XXXV
Nur Ardacos vermochte durch das Land der Cornovii
zu reisen, ohne getötet zu werden.
Die Pfadbereiter der Briganter, die der
eigentlichen Reisegesellschaft vorauseilten, um die Strecke zu
sichern, waren schnell und leise und hinterließen keinerlei Spuren.
Dennoch übersahen sie den Späher, der sie von einer Hügelkuppe aus
beobachtete. Ardacos dagegen hatte den jungen Burschen entdeckt,
spürte ihn auf und tötete ihn. Als Beweis kehrte er mit dem Messer
des Cornovii zurück, einer Klinge mit einem Rotwildhuf als Heft.
Breaca dankte den Pfadbereitern und sandte sie dann wieder zu
Venutios.
Kurze Zeit später ließ Ardacos sein Pferd bewusst
mitten auf freiem Feld stehen, sodass andere es finden konnten, und
eilte zu Fuß weiter, huschte im Zickzack über die sanft gewellte
Heide und schließlich in das lichte Gestrüpp des Waldes hinein.
Dabei hinterließ er einige Wegmarkierungen, die jedoch so
unauffällig waren, dass nur Cygfa sie finden konnte. Vertrauensvoll
folgte die Bodicea der Führung ihrer älteren Tochter, egal, wie
sicher oder gefährlich diese Reise nun auch sein mochte, denn
Breaca konnte an ihrer momentanen Situation ohnehin nichts ändern,
konnte noch nicht einmal das Tempo, mit dem sie vorankamen,
beschleunigen. Wundersamerweise aber fühlte sie sich während dieses
Ritts endlich einmal wieder vollkommen frei von jeglicher
Verantwortung - ein Gefühl, das sie nicht mehr erlebt hatte, seit
sie von Mona aus in das Land der Eceni und damit zurück in ihre
alte Heimat gereist war.
Natürlich war das Gefühl der Freiheit in letzter
Konsequenz nur eine Illusion, doch Breaca nahm dieses Geschenk
dankbar entgegen und entschied sich ganz bewusst dafür, nicht allzu
genau darüber nachzudenken, welchem Schicksal sie wohl
entgegenreiten mochten. Rigoros verbannte sie die Grübeleien über
das fehlgeschlagene Vorhaben, das sie überhaupt erst zu dieser
Reise getrieben hatte, aus ihrem Kopf; verbot sich, wieder an die
Frage zu denken, die Venutios ihr als unerwartetes und genau
genommen auch unerwünschtes Geschenk unterbreitet hatte.
Mit Cygfa vor sich und mit Stone hinter sich ritt
Breaca in zügigem Tempo über schmale Pfade und zuweilen auch
flaches, weites Land, wobei sie stets in Richtung Südsüdwesten
strebten.
Gegen Abend, bei absolut klarem Himmel und im
Angesicht einer riesigen roten Sonne, die tief am Horizont stand,
entdeckten sie Ardacos wieder; zum ersten Mal, seit dieser sich
ohne Pferd auf den weiteren Weg gemacht hatte. Er hockte auf einer
umgestürzten Birke und aß die Blüten von Holunder und Wiesenkerbel,
sodass seine Lippen gelb bestäubt waren und seine Oberschenkel, an
den Stellen, wo er sich die Finger abgewischt hatte, gelbe Streifen
aufwiesen. Augenscheinlich hatte er sich, während er auf Breaca und
Cygfa wartete, die Zeit genommen, sein Haar zu flechten und mit den
von ihm gesammelten Bäreneckzähnen zu schmücken, ganz so, wie es
als Krieger der Bärengöttin auch sein gutes Recht war. Sein Gesicht
war mit weißer Kalkfarbe bemalt, und aus seinen Augen war der
gehetzte Ausdruck gewichen. An seinem Gürtel baumelten zudem drei
neue, mit Heften aus Hirschhorn versehene Messer.
»Du hast die Bärin ausfindig gemacht«, stellte
Breaca fest.
»Das habe ich. Und sie ist zufrieden.« Ardacos’
Augen waren so voller Leben, wie Breaca es schon seit Jahren nicht
mehr bei ihm beobachtet hatte. Auch er schien geradezu in dem
Geschenk zu schwelgen, nun einmal einen Tag der Freiheit erleben zu
dürfen, ganz gleich, was am Ende dieses kurzen Lebensgenusses auch
auf sie warten mochte. Ardacos schaute Breaca in die Augen, hielt
ihrem Blick stand und sprach, ohne seine Stimme zu benutzen, jene
Worte, nach denen es sie schon so lange gedürstet hatte.
Schließlich brach er ihr stummes Zwiegespräch
wieder ab und deutete mit einem knappen Nicken über seine Schulter
hinweg auf den Wald hinter ihnen, in dem das Unterholz bis auf
Brusthöhe hinaufwuchs und der damit unpassierbar erschien. »Von nun
an müssen wir auch eure Pferde zurücklassen.« Forschend musterte er
Breaca von Kopf bis Fuß. »Bist du schon wieder kräftig genug für
einen zügigen Lauf?«
Dies war eine jener Herausforderungen, wie sie sie
einander zuweilen auf Mona gestellt hatten, damals, als ihnen die
Welt noch jung schien. Breaca zuckte scheinbar gelangweilt mit
einer Schulter und entgegnete: »Keine Ahnung. Wollen wir es
herausfinden?«
Wie sich herausstellte, konnte Breaca durchaus
noch laufen, springen und rennen. Dies war gut zu wissen und
verlieh ihr sogar einen regelrechten Energieschub - bis das Laufen
schließlich in jene Phase überging, in der es nur noch schlichte,
harte Arbeit war.
Zumal diese Herausforderung letztendlich eben doch
deutlich schwieriger zu bewältigen war als die kleinen Wettkämpfe,
in denen Ardacos und Breaca sich früher auf Mona miteinander
gemessen hatten. Damals hatten sie noch nicht unter den Wunden
ihrer Auspeitschung zu leiden gehabt, waren noch nicht durch die
grauen Steppen zwischen Leben und Tod gewandelt, hatten noch nicht
erfahren müssen, was es bedeutete, alles verloren zu haben, wofür
es sich zu leben lohnte - wussten noch nicht, wie es war, aus
dieser Trostlosigkeit heraus plötzlich doch wieder einen Grund zum
Leben zu finden. Nur ein einziges Mal waren sie auch auf Mona in
die Lage geraten, dass sie rennen mussten, dass sie kämpfen und
sich verstecken mussten, während überall um sie herum, unsichtbar
und doch allgegenwärtig, der Tod lauerte.
Hier dagegen ging es nicht bloß ums Laufen. Noch
viel mehr war gefordert. Auf allen vieren kroch Breaca durch
feuchtes Buschwerk, das sich den Eindringlingen nur widerwillig
öffnete und sich dann unmittelbar hinter ihnen wieder schloss.
Außerdem musste sie Bäche überqueren, und dies auf kleinen
Trittsteinen, die so versteckt lagen unter tief hängenden
Haselbuschzweigen und Flusserlen, dass diese Steine zumeist erst
dann zu erkennen waren, wenn Breaca ohnehin bereits den Fuß darauf
setzte. Dann, während ein Unwetter über sie hinwegbrauste, suchte
sie kurzzeitig Schutz unter einem Weißdornbusch, rannte bald darauf
aber auch schon wieder weiter.
Die Abenddämmerung hatte sich schon längst
herabgesenkt, als Breaca schließlich, geleitet allein von ihrem
Tastsinn, einen schmalen Pfad hinaufkraxelte. Oben auf dem
Kalkfelsen angekommen, gönnte sie sich einen Moment der Ruhe,
während sie sich mit der einen Hand an jener tief über dem Boden
wachsenden Eberesche festklammerte, in deren Wurzelwerk sie auch
ihre Füße gestemmt hatte, und mit der anderen Stones Nackenfell
gepackt hielt. Für einen Moment ließ Breaca die Gedanken schweifen,
dachte darüber nach, dass sie zwar nicht mehr so gut in Form war
wie in ihrer Jugend auf Mona, dass ihre Ausdauer in jedem Fall aber
auch nicht schlechter war als zu der Zeit unmittelbar vor der
Auspeitschung durch den Prokurator. Im Gegenteil, wahrscheinlich
war ihr Körper sogar noch ein wenig gestählter.
Kurz darauf entdeckte sie die Feuer, die in dem
bewaldeten Tal rechts zu ihren Füßen loderten.
»Warte hier«, wies Ardacos Breaca an und legte
dabei leicht eine Hand auf ihren Arm. Breaca verharrte auf ihrem
Platz und sah dem Krieger zu, wie er mit geschmeidigen Bewegungen
und ohne Gefährten in der Dunkelheit verschwand.
Doch auch Cygfa blieb nicht einfach tatenlos
sitzen. Auch sie eilte zwischen den Büschen hindurch davon, kehrte
aber bald darauf und wie ein geisterhafter Schatten wieder zurück.
Allein ihr Haar war noch zu erkennen, ebenso wie das silbrige Weiß
ihrer Augäpfel. »Da unten im Tal ist Graine.«
»Und die anderen?«
»Die sind auch alle da und außerdem mehr als
einhundert Cornovii. Und sie alle tanzen in einem Kreis, in dessen
Mitte Hawk steht. Er trägt den Schädel und das Geweih eines
Hirsches. Außerdem ist da noch eine Frau bei ihm. Ich denke, das
könnte Gunovar sein.«
Irgendwo rechts neben ihnen ertönte Ardacos’
Stimme:
»Es ist Gunovar.« Damit bahnte er sich auch schon
einen Weg durch die Zweige, die ihn sogleich mit altem Regen
benetzten, und hockte sich schließlich so dicht neben Breaca, dass
diese selbst in dem trüben Dämmerlicht noch den Ausdruck auf seinem
Gesicht zu lesen vermochte. Ardacos liebte Gunovar mindestens
ebenso sehr, wie er einst Breaca geliebt hatte, und die Bürde
dieser Liebe zeichnete ihm nun noch einige zusätzliche Furchen in
die Züge.
»Wenn wir jetzt versuchen, rund einhundert Cornovii
anzugreifen«, erklärte Breaca, »dann werden wir sterben, und die
anderen werden womöglich ebenfalls getötet. Um zu überleben, müssen
wir also erst einmal mit heiler Haut die Stammesältesten erreichen.
Angenommen, wir marschieren jetzt ohne jede Deckung geradewegs auf
ihren Festplatz zu - meinst du, ihre Späher würden uns töten und
erst dann begreifen, wer wir eigentlich sind?«
»Das wissen sie doch schon längst.« Ardacos schaute
auf seine Hände hinab. Aufmerksam betrachtete Breaca im Zwielicht
die geradezu beschämte Haltung seines Kopfes.
»Allein der Tatsache, dass du die Bodicea bist, ist
es zu verdanken, dass wir überhaupt bis hierher gekommen sind.
Hätten die Späher nicht den Befehl gehabt, uns zu ihren
Stammesältesten zu führen, hätten sie uns schon längst aus diesem
Leben entlassen.« Dieses Eingeständnis schmerzte Ardacos sehr, denn
früher einmal war er der beste Späher gewesen, der je gelebt hatte.
Mit erhobener Stimme, sodass seine Worte hinaufreichten bis in die
seufzenden Bäume, fuhr er fort: »Ich weiß von sechs Spähern, die
uns in diesem Augenblick gerade beobachten, die uns gefolgt sind,
seit wir das Waldland betreten haben. Und ich vermute, dass sie in
Wahrheit sogar zu acht sind, bin mir da aber nicht ganz sicher.«
Zwar war es keineswegs unüblich, dass Fremde, wenn sie das Gebiet
anderer Stämme betraten, von deren Spähern beobachtet wurden - es
erschien Breaca nur seltsam, dass dies auch in ihrem Fall so war,
schließlich war sie doch keine Geringere als die Bodicea. Und
dennoch hatte sie sich in Ardacos’ Obhut nicht einen einzigen
Augenblick lang unbehaglich, ungeschützt gefühlt. »Aber wenn sie
von deinem Eindringen wussten, warum haben sie dann zugelassen,
dass du gleich drei ihrer Späher getötet hast?«
Die kleinen Lachfältchen um seine Augen gruben sich
noch ein wenig tiefer. »Diejenigen, die starben, waren einfach
nicht gut genug. Die Hirschkrieger, genauso wie die Krieger der
Bärin, stellen ihre jungen Anhänger zuweilen auf die Probe, das
heißt, sofern sich ein würdiger Gegner dazu findet. Und ich bin in
ihren Augen offenbar... nun ja, zumindest kein unwürdiger Gegner.
Den Tod dieser drei Menschen wird man uns also sicherlich nicht
vorhalten.«
»Und dennoch haben die noch verbliebenen acht
Krieger dich am Leben gelassen. Warum darfst du ihre drei jungen
Gefolgsleute töten, nur weil sie dich nicht rechtzeitig gesehen
haben, während man dich wiederum verschont? Seid ihr, was euer
Talent als Krieger betrifft, nicht alle vom gleichen Rang, und
müssten dann nicht für alle die gleichen Regeln gelten?«
Ardacos grinste. Die Freude über die gewonnene
Herausforderung verwandelte ihn für einen kurzen Moment wieder in
jenen jungen Burschen, der er früher einmal gewesen war. »Sie
wussten ja nur, dass ich da war, aber nicht, wo genau ich mich
aufhielt. Sie haben mich nur dann gesehen, wenn ich an deiner Seite
marschiert bin. Und du wiederum bist die Bodicea, die nun nicht
mehr nur unter dem Schutz von Briga und den Großmüttern steht,
sondern über deren Wohlergehen mittlerweile auch noch zahlreiche
andere Geister wachen. Du stellst deine eigenen Regeln auf. Und
solltest du es trotz deines Status wider Erwarten einmal nicht
schaffen, diese Regeln durchzusetzen, so übernehmen die Götter
diese Aufgabe.«
»Aber woher wissen die Krieger das alles?«
Verwundert über die Dummheit, die aus dieser Frage
sprach, schüttelte Ardacos den Kopf. »Breaca, das alles strahlt
doch geradezu von dir aus. Man sieht dir diese Dinge einfach an,
immer, auch als du krank warst, nur dass das Leuchten zu jener Zeit
ein wenig schwächer war. Außerdem gibt es trotz aller Unterschiede
auch zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den Stammesältesten des
Gehörnten und den Ältesten der Bärin; sie sehen die Dinge im Grunde
genauso, wie auch wir sie betrachten. Und wenn du dich jetzt
vielleicht mal erheben möchtest, um dich jenen zuzuwenden, die sich
hinter uns verstecken, dann könnten wir gleich austesten, ob ich
recht habe.«
Zu Ehren des gehörnten Gottes wirbelte Graine
zwischen den regenschweren Kiefern hindurch, tanzte zu den Rhythmen
der Schädeltrommeln und der Flötenmusik und dem tiefen,
eindringlichen Gesang, den der Gott einst den Ahnen geschenkt hatte
und dessen Melodie seither nicht mehr verändert worden war.
Das Trommeln auf den Hirschschädeln war wie das
Trommeln des Herzens, sein Rhythmus manchmal ruhig, manchmal
gehetzt, und manchmal - dies waren die Male, wenn Graine sich
innerlich von dem Sog des Tanzes distanzierte - wie der rasende
Herzschlag während der Brunft, wenn die Macht des Gottes sich in
den wilden, erbitterten Hirschkämpfen zeigte sowie bei der darauf
folgenden Paarung, welche natürlich allein dem Sieger vorbehalten
war.
Von jenen Phasen des rituellen Tanzes also einmal
abgesehen, wirbelte Graine ebenso wie alle anderen durch den Rauch
und den Geruch von Schweiß und durch das Gewebe aus Lärm, einfach,
weil sie gar nicht anders konnte. Das Lied sang in ihrem Blut, das
Dröhnen der Schädeltrommeln pulsierte durch das Mark ihrer Knochen,
und die trällernden Flöten lockten ihre Seele hinfort, sodass ihr
Fleisch einfach folgen musste.
Sie tanzte in einem Kreis von Cornovii. Dieser
Kreis aus Tanzenden bestand sowohl aus Männern als auch aus Frauen,
und sie alle waren bereits alt genug, um Kinder zu haben; deutlich
prangten auf den Bäuchen sämtlicher Frauen die Streifen der
Schwangerschaft. Keiner von ihnen trug Kleidung, und keiner von
ihnen versuchte, seine Nacktheit vor Graine zu verbergen, und sie
stellte fest, dass sie dies auch nicht länger interessierte.
Unmittelbar vor Graine tanzte Dubornos, erfüllt von
einer Lebendigkeit, wie sie sie noch niemals zuvor bei ihm
beobachtet hatte. Doch auch Graine schien vollkommen gefangen in
jenem Ritual, das den Cornovii heiliger war als alles andere. Sie
durchtanzte einen Lebenszyklus nach dem anderen. Sie erlebte das
Wachstum jenes winzigen Wesens, das der Hirschbulle der Hirschkuh
in den Bauch gepflanzt hatte, fühlte die rasche, glitschige Geburt
und erahnte die ersten Schritte dieses Geschöpfes hinein in eine
Welt, wo der gehörnte Gott alles neue Leben zum Heiligtum
erhob.
Gefolgt von Efnís, der mit geradezu glühenden Augen
durch das Meer der Tanzenden wirbelte, erspürte sie immer wieder
den wärmenden Atem der Hirschkuh, fühlte die erste Begegnung des
Kalbes mit der Kälte, erahnte seine Empfindungen, als es das erste
Mal die Angst kennenlernte, kostete den Geschmack der ersten Milch,
der ersten grünen Pflanzen und der Baumrinde im Winter, wenn der
Schnee den Waldboden verbarg.
Dicht neben ihr wirbelte Bellos umher; trotz seiner
Blindheit bewegte er sich mit der Trittsicherheit einer
Bergziege.
Graine tanzte und wurde zum Hirsch, erfuhr das
Leben und beinahe auch den Tod eines Wesens, das frei war von
jeglicher menschlicher Fürsorge, und ertastete damit erstmals ganz
sacht das Bewusstsein, das mit einer solchen Existenz
einherging.
Doch Graine war nur eine von Hunderten, und sie
alle sprangen und wirbelten in einem großen Kreis um den Mann in
der Mitte, den Mann mit der Geweihkrone, jenen Mann, der Hawk war
und zugleich auch nicht, und sie tanzten auch um die Frau herum,
die Gunovar war und zugleich noch so viel mehr und die ihr Gesicht
mit Hawks Blut bemalt hatte.
Sie tanzten, und der Regen trocknete auf dem Gras,
und die Sterne wirbelten regelrecht über das Firmament, fügten sich
zu neuen Tierkreiszeichen zusammen, und ein jeder der Tänzer wurde
getragen von der Magie der Trommeln und der Hornflöten, bis sie
nicht mehr die Eceni waren und die Cornovii und jener einzelne
Coritani - Todfeinde auf ewig -, sondern bis sie alle der gleiche
Herzschlag zu durchwogen schien, der gleiche Puls, der gleiche
Atem. Es war ein Tanz durch das Leben und bis an die Grenze des
unausweichlichen Todes. Schließlich war nicht einer mehr unter
ihnen, der noch gezögert hätte, sich in jenen Abgrund zu stürzen,
den ihr Tanz heraufbeschworen hatte, um dann auf das Geheiß des
bereits wartenden Gottes in dessen Arme zu sinken.
Mit jedem Mal kamen sie diesem Abgrund ein
Stückchen näher, wichen dann aber wieder zurück und begannen aufs
Neue den Zyklus des Lebens, erlebten die Brunft und das Setzen der
Saat und spürten, wie Neid in ihnen aufwallte. Neid auf jenen einen
Mann im Zentrum des Kreises, der der Auserwählte war. Allein seine
Saat würde bleiben, würde neues Leben hervorbringen, während er
selbst in dem Augenblick seiner eigenen Vollendung zu dem Gott
emporsteigen dürfte und dafür auch noch bis in alle Ewigkeit
verehrt werden würde.
Plötzlich stieß Graine sich den Zeh. Natürlich war
dies keine große Sache, und es passierte auch nur, weil sie mit
Abstand die Jüngste und Kleinste unter den Tänzern war. Außerdem
war sie doch mittlerweile eine Hirschkuh geworden oder vielleicht
auch ein junger Bock, und die Jagd hatte begonnen, sodass sie
versuchte, besonders hoch zu springen, um den Hunden zu entkommen,
höher noch als Efnís oder Dubornos. Dennoch passierte es während
eines solchen Sprungs, dass sie mit leicht verdrehtem Fuß wieder
auf dem Boden aufkam, sich dabei den großen Zeh verrenkte und ein
stechender Schmerz sie durchzuckte. Humpelnd eilte sie weiter,
verlor aber den Rhythmus der anderen und damit beinahe auch den
Tanz als Ganzes.
Und erst in diesem Moment, als sie fast aus dem
Zyklus des Lebens hinausgestolpert wäre, erkannte sie voller
Entsetzen, welch geradezu hypnotische Macht der Tanz auf sie alle
ausübte. Zwar hielt Graine nun nicht einfach inne - damit wäre sie
Gefahr gelaufen, von den anderen niedergetrampelt zu werden -, doch
der salzige Schweiß auf ihren Lippen war plötzlich nicht mehr der
salzige Geschmack der Geburt, und das pochende Herz in ihrer Brust
klopfte lediglich vor Erschöpfung, nicht aber von der Anstrengung
der Jagd oder der Brunft oder der Nähe des Todes, welche sie soeben
noch erfahren hatte.
Hastig ließ Graine den Blick in der Runde
schweifen, entdeckte schließlich Efnís, der ganz und gar dem Wesen
des Gottes ergeben schien. Noch überraschender aber war für sie der
Anblick von Dubornos. Sie beobachtete, wie er im Tanz die Augen
halb geschlossen hielt und wie ein Entzücken sich über sein Gesicht
gebreitet hatte, das Graine in ihrem ganzen Leben noch nicht an ihm
hatte beobachten können. Er war ein vollkommen anderer Mann - die
Angst, die er während der Jagd verspürte, und die Nähe des Todes
bereiteten ihm regelrechte körperliche Schmerzen. Und dennoch
schien er zugleich eine derartige Ekstase zu erleben, wie sein
zermartertes Herz sie ihm noch niemals zuvor vergönnt hatte.
Graine schaute sich um, suchte nach Bellos und
stellte dann fest, dass er ganz in der Nähe war, und das war nun
die größte Überraschung von allen. Er sprang mit den anderen im
Kreise, warf im Rhythmus der Trommelschläge den Kopf hin und her -
als Graine ihn jedoch mit ihren Blicken suchte und schließlich
fand, wandte er ihr sofort das Gesicht zu und grinste wie ein ganz
normaler junger Bursche. Dann blinzelte er ihr mit seinen blinden
Augen einmal kurz zu, und Graine hielt für einen winzigen Moment
inne. Augenblicklich brach das Chaos in den hinter ihr wirbelnden
Reihen aus, und die Tänzer gerieten aus dem Takt.
»Nicht stehen bleiben.« Hastig war Bellos neben sie
getreten und zerrte sie vorwärts, auf dass der Kreis der Tanzenden
weitereilen konnte. »Bleibe in dir selbst, beobachte und lerne. Es
ist keineswegs etwas Schlechtes, sich dem Gott hinzugeben, aber
schon bald wird der Mond sich am Himmel zeigen, und damit wandelt
sich auch die Gestalt der Dinge. Für eine Dienerin Nemains - wie du
es nun einmal bist -, die der Mondgöttin ohnehin schon näher steht
als wir anderen, wäre es also hilfreich, wenn du dann besonders
fest in deiner Mitte ruhen würdest, um dich im Zweifelsfall ein
wenig von der Macht der Göttin zurückzuziehen.«
»Aber du bist doch auch ein Diener. Ein Diener
Brigas.«
»Richtig. Aber Briga ist die Mutter aller Dinge.
Selbst die des gehörnten Gottes. Sie ist sogar die Mutter des
Todes. Und ich glaube, wenn du jetzt vielleicht einmal den Blick
durch die Bäume hindurchschweifen lässt, dann wirst du entdecken,
dass Briga bereits jemanden gesandt hat, um das, was sich nun
eigentlich hier ereignen sollte, in eine vollkommen neue Richtung
zu lenken. Vielleicht musst du also doch nicht dabei zusehen, wie
Hawk stirbt.«
Hastig schaute Graine sich um, völlig verwirrt. Sie
hatte den Tanz wieder aufgenommen, und das Feuer loderte hell.
Dahinter lag der Wald, schien wie ein Durcheinander aus Nacht und
Schwärze. Es war ein einziger Wirrwarr, bestehend aus nichts als
Schatten, mit Ausnahme dieses silbrigen Dunstschleiers am Horizont,
der ersten Andeutung der messerscharfen Sichel des Mondes. Bellos
hob Graine hoch, stemmte sie in die Luft empor und setzte sie sich
dann auf die Schultern. Sie schwankte, doch er hielt sie fest.
Bellos war von mindestens ebenso überschwänglicher Freude erfüllt
wie die anderen Tanzenden, wenngleich dieses innere Glück in seinem
Fall einer anderen Quelle zu entspringen schien.
»Bitte, borge mir deine Augen«, sagte er lachend,
sodass auch Graine unwillkürlich lachen musste, »und sage mir, dass
ich recht habe und dass nicht nur die Bodicea wieder geheilt ist,
sondern dass sie sogar wieder das Lied hört, das Lied jenes
Schwertes, das uns endlich doch noch fortführen wird aus diesem
elendigen Leben unter den Legionen.«
Schon lange, ehe Breaca dies so richtig bewusst
geworden war, hörte sie bereits das Lied der Klinge ihres
Vaters.
Wegen Stone konnte sie nun aber nicht einfach die
Felswand hinabklettern auf die zweite, tiefere Ebene des Tales
hinunter.
Einen einfacheren Abstieg suchte man, zumindest in
unmittelbarer Nähe, jedoch vergebens, sodass die Späher der
Cornovii, die mittlerweile eher die Funktion von Führern übernommen
hatten, Breaca und ihre beiden Begleiter schließlich den langen Weg
entlang der Abbruchkante in Richtung Süden führten, bis ans Ende
des Felsplateaus, wo der Kalkstein sanft abfiel, um mit dem offenen
Heideland zu verschmelzen, und wo auch ein Hund sicher auf die
untere Ebene hinabgelangen konnte.
Auf diesem Pfad kamen sie schließlich auch wieder
an ihren Pferden vorbei - das Gepäck lag noch wohlverschnürt auf
dem Rücken der Tiere.
Ardacos hatte also recht gehabt: Die Späher hatten
von Anfang an gewusst, wer Breaca war, und waren erfüllt von einer
geradezu ehrfürchtigen Scheu vor ihr. Selbst in der Dunkelheit
hüteten sie sich, ihr gar zu lange in die Augen zu schauen,
geschweige denn ihr geradewegs ins Gesicht zu starren. Was jedoch
die Anzahl der Späher betraf, so hatte Ardacos sich geirrt. Es
waren insgesamt neun, die die kleine Reisegruppe der Bodicea
begleitet hatten, die ihr gefolgt waren, für den Fall, dass sie den
Weg verlieren sollten, und die sie auf diese Weise regelrecht
geführt hatten; acht von diesen waren Ardacos bereits aufgefallen,
den neunten aber hatte er übersehen.
Schweigend eilten die Bodicea und ihre Begleiter an
der Abbruchkante des Felsens entlang. Deutlich war Ardacos
unterdessen die Beschämung darüber anzumerken, dass er diesen einen
Späher nicht bemerkt hatte. Und diese Beschämung hielt auch noch
an, als die nunmehr zwölfköpfige Gruppe in luftiger Höhe das große
Feuer passierte, über den Köpfen der Tanzenden vorüberhuschte,
vorbei an den rasselnden Trommelschlägen und den klagenden Flöten,
die ihnen zuvor bereits aus dem Tal entgegengeschallt waren und sie
geradezu in das Netz ihrer Rhythmen hineingelockt hatten.
Zwar kamen sie keineswegs langsam voran - die
Späher bewegten sich ebenso schnell durch den dichten nächtlichen
Wald wie bei Tage -, und dennoch waren die Sterne bereits ein gutes
Stück über den Himmel gewandert, ehe die Läufer schließlich den
Endpunkt der Kalksteinklippe erreicht hatten. Breaca hatte
zwischenzeitlich schon darüber zu grübeln begonnen, ob es nicht
klüger gewesen wäre, Stone oben am Klippenrand anzubinden und ihn
am nächsten Tage wieder dort abzuholen. Dann aber hatten sie den
Pfad auch schon erreicht und liefen hinab in das untere Tal.
Plötzlich schallte Breaca aus der Dunkelheit das
fröhliche Wiehern eines Pferdes entgegen.
»Das ist Graines Stute«, rief Breaca.
In der Tat gehörte das Tier ihrer Tochter, und
gleich daneben standen auch Dubornos’ mondgraues Pferd, Gunovars
Zugtier und Hawks etwas stumpf dreinblickendes Reitpferd. Weiter
reichte das Licht des Feuers nicht. Breaca und ihre Begleiter
konnten also nur gerade genug erkennen, um sicher zu sein, dass das
Gepäck von Graines Reisegruppe offenbar unberührt geblieben war und
dass auch die Waffen noch immer in ihren mit Öl eingefetteten
Häuten steckten und fest an den hinteren Sattelwülsten lagen.
Natürlich war auch die Waffe von Breacas Vater da;
man hatte sie Hawks Pferd auf den Rücken gebunden. Jenes Schwert,
das auf Eburovics Geheiß nach Mona gesandt worden war, damit es
dort in Sicherheit verwahrt bliebe. Breaca spürte die Gegenwart des
Schwertes so eindringlich und intensiv, als ob ihr Ururgroßvater es
gerade erst geschmiedet hätte, es aus der Glut herausgehoben und es
Breaca schließlich in die Hände gelegt hätte, noch immer behaftet
mit dem Geruch nach seinem Schweiß und glühendem Eisen. Breaca
glaubte, wieder die raue Haut ihres Vaters zu spüren, während er
ihr einen Kuss auf die Wange drückte und die Hände auf ihre
Schultern legte. Sogar seine Stimme hörte sie, nicht aber die
Worte, die er sprach. Er war ihr Vater und auch wieder nicht, war
nun ein Glied in der langen Reihe der Ahnen.
Die Klinge sang, sang nur für Breaca, und zwar mit
einer Klarheit, wie Breaca sie in dem stillen Tal beim Teich der
Götter noch nicht wahrgenommen hatte. Damals hatte Valerius
regelrecht über Breaca gewacht, als ob sie jeden Augenblick wieder
hätte zusammenbrechen können, während ihr Sohn gerade einen der
römischen Wachtürme in Brand gesteckt und damit den ersten Angriff
des nun tobenden Krieges gewagt hatte. Aber vielleicht hatte das
Schwert auch in jener Nacht schon genauso klar seine Stimme
erhoben, nur dass Breaca diese damals noch nicht verstanden
hatte.
Man hatte die Pferde an einen rasch dahinfließenden
kleinen Strom geführt und ihnen dort Fußfesseln angelegt.
Beobachtet von den Spähern der Cornovii sprach Breaca einige
beruhigende Worte zu den Tieren und wandte sich schließlich auch
noch kurz an die Pferdeburschen, die bei den Tieren Wache hielten.
Dann, endlich, war das Schwert wieder das ihre. Fest eingewickelt
und mit heller Stimme singend lag es in Breacas Händen. Ihre
Handfläche brannte plötzlich wieder genauso wie damals, als sie die
Schnittverletzung durch den Schwerthieb erlitten hatte. Breaca
hätte weinen können, so sehr freute sie sich über die Rückkehr
dieses Gefühls, ein Gefühl, von dem sie schon gedacht hatte, dass
es für sie auf immer verloren wäre.
Sie kniete sich nieder und bettete das Schwert nahe
dem Flusslauf in Gras und Heidekraut. Die Sterne spendeten ihr
Licht. Das Sternbild des Jägers war bereits weitergewandert, der
Hund aber stand noch immer hell leuchtend über ihr und spiegelte
sich in dem plätschernden Wasser, gemeinsam mit den
Zwillingsschlangen, die ihm folgten. Breaca tastete über das Leder,
in das die Klinge eingewickelt war, und suchte nach den Knoten, mit
denen Hawk das Paket verschnürt hatte.
»Noch nicht. Du solltest es noch nicht auswickeln,
nicht hier.« Ardacos schien kaum mehr als ein Schatten, der über
die silbrigen Wellen glitt. Zudem sprach er sehr leise, sodass
seine Stimme sich fast in dem schwachen Plätschern verlor.
»Solltest du tatsächlich nicht anders aus diesem Tal entkommen
können als mit Hilfe deines Schwertes, dann sind wir ohnehin
bereits verloren. Vor allem aber, so denke ich, würde das Schwert
noch mehr Eindruck machen, wenn du es erst vor dem Feuer aus seiner
Hülle löst, im Angesicht der Stammesältesten und unter dem Licht
des gehörnten Mondes.« Nun rückte Ardacos so dicht an Breaca heran,
dass sie ihn hätte berühren können. »Zumal du seinen Gesang so oder
so hören wirst, egal, ob es nun noch in Leder eingehüllt ist oder
nicht.«
Mit seinem gesunden Menschenverstand war Ardacos
Breaca stets ein geschätzter Ratgeber gewesen. »Danke.« Sie drückte
flüchtig seinen Arm. »Im Übrigen brauchst du dich wirklich nicht zu
schämen, dass du den neunten Späher nicht bemerkt hast.«
»Trotzdem hätte ich dafür eigentlich sterben
müssen.« Erstaunlicherweise klang seine Stimme deutlich weniger
bitter, als Breaca befürchtet hatte. »Aber allein schon um des
Erlebnisses dieser Nacht willen bin ich dankbar, dass ich noch am
Leben bin. Ihre Musik - von allem anderen einmal abgesehen - ist es
wahrlich wert, noch eine Nacht länger zu leben.« Mit einem knappen
Nicken deutete er in das Tal hinab, wo das Feuer die Bäume rot
aufleuchten ließ. Verhalten tönte die Musik der Hirschkrieger durch
das Geäst zu ihnen herüber. »Besitzen auch die Schädeltrommeln der
Bärinnenkrieger diese geheimnisvolle Macht, einem regelrecht die
Seele zu stehlen? Ich meine, spüren auch jene, die nicht der Bärin
huldigen, diese lockende Kraft?«
Breaca grinste. »Eure Schädeltrommeln haben noch
weitaus größere Macht über die Seelen der Menschen als die Trommeln
der Hirschkrieger. Jedoch habt ihr noch niemals jemanden gegen
dessen Willen in den Tod geschickt - aus diesem Grund wärt ihr,
zumindest für mich, auch dann noch die besseren Musiker, wenn ihr
mit euren Trommeln bloß eine lärmende Kakophonie erzeugen würdet.
Jetzt sollten wir uns aber beeilen, damit wir die Tänzer noch
erreichen, ehe der Mond am Himmel aufsteigt. Der Bär ist
schließlich kein Freund des Hirsches. Was meinst du, setzen wir nun
womöglich dein Leben aufs Spiel, wenn wir uns dem Feuer
nähern?«
»Mein Leben ist hier keinen größeren Gefahren
ausgesetzt als auch an jedem anderen Ort. Lange wollte ich sowieso
nicht bleiben. In jedem Fall aber sollten wir die Pferde nehmen.
Sieht einfach besser aus.«
Graines Mutter ritt auf Hawks Pferd, während Stone
neben ihr herlief.
Stolz brach Breaca zwischen den Bäumen hindurch,
hielt dann aber, als sie auf einer Linie war mit den letzten
Bäumen, einen Augenblick inne. Der Schein des Feuers ließ Breacas
Haar schimmern wie flüssige Bronze und verwandelte das Fell von
Hawks kastanienfarbenem Pferd in bebendes, nass glänzendes
Gold.
Breaca war nun eine ganz andere, hatte nichts mehr
gemein mit der Bodicea vergangener Zeiten, sondern erstrahlte in
völlig neuen Farben. All das sah Graine bereits im ersten, geradezu
schwindelerregenden Moment, als der mitreißende Wahnsinn des Tanzes
zusammen mit dem Anblick, der sich ihr dort zwischen den Bäumen
bot, so erschütternd war, dass sie sich nur gerade eben noch an
Bellos’ Schultern festklammern konnte und ansonsten geradewegs in
die Menge der Tanzenden gestürzt wäre.
Doch was Graine sah, waren nicht nur ihre Mutter,
das Pferd und der Hund, sondern sie sah auch das Leuchten, das von
allen dreien gleichermaßen auszugehen schien und das noch um ein
Vielfaches mächtiger war als das Feuer der Hirschkrieger. Noch
niemals zuvor hatte Graine ein derartiges Strahlen gesehen.
Das Lied von Breacas Schwert hingegen konnte Graine
nicht vernehmen, was ein sehr gutes Zeichen war.
Fest klammerte sie sich an Bellos’ Handgelenke, um
zu verhindern, dass sie stürzte, während er das Gesicht zu ihr
emporwandte und Fragen über Fragen sich in seinen blinden Augen zu
spiegeln schienen. Atemlos erklärte Graine: »Noch niemals zuvor
habe ich das Licht der Bodicea gesehen. Und dies ist also jenes
berühmte Strahlen?«
»Ich weiß es nicht.« Noch immer durchwogte die
reine Freude Bellos’ Wesen. »Aber es ist schon einmal wesentlich
eindringlicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Was ist mit dem
Lied ihres Schwertes?«
»Keine Ahnung. Ich jedenfalls kann es nicht hören.
Vielleicht trägt sie ja die Klinge meines Großvaters bei sich.
Valerius hatte sie einst Hawk übergeben, und der wiederum hat das
Schwert vorhin auf dem Rücken seines Pferdes gelassen.«
Kaum aber, dass Graine diese Worte gesprochen
hatte, hörte sie im Geiste auch schon ein lautes Klirren, als ob
Eisen auf Eisen prallte. Sie verstand nicht, was ihr dies wohl
sagen sollte, und fuhr fort: »Der Tanz hat dein Bewusstsein wohl
derart geöffnet, dass du nun mehr wahrnehmen kannst, als du
eigentlich auch nur erahnen dürftest. Denn normalerweise darf nur
die Bodicea das Lied ihrer Klinge hören.«
Weise, fast schon hellsichtig schien der Ausdruck
auf Bellos’ Gesicht. Er, der bereits auf Mona geträumt hatte und
der einer der Diener Brigas war, schwenkte Graine nun scherzhaft
hin und her und widersprach in hellem Singsang: »In dieser Nacht,
mein liebes Kind des Mondes, dürfen alle alles hören.«
Und zweifellos hatte er bereits auf Mona so manche
Vision durchlebt und war einer der Diener Brigas, ebenso, wie
Graine zweifellos noch immer ein Kind war und noch nicht wieder
vollständig genesen - und dennoch glaubte sie ihm nicht.
Abermals tauchten schemenhafte Gestalten zwischen
den Bäumen auf. Rechts von Breaca erschien Cygfa, links Ardacos.
Nun entdeckten auch andere die Neuankömmlinge, der Tanz geriet ins
Stocken, bis schließlich auch das Singen und die Flöten und eine
der Schädeltrommeln schwiegen. Die zweite Trommel entsandte noch
ein gutes Dutzend ihrer zerrissenen, dröhnenden Takte in die Nacht,
ehe auch sie verstummte.
In der Mitte des Kreises wirbelte und sprang Hawk
derweil immer weiter. Der gehörnte Gott war bereits in ihn
eingedrungen, und Hawk konnte den Tanz nicht mehr aus eigenem
Willen beenden. Gunovar tanzte ebenfalls unbeirrt weiter, damit er
nicht allein wäre. Der Rest der schwitzenden Tänzer, Cornovii wie
Eceni, kam unterdessen zum Stehen.
»Du solltest jetzt besser wieder
runterklettern.«
Unsicher landete Graine auf dem Boden, indem sie
sich erst an Bellos’ Unterarme klammerte, dann an seine Schultern
und schließlich an seine Taille. Als sie wieder mit beiden Füßen
fest auf der Erde stand, drückte sie ihn noch einmal herzlich an
sich. Bellos beugte sich hinab und hauchte ihr einen sanften Kuss
auf den Scheitel.
Überall um sich herum konnte sie Männer und Frauen
dabei beobachten, wie diese langsam wieder zu sich selbst fanden.
Und nicht alle von ihnen kehrten gerne wieder in die Realität
zurück. Efnís schüttelte den Kopf, beugte sich vornüber, die Hände
auf die Knie gestützt, während er mühsam um Atem rang. »Zu...
früh«, keuchte er. »Das hätte jetzt... noch nicht enden dürfen.«
Ihm fehlte offenbar die Luft, um seine kurze Bemerkung noch weiter
auszuführen. In jedem Fall aber schien er kein gebrochener Mann zu
sein, sondern lediglich besorgt.
Dubornos dagegen war innerlich zerbrochen. Er stand
ganz in der Nähe von Graine und blickte starr gen Osten, wo die
erste scharfe Kante des Mondes sich über die Felsklippe erhob. Das
warme Licht des Feuers schien geradewegs von ihm abzuprallen, und
seine Haut schimmerte totenblass, während seine Augen wie dunkle
Löcher in seinem Schädel lagen. Ein Mantel schwarzen, unendlichen
Kummers schien sich um seine Schultern gebreitet zu haben, so
finster, dass die Jahrzehnte der stillen Melancholie dagegen
nurmehr ein blasser Schatten waren.
Aus keinem anderen Grund als dem, weil sie ihn nun
einmal liebte und gerade in seiner Nähe stand, ließ Graine ihre
Hand in die seine gleiten. Dubornos aber zuckte zurück, wollte
sogar vor ihr zurückweichen, besann sich dann aber wieder und
erlaubte Graine schließlich, ihm mit ihrer kleinen Hand wieder ein
wenig Halt zu verleihen. Eindringlich spürte sie die Leere und das
Beben in seiner Seele, erahnte den Tunnel, der von Dubornos aus zu
dem Gott emporführte und der sich nun, wenngleich nur sehr langsam,
wieder schloss.
Dubornos schaute Graine an, versuchte zu lächeln,
und schaffte es doch nicht. Voller Entsetzen sah Graine, wie Tränen
ihm über die Wangen rannen und sich mit seinem Schweiß vermischten.
»Es ist vorbei«, sagte er, und seine Stimme schien bar jeglicher
Hoffnung. »Wir waren so nahe dran, und deine Mutter hat alles
wieder zerstört.«
Graine zog ihre Hand fort und bemühte sich nicht
mehr, Dubornos noch weiter Trost zu spenden. Niemals in ihrem Leben
hatte sie einen solchen Kummer durch die Stimme eines Menschen
dringen hören.
Sie drehte sich um, blickte zu ihrer Mutter
hinüber, war vollkommen ratlos und wusste nur eines mit absoluter
Sicherheit: Was zerstört worden war, musste wieder zusammengefügt
werden. Und allein die Bodicea, die die Ursache dieser Zerstörung
war, könnte die zerbrochenen Teile wieder zusammenfügen.