XX

Die Schlacht um Camulodunum begann mit tosendem Donnergrollen, mit Blitzen, die keine Geringeren als die Götter selbst wie Speere gegen die vergoldeten Dachziegel der Stadt zu schleudern schienen, und einem solch sintflutartigen Regen, als hätte der Himmel sich in einen wahren Ozean verwandelt, der nun mit seinen Wassermassen über die Erde hereinbrach.
Der Angriff wurde eröffnet von Cunomars Bärinnenkriegern, die diese Aufgabe zum einen natürlich um der Ehre willen übernommen hatten, zum anderen aber auch, weil sie diejenigen waren, die ohnehin nur zu Fuß kämpften und darum in der dem Sonnenaufgang vorausgehenden Düsternis bereits sicher über das gefährliche Gelände um Camulodunum huschen konnten. Für die berittenen Krieger wäre ein solcher Vormarsch ohne ausreichendes Tageslicht noch zu gefährlich gewesen.
Nackt, ohne Fackeln und schon völlig durchweicht von den schier nicht enden wollenden Regengüssen stürmten die Bärinnenkrieger wie eine schweigende Woge der Zerstörung über den langen Abhang hinab zur Hauptstadt Britanniens. Sie rannten über Weideland, das von den Hufen der Herden, die dort den Winter über ausgeharrt hatten, zu einer Art Schlammwüste zertrampelt worden war, eilten vorüber an bereits tief in den Boden gezogenen Ackerfurchen, die nur noch darauf warteten, die Frühlingssaat in sich aufzunehmen, huschten unter dem Triumphbogen hindurch und an dem verwaisten Sockel der Siegessäule vorbei, deren einstige Statue nun zu unzähligen Trümmerstücken zerschlagen auf dem Fußweg lag, und sprangen schließlich leichtfüßig über den ersten der zahlreichen Gräben, die man quer durch die Straßen der Stadt gezogen hatte, um den Pferden der Feinde als Stolperfalle zu dienen.
Wie schon in den vergangenen fünf Nächten, standen auch in dieser Nacht einige römische Veteranen der Zwanzigsten Legion Wache. Sie verteidigten die Gräben gegen die Banden von Kindern und Jugendlichen, die sich in der Dunkelheit heranzuschleichen pflegten, um die mühevolle Arbeit der Legionssoldaten vom Vortag wieder zunichte zu machen. Männer vorgerückten Alters, die geglaubt hatten, dass die Zeiten der Nachtwachen bereits weit hinter ihnen lägen, hatten Lose aus einem Legionarshelm ziehen müssen - ganz so, wie sie es auch in den Tagen ihres Dienstes in der Legion getan hatten - und dann laut vor sich hingegrummelt, wenn sie verloren hatten.
Die Männer neben dem ersten Graben, über den die Bärinnenkrieger geeilt waren, hatten bereits die ganze Nacht dort ausgeharrt und waren mittlerweile nicht nur müde und hungrig, sondern sie wurden auch von einer zunehmenden Unruhe gequält. Sie fürchteten sich nicht bloß vor den angeblich umherwandernden Geistern, sondern hatten auch Angst vor besagten aufständischen Jugendlichen. Vor allem aber grauste es die Veteranen vor den Kriegern, deren Feuer die gesamte Nacht über die Hügelketten oberhalb von Camulodunum erhellt hatten und dann plötzlich allesamt ausgelöscht worden waren.
Die Wachposten hatten das abrupte Verglühen der Feuer genau beobachtet und kamen kaum dazu, einander mit hektischen Fragen zu bestürmen, als auch schon der Regen einsetzte und ohrenbetäubender Donner ertönte. Doch diese Wachen waren keine jungen Männer mehr, denen es nichts ausmachte, die Nacht in strömendem Regen auszuharren, sodass sie sich einer nach dem anderen in einen Unterschlupf zurückzogen, von dem aus sie mit starrem Blick in die finstere Ödnis hinausschauten, zu der Camulodunum sich entwickelt hatte.
Plötzlich aber war die Stadt, die vor kurzem noch menschenleer erschienen war, gar nicht mehr verlassen, sondern mit einem Mal wimmelte es nur so vor Totenfratzen, die sich grinsend und mit scharfen Messern auf die einstigen Legionssoldaten stürzten. Nass und vor Erschöpfung bereits wie benommen, starben die Männer fast ohne Gegenwehr. Schwer sanken ihre Leichen in jene Gräben, die sie soeben noch bewacht hatten. Auf die toten Veteranen wurden einige gehörige Ladungen Schlamm und Geröll geschüttet, und schon waren die Straßen, in denen eben noch Fallrinnen für die Pferde gelauert hatten, selbst für das berittene Heer der Bodicea wieder passierbar.
Hinter der Grabenlinie befand sich allerdings noch eine kleine, unbewachte Barrikade, die aus Schutt, Holz und Teilen von kürzlich verlassenen Villen errichtet worden war. Und kaum dass die Gräben wieder aufgefüllt waren, eilten die Bärinnenkrieger auch schon weiter und machten sich daran, auch die Barrikade niederzureißen.
Nur langsam zog die Morgendämmerung herauf. Cunomar arbeitete mit bloßen Händen, schleuderte zerbrochene Ziegel und ganze Segmente von mit Lehm bestrichenem Flechtwerk an den Straßenrand. Endlich stellte er fest, dass die Dunkelheit ihren tiefschwarzen Mantel bereits etwas gelüpft hatte, und er konnte neben sich die Silhouette von Ulla erkennen, die ebenso wie er eifrig arbeitete.
Ihr dunkles Haar klebte ihr dicht am Kopf, die Enden ihrer durchweichten Strähnen trafen sich unter ihrem Kinn, und die weiße Kalkfarbe, die zuvor noch in groben Kreisen ihre Arme und ihre Schultern bedeckt hatte, klebte nun als körniger Brei in ihren Armbeugen. Der dicke Streifen aber, der geradewegs auf ihrem Nasenrücken platziert worden war, war erhalten geblieben und hob eindrucksvoll den Schnitt ihres Gesichts hervor. Hätte Cunomar die Angst der Veteranen vor umgehenden Geistern geteilt, so wäre es ihm sicherlich nicht schwer gefallen, in ihr nun eine der Untoten zu sehen. Mit breitem Grinsen blickte Ulla zu ihrem Anführer hinüber. Dann hoben sie gemeinsam einen Dachbalken beiseite, der ihnen allerdings sofort einige Splitter in die Handflächen presste. Einen Moment lang hielten Cunomar und Ulla in ihrer Arbeit inne und zogen sich mit den Zähnen vorsichtig die Splitter aus den Händen.
Ulla stand so dicht neben ihm, dass er ihren Schweiß riechen und die Speichelspur erkennen konnte, die sie mit ihren Lippen quer über ihre Hand verteilt hatte, ehe der strömende Regen sie wieder abwusch. Ein greller Blitz erhellte den Himmel, und Ulla erschien plötzlich wie von Silber eingehüllt. Wieder schaute sie Cunomar fröhlich lachend an. Dann, in der kurzen Pause zwischen Blitz und Donner, legte sie eine Hand an das noch vorhandene Ohr ihres Anführers und brüllte über das Trommeln des Regens hinweg: »Bei diesem Regen kann man kein Signalfeuer entzünden, das ist völlig unmöglich. Du musst also irgendwo auf einem der Hausdächer unser Banner aufstellen.«
»Ich weiß.«
Der Sturm schien allmählich weiterzuziehen, die Pausen zwischen den einzelnen Blitzen und dem darauf folgenden Donnergrollen wurden zunehmend länger. Cunomar blieb also gerade noch genug Zeit, um Ulla seine Antwort ins Ohr zu brüllen, ehe die Götter ihre Wolkenberge gegeneinander rammten und der Lärm jeglichen Wortwechsel sofort wieder zum Erliegen brachte. Cunomar berührte leicht Ullas Arm und spürte mehr, als dass er es sehen konnte, wie sie ihm folgte.
Gemeinsam mit den anderen Bärinnenkriegern, die sich zwischenzeitlich ebenfalls wieder um Ulla und ihren Anführer geschart hatten, eilten sie in Richtung Norden und dann in nordöstliche Richtung auf ein solides, ganz aus Ziegeln erbautes Haus zu, dessen Dachpfannen nicht aus vergoldeter Bronze bestanden wie bei den umliegenden Villen, sondern aus Lehm gefertigt worden waren. Die Außenmauer, die um dieses Haus verlief, war zwar hoch genug, um einen gewissen Schutz zu bieten, aber wiederum nicht so hoch, dass man sie nicht mehr hätte erklettern können. Das hatte Cunomar bereits zu Beginn seiner dreitägigen Erkundungstour bemerkt, zu der er kurz vor der Schlacht von einer nahen Hügelkuppe aus angesetzt hatte. Er war also erfreut darüber, festzustellen, dass zumindest dieses Gebäude in der Zwischenzeit noch nicht niedergerissen worden war, so wie es bei den zahlreichen, etwas dichter am Stadtrand liegenden Häusern der Fall gewesen war, um dann aus deren Mauerwerk einen Schutzwall um den zentralen Teil der Stadt zu errichten.
Ulla erkannte die Chance, die dieses Haus ihnen bot, mindestens ebenso schnell wie Cunomar. »Das wäre doch ein guter Ort, um das Banner der Bodicea aufzustellen«, rief sie. »Vor allem aber kann man von hier aus die Schlacht beobachten und sehen, wo wir gerade am dringendsten gebraucht werden.«
»Ja.«
Mittlerweile überraschte es Cunomar nicht mehr allzu sehr, wenn er feststellte, dass Ulla wieder einmal den gleichen Gedanken gehabt hatte wie er. Genauer gesagt hoffte er inzwischen sogar, dass sie sich im Zweifelsfall auch ohne Worte verstehen würden. Als sie den Dachbalken von der Barrikade gehoben hatte, war es das Gleiche gewesen. Und auch davor, als sie zusammen den Straßengraben wieder aufgefüllt hatten. Genauso, wie während der Tage, als sie den Angriff auf Camulodunum planten. Immer hatte Cunomar bei schier unzähligen, scheinbar belanglosen Gelegenheiten das Gefühl gehabt, dass ihm und Ulla genau die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen. Seit dem Tag, als die Krieger der Bodicea die Neunzehnte Legion des römischen Kaisers vernichtet hatten, hatte sich irgendetwas zwischen Cunomar und Ulla verändert. Mehr noch als das gemeinsam durchlittene Auspeitschen oder der mit konsequentem, hartem Training verbrachte Winter, hatte das gemeinsame Töten in der Schlacht sie beide auf eine Art und Weise zusammengeschweißt, wie es nur bei echten Kampfgenossen der Fall war. Dies war ein Erlebnis, wie es auch in den alten Liedern immer wieder beschrieben wurde. Und nicht zuletzt hatte Cunomar dies auch bei seiner Mutter und Caradoc und später dann bei seiner Mutter und Cygfa beobachten können.
Als er noch ein Kind gewesen war, hatte er geglaubt, dass er bereits wüsste, was es bedeutete, mit einem anderen Menschen den gleichen Gedanken zu haben. Jetzt jedoch, im Herzen eines tosenden Sturms und umringt von den Geistern der Toten, die ihren Göttern entgegenmarschierten, während andere, noch auf der Erde weilende Legionare nur einen Speerwurf von Ulla und Cunomar entfernt den beiden Kriegern nach dem Leben trachteten und das Kriegsheer auf dem sanft in Richtung Camulodunum abfallenden Hang auf sein Signal zum Angriff wartete, genau in diesem flüchtigen Augenblick begriff Cunomar, dass sich ihm erst jetzt jene Tür in eine neue Welt eröffnet hatte und er unmittelbar an der Schwelle zu einem ganz neuen Bewusstsein stand. Ein kurzer Blick hinüber in dieses andere Dasein reichte ihm, um zu erkennen, dass dies ein Ort war, an dem er unbedingt noch länger verweilen wollte, ein Ort, zu dem es ihn hinzog wie zu keinem anderen Ort auf dieser Welt. Cunomar dachte an Eneit, der leider nicht mehr lebte, und er erinnerte sich, dass sich auch in seiner Freundschaft mit Eneit einst diese Tür geöffnet hatte. Irgendwann aber hatte Cunomar die Pforte abrupt wieder zugeschlagen. Ein Teil von ihm würde wohl bis in alle Ewigkeit darum trauern.
»Ulla...«
»Später. Darüber können wir auch später sprechen.« Das Grinsen war von ihrem Gesicht verschwunden, der Regen und das Zwielicht hatten sich wie ein dichter Schleier vor ihre Augen gedrängt, und der Ausdruck darin war nur noch schwer zu erkennen. Ihre Miene aber war ruhig und zugänglich, und es schien, als ob Cunomars Gedanke auch dieses Mal in ihrem Kopf hallte, beziehungsweise, als ob ihre Erkenntnis auch ihm schließlich bewusst geworden wäre, nur dass Ulla eben schon etwas eher an jenem Ort angelangt war, den Cunomar soeben hatte erblicken dürfen.
»Ulla, du musst wissen, dass du mir sehr wichtig bist. Und dass ich dich in der Schlacht an meiner Seite brauche.«
»Das weiß ich.« Abermals zuckte ein greller Blitz über den Himmel, und abermals schenkte Ulla Cunomar ein herzliches Grinsen. »Aber jetzt musst du erst mal da hochklettern und das Banner hissen. Ansonsten bleiben wir hinter unserem Zeitplan zurück.«
Sie ließ sich mit den Schulterblättern gegen die Mauer sinken und verschränkte ihre Hände zu einer Art Steigbügel. Cunomar trat einen Schritt zurück und versuchte dann mit einem kräftigen Sprung auf die Mauer zu gelangen. Zwar fand sein Fußballen keinen rechten Halt und rutschte wieder ab, doch in diesem Augenblick war Cunomar auch schon die Mauer emporgeklettert und griff nach der Regenrinne und den dahinter angeordneten Ziegeln. Schließlich stand er mitten auf dem leicht abfallenden Dach der kleinen Villa, während die Regentropfen hart wie Hagelkörner von den Ziegeln abprallten und bis zu seinen Knien hinaufspritzten. Und obgleich sein Haar zwar tropfnass war und schwer, blies der Sturm dennoch so stark, dass ihm die Strähnen um den Kopf wirbelten.
Dunkel lag die Stadt unter dem Unwetter, und lediglich innerhalb jenes massiven Kreises von Barrikaden, der das Zentrum der Stadt umschloss, glimmten noch Lichtpünktchen; die meisten Familien hatten ein kleines Feuer im Ofen schwelen lassen, um in Wärme und Licht und zumindest der vagen Illusion von Sicherheit schlafen zu können.
Die Ziegel, auf denen Cunomar stand, waren mit glitschigem Moos überwachsen. Gurgelnd rann das Wasser an seinen Füßen entlang, während die Regenrinne schon längst übergequollen war. Cunomar reckte sich hoch empor und spürte dem Zerren des Windes und der donnernden Gewalt des Regens nach. Die Götter sandten ihm aus weiter Ferne ein leises Grollen, und dann brüllte er mitten in die langsam zurückweichende Nacht seinen Namen und den seiner Mutter und schließlich auch noch die ersten acht Namen der Bärengöttin.
Der Wind nahm seine Worte auf und zerriss ihre Silben, während der Regen glücklicherweise so weit nachgelassen hatte, dass Cunomar das Banner von seiner Taille zerren und es an jenen Stock knoten konnte, den Ulla ihm hinaufgereicht hatte. Und als das letzte grelle Flackern von Blitzen den Himmel taghell erleuchtete und feine Schwaden von Wasserdunst von den bronzenen Ziegeln des Dachs eines der Nachbarhäuser aufstiegen, da konnte Cunomar endlich von der beruhigenden Gewissheit ausgehen, dass seine Mutter und ihre Krieger ihn gewiss sehen könnten und auch das Banner mit dem roten Schlangenspeer auf blauem Grund erkannten, das er mit kraftvollen Bewegungen über seinem Kopf schwenkte. Und auch den weißen Abdruck in Form einer Bärentatze, der links unterhalb des Speeres prangte, würden sie erkennen können, jenes Zeichen, das den Kampfgeist der Bärengöttin symbolisierte, in deren kraftspendendem Licht Cunomar lebte.
 
Donnernde Hufe und wild bellende Hunde kündigten das Kriegsheer der Bodicea an. Nun gab es keinen Grund mehr, noch länger leise zu sein, falls es überhaupt jemals einen Anlass dafür gegeben hatte. Die Krieger stießen in ihre Hörner, trommelten mit den Schwertern auf ihre Schilde, und einige von ihnen hatten sogar daran gedacht, in irdenen Töpfen etwas Zunder mit sich zu bringen sowie brennende Fackeln, die mit Pech, Harz und Talg getränkt waren und mit Schafswolle umwickelt, sodass sie auch im stärksten Regenguss weiterbrannten. Die gewaltige Flut von Pferden, die sich auf Camulodunum zubewegte, glich also weniger einer ebenen, grauen Masse als vielmehr einem wogenden Meer, auf dem hier und da kleine Funken tanzten.
Die Reiter formierten sich zu einem Ring um die Stadt und rückten langsam durch die verlassenen Straßen vor. Die Pferde wühlten feuchten Schlamm zu glitschigen Bahnen auf, bis die Straßen sich unter den letzten leichten Regengüssen fast schon in kleine Ströme verwandelten. Dann erreichten die Krieger die innere Barrikade, die so hoch und breit war, dass sie gezwungen waren anzuhalten. Ganze Häuser waren abgerissen worden, um dieses Bollwerk zu errichten, und in das Fundament hatte man die Leichen zuvor gehängter Männer gelegt, damit diese die Kraft, die einst in ihren Knochen lebte, nun dem letzten Schutzwall von Camulodunum verliehen.
Mehr und mehr Legionare versammelten sich in der vermeintlichen Sicherheit des Barrikadenrings; Cunomar konnte sie von dem Villendach aus klar erkennen. Es waren Männer in veralteten Rüstungen, die dort hektisch von Haus zu Haus eilten und sowohl in lateinischer als auch in trinovantischer Sprache aufgeregt durch die Fenster und Türen brüllten. Sie riefen die letzten, noch in der Stadt verbliebenen und treu zu Rom haltenden Stammesmitglieder sowie die atrebatischen Söldner zusammen und forderten diese zum Kampf um Camulodunum auf - zumal Letztere für diesen Dienst mit Gold bezahlt wurden.
Cunomar hielt das Banner der Bodicea so lange in die Höhe gereckt, bis die ersten Pferde an der inneren Barrikade angelangt waren. Seine Mutter ritt an ihm vorbei, ebenso wie Cygfa, die als die Kampfgefährtin der Bodicea natürlich zu deren Linker ritt. Auch auf Mona hatte Cygfa schon oft diese Stelle eingenommen, die Caradoc nie mehr würde einnehmen können.
Mit Augen, als hätte er gerade eben erst aufs Neue zu sehen gelernt, beobachtete Cunomar den Schatten, der an der Flamme der Bodicea zu zehren schien, jener Flamme, als die ihr Kampfeswille manch einem erschien. Doch er sah auch die stolze Haltung, mit der seine Mutter das Kinn nach vorn reckte, sah, wie ihr vom Regen dunkel getöntes Haar wie gehämmerte Bronze schimmerte, und er erkannte die leichte Gewichtsverlagerung, die durch ihren Körper lief, als sie ihr Schwert erhob. Doch ihm entging auch nicht diese vage Ungelenkigkeit, die trotz allem in Breacas kämpferischer Geste lag und die von den vielen, noch immer nicht richtig verheilten Wunden auf ihrem Rücken herrührte. Und schließlich - und dieser Anblick ließ sein Herz vor Liebe warm werden - sah er, wie Cygfa zeitgleich mit der Bodicea ihr eigenes Schwert zog und ihrer Heerführerin damit schützendes Geleit gab.
Irgendetwas sehr Kleines und sehr Süßes schien in Cunomars Seele zu dringen, fast wie das Lied einer Lerche, die zirpend im Moor eine kurze Rast einlegte. Da begriff er, dass er in genau diesem Moment durch puren Zufall etwas sehr Kostbares gefunden hatte, ein Gefühl, das nur die wenigsten mit ihm teilten. Hätte er schon eher geahnt, dass ein solches Gefühl überhaupt existierte, so hätte seine quälende Sehnsucht nach diesem Gefühl ihn mit Sicherheit bereits umgebracht.
Es war schön, endlich erwachsen zu sein und diese Dinge zu erkennen. Cunomar blickte sich um, suchte nach anderen ihm bekannten Gesichtern, suchte nach Menschen, von denen er wusste, dass sie sich irgendwo in der geradezu brodelnden Masse von Reitern verbergen mussten. Er brauchte nicht lange um sich zu schauen, um einige ihm wohlbekannte Zweiergrüppchen zu entdecken oder aber deren Fehlen zu registrieren. Und er erkannte auch bereits an der Art, wie diese Zweiergrüppchen ritten, wie sie später in der Schlacht kämpfen würden. Glücklicherweise waren Valerius und dessen thrakischer Kavallerist jedoch nirgends zu entdecken. Entweder befanden sie sich weiter hinten im Zug oder aber sie kamen vom Süden her in die Stadt geritten, um damit den Osten ganz allein Ardacos zu überlassen, der seine eigenen, handverlesenen Krieger gerne durch das östliche Tor in die Stadt hineinführen wollte, jenes Tor, das dem Tempel des Claudius am nächsten gelegen war. Denn natürlich war der Tempel einer der Orte in Camulodunum, die noch am ehesten zu verteidigen waren und die folglich auch am besten bewacht sein würden. Dort, am Tempel, waren die Barrikaden aus gegossenem Mörtel gefertigt, und die Straßen waren mit eisernen Dornen bestreut worden, um damit die Pferde der Krieger fernzuhalten.
Die Kämpfe begannen schließlich im Westen, wo Cunomar noch immer auf dem Hausdach stand. Die Krieger der Bodicea saßen ab, ließen ihre Pferde ein Stück entfernt im Schlamm warten und machten sich daran, die Schwachstellen der Barrikade auszukundschaften. In den Barrikaden selbst gab es zwar nur wenige Stellen, wo sie ansetzen und den Angriff hätten beginnen können, doch es waren einige schmale Tore für die Veteranen gelassen worden, die die Nacht über an den Gräben Wache gehalten hatten, und diese Durchlässe in den Barrikaden waren von innen her nur schlecht zu sichern.
Cunomar beobachtete eine Schar junger Krieger, die sich gegenüber einem dieser Durchlässe zu einem Keil formierten. Sein Platz auf dem Dach des Hauses bot ihm einen wirklich exzellenten Ausblick. Und er konnte auch genau erkennen, wie sich im Inneren der Barrikaden die atrebatischen Söldner und die römischen Veteranen versammelten. Die Atrebater trugen Jagdspeere bei sich, jene besonders langen Waffen mit breiter Klinge und einem kleinen Querstück am Hals der Klinge, sodass ein mit dieser Waffe durchbohrter Keiler nicht mit letzter Kraft gar noch weiter in den Speer hineinrennen und den Menschen dahinter angreifen konnte. Doch natürlich konnten diese Speere auch dazu benutzt werden, durch einen Schild zu stoßen und diesen dann einem unaufmerksamen, unerfahrenen Krieger einfach vom Arm zu reißen.
Und das traf leider auf eine erschreckend große Anzahl der Krieger der Bodicea zu; viel zu viele von ihnen waren noch vollkommen unerfahren, was eine echte Schlacht anging. Jene, die bei der Vernichtung der Neunzehnten Legion dabei gewesen waren und sich somit trügerischerweise bereits als wahre, kampferprobte Krieger betrachteten, strömten nun unter der Führung von Ardacos beziehungsweise Valerius aus gegenüberliegenden Richtungen in die Stadt ein. Aufmerksam beobachtete Cunomar weiterhin die jungen Krieger dabei, wie sie sich bemühten, einen geschlossenen Keil zu bilden. Sie hatten dieses Prozedere erst ein einziges Mal vollzogen, und das war auf dem Übungsplatz gewesen und nicht etwa in einem wirklichen Kampf. Die Männer, die innerhalb der Barrikade auf die Angreifer lauerten, schienen die Schwäche der Jungen zu ahnen und rückten sichtlich kampfeslustiger noch ein wenig enger zusammen.
Ulla stand auch weiterhin vor der Villa und wartete auf Cunomar. Mit leisem Zischen rief er ihren Namen. Erfreut über das, was er ihr soeben zugeraunt hatte, blickte sie zu ihm hoch. Unmittelbar in ihrer Nähe standen noch fünf weitere Bärinnenkrieger. Es waren Scerros und dessen Cousine sowie noch jene drei anderen Krieger, die dem Sohn der Bodicea am nächsten standen. Diese fünf waren nicht der Ansicht, sich bereits als kampferprobte Krieger bezeichnen zu können. Denn sie hatten gesehen, mit welcher Perfektion die Bodicea vor ihrer Auspeitschung zu kämpfen verstand. Und später hatten sie Valerius dabei beobachten können, wie dieser sein Schwert führte. Zumindest diese fünf wussten also genau, welch großes Maß an Erfahrung ihnen noch fehlte. Doch sie hatten zumindest den letzten Winter damit verbracht, gemeinsam mit Ardacos und Gunovar zu trainieren und sich im Gebrauch ihrer Messer zu üben. Und sie alle hatten ihre Wunden davongetragen und wussten nun, wo die Grenze lag zwischen leben und sterben.
Natürlich aber waren sie nicht nur geschickt im Umgang mit ihrem Messer, sondern auch in bester körperlicher Verfassung, sodass sie mit Leichtigkeit über Ullas verschränkte Hände bis hinauf auf das Hausdach kletterten. Ulla selbst kam als Letzte und wurde von Cunomar hinaufgezogen. Er hatte sich bäuchlings auf das Dach gelegt, während zwei andere ihn an seinen Fußgelenken festhielten, sodass er sicheren Halt hatte, als er Ullas Handgelenke umklammerte und sie mit Schwung nach oben zerrte.
Sie trugen keine anderen Waffen bei sich als ihre Messer, und auch das Unwetter bot ihnen keinerlei Deckung mehr - sie alle waren klar zu erkennen. Cunomar rammte das Heft seiner Standarte in eine Lücke zwischen zwei Ziegeln und führte seine Krieger anschließend in einer wilden Hatz quer über die Dächer von Camulodunum. Sie sprangen über grün bemooste Dachpfannen, landeten auf patinaschimmernden Bronzeziegeln und dann auf einem Strohdach mit nur einem einzigen Dachbalken, so schmal, dass er kaum breiter war als ein Stock und beängstigend zitterte, als Cunomar und seine Krieger darüber hinwegeilten.
Ehe er von dem vergoldeten Hausdach hinuntergesprungen war, hatte Cunomar gerade noch sehen können, wie seine Mutter an der Barrikade angekommen war, sich aber sofort nach rechts und in Richtung Süden wandte, wo ein verhältnismäßig breiter Durchgang lag. Seitdem war sie von keinem mehr gesehen worden. Zum ersten Mal seit Jahren war Cunomar erleichtert darüber, dass er seine Mutter nirgends entdecken konnte und dass auch sie ihn in dem schon bald losbrechenden Schlachtgetümmel nicht würde beobachten können. Vor allem wollte er nicht, dass die Bodicea bereits jetzt ihr Leben aufs Spiel setzte, bloß, um diese kleine Gruppe noch völlig unerprobter Krieger zu retten, die sich vor jener Lücke in der ringförmigen Barrikade formiert hatte.
Ein Misthaufen bot den Kriegern eine bequeme, wenngleich unangenehm riechende Möglichkeit, um wieder von den Hausdächern hinunter und zurück auf den Erdboden zu gelangen. Noch im Sprung rupfte Cunomar geschickt eine Handvoll Stroh vom Dach des bescheidenen Hauses und wischte sich gerade den Schmutz von seinen Füßen und Waden, als die anderen sechs sich auch schon wieder um ihn geschart hatten.
Sie befanden sich in einer Gasse innerhalb der Barrikaden, und zu ihrer Rechten lauerten zwei exakt ausgerichtete Reihen von je acht Männern vor dem schmäleren der beiden Durchgänge. Jeder der Männer war mit einem jener typisch römischen, rechteckigen Schilde bewehrt, die Kante eines jeden Schildes fest mit der des Nachbarschildes verkeilt. Aus der rechten der beiden Reihen ertönte ein scharfer und in lateinischer Sprache gebrüllter Befehl, und sofort zogen die Kämpfer ihre Schwerter. Es waren keine Römer, die sich dort aufgereiht hatten, sondern einfache Söldner, Männer aus dem Stamme der Atrebater, deren Großväter einst gegen Julius Caesar gefochten hatten. Knappe zwei Generationen später hatten ihre Nachkommen sich bereits umentschieden und die Waffen und die Sprache Roms angenommen.
Cunomar verfluchte sie, nur leise zwar, doch mit stetig zunehmender Inbrunst. Mittlerweile waren die letzten Spuren der Nacht verblichen, und die Morgendämmerung ergoss ihr mattes Licht über die Stadt. Auch der Regen ließ nach und verdrängte mit seinen Wassermassen nicht mehr länger die Luft aus den Gassen. Gefangen hinter einer provisorischen Mauer, hinter der im Augenblick wohl Tausende von Feinden sich zusammengedrängt haben mochten, waren Cunomar und seine Handvoll Bärinnenkrieger nun ganz auf sich allein gestellt, und der eigene Tod war nurmehr ein Wort oder einen raschen Atemzug von ihnen entfernt. Und sicherlich wäre ein Tod unter diesen Umständen zwar überaus rühmlich, noch rühmlicher aber wäre es, am Leben zu bleiben und vor allem den Sieg zu erringen.
Ulla berührte sacht Cunomars Oberarm. »Wir können uns nicht mit der gleichen Taktik auf sie stürzen, wie wir sie im Wald angewandt hatten. Die hier würden uns sofort entdecken.«
»Sie haben ein Stückchen hinter sich einige Ersatzspeere deponiert«, erklärte Cunomar. Er hatte dies bereits von seinem Platz auf dem Hausdach aus entdeckt. »Um die Kerle töten zu können, müssen du und ich also erst einmal ans andere Ende ihrer beiden Reihen gelangen. Ihr anderen fünf bleibt auf dieser Seite. Harrt aus, bis der Kriegerkeil von außen zum Angriff ansetzt.«
Sie warteten. Die jungen Männer und Frauen vor der Barrikade sangen den Namen der Bodicea. Als sie sich von ihrem Gesang endlich ausreichend gestärkt fühlten, stürmten sie auf nackten Fußsohlen vorwärts gegen die Barrikade.
Cunomar hörte einige harsche lateinische Wortfetzen, hörte, wie in atrebatischer Sprache die Namen von Jupiter, Mars Ultor und des gehörnten Gottes angerufen wurden, und konnte dann beobachten, wie die erste Reihe von Söldnern sich mit ihren Schultern gegen ihre Schilde stemmten und diese fest zusammenhielten, sodass sie einen lückenlosen Wall bildeten, während ihre Kameraden von hinten mit ihren Speeren über die Köpfe der Vordermänner hinwegstachen und dabei auf die Gesichter und die Augen jener jungen Kriegerinnen und Krieger zielten, die nun mit lautem Kampfgebrüll herangestürmt kamen.
Die jungen Männer und Frauen starben unter gellenden Schmerzensschreien, genauso, wie es von Anfang an vorauszusehen gewesen war. Als der Kampf seinen Höhepunkt erreicht hatte, huschte Cunomar ungesehen auf die linke Seite der beiden Söldnerreihen und dann wieder scharf nach rechts, aus der schmalen Gasse hinaus. Die Speere, auf die er es abgesehen hatte, waren bereits aus ihrer Verschnürung gelöst worden und lagen griffbereit hinter den Männern deponiert, sodass diese bei Bedarf einfach nur noch danach zu greifen brauchten.
Rasch nahm Cunomar sich zwei der Speere, in jeder Hand einen. Er war allein, seine Kameraden standen am anderen Ende der Söldnerreihen. Der Mann unmittelbar vor Cunomar hatte sich weit vorgebeugt, während er seine Waffe gerade in das Gesicht einer jungen Kriegerin bohrte. Zwar sah der Söldner noch, wie ein Schatten auf ihn zuzueilen schien, und versuchte mit einem knappen Fluch, seinen Speer wieder aus seinem Opfer herauszureißen, doch es gelang ihm nicht. Stattdessen machte er einen raschen Sprung nach hinten und griff nach seinem Schwert. Sofort traf ein Speer seinen Hals, durchbohrte ihn jedoch nicht, sondern glitt halb an ihm vorbei, denn der Mann hatte sich, während der Speer bereits durch die Luft flog, noch weiter herumgedreht. Ulla hatte ihr Ziel verfehlt.
Der Söldner, den sie hatte treffen wollen, hatte sich einfach zu plötzlich umgedreht, zudem war Cunomar ihr leicht taumelnd in die Wurfbahn getreten, und dann war auch noch ein anderer, bereits tödlich verwundeter Söldner direkt vor ihr zu Boden gesunken, sodass Ulla überhaupt keine Chance mehr hatte, noch sauber zu zielen, und die Wucht ihres missglückten Wurfs schließlich auch sie noch ins Taumeln brachte.
Cunomar sah, wie sie mit einem kraftvollen Ruck ihre Schulter nach vorn drückte, hörte ihren knappen, unterdrückten Fluch. Er sah ihre gebräunte Haut, von der mittlerweile fast sämtliche Kalkfarbe wieder abgewaschen war, und er sah auch die zackigen, rötlich weißen Narbenlinien auf ihrem Rücken, jenes Überbleibsel ihrer gemeinsam durchlittenen Auspeitschung, das in seinem Bewusstsein fast schon wieder komplett erloschen war und das er, besonders in den letzten Tagen der Vorbereitungen, auch bei keinem der anderen Bärinnenkrieger mehr wissentlich wahrgenommen hatte. Voller Entsetzen musste Cunomar nun beobachten, wie Ulla auf genau jenen Mann zustolperte, den er selbst soeben erst niedergestreckt hatte, der aber noch nicht tot war.
Regennass taumelte Ulla vorwärts, und hilflos musste Cunomar mit ansehen, wie der Tod sich an seine Kampfgefährtin anschlich, während der sterbende Söldner mit allerletzter Kraft sein Schwert hob. Der Mann musste noch nicht einmal mehr einen Hieb ausführen mit seiner Waffe, er musste sie bloß noch ruhig auf Brusthöhe halten und Ulla einfach von ganz allein in die Klinge stürzen lassen. Und genau das tat sie auch. Langsam, mit fast anmutiger Geschmeidigkeit und unaufhaltsam.
»Ulla, nicht!«
Cunomar hatte gar nicht gewusst, dass er so laut brüllen konnte, geschweige denn, dass ihm so viel an Ulla lag. Der Tod kam strahlend, und er war wunderschön, und dennoch hatte Cunomar nicht die Absicht, seine gerade erst entdeckte Schildgefährtin schon so bald in die ruhmreiche Ewigkeit im Herzen der Bärengöttin eingehen zu lassen.
Auch er hatte das Gleichgewicht verloren, konnte sich jedoch im Gegensatz zu Ulla wieder fangen. Es war dieser winzige Augenblick, in dem die Welt still zu stehen schien und Cunomar zugleich einen raschen Ausblick auf eine Unzahl von noch folgenden Leben ohne Ulla an seiner Seite erhaschen konnte und die Bärengöttin in ihrer Gnade ihm, und nur ihm allein, erlaubte, sich zu bewegen, während alle anderen um ihn herum wie erstarrt schienen. Cunomar sprang seitwärts auf Ulla zu, streckte seinen Arm aus und stieß seine Schildgefährtin, noch während diese kopfüber nach vorn stürzte, blitzschnell zur Seite, sodass sie schließlich mit jenem Mann zusammenstieß, den sie eigentlich hatte töten wollen, und das tückische, scharf geschliffene Eisen der noch immer geradeaus in die Luft gereckten Waffe anstelle von Ullas Leib Cunomars Bein traf. Es streifte geradewegs an der Innenseite seines Oberschenkels entlang, trat hinter seinem Bein wieder aus und verfehlte dabei nur knapp Cunomars Hoden. Hätte der Söldner sein Schwert vor der Schlacht auch nur ein kleines bisschen weniger sorgfältig geschärft, wäre seine Klinge noch genau jenes kaum wahrnehmbare Stückchen breiter gewesen, das schließlich den Unterschied machte zwischen einem nur um Haaresbreite verfehlten Stoß und einem Schnitt entlang Cunomars Geschlechtsorgan.
Doch sie befanden sich mitten in einer Schlacht, und keiner von ihnen konnte es sich erlauben, nun erst einmal innezuhalten und durchzuatmen. Cunomars Söldner starb, während Ullas noch immer am Leben war. Da aber stürzte auch schon eine von Scerros’ Cousinen sich von hinten auf den Mann und tötete ihn. Es war jenes junge Mädchen, das den Namen Adedomara trug, oder auch kurz Mara, wenn sie sich in einem Kampf befanden und niemand Zeit hatte, einen Namen zu brüllen, der länger war als ein Atemzug.
»Mara! Rechts!« Für ausführlichere Warnungen war nun nicht der richtige Augenblick, denn rechts von Mara war bereits jener Söldner aufgetaucht, dessen Bruder sie soeben niedergemetzelt hatte.
Doch schon war Scerros zur Stelle und führte mit seinem Messer eine Stichbewegung aus, die von unten schräg nach oben verlief und mit der er dem feindlichen Söldner einen der Oberschenkelmuskeln durchtrennte. Durch Zufall, obwohl Scerros später noch behaupten sollte, dass dies eher auf sein Geschick mit der Waffe zurückzuführen sei, traf er mit seinem Stich auch noch die Hauptschlagader im Oberschenkel, und im Rhythmus des langsam ersterbenden Herzschlags des Mannes sprudelte ein dicker Schwall hellroten Bluts aus seinem Bein hervor. Doch auch zwei weitere Bärinnenkrieger konnten noch jeweils ein Opfer für sich verbuchen, die zwar beide keines sauberen und raschen Todes hatten sterben dürfen, aber immerhin so schwer getroffen worden waren, dass sie zu Boden gingen und für niemanden mehr eine Gefahr darstellten.
Dennoch standen noch immer sieben Krieger zwölf Söldnern gegenüber, die zudem mit Schilden und Rüstungen bewehrt nur darauf lauerten, die aufständischen Wilden endlich zu unterwerfen. Bis auf drei, die weiterhin den Durchbruch in der Barrikade bewachen würden, hatten die Atrebater sich allesamt zu Cunomar und seinen Kampfgefährten umgedreht. Wobei die Söldner an der Barrikade nicht viel mehr zu tun brauchten, als ihre Schilde ineinander zu verkeilen und sich dann in die Lücke zu stemmen. Das allein reichte schon aus, um die Außenstehenden daran zu hindern, an ihnen vorbeizulangen. Die anderen neun hingegen fügten sich sogleich in vorbildlicher Formation zu einem Keil zusammen, rissen ihre zweischneidigen Schwerter hoch, um sich dann mit einer halben Drehung und im Laufschritt auf die Krieger zu stürzen. Ihr Ziel war es, die ungeordnete Reihe von Cunomars Kampfgefährten zu zersprengen.
»Bären! Vor dem Keil auseinander!«
Sie hatten dieses Manöver erst ein einziges Mal geübt.
Valerius hatte darauf bestanden, dass die Krieger diesen Verteidigungstrick mindestens einmal erproben müssten. Schließlich hatten sie alle gemeinsam von der Hügelkette aus hinunter in die Stadt gespäht, und ein jeder von ihnen hatte beobachten können, welche Kampfformationen die aus dem Dienst ausgeschiedenen Veteranen den atrebatischen Söldnern auf dem quadratischen Platz vor dem Forum eingebläut hatten. Ursprünglich hatte Cunomar sich zwar geweigert, Valerius’ Befehl zu gehorchen, allerdings nur so lange, bis Ardacos sich überraschend auf die Seite des Bruders der Bodicea schlug. »Die Veteranen sind alte, kampferfahrene Männer, und sie sind nicht dumm. Ihr müsst also jetzt lernen, wie ihr euch gegen sie zu verteidigen habt, und nicht erst, wenn die Kerle in geschlossener Formation auf euch zurasen.«
Die Bärinnenkrieger hatten sich schließlich also gefügt und getan, was von ihnen verlangt worden war. Und genau das Gleiche taten sie auch jetzt, zwar nicht allzu behände, aber doch immerhin mit genügend Raffinesse, um die Atrebater mit ihrem Angriff geradewegs ins Leere laufen zu lassen, oder, genauer gesagt, gegen die Wand eines Holzlagers.
Die Ersten in ihrem Keil konnten gerade eben noch mit einem hastigen Satz zur Seite ausweichen, bevor die größere und erst mit einiger Verzögerung wieder innehaltende Masse ihrer Kameraden hinter ihnen sie zerquetscht hätte.
Valerius hatte behauptet, die Legionare könnten sich innerhalb eines Keils sofort wieder umformieren und jederzeit in jede beliebige andere Richtung weiter voranpreschen - ein einziger Befehl oder anschwellender Ton aus einer Trompete reichte hierzu bereits aus. Diese Männer hier jedoch waren zum Glück keine Römer, sie hatten nicht bereits Dutzende von Wintern hindurch und bei jedem Wetter und in sämtlichen denkbaren Manövern ihre unterschiedlichen Kampfformationen eingeübt. Allein dieser Tatsache war es also zu verdanken, dass die Bärinnenkrieger schließlich doch noch überlebten.
Sie konnten nur schwer einen klaren Gedanken fassen, konnten nicht lange darüber nachgrübeln, welchen Winkelzug sie nun als Nächstes anwenden sollten, während der Boden unter ihren Füßen sich zunehmend mit Blut durchtränkte und die Luft den scharfen Geruch von Angstschweiß annahm. Hastig sprang Cunomar nach links und erahnte, wie Ulla und Mara ihm folgten. Scerros befand sich auf der anderen Seite des feindlichen Keils, gemeinsam mit den drei anderen ihrer insgesamt sieben Krieger starken Truppe. Obwohl dies nicht mehr so ganz stimmte, denn mittlerweile waren sie nur noch zu sechst - einer von ihnen war bereits zu Boden gegangen. Ein Schwert hatte sich in seine Körperseite gebohrt. Doch es blieb keine Zeit, um nachzusehen, wer der Getroffene war. Cunomar wusste nur, dass es weder Ulla noch Mara waren und dass Scerros von Todesangst gepackt in die falsche Richtung lief.
Cunomar erreichte die Barrikade, stellte sich mit dem Rücken zu der festen Mauer, um wenigstens von hinten keine Angreifer fürchten zu müssen, und hob seinen gestohlenen Speer in die Luft.
»Zu mir!« Seine Stimme übertönte die gellenden Schreie des Verwundeten. Sofort eilten Ulla und Mara zu ihm hinüber, stellten sich von Angesicht zu Angesicht den Söldnern gegenüber, die zwar nicht in der Lage sein mochten, einen Angriffskeil in Sekundenschnelle umzuformieren, die aber dafür überaus geschickt darin waren, sich zu einer fest geschlossenen Reihe aufzubauen. Und dann warteten sie, die Blicke zur Seite gewandt, und starrten hoffnungsvoll in die Gasse, die Schilde ineinander verkeilt und scheinbar wie mit dem Erdboden verwachsen. Und warteten …
»Es kommen noch mehr Veteranen«, erklärte Ulla leise. »Sie laufen gerade an dem Haus vorbei, auf dem du das Banner gehisst hast.« Cunomar spürte die Glut, die von ihrem Körper ausstrahlte, konnte ihren Schweiß riechen, und er erahnte, wie unwichtig es ihr war, ob sie nun starb oder nicht. Sie war bereits fast gestorben. Und er hatte sie wieder gerettet. Doch diese Dinge drangen allesamt bloß ganz langsam in sein Bewusstsein.
Ulla schaute ihn an, flüchtig nur, doch ohne Angst. »Lass uns in den Kreis der Bärin eintreten. Wenn wir schon sterben müssen, wollen wir noch mindestens einen Feind mit uns nehmen.«
Niemand, der jemals in den Kreis der Bärin getreten war, hatte den darauf folgenden Kampf überlebt. Keiner konnte davon künden, wie es war, dieses Ritual zu vollziehen. Das Ritual, um das es dabei ging, verlangte, dass jeder Krieger zunächst einen Kreis in den Erdboden oder das Grasland zeichnete und anschließend unter Eid versprach, diesen Kreis nicht mehr zu verlassen, außer, um sich auf den ihm am nächsten kommenden Feind zu stürzen. Er durfte alles benutzen, was ihm für diesen Angriff zur Verfügung stand, seine Hände, seine Zähne und natürlich sein Messer, ebenso wie sein eigenes Fleisch, seine eigenen Knochen, um damit den Feind so nahe an sich herankommen zu lassen, dass dieser den Krieger zwar tötete, dass aber zugleich auch der Krieger den Feind töten konnte. Auf diese Weise würde wenigstens ein Geist die Krieger begleiten auf ihrer Reise durch die Wälder hinter dem Leben und hinein in das Herz der Bärengöttin, jener höheren Macht, der die Krieger ihre Seele versprochen hatten.
Noch immer wusste Cunomar nicht, wo Scerros sich gerade aufhielt. Die anderen drei seiner Kampfgefährten aber standen dicht genug bei ihrem Anführer, dass auch sie hören konnten, was Ulla gerade vorgeschlagen hatte. Sie hatten Angst und waren furchtlos zugleich und starrten Ulla an, als ob diese bereits in das Herz der Bärin eingetreten sei und somit bereits Teil des Mysteriums um die Bärengöttin geworden wäre. Cunomar fühlte ein gänzlich unerwartetes und dennoch intensives Gefühl des Stolzes in seinem Inneren aufwallen, Stolz auf sich selbst, Stolz auf die anderen, vor allem aber auf Ulla. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass es etwas gab, für das es sich zu leben lohnte, etwas, das noch wichtiger war, als sich vor seiner Mutter und Ardacos’ strengen Blicken endlich als echter Bärinnenkrieger zu erweisen.
Da drang wie aus weiter Ferne, wie aus einer anderen Zeit und aus einer anderen Schlacht Cygfas Stimme in sein Bewusstsein ein: Ein Anführer behält stets die größeren Zusammenhänge im Auge. Und er vergisst nie, dass ein Menschenleben letztendlich mehr wert ist als selbst die größte Ehre. Noch während Cygfa diese Worte damals gesprochen hatte, hatte Cunomar bereits gewusst, dass sie recht hatte. Denn genauso, wie es Schildkameraden miteinander erging, so war auch das gegenseitige Verständnis zwischen Cunomar und Cygfa etwas ganz Besonderes, etwas, dessen Wesen noch viel tiefer reichte, als Worte jemals vorzudringen vermochten. Mit einem Mal verspürte Cunomar das dringende Bedürfnis, den Kampf sofort zu beenden, seine Schwester zu finden und ihr zu sagen, dass er endlich verstanden hatte.
Doch dazu blieb nun keine Zeit mehr. Wie Ulla bereits angekündigt hatte, kam bereits eine ganze Kompanie von römischen Veteranen angetrabt. Außerdem hatten die drei Atrebater, die noch immer standhaft die Lücke in der Barrikade zu schützen wussten, den gesamten Keil, zu dem die Jungkrieger sich formiert hatten, niedergemetzelt. Für die sechs verbliebenen Bärinnenkrieger, die sich nun auf der falschen Seite der Barrikade befanden, gab es keinen Ausweg mehr - außer, sie flohen geradewegs nach oben.
»Hoch da!« Cunomar trat ein Stück zurück, stemmte die Schultern gegen die Barrikade, steckte das Messer in seinen Gürtel und verschränkte die Finger miteinander. Seine Stimme übertönte selbst die heulenden Krieger. »Über die Barrikade rüber! Auf meine Schultern, genauso, wie wir das auch vorhin gemacht haben.«
Ulla sah, wie Cunomar sich bereitmachte, um den anderen zur Flucht zu verhelfen, und sie verstand. Denn sie war seine Schildkameradin und Seelenverwandte. Sofort eilte sie neben ihn und schrie Mara an: »Hoch mit euch, ehe sie uns sehen!«
Doch schon setzten die Söldner sich in Bewegung, lösten sich aus der Reihe, die sie soeben noch gebildet hatten, um vorwärtszustürmen. Sie waren überrascht und fühlten sich zugleich betrogen. Denn niemals zogen die Krieger der Eceni sich freiwillig aus dem Herzen einer Schlacht zurück - niemals.
Ein einziges Mal hatte die Bodicea diese Regel gebrochen, um ihre Kinder, die Kinder ihres Stammes zu retten. Nun mussten diese Kinder sich selbst retten. Und zögerten. Stocksteif stand Mara da, wie betäubt, und wusste nicht, was sie tun sollte. Cunomar brüllte sie an: »Im Namen der Bärengöttin, rette dich! Ulla, du gehst als Erste.«
Endlich rührte Mara sich wieder. Ulla dagegen würde trotz Cunomars Befehl ganz gewiss nicht als Erste gehen, sie würde ihn nie verlassen, das konnte er ihr ansehen. Er besaß einfach nicht die Macht, ihr Befehle zu erteilen. Außerdem blieb ihm dazu auch keine Zeit mehr. Denn schon hatten die Söldner sie erreicht. Er gab auf, zog sein Messer wieder hervor und erklärte laut genug, dass alle ihn hören konnten: »Nein, ihr habt natürlich recht. Wir treten jetzt ein in den Kreis der Bärin.«
Er würde sterben. Es gab noch einige Rituale, die er nun eigentlich vollziehen sollte, Anrufungen, die er sprechen sollte - doch stattdessen konnte er nur an Ulla denken, sah im Geiste wieder, wie sie lachend und von einem Blitz in silbernes Licht getaucht vor ihm gestanden hatte.
Träge und grinsend kam der erste der atrebatischen Söldner auf ihn zu, mit stumpfsinnigem Blick und platter Nase, die Klinge geradeaus nach vorn gereckt, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben, dass er gleich den Sohn der Bodicea tötete.
Im Stillen sprach Cunomar den neunten, geheimen Namen der Bärengöttin. Da spürte er, wie das Messer in seiner schweißnassen Hand zu rutschen begann, und er fluchte, denn er hatte nur eine einzige Chance, um den Söldner vor ihm niederzustechen. Warm vom Blut eines anderen Mannes quoll ihm der Schlamm zwischen den nackten Zehen empor, und wie in einem Rausch erinnerte Cunomar sich plötzlich wieder an all das, was er in seinem Leben geliebt hatte. Sämtliche Gesichter, Erinnerungen erschienen zeitgleich vor seinem inneren Auge.
Er trat einen Schritt vor, spannte alle Muskeln an und konzentrierte sowohl seine Gedanken als auch das Sehnen seines Herzens allein auf die Kehle jenes schweren Mannes, der nun auf ihn zugetrottet kam. Cunomars Welt bestand nur noch aus einem winzigen Ausschnitt, und sein letztes Ziel war klar. Am Ende war er selbst erstaunt über die Kraft, die die Todesangst ihm plötzlich verlieh, und er nahm voller Überraschung wahr, wie ihn diese Kraft nun regelrecht emporzustemmen schien, über alles andere hinweg, und wie er beinahe schon zu schweben schien.
In diesem inneren Schwebezustand verharrend, setzte er zum Sprung an.
Der Lärm um ihn herum war ohrenbetäubend. Doch trotz des Lärms hörte er mitten im Sprung, wie jemand seinen Namen rief. Er glaubte, dass es Cygfas Stimme gewesen war, und wünschte, er hätte ihr noch gedankt für alles, was sie ihm geschenkt hatte. Doch Cunomar wusste, dass er damit würde warten müssen, bis sie sich in dem Land hinter dem Leben wieder begegneten. Denn nun würde er sterben. Seinen geplanten Messerstoß gegen den Söldner aber hatte er noch immer nicht ausgeführt. Und dennoch erlosch bereits das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes. Und noch mehr Blut rann zwischen Cunomars Zehen hindurch, als er bäuchlings im Schlamm landete und nicht etwa auf dem Körper jenes Mannes, auf dessen Kehle er gerade eben gezielt hatte. Cunomar stolperte, streckte schützend seine Hand nach vorn und spürte, wie scharfes Eisen ihm durch die Finger schnitt. Er fluchte.
Ein flüchtiger Schatten schien über ihn hinwegzugleiten. »Hier! Nimm das, du Idiot! Vierzig von ihnen sind direkt auf dem Weg zu uns. Jetzt mach schon, nimm endlich die Klinge. Und fang was Vernünftiges damit an«, zischte Cygfa, die in diesem Moment fast genauso aussah wie einst ihr Vater und einfach bloß wunderschön war.
Benommen nahm Cunomar die Klinge entgegen, die sie ihm in die Hand drückte. Trotzdem hatte er noch immer keine Ahnung, wie er den Atrebatern entkommen sollte. Er spürte, wie Ulla sich dicht an seine Schulter drängte, und wusste in diesem Augenblick nicht, ob er dankbar dafür sein sollte, dass sie nun wohl gemeinsam in das Land hinter dem Leben und dort in das Herz der Bärengöttin einkehren würden, oder ob er es bedauern sollte, dass seine Schildgefährtin sterben musste und damit keines der unzähligen Wunder, die das Leben ihr noch hatte schenken wollen, mehr genießen könnte.
»Nach rechts rüber«, ertönte ein neuerlicher, scharfer Befehl aus Cygfas Mund. »Und mach Platz, damit auch die anderen nachrücken können. Wir müssen genauso viele sein wie die Römer.«
Gehorsam kam Cunomar ihrer Aufforderung nach, wenngleich er in alledem beim besten Willen keinen Sinn mehr erkennen konnte und die Bärengöttin sich gewiss bereits auf die Jagd nach ihm gemacht hatte. Er lauschte in sein Innerstes hinein, wartete auf den Sog aus den Tiefen des Waldes, der ihm verriet, dass die Bärin schon ganz nahe bei ihm war. Doch immerhin blieb er nicht stehen, sondern huschte wie mechanisch hinter Ulla und Cygfa her, die nach rechts ausgewichen waren, um Freiraum zu schaffen für die anderen Krieger. Immer mehr Schatten kamen durch die Lücke in der Barrikade geschlüpft und drängten sich Schulter an Schulter dicht aneinander.
Die hereinströmenden Krieger gehörten allerdings nicht zu der kleinen Untergruppe der Bärinnenkrieger; keiner von ihnen kämpfte nackt und bloß mit einem Messer bewaffnet, sondern sie waren in Leder und gestohlene Kettenhemden gekleidet, trugen Schilde und Langschwerter bei sich, und einige von ihnen hatten sich sogar entwendete Legionarshelme aufgesetzt
Manche dieser Krieger hatte Cunomar bereits im Westen gegen die Legionen kämpfen sehen. Und auch Braint war dabei, jene junge Frau, die einst Cygfas Liebhaberin gewesen war, ehe diese nach Rom verschleppt und dort gefangen gehalten worden war. Mittlerweile trug Braint den Titel der Ranghöchsten Kriegerin von Mona, und natürlich ging mit diesem Rang auch eine gewisse Verantwortung einher, sodass es für sie im Grunde keinerlei Anlass geschweige denn Verpflichtung dazu gab, nun hier in der Schlacht um Camulodunum zu erscheinen. Neben ihr reihten sich noch weitere Krieger auf, Männer und Frauen, die bereits in den Invasionskriegen gegen den ersten Zustrom an Legionaren gefochten hatten und schließlich den Kampf aufgaben, um mit der Bodicea und Caradoc nach Mona zu fliehen und dem dortigen Widerstand den Rücken zu stärken.
Alle diese Krieger waren also mindestens ebenso gut ausgebildet und kampferprobt wie die Veteranen. Wahrscheinlich waren sie sogar in noch besserer körperlicher Verfassung, denn im Gegensatz zu den ehemaligen Legionaren hatten die Krieger auch die Winter über stets hart an ihren Kampftechniken gefeilt. Außerdem hatten die Kämpfer Monas, als ihr Leben langsam seinen Zenit überschritten hatte, sich nicht einfach zurücklehnen können, um als Pensionäre ausgiebig und genüsslich dem Wein zuzusprechen, sondern sie hatten stets weiterkämpfen müssen und waren dadurch gegenüber den Römern jetzt klar im Vorteil.
Sämtliche dieser Krieger formierten sich nun zu einer Linie, wobei Cunomar deren Endpunkt bildete. Mit ernster Stimme erklärte Ulla ihm: »So wie Cygfa als die Schildgefährtin deiner Mutter kämpft, so möchte auch ich nun gerne als deine Schildgefährtin kämpfen. Würdest du mir bitte die Ehre erweisen, mich als deine Schildgefährtin zu akzeptieren?«
»Eigentlich sollte es doch genau umgekehrt sein«, widersprach Cunomar. »Du warst doch diejenige, die heute all ihren Mut unter Beweis gestellt hat. Ich dagegen war viel zu träge und bin nur deinem Beispiel gefolgt.«
Ulla grinste. Die weiße Kalkfarbe, die sie sich ins Gesicht geschmiert hatte, war fast vollkommen vom Regen abgewaschen. Allein in den Grübchen in ihren Wangen waren noch kleine Flecken davon zu sehen. »Aber du hast uns hierhergeführt«, erwiderte Ulla. »Und sollten wir nun sterben müssen, geschieht dies wenigstens in der bestmöglichen Gesellschaft, die man sich für seinen Tod nur wünschen kann. Denn fast die Hälfte aller Krieger von Mona ist nun hier.«
Cunomar konnte ihr kein weiteres Mal widersprechen, dazu blieb ihm einfach nicht mehr die Zeit. Die Veteranen hatten ihr Tempo unterdessen etwas verlangsamt, waren schließlich stehen geblieben und dann offenbar zu der gleichen Entscheidung gekommen wie die Krieger. Einen kurzen Moment lang standen die beiden Reihen einander reglos gegenüber und starrten sich grimmig an. Dann stürmten Krieger und Römer plötzlich alle gleichzeitig vorwärts und prallten in einem Missklang von brechenden Knochen und ineinander verkeilten Waffen aufeinander. Ulla wurde zu Cunomars Schildgefährtin. Seite an Seite kämpften sie gegen die Römer, wobei sie Cygfa stets in ihrem Blickfeld behielten, jene brillante Kriegerin mit dem goldenen Schopf, die an Braints Seite focht.
Sie hatten den Kampf schon fast zur Hälfte durchgestanden, als die Berge der Toten sich immer höher zu türmen begannen und Cunomar endlich begriff, dass er nicht sterben würde und dass diese Schlacht darum ein Erlebnis war, das es von ganzem Herzen zu feiern galt. Allerdings würde er erst dann wirklich feiern können, wenn die Reihe aus Veteranen und Söldnern endlich komplett vernichtet wäre und Camulodunum frei von der römischen Geißel und allein unter dem Banner der Bodicea lebte. Der Schock, den er zuvor erlitten hatte, trat langsam wieder aus seinem Körper aus, und auch das Gefühl der Benommenheit in Cunomars Innerem ließ nach. Stattdessen bemächtigte sich abermals die Angst seiner Seele, eine Angst, die sich schließlich in echtes Kampffieber verwandelte. Und diese Transformation von Furcht in Blutdurst war bereits die dritte neue Erkenntnis, die ihm am ersten Tage der Schlacht um Camulodunum zuteil geworden war.
Cunomar kämpfte und tötete und wurde verwundet und spürte doch nichts. Und er rettete Ulla, und Ulla rettete wiederum ihn. Und dann sah er die Toten, die ihn und Ulla schweigend umkreisten, und er empfand jeden Atemzug, den er tat, als ein Geschenk der Götter und jedes Ausatmen als sein Geschenk an sie, als seinen Dank dafür, dass er noch immer am Leben war und imstande, zu kämpfen und zu töten, und dass er eine solch tiefe Freundschaft erfahren durfte.
 
In der Nähe des Holzlagers machten sie schließlich eine Rast. Hinter ihnen lag ein wahres Meer an niedergemetzelten Veteranen, und wer zu dem Zeitpunkt, als er zu Boden ging, noch nicht wirklich tot war, wurde wenig später mit einem glatten Schnitt durch die Kehle endgültig zu seinen Göttern entlassen.
Sie waren erschöpft, keiner konnte sich vorstellen, auch nur noch ein einziges Mal seine Waffe zu erheben, seinen Schild emporzustemmen oder einen Schwerthieb zu parieren. Auch das Sprechen schien so anstrengend, dass sie daran lieber erst später wieder denken wollten. Selbst Schildkameraden dankten denjenigen, die ihnen das Leben gerettet hatten, bloß mit einem schwachen Nicken und einem leisen Krächzen aus heiserer Kehle, während verwundete Krieger die Wunden derer verbanden, die noch schwerer verletzt waren als sie selbst.
Irgendjemand reichte einen Schlauch mit Wasser herum. Auf der einen Seite des Lederschlauchs prangte das Brandzeichen des Schlangenspeers, auf der anderen der Reiher, das Symbol des Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona. Cunomar trank und gab den Schlauch anschließend weiter nach rechts, wo Cygfa sich auf ihren Schild stützte und ein leises, atemloses Lachen ausstieß über irgendetwas, das einer der Krieger gerade gesagt hatte. Dann blickte sie ihrem Bruder in die Augen, und ihr Gesichtsausdruck wurde wieder ernster.
»Das war gut. Wir hatten wirklich nicht damit gerechnet, dass wir so schnell schon unseren ersten Sieg erringen würden. Breaca wird stolz auf dich sein.«
Plötzlich begriff Cunomar, dass er die ganze Zeit schon nicht mehr an seine Mutter gedacht hatte. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der er unaufhörlich an sie gedacht und sich ständig danach verzehrt hatte, dass sie unbedingt sehen solle, welche Heldentaten er im Kampf vollbrachte. Langsam wandte er sich nun um und stellte fest, dass der Durchbruch in der Barrikade, der ursprünglich so schmal gewesen war, dass es nicht mehr als zwei Männer gebraucht hatte, um ihn zu verteidigen, etwas größer geworden war und stetig breiter wurde. Einige Jugendliche aus dem Kriegsheer hatten sich zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen und demontierten nun eilends die Barrikade.
Irgendwo im hinteren Teil der wogenden Menschenmassen tauchten Pferde auf, und auf einem dieser Pferde war seine Mutter zu erkennen. Breacas Gesicht war über und über mit Schlamm beschmiert, sodass es aussah, als trüge sie eine dunklere Version jener Maske, die die Bärinnenkrieger sich vor einer Schlacht aufzumalen pflegten. Ihre Züge wirkten abgezehrt, die Augen schienen tief in ihren Höhlen zu liegen, doch sie fing Cunomars Blick auf und erwiderte sein Lächeln, und als Cunomar es schließlich geschafft hatte, sich seinen Weg bis zu seiner Mutter zu bahnen, da las er in ihrem Gesicht den gleichen Stolz, den er auch für Ulla empfunden hatte und den er noch nie wirklich in Breacas Gesicht wahrgenommen hatte.
Die Zöpfe an ihrer linken Schläfe hatten sich gelöst, waren auseinandergezerrt worden von dem Gewicht der Kriegerfedern, die sie dort hineingeflochten hatte. Eine dieser Federn zog die Bodicea nun erschöpft aus ihrem Haar und hielt sie Cunomar entgegen. Die Feder war schwarz, und um ihren Kiel war ein zartes goldenes Band gewickelt, das Zeichen dafür, dass der Krieger, der diese Feder trug, bereits mehr Römer niedergemetzelt hatte, als er noch hätte zählen können.
»Die hier soll nun dir gehören«, sprach die Bodicea. »Ich habe noch nie versucht, mit bloß vier Kriegern an meiner Seite und vierzig Legionaren vor meiner Nase in den Kreis der Bärin einzutreten.«
Cunomar spürte, wie er leicht errötete. »Du wärst ja auch nie so dumm gewesen, den Kriegern, die dir in die Schlacht folgten, keine andere Alternative mehr zu lassen als ebendiesen Kreis der Bärin. Ein guter Anführer erkennt die Gefahren, die einem begegnen könnten, bereits im Voraus.«
Lange und eindringlich blickte sie ihn an. Dann schenkte sie ihm ein mattes Lächeln. »Ein guter Anführer erkennt den Ausweg aus einer brenzligen Lage. Allerdings, zugegeben, schafft er es dann auch, seine Kampfgefährten genau über diesen Ausweg in Sicherheit zu bringen. Vielleicht hätten meine Krieger mir gehorcht und wären über die Mauer geklettert, wenn ich es ihnen befohlen hätte. Aber diese Autorität wirst auch du irgendwann besitzen. Das kommt mit der Zeit. Man kann es nur eben nicht erzwingen. Trotzdem war das eine sehr gute Idee.«
Das stimmte, und das wusste auch Cunomar, und er wusste auch, dass die Flucht über die Barrikade seine Idee gewesen war und nicht Ullas. Doch es fiel ihm schwer, dieses Lob nun auch anzunehmen - jenes freimütig gegebene und verdiente Lob, nach dem er sich schon so lange verzehrt hatte. Er nahm die Feder entgegen, und seine Hände zitterten, aber er ertrug das Zittern und versuchte nicht, es zu unterdrücken.
Leider hatte er keine Haare an seiner linken Schläfe, in die er die Feder hätte hineinflechten können, denn um jene Stelle, wo einst sein Ohr gesessen hatte, hatte er einen großen Bogen rasiert. Und dann hatte er auch die andere Schläfe kahl rasiert, einfach der Symmetrie wegen. Cunomar knotete die Kriegerfeder also eifrig in jene schmalen Strähnen, die ihm am Hinterkopf noch verblieben waren. Krieger, die er bereits seit seiner Kindheit kannte, hatten sich überall um ihn herum versammelt. Krieger, die, genau wie er, ebenfalls bereits ihre Erfahrungen im Kampf gesammelt hatten und nun geachtete Kämpfer waren. Außerdem wussten sie alle, was für ein Junge Cunomar einst in seiner Jugend gewesen war - voller Scham versuchte er, die Erinnerung an diesen übellaunigen Burschen von damals wieder zu verdrängen.
»Was ich aber immer noch nicht verstehe, ist, warum Braint hier ist und die anderen Krieger von Mona«, wandte er sich mit belegter Stimme an seine Mutter.
Breaca wartete, bis er seine Feder in seinen Schopf geknotet hatte und diese sich flach gegen seinen Hinterkopf schmiegte. Schließlich entgegnete sie in so trockenem Tonfall, dass sie fast schon wie Valerius klang und man nur noch schwer unterscheiden konnte, ob es Belustigung war, die da hinter der Ironie hindurchblitzte, oder Frustration.
»Weil«, begann sie mit einem Seufzer, »Luain mac Calma sie uns geschickt hat. Er war der Ansicht, dass wir in unserem Kampf um Camulodunum Monas Krieger dringender bräuchten als er. Er, dem in seinem Kampf im Westen die gesamte Schar der Träumer zur Seite steht, Träumer, die allesamt geradezu durchdrungen sind von der mystischen Kraft der Insel der Götter. Und dann hat er ja auch noch Graine bei sich, denn die ist zwischenzeitlich wieder zu ihm zurückgereist. Gegen eine derartige Streitmacht können die Legionen Roms doch bloß unterliegen, oder?«
Die Kriegerin der Kelten
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