XX
Die Schlacht um Camulodunum begann mit tosendem
Donnergrollen, mit Blitzen, die keine Geringeren als die Götter
selbst wie Speere gegen die vergoldeten Dachziegel der Stadt zu
schleudern schienen, und einem solch sintflutartigen Regen, als
hätte der Himmel sich in einen wahren Ozean verwandelt, der nun mit
seinen Wassermassen über die Erde hereinbrach.
Der Angriff wurde eröffnet von Cunomars
Bärinnenkriegern, die diese Aufgabe zum einen natürlich um der Ehre
willen übernommen hatten, zum anderen aber auch, weil sie
diejenigen waren, die ohnehin nur zu Fuß kämpften und darum in der
dem Sonnenaufgang vorausgehenden Düsternis bereits sicher über das
gefährliche Gelände um Camulodunum huschen konnten. Für die
berittenen Krieger wäre ein solcher Vormarsch ohne ausreichendes
Tageslicht noch zu gefährlich gewesen.
Nackt, ohne Fackeln und schon völlig durchweicht
von den schier nicht enden wollenden Regengüssen stürmten die
Bärinnenkrieger wie eine schweigende Woge der Zerstörung über den
langen Abhang hinab zur Hauptstadt Britanniens. Sie rannten über
Weideland, das von den Hufen der Herden, die dort den Winter über
ausgeharrt hatten, zu einer Art Schlammwüste zertrampelt worden
war, eilten vorüber an bereits tief in den Boden gezogenen
Ackerfurchen, die nur noch darauf warteten, die Frühlingssaat in
sich aufzunehmen, huschten unter dem Triumphbogen hindurch und an
dem verwaisten Sockel der Siegessäule vorbei, deren einstige Statue
nun zu unzähligen Trümmerstücken zerschlagen auf dem Fußweg lag,
und sprangen schließlich leichtfüßig über den ersten der
zahlreichen Gräben, die man quer durch die Straßen der Stadt
gezogen hatte, um den Pferden der Feinde als Stolperfalle zu
dienen.
Wie schon in den vergangenen fünf Nächten, standen
auch in dieser Nacht einige römische Veteranen der Zwanzigsten
Legion Wache. Sie verteidigten die Gräben gegen die Banden von
Kindern und Jugendlichen, die sich in der Dunkelheit
heranzuschleichen pflegten, um die mühevolle Arbeit der
Legionssoldaten vom Vortag wieder zunichte zu machen. Männer
vorgerückten Alters, die geglaubt hatten, dass die Zeiten der
Nachtwachen bereits weit hinter ihnen lägen, hatten Lose aus einem
Legionarshelm ziehen müssen - ganz so, wie sie es auch in den Tagen
ihres Dienstes in der Legion getan hatten - und dann laut vor sich
hingegrummelt, wenn sie verloren hatten.
Die Männer neben dem ersten Graben, über den die
Bärinnenkrieger geeilt waren, hatten bereits die ganze Nacht dort
ausgeharrt und waren mittlerweile nicht nur müde und hungrig,
sondern sie wurden auch von einer zunehmenden Unruhe gequält. Sie
fürchteten sich nicht bloß vor den angeblich umherwandernden
Geistern, sondern hatten auch Angst vor besagten aufständischen
Jugendlichen. Vor allem aber grauste es die Veteranen vor den
Kriegern, deren Feuer die gesamte Nacht über die Hügelketten
oberhalb von Camulodunum erhellt hatten und dann plötzlich allesamt
ausgelöscht worden waren.
Die Wachposten hatten das abrupte Verglühen der
Feuer genau beobachtet und kamen kaum dazu, einander mit hektischen
Fragen zu bestürmen, als auch schon der Regen einsetzte und
ohrenbetäubender Donner ertönte. Doch diese Wachen waren keine
jungen Männer mehr, denen es nichts ausmachte, die Nacht in
strömendem Regen auszuharren, sodass sie sich einer nach dem
anderen in einen Unterschlupf zurückzogen, von dem aus sie mit
starrem Blick in die finstere Ödnis hinausschauten, zu der
Camulodunum sich entwickelt hatte.
Plötzlich aber war die Stadt, die vor kurzem noch
menschenleer erschienen war, gar nicht mehr verlassen, sondern mit
einem Mal wimmelte es nur so vor Totenfratzen, die sich grinsend
und mit scharfen Messern auf die einstigen Legionssoldaten
stürzten. Nass und vor Erschöpfung bereits wie benommen, starben
die Männer fast ohne Gegenwehr. Schwer sanken ihre Leichen in jene
Gräben, die sie soeben noch bewacht hatten. Auf die toten Veteranen
wurden einige gehörige Ladungen Schlamm und Geröll geschüttet, und
schon waren die Straßen, in denen eben noch Fallrinnen für die
Pferde gelauert hatten, selbst für das berittene Heer der Bodicea
wieder passierbar.
Hinter der Grabenlinie befand sich allerdings noch
eine kleine, unbewachte Barrikade, die aus Schutt, Holz und Teilen
von kürzlich verlassenen Villen errichtet worden war. Und kaum dass
die Gräben wieder aufgefüllt waren, eilten die Bärinnenkrieger auch
schon weiter und machten sich daran, auch die Barrikade
niederzureißen.
Nur langsam zog die Morgendämmerung herauf. Cunomar
arbeitete mit bloßen Händen, schleuderte zerbrochene Ziegel und
ganze Segmente von mit Lehm bestrichenem Flechtwerk an den
Straßenrand. Endlich stellte er fest, dass die Dunkelheit ihren
tiefschwarzen Mantel bereits etwas gelüpft hatte, und er konnte
neben sich die Silhouette von Ulla erkennen, die ebenso wie er
eifrig arbeitete.
Ihr dunkles Haar klebte ihr dicht am Kopf, die
Enden ihrer durchweichten Strähnen trafen sich unter ihrem Kinn,
und die weiße Kalkfarbe, die zuvor noch in groben Kreisen ihre Arme
und ihre Schultern bedeckt hatte, klebte nun als körniger Brei in
ihren Armbeugen. Der dicke Streifen aber, der geradewegs auf ihrem
Nasenrücken platziert worden war, war erhalten geblieben und hob
eindrucksvoll den Schnitt ihres Gesichts hervor. Hätte Cunomar die
Angst der Veteranen vor umgehenden Geistern geteilt, so wäre es ihm
sicherlich nicht schwer gefallen, in ihr nun eine der Untoten zu
sehen. Mit breitem Grinsen blickte Ulla zu ihrem Anführer hinüber.
Dann hoben sie gemeinsam einen Dachbalken beiseite, der ihnen
allerdings sofort einige Splitter in die Handflächen presste. Einen
Moment lang hielten Cunomar und Ulla in ihrer Arbeit inne und zogen
sich mit den Zähnen vorsichtig die Splitter aus den Händen.
Ulla stand so dicht neben ihm, dass er ihren
Schweiß riechen und die Speichelspur erkennen konnte, die sie mit
ihren Lippen quer über ihre Hand verteilt hatte, ehe der strömende
Regen sie wieder abwusch. Ein greller Blitz erhellte den Himmel,
und Ulla erschien plötzlich wie von Silber eingehüllt. Wieder
schaute sie Cunomar fröhlich lachend an. Dann, in der kurzen Pause
zwischen Blitz und Donner, legte sie eine Hand an das noch
vorhandene Ohr ihres Anführers und brüllte über das Trommeln des
Regens hinweg: »Bei diesem Regen kann man kein Signalfeuer
entzünden, das ist völlig unmöglich. Du musst also irgendwo auf
einem der Hausdächer unser Banner aufstellen.«
»Ich weiß.«
Der Sturm schien allmählich weiterzuziehen, die
Pausen zwischen den einzelnen Blitzen und dem darauf folgenden
Donnergrollen wurden zunehmend länger. Cunomar blieb also gerade
noch genug Zeit, um Ulla seine Antwort ins Ohr zu brüllen, ehe die
Götter ihre Wolkenberge gegeneinander rammten und der Lärm
jeglichen Wortwechsel sofort wieder zum Erliegen brachte. Cunomar
berührte leicht Ullas Arm und spürte mehr, als dass er es sehen
konnte, wie sie ihm folgte.
Gemeinsam mit den anderen Bärinnenkriegern, die
sich zwischenzeitlich ebenfalls wieder um Ulla und ihren Anführer
geschart hatten, eilten sie in Richtung Norden und dann in
nordöstliche Richtung auf ein solides, ganz aus Ziegeln erbautes
Haus zu, dessen Dachpfannen nicht aus vergoldeter Bronze bestanden
wie bei den umliegenden Villen, sondern aus Lehm gefertigt worden
waren. Die Außenmauer, die um dieses Haus verlief, war zwar hoch
genug, um einen gewissen Schutz zu bieten, aber wiederum nicht so
hoch, dass man sie nicht mehr hätte erklettern können. Das hatte
Cunomar bereits zu Beginn seiner dreitägigen Erkundungstour
bemerkt, zu der er kurz vor der Schlacht von einer nahen Hügelkuppe
aus angesetzt hatte. Er war also erfreut darüber, festzustellen,
dass zumindest dieses Gebäude in der Zwischenzeit noch nicht
niedergerissen worden war, so wie es bei den zahlreichen, etwas
dichter am Stadtrand liegenden Häusern der Fall gewesen war, um
dann aus deren Mauerwerk einen Schutzwall um den zentralen Teil der
Stadt zu errichten.
Ulla erkannte die Chance, die dieses Haus ihnen
bot, mindestens ebenso schnell wie Cunomar. »Das wäre doch ein
guter Ort, um das Banner der Bodicea aufzustellen«, rief sie. »Vor
allem aber kann man von hier aus die Schlacht beobachten und sehen,
wo wir gerade am dringendsten gebraucht werden.«
»Ja.«
Mittlerweile überraschte es Cunomar nicht mehr
allzu sehr, wenn er feststellte, dass Ulla wieder einmal den
gleichen Gedanken gehabt hatte wie er. Genauer gesagt hoffte er
inzwischen sogar, dass sie sich im Zweifelsfall auch ohne Worte
verstehen würden. Als sie den Dachbalken von der Barrikade gehoben
hatte, war es das Gleiche gewesen. Und auch davor, als sie zusammen
den Straßengraben wieder aufgefüllt hatten. Genauso, wie während
der Tage, als sie den Angriff auf Camulodunum planten. Immer hatte
Cunomar bei schier unzähligen, scheinbar belanglosen Gelegenheiten
das Gefühl gehabt, dass ihm und Ulla genau die gleichen Gedanken
durch den Kopf gingen. Seit dem Tag, als die Krieger der Bodicea
die Neunzehnte Legion des römischen Kaisers vernichtet hatten,
hatte sich irgendetwas zwischen Cunomar und Ulla verändert. Mehr
noch als das gemeinsam durchlittene Auspeitschen oder der mit
konsequentem, hartem Training verbrachte Winter, hatte das
gemeinsame Töten in der Schlacht sie beide auf eine Art und Weise
zusammengeschweißt, wie es nur bei echten Kampfgenossen der Fall
war. Dies war ein Erlebnis, wie es auch in den alten Liedern immer
wieder beschrieben wurde. Und nicht zuletzt hatte Cunomar dies auch
bei seiner Mutter und Caradoc und später dann bei seiner Mutter und
Cygfa beobachten können.
Als er noch ein Kind gewesen war, hatte er
geglaubt, dass er bereits wüsste, was es bedeutete, mit einem
anderen Menschen den gleichen Gedanken zu haben. Jetzt jedoch, im
Herzen eines tosenden Sturms und umringt von den Geistern der
Toten, die ihren Göttern entgegenmarschierten, während andere, noch
auf der Erde weilende Legionare nur einen Speerwurf von Ulla und
Cunomar entfernt den beiden Kriegern nach dem Leben trachteten und
das Kriegsheer auf dem sanft in Richtung Camulodunum abfallenden
Hang auf sein Signal zum Angriff wartete, genau in diesem
flüchtigen Augenblick begriff Cunomar, dass sich ihm erst jetzt
jene Tür in eine neue Welt eröffnet hatte und er unmittelbar an der
Schwelle zu einem ganz neuen Bewusstsein stand. Ein kurzer Blick
hinüber in dieses andere Dasein reichte ihm, um zu erkennen, dass
dies ein Ort war, an dem er unbedingt noch länger verweilen wollte,
ein Ort, zu dem es ihn hinzog wie zu keinem anderen Ort auf dieser
Welt. Cunomar dachte an Eneit, der leider nicht mehr lebte, und er
erinnerte sich, dass sich auch in seiner Freundschaft mit Eneit
einst diese Tür geöffnet hatte. Irgendwann aber hatte Cunomar die
Pforte abrupt wieder zugeschlagen. Ein Teil von ihm würde wohl bis
in alle Ewigkeit darum trauern.
»Ulla...«
»Später. Darüber können wir auch später sprechen.«
Das Grinsen war von ihrem Gesicht verschwunden, der Regen und das
Zwielicht hatten sich wie ein dichter Schleier vor ihre Augen
gedrängt, und der Ausdruck darin war nur noch schwer zu erkennen.
Ihre Miene aber war ruhig und zugänglich, und es schien, als ob
Cunomars Gedanke auch dieses Mal in ihrem Kopf hallte,
beziehungsweise, als ob ihre Erkenntnis auch ihm schließlich
bewusst geworden wäre, nur dass Ulla eben schon etwas eher an jenem
Ort angelangt war, den Cunomar soeben hatte erblicken dürfen.
»Ulla, du musst wissen, dass du mir sehr wichtig
bist. Und dass ich dich in der Schlacht an meiner Seite
brauche.«
»Das weiß ich.« Abermals zuckte ein greller Blitz
über den Himmel, und abermals schenkte Ulla Cunomar ein herzliches
Grinsen. »Aber jetzt musst du erst mal da hochklettern und das
Banner hissen. Ansonsten bleiben wir hinter unserem Zeitplan
zurück.«
Sie ließ sich mit den Schulterblättern gegen die
Mauer sinken und verschränkte ihre Hände zu einer Art Steigbügel.
Cunomar trat einen Schritt zurück und versuchte dann mit einem
kräftigen Sprung auf die Mauer zu gelangen. Zwar fand sein
Fußballen keinen rechten Halt und rutschte wieder ab, doch in
diesem Augenblick war Cunomar auch schon die Mauer emporgeklettert
und griff nach der Regenrinne und den dahinter angeordneten
Ziegeln. Schließlich stand er mitten auf dem leicht abfallenden
Dach der kleinen Villa, während die Regentropfen hart wie
Hagelkörner von den Ziegeln abprallten und bis zu seinen Knien
hinaufspritzten. Und obgleich sein Haar zwar tropfnass war und
schwer, blies der Sturm dennoch so stark, dass ihm die Strähnen um
den Kopf wirbelten.
Dunkel lag die Stadt unter dem Unwetter, und
lediglich innerhalb jenes massiven Kreises von Barrikaden, der das
Zentrum der Stadt umschloss, glimmten noch Lichtpünktchen; die
meisten Familien hatten ein kleines Feuer im Ofen schwelen lassen,
um in Wärme und Licht und zumindest der vagen Illusion von
Sicherheit schlafen zu können.
Die Ziegel, auf denen Cunomar stand, waren mit
glitschigem Moos überwachsen. Gurgelnd rann das Wasser an seinen
Füßen entlang, während die Regenrinne schon längst übergequollen
war. Cunomar reckte sich hoch empor und spürte dem Zerren des
Windes und der donnernden Gewalt des Regens nach. Die Götter
sandten ihm aus weiter Ferne ein leises Grollen, und dann brüllte
er mitten in die langsam zurückweichende Nacht seinen Namen und den
seiner Mutter und schließlich auch noch die ersten acht Namen der
Bärengöttin.
Der Wind nahm seine Worte auf und zerriss ihre
Silben, während der Regen glücklicherweise so weit nachgelassen
hatte, dass Cunomar das Banner von seiner Taille zerren und es an
jenen Stock knoten konnte, den Ulla ihm hinaufgereicht hatte. Und
als das letzte grelle Flackern von Blitzen den Himmel taghell
erleuchtete und feine Schwaden von Wasserdunst von den bronzenen
Ziegeln des Dachs eines der Nachbarhäuser aufstiegen, da konnte
Cunomar endlich von der beruhigenden Gewissheit ausgehen, dass
seine Mutter und ihre Krieger ihn gewiss sehen könnten und auch das
Banner mit dem roten Schlangenspeer auf blauem Grund erkannten, das
er mit kraftvollen Bewegungen über seinem Kopf schwenkte. Und auch
den weißen Abdruck in Form einer Bärentatze, der links unterhalb
des Speeres prangte, würden sie erkennen können, jenes Zeichen, das
den Kampfgeist der Bärengöttin symbolisierte, in deren
kraftspendendem Licht Cunomar lebte.
Donnernde Hufe und wild bellende Hunde kündigten
das Kriegsheer der Bodicea an. Nun gab es keinen Grund mehr, noch
länger leise zu sein, falls es überhaupt jemals einen Anlass dafür
gegeben hatte. Die Krieger stießen in ihre Hörner, trommelten mit
den Schwertern auf ihre Schilde, und einige von ihnen hatten sogar
daran gedacht, in irdenen Töpfen etwas Zunder mit sich zu bringen
sowie brennende Fackeln, die mit Pech, Harz und Talg getränkt waren
und mit Schafswolle umwickelt, sodass sie auch im stärksten
Regenguss weiterbrannten. Die gewaltige Flut von Pferden, die sich
auf Camulodunum zubewegte, glich also weniger einer ebenen, grauen
Masse als vielmehr einem wogenden Meer, auf dem hier und da kleine
Funken tanzten.
Die Reiter formierten sich zu einem Ring um die
Stadt und rückten langsam durch die verlassenen Straßen vor. Die
Pferde wühlten feuchten Schlamm zu glitschigen Bahnen auf, bis die
Straßen sich unter den letzten leichten Regengüssen fast schon in
kleine Ströme verwandelten. Dann erreichten die Krieger die innere
Barrikade, die so hoch und breit war, dass sie gezwungen waren
anzuhalten. Ganze Häuser waren abgerissen worden, um dieses
Bollwerk zu errichten, und in das Fundament hatte man die Leichen
zuvor gehängter Männer gelegt, damit diese die Kraft, die einst in
ihren Knochen lebte, nun dem letzten Schutzwall von Camulodunum
verliehen.
Mehr und mehr Legionare versammelten sich in der
vermeintlichen Sicherheit des Barrikadenrings; Cunomar konnte sie
von dem Villendach aus klar erkennen. Es waren Männer in veralteten
Rüstungen, die dort hektisch von Haus zu Haus eilten und sowohl in
lateinischer als auch in trinovantischer Sprache aufgeregt durch
die Fenster und Türen brüllten. Sie riefen die letzten, noch in der
Stadt verbliebenen und treu zu Rom haltenden Stammesmitglieder
sowie die atrebatischen Söldner zusammen und forderten diese zum
Kampf um Camulodunum auf - zumal Letztere für diesen Dienst mit
Gold bezahlt wurden.
Cunomar hielt das Banner der Bodicea so lange in
die Höhe gereckt, bis die ersten Pferde an der inneren Barrikade
angelangt waren. Seine Mutter ritt an ihm vorbei, ebenso wie Cygfa,
die als die Kampfgefährtin der Bodicea natürlich zu deren Linker
ritt. Auch auf Mona hatte Cygfa schon oft diese Stelle eingenommen,
die Caradoc nie mehr würde einnehmen können.
Mit Augen, als hätte er gerade eben erst aufs Neue
zu sehen gelernt, beobachtete Cunomar den Schatten, der an der
Flamme der Bodicea zu zehren schien, jener Flamme, als die ihr
Kampfeswille manch einem erschien. Doch er sah auch die stolze
Haltung, mit der seine Mutter das Kinn nach vorn reckte, sah, wie
ihr vom Regen dunkel getöntes Haar wie gehämmerte Bronze
schimmerte, und er erkannte die leichte Gewichtsverlagerung, die
durch ihren Körper lief, als sie ihr Schwert erhob. Doch ihm
entging auch nicht diese vage Ungelenkigkeit, die trotz allem in
Breacas kämpferischer Geste lag und die von den vielen, noch immer
nicht richtig verheilten Wunden auf ihrem Rücken herrührte. Und
schließlich - und dieser Anblick ließ sein Herz vor Liebe warm
werden - sah er, wie Cygfa zeitgleich mit der Bodicea ihr eigenes
Schwert zog und ihrer Heerführerin damit schützendes Geleit
gab.
Irgendetwas sehr Kleines und sehr Süßes schien in
Cunomars Seele zu dringen, fast wie das Lied einer Lerche, die
zirpend im Moor eine kurze Rast einlegte. Da begriff er, dass er in
genau diesem Moment durch puren Zufall etwas sehr Kostbares
gefunden hatte, ein Gefühl, das nur die wenigsten mit ihm teilten.
Hätte er schon eher geahnt, dass ein solches Gefühl überhaupt
existierte, so hätte seine quälende Sehnsucht nach diesem Gefühl
ihn mit Sicherheit bereits umgebracht.
Es war schön, endlich erwachsen zu sein und diese
Dinge zu erkennen. Cunomar blickte sich um, suchte nach anderen ihm
bekannten Gesichtern, suchte nach Menschen, von denen er wusste,
dass sie sich irgendwo in der geradezu brodelnden Masse von Reitern
verbergen mussten. Er brauchte nicht lange um sich zu schauen, um
einige ihm wohlbekannte Zweiergrüppchen zu entdecken oder aber
deren Fehlen zu registrieren. Und er erkannte auch bereits an der
Art, wie diese Zweiergrüppchen ritten, wie sie später in der
Schlacht kämpfen würden. Glücklicherweise waren Valerius und dessen
thrakischer Kavallerist jedoch nirgends zu entdecken. Entweder
befanden sie sich weiter hinten im Zug oder aber sie kamen vom
Süden her in die Stadt geritten, um damit den Osten ganz allein
Ardacos zu überlassen, der seine eigenen, handverlesenen Krieger
gerne durch das östliche Tor in die Stadt hineinführen wollte,
jenes Tor, das dem Tempel des Claudius am nächsten gelegen war.
Denn natürlich war der Tempel einer der Orte in Camulodunum, die
noch am ehesten zu verteidigen waren und die folglich auch am
besten bewacht sein würden. Dort, am Tempel, waren die Barrikaden
aus gegossenem Mörtel gefertigt, und die Straßen waren mit eisernen
Dornen bestreut worden, um damit die Pferde der Krieger
fernzuhalten.
Die Kämpfe begannen schließlich im Westen, wo
Cunomar noch immer auf dem Hausdach stand. Die Krieger der Bodicea
saßen ab, ließen ihre Pferde ein Stück entfernt im Schlamm warten
und machten sich daran, die Schwachstellen der Barrikade
auszukundschaften. In den Barrikaden selbst gab es zwar nur wenige
Stellen, wo sie ansetzen und den Angriff hätten beginnen können,
doch es waren einige schmale Tore für die Veteranen gelassen
worden, die die Nacht über an den Gräben Wache gehalten hatten, und
diese Durchlässe in den Barrikaden waren von innen her nur schlecht
zu sichern.
Cunomar beobachtete eine Schar junger Krieger, die
sich gegenüber einem dieser Durchlässe zu einem Keil formierten.
Sein Platz auf dem Dach des Hauses bot ihm einen wirklich
exzellenten Ausblick. Und er konnte auch genau erkennen, wie sich
im Inneren der Barrikaden die atrebatischen Söldner und die
römischen Veteranen versammelten. Die Atrebater trugen Jagdspeere
bei sich, jene besonders langen Waffen mit breiter Klinge und einem
kleinen Querstück am Hals der Klinge, sodass ein mit dieser Waffe
durchbohrter Keiler nicht mit letzter Kraft gar noch weiter in den
Speer hineinrennen und den Menschen dahinter angreifen konnte. Doch
natürlich konnten diese Speere auch dazu benutzt werden, durch
einen Schild zu stoßen und diesen dann einem unaufmerksamen,
unerfahrenen Krieger einfach vom Arm zu reißen.
Und das traf leider auf eine erschreckend große
Anzahl der Krieger der Bodicea zu; viel zu viele von ihnen waren
noch vollkommen unerfahren, was eine echte Schlacht anging. Jene,
die bei der Vernichtung der Neunzehnten Legion dabei gewesen waren
und sich somit trügerischerweise bereits als wahre, kampferprobte
Krieger betrachteten, strömten nun unter der Führung von Ardacos
beziehungsweise Valerius aus gegenüberliegenden Richtungen in die
Stadt ein. Aufmerksam beobachtete Cunomar weiterhin die jungen
Krieger dabei, wie sie sich bemühten, einen geschlossenen Keil zu
bilden. Sie hatten dieses Prozedere erst ein einziges Mal
vollzogen, und das war auf dem Übungsplatz gewesen und nicht etwa
in einem wirklichen Kampf. Die Männer, die innerhalb der Barrikade
auf die Angreifer lauerten, schienen die Schwäche der Jungen zu
ahnen und rückten sichtlich kampfeslustiger noch ein wenig enger
zusammen.
Ulla stand auch weiterhin vor der Villa und wartete
auf Cunomar. Mit leisem Zischen rief er ihren Namen. Erfreut über
das, was er ihr soeben zugeraunt hatte, blickte sie zu ihm hoch.
Unmittelbar in ihrer Nähe standen noch fünf weitere
Bärinnenkrieger. Es waren Scerros und dessen Cousine sowie noch
jene drei anderen Krieger, die dem Sohn der Bodicea am nächsten
standen. Diese fünf waren nicht der Ansicht, sich bereits als
kampferprobte Krieger bezeichnen zu können. Denn sie hatten
gesehen, mit welcher Perfektion die Bodicea vor ihrer Auspeitschung
zu kämpfen verstand. Und später hatten sie Valerius dabei
beobachten können, wie dieser sein Schwert führte. Zumindest diese
fünf wussten also genau, welch großes Maß an Erfahrung ihnen noch
fehlte. Doch sie hatten zumindest den letzten Winter damit
verbracht, gemeinsam mit Ardacos und Gunovar zu trainieren und sich
im Gebrauch ihrer Messer zu üben. Und sie alle hatten ihre Wunden
davongetragen und wussten nun, wo die Grenze lag zwischen leben und
sterben.
Natürlich aber waren sie nicht nur geschickt im
Umgang mit ihrem Messer, sondern auch in bester körperlicher
Verfassung, sodass sie mit Leichtigkeit über Ullas verschränkte
Hände bis hinauf auf das Hausdach kletterten. Ulla selbst kam als
Letzte und wurde von Cunomar hinaufgezogen. Er hatte sich
bäuchlings auf das Dach gelegt, während zwei andere ihn an seinen
Fußgelenken festhielten, sodass er sicheren Halt hatte, als er
Ullas Handgelenke umklammerte und sie mit Schwung nach oben
zerrte.
Sie trugen keine anderen Waffen bei sich als ihre
Messer, und auch das Unwetter bot ihnen keinerlei Deckung mehr -
sie alle waren klar zu erkennen. Cunomar rammte das Heft seiner
Standarte in eine Lücke zwischen zwei Ziegeln und führte seine
Krieger anschließend in einer wilden Hatz quer über die Dächer von
Camulodunum. Sie sprangen über grün bemooste Dachpfannen, landeten
auf patinaschimmernden Bronzeziegeln und dann auf einem Strohdach
mit nur einem einzigen Dachbalken, so schmal, dass er kaum breiter
war als ein Stock und beängstigend zitterte, als Cunomar und seine
Krieger darüber hinwegeilten.
Ehe er von dem vergoldeten Hausdach
hinuntergesprungen war, hatte Cunomar gerade noch sehen können, wie
seine Mutter an der Barrikade angekommen war, sich aber sofort nach
rechts und in Richtung Süden wandte, wo ein verhältnismäßig breiter
Durchgang lag. Seitdem war sie von keinem mehr gesehen worden. Zum
ersten Mal seit Jahren war Cunomar erleichtert darüber, dass er
seine Mutter nirgends entdecken konnte und dass auch sie ihn in dem
schon bald losbrechenden Schlachtgetümmel nicht würde beobachten
können. Vor allem wollte er nicht, dass die Bodicea bereits jetzt
ihr Leben aufs Spiel setzte, bloß, um diese kleine Gruppe noch
völlig unerprobter Krieger zu retten, die sich vor jener Lücke in
der ringförmigen Barrikade formiert hatte.
Ein Misthaufen bot den Kriegern eine bequeme,
wenngleich unangenehm riechende Möglichkeit, um wieder von den
Hausdächern hinunter und zurück auf den Erdboden zu gelangen. Noch
im Sprung rupfte Cunomar geschickt eine Handvoll Stroh vom Dach des
bescheidenen Hauses und wischte sich gerade den Schmutz von seinen
Füßen und Waden, als die anderen sechs sich auch schon wieder um
ihn geschart hatten.
Sie befanden sich in einer Gasse innerhalb der
Barrikaden, und zu ihrer Rechten lauerten zwei exakt ausgerichtete
Reihen von je acht Männern vor dem schmäleren der beiden
Durchgänge. Jeder der Männer war mit einem jener typisch römischen,
rechteckigen Schilde bewehrt, die Kante eines jeden Schildes fest
mit der des Nachbarschildes verkeilt. Aus der rechten der beiden
Reihen ertönte ein scharfer und in lateinischer Sprache gebrüllter
Befehl, und sofort zogen die Kämpfer ihre Schwerter. Es waren keine
Römer, die sich dort aufgereiht hatten, sondern einfache Söldner,
Männer aus dem Stamme der Atrebater, deren Großväter einst gegen
Julius Caesar gefochten hatten. Knappe zwei Generationen später
hatten ihre Nachkommen sich bereits umentschieden und die Waffen
und die Sprache Roms angenommen.
Cunomar verfluchte sie, nur leise zwar, doch mit
stetig zunehmender Inbrunst. Mittlerweile waren die letzten Spuren
der Nacht verblichen, und die Morgendämmerung ergoss ihr mattes
Licht über die Stadt. Auch der Regen ließ nach und verdrängte mit
seinen Wassermassen nicht mehr länger die Luft aus den Gassen.
Gefangen hinter einer provisorischen Mauer, hinter der im
Augenblick wohl Tausende von Feinden sich zusammengedrängt haben
mochten, waren Cunomar und seine Handvoll Bärinnenkrieger nun ganz
auf sich allein gestellt, und der eigene Tod war nurmehr ein Wort
oder einen raschen Atemzug von ihnen entfernt. Und sicherlich wäre
ein Tod unter diesen Umständen zwar überaus rühmlich, noch
rühmlicher aber wäre es, am Leben zu bleiben und vor allem den Sieg
zu erringen.
Ulla berührte sacht Cunomars Oberarm. »Wir können
uns nicht mit der gleichen Taktik auf sie stürzen, wie wir sie im
Wald angewandt hatten. Die hier würden uns sofort entdecken.«
»Sie haben ein Stückchen hinter sich einige
Ersatzspeere deponiert«, erklärte Cunomar. Er hatte dies bereits
von seinem Platz auf dem Hausdach aus entdeckt. »Um die Kerle töten
zu können, müssen du und ich also erst einmal ans andere Ende ihrer
beiden Reihen gelangen. Ihr anderen fünf bleibt auf dieser Seite.
Harrt aus, bis der Kriegerkeil von außen zum Angriff
ansetzt.«
Sie warteten. Die jungen Männer und Frauen vor der
Barrikade sangen den Namen der Bodicea. Als sie sich von ihrem
Gesang endlich ausreichend gestärkt fühlten, stürmten sie auf
nackten Fußsohlen vorwärts gegen die Barrikade.
Cunomar hörte einige harsche lateinische
Wortfetzen, hörte, wie in atrebatischer Sprache die Namen von
Jupiter, Mars Ultor und des gehörnten Gottes angerufen wurden, und
konnte dann beobachten, wie die erste Reihe von Söldnern sich mit
ihren Schultern gegen ihre Schilde stemmten und diese fest
zusammenhielten, sodass sie einen lückenlosen Wall bildeten,
während ihre Kameraden von hinten mit ihren Speeren über die Köpfe
der Vordermänner hinwegstachen und dabei auf die Gesichter und die
Augen jener jungen Kriegerinnen und Krieger zielten, die nun mit
lautem Kampfgebrüll herangestürmt kamen.
Die jungen Männer und Frauen starben unter
gellenden Schmerzensschreien, genauso, wie es von Anfang an
vorauszusehen gewesen war. Als der Kampf seinen Höhepunkt erreicht
hatte, huschte Cunomar ungesehen auf die linke Seite der beiden
Söldnerreihen und dann wieder scharf nach rechts, aus der schmalen
Gasse hinaus. Die Speere, auf die er es abgesehen hatte, waren
bereits aus ihrer Verschnürung gelöst worden und lagen griffbereit
hinter den Männern deponiert, sodass diese bei Bedarf einfach nur
noch danach zu greifen brauchten.
Rasch nahm Cunomar sich zwei der Speere, in jeder
Hand einen. Er war allein, seine Kameraden standen am anderen Ende
der Söldnerreihen. Der Mann unmittelbar vor Cunomar hatte sich weit
vorgebeugt, während er seine Waffe gerade in das Gesicht einer
jungen Kriegerin bohrte. Zwar sah der Söldner noch, wie ein
Schatten auf ihn zuzueilen schien, und versuchte mit einem knappen
Fluch, seinen Speer wieder aus seinem Opfer herauszureißen, doch es
gelang ihm nicht. Stattdessen machte er einen raschen Sprung nach
hinten und griff nach seinem Schwert. Sofort traf ein Speer seinen
Hals, durchbohrte ihn jedoch nicht, sondern glitt halb an ihm
vorbei, denn der Mann hatte sich, während der Speer bereits durch
die Luft flog, noch weiter herumgedreht. Ulla hatte ihr Ziel
verfehlt.
Der Söldner, den sie hatte treffen wollen, hatte
sich einfach zu plötzlich umgedreht, zudem war Cunomar ihr leicht
taumelnd in die Wurfbahn getreten, und dann war auch noch ein
anderer, bereits tödlich verwundeter Söldner direkt vor ihr zu
Boden gesunken, sodass Ulla überhaupt keine Chance mehr hatte, noch
sauber zu zielen, und die Wucht ihres missglückten Wurfs
schließlich auch sie noch ins Taumeln brachte.
Cunomar sah, wie sie mit einem kraftvollen Ruck
ihre Schulter nach vorn drückte, hörte ihren knappen, unterdrückten
Fluch. Er sah ihre gebräunte Haut, von der mittlerweile fast
sämtliche Kalkfarbe wieder abgewaschen war, und er sah auch die
zackigen, rötlich weißen Narbenlinien auf ihrem Rücken, jenes
Überbleibsel ihrer gemeinsam durchlittenen Auspeitschung, das in
seinem Bewusstsein fast schon wieder komplett erloschen war und das
er, besonders in den letzten Tagen der Vorbereitungen, auch bei
keinem der anderen Bärinnenkrieger mehr wissentlich wahrgenommen
hatte. Voller Entsetzen musste Cunomar nun beobachten, wie Ulla auf
genau jenen Mann zustolperte, den er selbst soeben erst
niedergestreckt hatte, der aber noch nicht tot war.
Regennass taumelte Ulla vorwärts, und hilflos
musste Cunomar mit ansehen, wie der Tod sich an seine
Kampfgefährtin anschlich, während der sterbende Söldner mit
allerletzter Kraft sein Schwert hob. Der Mann musste noch nicht
einmal mehr einen Hieb ausführen mit seiner Waffe, er musste sie
bloß noch ruhig auf Brusthöhe halten und Ulla einfach von ganz
allein in die Klinge stürzen lassen. Und genau das tat sie auch.
Langsam, mit fast anmutiger Geschmeidigkeit und unaufhaltsam.
»Ulla, nicht!«
Cunomar hatte gar nicht gewusst, dass er so laut
brüllen konnte, geschweige denn, dass ihm so viel an Ulla lag. Der
Tod kam strahlend, und er war wunderschön, und dennoch hatte
Cunomar nicht die Absicht, seine gerade erst entdeckte
Schildgefährtin schon so bald in die ruhmreiche Ewigkeit im Herzen
der Bärengöttin eingehen zu lassen.
Auch er hatte das Gleichgewicht verloren, konnte
sich jedoch im Gegensatz zu Ulla wieder fangen. Es war dieser
winzige Augenblick, in dem die Welt still zu stehen schien und
Cunomar zugleich einen raschen Ausblick auf eine Unzahl von noch
folgenden Leben ohne Ulla an seiner Seite erhaschen konnte und die
Bärengöttin in ihrer Gnade ihm, und nur ihm allein, erlaubte, sich
zu bewegen, während alle anderen um ihn herum wie erstarrt
schienen. Cunomar sprang seitwärts auf Ulla zu, streckte seinen Arm
aus und stieß seine Schildgefährtin, noch während diese kopfüber
nach vorn stürzte, blitzschnell zur Seite, sodass sie schließlich
mit jenem Mann zusammenstieß, den sie eigentlich hatte töten
wollen, und das tückische, scharf geschliffene Eisen der noch immer
geradeaus in die Luft gereckten Waffe anstelle von Ullas Leib
Cunomars Bein traf. Es streifte geradewegs an der Innenseite seines
Oberschenkels entlang, trat hinter seinem Bein wieder aus und
verfehlte dabei nur knapp Cunomars Hoden. Hätte der Söldner sein
Schwert vor der Schlacht auch nur ein kleines bisschen weniger
sorgfältig geschärft, wäre seine Klinge noch genau jenes kaum
wahrnehmbare Stückchen breiter gewesen, das schließlich den
Unterschied machte zwischen einem nur um Haaresbreite verfehlten
Stoß und einem Schnitt entlang Cunomars Geschlechtsorgan.
Doch sie befanden sich mitten in einer Schlacht,
und keiner von ihnen konnte es sich erlauben, nun erst einmal
innezuhalten und durchzuatmen. Cunomars Söldner starb, während
Ullas noch immer am Leben war. Da aber stürzte auch schon eine von
Scerros’ Cousinen sich von hinten auf den Mann und tötete ihn. Es
war jenes junge Mädchen, das den Namen Adedomara trug, oder auch
kurz Mara, wenn sie sich in einem Kampf befanden und niemand Zeit
hatte, einen Namen zu brüllen, der länger war als ein
Atemzug.
»Mara! Rechts!« Für ausführlichere Warnungen war
nun nicht der richtige Augenblick, denn rechts von Mara war bereits
jener Söldner aufgetaucht, dessen Bruder sie soeben niedergemetzelt
hatte.
Doch schon war Scerros zur Stelle und führte mit
seinem Messer eine Stichbewegung aus, die von unten schräg nach
oben verlief und mit der er dem feindlichen Söldner einen der
Oberschenkelmuskeln durchtrennte. Durch Zufall, obwohl Scerros
später noch behaupten sollte, dass dies eher auf sein Geschick mit
der Waffe zurückzuführen sei, traf er mit seinem Stich auch noch
die Hauptschlagader im Oberschenkel, und im Rhythmus des langsam
ersterbenden Herzschlags des Mannes sprudelte ein dicker Schwall
hellroten Bluts aus seinem Bein hervor. Doch auch zwei weitere
Bärinnenkrieger konnten noch jeweils ein Opfer für sich verbuchen,
die zwar beide keines sauberen und raschen Todes hatten sterben
dürfen, aber immerhin so schwer getroffen worden waren, dass sie zu
Boden gingen und für niemanden mehr eine Gefahr darstellten.
Dennoch standen noch immer sieben Krieger zwölf
Söldnern gegenüber, die zudem mit Schilden und Rüstungen bewehrt
nur darauf lauerten, die aufständischen Wilden endlich zu
unterwerfen. Bis auf drei, die weiterhin den Durchbruch in der
Barrikade bewachen würden, hatten die Atrebater sich allesamt zu
Cunomar und seinen Kampfgefährten umgedreht. Wobei die Söldner an
der Barrikade nicht viel mehr zu tun brauchten, als ihre Schilde
ineinander zu verkeilen und sich dann in die Lücke zu stemmen. Das
allein reichte schon aus, um die Außenstehenden daran zu hindern,
an ihnen vorbeizulangen. Die anderen neun hingegen fügten sich
sogleich in vorbildlicher Formation zu einem Keil zusammen, rissen
ihre zweischneidigen Schwerter hoch, um sich dann mit einer halben
Drehung und im Laufschritt auf die Krieger zu stürzen. Ihr Ziel war
es, die ungeordnete Reihe von Cunomars Kampfgefährten zu
zersprengen.
»Bären! Vor dem Keil auseinander!«
Sie hatten dieses Manöver erst ein einziges Mal
geübt.
Valerius hatte darauf bestanden, dass die Krieger
diesen Verteidigungstrick mindestens einmal erproben müssten.
Schließlich hatten sie alle gemeinsam von der Hügelkette aus
hinunter in die Stadt gespäht, und ein jeder von ihnen hatte
beobachten können, welche Kampfformationen die aus dem Dienst
ausgeschiedenen Veteranen den atrebatischen Söldnern auf dem
quadratischen Platz vor dem Forum eingebläut hatten. Ursprünglich
hatte Cunomar sich zwar geweigert, Valerius’ Befehl zu gehorchen,
allerdings nur so lange, bis Ardacos sich überraschend auf die
Seite des Bruders der Bodicea schlug. »Die Veteranen sind alte,
kampferfahrene Männer, und sie sind nicht dumm. Ihr müsst also
jetzt lernen, wie ihr euch gegen sie zu verteidigen habt,
und nicht erst, wenn die Kerle in geschlossener Formation auf euch
zurasen.«
Die Bärinnenkrieger hatten sich schließlich also
gefügt und getan, was von ihnen verlangt worden war. Und genau das
Gleiche taten sie auch jetzt, zwar nicht allzu behände, aber doch
immerhin mit genügend Raffinesse, um die Atrebater mit ihrem
Angriff geradewegs ins Leere laufen zu lassen, oder, genauer
gesagt, gegen die Wand eines Holzlagers.
Die Ersten in ihrem Keil konnten gerade eben noch
mit einem hastigen Satz zur Seite ausweichen, bevor die größere und
erst mit einiger Verzögerung wieder innehaltende Masse ihrer
Kameraden hinter ihnen sie zerquetscht hätte.
Valerius hatte behauptet, die Legionare könnten
sich innerhalb eines Keils sofort wieder umformieren und jederzeit
in jede beliebige andere Richtung weiter voranpreschen - ein
einziger Befehl oder anschwellender Ton aus einer Trompete reichte
hierzu bereits aus. Diese Männer hier jedoch waren zum Glück keine
Römer, sie hatten nicht bereits Dutzende von Wintern hindurch und
bei jedem Wetter und in sämtlichen denkbaren Manövern ihre
unterschiedlichen Kampfformationen eingeübt. Allein dieser Tatsache
war es also zu verdanken, dass die Bärinnenkrieger schließlich doch
noch überlebten.
Sie konnten nur schwer einen klaren Gedanken
fassen, konnten nicht lange darüber nachgrübeln, welchen Winkelzug
sie nun als Nächstes anwenden sollten, während der Boden unter
ihren Füßen sich zunehmend mit Blut durchtränkte und die Luft den
scharfen Geruch von Angstschweiß annahm. Hastig sprang Cunomar nach
links und erahnte, wie Ulla und Mara ihm folgten. Scerros befand
sich auf der anderen Seite des feindlichen Keils, gemeinsam mit den
drei anderen ihrer insgesamt sieben Krieger starken Truppe. Obwohl
dies nicht mehr so ganz stimmte, denn mittlerweile waren sie nur
noch zu sechst - einer von ihnen war bereits zu Boden gegangen. Ein
Schwert hatte sich in seine Körperseite gebohrt. Doch es blieb
keine Zeit, um nachzusehen, wer der Getroffene war. Cunomar wusste
nur, dass es weder Ulla noch Mara waren und dass Scerros von
Todesangst gepackt in die falsche Richtung lief.
Cunomar erreichte die Barrikade, stellte sich mit
dem Rücken zu der festen Mauer, um wenigstens von hinten keine
Angreifer fürchten zu müssen, und hob seinen gestohlenen Speer in
die Luft.
»Zu mir!« Seine Stimme übertönte die gellenden
Schreie des Verwundeten. Sofort eilten Ulla und Mara zu ihm
hinüber, stellten sich von Angesicht zu Angesicht den Söldnern
gegenüber, die zwar nicht in der Lage sein mochten, einen
Angriffskeil in Sekundenschnelle umzuformieren, die aber dafür
überaus geschickt darin waren, sich zu einer fest geschlossenen
Reihe aufzubauen. Und dann warteten sie, die Blicke zur Seite
gewandt, und starrten hoffnungsvoll in die Gasse, die Schilde
ineinander verkeilt und scheinbar wie mit dem Erdboden verwachsen.
Und warteten …
»Es kommen noch mehr Veteranen«, erklärte Ulla
leise. »Sie laufen gerade an dem Haus vorbei, auf dem du das Banner
gehisst hast.« Cunomar spürte die Glut, die von ihrem Körper
ausstrahlte, konnte ihren Schweiß riechen, und er erahnte, wie
unwichtig es ihr war, ob sie nun starb oder nicht. Sie war bereits
fast gestorben. Und er hatte sie wieder gerettet. Doch diese Dinge
drangen allesamt bloß ganz langsam in sein Bewusstsein.
Ulla schaute ihn an, flüchtig nur, doch ohne Angst.
»Lass uns in den Kreis der Bärin eintreten. Wenn wir schon sterben
müssen, wollen wir noch mindestens einen Feind mit uns
nehmen.«
Niemand, der jemals in den Kreis der Bärin getreten
war, hatte den darauf folgenden Kampf überlebt. Keiner konnte davon
künden, wie es war, dieses Ritual zu vollziehen. Das Ritual, um das
es dabei ging, verlangte, dass jeder Krieger zunächst einen Kreis
in den Erdboden oder das Grasland zeichnete und anschließend unter
Eid versprach, diesen Kreis nicht mehr zu verlassen, außer, um sich
auf den ihm am nächsten kommenden Feind zu stürzen. Er durfte alles
benutzen, was ihm für diesen Angriff zur Verfügung stand, seine
Hände, seine Zähne und natürlich sein Messer, ebenso wie sein
eigenes Fleisch, seine eigenen Knochen, um damit den Feind so nahe
an sich herankommen zu lassen, dass dieser den Krieger zwar tötete,
dass aber zugleich auch der Krieger den Feind töten konnte. Auf
diese Weise würde wenigstens ein Geist die Krieger begleiten
auf ihrer Reise durch die Wälder hinter dem Leben und hinein in das
Herz der Bärengöttin, jener höheren Macht, der die Krieger ihre
Seele versprochen hatten.
Noch immer wusste Cunomar nicht, wo Scerros sich
gerade aufhielt. Die anderen drei seiner Kampfgefährten aber
standen dicht genug bei ihrem Anführer, dass auch sie hören
konnten, was Ulla gerade vorgeschlagen hatte. Sie hatten Angst und
waren furchtlos zugleich und starrten Ulla an, als ob diese bereits
in das Herz der Bärin eingetreten sei und somit bereits Teil des
Mysteriums um die Bärengöttin geworden wäre. Cunomar fühlte ein
gänzlich unerwartetes und dennoch intensives Gefühl des Stolzes in
seinem Inneren aufwallen, Stolz auf sich selbst, Stolz auf die
anderen, vor allem aber auf Ulla. Zum ersten Mal in seinem Leben
spürte er, dass es etwas gab, für das es sich zu leben lohnte,
etwas, das noch wichtiger war, als sich vor seiner Mutter und
Ardacos’ strengen Blicken endlich als echter Bärinnenkrieger zu
erweisen.
Da drang wie aus weiter Ferne, wie aus einer
anderen Zeit und aus einer anderen Schlacht Cygfas Stimme in sein
Bewusstsein ein: Ein Anführer behält stets die größeren
Zusammenhänge im Auge. Und er vergisst nie, dass ein Menschenleben
letztendlich mehr wert ist als selbst die größte Ehre. Noch
während Cygfa diese Worte damals gesprochen hatte, hatte Cunomar
bereits gewusst, dass sie recht hatte. Denn genauso, wie es
Schildkameraden miteinander erging, so war auch das gegenseitige
Verständnis zwischen Cunomar und Cygfa etwas ganz Besonderes,
etwas, dessen Wesen noch viel tiefer reichte, als Worte jemals
vorzudringen vermochten. Mit einem Mal verspürte Cunomar das
dringende Bedürfnis, den Kampf sofort zu beenden, seine Schwester
zu finden und ihr zu sagen, dass er endlich verstanden hatte.
Doch dazu blieb nun keine Zeit mehr. Wie Ulla
bereits angekündigt hatte, kam bereits eine ganze Kompanie von
römischen Veteranen angetrabt. Außerdem hatten die drei Atrebater,
die noch immer standhaft die Lücke in der Barrikade zu schützen
wussten, den gesamten Keil, zu dem die Jungkrieger sich formiert
hatten, niedergemetzelt. Für die sechs verbliebenen
Bärinnenkrieger, die sich nun auf der falschen Seite der Barrikade
befanden, gab es keinen Ausweg mehr - außer, sie flohen geradewegs
nach oben.
»Hoch da!« Cunomar trat ein Stück zurück, stemmte
die Schultern gegen die Barrikade, steckte das Messer in seinen
Gürtel und verschränkte die Finger miteinander. Seine Stimme
übertönte selbst die heulenden Krieger. »Über die Barrikade rüber!
Auf meine Schultern, genauso, wie wir das auch vorhin gemacht
haben.«
Ulla sah, wie Cunomar sich bereitmachte, um den
anderen zur Flucht zu verhelfen, und sie verstand. Denn sie war
seine Schildkameradin und Seelenverwandte. Sofort eilte sie neben
ihn und schrie Mara an: »Hoch mit euch, ehe sie uns sehen!«
Doch schon setzten die Söldner sich in Bewegung,
lösten sich aus der Reihe, die sie soeben noch gebildet hatten, um
vorwärtszustürmen. Sie waren überrascht und fühlten sich zugleich
betrogen. Denn niemals zogen die Krieger der Eceni sich freiwillig
aus dem Herzen einer Schlacht zurück - niemals.
Ein einziges Mal hatte die Bodicea diese Regel
gebrochen, um ihre Kinder, die Kinder ihres Stammes zu retten. Nun
mussten diese Kinder sich selbst retten. Und zögerten. Stocksteif
stand Mara da, wie betäubt, und wusste nicht, was sie tun sollte.
Cunomar brüllte sie an: »Im Namen der Bärengöttin, rette dich!
Ulla, du gehst als Erste.«
Endlich rührte Mara sich wieder. Ulla dagegen würde
trotz Cunomars Befehl ganz gewiss nicht als Erste gehen, sie würde
ihn nie verlassen, das konnte er ihr ansehen. Er besaß einfach
nicht die Macht, ihr Befehle zu erteilen. Außerdem blieb ihm dazu
auch keine Zeit mehr. Denn schon hatten die Söldner sie erreicht.
Er gab auf, zog sein Messer wieder hervor und erklärte laut genug,
dass alle ihn hören konnten: »Nein, ihr habt natürlich recht. Wir
treten jetzt ein in den Kreis der Bärin.«
Er würde sterben. Es gab noch einige Rituale, die
er nun eigentlich vollziehen sollte, Anrufungen, die er sprechen
sollte - doch stattdessen konnte er nur an Ulla denken, sah im
Geiste wieder, wie sie lachend und von einem Blitz in silbernes
Licht getaucht vor ihm gestanden hatte.
Träge und grinsend kam der erste der atrebatischen
Söldner auf ihn zu, mit stumpfsinnigem Blick und platter Nase, die
Klinge geradeaus nach vorn gereckt, ohne auch nur die leiseste
Ahnung davon zu haben, dass er gleich den Sohn der Bodicea
tötete.
Im Stillen sprach Cunomar den neunten, geheimen
Namen der Bärengöttin. Da spürte er, wie das Messer in seiner
schweißnassen Hand zu rutschen begann, und er fluchte, denn er
hatte nur eine einzige Chance, um den Söldner vor ihm
niederzustechen. Warm vom Blut eines anderen Mannes quoll ihm der
Schlamm zwischen den nackten Zehen empor, und wie in einem Rausch
erinnerte Cunomar sich plötzlich wieder an all das, was er in
seinem Leben geliebt hatte. Sämtliche Gesichter, Erinnerungen
erschienen zeitgleich vor seinem inneren Auge.
Er trat einen Schritt vor, spannte alle Muskeln an
und konzentrierte sowohl seine Gedanken als auch das Sehnen seines
Herzens allein auf die Kehle jenes schweren Mannes, der nun auf ihn
zugetrottet kam. Cunomars Welt bestand nur noch aus einem winzigen
Ausschnitt, und sein letztes Ziel war klar. Am Ende war er selbst
erstaunt über die Kraft, die die Todesangst ihm plötzlich verlieh,
und er nahm voller Überraschung wahr, wie ihn diese Kraft nun
regelrecht emporzustemmen schien, über alles andere hinweg, und wie
er beinahe schon zu schweben schien.
In diesem inneren Schwebezustand verharrend, setzte
er zum Sprung an.
Der Lärm um ihn herum war ohrenbetäubend. Doch
trotz des Lärms hörte er mitten im Sprung, wie jemand seinen Namen
rief. Er glaubte, dass es Cygfas Stimme gewesen war, und wünschte,
er hätte ihr noch gedankt für alles, was sie ihm geschenkt hatte.
Doch Cunomar wusste, dass er damit würde warten müssen, bis sie
sich in dem Land hinter dem Leben wieder begegneten. Denn nun würde
er sterben. Seinen geplanten Messerstoß gegen den Söldner aber
hatte er noch immer nicht ausgeführt. Und dennoch erlosch bereits
das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes. Und noch mehr Blut rann
zwischen Cunomars Zehen hindurch, als er bäuchlings im Schlamm
landete und nicht etwa auf dem Körper jenes Mannes, auf dessen
Kehle er gerade eben gezielt hatte. Cunomar stolperte, streckte
schützend seine Hand nach vorn und spürte, wie scharfes Eisen ihm
durch die Finger schnitt. Er fluchte.
Ein flüchtiger Schatten schien über ihn
hinwegzugleiten. »Hier! Nimm das, du Idiot! Vierzig von ihnen sind
direkt auf dem Weg zu uns. Jetzt mach schon, nimm endlich die
Klinge. Und fang was Vernünftiges damit an«, zischte Cygfa, die in
diesem Moment fast genauso aussah wie einst ihr Vater und einfach
bloß wunderschön war.
Benommen nahm Cunomar die Klinge entgegen, die sie
ihm in die Hand drückte. Trotzdem hatte er noch immer keine Ahnung,
wie er den Atrebatern entkommen sollte. Er spürte, wie Ulla sich
dicht an seine Schulter drängte, und wusste in diesem Augenblick
nicht, ob er dankbar dafür sein sollte, dass sie nun wohl gemeinsam
in das Land hinter dem Leben und dort in das Herz der Bärengöttin
einkehren würden, oder ob er es bedauern sollte, dass seine
Schildgefährtin sterben musste und damit keines der unzähligen
Wunder, die das Leben ihr noch hatte schenken wollen, mehr genießen
könnte.
»Nach rechts rüber«, ertönte ein neuerlicher,
scharfer Befehl aus Cygfas Mund. »Und mach Platz, damit auch die
anderen nachrücken können. Wir müssen genauso viele sein wie die
Römer.«
Gehorsam kam Cunomar ihrer Aufforderung nach,
wenngleich er in alledem beim besten Willen keinen Sinn mehr
erkennen konnte und die Bärengöttin sich gewiss bereits auf die
Jagd nach ihm gemacht hatte. Er lauschte in sein Innerstes hinein,
wartete auf den Sog aus den Tiefen des Waldes, der ihm verriet,
dass die Bärin schon ganz nahe bei ihm war. Doch immerhin blieb er
nicht stehen, sondern huschte wie mechanisch hinter Ulla und Cygfa
her, die nach rechts ausgewichen waren, um Freiraum zu schaffen für
die anderen Krieger. Immer mehr Schatten kamen durch die Lücke in
der Barrikade geschlüpft und drängten sich Schulter an Schulter
dicht aneinander.
Die hereinströmenden Krieger gehörten allerdings
nicht zu der kleinen Untergruppe der Bärinnenkrieger; keiner von
ihnen kämpfte nackt und bloß mit einem Messer bewaffnet, sondern
sie waren in Leder und gestohlene Kettenhemden gekleidet, trugen
Schilde und Langschwerter bei sich, und einige von ihnen hatten
sich sogar entwendete Legionarshelme aufgesetzt
Manche dieser Krieger hatte Cunomar bereits im
Westen gegen die Legionen kämpfen sehen. Und auch Braint war dabei,
jene junge Frau, die einst Cygfas Liebhaberin gewesen war, ehe
diese nach Rom verschleppt und dort gefangen gehalten worden war.
Mittlerweile trug Braint den Titel der Ranghöchsten Kriegerin von
Mona, und natürlich ging mit diesem Rang auch eine gewisse
Verantwortung einher, sodass es für sie im Grunde keinerlei Anlass
geschweige denn Verpflichtung dazu gab, nun hier in der Schlacht um
Camulodunum zu erscheinen. Neben ihr reihten sich noch weitere
Krieger auf, Männer und Frauen, die bereits in den Invasionskriegen
gegen den ersten Zustrom an Legionaren gefochten hatten und
schließlich den Kampf aufgaben, um mit der Bodicea und Caradoc nach
Mona zu fliehen und dem dortigen Widerstand den Rücken zu
stärken.
Alle diese Krieger waren also mindestens ebenso gut
ausgebildet und kampferprobt wie die Veteranen. Wahrscheinlich
waren sie sogar in noch besserer körperlicher Verfassung, denn im
Gegensatz zu den ehemaligen Legionaren hatten die Krieger auch die
Winter über stets hart an ihren Kampftechniken gefeilt. Außerdem
hatten die Kämpfer Monas, als ihr Leben langsam seinen Zenit
überschritten hatte, sich nicht einfach zurücklehnen können, um als
Pensionäre ausgiebig und genüsslich dem Wein zuzusprechen, sondern
sie hatten stets weiterkämpfen müssen und waren dadurch gegenüber
den Römern jetzt klar im Vorteil.
Sämtliche dieser Krieger formierten sich nun zu
einer Linie, wobei Cunomar deren Endpunkt bildete. Mit ernster
Stimme erklärte Ulla ihm: »So wie Cygfa als die Schildgefährtin
deiner Mutter kämpft, so möchte auch ich nun gerne als deine
Schildgefährtin kämpfen. Würdest du mir bitte die Ehre erweisen,
mich als deine Schildgefährtin zu akzeptieren?«
»Eigentlich sollte es doch genau umgekehrt sein«,
widersprach Cunomar. »Du warst doch diejenige, die heute all ihren
Mut unter Beweis gestellt hat. Ich dagegen war viel zu träge und
bin nur deinem Beispiel gefolgt.«
Ulla grinste. Die weiße Kalkfarbe, die sie sich ins
Gesicht geschmiert hatte, war fast vollkommen vom Regen
abgewaschen. Allein in den Grübchen in ihren Wangen waren noch
kleine Flecken davon zu sehen. »Aber du hast uns hierhergeführt«,
erwiderte Ulla. »Und sollten wir nun sterben müssen, geschieht dies
wenigstens in der bestmöglichen Gesellschaft, die man sich für
seinen Tod nur wünschen kann. Denn fast die Hälfte aller Krieger
von Mona ist nun hier.«
Cunomar konnte ihr kein weiteres Mal widersprechen,
dazu blieb ihm einfach nicht mehr die Zeit. Die Veteranen hatten
ihr Tempo unterdessen etwas verlangsamt, waren schließlich stehen
geblieben und dann offenbar zu der gleichen Entscheidung gekommen
wie die Krieger. Einen kurzen Moment lang standen die beiden Reihen
einander reglos gegenüber und starrten sich grimmig an. Dann
stürmten Krieger und Römer plötzlich alle gleichzeitig vorwärts und
prallten in einem Missklang von brechenden Knochen und ineinander
verkeilten Waffen aufeinander. Ulla wurde zu Cunomars
Schildgefährtin. Seite an Seite kämpften sie gegen die Römer, wobei
sie Cygfa stets in ihrem Blickfeld behielten, jene brillante
Kriegerin mit dem goldenen Schopf, die an Braints Seite
focht.
Sie hatten den Kampf schon fast zur Hälfte
durchgestanden, als die Berge der Toten sich immer höher zu türmen
begannen und Cunomar endlich begriff, dass er nicht sterben würde
und dass diese Schlacht darum ein Erlebnis war, das es von ganzem
Herzen zu feiern galt. Allerdings würde er erst dann wirklich
feiern können, wenn die Reihe aus Veteranen und Söldnern endlich
komplett vernichtet wäre und Camulodunum frei von der römischen
Geißel und allein unter dem Banner der Bodicea lebte. Der Schock,
den er zuvor erlitten hatte, trat langsam wieder aus seinem Körper
aus, und auch das Gefühl der Benommenheit in Cunomars Innerem ließ
nach. Stattdessen bemächtigte sich abermals die Angst seiner Seele,
eine Angst, die sich schließlich in echtes Kampffieber verwandelte.
Und diese Transformation von Furcht in Blutdurst war bereits die
dritte neue Erkenntnis, die ihm am ersten Tage der Schlacht um
Camulodunum zuteil geworden war.
Cunomar kämpfte und tötete und wurde verwundet und
spürte doch nichts. Und er rettete Ulla, und Ulla rettete wiederum
ihn. Und dann sah er die Toten, die ihn und Ulla schweigend
umkreisten, und er empfand jeden Atemzug, den er tat, als ein
Geschenk der Götter und jedes Ausatmen als sein Geschenk an sie,
als seinen Dank dafür, dass er noch immer am Leben war und
imstande, zu kämpfen und zu töten, und dass er eine solch tiefe
Freundschaft erfahren durfte.
In der Nähe des Holzlagers machten sie schließlich
eine Rast. Hinter ihnen lag ein wahres Meer an niedergemetzelten
Veteranen, und wer zu dem Zeitpunkt, als er zu Boden ging, noch
nicht wirklich tot war, wurde wenig später mit einem glatten
Schnitt durch die Kehle endgültig zu seinen Göttern
entlassen.
Sie waren erschöpft, keiner konnte sich vorstellen,
auch nur noch ein einziges Mal seine Waffe zu erheben, seinen
Schild emporzustemmen oder einen Schwerthieb zu parieren. Auch das
Sprechen schien so anstrengend, dass sie daran lieber erst später
wieder denken wollten. Selbst Schildkameraden dankten denjenigen,
die ihnen das Leben gerettet hatten, bloß mit einem schwachen
Nicken und einem leisen Krächzen aus heiserer Kehle, während
verwundete Krieger die Wunden derer verbanden, die noch schwerer
verletzt waren als sie selbst.
Irgendjemand reichte einen Schlauch mit Wasser
herum. Auf der einen Seite des Lederschlauchs prangte das
Brandzeichen des Schlangenspeers, auf der anderen der Reiher, das
Symbol des Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona. Cunomar trank
und gab den Schlauch anschließend weiter nach rechts, wo Cygfa sich
auf ihren Schild stützte und ein leises, atemloses Lachen ausstieß
über irgendetwas, das einer der Krieger gerade gesagt hatte. Dann
blickte sie ihrem Bruder in die Augen, und ihr Gesichtsausdruck
wurde wieder ernster.
»Das war gut. Wir hatten wirklich nicht damit
gerechnet, dass wir so schnell schon unseren ersten Sieg erringen
würden. Breaca wird stolz auf dich sein.«
Plötzlich begriff Cunomar, dass er die ganze Zeit
schon nicht mehr an seine Mutter gedacht hatte. Es hatte einmal
eine Zeit gegeben, in der er unaufhörlich an sie gedacht und sich
ständig danach verzehrt hatte, dass sie unbedingt sehen solle,
welche Heldentaten er im Kampf vollbrachte. Langsam wandte er sich
nun um und stellte fest, dass der Durchbruch in der Barrikade, der
ursprünglich so schmal gewesen war, dass es nicht mehr als zwei
Männer gebraucht hatte, um ihn zu verteidigen, etwas größer
geworden war und stetig breiter wurde. Einige Jugendliche aus dem
Kriegsheer hatten sich zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen und
demontierten nun eilends die Barrikade.
Irgendwo im hinteren Teil der wogenden
Menschenmassen tauchten Pferde auf, und auf einem dieser Pferde war
seine Mutter zu erkennen. Breacas Gesicht war über und über mit
Schlamm beschmiert, sodass es aussah, als trüge sie eine dunklere
Version jener Maske, die die Bärinnenkrieger sich vor einer
Schlacht aufzumalen pflegten. Ihre Züge wirkten abgezehrt, die
Augen schienen tief in ihren Höhlen zu liegen, doch sie fing
Cunomars Blick auf und erwiderte sein Lächeln, und als Cunomar es
schließlich geschafft hatte, sich seinen Weg bis zu seiner Mutter
zu bahnen, da las er in ihrem Gesicht den gleichen Stolz, den er
auch für Ulla empfunden hatte und den er noch nie wirklich in
Breacas Gesicht wahrgenommen hatte.
Die Zöpfe an ihrer linken Schläfe hatten sich
gelöst, waren auseinandergezerrt worden von dem Gewicht der
Kriegerfedern, die sie dort hineingeflochten hatte. Eine dieser
Federn zog die Bodicea nun erschöpft aus ihrem Haar und hielt sie
Cunomar entgegen. Die Feder war schwarz, und um ihren Kiel war ein
zartes goldenes Band gewickelt, das Zeichen dafür, dass der
Krieger, der diese Feder trug, bereits mehr Römer niedergemetzelt
hatte, als er noch hätte zählen können.
»Die hier soll nun dir gehören«, sprach die
Bodicea. »Ich habe noch nie versucht, mit bloß vier Kriegern an
meiner Seite und vierzig Legionaren vor meiner Nase in den Kreis
der Bärin einzutreten.«
Cunomar spürte, wie er leicht errötete. »Du wärst
ja auch nie so dumm gewesen, den Kriegern, die dir in die Schlacht
folgten, keine andere Alternative mehr zu lassen als ebendiesen
Kreis der Bärin. Ein guter Anführer erkennt die Gefahren, die einem
begegnen könnten, bereits im Voraus.«
Lange und eindringlich blickte sie ihn an. Dann
schenkte sie ihm ein mattes Lächeln. »Ein guter Anführer erkennt
den Ausweg aus einer brenzligen Lage. Allerdings, zugegeben,
schafft er es dann auch, seine Kampfgefährten genau über diesen
Ausweg in Sicherheit zu bringen. Vielleicht hätten meine Krieger
mir gehorcht und wären über die Mauer geklettert, wenn ich es ihnen
befohlen hätte. Aber diese Autorität wirst auch du irgendwann
besitzen. Das kommt mit der Zeit. Man kann es nur eben nicht
erzwingen. Trotzdem war das eine sehr gute Idee.«
Das stimmte, und das wusste auch Cunomar, und er
wusste auch, dass die Flucht über die Barrikade seine Idee gewesen
war und nicht Ullas. Doch es fiel ihm schwer, dieses Lob nun auch
anzunehmen - jenes freimütig gegebene und verdiente Lob, nach dem
er sich schon so lange verzehrt hatte. Er nahm die Feder entgegen,
und seine Hände zitterten, aber er ertrug das Zittern und versuchte
nicht, es zu unterdrücken.
Leider hatte er keine Haare an seiner linken
Schläfe, in die er die Feder hätte hineinflechten können, denn um
jene Stelle, wo einst sein Ohr gesessen hatte, hatte er einen
großen Bogen rasiert. Und dann hatte er auch die andere Schläfe
kahl rasiert, einfach der Symmetrie wegen. Cunomar knotete die
Kriegerfeder also eifrig in jene schmalen Strähnen, die ihm am
Hinterkopf noch verblieben waren. Krieger, die er bereits seit
seiner Kindheit kannte, hatten sich überall um ihn herum
versammelt. Krieger, die, genau wie er, ebenfalls bereits ihre
Erfahrungen im Kampf gesammelt hatten und nun geachtete Kämpfer
waren. Außerdem wussten sie alle, was für ein Junge Cunomar einst
in seiner Jugend gewesen war - voller Scham versuchte er, die
Erinnerung an diesen übellaunigen Burschen von damals wieder zu
verdrängen.
»Was ich aber immer noch nicht verstehe, ist, warum
Braint hier ist und die anderen Krieger von Mona«, wandte er sich
mit belegter Stimme an seine Mutter.
Breaca wartete, bis er seine Feder in seinen Schopf
geknotet hatte und diese sich flach gegen seinen Hinterkopf
schmiegte. Schließlich entgegnete sie in so trockenem Tonfall, dass
sie fast schon wie Valerius klang und man nur noch schwer
unterscheiden konnte, ob es Belustigung war, die da hinter der
Ironie hindurchblitzte, oder Frustration.
»Weil«, begann sie mit einem Seufzer, »Luain mac
Calma sie uns geschickt hat. Er war der Ansicht, dass wir in
unserem Kampf um Camulodunum Monas Krieger dringender bräuchten als
er. Er, dem in seinem Kampf im Westen die gesamte Schar der Träumer
zur Seite steht, Träumer, die allesamt geradezu durchdrungen sind
von der mystischen Kraft der Insel der Götter. Und dann hat er ja
auch noch Graine bei sich, denn die ist zwischenzeitlich wieder zu
ihm zurückgereist. Gegen eine derartige Streitmacht können die
Legionen Roms doch bloß unterliegen, oder?«