XXVI
Kaum ein Lebewesen existierte noch in der
gebrandschatzten Stadt Camulodunum. Allein ein paar Ratten und
Krähen huschten umher, gemeinsam mit den Kriegern, die sich
schweigend in mehreren Kreisen um den Tempel des Claudius geschart
hatten, des einstigen Kaisers und Schutzherrn seiner Untertanen,
von denen sich ein Rest von fünfhundert unter seinem Tempeldach
versammelt hatte, ebenso schweigend wie die Krieger draußen vor der
Tür. Stumm baten sie nun Claudius um Hilfe, jenen Gott, an den sie
doch im Grunde nie wirklich geglaubt hatten.
Breaca wischte sich die schweißnassen Hände an
ihrer Tunika ab und trocknete anschließend den Schwertknauf. Rund
eintausend Krieger standen je rechts und links von ihr hinter der
kleinen steinernen Mauer, die den Tempelhof umschloss, und es gab
nicht einen unter ihnen, dem das tatenlose Abwarten nicht zusetzte.
Quer durch alle Reihen und über sämtlichen Abteilungen lastete ein
Schweigen, das schwerer und noch deutlich spannungsgeladener war
als jenes Schweigen, das die Männer der Neunten Legion erwartet
hatte, als diese den Steinernen Pfad der Ahnen hinabmarschiert und
damit unwissentlich auch ihrem eigenen Untergang entgegengeeilt
waren.
Langsam reichte Breaca ihren Wasserschlauch an
Valerius weiter, der durstig einige Schlucke daraus trank und den
ledernen Schlauch dann wieder auf der niedrigen Steinmauer vor
ihnen ablegte. Ein leises Scharren ertönte, als das Leder die
kratzige Oberfläche berührte. Über die gesamte Länge der Mauer
hinweg war dies das lauteste Geräusch. Regungslos stand das Heer da
und beobachtete, wie die Sonne sich träge am Horizont erhob. Doch
vor die helle Scheibe am Himmel hatte sich eine Wolke geschoben.
Und ähnlich unbeweglich wie die Krieger schien auch diese fest auf
ihrem Platz verharren zu wollen, sodass trotz des blauen,
wolkenlosen Himmels der Morgen blass und verhalten wirkte.
Aufmerksam betrachtete Valerius das wie erstarrte
Firmament und fragte mit gedämpfter Stimme: »Und, hast du denn
letzte Nacht an Theophilus’ Seite gefunden, wonach du
suchtest?«
»Vielleicht den Anfang von dem, wonach ich mich
sehne«, antwortete Breaca. Der Schlafmangel bereitete ihr
mittlerweile regelrechte Übelkeit, und der Geruch nach verbranntem
Fleisch ließ ihren Magen nur noch zusätzlich revoltieren.
Valerius schaute seine Schwester auf die gleiche
Weise an, wie der griechische Arzt sie betrachtet hatte und auch
Airmid, nachdem Breaca wieder aus der Grabkammer zurückgekehrt war.
Und ganz ähnlich wie sie alle sagte Valerius: »Du musst jetzt nicht
hierbleiben. Wir können den Tempel auch ohne dich einnehmen.«
»Und danach?«
»Und danach ist Cunomar vielleicht so weit, das
Kriegsheer auch ohne fremde Hilfe führen zu können.«
Auch das hatte man Breaca an diesem Morgen bereits
erklärt, allerdings mit weniger Überzeugung, als Valerius sie nun
in seiner Stimme trug. Aber hier in der vordersten Reihe eines
Kriegsheeres war einfach nicht der richtige Ort und auch nicht der
richtige Zeitpunkt, um eine Diskussion zu beginnen. Schließlich
entgegnete Breaca lediglich: »Darüber brauchen wir uns jetzt noch
nicht zu beraten.«
Abermals verfielen sie beide in Schweigen und
beobachteten den Himmel. Zwischenzeitlich war die Sonne bis über
die Baumwipfel aufgestiegen, schien aber noch immer wie gefangen
hinter dem ihr unablässig folgenden Dunstschleier. Als sie dann so
hoch am Himmel stand, dass die Schatten eigentlich bereits über den
halben Tempelhof hätten reichen sollen, flüsterte Valerius: »Wenn
die da jetzt nicht bald mal rauskommen, müssen wir...« Abrupt hielt
er inne. Mit einem Mal schien das Warten ein Ende zu haben,
zumindest der erste Teil dessen, worauf die Krieger schon so lange
lauerten.
Lautes, metallisches Dröhnen hallte durch die
morgendliche Stille, ganz ähnlich dem Klang eines Schildes, auf den
ein Krieger einen kräftigen Hieb mit seinem Schwert setzte, um
damit den Göttern seinen Gruß zu entbieten. Es folgte ein scharfes
Kratzen, wie Metall, das über Stein schabte, und langsam wurde die
Tempeltür einen schmalen Spalt geöffnet. Die Pforte musste sehr
schwer sein. Außerdem schienen die hinter ihr Verborgenen sich zu
fürchten, sie allzu rasch aufzustoßen.
Für die Zeitspanne eines kurzen Atemzugs legte sich
abermals tiefe Stille über den Hof. Plötzlich war das schrille
Weinen eines kleinen Kindes zu hören. Wieder folgte angespanntes
Warten, bis schließlich vier Mädchen in besudelten Tuniken und mit
schmutzig blondem Haar aus dem Tempel gestolpert kamen. Blinzelnd
schauten sie in das matte Wolkenlicht. Die vier standen mitten auf
den weißen Steinstufen, halb nackt und verdreckt und mit
Lumpenfetzen oder aus Holz geschnitzten Tieren in den Armen, die
sie ängstlich an sich pressten. Starr sahen sie den Kriegern
entgegen, die sie in einem riesigen Kreis umringten. Die Kinder
weinten. Leise, doch hemmungslos, mit laufenden Nasen und großen,
geröteten Augen.
Vier Mädchen, keines von ihnen älter als Graine.
Nur vier. Nicht mehr.
Mit donnerndem Hall wurde die bronzene Tür wieder
geschlossen.
»Aber da drinnen müssen doch noch mehr Kinder
sein«, ergriff Cygfa schließlich das Wort.
»Nein«, widersprach Valerius.
»In jedem Fall brauchen sie Hilfe«, stellte Breaca
fest. Airmid war bereits über die niedrige Mauer geklettert und
marschierte auf den Tempel zu. Ganz allein und in aufrechter
Haltung schritt sie unter dem alten Mond und der jungen, doch noch
verhangenen Sonne durch den feinen Morgennebel. Der Kalkstein des
Tempels ließ alles Licht mattweiß erscheinen. Mit blassem Glanz
glitt es auch über Airmids Haar, ließ es beinahe silbern
aufleuchten, sodass sich in ihrer Erscheinung das Zeichen Nemains
zeigte. Sie schritt zielstrebig weiter, den lang gestreckten
Innenhof entlang, vorbei an einem nur grob zurechtgehauenen
Altarstein, der noch nicht einmal seine Weihe erhalten hatte, und
weiter bis an den Fuß der Treppe. Es dauerte eine Weile, bis die
Augen der Mädchen sich an das Licht gewöhnt hatten. Und kaum dass
sie Airmid entdeckt hatten, drehten sie sich angstvoll kreischend
von ihr fort und zurück in Richtung der bronzenen Pforten.
Vielleicht wären sie geradewegs wieder in die trügerische
Sicherheit des Tempels zurückgerannt, wären die Tore nicht bereits
wieder verschlossen gewesen. Sofort blieb Airmid stehen, ging in
die Hocke und neigte den Kopf zur Seite. Ihre Lippen bewegten sich.
Was sie jedoch sagte, war zu leise, als dass man es vom Standort
der Krieger aus hätte verstehen können. Nur ein schwaches Murmeln
drang bis zu ihnen und dann das plötzliche Abebben der Schreie der
Kinder. Schließlich gingen diese sogar langsam auf Airmid zu und
ließen sich von ihr in die Arme schließen.
Schon bald erhielt Airmid Unterstützung von Lanis,
einer Träumerin der Trinovanter, die dem Stamme der Bodicea
wohlbekannt war. Sowohl Airmid als auch Lanis hoben je eines der
Mädchen hoch und führten das andere an der Hand. Nur vier Mädchen,
obwohl doch sämtlichen Frauen und Kindern im Inneren des Tempels
Amnestie und sicheres Geleit versprochen worden waren.
Nur vier.
Die dunstverhangene Sonne stieg derweil immer höher
am Himmel empor, und die Konturen der Tempelmauern bekamen langsam
eine sichtbare Tiefe aus Licht und Schatten. Entlang der steinernen
Brüstung, die die riesige Anlage umschloss, ließ die Anspannung
spürbar nach. Männer und Frauen stellten ihre Schilde auf den
Boden, tranken etwas Wasser und aßen Räucherfleisch und die eine
oder andere Handvoll gewässerter Gerste. Dann waren auch wieder die
ersten Unterhaltungen zu hören, und nach und nach verdrängten der
Rhythmus und das Beben schier unzähliger Stimmen die Stille. Nun
gab es nichts mehr, auf das die Krieger noch warten mussten,
ausgenommen das Zeichen ihrer Anführerin. Jenes Signal, mit dem
schließlich eine neue Zeitrechnung anbrechen sollte und der letzte
große Sturm über Camulodunum wüten würde.
Vorerst aber verließ Breaca ihre Stellung und ging
zu Airmid und den Kindern, die sich in dem zerstörten Halbrund des
Theaters eine vergleichsweise sichere Nische gesucht hatten, ganz
in der Nähe jener Stelle, an der einst Eneit gestorben war. Es war
schwer, diesen Teil des Theaters zu betrachten und sich nicht
unwillkürlich wieder an das Sterben des Jungen erinnert zu fühlen.
Breaca ging außen um den Rand herum, da sie nicht die mit Sand
ausgestreute Innenfläche betreten wollte, über die damals ihr
tödlicher Speer gesaust war.
Die Mädchen befanden sich ganz am Rande der Anlage,
in der ersten der Sitzreihen. Auch Theophilus, den sie bereits
kannten, war zu ihnen geeilt. Eines der Mädchen saß auf seinem
Knie, zwei weitere hatten sich an seine Hüfte geschmiegt.
Vorsichtig reinigte er ihre Hände und Beine mit einem Bausch aus
Schafswolle, den er zuvor in Wasser und Rosmarinöl getaucht hatte.
Zwei Tage und zwei Nächte lang waren die Mädchen in einem
steinernen Gefängnis ohne Licht und frische Luft eingepfercht
gewesen, hatten Nahrung, Wasser und die Latrinen in den Ecken mit
rund fünfhundert weiteren Menschen teilen müssen, und das alles
ohne die geringste Möglichkeit, sich einmal zu waschen.
Drei der Kinder waren dankbar für Theophilus’
liebevolle Gesten, und auf ihren Gesichtern zeichnete sich eine
gewisse Erleichterung ab. Das vierte Mädchen aber hatte sich von
der kleinen Gruppe distanziert, klammerte sich an den hölzernen
Hund, mit dem man es nach draußen geschickt hatte, und starrte
stumm geradeaus. Das Haar der Kleinen war rostrot, während das der
anderen Mädchen mehr einem schmutzigen Strohblond glich, und ihre
Augen waren eher grün als blaugrau, so wie die ihrer Gefährtinnen.
Zudem hatte ihre Nase einen leicht dinarischen Zug. Von allen
vieren roch dieses Mädchen am eindringlichsten nach Kot und dem
bitteren Geruch von Männerurin.
Airmid war kurz verschwunden gewesen, kehrte aber
gleich darauf wieder zurück. »Ich möchte ihnen so gerne etwas zu
essen geben. Leider habe ich nur das hier gefunden. Viel ist es ja
nicht gerade... Aber immer noch besser als das, wovon sie an den
letzten beiden Tagen leben mussten.«
Doch nicht nur die Kinder, sondern auch der Rest
der Belagerten und sogar die Belagerer selbst hatten schon lange
nicht mehr etwas so Köstliches genießen dürfen. Vorsichtig öffnete
Airmid einen kleinen Korb aus Weidengeflecht, worin sich in Malz
eingelegte Graupen befanden und einige noch warme Hafermehlkuchen,
denen lediglich ein bisschen Milch fehlte, sodass sie etwas trocken
waren. Und dann zauberte Airmid auch noch Honig hervor. In einer
gebrandschatzten Stadt in der Gewalt eines Kriegerheeres, das kaum
genügend Nahrung bei sich führte, um selbst davon leben zu können,
hatte Airmid doch tatsächlich Honig gefunden. Nicht einmal
Theophilus hatte noch Honig in seiner Apotheke gehabt.
Und trotz all der Angst und der Anspannung und des
Hasses auf all das Elend, das der Tag ihr nun zweifellos noch
bescheren würde, musste Breaca doch hart schlucken und all ihre
Willenskraft aufbieten, um jetzt nicht einfach nach dem Korb zu
greifen. Die drei Mädchen, die sich an Theophilus’ Knie drückten,
kannten derlei Hemmungen nicht. Zwei Tage, während der sie
lediglich rohes Getreide zu essen bekamen, hatten sie für
solcherlei wohlmeinende Bestechungsversuche sehr empfänglich
gemacht, zumal wenn diese aus Malzgraupen und Honig bestanden.
Gierig nahmen sie sich, was man ihnen anbot, und stopften mehr in
ihre Münder, als sie schlucken konnten.
Das vierte Mädchen allerdings, jenes mit dem
dunkleren, fast schon rostfarbenen Haar, das noch immer den
Holzhund an sich drückte, schaute weiterhin ins Leere, ganz so, als
ob es weder die kleine Mahlzeit noch die Frau, die ihm diese anbot,
sehen könnte. Seine Augen waren so graugrün wie die schützende
Meerenge vor Mona und gleichzeitig rot und geschwollen vom
Weinen.
An Breaca gewandt fragte Airmid auf Eceni: »Wo ist
Stone?«
Stone war bei Valerius, den er nach Graines Abreise
gewissermaßen als Ersatz für seine kleine Herrin in sein Herz
geschlossen hatte. Breaca pfiff einmal kurz, und gehorsam kam der
alte Hund auf sie zugetrottet. Zwar war er noch ein ganzes Stück
von ihr entfernt, doch sofort nahm er die Witterung des
Haferkuchens auf, den Breaca ihm entgegenhielt, sodass sein Schritt
auch gleich ein bisschen beschwingter wurde und die schlaffen Ohren
sich ein wenig aufstellten. Breaca brach den Kuchen in zwei Hälften
und gab ihm die eine davon. Dann setzte sie sich in die staubige
Erde und neckte ihn so lange, bis er sich hinlegte, sich auf den
Rücken rollte und sie seinen Bauch kraulen konnte, wobei sie
sorgsam darauf achtete, nicht zu nahe an das leuchtend rosafarbene
Fleisch und die dünne Haut über der gerade abheilenden Wunde an
seinen Rippen zu kommen.
Das Mädchen mit dem rostroten Haar drehte zwar
nicht den Kopf, beobachtete Stone aber mit einem verstohlenen
Seitenblick. Gleichsam verhalten betrachtete Breaca wiederum das
Mädchen und wog im Geiste die unterschiedlichen Facetten des
Erscheinungsbildes des Kindes gegeneinander ab. Man schien sich
durchaus um die Kleine gekümmert zu haben, denn wenngleich über
ihre Tunika ein großer Riss verlief und die Naht darüber recht
ungeschickt ausfiel, so hatte sich doch immerhin überhaupt jemand
die Mühe gemacht, diesen Riss bei vermutlich schlechten
Lichtverhältnissen zu flicken. Und auch ihr Haar war offensichtlich
erst vor kurzem das letzte Mal geschnitten worden, denn die Enden
waren noch alle auf einer Länge. Andererseits aber zeigte die
Kleine auch Spuren der Verwahrlosung, und diese stachen deutlich
eindringlicher hervor als die Anzeichen für Liebe und Umsorgtheit.
Denn das Mädchen war wesentlich magerer, als lediglich zwei Tage
bescheidener Kost es hätten auszehren können, und am Hinterkopf
trug es einen filzigen Haarknoten, teilweise sogar verklebt mit
Stroh und Dung. Seine Füße waren bis zu den Knöcheln hinauf mit
Unrat verschmiert, ganz so, als hätte die Kleine mitten in einem
Schweinepferch ausgeharrt. Und genau genommen war dies auch
durchaus vorstellbar, denn als Breaca noch ein wenig näher an das
Mädchen heranrückte, da stank das Kind mit einem Mal mindestens
genauso intensiv nach Schweinekot wie nach Männerurin.
Stone rollte sich auf die Seite und stöhnte kurz
auf, als dabei seine Wunde gedehnt wurde. Vorsichtig strich Breaca
mit dem Finger um das rote Fleisch herum, tastete nach der Wärme,
die auf eine Entzündung hindeuten könnte. An das Mädchen gewandt,
jedoch ohne die Kleine direkt anzuschauen, sagte sie: »Sein Name
ist Stone. Sein Vater war Hail, der gestorben ist, als er
versuchte, Graine und ihren Vater Caradoc zu beschützen. Der
römische Prokurator hatte versucht, Caradoc zu töten. Airmid hat
ihr gesamtes Wissen als Heilerin aufbringen müssen, um ihm das
Leben zu retten. Sind dort Hunde in dem Tempel? Falls man auch sie
noch hinausschickt, dann könntest du dich später um sie kümmern.
Wir werden ihnen bestimmt nichts tun.«
Schweigen. Stumm blickte das Mädchen in die andere
Richtung. Breaca hielt inne, redete nicht weiter auf das Kind ein,
sondern richtete sich langsam wieder auf. Stone klopfte mit der
Rute auf die Erde und wirbelte damit Staub und alte, längst zu
Boden gesunkene Asche auf. Liebevoll rieb Breaca mit dem Zeh über
sein Fell, er roch flüchtig an ihrem Bein, und für einen kurzen
Moment hatte sie das Mädchen schon wieder vergessen. Bis plötzlich
eine leise, aber erstaunlich tiefe Stimme erklang: »Sie haben die
Hunde getötet, um sie zu essen. Und damit die Hunde nicht das Essen
auffressen.«
Darauf gab es nichts mehr zu erwidern, nichts, was
man noch hätte tun können. Breaca zog ihren Fuß von Stone fort.
Schwerfällig erhob der Hund sich wieder, ein wenig verwirrt
darüber, dass die Liebkosungen so abrupt abbrachen, und ging zu dem
Mädchen hinüber. Gutmütig wollte er an dem Kind schnüffeln, doch es
schob ihn weg. Breaca rief Stone wieder zu sich und führte ihn
zurück zu den Kriegern. Die Kinder ließ sie bei Airmid und
Theophilus, bei Menschen, die keinen Krieg angezettelt hatten und
die andere Menschen nicht derart in die Enge drängten, dass diese
in ihrer Not ihre eigenen Hunde abschlachteten und aßen, in dem
geweihten Tempel eines Mannes, den man zum Gott erhoben
hatte.
An einem klaren, blauen Himmel verdeckte weiterhin
eine einzelne Wolke die Sonne. Und noch immer warteten vor der
Tempelhofmauer die Krieger. Der Tag schien allein aus Tod und Staub
zu bestehen, und nichts schien dies ändern zu können.
Langsam nur glitt die Wolke beiseite und gab die
Sonne frei. Unmittelbar längs der Scharniere der bronzenen
Tempelpforte schien ein feiner Streifen Licht zunehmend breiter zu
werden. Eine Messerklinge aus funkelndem Sonnenlicht wuchs langsam
heran, wurde so breit wie ein Finger, wie eine Hand, bis
schließlich reinstes Licht sich über eine Fläche ergoss, die so
breit wie der ausgestreckte Arm eines Mannes lang war. Die
Dachpfannen über dem Tempel schimmerten zunächst leicht golden und
nahmen dann einen solch blendenden Glanz an, dass sie selbst die
bronzene Tempelpforte noch überstrahlten.
Wer diesem Schauspiel zusah, glaubte zu beobachten,
wie der Tempel von einem göttlichen Feuer verschlungen wurde, das
nicht etwa von dem Gott Claudius, sondern von den Göttern der
Stämme entsandt worden war. Seit dem frühen Morgen schon hatten die
Krieger die Götter angefleht. Nein, sogar schon seit jenem Tage,
als sie ihre erste Schlacht gegen die Römer verloren hatten. Und
seitdem hatten sie in ihren Bitten nicht mehr innegehalten.
Ein leises Murmeln ging durch die Reihen, schwoll
an zu einem ohrenbetäubenden Brüllen und erstarb dann wieder.
Abermals setzte Schweigen ein, ein Schweigen der Bewunderung und in
gewissem Maße sogar des Entsetzens, Entsetzen über das Wagnis, das
Schicksal auf die Probe gestellt zu haben, und dann feststellen zu
dürfen, dass die Götter einem wohlgesonnen waren. Die Krieger
hatten um ein Zeichen gebeten, die vereinigten Krieger der Eceni,
von der Insel Mona, vom Stamme der Trinovanter, der Coritani, der
Votadini und der Briganter. Und über Valerius, der sowohl mit der
Sonne als auch mit dem Mond sprach, hatten sie schließlich darum
gefleht, dass ihnen endlich einmal eine Art Zeichen gesandt werden
möge, etwas Greifbares, ein Beweis dafür, dass sie auf dem
richtigen Weg waren. Und genau diesen Beweis erhielten sie nun in
Form jenes gleißenden, die Sinne verwirrenden Strahlens, unter dem
die Götter den falschen Tempel regelrecht verglühen ließen.
Reglos stand Valerius da und wünschte sich, dass
seine Augen dieses Anblicks niemals müde würden.
Bei Tagesanbruch hatte er sich zurückgezogen hinter
die östliche Stadtgrenze und an einen Ort, von dem aus er sowohl
die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne als auch den alten Mond
erblicken konnte, der vor der Sonne über den Horizont wanderte. Und
in diese Betrachtung versunken hatte Valerius sich den beiden
Göttern, denen er diente, gleichermaßen geöffnet. Grausilbriges
Licht hatte ihn umfangen, während eine feine, knackende
Frostschicht den Boden überzog und die Luft rein gewesen war wie
frisches Flusswasser, frei von dem Gestank der bis auf die
Grundmauern niedergebrannten Stadt. Sein Bewusstsein hatte
geschwiegen. Dann hatte er gespürt, wie sich in seinem Geist eine
kleine Tür zu öffnen schien. Ohne zu zögern und mit einer klaren
Frage auf den Lippen, war er über die Schwelle getreten.
Valerius hatte sich von dieser gedanklichen
Versunkenheit im Grunde nicht mehr erhofft, als dass er endlich
eine gewisse Erleichterung über die Unterbreitung seiner Frage
verspüren dürfte. Dann aber war der neue Tag heraufgezogen, und der
Himmel war von einem schmerzhaft hellen, fast schon
durchscheinenden Blau gewesen, das den gesamten Horizont
überspannte - mit Ausnahme jener einen, einzigen Wolke, die sich so
beharrlich vor die Sonne geschoben hatte, dass der halbe Morgen
unter ihrem Schatten verstrichen war und die Krieger von einer kaum
mehr zu bezähmenden Unruhe befallen worden waren. Und diese Unruhe
war durch nichts zu besänftigen gewesen, noch nicht einmal dann,
als die vier kleinen Mädchen aus dem Tempel geschickt worden
waren.
Valerius hatte schon mit Breaca sprechen wollen,
plante, einen Rückzug anzuordnen. Und sie hatten ihre Köpfe bereits
in einem beratenden Gespräch zusammengesteckt, als Mithras’ Hand
die Wolke schließlich doch noch beiseitegeschoben hatte. Oder
vielleicht war es auch Nemains Hand gewesen oder die von Briga,
oder vielleicht hatten auch all diese Götter gemeinsam gehandelt,
als sie ihr Feuer über den Himmel branden ließen, damit dieses mit
dem von Menschenhand geschaffenen Feuer auf der Erde verschmolz.
Und aus dem Zusammentreffen der beiden Flammenmeere war schließlich
ein solch überwältigendes Strahlen erwachsen, dass die Krieger in
flüssigem Sonnenlicht geradezu zu baden schienen, wie geblendet
waren, auf ihrer Haut die zarte Berührung der Götter erahnten und
eine aus tiefstem Herzen stammende Dankbarkeit verspürten.
Letztendlich aber musste das Heer sich doch
irgendwann wieder aus seiner lähmenden Verzückung lösen, musste
handeln, den Tag erobern und mit fester Hand seine Geschicke
lenken. Folglich sank Valerius nun auch nicht in kraftloser
Erleichterung zu Boden - obwohl der Moment eine solche Geste
beinahe schon zu fordern schien -, sondern lockerte lediglich seine
verkrampften Finger, schloss die Hände dann wieder zu Fäusten
zusammen und fragte: »Huw?«
Prompt trat der beste Steinschleuderschütze Monas
an Valerius’ Seite. Ganz leise fiel ein kleiner Stein in seine
lederne Schlinge, gefolgt von dem gedämpften Sirren, als das
Geschoss mit einer knappen Handbewegung auf seine Flugbahn
geschickt wurde.
Der Stein, den Huw ausgesandt hatte, war ein
unscheinbarer Feuerstein von der Größe eines Hühnereis, den er und
Valerius gemeinsam in der abendfeuchten Dämmerung des Vortags
gefunden hatten. Die eine Seite des Steins war aufgebrochen
gewesen, sodass unter der weißen Oberfläche sein schwarzes Herz zu
erkennen war. Er symbolisierte Briga, die umarmt wurde von Nemain,
und er schien eine gute Wahl zu sein, um das Ende der römischen
Herrschaft zu besiegeln.
Der Stein prallte mit einem solch lauten Dröhnen
gegen die bronzene Tempeltür, als hätte ein Gott gegen einen
riesigen Kampfschild geschlagen. Der Nachhall war selbst auf dem
flachen Abhang in zehn Speerwurfweiten Entfernung vom Tempel noch
zu hören, und wie Wogen auf einem Meer aus Schweigen brandete
schließlich sein Echo heran.
Knappe zwei Herzschläge später herrschte abermals
Stille vor dem Tempelhof des Gottes Claudius. Dann, unter dem
strahlenden Segen des Gottes und mit all dem Lärm und all der
Inbrunst, die sie nur irgend aufbringen konnten, stürmten Valerius
und sein Heer auf die bronzenen Pforten zu.
Das Getöse war schier unvorstellbar und sogar noch
lauter als der normalerweise bereits regelrecht ohrenbetäubende
Schlachtenlärm. Allein dass bislang noch die Schreie der
Verwundeten und Sterbenden fehlten, untermalt von den dumpfen
Geräuschen, mit denen Eisen auf Fleisch prallte. Doch an ihrer
Stelle war ein beständiger Regen von Eisen auf Bronze, von Holz
gegen Bronze und von Stein gegen Bronze zu hören, während
Schwerter, Speerhefte und Schleudersteine in einem nicht enden
wollenden Crescendo gegen die schweren metallenen Tempeltüren
knallten. Die Waffen hinterließen keinerlei Einbuchtungen,
geschweige denn, dass sie die Türflügel aus den Angeln gehoben
hätten. Doch das hatte auch niemand erwartet.
Einige Zeit später, als Valerius beinahe schon
glaubte, taub geworden zu sein, hörte er über den Lärm hinweg ein
schrilles Pfeifen.
Er trat einen Schritt zurück und wischte sich den
Schweiß vom Gesicht. Seine Kehle und sein Brustkorb schmerzten, und
er verspürte ein trockenes Brennen in den Augen, ganz so, als ob er
sich mitten in einer Schlacht befände. Auch sein rechter Arm tat
weh.
»Hier!«
Valerius hob den Blick. Unmittelbar über ihm in
etwa zwanzig Metern Höhe stand Cygfa auf dem Tempeldach. Die Sonne
umhüllte sie mit ihrem Glanz, und Cygfas Haar erstrahlte wie ein
Heiligenschein, während ihre zarten Gesichtszüge wie in Marmor
gemeißelt schienen. Sie sah aus wie der junge Alexander, den
Valerius einst auf einem Fresko in einer gallischen Villa gesehen
hatte. Mit einem Mal spürte Valerius, wie seine Vergangenheit sich
plötzlich wieder in seine Gegenwart zu drängen schien - hastig
schüttelte er den Kopf, um die unwillkommenen Bilder zu
vertreiben.
Cygfa brüllte aus Leibeskräften, damit er sie auch
über den Lärm hinweg verstehen konnte. »Wir sind so weit! Schick
die Feuereimer hoch.« Sie ahmte einen Speerwurf nach, um ihm
anzuzeigen, dass der taktische Teil des Angriffs nun beginnen
konnte. Dann, als sie sah, dass auch Valerius bereit war, ließ sie
ein kleines Gewicht zu ihm hinab, das sich, als er es auffing, als
ein vergoldeter Dachziegel entpuppte. Unter dem Gold war der Ziegel
von erstaunlich billiger Machart und leicht gebogen.
Valerius spürte, dass jemand neben ihn getreten
war. Breaca war gekommen, scheinbar wie aus dem Nichts. An dem
Sturmangriff auf die Tempelpforten hatte sie nicht teilgenommen.
Valerius reichte ihr den Dachziegel. Energisch zerbrach sie ihn in
zwei Hälften und dann in Viertel, ganz so, wie auch die alten
Männer in Rom ihre Leidenstafeln in Stücke brachen, mit denen sie
symbolhaft ihre zuvor auf diese Tafeln geschriebenen Leiden
zerstören wollten. Valerius konnte noch nicht einmal erahnen, was
in diesem Augenblick wohl in Breacas Innerem vorging. Ihr Gesicht
verriet nichts, was für ihn sehr ungewohnt war.
Hinter ihr wurden von Krieger zu Krieger die
Feuereimer weitergereicht. Sie schwelten vorerst nur, standen noch
nicht richtig in Flammen, sondern gaben nur feinen, staubähnlichen
Rauch von sich, und über ihnen schwebte der Geruch nach Pech und
Eichenrinde. Valerius starrte zum Mittelpunkt jener Menge hinüber,
die noch immer wild auf die Tempeltür eindrosch.
»Huw!« Der Bursche stand nicht weit von Valerius
entfernt, und auch er hatte bereits Cygfa auf dem Tempeldach
entdeckt. Grinsend ließ er abermals seine Steinschleuder
kreisen.
Valerius aber winkte ihm hektisch zu und brüllte,
dass er die Schlinge wieder wegstecken solle. »Zurück!«
Aber die Krieger besaßen nicht die Disziplin der
römischen Legionare, und der Lärm schien seine ganz eigene Gewalt
entwickelt zu haben, sodass es schwer war, ihnen nun Einhalt zu
gebieten und sie abermals der nervenzermürbenden Stille
auszusetzen. Dennoch ließ ihre Raserei allmählich etwas nach,
während mehr und mehr von ihnen abgezogen wurden, um beim Transport
der Pecheimer zu helfen. Andere wichen freiwillig zurück,
kletterten auf die niedrige Tempelhofmauer und beobachteten Cygfa
und deren zwölfköpfige Ehrengarde dabei, wie diese Eimer für Eimer
auf das Dach des Tempels hievten und mehr und mehr grauer Rauch das
klare Blau des Himmels beschmutzte.
Die im Tempelinneren Eingeschlossenen begriffen
erst deutlich später, was ihnen nun drohte, als die vor der Pforte
wütende Horde der Krieger. Der Lärm, mit dem Letztere auf die
Tempeltür eingehämmert hatten, war von außen bereits nur schwer zu
ertragen gewesen. Im Inneren des Gebäudes aber, in der steinernen
Kammer, die den Kern des Tempels bildete und in der der Krach noch
durch seinen eigenen Widerhall verstärkt wurde, war das Dröhnen
geradezu ohrenbetäubend. Die Geräusche, mit denen nun die
Dachpfannen hochgestemmt und fortgeschleudert wurden, gingen in dem
allgemeinen Toben also völlig unter. Rasch hatten die Krieger auf
dem Dach nasse Häute über die stetig größer werdende Lücke
gebreitet, die sie geschaffen hatten, damit das ansonsten
hereinfallende Tageslicht nicht ihren Plan verriet.
Insgesamt acht Krieger standen auf dem schräg
abfallenden Dach, ein jeder mit einem Eimer in den Händen. Vier
weitere Krieger hielten die Ecken der nassen Häute. Cygfa reckte
eine mit Pech und Kiefernharz bestrichene Fackel empor, die sogar
noch heller strahlte als die Sonne.
Die Befehle aber erteilte diesmal nicht Cygfa,
sondern Valerius, schließlich beruhte die Mischung in den Eimern
auch auf seiner Idee, und es war gut, wenn auch das restliche Heer
sah, dass er teilhatte an der letzten Schlacht um
Camulodunum.
Er rief Cygfa etwas zu und hob die Hand. Diese
grinste, neigte die Fackel kurz in der Art des Kriegergrußes und
sagte dann irgendetwas, das man vom Boden aus nicht verstehen
konnte. Sofort zogen die vier Krieger, die die Ziegenhäute an ihrem
Platz hielten, die Abdeckung beiseite. Cygfa drehte sich langsam
einmal um ihre eigene Achse, woraufhin alle acht Eimer regelrecht
in Flammen aufgingen und dunklen, teerhaltigen Rauch in die Luft
spien. Durch die Lücke zwischen den Dachpfannen stieg der gellende
Angstschrei eines einzelnes Mannes auf, kurz darauf folgte eine
wahre Kakophonie von weiteren schrillen Stimmen, als der erste der
brennenden Pecheimer in den Tempelsaal hinabgeschleudert
wurde.