XVI

Von einer Nacht auf die andere entfaltete der Schlehdorn seine Knospen.
Wie weiße Tupfer muteten seine Blüten in der Landschaft an, so sporadisch verstreut wie einzelne Häufchen alten Schnees inmitten der braunen Schmelze des Frühlings. Das Heidekraut hingegen schlummerte noch, auch der Adlerfarn hatte seine grünen Wedel noch nicht entrollt. Und die Berge des Westens bildeten Barrieren aus Schlamm und schroffem, hoch aufragendem Felsgestein, aufgetürmt von einem launischen Kindgott, um die Legionen von Mona fernzuhalten und von all jenen, die auf der Insel Zuflucht gesucht hatten.
Das war die angenehme, die unbeschwerte Art, die Dinge zu sehen. Die Sichtweise, die nicht zu jenen lähmenden Albträumen und Schreckensvisionen im Wachzustand führte, welche die römischen Truppen ebenso wirkungsvoll schwächten, wie es die Zeloten der Republik getan hatten, und einen von zehn Männern so nutzlos und unbrauchbar machten, als ob er bereits tot wäre.
In Wahrheit hatte die Angst, die unter den Legionssoldaten umging, jedoch weit mehr als einen von zehn außer Gefecht gesetzt.
Quintus Valerius Corvus, Präfekt des Fünften Gallischen Kavallerieflügels, saß in der relativen Ruhe seines Zelts an seinem Schreibtisch und horchte mit einem Ohr auf den Wind, der durch die Zeltschnüre pfiff, während er inständig wünschte, er könnte in dem Heulen ein paar tröstliche Worte ausmachen - Worte, welche die detaillierte Liste von Ausfällen unter den Mannschaften, die ihm gerade von Ursus, dem Dekurio der zweiten Truppe, vorgetragen wurde, löschen würde.
»... und Flavius leidet unter so schlimmem Dünnpfiff, dass er es kaum schafft, von der Latrine hochzukommen und Wasser zu trinken, bevor er sich auch schon wieder hinsetzen muss, damit das Zeug schnurstracks am anderen Ende wieder rauslaufen kann. Sabinius sagt, die Beschwerden sind alle rein seelisch bedingt, mit dem Essen oder dem Trinkwasser ist nämlich alles in Ordnung, und am Wetter liegt es auch nicht. Die Männer haben ganz einfach nur fürchterlichen Schiss vor den Träumern und vor dem, was sie denjenigen antun, die sie lebend zu fassen kriegen. Sabinius selbst geht es übrigens gut.«
»Das will ich aber auch stark hoffen. Schließlich lebt er schon lange genug in Britannien, um zu wissen, dass die Träumer nichts tun, was wir nicht auch tun würden. Und sie haben im Gegensatz zu uns noch nie jemanden gekreuzigt oder nur den Versuch dazu unternommen.«
Während seiner Unterhaltung mit Ursus ließ Corvus unablässig ein Messer zwischen seinen Händen rotieren. Die Spitze der Klinge hatte bereits eine kleine, sich rötlich verfärbende Delle in seinem linken Zeigefinger hinterlassen. Das Heft des Messers bestand aus dem in Bronze gegossenen Kopf eines Falken. Kühl und glatt schmiegte er sich in Corvus’ Handfläche, ein Talisman gegen angeschlagene Nerven und das unaufhörliche, demoralisierende Heulen des Windes.
»Was entscheidend ist, ist die Frage, wie viele Männer letztendlich kampftauglich sind. Bei einer Truppenstärke von fünfhundert Mann haben wir allerhöchstens dreihundertundvierzig, die überhaupt in der Lage wären, auf einem Pferd zu sitzen, und mindestens dreißig von denen wären im Kampf eher eine Gefahr für sich selbst als für den Feind. Es sind einfach nicht genug für einen Angriff.«
»Es sind in jedem Fall genug, wenn wir auch weiterhin nichts anderes tun, als hier herumzuhocken und zuzuschauen, wie das Heidekraut auf den Berghängen zu blühen anfängt, während der Gouverneur seinen Bestand an Wurfspießen zählt und den Batavern einzureden versucht, dass schon ihre Urururgroßväter einst in voller Rüstung den Rhein durchschwammen, sodass die Meerenge überhaupt keine Schwierigkeit für sie darstellen wird.«
Ursus schob das Kinn vor, wohl in dem Bestreben, herausfordernd zu wirken, was ihm jedoch wie immer nicht sonderlich überzeugend gelang. An einer Stelle an seinem Ohr, neben der sein Helmriemen verlief, waren die verschorften Kratzwunden von alten Flohbissen zu sehen. Er hatte dringend eine Rasur nötig, aber das galt im Grunde für fast alle Männer, und die Einzigen, die keine Flöhe hatten, waren diejenigen, die bereits tot waren. Ursus war einfach nur nüchterner und bodenständiger als der Rest von seinesgleichen und gab nicht so viel auf Äußerlichkeiten. Und an den meisten Tagen war diese innere Gelassenheit durchaus von Vorteil.
Corvus seufzte und legte sein Messer seitlich auf das Schreibtablett, auf dem er seine Notizen gemacht hatte, dann schob er seinen Schreibgriffel als Keil darunter, um zu verhindern, dass es vom Tisch hinunterrollte. Nichts hier war wirklich eben, abgesehen vom Zelt des Gouverneurs. Einer der wenigen Vorzüge, die sein Rang in sich vereinte, war, dass sein Tisch zumindest waagerecht genug stand, um einen halbvollen Becher Wein darauf balancieren zu können, ohne dass dieser umkippte und seinen Inhalt in den Morast ergoss.
Ursus wartete noch immer auf eine Reaktion von Corvus, während er sein Bestes tat, um entspannt und unbefangen zu erscheinen. In mildem Ton schalt Corvus ihn: »Das ist Verrat. Ich sollte dich zur Strafe vor dem gesamten Flügel auspeitschen lassen. Bloß weil du den von den Träumern gesandten Albträumen entronnen bist, besteht noch lange kein Grund, uns nun eine Portion von den Horrorvorstellungen aufzutischen, die es nur in Rom gibt. Was bildest du dir ein...«
»Also sind es die Träumer? Dann glaubt Ihr auch, was Sabinius sagt: dass die Träumer hinter dieser ganzen Sache stecken?«
»Natürlich stecken sie dahinter. Ich kann förmlich fühlen, wie sie am Werke sind. Die Frage ist bloß, was sie sonst noch alles für uns in petto haben, wenn wir anfangen, gegen die Insel vorzurücken. Nun glotz mich nicht so an, Mann, das ist ungesund! Überleg doch mal: Wenn du gerade friedlich von den Olivenhainen träumst, die du noch von deiner Kindheit her in Erinnerung hast, und plötzlich fangen die Bäume an zu laufen, und in der Rinde werden menschliche Fratzen sichtbar, und sie alle sprechen wie mit einer einzigen Stimme von dem grauenvollen Unheil, das dich in dem Moment erwartet, in dem du aufwachst, und wenn das vier Nächte hintereinander ohne Unterbrechung passiert, kannst du dir ja wohl ziemlich sicher sein, dass dieser Spuk etwas ist, was von außen kommt. Der Trick besteht darin, dass man lernt, mit den sprechenden Bäumen Freundschaft zu schließen. Und genau das hätten wir auch mit den Träumern tun sollen, dann müssten wir uns jetzt nicht damit herumschlagen, dass die Hälfte unserer Leute außer Gefecht gesetzt ist. So, und nun komm, wir sollen uns beim Gouverneur einfinden. Und frag ihn bloß nicht, wann wir endlich angreifen werden. Das gehört zurzeit sicherlich nicht zu seinen Lieblingsthemen.«
Corvus hob die Zeltklappe hoch. Draußen hatte es wieder zu regnen begonnen, ein Regen, der im Begriff war, in Eisregen überzugehen. Der Präfekt nahm seinen Umhang von der Bank und zog ihn ganz fest um seine Schultern. Neben ihm hüllte Ursus sich in einen schütteren, schlecht gegerbten Wolfspelz, den er vor gut zehn Jahren einmal für eine Silbermünze von einem dakischen Händler erstanden hatte. Das Ding stank und brachte ihm nicht unbedingt Freunde ein, doch es war drei Jahre lang sein Glücksbringer gewesen, bis ihn eine erfolgreich geschlagene Schlacht davon überzeugt hatte, dass er das Fell nicht mehr brauchte. Dass Ursus den räudigen alten Pelz jetzt mit einem Mal wieder ausgegraben hatte, verhieß also nichts Gutes.
Seite an Seite stapften die beiden Männer durch Matsch und strömenden Regen in Richtung des Zeltpavillons des Gouverneurs. Auf halbem Weg dorthin, als sie so weit wie möglich von sämtlichen Zelten entfernt waren und die Gefahr, belauscht zu werden, am geringsten war, fragte Corvus ganz unvermittelt: »Ist Flavius eigentlich noch immer sauer wegen dieser Sache, die mit dem Prokurator passiert ist?«
Zu Ursus’ Anerkennung musste gesagt werden, dass er sich trotz des Schrecks, der ihm bei dieser Frage durch die Glieder fuhr, nicht aus dem Tritt bringen ließ. Er sog nur scharf den Atem ein und schüttelte den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, warum irgendeiner von uns eigentlich noch versucht, etwas vor Euch geheim zu halten. Ja, ›sauer‹ wäre eine sehr vage und milde Umschreibung dessen, was Flavius empfindet. Und wenn er dächte, ich hätte Euch das verraten, würde er dafür sorgen, dass ich bei dem nächsten Geplänkel nach Einbruch der Dunkelheit und solange niemand beweisen könnte, dass es nicht der Feind war, sofort ein Messer in den Rücken bekäme. Und wenn er dächte, nicht ich hätte Euch das verraten, sondern Ihr hättet es selbst gemerkt, würde er Euch als Wahrsager kreuzigen lassen, wenn er es nur irgendwie schaffen könnte, die Sache so hinzubiegen. Ich persönlich habe nicht vor, ihm die Gelegenheit zu geben, mich hinterrücks zu erdolchen. Und Euch würde ich dringend vorschlagen, ihm keine Gelegenheit zu geben, mit dem Gouverneur über Euch zu sprechen.«
»Seit wir aus der Eceni-Siedlung geritten sind, hat er mir nicht mehr in die Augen gesehen oder auch nur ein freundliches Wort für mich übrig gehabt«, erklärte Corvus. »Davor war er genauso salbungsvoll wie jeder andere, der glaubt, es würde ihm eine Beförderung einbringen, wenn er sich unentbehrlich macht. Wenn ich also ein Wahrsager bin, nur weil mir Flavius’ Gebaren auffällt, haben wir hier eine ganze Armee von Wahrsagern, und die meisten von ihnen bekleiden einen hohen Rang. Gerade in der jetzigen Situation wäre das von großem Vorteil für uns, wie ich finde. Leider ist dem aber nicht so. Also, wollen wir reingehen und sehen, wie viele Kohlebecken der Gouverneur für unser Wohlergehen angezündet hat, und ob seine Hunde wieder mal die gesamte Wärme für sich beanspruchen?«
Nicht weniger als sieben Kohlebecken erwärmten den äußersten der drei Zelträume des Gouverneurs und machten die Luft stickig, sodass einem das Atmen schwerfiel. Ein Dutzend Talgfackeln standen im Raum verteilt und spendeten ein trübes, mildes Licht.
Achtzig Offiziere der verschiedensten Dienstgrade - vom Gouverneur selbst über die Unterfeldherrn, die Stabsoffiziere und Stabsunteroffiziere zweier Legionen und die Präfekten von vier Kavallerieflügeln bis hin zu den ihnen untergebenen Zenturionen und Adjutanten - traten vorsichtig um zwei schiefergraue Windhunde mit glattem, glänzendem Fell herum, die lang ausgestreckt auf dem Boden lagen, und zwar genau dort, wo die von den Kohlebecken ausströmende Hitze am angenehmsten war und die Binsenschicht am trockensten.
Auf einer Lagerstätte an der Wand saß ein halbwüchsiger Eingeborener mit Tätowierungen auf den Unterarmen, die - wie alle, die solche Symbole entziffern konnten, auf Anhieb erkannten - die Stammeszeichen der Atrebater waren, die am längsten treu zu Rom standen. Doch auch jene, die nichts über die Stämme und deren Beziehungen zu den Besatzern wussten, waren hingerissen von der Schönheit des Jungen.
Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass der junge Hundeführer und seine beiden Tiere das Geschenk einiger dankbarer Stammesführer an ihren Gouverneur war, der, wie alle Welt wusste, leidenschaftlich gerne auf Hasenjagd ging. Über Paulinus’ andere Vorlieben waren die Stämme ganz zweifellos ebenfalls im Bilde, auch wenn seiner Ehefrau vielleicht noch nichts davon bekannt war.
Die Mitte des Zeltfußbodens wurde von einer aus Schlamm und Steinen nachempfundenen Landkarte beherrscht, die ein Viertel des restlichen, noch zum Stehen verfügbaren Platzes einnahm. Eingebettet in einen Rahmen aus hellem Eichenholz und mit Miniaturnachbildungen der Gebirgszüge und der See versehen, bestand die Geländekarte aus kleinen Heidekrautbüscheln, welche Wälder darstellen sollten, sowie aus Moospolstern zur Kennzeichnung von Wiesen, während eine mit winzigen Tonscherben bestreute Fläche die Meerenge zwischen dem Festland und Mona symbolisierte, wobei weißer Kreidesplitt den Bereich und Verlauf der gefährlichen Strömungen markierte, die bereits zahlreiche Opfer gefordert hatten.
Die Insel selbst bestand aus einem einzigen glatten, unbeschädigten Stein, der flach geschliffen war und mit eingeritzten Linien versehen, um die schmalen Buchten und Hafeneinfahrten entlang der Küste zu markieren. Das ganze Gebilde war aufgrund der Hitze im Raum schon lange ausgetrocknet; der Schlamm war hart und rissig geworden, und die Steine, welche die Berge darstellten, standen nicht länger senkrecht. Auch der würzige Duft nach Moos, Heidekraut und Erde hatte sich mittlerweile fast gänzlich verflüchtigt, was äußerst bedauerlich war, denn dieser hatte, zumindest für eine Weile, nicht nur die nach Schweiß, Wein und altem Durchfall riechenden Ausdünstungen der versammelten Offiziere überlagert, sondern auch den penetranten Gestank von Ursus’ dakischem Wolfspelz erträglicher gemacht.
Die Berge standen momentan im Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Auf den tiefer gelegenen Hängen des höchsten Berges war erst kürzlich eine Ansammlung winziger, dicht zusammengedrängter Zelte, liebevoll nachgebildet aus Lederresten und kleinen Stöcken, arrangiert worden, um die genaue Lage des Legionslagers zu markieren. Davor lagen, in exakten Reihen angeordnet, die Kennzeichen von zwei Legionen und vier Kavallerieflügeln sowie Zählwerke, welche die jeweilige Anzahl der Männer anzeigten.
Corvus und Ursus waren die Letzten, die sich im Pavillon des Gouverneurs einfanden. Der Sekretär des Gouverneurs war ein ehemaliger Legionssoldat mit gebrochener Nase und schütter werdendem Haar, der im Kampf sein rechtes Bein verloren hatte und der daraufhin, nachdem er nicht mehr reiten konnte, lesen und schreiben gelernt hatte. Bei dem Luftzug, der den Eintritt der beiden Neuankömmlinge begleitete, blickte er auf. »Wie viele?«, wollte er wissen.
»Dreihundertundvierzig, die fähig sind zu reiten. Davon wiederum dreihundert, bei denen ich mich darauf verlassen würde, dass sie voll einsatzbereit sind.«
»Offiziere?«
»Allesamt dienstfähig, mit Ausnahme eines Standartenträgers, und den könnte ich wahrscheinlich auch wieder auf Trab bringen.«
»Wirklich?« Eisig schien dieses Wort in den Raum zu fallen und löste unter den versammelten Offizieren vorübergehendes Schweigen aus. Es kam aus dem Munde eines einzelnen Mannes auf der gegenüberliegenden Seite der Gebirgskarte. Suetonius Paulinus, fünfter Gouverneur der kaiserlichen Provinz Britannien von Neros Gnaden, war so durch und durch römischer Abstammung, dass er seine einst dem Senat angehörenden Vorfahren bis zu einer Zeit zurückverfolgen konnte, als es noch gar keinen Senat gegeben hatte. Folglich war er ein kleiner Mann, gepflegt und frisch rasiert und äußerst penibel in seiner Reinlichkeit. Sein Haar hatte die Farbe dunklen Eichenholzes und war an den Schläfen von feinen grauen Fäden durchzogen, während es sich oben auf dem Kopf bereits ein wenig lichtete. Seine Augen waren braun und blutunterlaufen, und seine Nase klagte über die kalten Winter und die Feuchtigkeit, die in Britannien herrschten.
Er saß auf einem geschnitzten, mit scharlachrotem Stoff drapierten Eichenstuhl und trug seinen Paradebrustharnisch, und das in einem Zelt, in dem menschlicher Atem und menschliche Darmwinde im Verein mit der stickigen Hitze der Kohlebecken die Luft zum Schneiden dick gemacht hatten. Ohne sich von seinem Platz zu erheben, winkte er Corvus zu sich, woraufhin dieser näher trat.
»In jedem anderen Flügel sind mindestens die Hälfte aller Offiziere derart geschwächt, dass sie nicht fähig sind zu reiten. Die Männer sagen, obgleich nur dann, wenn ich nicht in Hörweite bin, dass die Geister der Toten sich an den Seelen derjenigen gütlich tun, die schon am längsten hier im Lande sind, und das sind bekanntlich stets die Zenturionen und Dekurionen, die Standartenträger und die Gestütsleiter. Ihr glaubt das nicht?«
»Mit Verlaub, nein, Eure Exzellenz. Nein, das glaube ich nicht. Ich bin schon so lange Zeit in dieser Provinz wie kein anderer in dieser Armee. Wenn das, was die Männer behaupten, stimmte, würde ich jetzt in meinem Zelt liegen und langsam, aber sicher dahinsiechen, während mir die Innereien unaufhörlich zum Hintern hinausliefen. Was ich aber ja, wie man deutlich sehen kann, nicht tue.« Corvus lächelte neutral. »Ich bin wie immer voll einsatzfähig und bereit, dort zu dienen, wo ich am besten von Nutzen sein kann.«
Der Blick des Gouverneurs schweifte von Corvus zu seinem Sekretär, dann zu seinen beiden Unterfeldherrn und einem der Stabsunteroffiziere, von diesem zu dem Hundeführer vom Stamm der Atrebater und, liebevoll, zu den Hunden, und von dort aus schließlich wieder zurück zu seinem Sekretär, der wortlos nickte. Der Mann nahm eine Veränderung an der Gebirgskarte auf dem Fußboden vor, indem er eine kleine Figur in Form eines Pferdes von der Stelle, wo das Versammlungslager des Gouverneurs lag, zu den Ufern der Meerenge hinüberschob.
»Ich wünsche, dass eine Vorausabteilung die Anlegeplätze der Fähre abriegelt. Laut Aussage der örtlichen Spione und der drei feindlichen Krieger, die kürzlich verhört wurden, legen die Fähren von der gottverfluchten Insel nur an einem von zwei Landungsplätzen an, und beide sind ganz in der Nähe. Ich wünsche, dass Ihr Euch dorthin begebt und die Anleger an beiden Stellen gegen Angriffe sichert: Keiner darf ohne meine ausdrückliche Genehmigung zur Insel hinübergelangen oder diese verlassen. Wenn Ihr das erledigt habt, erstattet mir Bericht, und dann schicke ich Euch die Männer und die notwendigen Mittel, um die Leichter zu bauen, die uns über die Meerenge befördern werden. Kurz darauf werden die Bataver zu Euch stoßen, um die Strömungsverhältnisse zu beobachten und zu überlegen, wie man die Pferde hinüberschwimmen lassen könnte. Denn wir können sie schließlich nicht in den kleinen Booten transportieren, die wir für die Legionssoldaten bauen werden, das wäre viel zu riskant. Wenn die Leichter schließlich gebaut sind und die Legionen wieder zu ihrer alten Schlagkraft zurückgefunden haben, werden auch wir uns zu Euch gesellen.«
 
»Haben wir uns vielleicht danach gedrängt, das hier zu tun?«
Diese Frage kam von Ursus, der linkerhand von Corvus zu Pferde saß. Vor ihnen - zwischen dem Strand, an dem sie standen, und jenem nebelverhangenen Uferstreifen in gar nicht einmal so weiter Ferne, der den einzigen Teil der Insel der Götter ausmachte, den sie vom Festland aus sehen konnten - wogte das wilde Meer. Die zwei Anleger, die zu den Hufen ihrer Pferde in die See hineinragten, waren von bewaffneten Hilfstruppen besetzt. Schon jetzt verfluchten die Soldaten die Kälte, den salzigen Wind und die Schreie der Möwen, die nur allzu sehr wie das unheimliche Heulen und Wehklagen der Toten anmuteten.
»Flavius wird Euch ebenso sehr dafür hassen, dass Ihr ihn zurücklasst, wie für alles andere«, fügte Ursus hinzu, nachdem er noch immer keine Antwort auf seine Frage bekommen hatte.
»Flavius hasst ja grundsätzlich alles, was er nicht besitzen kann. Das hindert ihn zwar nicht unbedingt daran, ein guter Offizier zu sein, aber das macht es unklug, ihm irgendetwas Wichtiges anzuvertrauen.«
Corvus’ Gesicht war bereits ganz weiß vor Kälte und dem Salz, das mit der Gischt der Brandung herübergeweht wurde. Seine Stute zitterte unentwegt, nachdem sie zu hart geritten worden war und dann, obgleich schweißnass, auch noch zu lange in dem kalten Wind hatte stehen müssen. Sie war kastanienbraun und langbeinig, und sie war ein Geschenk des kleinen Mädchens vom Stamme der Eceni gewesen, das der Prokurator hatte kreuzigen wollen, bevor Corvus in letzter Minute in der Siedlung eingetroffen war und den Hinrichtungsprozess mit Hilfe einer Lüge gestoppt hatte. Ursus allerdings konnte sich auf alle diese Ereignisse allerdings nur im Rückblick einen Reim machen und auch dann nur vage.
Corvus zog sein Pferd herum, lenkte es fort von der See und der Insel, die sich am Horizont abzeichnete, wobei er sorgsam darauf achtete, dass das Tier auf dem rutschigen Felsgestein nicht strauchelte. Ursus blieb, wo er war, um zu beobachten, wie sich mit lautem Donnern die Wellen an den schwarzen Klippen brachen, und sich in den Anblick kleiner Rankenfußkrebse und langer Fetzen von Seetang zu vertiefen, denn beides beruhigte sein Gemüt.
Er hörte nicht, wie das Pferd seines Vorgesetzten ganz unvermittelt wieder stehen blieb, fühlte nur plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Er zuckte erschrocken zusammen, und seine Seele überlief ein eisiger Schauder, doch dann hörte er Corvus’ ruhige, sanfte, herzzerreißende Stimme:
»Ich weiß durchaus, was das für ein Gefühl ist, sowohl für dich als auch für ihn. Ich kann die Welt aber nun einmal nicht ändern, und ich kann auch nicht mehr tun, als in meiner Macht steht. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Aufrichtigkeit zu versprechen und dass ich mich nach besten Kräften bemühen werde, uns alle am Leben zu erhalten. Übrigens verachte ich keinen von euch beiden. Aber dir vertraue ich, was mehr ist, als ich von ihm sagen kann.«
Die Hand zog sich wieder von seiner Schulter zurück. Ursus’ Fleisch brannte. In trockenem Ton fügte Corvus noch hinzu: »Bleib nicht zu lange am Meeresrand, wenn du Wert auf eine ruhige Nacht legst. Die Träumer wissen, dass wir hier sind. Und je näher wir ihnen sind, desto leichter ist es für sie, die Ängste, die wir tief im Inneren hegen, zu erspüren.«
Damit setzte die kastanienbraune Stute sich wieder in Bewegung, trabte weiter über Fels, dann über Kies und schließlich über Gras. Ursus blieb allerdings noch sehr viel länger am Strand, als Kälte oder Vernunft ratsam erscheinen ließen. Als er ging, waren die Muster der Wellen, die sich an den schroffen Klippen brachen, kein bisschen anders als in dem Moment, in dem er gekommen war, doch er fühlte sich ruhiger als zuvor und mehr im Einklang mit seiner eigenen Welt.
Als auch er sein Pferd schließlich wieder herumzog und im Schritt in die von Lärm und vorgetäuschtem Wagemut geprägte Atmosphäre des Küstenlagers zurückritt, stellte er fest, dass Flavius in der Zwischenzeit von seinem Krankenbett aufgestanden und ganz allein über unzureichend bewachte Pfade Richtung Küste geritten war, um zu den Männern zu gelangen, die ihn zurückgelassen hatten.
Ursus und er grüßten einander zwar so, wie man es von einem Dekurio und seinem Standartenträger erwarten würde, doch in ihrem Verhältnis hatte sich etwas verändert, und das spürten sie beide. Ursus grinste und ertappte sich dabei, wie er auch den gesamten restlichen Tag über unentwegt still vor sich hin grinste, und das trotz Kälte und Schneeregens und verschwommener, sich ständig verändernder Schatten, die aus dem Meer emporstiegen und die Männer derart in Angst und Schrecken versetzten, dass sie kreidebleich waren und an allen Gliedern zitterten. Um das Wunder noch größer zu machen, erlebte Ursus zum ersten Mal, seit sie in den Westen marschiert waren, wieder eine ruhige, friedliche Nacht ohne jegliche Albträume. Flavius hingegen kam erst ziemlich spät ins Zelt und war betrunken.
Irgendwann später, als bereits der neue Tag heraufzudämmern begann, kam Ursus, der wach auf seiner Pritsche lag und auf den unruhigen Schlaf all jener um ihn herum horchte, mit einem Male die Erkenntnis, wie nahe er daran gewesen war, sich seinen Standartenträger fürs ganze Leben zum Feind zu machen, und wie schwer es sein würde, wieder zu einem gewissen Gefühl der Sicherheit zurückzufinden. Genau genommen hätte er allen Grund gehabt, sich zu fürchten. Während er so dalag und gedankenverloren zum Dach seines Zelts emporstarrte und jene bestimmte Stelle beobachtete, wo die Regentropfen erst dick wurden, bevor sie schließlich hinunterrollten, um die Pfütze auf dem Boden zu vergrößern, wurde ihm bewusst, dass Flavius’ Feindschaft im Vergleich mit den namenlosen Gräueln der Träumer letztendlich immer noch das kleinere Übel war und dass er, wenn er seine gesamte Aufmerksamkeit auf Erstere konzentrierte, Letztere vergessen und somit endlich wieder zurück in den Schlaf finden könnte.
Die Kriegerin der Kelten
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