V
Es regnete, und der Maulesel bewegte sich nicht
mehr von der Stelle.
Er war sehr jung und noch niemals zuvor in einer
Tragtierkolonne mitmarschiert. Erst gegen Ende des vergangenen
Herbstes hatte man das Tier an sein Zaumzeug gewöhnt und es bald
darauf auch schon wieder auf die Außenkoppeln von Camulodunum
verbannt. Dort hatte es den Winter über knietief in Schlamm und
Schnee ausharren müssen, ohne regelmäßige Arbeitseinsätze, um seine
Muskeln zu kräftigen, und als einzige Nahrung bot man ihm
angeschimmeltes Heu.
Zudem waren die Rekruten auf ihre Art ähnlich jung
und unerfahren wie der schwache Maulesel, den sie nun vor sich
hertrieben. Für sie alle war dies der erste Feldzug, und leider
hatte keiner der Burschen sonderlich viel Sachverstand bewiesen,
als es darum ging, dem Tier seine Lastpakete auf den Rücken zu
schnallen. Zu allem Überfluss lahmte der Maulesel auch noch auf
einem Hinterbein, und das Polster, das seinen Rücken eigentlich ein
wenig hätte schonen sollen, war so unglücklich platziert worden,
dass es ihm stattdessen offene Wunden in die Haut gescheuert
hatte.
All dies war aus Sicht Titus Aelius Ursus’, dem
Dekurio der zweiten Truppe des Fünften Gallischen
Kavallerieflügels, zwar durchaus bedauerlich, doch letzten Endes
unvermeidlich. Zumal nichts davon erklärte, warum das Tier zwar
schon seine Vorderhufe auf die ersten Bohlen der Brücke gesetzt
hatte, sich nun aber plötzlich hartnäckig dagegen sträubte, sich
auch nur einen Zentimeter weiter vorwärtszubewegen. Ursus würde
sich also wohl oder übel mit dem Problem befassen müssen,
schließlich trug er die Verantwortung für die Männer und die
Maulesel während ihrer mehrmonatigen Reise gen Westen. Es war also
wahrlich noch ein langer Weg, ehe Titus Aelius Ursus mit seiner
Truppe das Ziel erreicht haben würde, zu den Legionen des
Gouverneurs dazuzustoßen, um diesen bei seinem Feldzug gegen Mona
zu unterstützen.
»Zieht dem halsstarrigen Mistvieh doch einfach eins
mit der Gerte über. Na los, worauf wartet ihr noch?«, brüllte
Ursus.
Er befand sich gut eine halbe Kohorte hinter dem
störrischen Maulesel und drängte sein Pferd hastig an den mürrisch
grummelnden Männern vorbei, die sich unterdessen entlang des
Flussufers verteilten. Die Rekruten waren nur allzu dankbar für die
kurze Rast, ließen, obwohl niemand ihnen die Erlaubnis dazu erteilt
hatte, ihr Marschgepäck einfach zu Boden fallen und traten aus
ihren Reihen aus.
Das Ausmaß an Disziplinlosigkeit, das durch dieses
gelassene Pausieren zum Ausdruck kam, war geradezu beängstigend.
Doch die Männer waren einfach noch zu jung, man hatte sie quasi
geradewegs aus den Gassen Roms rekrutiert. Und selbst diese Gassen
waren, verglichen mit den hiesigen Kriegsgebieten, noch ein
durchaus sicherer Lebensraum gewesen. Ebenso wie das östliche
Britannien, wo die Rekruten ihre Ausbildung erfahren hatten, noch
keineswegs das widerspiegelte, was sie im Westen erwartete. Die
Männer hatten folglich nicht die geringste Ahnung, was es
eigentlich bedeutete, quer durch ein Gebiet zu marschieren, in dem
die Macht noch immer in den Händen einiger letzter, unbesiegter
Stämme lag. Ein Land, wo sich unter dem blühenden Heidekraut die
Knochen der getöteten Legionare förmlich stapelten.
Am gegenüberliegenden Ufer des Flusses wartete ein
kampferprobter Zenturio, der mit barscher Stimme die rund vierzig
Legionare befehligte, welche die Brücke bereits überquert hatten.
Dann, wenngleich reichlich spät für eine solche Rüge, legte er
schließlich die Hand an den Mund und wandte sich mit gellender
Stimme auch an den Rest der ihm unterstehenden Hundertschaft: »Und
ihr da drüben kehrt jetzt gefälligst zurück auf eure Plätze und
marschiert in Reih und Glied! Wer aus der Reihe tanzt, dem gerbe
ich höchstpersönlich das Fell mit der Peitsche!«
Die Männer fluchten, schulterten ihre Tornister und
formierten sich wieder zu einer geordneten Marschkolonne. Und
dennoch hätten sie dem Feind im Falle eines Angriffs so gut wie
keinerlei Verteidigungskünste entgegenzusetzen gehabt.
Ursus war müde, hatte sich während der langen Reise
bereits wundgeritten, und die nun schon seit geraumer Zeit
anhaltende Abstinenz von seinem gewohnten Wein ließ seinen Kopf
schmerzen. Dreizehn Tage lang ritt er mittlerweile durch Wind und
unaufhörlichen Nieselregen, nahm irgendwelchen ungenießbaren
Proviant zu sich und musste die Nächte auf einer durchfeuchteten
Schlafmatte verbringen. Und während all dieser Zeit hatte er sich
nicht ein einziges Mal ein wenig Wärme antrinken und die Strapazen
vergessen dürfen, denn dieser Bastard von einem Präfekten, dem er
unterstand, hatte es seinen Männern unter Androhung von Strafe
verboten, noch weiter Trost bei den Weinvorräten zu suchen. Diese
Regel galt unmittelbar von dem
Zeitpunkt an, da die Truppe aus ihrem
Winterquartier aufgebrochen war. Ursus kannte also nur zwei Ziele:
Er wollte entweder weitab von jeglichen kriegerischen
Auseinandersetzungen sein bescheidenes Dasein fristen oder aber
mitten im Schlachtgetümmel kämpfen; er wollte entweder sicher und
wohlbehalten in Camulodunum leben oder aber in seinem Dienst in den
Kriegen im Westen aufgehen. Was er hingegen überhaupt nicht wollte,
das war, eine Kohorte hilfloser und hoffnungsloser Kinder zu
beaufsichtigen, von denen mindestens die Hälfte das Monatsende
ohnehin nicht mehr erleben würde.
Als er die Brücke erreicht hatte, herrschte er
gleich den nächstbesten vor ihm stehenden Rekruten an: »Du hast die
Wahl. Krieg das verdammte Biest jetzt endlich dazu, sich wieder zu
bewegen, oder du trägst für den Rest unserer Reise dessen
Last.«
Sofort hob der rotgesichtige Junge, der eigentlich
schon längst die Brücke überquert und bereits halb durch das
dahinterliegende Tal marschiert sein sollte, seine Gerte. Das
erschöpfte Maultier zuckte zusammen, wich ein Stückchen zurück,
legte die Ohren an und stieß abermals einen angstvollen Schrei aus.
Schon viel zu lange hatte es nur noch diesen einen Schrei von sich
gegeben. Ursus drängte sein Pferd etwas dichter an den Maulesel
heran, um sich die Striemen besehen zu können, die überall über
dessen Rücken und Flanken verliefen und bewiesen, dass das Tier
bereits oft und hart geschlagen worden war. Ursus begriff, dass
noch mehr Schläge nun wohl auch nichts mehr würden ausrichten
können.
Schwerfällig und mit einem lästerlichen Fluch ließ
er sich von seinem Pferd hinabgleiten. »Also gut. Ich sehe schon,
es nützt nichts.« Ganz in der Nähe wartete ein Unteroffizier, der
immerhin bereits alt genug aussah, um sich morgens rasieren zu
müssen. An ihn gewandt fragte Ursus in knappem Tonfall: »Hat der
Maulesel sich schon einmal so aufgeführt?«
»Noch nie. Wir hatten noch nie irgendwelche
Schwierigkeiten mit ihm. Es ist wohl die Brücke. Er will da einfach
nicht drübergehen.«
Ursus verdrehte die Augen und seufzte betont
theatralisch. »Ja, es sieht ganz danach aus. Diese Tiere gehen nie
gerne über eine Brücke. Keiner, der ein Fünkchen Verstand im Leibe
hat, geht freiwillig über eine Reihe schwankender Bohlen. Besonders
wenn sich darunter auch noch ein zwanzig Fuß tiefer Abgrund
befindet. Samt scharfkantigen Felsen und einem nicht gerade
beschaulichen Flüsschen, versteht sich. So viel logisches
Denkvermögen besitzen selbst Maultiere. Und genau das ist der
Grund, warum wir dich nun hier brauchen, damit du...«
Abrupt hielt er inne. Scharfer Schweiß perlte ihm
über den Nacken, denn von links kam in raschem Tempo ein Pferd am
Flussufer entlanggaloppiert. Ursus war dieses rhythmische
Hufgetrappel mindestens ebenso vertraut wie das Pochen seines
eigenen Herzens.
Ohne sich umzuwenden, erklärte er mit starrer
Miene: »Stillgestanden. Da kommt der Präfekt. Ich habe zwar keine
Ahnung, woher der weiß, dass wir hier festsitzen, aber wenn ich
euch eine Empfehlung geben darf, dann betet. Betet, zu wem auch
immer ihr beten wollt, dass die Laune des Präfekten sich seit der
letzten Nacht wieder etwas gebessert hat.«
Fast unmittelbar hinter Ursus’ Rücken blieb das
Pferd stehen. Eine kühle Stimme ertönte: »Ihr habt
angehalten.«
Quintus Valerius Corvus, der Präfekt der Fünften
Gallischen Kavallerie, konnte, wenn ihm danach war, allein mit
seiner Stimme die Seele eines Mannes in Stücke reißen.
Und ganz offensichtlich stand ihm gerade der Sinn
danach. Er hatte nur in gedämpftem Ton gesprochen, den Sinngehalt
seiner Worte jedoch deutlich artikuliert, sodass sie sowohl eine
Frage waren als auch eine Anschuldigung sowie eine präzise
Beurteilung des Wertes beziehungsweise mangelnden Wertes des für
diese Verzögerung verantwortlichen Dekurio. Und, ganz schwach, war
auch eine gewisse Enttäuschung aus der Stimme des Präfekten
herauszuhören, was letztlich die herbste Niederlage für Ursus
bedeutete.
»Es liegt an dem Maultier. Es will einfach
nicht...« Er ließ den Rest des Satzes unausgesprochen verhallen,
wollte das Offensichtliche nicht auch noch zusätzlich betonen: die
Tatsache, dass er sich mit einer kompletten Kohorte noch völlig
unerprobter Rekruten mitten in Feindesland befand und es einem
gerade erst an das Zaumzeug gewöhnten Maultier erlaubt hatte, die
gesamte Einheit zum Stillstehen zu verdammen. Ursus fühlte, wie die
ursprünglich nur kleinen Schweißperlchen in seinem Nacken zu einem
scheinbar siedend heißen Rinnsal verschmolzen. Er hasste sich
dafür. Und er hasste auch alle, die nun Zeugen dieses schmählichen
Spektakels wurden. Schließlich erstreckte sich sein Hass sogar -
und vor allem - auf den Präfekten.
»Ja, das sehe ich.«
Corvus war von seinem Pferd gestiegen und
betrachtete den Maulesel. Wenigstens hatte das augenscheinlich von
allen guten Geistern verlassene Tier endlich aufgehört, seinen ewig
gleichen, unmelodischen Schrei auszustoßen, sodass es fast so
schien, als ob das arme Lasttier es für unschicklich hielte, in
Gegenwart des Präfekten zu wiehern. Stumm stand es da und
beobachtete gemeinsam mit den um die Brücke versammelten Männern,
wie der ranghöchste Offizier der Truppe sich in den nassen Schlamm
am Ende des Brückenkopfs kniete und, die Wange flach gegen die
Holzplanken gelegt, an diesen entlangspähte und zwischen ihnen
hindurch und unter die Holzkonstruktion lugte.
Dann ließ er sich auf seine Fersen zurücksinken,
nickte zuerst nachdenklich in Richtung dieser für die anderen noch
nicht sichtbaren Entdeckung, die sich dort in der feuchten Luft
unter der Brücke zu verbergen schien, und wandte sich schließlich
zu Ursus um. Den Schmutz an seinen Knien überging der Präfekt
unterdessen so nonchalant, als wäre dieser gar nicht
vorhanden.
»Findet einen Mann ohne Höhenangst. Der soll mal
unter der Brücke nachsehen. Ungefähr nach dem ersten Drittel der
Bohlen. Und die Männer sollen ihn gut festbinden. Ich will hier
niemanden einbüßen müssen. Der Rest Eurer Rekruten soll derweil
Gefechtsaufstellung nehmen und seine Waffen ziehen. Wir befinden
uns hier in einem Hinterhalt, und die Falle kann jeden Augenblick
zuschnappen.«
»Jawohl, Herr Präfekt.«
Wenn Ursus wollte, dann war er ein kompetenter
Anführer, der einen Befehl rasch umsetzen konnte. Und wenn seine
eingeschworenen Mannen, jene Kavalleristen der zweiten Truppe, mit
denen gemeinsam er seiner Pflicht als Kindermädchen der
Legionsrekruten nachkam, wussten, dass Ursus’ Ehre auf dem Spiel
stand, dann taten diese wiederum ihr Bestes, um ihm behilflich zu
sein, und waren schließlich sogar noch dankbar dafür, ihrem
Vorgesetzten auf diese Weise ihre Treue beweisen zu dürfen. Nur
ihnen war es zu verdanken, dass Ursus überhaupt zum Dekurio hatte
aufsteigen können, und allein in ihren Händen lag es nun, ihm
diesen Posten auch über den gegenwärtigen Einsatz hinaus zu
erhalten. Einer dieser Männer war Flavius, der Standartenträger der
zweiten Truppe. Er, sowie die beiden Unteroffiziere, die ebenfalls
neben Ursus standen, hatten den Befehl ihres Präfekten also klar
und deutlich gehört, und alle drei wussten sehr genau, wie sie ihre
Männer schnellstmöglich zum Kampf formierten.
Es folgte ein knappes Nicken von Ursus, und schon
erteilte ein jeder dieser Männer den ihm unterstellten Rekruten
einige präzise Befehle. Kurz darauf hallte das Getrampel schier
unzähliger, mit Stiefeln bewehrter Füße durch den Morgen. Der
ungeordnete Haufen von auf Hochglanz poliertem Eisen und bronzenen
Helmen, als die die Kohorte sich vor wenigen Augenblicken noch
präsentiert hatte, formierte sich plötzlich zu einer perfekt
ausgerichteten Linie, und es gab nicht einen einzigen unter den
Rekruten, der sich nicht an dem ihm zugewiesenen Platz befunden
hätte.
Mit einem Mal hörte auch der stete Nieselregen auf,
sodass man fast schon glauben mochte, die Götter begrüßten das
Vorgehen der Römer. Zumindest die unerfahrenen jungen Burschen vor
der Brücke waren davon überzeugt, dieses Zeichen richtig zu deuten.
Verstohlen streute der eine oder andere in den Reihen der stumm
ausharrenden jungen Soldaten eine Handvoll Maismehl auf den Boden
als kleine Opfergabe an Jupiter, Mars, Mithras und die etwas
weniger bedeutsamen Götter von Heim und Herd. Feierliche Eide
wurden gemurmelt, schwebten leicht wie Rauch über den Köpfen der
Rekruten.
Die Gefahr, die der Hinterhalt soeben noch für sie
bedeutet hatte, verringerte sich spürbar. Die drei Offiziere
berieten sich, und schon bald wurde ein dunkelhäutiger, etwa
siebzehnjähriger Junge ausgewählt, dessen lockiger Schopf auf
hispanische Ahnen hindeutete und dessen Sehnen an den Unterarmen so
deutlich hervortraten wie die Seile an einem Flaschenzug. Rasch
band man ihm ein festes Tau um die Taille und zog ihn dann einmal
unter der gesamten Brücke entlang und wieder zurück. Als der junge
Mann schließlich vor Corvus und Ursus Haltung annahm und Bericht
erstattete, war sein Gesicht bleich vor Angst, was jedoch nicht
etwa von der Höhe der Brücke oder der Gegenwart der Offiziere
herrührte.
»Irgendjemand hat die Verbindungsseile
angeschnitten. Das Leder, das die Bohlen zusammenhält, ist fast
komplett durchgerissen. Die, die da vorhin noch über die Brücke
marschiert sind, haben riesiges Glück gehabt. Aber wenn der
Maulesel da drüber gelaufen wäre, wäre er zu Tode gestürzt und
hätte alle, die mit ihm auf der Brücke gewesen wären, mit sich in
die Tiefe gerissen.«
Corvus hatte das Problem auf Anhieb erkannt. Und
auch Ursus hätte die Gefahr erkennen müssen. Glücklicherweise aber
hatte dieser dann zumindest nach den ersten Worten des Präfekten
rasch begriffen, was Sache war, und hatte sich bereits überlegt,
was als Nächstes zu tun sei. »Ich habe einige Pioniere dabei«,
erklärte er. »Am besten, wir vergessen diese Brücke und bauen
einfach eine neue. Das dauert weniger als einen halben Tag.«
»Ich weiß. Vielen Dank. Nur schade, dass wir keinen
halben Tag mehr erübrigen können. Der Gouverneur braucht uns
unverzüglich. Wir müssen ihm zu Hilfe eilen, ihn in seinem Vorstoß
gegen Mona unterstützen. Unser Zeitplan erlaubt es uns also nicht,
uns erst einmal der Reparatur irgendwelcher vom Feind sabotierter
Brücken zu widmen.«
Corvus war ein sehr kompakt gebauter Mann, schlank,
mit glatter Haut und ohne jegliches überflüssiges Fleisch auf den
Rippen oder gar Hängebacken. Allein einige feine Strähnen weißen
Haares an seinen Schläfen und entlang des Scheitels zeigten an,
dass auch er seit den ersten Jahren der Okkupation gealtert war.
Und überhaupt hatte er so eine gewisse Andersartigkeit an sich,
sodass er selbst jetzt, schlammbeschmiert und mit den
unvermeidlichen Schmutzrändern von dem langen Marsch an seiner
Kleidung, mit seinem vom Regen durchnässten Offiziersumhang, der
sich schlaff um die schimmernde Rüstung schmiegte, und mit den
polierten Beinschienen, die so hell glänzten, dass sie fast schon
die Sonne selbst blendeten, nicht ganz und gar römisch aussah.
Seine Nase mutete eher griechisch an, vielleicht sogar
alexandrinisch, und auch seine Augen waren größer als die der
meisten Römer, sodass man zuweilen den Eindruck bekam, dieser Blick
könne die ganze Welt umfassen. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte
Ursus Tag für Tag gespürt, wie er regelrecht in diesen Augen
versank, und hatte sich doch stets aufs Neue immer wieder aus ihrem
magischen Bann befreien müssen.
Ursus war breitschultrig und groß und sein Haar von
einem sehr unrömischen, hellen Braun, ein Erbe seines Urgroßvaters
mütterlicherseits. Dieser war Bataver gewesen und hatte die
römische Staatsbürgerschaft einst als Mitglied der Streitmacht
unter dem zum Gott erhobenen Caesar erworben. Ursus hatte bereits
eine, wenngleich nicht allzu lang anhaltende, Revolte der Eceni im
Osten von Britannien überlebt. Diese hatte sich kurz nach der
Invasion der Römer ereignet. Und er hatte auch rund zwanzig Jahre
des entschlossenen Widerstands der Stämme im Westen überstanden.
Folglich konnte Ursus sich mit Fug und Recht als kompetenter
Feldkommandeur bezeichnen. Oder zumindest war er nicht weniger
kompetent als die anderen, mit ihm ranggleichen Männer der
römischen Streitmacht. Er konnte es mit jeder Herausforderung
aufnehmen, egal, mit welcher List ihn die feindlichen Krieger auch
zu attackieren gedachten. Worauf er allerdings äußerst sensibel
reagierte, das war die Meinung, die sein Präfekt von ihm
hatte.
»Und was sollen wir dann tun?«, fragte er etwas zu
brüsk.
Corvus lächelte und hob eine Braue. »Die nächste
Brücke liegt vier Meilen weiter flussabwärts. Und die ist mit
Sicherheit noch intakt. Meine Truppe und deren Legionare dürften in
genau diesem Augenblick gerade darübermarschieren. Also, führt Eure
Männer den Fluss hinab und folgt uns. Und reitet erst ganz am Ende
des Zugs. Denn die Schlange braucht, um es mal so zu formulieren,
auch am Schwanzende ein paar Zähne.«
Diesen letzten Nachsatz durfte Ursus quasi als
kleines Kompliment an sich verstehen, denn Corvus war dafür
bekannt, dass er die unter seinem Befehl stehenden Stoßtrupps stets
persönlich anführte, wohingegen er den aus seiner Sicht
nächstkompetenten Offizier gerne ganz am Ende der Kolonne
platzierte, damit die Schlange, als die er seinen Zug betrachtete,
für den Fall, dass sie zertrennt werden sollte, nichtsdestotrotz
auch gegen eventuell von hinten angreifende Feinde zuschlagen
konnte. Der Platz ganz hinten in der Kolonne war also ein Platz,
den man nur dann zugewiesen bekam, wenn der Präfekt einem vollauf
vertraute und davon ausging, dass der dort positionierte Offizier
im Zweifelsfall selbstständig die Initiative zu ergreifen
wusste.
Zwar hasste Ursus Valerius. Aber er hasste ihn noch
nicht genug, um die ehrenvolle Aufgabe, das Ende des Zugs zu
beaufsichtigen, nun einfach von sich zu weisen.
»Ich danke Euch.« Damit verbeugte er sich so
dienstbeflissen, als ob der Gouverneur persönlich vor ihm stände.
Ein kleines Stück vor ihm begann ein Pferd, unruhig auf der Stelle
zu tänzeln. Als Ursus den Kopf wieder hob, war Corvus bereits
verschwunden.
»Warum hat er das bloß getan?«
Die Schande, die das Maultier ihm bereitet hatte,
erschien ihm nurmehr wie ein flüchtiger Schatten, den Ursus unter
seinen allabendlichen Pflichten bei der Beaufsichtigung des Aufbaus
des Nachtlagers beinahe schon vergessen hatte. Nun lag er auf dem
Rücken und fragte das Zeltdach über seinem Kopf nach einer
Erklärung für Corvus’ Verhalten. Mit gleichmäßigem Rhythmus
tröpfelte der Regen nieder, sodass Ursus’ Worte sich mit dem
Trommeln auf der Ziegenhaut vermischten und schließlich gänzlich
darin untergingen.
Flavius, der Standartenträger, der zu Ursus’ Linker
lag, verlagerte ein wenig sein Gewicht, woraufhin das Feldbett
unter ihm sofort besorgniserregend zu ächzen begann. Mit einem
bitteren Lachen fragte er: »Wer? Meinst du etwa Corvus? Na, weil du
sonst zwei ganze Tage damit verbummelt hättest, eine Brücke bauen
zu lassen, die wahrscheinlich sogar noch des Kaisers persönlich
würdig gewesen wäre, die dir vom Gouverneur aber bloß
Peitschenhiebe eingebracht hätte, weil du ihm seine so dringend
benötigten Reservetruppen erst mit erheblicher Verspätung gebracht
hättest.«
Aus der Dunkelheit meldete sich nun eine ältere,
weisere Stimme zu Wort: »Danach hat Ursus doch gar nicht gefragt.
Er wollte wissen, wieso sein Lieblingspräfekt seit gut zwei Wochen
konsequent schlechte Laune hat. Ursus’ Frage bezieht sich auf die
Sache mit Valerius und dem Prokurator und darauf, warum wir nicht
weniger als einen halben Tag für eine ganz und gar private
Angelegenheit verplempert haben, die uns, sollte der Gouverneur
jemals auch nur ein Wörtchen davon erfahren, allesamt ans Kreuz
liefern wird. Unser Dekurio will wissen, warum Corvus den
kaiserlichen Steuereintreiber davon abgehalten hat, die
kaiserlichen Steuern einzutreiben. Und, wenn man es mal ganz
deutlich formulieren will, wir sind hier ja schließlich unter uns,
dann fragt Ursus gerade, warum Corvus damit ganz bewusst einen
Verrat an unserem Kaiser begangen hat.«
Sabinius, der dritte Mann in Ursus’ kleiner
Zeltgemeinschaft, war fast zwei Jahrzehnte älter als seine
Kameraden. Er kämpfte seit den ersten Tagen des Fünften Gallischen
Kavallerieflügels unter Corvus’ Kommando und näherte sich
mittlerweile der Pensionierung. Sein Haar war grauer als das des
Präfekten, und sein Gesicht war von deutlich mehr Falten gezeichnet
als das seines Befehlshabers, und dies, obwohl Sabinius doch
wesentlich weniger Kummer und Verantwortung auf seinen Schultern zu
tragen hatte.
Als Standartenträger der ersten Truppe war er der
älteste Offizier des gesamten Flügels unter Corvus’ Kommando. Er
hätte also in seinem eigenen Zelt schlafen können, mit Sklaven, die
ihm abends die Fackeln entzündeten und darauf Acht gaben, seine
Schlafmatten stets trocken zu halten. Dennoch zog er auf den
Feldzügen die Gesellschaft seiner Mitstreiter vor, was ihm unter
diesen Männern wiederum eine gewisse Achtung einbrachte. Und genau
diese Achtung vor Sabinius und das Vorbild an Kameradschaft, das er
ihnen mit seinem bescheidenen Lager in deren Gemeinschaftszelt
demonstrierte, war es schließlich, das den anderen Männern jenes
Extraquäntchen an Durchhaltewillen bescherte, ohne das ein Krieg
gar nicht erst durchzustehen war.
Auch Sabinius lag auf dem Rücken, die Hände hinter
dem Kopf verschränkt und das Gesicht dem vom Regen durchweichten
ledernen Zeltdach zugewandt. »Trotzdem, du hast die falsche Frage
gestellt, Ursus«, fuhr er in nachsichtigem Ton fort. »Denn warum
Corvus das getan hat, das liegt ja wohl auf der Hand. Darum geht es
also nicht. Die Frage ist doch vielmehr, warum wir ihm das haben
durchgehen lassen. Warum haben wir ihn nicht einfach beim
Gouverneur angezeigt? Und warum werden wir auch in Zukunft nichts
dergleichen unternehmen?«
Schweigen breitete sich aus im Zelt. Die Männer
dachten nach.
»Werden wir die Sache wirklich nicht melden?«,
fragte Flavius in grüblerischer Stimmung. »Noch hätten wir Zeit
dazu. Genau genommen könnte uns das vielleicht sogar das Leben
retten.«
»Keiner von uns wird auch nur ein Sterbenswörtchen
über den Vorfall verlieren«, erklärte Ursus mit Nachdruck. »Denn
sobald das herauskäme, würde man Corvus zum letzten Mal sein
Schwert reichen und ihm einen winzigen Augenblick geben, auf dass
er sich eigenhändig die Klinge in die Brust rammt. Sollte Corvus
aber nicht schnell genug reagieren und erst einmal innehalten, um
seine Seele zu den Göttern zu befehligen, nun, dann würde man ihn
vor dem versammelten Lager als Verräter und als Feigling ans Kreuz
nageln.«
»Die Vorstellung gefällt mir«, sagte Flavius leise
und in eigentümlich emotionalem Tonfall.
Ursus aber schnaubte nur verächtlich. »Bist du des
Lebens wirklich schon so überdrüssig? Nur unter Corvus’ Führung
haben wir überhaupt eine Chance, diesen völlig planlosen Krieg
vielleicht doch noch zu überstehen. Diesen endlosen Kampf gegen
irgendwelche Hexenmeister und Krieger, die in die Schlacht ziehen,
ohne dabei auch nur die geringste Angst vor dem Tod zu verspüren.
Sollte Corvus sterben, dann gibt es niemanden mehr, der uns heil
zurück in den Osten führt. Es war also in jedem Fall nicht die
falsche Frage, die ich gestellt habe. Denn ich frage mich immer
noch: Warum hat er das getan?«
»Na, für Valerius natürlich, du Dummkopf. Warum tut
er denn überhaupt irgendetwas?« Die anderen beiden hörten, wie
Flavius sich umdrehte und an dem Becken mit den erhitzten Steinen
rüttelte. Dieses war genau mittig zwischen den schmalen Feldbetten
platziert worden, um mit seiner Glut zumindest den ersten Teil der
Nacht über die Feuchtigkeit aus dem Zelt zu vertreiben. Für eine
Weile wurde die Luft wieder etwas wärmer und roch nach
verdampfendem Wasser.
Aus der nasskalten Dunkelheit ertönte Flavius’
ungehaltene Stimme: »Ihr wart doch auch in der Eceni-Siedlung. Ihr
habt ihn ebenso deutlich gesehen, wie ich ihn gesehen habe.
Valerius war da, in dieser Siedlung, und er saß quicklebendig auf
dieser unberechenbaren Bestie von einem Pferd. Und trotzdem
schaffte Corvus es nicht, zu ihm zu gehen.«
»Ja, meint ihr denn, dass er den Wunsch hatte, zu
ihm zu gehen?« Ursus diente noch nicht ganz so lange in der Truppe
unter Corvus’ Kommando wie seine Zeltgenossen. Er besaß also auch
noch nicht jenen feinen Instinkt für die Gedanken und Empfindungen
seines Präfekten, wie die anderen beiden ihn bereits entwickelt
hatten.
Flavius schnaubte verächtlich. »Aber
selbstverständlich. Was meinst du wohl, warum er nun plötzlich
einen solchen Widerwillen gegen die Reise in den Westen hat? Und
das, obwohl den gesamten Winter über von nichts anderem die Rede
gewesen ist? Na, natürlich, weil all sein Lebensglück allein an
einer Person hängt: Valerius. Und Corvus hatte gedacht, dass genau
dieser Valerius nun gerade auf Mona weilt, oder zumindest auf
Hibernia, gemeinsam mit dem Rest dieser von ihren merkwürdigen
Göttern verseuchten Träumer. Jetzt aber weiß Corvus, dass Valerius
sich nicht etwa wie erwartet im Westen aufhält, sondern dass er
vielmehr am komplett entgegengesetzten Ende des Landes hockt, im
Osten also. Und, wer weiß, vielleicht wird er dort eines schönen
Tages sogar verrecken? Doch egal, was mit Valeris auch geschehen
mag, Corvus wird ihm in jedem Fall nicht mehr zu Hilfe eilen
können. Er wird ihn nicht mehr beschützen können, wird noch nicht
einmal mehr die Chance erhalten, sich mit ihm auszusprechen, um die
alte Wunde zwischen ihnen beiden wieder zu schließen.«
Abermals rüttelte jemand an dem Wärmebecken mit den
heißen Steinen. Diesmal jedoch war das Klappern etwas weniger
lärmend als beim ersten Mal. Sabinius, älter und weiser als die
anderen, erklärte: »Auf Flavius darf man nicht hören. Der ist doch
bloß verbittert, weil er nun schon fünfzehn Jahre lang unter Corvus
dient, und der ihn trotzdem noch nicht ein einziges Mal in sein
Zelt eingeladen hat. Außerdem ist er neidisch auf die Unschuld und
die Unverbrauchtheit deiner Liebe für Corvus.«
Verwundert starrte Ursus in die Dunkelheit. Er
hätte nicht vermutet, dass seine Gefühle für den Präfekten sich
bereits herumgesprochen hätten. »Aber ist es denn wahr?«, fragte
er.
»Selbstverständlich ist es wahr. Alle wissen, dass
Corvus das, was er tat, nur für Valerius getan hat und dass er es
jederzeit ein zweites Mal tun würde, selbst wenn der Preis dafür
doppelt so hoch wäre. Ihr beide, sowohl du, Ursus, als auch du,
Flavius, könnt euren geliebten Präfekten ja von mir aus angrinsen,
bis euch die Kinnladen knacken und die Augen aus dem Gesicht
fallen. Aber ich sag euch, das wird nicht den geringsten
Unterschied machen. Corvus hat sein Herz schon vor langer Zeit an
einen wilden Jungen aus dem Volk der Eingeborenen verloren. Jenen
Jungen, der dieses Pferd ritt, das man nur ›der Tod‹ nannte, und
der den Mut hatte, sich sogar mit diesem Irren Caligula anzulegen.«
Abermals knarrte das Feldbett, und es schien, als ob Sabinius nun
nurmehr zu einem einzigen seiner Zeltgenossen spräche. »Und, geht
es dir nun besser? Nun, da du endlich die Wahrheit weißt?«
Abermals setzte nachdenkliches Schweigen ein, und
die Stille schien sich noch länger auszudehnen als beim ersten
Mal.
Schließlich entgegnete Ursus: »Aber er hatte doch
auch den Sohn des Gouverneurs geliebt. Scapulas Ältesten. Und das
war nach Valerius. Ich hab doch davon gehört.«
»Das war keine Liebe. Das war bloß irgendeine
seltsame Mischung aus Zorn und politischen Erwägungen und ein paar
vagen Hoffnungen für die Zukunft. In jedem Fall ist Scapulas Sohn
nun tot. Er war ganz einfach zu schön und zu mutig, und er hatte
bereits zu viele Ehren für seinen Mut in der Schlacht eingeheimst,
sodass Nero ihn schließlich einfach niederstechen ließ. Was uns im
Übrigen allen eine Warnung sein sollte. Entweder, man ist schön und
mutig, oder aber man ist mutig und hochdekoriert. Aber auf keinen
Fall sollte man alles drei auf einmal sein. Denn dann können einem
offenbar selbst die Götter nicht mehr helfen. Alles, was uns nun
also zu tun bleibt, ist, irgendwie am Leben zu bleiben und
gleichzeitig unsere hässlichen Visagen zu bewahren. Dann sind wir
in jedem Fall auf der sicheren Seite. Und zumindest die Sache mit
der Hässlichkeit dürfte uns ja keine allzu großen Schwierigkeiten
bereiten. Das mit dem Überleben allerdings klappt nur, wenn wir
jetzt erst mal ein bisschen schlafen. Die feindlichen Träumer und
Krieger jenseits der Meerenge auf Mona warten bereits. Und die
werden euch mit Sicherheit nicht schonen, nur weil ihr an
gebrochenem Herzen leidet und zu müde seid, um vernünftig zu
kämpfen. Also, schlaft jetzt. Es gibt keinen Grund, noch länger zu
grübeln. Die Welt sieht morgen noch genauso aus wie heute.«
Später, als ihm die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge
der anderen verrieten, dass diese bereits eingeschlafen waren, lag
Flavius noch immer auf dem Rücken, starrte zu der feuchten,
durchhängenden Beule im Zeltdach hinauf und horchte auf das
rhythmische Trommeln der Regentropfen. »Noch ist es nicht zu spät,
den Gouverneur zu unterrichten«, sprach er leise in die Dunkelheit
hinein.