XXXVI

Graine.
Graine im Kreise der springenden, wirbelnden Tänzer, Graine als eigenständige Person und zugleich als Teil der Gruppe, mit elastischen Bewegungen und so temperamentvoll wie ein junger Hund bei seiner ersten Jagd.
Dann wurde Graine auf die Schultern eines blonden Jungen gehoben, dessen Augen im Schein des Feuers wie blasse Monde schimmerten.
Graine, lachend - lachend - ließ sie den Blick über die Ebene schweifen, bis sie ihre Mutter erkannte und dann nicht mehr lachte.
Graine, wie sie die Arme des Jungen gepackt hielt, als er sie wieder auf die Erde hinabsetzte. Graine, wie sie ihm erlaubte, sie auf die Stirn zu küssen.
Graine, wie sie mit Efnís sprach, der ganz benommen schien von der Begegnung mit dem Gott, und dann mit Dubornos, der aussah, als wäre er soeben gestorben, nur dass sein Körper noch auf die Erlaubnis zu warten schien, endlich zu Boden sinken zu dürfen. Allein das Fuchsfell, das um seinen Arm geknotet war und das nun kräftig leuchtete, verlieh ihm noch eine gewisse Farbigkeit.
Graine. Graine, wie diese auf Breaca zukam, ein kleines bisschen größer, ein kleines bisschen mehr von jener Frau, zu der sie einmal heranreifen könnte, und etwas weniger das zermarterte Kind, das sie vor kurzem noch war. Graine, frei, endlich frei von den Verletzungen und den dunklen Schatten unter ihren Augen. Graine, konzentriert und ernst, Graine, wie sie über den Ritualplatz marschierte, als sei dieser das Große Versammlungshaus am höchsten Festtag, das sie nun mit all ihrer Würde zu durchschreiten hätte. Graine, mit einem Ausdruck in den Augen, wie Breaca ihn sonst nur von Airmid kannte oder von Luain mac Calma oder von Valerius, wenn dessen Götter bei ihm weilten.
Und vielleicht erhoffte Breaca sich nun nicht zu viel, wenn sie dem Gedanken nachhing, dass womöglich auch Graine wieder zu Kraft und Heilung und vor allem zur inneren Einheit gefunden hätte.
Graine neben dem roten Hengstfohlen, eine Hand im Fell des vor Freude geradezu haltlosen Stone, die andere auf dem Knie ihrer Mutter. Graine, das Gesicht zu Breaca emporgewandt, mit Lehmzeichnungen, kleinen, stilisierten Hörnern auf der Stirn und riesigen, meergrauen Augen, die im Licht des Feuers kupfergrün schimmerten.
Graine, Kind von Breacas Seele, noch immer nicht wieder ganz genesen, aber zumindest schon wieder bei deutlich besserer Gesundheit.
»Du darfst sie jetzt nicht aufhalten«, erklärte sie ihrer Mutter. »Schon zu viele Male ist die Saat gesetzt worden. Erst wenn die Saat zum Gott emporgehoben wird, darf der Zauber wieder aufgehoben werden, nicht eher, denn sonst sind wir alle des Todes, nicht bloß Dubornos.«
Breaca erkannte, dass sie nun von ihrem Pferd steigen musste, sozusagen als Zeichen, dass sie dazugehörte.
Langsam ließ sie sich von dem Rücken der Stute gleiten, hielt dabei einen Arm aber weiterhin um den Sattel geschlungen; ohne diesen Halt wäre sie nach dem Wahnsinn des nächtlichen Rittes wohl schlicht zu Boden gestürzt.
Doch sie brauchte diese Stütze auch in anderer Hinsicht, denn die Welt schien nicht mehr die zu sein, die sie einmal für Breaca gewesen war. Noch immer hallte das Dröhnen der Hirschschädeltrommeln durch das Land, drang durch Breacas Fußsohlen in ihr Bewusstsein ein. Auch das Schwert ihres Vaters hatte seine sirrende Stimme erhoben, wollte einfach nicht schweigen, und Cunobelins Ring, der an einer Lederschnur um Breacas Hals baumelte, presste sich schwer in die kleine Einbuchtung zwischen ihren Schlüsselbeinen. Schließlich ertönte auch noch das atemlose Flüstern des Sonnenhundes, trocken wie altes Laub: meine Tochter.
Vage nahm Breaca das Gewebe der Welten wahr, sah, wie es sich fest und lückenlos in die Nacht erstreckte, in seiner Mitte Graine. Erleichterung durchflutete Breaca nach dieser Erkenntnis, eine Erleichterung, so groß, dass sie sich noch etwas fester an den Sattel klammern musste.
Sie wollte gerade das Lederband mit dem Ring von ihrem Hals nehmen, wollte diesen Graine überreichen, sozusagen als greifbaren Beweis dafür, dass die Linie der Ahnen auch weiterhin undurchbrochen war, doch da trat mit einem Mal ein Mann unmittelbar vor Breaca. Von den Fersen bis zu den Brauen war er bemalt mit roten Linien, und er hatte die gleichen Augen wie die Träumerin der Ahnen. Er streckte den Arm aus, packte Breacas Handgelenk und zwang sie auf diese Weise, mitten in ihrer Bewegung innezuhalten.
Mit einer Stimme, die sehr viel freundlicher klang, als seine Augen vermuten ließen, erklärte er: »Noch nicht. Es gibt noch einige Dinge, die du zunächst vollbringen musst, ehe du das Gewicht all dessen, was auf deinen Schultern lastet, an den Nächsten weitergeben darfst. Und überhaupt ist diese Tochter zu schwach, um all das auf einmal tragen zu können. Erinnere dich an die Frage, die man dir gestellt hat.«
Wenn du dich entscheiden müsstest, wen würdest du dann retten - dein Land oder die Linie deiner Ahnen?
Wie sollte ein Stammesältester der Cornovii von Venutios’ Worten erfahren haben? Das war ganz und gar unmöglich. Kein Späher der Welt hätte sich während Breacas Unterredung mit Venutios derart dicht an sie beide anschleichen können; sie hatten für ihr Zwiegespräch doch schließlich ganz bewusst einen Platz hoch oben an einem fast völlig kahlen Steilhang gewählt. Über die gesamte Länge von Breacas Rückgrat stellten sich feinste Härchen auf. »Wer bist du?«
»Sûr mac Donnachaidh. Ältester des Stammes der Hirschkrieger. Freund der Bodicea, der, die sie einst war, und der, die sie nun wieder ist. Bewahrer der Pfade zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Im Übrigen hast du es nur deshalb lebend bis hierher geschafft, weil ich dies so wollte.«
Zumindest das wollte Breaca ihm vorbehaltlos glauben. Und auch Graine war nicht vor dem Krieger geflohen, sondern stand noch immer unmittelbar neben Breaca, vollkommen frei von jeglicher Angst. Breaca ging in die Hocke, sodass ihrer beider Augenpaare auf einer Höhe waren. Sofort drängte Stone sich zwischen sie, wollte dazugehören. »Herz des Lebens, was ist es, das zerstört wurde und nun wieder zusammengefügt werden muss?«
Graine runzelte die Stirn. »Der Kreis. Der Tanz. Ich weiß es nicht. Dubornos könnte es dir sicher sagen.«
Dubornos jedoch schien unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. An seiner Stelle entgegnete der lehmbemalte Anführer der Hirschkrieger: »Der gehörnte Mond steigt am Himmel auf. Heute Nacht haben deine und meine Stammesangehörigen im gemeinsamen Tanz das Wesen des Lebens dem Tode geopfert. Nun muss der Tod sich dem Leben opfern, sonst ist der Kreis zerstört. Das Gewebe der Zeiten beginnt, sich bereits zu zerteilen.«
Keuchend, doch immerhin wieder so weit zu sich gekommen, dass er sprechen konnte, war nun auch Efnís zu ihnen getreten. »Er sagt die Wahrheit«, stimmte er zu. »Wir sind schon zu weit vorangeschritten auf dem Pfad des Rituals, als dass wir es nun so unvermittelt wieder beenden dürften. Wenn wir den Kreis jetzt zerstören, bedeutet das den Ruin für weitaus mehr als bloß den Stamm der Cornovii.«
»Du hättest das alles hier verhindern müssen, noch ehe es überhaupt anfing«, zischte Breaca ihm entgegen. »Warum hast du nichts dagegen getan?« Schließlich war Efnís doch derjenige, den man zum Nachfolger des jetzigen Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona ernannt hatte.
Und mit all dem Ernst und der ganzen Größe, die mit ebendieser Position einherging, antwortete er ihr: »Ich konnte nicht. Ich hätte mich lediglich weigern können, an dem Ritual teilzunehmen. Aber da sie wollten, dass Graine mittanzte, und ich wiederum durch meinen Eid dazu verpflichtet bin, ihr überallhin zu folgen... Wo sie ist, dort bin auch ich. Und wo sie tanzt, tanze auch ich.«
»Keiner hätte Graine dazu gezwungen - hätte sie überhaupt dazu zwingen können -, an diesem Tanz teilzunehmen.«
»Doch, ich musste«, ergriff Graine das Wort. »Denn Hawk hat getanzt. Wir konnten ihn den Tanz doch nicht alleine tanzen lassen.« Dies war die schlichte Antwort eines Kindes, mit all den unzähligen Wahrheiten, die dahinter standen.
Selbst jetzt, in diesem Augenblick, tanzte Hawk noch immer. Der Rhythmus der Schädeltrommeln pulsierte auch weiterhin durch seinen Körper. Efnís dagegen spürte nichts mehr von dem Sog der Trommeln, und Dubornos wiederum schien wie weggetreten, war noch nicht einmal in der Lage zu gehen. Hawk allerdings war dazu trotz seiner Erschöpfung durchaus noch in der Verfassung, sodass er sich nun mit der Krone aus Geweihen auf seinem Scheitel, die ihn noch größer wirken ließ als den Rest der Krieger, langsam durch die Menge der Krieger schlängelte und auf die kleine Gruppe um Breaca zusteuerte. Er trug die Geweihkrone mit einer solchen Würde, dass selbst der Anführer der Hirschkrieger beiseitetrat, um ihm Platz zu machen.
Hawk keuchte so schwer wie ein Rennpferd, doch es waren die Zeichen auf seinem Körper, die Breacas ganze Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aus der Ferne hatte es so ausgesehen, als hätte man ihn genauso angemalt wie die Männer der Hirschkrieger. Aus der Nähe jedoch konnte man erkennen, dass die farbigen Streifen von Messerschnitten herrührten, etwa ein Dutzend, vielleicht auch mehr, jeweils eine Handbreit voneinander entfernt, Schnitte, die seinen Körper mit dem gleichen Muster überzogen wie die Lehmfarbe die Körper der Stammesältesten. Ohnehin schon war Hawk schlank und durchtrainiert und besaß einen fast perfekten Körper; erst die blutenden Streifen aber verliehen ihm nun diesen gewissen, geradezu erhabenen Status.
Auch sein Geist, sein gesamtes Wesen schien auf Mona gewachsen und gereift zu sein. Hawk hatte seine Arroganz abgelegt ebenso wie seine Angst. Ganz offensichtlich hatte er nun so lange getanzt, bis er am Rande der Erschöpfung angelangt war, hatte schließlich sogar diese Grenze noch überschritten, und dennoch begegnete er Breacas Blick mit einer solchen inneren Aufrichtigkeit, wie sie sie noch niemals zuvor an ihm wahrgenommen hatte. Ein letztes Mal durchwogte sie beide der verhallende Schlag der Schädeltrommeln. Dann herrschte Stille.
»Ich habe getan, was ich nur irgend tun konnte, um deine Tochter zu schützen«, erklärte er. »Ich habe meinen Eid nicht gebrochen.«
»Ich weiß. Und auch jetzt noch bleibst du deinem Schwur treu. Du bist dir also bewusst, was sie von dir verlangen?«
»Ja.«
»Und du bist bereit, ihre Forderung zu erfüllen?« Empfindsam getroffen von der Frage der Bodicea zuckte der Anführer der Hirschkrieger zusammen. Efnís sog scharf die Luft durch die Zähne. Graine streckte den Arm aus, wollte ihre Mutter berühren, zog ihre Hand dann aber wieder zurück.
Ruhig musterte Hawk das Gesicht der Bodicea. »Ich würde es nicht wagen, mich an das Leben zu klammern, wenn damit alles das, wofür du gekämpft hast, wieder zerstört würde.« Zweifellos hatte er auf Mona auch gelernt, seine Worte mit der gleichen Bedachtsamkeit zu wählen wie die Träumer.
»Aber du würdest dem Gott im Sterben auch nicht mit offenen Armen entgegentreten?«
»Nein.«
Schweigen senkte sich über die gesamte Lichtung herab. Nur ein einzelner klagender Laut ertönte, ein Geräusch, so seltsam, dass Breaca erst dachte, es stamme von dem Schwert ihres Vaters oder vielleicht von ihrem Ring, bis sie erkannte, dass es Dubornos war, der schwankend einfach nur dastand und noch immer ein so zermarterndes Jaulen von sich gab, wie es eigentlich nur aus dem Land hinter dem Leben hätte erschallen dürfen.
Der Stammesführer der Hirschkrieger starrte Breaca an. Er sagte nichts, doch in seinem Blick lag seine gesamte Seele. Er befeuchtete seine Lippen, schaute zu Boden, blickte auf, rang um Worte und verwarf diese schließlich wieder, bis er ganz unumwunden erklärte: »Wenn du das tust, haben wir unseren Gott für immer verloren.«
»Deine Krieger könnten uns doch einfach allesamt niedermetzeln«, widersprach Breaca. »Dann hättet ihr doch euer Opfer.«
Ihrem Gegenüber war anzusehen, dass er tatsächlich ernsthaft über diese Möglichkeit nachdachte. Dann aber widersprach er: »Das würde nichts nützen. Denn entweder der Gesalbte geht freiwillig oder gar nicht.«
»Hawk jedenfalls geht nicht freiwillig.«
»Er war durchaus so weit, dass er freiwillig gegangen wäre - ehe du hier aufgetaucht bist. Und er könnte diesen Zustand auch wieder erreichen...«
Breaca wandte sich von dem Stammesführer ab. »Hawk?«
Einen Moment lang schaute er ihr fest in die Augen. Dann, mit so viel Zeremoniell, wie ein Mann nur irgend aufbringen konnte, der erst vor kurzem noch so ekstatisch getanzt hatte, dass er die Grenzen der körperlichen Erschöpfung lange überschritten hatte, und in dem noch immer das Wesen des Gottes nachhallte, neigte er den Kopf, hob die wahrhaft majestätische Geweihkrone wieder herab und hielt sie dem Ältesten der Hirschkrieger entgegen. »Es tut mir leid. Ich bin mir wohl bewusst, welche Bedeutung dieses Ritual hat. Aber es würde doch nichts nützen, wenn ich nun lügen würde. Ich hatte die ganze Zeit über nicht jenen Zustand erreicht, in dem ich freiwillig gegangen wäre. Und ich werde diesen Zustand auch niemals erreichen. Das Leben ist viel zu kostbar, um es einfach so beiseitezuschleudern - noch nicht einmal für eine so wichtige Sache wie diese hier.«
Cygfa dirigierte ihr Pferd dichter an die Bodicea heran, genauso, wie sie es auch zu Beginn einer Schlacht getan hätte. »Wer das Schwert deines Vaters trägt«, sprach sie mit klarer Stimme, »ist dein Sohn und damit sakrosankt, darf nicht mehr verletzt werden.«
Ruhig lag das Schwert auf dem Sattel. Die Knoten, die es dort festhielten, zu lösen, war nur eine Sache von wenigen Augenblicken, und auch das Tuch aus geöltem Leinen war im Nu abgewickelt.
Die Klinge jedoch war ein Werk des Tages, und in ihr ruhte das Wesen der Sonne, und der Bär auf dem Schwertheft war in Bronze gegossen und schien am lebendigsten im hellen Mittagslicht. Aber dennoch glänzte die Klinge nun auch auf dem nächtlichen Festplatz des gehörnten Gottes, sog das Licht des Feuers sogar regelrecht in sich auf und reflektierte es noch strahlender und in einem noch tieferen Rot bis in die entferntesten Winkel der Lichtung.
Entsetzen breitete sich aus. Die Zeit schien stillzustehen. Schließlich ergriff Breaca wieder das Wort: »Dann nimmst du, Hawk von den Coritani und nun von den Eceni, die Klinge meines Vaters an. Als Geschenk diesmal, und nicht mehr nur, um es zu behüten. Du nimmst es an in dem Wissen, dass du damit in jeglicher Hinsicht zu meinem Sohn geworden bist, so wie Cygfa meine Tochter ist?«
»Mit größter Dankbarkeit.« Tief in seinem Blick lag der Glanz seiner Seele. »Allerdings solltest du das vielleicht auch Cunomar mitteilen. Ich jedenfalls möchte nicht der Erste sein, der es ihm sagt.«
Mit leicht belegter Stimme erklärte Ardacos: »Das kann auch ich erledigen.« Und damit war die Angelegenheit beschlossene Sache. Die Bodicea hatte fortan einen zweiten Sohn, einen Sohn, der weder von der Blutlinie des Sonnenhundes abstammte, noch von der Linie ihres eigenen Vaters.
Das Überreichen des Schwertes war nur noch eine Nebensächlichkeit, ohne irgendeine besondere Zeremonie, außer dass Breaca persönlich die Klinge in die Hände nahm und sie Hawk übergab. Bereitwillig nahm er das Schwert an und wog es prüfend, als ob es neu wäre. Dann drang das Schlichte, doch auch Besondere schließlich vollends in sein Bewusstsein ein, sodass er sich umwandte, das Schwert hoch in die Luft hob, dem Feuer und den dahinter versammelten Tänzern zugewandt - und es dann, in tiefem Schweigen, wieder zu Boden sinken ließ.
In tiefem Schweigen. Denn selbst das entsetzliche Jaulen war nun endlich verstummt. Breaca befürchtete bereits, dass Dubornos womöglich den Verstand verloren haben könnte oder sein Körper seine Seele auf der Reise durch die Zeit eingeholt habe und er gestorben sei. Aber wie es schien, war er noch am Leben und konnte sogar wieder gehen, was in diesem Augenblick geradezu an ein Wunder grenzte. Bis das Wunder sich, als Dubornos immer näher kam, in einen Fluch zu verwandeln schien.
Der große, hagere Träumer war schon immer von einer Aura der Melancholie umgeben gewesen. Das war schon so, als er in frühester Jugend erstmals auf die Insel Mona gekommen war. In dieser Nacht jedoch schien er in ein noch weitaus tieferes seelisches Loch gestürzt zu sein. Jede einzelne Faser seines Körpers schien von Kummer verzerrt, ein ganzes Leben, bestimmt allein von der Qual, entblößte sich den Umstehenden nun mit einer Klarheit, wie noch keiner es jemals gesehen hatte. Seine Augen waren nurmehr wie Tunnel, die in vollkommen andere Welten führten als in die hiesige, und auch diese fremden Welten wiederum schienen allein aus Schmerz zu bestehen. Er schaute geradewegs durch Breaca hindurch, starrte Cygfa an, die er nun schon seit rund zehn Jahren aufrichtig liebte, obgleich er doch zu keinem Augenblick die Hoffnung auf Gegenliebe hatte hegen dürfen, und konzentrierte sich dann wieder allein auf Breaca. Noch ehe er den Mund öffnete, wusste sie bereits, was er nun verkünden würde.
»Ich würde freiwillig zu dem Gott emporsteigen wollen.«
»Nein!«
»Dubornos, das kannst du nicht.«
Gleichzeitig mit Breacas Stimme erschallte auch die des Ältesten der Hirschkrieger, sie prallten geradezu aufeinander, unmittelbar über Dubornos’ Kopf. Er ließ den Blick vom einen zum anderen schweifen, und in seine Wangen kehrte schließlich sogar wieder etwas Farbe. Mit zwei Fingern berührte er den gelbbraunen Pelz einer Füchsin, den er um den Oberarm geschlungen trug, als ob er durch dessen Wärme ein wenig Energie schöpfen könne.
»Aber warum denn nicht? Schließlich habe auch ich unter dem schwarzen Mond in der verlorenen Zeit getanzt, ehe der gehörnte Gott uns seine Tochter gesandt hat, um uns wieder Licht zu schenken. Ich habe die Saat ebenso oft gesetzt wie Hawk, bin in der Geburt versunken und dann wieder zu neuem Leben erwacht, nach Luft schnappend wie ein Salm, den man an Land geworfen hat. Auch ich habe wieder laufen gelernt, bin unter dem Haselnussbaum mit den neun Zweigen hindurchgestolpert. Auch ich habe wieder die erste Jagd erfahren, habe die erste Milch gekostet, habe wieder das erste Mal das Gras unter meinen Füßen gespürt und die ersten Bucheckern geschmeckt. Ich habe auf der Suche nach Essbarem den ersten Schnee durchstöbert, habe gesehen, wie der Frühlingsregen den Schnee davonspülte. Ich habe beobachtet, wie zur Zeit der Vogelbeeren die jungen Rehböcke miteinander kämpfen, und auch ich habe gegen sie gekämpft, sowohl im Spiel als auch im Ernst. Ich habe gebrüllt wie der Hirsch, habe mein Geweih mit dem seinen gekreuzt, habe gewonnen und im selben Atemzug zugleich auch verloren. Unzählige Lebenszyklen habe ich durchlebt, bin mit jedem Mal dem Abgrund immer näher entgegengetanzt, und das alles stets in dem vollen Bewusstsein dessen, was ich tat.
Von Anfang an habe ich Hawk darum beneidet, dass er dazu auserwählt wurde, dem Gott sein Leben zu opfern. Und nun muss ich auch noch hören, dass er sich diese Gnade in Wahrheit gar nicht wünscht. Darüber hinaus bin ich ein Sänger. Ich weiß also, was es bedeutet, Zwiesprache mit den Göttern zu halten. Und genau wie jeder andere Mann habe auch ich vollauf begriffen, was wir nun am dringendsten brauchen. Vor allem aber bin ich im Gegensatz zu Hawk in der Lage, von den Wurzeln meiner Seele aus auch genau diese Hilfe von den Göttern zu erbitten, ich kann sie um ihre Unterstützung ersuchen in unserem Bemühen, das Land den Göttern zu bewahren und die Erde mit unserem Leben zu ehren. Ich biete mich freiwillig an. Ich will an Hawks Stelle gehen. Denn jetzt gehen zu dürfen, in diesem Ritual, würde mich mit dem größten aller Segen erfüllen.«
Er war ein Sänger, hatte sein halbes Leben hindurch die typischen Rhythmen und Metren der Sprache im Großen Versammlungshaus gelernt. Er wusste, wie er seine Stimme zu modulieren hatte, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu erlangen und darüber hinaus auch zu halten, und zwar egal, ob es sich um die familiäre winterliche Zusammenkunft vor der heimischen Feuerstelle handelte oder um die schier unzähligen Zuhörer, die sich zu den Ratssitzungen im Versammlungshaus von Mona um die flammenden, langen Feuergräben scharten. Er wusste, wie er die Worte zu setzen hatte, um sein Ziel zu erreichen, und genau das tat er auch jetzt. Er schöpfte sein Potenzial als Redner voll aus.
Während seiner Ansprache hatte er sowohl den Ältesten des Stammes als auch sämtliche Tänzer der Reihe nach offen angeschaut. Dann drehte er sich um, wandte sich Breaca zu, die er den Tänzern nicht mehr vorzustellen brauchte, weil ganz einfach jeder sie kannte, und sprach schließlich nur noch zu ihr.
»Das hier ist kein letzter, sinnloser Versuch, mich selbst zu bestrafen, weil ich es nicht geschafft habe, Cunomar zu beschützen, und dann, später, auch noch in meinen Pflichten gegenüber Graine versagt habe. Denn ich habe sowohl bei Cunomar als auch bei Graine stets mein Bestes gegeben, das weiß ich ganz einfach, und ich weiß auch, dass du das weißt. Dieses Ritual hier ist also etwas sehr viel Größeres als irgendeine jämmerliche Gegenklage auf etwaige Vorwürfe, und es ist auch kein Schuldeingeständnis, ganz gleich, welcher Art. Das hier ist mein Schicksal, das hier ist jener Höhepunkt, auf den allein mein gesamtes Leben sich ausgerichtet hat. Airmid würde es verstehen. Sie war es, die mich im Land der Lebenden festgehalten hatte, seit ich das erste Mal versuchte, von hier zu fliehen. Sie würde mich nun gewiss nicht mehr zurückhalten. Dies ist das einzige Geschenk, das ich jemals von dir erbeten habe - aber um dieses Geschenk bitte ich dich nun aus dem tiefsten Grund meiner Seele. Airmid würde es nicht erlauben, dass du mir diese eine Gnade jetzt verweigerst.«
Breaca weinte und kam sich sehr lächerlich vor, nicht zuletzt deshalb, weil die Bodicea damit eingestand, dass nicht etwa sie, sondern Dubornos das größere Talent zum Redner besaß. Über Graines Gesicht dagegen war nicht eine einzige Träne geronnen. Stattdessen hatte sie behutsam ihre Hand in die ihrer Mutter geschoben und drückte sie nun so fest, wie sie es seit den Tagen, als sie das erste Mal die Insel Mona verlassen hatten und in den Osten gereist waren, nicht mehr getan hatte. Stone presste sich gegen Breacas Bein und winselte.
»Deine Bitte ehrt dich, und auch uns erweist du damit eine große Ehre«, sprach Cygfa. Ihre Stimme war belegt, voller Liebe und Bewunderung. Und dennoch liebte sie Dubornos nicht auf jene Art, wie er es sich immer so sehr gewünscht hatte.
»Aber ist denn das überhaupt möglich?«, wandte Ardacos ein. »Du hast schließlich nicht in der Mitte des Kreises getanzt, dort, wo Hawk getanzt hat. Und du trägst auch nicht die Male des Gottes.«
»Es ist möglich. Und Mona würde es unterstützen. Aber nicht hier und nicht jetzt und nicht auf jene Art, wie es ursprünglich geplant war.« Noch ehe der Stammesälteste der Hirschkrieger etwas sagen konnte, hatte Efnís bereits das Wort ergriffen. Dann wandte er sich um und deutete in Richtung Osten. Alle schauten auf jene Stelle, wo der runde Rücken der Mondsichel sich seinen Weg durch das weiße Kalksteinplateau gegraben hatte und bereits seine bleichen Strahlen über die Lichtung ergoss.
An die Menge gewandt, fuhr er dann fort: »Es ist zu spät, um zu vollenden, was die Männer des Gehörnten nun eigentlich geplant hatten. Und dennoch gäbe es vielleicht eine Möglichkeit, wie sich die Götter der Nacht mit den Göttern des Tages zusammenführen ließen, wie jene Götter, die noch viel älter sind als der Gehörnte, sich mit den Göttern unserer Zeit vereinigen könnten. Dubornos, immer vorausgesetzt, dass er dies auch wirklich will, könnte den Göttern jenen Wunsch, der in unser aller Herzen lebt, um so vieles klarer vortragen, als es uns mit unseren Gebeten und Träumen jemals möglich wäre. Es gibt ein Ritual, das dies ermöglichen würde, und dieses Ritual wird selbst in unserer Zeit noch immer praktiziert - wenngleich das natürlich nicht oft vorkommt. Es wäre also eine überaus bedeutsame Geste vor den Göttern, wenn wir dies nun hier und jetzt, in jener Zeit, da die Not in unserem Kampf gegen Rom am größten ist, wiederholen würden.«
An jene gewandt, die etwas dichter bei ihm standen, erklärte er: »Darüber hinaus böte diese Art zu sterben Dubornos einen schnelleren Tod, als ursprünglich für Hawk vorgesehen war. Allerdings müsste das Ritual nach Anbruch der Morgendämmerung ausgeführt werden, dann, wenn bereits wieder die Sonne am Himmel steht und sich diesen noch für wenige Augenblicke mit dem gehörnten Mond teilt. Wenn wir jetzt beginnen würden, so bliebe uns noch genügend Zeit, um bis dahin alles vorbereitet zu haben. Falls Dubornos dies tatsächlich wünschen sollte.«
»Ich wünsche es.«
An den mit Lehmerde bemalten Mann unmittelbar vor ihr gerichtet fragte Breaca: »Würdest du das denn erlauben?«
Sûr mac Donnachaidh, Ältester des gehörnten Gottes und Freund der Bodicea, schloss die Augen und hielt einen Moment lang Zwiesprache mit dem Gott in seinem Inneren. Dann hob er die Lider wieder und sprach in seiner eigenen Sprache zu jenen schweigenden, ebenfalls bemalten Männern, die sich rechts und links von ihm versammelt hatten.
Nach einer Weile antwortete er Breaca: »Es ist möglich. Mehr können wir noch nicht sagen. Wenn der Fuchsmann sich freiwillig opfert, wird der Gott ihn nicht von sich weisen. Aber das darf nicht hier geschehen, nicht auf diesem Platz, auf dem getanzt wird und der allein dem Gott geweiht ist. Wir führen euch über den Fluss hinüber und in das dahinterliegende Heideland, wo man die Sonne und den Mond zeitgleich am Himmel stehen sieht, ohne dass Bäume einem die Sicht versperren. Wir könnten es noch schaffen, wenn wir uns jetzt beeilen.«
 
Sie entzündeten kein Feuer in der Heide. Über ihren Köpfen schwebte scharf, hell und klar die Sichel des alten Mondes und schenkte ihnen mehr Licht, als irgendein von Menschenhand erschaffenes Feuer ihnen jemals hätte spenden können. Unter seinem Glanz erstrahlten Butterblumen blass wie Milch und trieben Distelsamen sacht auf einer leichten Brise über das Land.
Dubornos selbst war es, der sie in das Heideland und über dessen Wiesen führte. Er war nun ein vollkommen anderer Mann, blickte dem Tode ins Antlitz und hatte dadurch zu einer Ruhe gefunden, die sein ganzes Wesen durchdrang. Er war endlich jener Mann, der er in Wahrheit die ganze Zeit über gewesen war. Nun, nach Jahren der Selbstverleugnung, konnte er schließlich jenes Schicksal leben, zu dem die Götter ihn von Anfang an bestimmt hatten.
Die Tänzer folgten ihm in einer breiten Prozession. Sie brachten ihre Schädeltrommeln und ihre Flöten mit, und sogar ihren Gott versuchten sie nach Kräften in ihren Herzen zu bewahren und mit in die Heide zu tragen. Hawk hatte die stolze Geweihkrone des Hirsches nicht wieder aufgenommen; Dubornos war sie wiederum auch nicht angeboten worden. Die Nacht war schon zu weit fortgeschritten für einen derartigen Schmuck.
Graine wanderte dicht neben Bellos her, und sie beide wurden wiederum flankiert von Cygfa und Hawk, der, beinahe im anderen Leben angekommen, nun plötzlich zum Bruder geworden war, und das so schnell, dass Graine noch gar nicht so recht sagen konnte, was sie von dieser Entwicklung eigentlich hielt. Das Schwert ihres Großvaters hatte er sich in einem Tragegurt auf den Rücken geschnallt, eine Geste, mit der sich alles vollkommen verändert hatte, nur dass Graine noch nicht wusste, inwiefern diese Veränderung ihr Leben betraf.
Sie wollte Hawk gerne fragen, ob er das Lied der Klinge höre, wagte es aber nicht, die Stimme zu erheben, weil auch sonst niemand sprach, während sie den langen, dunklen Pfad entlangschritten, der vom Ritualplatz aus einmal quer durch den Wald führte, dann an dem Fluss entlang, wo man die Pferde festgebunden hatte, und schließlich hinaus in die Heide, wo strahlend hell der Mond über ihnen schwebte.
Nach einer Weile vergaß Graine ihre Frage und verlor sich erneut im Rhythmus der Schädeltrommeln, die ihre
Füße selbst dann noch zum Weitermarschieren zwangen, als sie bereits zum Umfallen müde war. Doch nicht nur das Dröhnen der Trommeln trieb sie voran, sondern auch das heisere Pfeifen der Flöten, das mit der Distelwolle durch die Luft schwebte, um dann mit Macht an Graines Blut zu reißen, sodass sie mit einem Mal wieder voller Energie war. Sie hätte sogar wieder rennen können und tanzen, einen kompletten Lebenszyklus, und danach sogar noch einen, wenn dies von ihr verlangt worden wäre.
Im Osten wurde der Himmel bereits heller. Graine spürte es mehr, als dass sie es sah, fühlte es in dem stetig drängenderen Rhythmus der Trommeln. Sie begann, ihren Schritt zu beschleunigen, dann zu rennen, nur dass es im Grunde gar kein Rennen war, sondern eher eine Art Tanz. An der Spitze der Prozession eilte die hinkende Gunovar neben Dubornos her. Mit ihrer tiefen, heiseren Stimme stimmte sie einen Gesang an, dessen Sprache und Rhythmen noch älter waren als die in den Liedern der Hirschkrieger, ein Gesang, dessen Wurzeln im Geflecht der Zeit noch um ein Vielfaches tiefer reichten und der die Seelen seiner Zuhörer nicht nur verzauberte, sondern nahezu aus ihren Körpern entführte.
Zu diesem neuen Rhythmus stürmten die Menschen nun durch die Heide, stampften mit ihren Füßen auf den Boden, sodass es sich anhörte, als würden Pferde über die trockene Erde hinweggaloppieren. Nach einer Weile erhob Efnís seine Stimme zum Gegengesang, und andere stimmten mit ein, durchwoben das Netz aus Klängen, füllten es mit der Essenz der Götter.
Sie rannten schneller und immer schneller, bis das Blut in ihren Herzen zu kochen begann und ein feiner Nebel vor ihre Augen trat, der nicht lediglich ein Produkt der Morgensonne war. Durch diesen Nebel, zuerst nur ganz vage, dann aber immer deutlicher, erkannte Graine, wie neben ihr her die Götter über das Moor eilten. Angeführt von Nemain, versteckt im Körper eines Hasen und dann in der Gestalt von Airmid beziehungsweise in einem Wesen, das Graine fremd war, aber zumindest so ähnlich aussah wie Airmid. Ihr folgte Briga, die Tod und Leben, Geburt und Krieg zugleich war und die den Köder symbolisierte, welcher in der Sage der Sänger den Salm aus dem Wasser lockte, sodass dieser schließlich wild zappelnd unter dem Haselnussbaum mit den neun Ästen zu liegen kam. Dann erblickte Graine auch noch Herne, den Vater und Bruder, den Liebhaber und Sohn: den gehörnten Gott, der den Hirsch symbolisierte und den Wolf, den Hasen und den Hund, die Taube und den Habicht, der auf ewig Teil war des Zyklus von Jäger und Gejagtem.
Diese drei Götter waren Graine bereits wohlbekannt, und sie hatte mit ihrem Erscheinen gerechnet. Hinter ihnen, neben ihnen strömten nun auch jene anderen Gottheiten heran, mit denen Graine noch nicht vertraut war und die sie darum auch nicht genau zu benennen wusste: Lugh vom Sonnenspeer war da, und vielleicht auch Camul, der einst der Kriegsgott der Trinovanter gewesen war, die ihm zu Ehren auch Camulodunum seinen Namen gegeben hatten. Dann glaubte Graine, auch noch Belin zu sehen, den Gott der Sonne, nur unter einem anderen Namen, in einem anderen Volk, und Macha, die Stutenmutter, die den Dumnonii mit ihrer Milch das Leben schenkte und ihnen ihre Felle gab und mit den alljährlichen Geburten auch ihre Fohlen.
Hinter ihnen allen und um sie herum eilten die Götter der Ahnen, ältere, wildere Götter, deren Namen Graine noch nie gehört hatte, außer vielleicht in dem Rauch im Großen Versammlungshaus, während die Symbolfiguren dieser Gottheiten über die Dachbalken zu hasten schienen. Auch die Träumerin der Ahnen war gekommen, und Ardacos’ Göttin, die Bärin, und Hirsche mit Geweihen, die so hoch in den Himmel hinaufzureichen schienen, dass sie sogar die Sterne noch umschlossen, und auch Hunde waren dort, die wild dahinpreschten, während über ihre Rücken Schlangen krochen, und ein Wesen, das wie eine Verschmelzung von Mann und Frau erschien, das sowohl das Licht der Sterne als auch das Licht des Todes in sich trug und das eins war mit der über die Landschaft gleitenden Morgendämmerung, die wiederum mit dem Horizont verschmolz, sodass dieser langsam in den Himmel hinaufzusteigen schien. Und dieses, das letzte Wesen im Reigen der Götter, war älter als alle anderen Gottheiten zusammengenommen.
Unter normalen Umständen hätte Graine nun Angst bekommen sollen. Und sie hatte auch Angst, doch der Gesang hielt sie fest umfangen, ließ sie nicht los, und in Bellos’ Gesicht zeichnete sich ein solch wundersames Entzücken ab, dass es schwer war, auch nur eine Spur von Furcht in seinem Inneren zu entdecken. Und Hawk war ja schließlich auch noch da, und auch er konnte sehen, was Graine sah. Leicht strich er mit der Hand an ihrem Handgelenk entlang, sodass sie spürte, wie das Leben durch ihn hindurchbrauste, und sie ganz schwach sogar das Lied der Klinge ihres Großvaters hören konnte, deren Stimme allerdings noch beängstigender schien als der Rest all ihrer Wahrnehmungen, eine Stimme, die Graine vorwärtspeitschte, die sie regelrecht berauschte, sodass sie schließlich nur noch rannte, bis sämtliche Furcht von ihr abgefallen war.
Und plötzlich hielten sie inne. Alles hielt inne: der Tanz, der Gesang, die Trommeln, die Flöten und sogar der Nebel, der neben der Prozession hergetrieben war. Die Götter waren noch immer da, aber weniger greifbar als vor wenigen Atemzügen, und nur mit einem flüchtigen Seitenblick aus den Augenwinkeln konnte Graine sie noch erkennen, und selbst dann bloß vage.
Sie standen am Rande eines Moores, das über und über mit Torfmoos bewachsen schien. Unschuldig grün lag es zu ihren Füßen, übersät mit Sumpfdotterblumen, deren Köpfchen so dick waren wie die Samenkronen des Löwenzahns. Die Luft war gewürzt von dem scharfen Minzgeruch der Myrte, und die Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete, war so eben und ohne jede Möglichkeit, sich zu verstecken, dass sie für sich genommen bereits eine tödliche Bedrohung darzustellen schien.
Atemlos keuchte Bellos: »Hier werden sie das Ritual vollziehen. Er wird im Angesicht der Erde und im Angesicht des Wassers sterben. Graine, kannst du hier irgendwo einen Stein entdecken? Er sollte ungefähr zweimal so groß sein wie deine Faust. Ganz in der Nähe müsste solch ein Stein liegen. In jedem Fall wäre es gut, wenn du ihn finden würdest und nicht irgendein anderer.«
Graine fand den Stein. Es war ein glattes, eiförmiges Stück Fels, durch dessen Mitte eine Ader aus milchig weißem Kristall verlief. Bellos nahm ihn in die Hände, hob ihn an sein eines Ohr und nickte dann: »Perfekt. Bewahr ihn auf für später. Du wirst es wissen, wenn der richtige Augenblick gekommen ist, um ihn zu überreichen. Jetzt sollten wir erst einmal ein wenig näher an das Geschehen heranrücken.« Angeführt von Hawk, schritten Bellos und Graine durch die Menge.
Auch Cygfa folgte ihnen. Zwar verspürte sie keineswegs den Wunsch, Dubornos und dessen Tod noch ein Stückchen näher zu sein, aber Graine war ihre Schwester und Hawk war nun ihr Bruder, und dies war ganz einfach eine Nacht, in der jene Menschen, die zusammengehörten, auch besser zusammenbleiben sollten. Letztlich war der Grund, weshalb Cygfa näher getreten war, jedoch gleichgültig, denn das Ergebnis war das gleiche: Als Hawk stehen blieb, standen sie unmittelbar neben Breaca, die wiederum neben Efnís stand, der neben Dubornos Posten bezogen hatte. Auf der anderen Seite des Sängers stand Gunovar. Noch immer hallten in den vier Erwachsenen die Gesänge der Ahnen nach und verbanden sie zu einer Einheit, sodass eine unsichtbare Trennlinie zwischen ihnen und dem Rest der Krieger zu verlaufen schien, genauso, wie auch die Götter niemals wirklich Teil ihres Volkes sind.
Die Mondsichel schien scharf wie eine Klinge, und ihr gebogener Rücken zerschnitt förmlich das Firmament. Westlich des Mondes herrschte noch die totale Finsternis der Nacht, während der Himmel östlich der Sichel einen Hauch blasser schimmerte, eher bläulich statt schwarz, und sich nach Osten hin nach und nach immer stärker aufzuhellen begann.
»Wir sind noch nicht zu spät dran«, stellte Efnís fest. »Die Nacht ist nicht verloren.« Er trat einen Schritt zurück, sodass Dubornos und Gunovar ein Paar bildeten. Der Lauf hatte sie strapaziert, beide atmeten noch immer keuchend und schnell und glänzten vor Schweiß. »Sowohl im Gesang als auch im Tanz ist die Saat gesetzt worden, wieder und wieder. Nun sollte sie auch in lebendes Blut, in lebendes Gebein gepflanzt werden, auf dass aus dem Tode das Leben hervorgeht.«
Wäre Cygfa nicht bei ihnen gewesen, hätten sie diesen Schritt des Rituals womöglich auch vollzogen. Ganz allein, ohne die anderen Menschen um sich herum noch wahrzunehmen, hätten sie im Raum der Götter gestanden, hätten dem Drängen der Erde, dem Drängen des Gesangs nachgegeben. Das Verlangen hatte sie beide längst gepackt. Doch Cygfa war nun einmal da, und noch während Efnís sprach, hatte Dubornos’ Blick sich bereits fest auf ihre Gestalt geheftet.
Er liebte Cygfa, hatte sie immer geliebt und würde nun sterben.
Graine war dicht neben ihn getreten. Noch vor den anderen hatte sie bereits sein Begehren erkannt. Schweigen trat ein, niemand sprach. Dann erhob Cygfa die Stimme: »Lass mich diejenige sein.«
Die ganze Welt, sogar die Götter schienen den Atem anzuhalten. In Graines Ohren ertönte ein klagender Laut, ganz ähnlich dem, wie Dubornos ihn auf dem Ritualplatz von sich gegeben hatte. Diesmal aber konnte sie seine Quelle nicht ausfindig machen, wusste nicht, woher er kam, sondern hörte nur den Schrei des schier nicht enden wollenden Schmerzes und weinte.
Dubornos dagegen weinte nicht. Er hob den Blick zum Mond, ließ ihn dann weiterschweifen, der Sonne entgegen, und schließlich noch ein Stück weiter, dorthin, wo sich die Schatten der Götter über das Land breiteten. »Nein. Ich danke dir, aber - nein.«
»Ich biete es dir doch freiwillig an«, widersprach Cygfa. Ihre Wimpern waren nass von Tränen. Noch niemals zuvor hatte Graine bei Cygfa eine solch emotionale Regung gesehen.
Dubornos jedoch schüttelte den Kopf. »Ich weiß. Danke.« Der Blick aus seinen Augen schien uralt zu sein, und der Schmerz in seinem Inneren war so allumfassend geworden, dass er sich in Mitgefühl verwandelt hatte. »Doch mein Verlangen nach dir entspringt den Wurzeln meines Herzens. Du dagegen würdest dich mir nur ›freiwillig‹ hingeben. Das ist nicht das Gleiche. Aber wie dem auch sei...« Er grinste. Verwundert betrachteten seine Gefährten die Unbekümmertheit auf seinem Gesicht, jene Unbekümmertheit, die vielleicht sogar sein prägender Charakterzug hätte sein können, wäre sein Leben nicht schon früh in ganz andere Bahnen gedrängt worden.»... in jedem Fall haben wir jetzt nicht mehr die Zeit für das, was meinem Wunsch entspräche, und alles andere wäre... wäre mir nicht genug.« Er trat einen Schritt vor, umarmte Cygfa, presste seine trockenen Lippen auf ihre Wange und löste sich dann wieder von ihr. Sie folgte ihm nicht, sondern blieb entsetzt und totenbleich auf ihrem Platz stehen.
Schließlich, mit einer Kraftanstrengung, dass auch die anderen sie deutlich wahrnehmen konnten, ergriff Gunovar das Wort: »Dann folgen wir dem Ritual also doch auf dem Wege, wie Efnís ihn bereits entworfen hat. Also, Dubornos, du und ich, wir sollten das Ritual nun vollziehen.«
Aber der Augenblick, um das Ritual noch nach dem vorgeschriebenen Zeremoniell zu vollenden, war verstrichen. Selbst Graine konnte das spüren. Dubornos schüttelte den Kopf. »Kann ich nicht als der gehen, der ich nun bin? Verlangen die Götter wirklich von mir, dass ich zuerst noch meinen Samen hier auf der Erde zurücklassen muss, ehe ich gehen darf? Ich trete doch schließlich nicht ohne Opfergabe hinüber in das Land hinter dem Leben, sondern ich komme mit der Bitte, dass die Götter uns helfen mögen in unserem Kampf. Ist das denn nicht Opfer genug?«
Es war Sûr mac Donnachaidh, der Stammesälteste der Hirschkrieger, der schließlich erwiderte: »Der rechte Zeitpunkt, um die Saat zu setzen, ist ohnehin verstrichen. Wir werden jetzt einem neuen Pfad folgen müssen. Dem Fuchsmann soll gewährt werden, worum er uns ersucht. Ansonsten würden die Götter das Geschenk seines Lebens auch nicht annehmen.« Er sprach die Wahrheit, und das war nicht nur den Menschen bewusst.
Der neue Tag zog herauf, die Nacht wich zurück. Schon bald würde die Sonne das Licht des Mondes überstrahlen, würde der Tag die Nacht umschließen. Die Zahl der Herzschläge, die bis zu diesem Augenblick noch verstreichen würden, reichte nicht mehr bis ins Unendliche.
»Wir sollten beginnen«, sprach Efnís. »Dubornos, auf welche Art sollen wir...«
Graine hörte, wie Bellos durch zusammengebissene Zähne scharf die Luft einsog, und spürte, wie eine Gänsehaut sich über ihre Oberarme breitete.
»Der dreifaltige Tod. Es muss dieser Tod sein«, sagte Dubornos.
Diese Art zu sterben war noch älter als das Ritual, das die Stammesältesten der Hirschkrieger für Hawk geplant hatten, und es erwies den Göttern eine noch größere Ehre. Mit einem langen Seufzer ließ Bellos die Luft wieder aus seinen Lungen entweichen. »Gut gemacht. Sehr gut gemacht«, flüsterte er so leise, dass Graine nicht glaubte, dass er zu ihr gesprochen habe.
Efnís nickte, fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und entgegnete: »Wer soll es ausführen?«
Graine hätte nicht gedacht, dass Dubornos ein derart großer Entscheidungsspielraum gelassen würde. Plötzlich schien der Stein in ihrer Hand sehr schwer geworden zu sein, sodass sie ihn am liebsten einfach fallen gelassen oder ihn weit von sich geschleudert hätte. Und doch vermochte sie nichts von beidem. Dubornos’ Blick schweifte nach rechts, genau dorthin, wo Graine zwischen ihren Gefährten stand. Ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen, hob dann, mit einem geradezu donnernden Poltern, aber erneut zu seinem beständigen Rhythmus an, während Dubornos sie anlächelte und der Abschied klar in seinen Augen zu lesen war. Dann schweifte sein Blick weiter, er schaute Cygfa an, die ohnehin schon bleich war und nun so blass wurde wie der Mond. Auch von Cygfa verabschiedete er sich mit einem langen Blick und ohne Worte - es schien, als stockte ihr der Atem für die Dauer dieses Blicks. Schließlich, etwas weniger bedächtig, sah er Hawk an und tauschte mit Bellos’ blinden Augen diesen seltsamen einvernehmlichen Blick und dann mit den Stammesältesten der Hirschkrieger und mit Gunovar, und erst ganz zum Schluss sah er Breaca an, und damit war klar, auf wen seine Wahl gefallen war.
Er kniete nicht nieder, wenngleich er daran gedacht hatte, sondern trat einfach nur ein Stückchen vor, um jener Frau in die Augen zu sehen, die ein wenig abseits des Rests der Gruppe verharrte. Seit sie den Platz in der Heide erreicht hatten, hatte Breaca schon dort gestanden, jene Frau, die den ganzen Weg vom Ritualplatz aus stets unmittelbar hinter ihm, Dubornos, gerannt war, und die ihren Rücken nun der aufgehenden Sonne zugewandt hatte, die alles Licht des Tages und alles Licht der Nacht in ihrer Erscheinung vereinigte, sodass sie genau auf der Trennlinie zwischen beiden stand und strahlend beide in sich aufnahm, beide verkörperte.
Alles, was Dubornos zu geben bereit war, und alles, worum er die Bodicea nun bitten wollte, war klar an seinen Gesichtszügen abzulesen. Er entbot ihr den Kriegergruß der Eceni und sprach: »Breaca, würdest du das für mich tun?«
 
Nicht nur am Himmel, auch in Breacas Bewusstsein dämmerte es. Deutlich hörte sie Dubornos ihren Namen sagen.
Ein Leuchten ging von seinem Gesicht aus. Breaca wunderte sich, warum ihr noch niemals zuvor aufgefallen war, wie schön Dubornos eigentlich war. Mehr noch als ein Mann, der liebte, mehr noch als ein Mann, der als Sieger aus einer Schlacht hervorging, vereinigte er in sich einen aus tiefster Seele entspringenden Frieden und jene erstaunliche Würde, wie sie nur einem Menschen zu eigen war, der von sich behaupten konnte, in seinem Leben wirklich stets das Allerbeste gegeben zu haben. Breaca erwiderte seinen Gruß. Und hätten die Stammesältesten der Hirschkrieger schon bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Dubornos dieses innere Strahlen in ihm entdeckt, hätten sie niemals Hawk gewählt, um ihre Bitte zu dem Gott emporzutragen, dessen war Breaca sich ganz sicher.
Nicht nur der gehörnte Gott der Nacht und des Waldes, sondern noch zahlreiche weitere Götter waren zu ihnen getreten, und die Luft schien schwer von ihrem angespannten Warten. Dieser Erwartungsdruck genauso wie das Crescendo der Morgendämmerung, die am Horizont heraufzog, ein anschwellendes Brausen wie von einem Unwetter, das schon bald über die Landschaft hereinbrechen würde, erfüllten Breacas Bewusstsein und erschwerten es ihr, auch nur einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen.
»Denk nicht darüber nach.« Dubornos stand dicht neben ihr, so dicht wie ein Schildkamerad in einer Schlacht. Er war nun ihr Partner in dem schwersten aller Tänze. »Handle einfach nur, Breaca. Wir dürfen jetzt nicht nachdenken.«
Und nicht nur Dubornos war bei ihr, sondern auch Efnís und Gunovar und der wunderschöne, goldhaarige und blinde Junge von Mona, sodass Breaca regelrecht gefangen war in einem Halbkreis aus Träumern. Schließlich trat auch Graine zu ihnen, ihre Gesichtszüge glatt und weich von dem ihr innewohnenden Ernst. Sie trug einen Stein bei sich von der Form und der Größe eines Adlereis. Mit beiden Händen hob sie ihn nun hoch und bot ihn Breaca an.
Doch Breaca war wie erstarrt.
Schließlich nahm Dubornos den Stein entgegen. »Danke. Der ist perfekt.« Er war nachtblind, seine Pupillen waren riesig und schwarz und hatten die Iris fast vollkommen verdrängt. Daher konnte er kaum noch klare Konturen erkennen und fand Breacas Hand allein durch vorsichtiges Tasten. Dann drückte er ihr den kalten Stein in die Finger. »Der hier ist ein Geschenk deiner Tochter. Und er ist das Utensil für das erste Ritual des dreifaltigen Todes. Für das zweite Ritual brauchst du eine Kordel oder einen Lederriemen.«
Besagte Lederschnur trug Breaca bereits um den Hals, an ihr baumelte der Ring des Sonnenhundes. Dennoch wartete sie darauf, dass nun vielleicht irgendein anderer unter den Hunderten von Zeugen des Rituals vortreten würde, um ihr etwas Geeigneteres zu überreichen. Doch die Menschen um sie herum waren allesamt nackt und hatten somit nichts, was sie der Bodicea anbieten konnten.
Also nahm Breaca die Lederschnur von ihrem Hals. Mittlerweile passte ihr der Ring sogar - damit hatte sie nicht gerechnet. Sie löste den Knoten, der die beiden Enden der Schnur zusammenhielt, und wickelte sie sich dann um die linke Hand. In ihrer Rechten lag kühl und schwer Graines Stein.
Die Morgendämmerung brauste heran, schien schon bald wie ein Sturm über sie hereinbrechen zu wollen. Der gehörnte Mond sang mit einem einzelnen, so hohen Ton, dass man diesen kaum noch wahrnehmen konnte. Und irgendwo zwischen dem blassen Mond und der aufgehenden Sonne existierte eine schmale Lücke, tat sich eine Art Tor auf, die das Licht des Mondes und der Sonne gleichermaßen auf die Erde scheinen ließ und die Nacht genauso mächtig wie den Tag machte.
Doch nur ein Mann, der sowohl das Verlangen als auch die zwingende Verantwortung für sein Volk spürte, durch ebendieses Tor hindurchschreiten zu müssen, konnte diese Lücke erspähen. Ein Mann, der nur noch ein Ziel kannte: den Göttern seinen Gruß zu entbieten. Und in Dubornos’ Fall hießen die Götter ihn nicht nur willkommen, sondern harrten sogar bereits auf sein Eintreten in ihre Welt.
In der Sprache der Ahnen, die so alt war wie die Steine dieser Welt, mahnte Dubornos: »Breaca, es muss jetzt geschehen, oder der geeignete Augenblick ist verstrichen.«
Doch nicht nur er, sondern auch noch viele andere, nicht menschliche Wesen ließen mit klingender Stimme diese Warnung ertönen. Dann schienen sämtliche Geräusche zu einem einzigen Ton miteinander zu verschmelzen, auf den schließlich Stille folgte, eine Stille, in der Breaca glücklicherweise endlich wieder klar denken und damit auch handeln konnte.
Die kleine Gruppe und ihre zahlreichen Zeugen standen unmittelbar am Rande des Moores. Noch immer hielt Breaca Graines Stein in der Hand, die Lederschnur hatte Dubornos ihr jedoch bereits abgenommen und legte sie soeben um seinen eigenen Hals. Sie alle wurden umfangen vom letzten Licht des Mondes, waren umschlossen von der ewigen Nacht, der ewigen Macht der Dunkelheit und des nicht Sichtbaren und des nicht Aussprechlichen. Dann eilte mit energischen Schritten der neue Tag herbei und riss die Ritualversammlung förmlich mit sich. Es war die Kraft des Anfangs, des Anfangs aller Dinge, des neuen Tages ebenso wie des neuen Lebens und der neuen Hoffnung, die Dubornos und seine Weggefährten nun an jenen Ort trug, wo Tag und Nacht, Anfang und Ende, Leben und Tod sich exakt die Waage hielten und an dem allen unmissverständlich klar wurde, dass genau dieses Gleichgewicht auf ewig erhalten bleiben müsste, das Gleichgewicht zwischen denen, die ins Leben traten, und denen, die den Tod annahmen.
»Halte mich«, sagte Dubornos, und Breaca hielt ihn fest. Bis auf das kleine Stück Fuchsfell an seinem einen Oberarm war er vollkommen nackt. Breaca spürte, wie das Fell sie zwischen den Brüsten kitzelte, feucht von Dubornos’ Schweiß und dem ihren. Tief atmete sie den Geruch seiner Haut ein, seines Haares, seines Atems. Sie spürte das Pochen seines Herzens, das weitaus gleichmäßiger war als ihr eigener Herzschlag, fühlte das freudige Springen seines Pulses, ganz ähnlich den Sprüngen eines Hirsches oder eines Salms, ein Sprung vom einen Herzschlag zum anderen, spürte die Freude und das drängende Leben in diesen Sprüngen. Doch Breaca nahm auch wahr, wie ernst es Dubornos mit seinem Wunsch zu sterben war, spürte, wie er plötzlich und mit absoluter Gewissheit nur seinem Tod zu begegnen wünschte, und hörte seine Stimme.
»Breaca, jetzt, bitte.«
Mit dem Stein zertrümmerte sie ihm den Kopf. Der eiförmige Felsbrocken schmiegte sich glatt in ihre Hand, sein Gewicht brach Dubornos’ Schädel auf. Leicht und frei entschwebte seine Seele seinem Körper. Schwer, schwerer als zuvor lag Dubornos’ Körper in Breacas Armen.
Mit der Lederschnur um seinen Hals schnitt Breaca ihm die Luft ab, auf dass sein Atem enden möge, so wie er einst begonnen hatte, als die Nabelschnur, die ihn mit seiner Mutter verband, durchschnitten wurde.
Schließlich ließ Breaca den Sänger mit dem Gesicht nach unten in den Sumpf hinabsinken, auf dass er zurückkehren könne in das Wasser, dem er einst entstiegen war, und zurücksänke in die Umarmung der unter dem Moor wartenden Erde. Und endlich zog zu Breacas Linker der so lange schon hinausgezögerte neue Morgen herauf und eroberte das Land.
Danke.
Aus der Welt jenseits der Erde und des Wassers ertönte Dubornos’ Stimme. Er leuchtete regelrecht. Seine Augen waren der Mond und die Sonne. Frieden hüllte ihn ein wie ein wärmender Mantel, und er war erfüllt von dem sicheren Wissen, das ihm sagte, wohin er nun gehen müsse. Schon entglitt er Breacas Wahrnehmung, wich zurück von ihr und schritt den gleißend hellen Weg entlang, den die neu geborene Sonne ihm wies. Ich weiß, was unser Volk nun braucht, sprach er. Und mit meiner ganzen Seele werde ich darum bitten.
Breaca brachte keinen Ton heraus. Ihre Kehle schnürte sich über ihren Worten und über ihrem Atem zusammen, ganz so, als ob auch um ihren Hals sich eine tödliche Schnur geschlungen hätte. Trauere nicht, rief Dubornos. Es war der beste aller Tode. Die Götter haben ihn wohlwollend angenommen.
Das spürte auch Breaca. Der Druck des Wartens, des Zusehenmüssens war von ihr gewichen, und an seiner Stelle lebte nun eine stille Dankbarkeit. Die Luft schien weniger schwer auf ihrer Haut zu lasten, und das Tor, das sie zwischen der Morgendämmerung und der Nacht gesehen hatte, stand noch immer weit offen. Briga war da, Nemain und all die anderen, noch um ein Vielfaches älteren Götter. Sie sah die Träumerin der Ahnen und den Sonnenhund, verschmolzen zu einem einzigen Wesen, und ein winziges Teilchen dieses Wesens fiel herab in ihre, Breacas, Seele. Mit einem Mal ergaben sowohl das Wesen und das Leben des Sonnenhundes als auch der Träumerin der Ahnen einen ganz neuen Sinn, ebenso, wie Breacas Wirken eine neue Bedeutung erhielt.
Das Wesen, zu dem Dubornos nun geworden war, flüsterte: Ich muss jetzt gehen.
»Ja.«
Das Gesicht noch immer Breaca zugewandt, schritt er rückwärts von ihr fort, immer schneller und schneller. Plötzlich wurde ein Fluss sichtbar, wo zuvor noch keiner gewesen war, und neun Trittsteine führten über dieses Wasser. Haselnussbäume mit je neun Ästen beugten sich hinab zu dem rauschenden Strom. Und auf jedem der Äste saß eine Krähe. Am Ufer stand in all seiner Pracht ein Hirsch. Er hob den Kopf, stieß einen weithin schallenden Ruf aus. Da drehte Dubornos sich um und begann zu rennen.
Breaca hatte schon so viele Männer und Frauen auf den Schlachtfeldern sterben sehen, hatte beobachten müssen, wie diese nach ihrem Tod haltlos und verloren umherirrten. Noch niemals zuvor aber hatte sie beobachten dürfen, wie ein Mensch so leicht und ohne jede fremde Hilfe den Weg zu dem Ufer des Flusses fand und darüber hinwegeilte.
Noch lange, nachdem Dubornos gegangen war, stand sie da und blickte ihm hinterher.
 
»Mutter?«
Zuerst dachte Breaca, es müsse Graine sein. Dann aber erkannte sie, dass es Hawk war, der sie zum ersten Mal so ansprach. Dicht neben ihm stand dann auch Graine, und auf seiner anderen Seite wartete Cygfa. In Breacas Herzen, wo bis vor kurzem nur drei Kinder geatmet hatten, lebten nun also vier. Ein weiterer Sohn war ihrem Geschlecht, ihrer Familie hinzugefügt worden, ein weiterer Familienangehöriger, der darum kämpfen würde, das Land zu retten. Diese Vorstellung fiel Breaca wesentlich leichter, als abermals über Venutios’ Frage nachzudenken.
»Würdest du gern etwas essen?«
Der Duft von gebratenem Hirschfleisch schwebte sanft über dem Geruch des Mooses, der Sumpfmyrte und des Blutes, das aus Dubornos’ Kopfwunde sickerte. Noch immer hockte Breaca neben ihm, wie versteinert in ihrer Haltung. Ihre Hände lagen auf seinem Körper. Breaca hatte gedacht, dass sie stände. Doch erst jetzt erhob sie sich wieder mit knackenden Kniegelenken, die sich nur mühsam strecken ließen.
Mit dem Gesicht nach unten lag Dubornos da, genauso, wie Breaca ihn in den Morast gebettet hatte. Das Fuchsfell an seinem Arm hatte sich mittlerweile mit Wasser vollgesogen und war nun ganz schwarz, von der gleichen Farbe wie auch Dubornos’ Haar. Seit seiner Kindheit hatte er stets nur sehr feines Haar gehabt, nun schien es mit einem Mal deutlich voller, während es sich auf dem Wasser schwebend um seinen Kopf herum ausbreitete und mit dem Moos verwob.
»Mutter?« Diesmal ertönte die Frage aus Graines Mund.
»Nein. Das heißt, ja, ich würde gerne etwas essen. Danke.«
Sie brachten Breaca von dem Fleisch, und mit dem Essen fand sie langsam auch wieder zurück in den Tag. Die Sonne stand nun schon wesentlich höher als beim letzten Mal, als Breaca zum Himmel hinaufgesehen hatte, während die Sichel des Mondes nur noch geisterhaft blass erschien und sich bereits zum westlichen Horizont hinabneigte. Breaca saß auf einem kleinen Felsblock, ließ die Sonne ihre Haut wärmen und versuchte, sich von dem Bild zu lösen, wie Dubornos über den letzten Trittstein scheinbar mitten ins Nichts hinein entschwunden war.
Ein junger Mann mit wunderschönem blondem Haar und Augen, die geradewegs an ihr vorbeischauten, setzte sich neben sie. Breaca erinnerte sich, ihn während des Tanzes schon einmal gesehen zu haben, erinnerte sich aber nicht mehr daran, welche Rolle er bei diesem Ritual gehabt hatte. »Ich bin Bellos«, ergriff er als Erster das Wort. »Und kam ursprünglich aus dem Land der Belger. Dein Bruder, Valerius, der früher einmal Bán war, führte mich von Gallien hierher und lehrte mich, was es braucht, um einer der Träumer von Mona zu werden. Ich war es, der deine Tochter auf die Insel gerufen hatte, und nun gebe ich sie wieder zurück in deine Obhut. Der Vorsitzende unseres Ältestenrats, Luain mac Calma, glaubt, dass Graine der wilde Springstein ist in jenem Spiel namens Kriegertanz. Er schickt sie dir mit dem Wunsch, dass ihr in eurem Zusammenleben schließlich beide wieder Heilung finden möget.« Sein Blick wurde schärfer, geradezu beunruhigend durchdringend. »Letzte Nacht dachte ich, du wärest wieder geheilt.«
»Und jetzt?«
»Jetzt... Du hast die Zeit des Heilens längst hinter dir gelassen. Kannst du den Weg erkennen, den du nun beschreiten musst?«
Mit einem Mal erinnerte Breaca sich wieder an eine ganze Reihe von Dingen, die Valerius ihr einmal über diesen jungen Mann berichtet hatte, und sah nun auch jene Eigenschaften in Bellos, von denen ihr Bruder noch nichts erzählt hatte. »Ich sehe den Weg nur verschwommen«, antwortete sie. »Wirklich klar habe ich ihn ohnehin noch nie gesehen. Ich weiß nur, dass wir dort sein müssen, wo auch die Legionen sind, und dass sie in Richtung Süden vorrücken. Die Legionen sind unser Fluch, und in ihrer Vernichtung liegt unsere Rettung, das heißt, falls wir in unserem Vorhaben nicht versagen sollten. Was auch immer geschieht mit der Zukunft unseres Landes, kann nicht getrennt von den Legionen geschehen.«
Sûr mac Donnachaidh war in Breacas Nähe gerückt und nagte gierig das Fleisch von einer Rippe. Er schien über Nacht deutlich gealtert. Seine Augen suchten ihren Blick. »Ardacos könnte euch zu den Legionen führen. Jedoch könnte es einen ganzen Tag dauern, ehe er ihre Spur gefunden hätte. Aber auch meine Späher haben die Legionen - und jene, die den Legionen folgen - beobachtet.«
Einige Jugendliche hatten sich hinter dem Ältesten der Hirschkrieger versammelt, Krieger, die bei dem nächtlichen Ritual nicht dabei gewesen waren, und im Gegensatz zu ihren vollkommen nackten Stammesmitgliedern trugen sie nun auch jeder einen Messergürtel. Ihre Gesichter und ihr Haar hatten sie mit Lehmfarbe beschmiert, sodass sie aussahen wie Geschöpfe, die geradewegs aus der Erde gekrochen waren. »Wenn ihr nun sowohl unsere Pferde als auch die euren nehmt, könntet ihr die Legionen bis zum Einbruch der Dunkelheit erreicht haben. Dein Sohn und die Ranghöchste Kriegerin von Mona haben insgesamt eintausend Speerkämpfer unter ihrer Führung vereinigt und sind den Römern dicht auf den Fersen. Schon bald werden sie zum Angriff ansetzen - noch bevor ihr sie eingeholt haben könnt. Die Krieger sind gegenüber den Legionen natürlich in der Minderheit, aber sie hoffen, den Überraschungseffekt auf ihrer Seite zu haben, sie planen also die gleiche Angriffstaktik, wie sie sie schon einmal angewandt haben. Ich persönlich denke nicht, dass sie damit Erfolg haben werden.«
Abermals trat das Gewebe der Zeit vor Breacas inneres Auge. Und durch ebendieses Netzwerk zog sich ein dunkler Einschlagfaden, drohte, das ganze Gewebe zu zerstören. Immerhin aber konnte Breaca die Bedrohung nun deutlicher erkennen, sah sie ihre Form und ihre Größe. Trotz des Sonnenlichts verlor der Tag mit einem Mal alle Wärme. Breaca sandte ein Gebet an Dubornos und spürte, wie er es sorgsam an sich nahm, ganz so, wie Breaca ein Kind in ihre Arme geschlossen hätte.
»Nun denn, wenn deine Späher uns tatsächlich zu ihnen führen könnten«, entgegnete sie, »würden wir die Pferde, die du uns anbietest, nur allzu gerne annehmen.«
Die Kriegerin der Kelten
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