints Scheiterhaufen, und ihr Haar glich wieder einem Fluss aus
Flammen, und aus ihren Augen leuchteten wieder das Feuer und die
Leidenschaft, und sie war wieder all das, was sie früher einmal
gewesen war, und dennoch war alles an ihr anders, sodass Cunomar
keine Ahnung hatte, was sie bewegt hatte. Er wusste nur, dass er es
mit jeder Faser seines Wesens bedauerte, dass er an dieser
Verwandlung keinen Anteil hatte haben dürfen.
Er trat einen Schritt vor, ohne sich um die Hitze
des Feuers zu kümmern, und streckte die Arme zu seiner Mutter
empor. Hinter ihm schauten Tausende von versammelten Kriegern und
Flüchtlingen dabei zu, wie der Bärensohn der Bodicea die Bodicea
begrüßte, eingerahmt von dem lodernden Feuer der Ranghöchsten
Kriegerin und der dahinter gähnenden Dunkelheit. Und ganz ähnlich
den Flammen, so schienen auch die Beifallsstürme der Krieger und
ihre vieltausendstimmigen Jubelrufe sich geradewegs in den Himmel
zu erheben und die beiden Horizonte zu verschmelzen.
Es war unmöglich, nicht davon ergriffen zu sein.
Aber auch unmöglich, sich über das Tosen hinweg Gehör zu
verschaffen. Nach einer Weile, als die Krieger sich heiser gebrüllt
hatten und die Wogen ihrer Begeisterung allmählich wieder
verebbten, sodass Cunomar glaubte, er könne nun zu seiner Mutter
sprechen, ohne von irgendjemand anderem gehört zu werden, sagte er:
»Wir sollten nicht hier sein. Ich weiß das, es ist meine Schuld,
und es tut mir aufrichtig leid, aber ich kann das, was geschehen
ist, nicht mehr ungeschehen machen. Und deshalb brauchen wir dich
jetzt, um die Katastrophe vielleicht doch noch in einen Sieg zu
verwandeln.«