XXIX

Am Tage, wenn die Sonne von Westen her ihre Strahlen über das Land gleiten ließ, war Cunobelins Grab ein Ort voller Ruhe und Frieden.
Das Messer fest umschlossen stand Breaca im Inneren des Grabhügels und blickte starr auf dessen erdige Rückwand. Aufs Geratewohl hieb sie mit der Klinge einmal in das trockene Erdreich und dann noch einmal, diesmal ein Stückchen weiter rechts.
Geh weiter nach links. Die Öffnung wurde nach dem Stand der Sonne an meinem Todestag ausgerichtet.
Sie erkannte ihn an seiner Stimme. Zwar nicht direkt an deren Klang, denn der war trocken wie die tote Erde, doch immerhin an der gedehnten Betonung der Vokale, eine Mundart, in der nach Cunobelin auch dessen Sohn Caradoc gesprochen hatte. Und täglich hörte Breaca diesen Tonfall sogar bei Cygfa, die ihrem Vater von allen am meisten ähnelte und darum auch ihren Großvater klarer widerspiegelte als irgendjemand anderer.
Langsam wandte Breaca sich um. Wäre es nicht helllichter Tag gewesen, hätte sie Cunobelin nun womöglich übersehen. Denn er erschien ihr nicht so deutlich, wie ihr Vater ihr erschienen war. Und das helle Strahlen der gerade erst Verstorbenen besaß er schon gar nicht; das Licht all jener, die vor lauter Entsetzen über ihren eigenen Tod noch immer durch die brennende Stadt wogten.
Cunobelin. Der Sonnenhund. Kriegsherr zweier Stämme. Nun war er nicht mehr als ein flüchtiger Schleier in der Abendsonne, nicht greifbarer als ein Funke. Wie auch schon in der vorausgegangenen Nacht, so verlieh Breaca ihm nun im Geiste die Augen von Graine und das Haar von Cygfa, um ihm damit etwas menschlichere Züge zu geben. Noch klarer aber sah Breaca das Lächeln, das er ihr jetzt schenkte. Sein Lächeln war schon immer die wärmste all seiner Gesten gewesen.
Breaca legte das Messer auf dem Boden ab. »Ich dachte, die Westsonne könnte deiner Seele vielleicht ein bisschen mehr Wärme schenken als das kalte Licht der Morgendämmerung«, sagte sie. »Wenn du aber meinst, dass meine Anwesenheit den Frieden deiner Grabkammer stört, dann gehe ich wohl besser wieder.«
Warum bist du denn überhaupt gekommen? Wie alle Stimmen der schon lange Verstorbenen, so war auch Cunobelins Stimme wie das leise Rascheln, mit dem der Wind durch das trockene Winterlaub strich.
»Ich habe gesehen, wie das Sonnenlicht von den bronzenen Türen geglitten ist, und das hat mich wieder daran erinnert, was Luain mac Calma einst für dich geschaffen hatte, damals, als wir dich hierherbrachten.«
Nur, dass mac Calmas Werk viel ausgefeilter ist als das des Römers.
»Ja. Der Pionier, der den Tempel zu Ehren Claudius’ errichtet hat, wusste zwar, wie er die ganze Kraft der Mittagssonne zelebrierte, aber Luain mac Calma hat deinen Grabhügel so erschaffen, dass nicht nur die Morgendämmerung deine Seele lobpreist sondern auch die Abenddämmerung.«
Breaca hob ihr Messer wieder auf und stocherte mit der Spitze links an der Wand der Grabkammer entlang, bis sie schließlich jenes schmale Rechteck fand, das so lang war wie ihr Arm und halb so breit, jenen Spalt, in dem die Erde nicht ganz so stark festgestampft war. Dort begann sie, vorsichtig mit der stumpfen Seite ihrer Klinge ein wenig tiefer zu graben.
Kleine Erdklumpen rieselten ihr entgegen. Hastig klopfte sie sie von ihrer Tunika ab und erklärte: »Am dritten Tag deiner Beerdigungszeremonie bin ich hier auf Caradoc getroffen. Wir haben miteinander gekämpft. Er hatte gerade eine andere Frau mit Cygfa geschwängert, und ich hatte das nicht gewusst. Damals waren diese Dinge noch von Bedeutung. Ich wollte meinen Ring auf deine Bahre legen. Als Ehrbezeugung dir gegenüber. Caradoc aber hat mich davon abgehalten und gesagt, dass du nicht wollen würdest, dass ich meine Geschenk wieder zurückgebe.«
Und wie in so vielen Angelegenheiten wusste mein dritter Sohn mich einfach am besten einzuschätzen. Ich werde es auf ewig bedauern, dass ich ihn nicht mehr von meiner Liebe habe spüren lassen.
»Hättest du ihn mehr geliebt, wäre er mit Sicherheit ein anderer Mann geworden... ein Mann von weniger menschlicher Größe.« Diese Wahrheit war eine ganz neue Erkenntnis, die sie nun miteinander teilten. Breaca hieb mit zunehmender Kraft in die erdige Mauer ein. »Wenn ich mich an Caradoc zurückerinnere, dann erinnere ich mich auch automatisch an das letzte Mal, als ich dich lebend gesehen habe. Du hattest mich deine Tochter genannt und hast mir einen Eid geschworen.« Energisch brachte sie die Worte hervor, auf dass ihr Echo von den gewölbten Wänden wieder zurückgeworfen würde. »›Offenbar lag es nicht in der Macht der Götter, mir eine Tochter zu schenken. Doch vielleicht scheinen mir in dir ja ein paar Grundzüge dieses Glücks vergönnt. Solltest du jemals im Namen des Sonnenhundes um Hilfe bitten, wird diese Hilfe dir gewährt werden bis ans Ende der Welt und noch über die vier Himmelsrichtungen hinaus.‹«
... bis ans Ende der Welt und noch über die vier Himmelsrichtungen hinaus.
Im vollkommenen Gleichklang sprachen ihrer beider Stimmen diesen Schwur; die Stimme des Toten allerdings war die kräftigere von beiden.
»Bindet der Schwur dich auch über den Tod hinaus?«, fragte Breaca.
Natürlich. Wer einen Schwur ablegt, bindet sich damit grundsätzlich bis in alle Ewigkeit. Und diese Erfahrung
wirst auch du noch machen. Humor verlieh seinen Worten einen warmen Klang. Doch da war auch noch ein anderer Unterton, womöglich ein Hauch von Bedauern. Was wünschst du dir denn nun von mir, von einem Mann, der sich durch seinen eigenen Schwur dazu verpflichtet hat, dir keinen Wunsch auszuschlagen? Wünschst du dir, von mir geheilt zu werden? Als ich noch lebte, hättest du dich mir niemals so vorbehaltlos anvertraut. Nun aber magst du dich endlich in meine Obhut begeben - meine Tochter im Geiste?
Seine Stimme hatte einen Bereich in Breacas Innerem berührt, zu dem sein Lächeln und das Gefühl seiner Gegenwart nicht hatten vordringen können. Wahrheitsgemäß entgegnete Breaca nun: »Du bist der Großvater meiner Kinder. Solltest du mir also anbieten, mich zu heilen, würde ich diese Geste willkommen heißen und darauf vertrauen, dass ich genau diese Heilung früher oder später auch gewiss werde erfahren dürfen.«
Immer schneller gab die irdene Mauer unter Breacas Messer nach. Schließlich hieb sie durch noch feuchten Humus und dann geradewegs ins Leere, in die frische, klare Luft jenseits des Grabhügels. Sofort sandte die Abendsonne einen feinen Strahl durch die entstandene Lücke und warf ihr bernsteinfarbenes Licht über den Boden und zu Füßen des Sonnenhundes.
Jetzt war er deutlicher zu erkennen. Ein starker Mann mit einer üppigen, gelbbraunen Mähne und genau jenen wolkengrauen Augen, die Breaca auch an seinem Sohn so sehr geliebt hatte. Nachdenklich schaute er sie an. Sein Lächeln war verblasst.
Du erinnerst dich ja offenbar noch an vieles. Aber erinnerst du dich auch noch an die Prophezeiung der Träumerin der Ahnen?
Kaum, dass Breaca die Worte wahrgenommen hatte, stieg ein Gefühl der Vorsicht in ihrem Inneren auf; wie mit kleinen Nadelstichen kroch es ihr Rückgrat empor und dann in ihr Bewusstsein. Und erst jetzt erinnerte sie sich klar daran, mit wem sie da eigentlich gerade sprach: Sie sprach mit jenem Mann, der grundsätzlich aus jedem Kriegertanz als der Gewinner hervorgegangen war und der auch nie aufgehört hatte, dieses Spiel zu spielen. Sie wandte sich um und legte abermals das Messer auf der Erde ab. Und erstmals schenkte sie dem Geist von Cunobelin ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Diese Prophezeiung kann man ja schwerlich vergessen«, antwortete Breaca. »Allein aufgrund dieser Weissagung habe ich meine Kinder in den Osten geführt, in dem sicheren Wissen, dass ich sie damit womöglich verlieren würde. Und allein wegen dieser Prophezeiung musste meine
Tochter schließlich ungeheilt wieder in den Westen zurückkehren. Mein Sohn versucht währenddessen, sein Leben irgendwie um diese Vorhersage herum zu arrangieren, versucht, etwas zu sein, das er doch nicht versteht.«
Der Funken, der vor dem Sonnenlicht zu schweben schien, wurde noch deutlicher, und die Luft, die diesen Funken umschloss, klarer. Man hat dir drei Aufgaben gestellt, die du bewältigen solltest, sagte er. Zähl sie mir noch einmal auf. Seine weichen Vokale schienen plötzlich scharf wie Eisensplitter.
Es stellte keine große Schwierigkeit für Breaca dar, nun in Gedanken noch einmal den Pfad ihres Lebens zurückzuwandern, noch einmal die Höhle in den Bergen aufzusuchen, noch einmal der quälenden Gegenwart der Träumerin der Ahnen nachzuspüren... freiwillig allerdings hätte sie sich nicht an dieses Vorhaben gewagt.
Ohne jeden Zweifel an ihrem eigenen Erinnerungsvermögen erklärte sie: »Die erste Aufgabe, die mir gestellt wurde, lautete, dass ich den Menschen wieder Herz und Mut verleihen müsste, zwei Dinge, die sie verloren hatten. Zweitens sollte ich einen Weg finden, die Krieger wieder zusammenzurufen, sollte sie mit Waffen ausrüsten und den Krieger mit den Augen und dem Herzen eines Träumers finden, der sie anführen würde. Und was die letzte Aufgabe angeht, so sollte ich unser Zeichen finden. Das Zeichen, das sowohl der Träumerin der Ahnen gehört als auch mir. Ich sollte jenen Ort in meiner Seele finden, an dem dieses Zeichen lebt.«
Breaca atmete hastig, als sie schließlich endete. Ganz so, als ob sie mit Cunobelin in einem echten Wettkampf reale Klingen gekreuzt hätte. Zu ihrer eigenen Verteidigung schob sie hinterher: »Also, was die Revolte angeht, haben die Eceni ja nun unzweifelhaft die Energie zu einem Aufstand gefunden. Das Kriegsheer hat sich zusammengeschlossen und ist gut bewaffnet. Das Zeichen der Träumerin der Ahnen wiederum haben wir nun als das Zeichen Brigas erkannt. Und sollte dieses Zeichen auch in meiner Seele leben, liegt es allein an den Göttern, mir diesen Ort in meinem Inneren irgendwann einmal vor Augen zu führen. Ich habe getan, was ich nur konnte.«
Nein, hast du nicht. Wer ist der Krieger mit den Augen und dem Herzen eines Träumers? Der, der als Einziger dein Volk zu führen vermag und der ihnen wieder ihr wahres
Herz schenken könnte? Cunobelins Blick schien sich regelrecht in Breacas Innerstes hineinzubrennen, wie kleine Stücke geschmolzenen Feuersteins, die ihre Seele durchdrangen.
Breaca wusste nicht, was sie darauf nun entgegnen sollte.
Denk nach. Cunobelins Erscheinung wurde wieder blasser. Sowohl die Bedrohung als auch das Versprechen, die beide mit seinem Erscheinen einhergingen, wurden vager, weniger greifbar. Das, was von Cunobelin noch übrig war, rückte langsam auf Breaca zu, sodass sie jene Stelle in der Grabkammer, an der die Luft um seine Gestalt herumströmte, nun deutlich spüren konnte. Finde die Antwort. Denn dann wird alles Antwort sein. Denk nach.
Damit legte er sanft eine Hand auf Breacas Kopf. Plötzlich war ihr kalt und heiß zugleich. Und es schloss sich eine Wolke der Fürsorge um sie, die so real zu sein schien, dass Breaca regelrecht erbebte unter diesem Gefühl der Liebe und durchdrungen war von einer neuen Leidenschaft für das Leben, einer Leidenschaft, die sie einst schon einmal verspürt, die sie zwischenzeitlich aber vergessen hatte.
Es war mir eine große Freude, dich wiedersehen zu dürfen, meine Tochter im Geiste. Und da du im Augenblick offenbar ein wenig aufgewühlt bist, wäre es gut, wenn du das Fenster meiner Grabkammer nun ganz öffnest, damit Luain mac Calmas Traum wieder atmen kann.
Fein wie Herbstregen ergoss sich seine immer leiser werdende Stimme über Breaca. Die Antwort liegt in der Frage. Und in der Frage liegt auch deine eigene Heilung. Also, denk einfach zuweilen mal an mein zweites Geschenk an dich zurück. Es fiel mir wahrlich nicht leicht, es dir zu geben.
 
Leises Rascheln ertönte, als wenn Füße durch Gras streiften. Das Flüstern eines Umhangs war zu hören, jedoch nicht das von Theophilus’ Umhang. Dann sprach eine Stimme, die in diesem Fall eindeutig von einem lebenden Menschen stammte: »Breaca? Möchtest du allein sein?«
Ein kleines Stück vor der offenen Grabkammer, sodass sie mit der Hand die Augen abschirmen musste vor der tief stehenden Westsonne, blieb die Heilerin und Träumerin stehen. Aufmerksam ließ sie den Blick über den kleinen Lichtstreif schweifen, der sich nun nach langer Zeit wieder über den Boden der Kammer erstreckte. Und natürlich nahm sie auch die Klümpchen von frisch aufgebrochener Erde wahr, die an der Rückwand zu einem kleinen Haufen zusammengeschoben lagen. Obenauf ruhte ein Messer, allerdings ohne das dazugehörige Futteral. »Du hast ein Fenster in die Rückwand geschnitten«, bemerkte Airmid.
»Das war schon vorher da gewesen«, erklärte Breaca, »damals, als der Grabhügel frisch angelegt worden war. Luain mac Calma hatte dieses Fenster geschaffen, damit auch die Westsonne in die Kammer eindringen kann. Ihr Glanz sollte die Urne mit Cunobelins Asche ehren.«
»Richtig, Luain wollte den Toten nicht nur mit dem Sonnenaufgang, sondern auch mit der Abendsonne lobpreisen. Das hatte ich ganz vergessen.« Airmid zögerte einen winzigen Moment, fast schien es, als wollte sie die Grabstätte schon wieder verlassen. »Bist du hierhergekommen, um Frieden zu finden? Oder um mit den Toten zu sprechen?«
»Sowohl als auch. Komm doch rein.«
Die Heilerin roch nach Flusswasser und Theophilus’ Rosmarinöl und weniger nach dem Blut und der Angst, dem Schmerz und dem Gestank von verbranntem Fleisch, wie er in dem provisorischen Krankenlager auf der Koppel herrschte. Airmid hatte die Eindrücke des Krieges weitgehend von sich abgestreift, um nicht die Ruhe der Grabstätte zu stören. Dort, wo die Schatten in der Kammer etwas dunkler waren, also genau gegenüber von Breaca, ließ sie sich nieder. Vorsichtig begann sie: »Die Schlacht um den Tempel ist so gut wie gewonnen. Und ich habe auch gesehen, was du getan hast, um Illenas Mutter zu retten. Das war sehr ehrenwert von dir.«
Breaca runzelte die Stirn. »Du meinst die Frau mit dem rostroten Haar? Ich hatte sie fast schon wieder aus meinem Gedächtnis gestrichen. Und ich habe auch bestimmt nicht der Ehre halber so gehandelt. Für mich war die Frau in dem Moment einfach nur eine Mutter, die ihre Tochter verloren hatte. Und es gab keinen Grund, warum ich inmitten von all dem Töten noch mehr Schmerz heraufbeschwören sollte.«
»Breaca?« Airmid griff nach der Hand ihrer Freundin. »Ganz offenbar bekommt dir das Kämpfen nicht mehr und bereitet dir Übelkeit. Muss ich es also wirklich erst laut aussprechen, ehe du begreifst, dass du es dann besser sein lassen solltest?«
»Nein, das steht außer Frage. Ich wollte dich auch selbst schon aufsuchen, um dir zu sagen, dass ich meinen Schild und mein Schwert an Cunomar weiterreichen werde. Valerius hat schließlich noch nicht genügend Anhänger gefunden unter den Angehörigen des Kriegsheeres. Aber als ich dann gesehen habe, wie das Sonnenlicht von den Tempeltüren glitt, fiel mir plötzlich wieder ein Versprechen ein, das ich früher einmal gegeben hatte, sodass ich letztlich doch nicht zu dir gekommen bin, sondern erst einmal den Grabhügel hier aufsuchen wollte.«
Breaca öffnete die Faust, und zum Vorschein kam Cunobelins Ring, das erste der beiden Geschenke, die er ihr damals gemacht hatte. Allerdings schien kein besonderer Funke, keinerlei Lebendigkeit von dem Ring auszugehen, sondern er lag einfach nur ruhig und wie von tiefem Schweigen umgeben im Glanz des Abendlichts in Breacas Handfläche. Und das Schmuckstück war schwer, eben wie für einen Mann gemacht. Der Ringkopf ähnelte einer kleinen Tafel, in die ein Hund eingraviert war, der seine Schnauze wie im Gruße der Sonne entgegenhob. Breaca presste den flachen Ringkopf in das schwielige Fleisch an ihrem Daumen und beobachtete, wie der Abdruck des Symboltieres sich in ihre Haut presste, erst weißlich und dann tiefrot, als er wieder mit frischem Blut gefüllt wurde.
Als schließlich auch der rot glühende Untergrund wieder in eine normale Hautfarbe überging, fuhr sie fort: »Cunomar hat Jahre verbracht in dem stetigen Bemühen, ein Krieger mit den Augen und dem Herzen eines Träumers zu werden. Hat sich gequält, um endlich, eines Tages, dieses Ziel zu erreichen. Und ich bin seine Mutter. Darum wollte ich natürlich, dass er Erfolg hat in seinem Streben. Und bis heute hatte ich auch stets geglaubt, dass er irgendwann dort ankommen würde, wo es ihn hinzieht.«
Nachsichtig entgegnete Airmid: »Dein Sohn ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Mensch, und sein Wesen gereicht sowohl seinem Vater als auch seiner Mutter zu höchster Ehre. Aber kein Krieger unter dem Stern der Bärin hat jemals den Geist und das Herz eines Träumers entwickelt. Und das wird auch niemals passieren. Die Bärinnenkrieger haben ihr Herz in einem heiligen Eid allein der Bärin vermacht, was bereits eine bemerkenswerte Opfergabe ist und darum in sich auch schon vollkommen genügt. Es kommt der Moment, in dem Cunomar lernen wird, diese Tatsache anzunehmen und sie sogar zu würdigen. Und das wiederum wird ihm zu noch mehr innerer Stärke verhelfen.«
In diesem Bewusstsein lag eine solche Ruhe, dass Breacas eigentlich erst halb gefestigte Entscheidung mit einem Mal zur Gewissheit wurde. Sie probierte den Ring auf verschiedenen Fingern, doch er passte nirgends, bis auf den Daumen. Und wenngleich er selbst da noch ein wenig zu groß war, behielt sie ihn dort. Wie ein warmer, honigfarbener Funke schimmerte er in dem Zwielicht der Grabkammer, während Breaca verwirrt darüber nachgrübelte, warum es auf einmal so schwer geworden war zu sprechen.
Sie wartete darauf, dass Airmid das Schweigen endlich brechen würde, ein Schweigen, das sich schier endlos auszudehnen schien.
Nach einer Weile, als das Warten noch unerträglicher wurde als das Sprechen, fuhr Breaca fort: »Dann also Valerius. Im Grunde ist er ja schon immer der Anführer gewesen, nach dem ich gesucht habe. Er begann seinen Lebensweg als Krieger, mittlerweile aber ist der Träumer in ihm nicht weniger mächtig, womöglich sogar noch stärker als der Krieger. Ich habe es sofort erkannt, gleich in dem Augenblick, als er zu uns zurückkehrte. Nur dass ich bislang einfach keinen Weg gefunden habe, wie ich es über mich bringen soll, Cunomar derart zu enttäuschen...«
Ein unterdrücktes Hüsteln ertönte, oder vielleicht war es auch ein Lachen oder ein beginnender Weinkrampf. Unklar hallten die Laute über den Boden und stiegen schließlich in Breacas Ohren empor.
Sie hob den Blick von ihrem Ring. Heftig blinzelnd schaute Airmid sie an, und über ihr Gesicht schien eine ganze Woge von Gefühlen hinwegzubranden. Überraschung, Lachen und Verzweiflung - alles zusammen. Die Träumerin legte ihre Fingerspitzen aneinander, sodass eine Art Zelt entstand, und schaffte es mit einiger Selbstbeherrschung schließlich, sich wieder zu beruhigen.
»Breaca, ich habe deinen Bruder geliebt, damals, als er noch Bán war. Er war ein ganz besonderes Kind. Und ich habe getrauert, als er von uns ging, und noch mehr getrauert, als ich erfuhr, dass er noch am Leben war, aber seine Seele an die Legionen verloren hatte. Nun, da er zwar Valerius heißt, aber wieder auf unserer Seite kämpft, könnte ich ihn wieder lieben und ihn wieder verehren. Und dennoch solltest du eines nicht vergessen: Dein Bruder ist ein Träumer, ist es seit dem Tag seiner Geburt. Hätte er also Bán bleiben dürfen und wäre er nicht entführt worden, hätte man ihn mit Sicherheit irgendwann zum Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona berufen - nach dem Tod seines Vaters, meine ich. Und genau dafür war er empfangen worden, im Hinblick auf genau diese Aufgabe ist er erzogen worden, und solange er noch ein Kind war, hatte es den Anschein, als ob dieser kleine Junge seine Aufgabe eines Tages mit Bravour erfüllen würde.«
»Aber nun ist er ein Krieger«, ergriff Breaca das Wort. »Du hast selbst gesehen, wie er kämpft. Im Kampf erstrahlt er, wie auch einst Caradoc erstrahlte. Ihn umgibt dann dasselbe Licht, das auch Cygfa umgibt. Womöglich erstrahlt er sogar noch heller als sie beide.«
»Valerius lebt in demselben Glanze, in dem auch du lebst. Und genau aus diesem Grund müssen wir den Göttern danken, dass ihre Pläne ganz offenbar klüger angelegt sind als die Pläne der Mitglieder des Ältestenrats. Bán wäre zu einem Träumer herangewachsen, der seinesgleichen suchte. Und dennoch hätte er die Pfade des Schicksals nicht derart klar entziffern können, dass sein Wissen ausgereicht hätte, um die Neunte Legion zu vernichten. Seine Weitsicht hätte uns noch nicht einmal verraten können, wie man am besten die Überbleibsel von Paulinus’ Legionen vernichtete. Die Götter haben Valerius nach den Erfordernissen unserer Zeit geformt. Und nur sehr wenige Männer hätten die Stärke besessen, die gleiche Last und die gleichen Bürden auf sich zu nehmen, wie Valerius sie getragen hat, um dennoch mit heilem Herzen und intaktem Geist wieder aus diesem Albtraum hervorzugehen. Valerius ist ein bewundernswerter Mann, und im Kampfe ist er auch ein bewundernswerter Krieger. Und dennoch ist er in erster Linie ein Träumer und erst an zweiter Stelle ein Krieger. Und er wird es niemals schaffen, die Mehrheit der Eceni derart zu einen, dass sie ihm in die Schlacht folgen würden.«
Abermals lag eine segensreiche Erleichterung in Airmids Worten, wenngleich auch nur für Valerius.
»Aber wer dann? Wer soll dann das Heer führen?«, fragte Breaca. »Wer bleibt denn jetzt noch übrig? Cygfa hat noch nie irgendein Talent zum Träumen gezeigt, und Dubornos trägt bereits zu viele Wunden. Ardacos wiederum hat sich zwar der Bärin verschrieben, aber wenn du mit deiner Einschätzung recht hast, dann wird auch er niemals...«
»Breaca...« Kein erleichtertes Lachen war mehr auf Airmids Zügen zu erkennen, noch nicht einmal mehr ein Lächeln. Sie beugte sich vor und legte beide Hände flach auf den Boden, je eine rechts und eine links des blassen Streifens Sonnenlichts. Und dennoch erhellte die schwache Westsonne das Gesicht der Heilerin mit einem Strahlen.
»Jetzt hör mir einmal gut zu. Und streng gefälligst deinen Geist an. Denn wer wurde denn bereits in so jungen Jahren zur Ranghöchsten Kriegerin von Mona erwählt wie noch kein Krieger jemals zuvor? Wer wurde von der Älteren Großmutter durch die langen Nächte der Einsamkeit geführt, obwohl die alte Frau zu diesem Zeitpunkt doch schon längst verstorben war? Wer trägt in seinem Inneren jenes unbezähmbare Feuer, das imstande ist, selbst blutjunge Krieger ohne jegliche Kampferfahrung mit einem derartigen Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erfüllen und sie so fest zusammenzuschmieden, dass sie schließlich wie ein Mann kämpfen und dadurch die Schlacht wundersamerweise doch noch überleben? Wer hat erst heute Morgen in einem Grabhügel Zwiesprache mit den Toten gehalten? Wer hat davor wiederum in den Höhlen der westlichen Berge mit den Verstorbenen gesprochen? Welche Frau hörte einst in ihren langen Nächten der Einsamkeit die Stimme einer nicht mehr lebenden Frau? Welche Kriegerin wurde weit über die Grenzen ihrer eigenen Kraft hinausgetrieben und sollte nun eigentlich - endlich - in Frieden einfach ihr Leben leben dürfen? Nur dass dir dies zurzeit leider noch nicht vergönnt ist, weil wir dich vielmehr brauchen, um erneut die Führung über unser Heer zu übernehmen. Und darum musst du auch unbedingt wieder geheilt werden...«
Denk nach.
Das Gleiche hatte auch der Sonnenhund gesagt, doch Breaca hatte es nicht geschafft, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Und auch jetzt konnte Breaca keinen wirklich klaren Gedanken fassen.
Der Ring raubte ihr die innere Mitte. Sie deckte ihn mit der Hand ab und schaute auf. Hell und warm wie ein Sonnenstrahl glitt Airmids Blick über ihr Gesicht. Breaca wich aus, sah zur Seite, betrachtete die Erdmauer.
»Falls wir damit tatsächlich zu viel von dir verlangen sollten«, lenkte Airmid ein, »falls du es doch nicht schaffst, können wir ja immer noch deinen Bruder fragen.«
»Nein. Darum geht es nicht. Ich schaffe das schon. Denn ich will es schaffen. Aber ich brauche erst noch ein wenig Zeit, um mich zu besinnen - um nachzudenken.«
Und nicht nur, um nachzudenken, sondern auch, um ungestört den Scharen von Geistern zu lauschen, die nun auf sie eindrängten.
Ganz vorn stand die Ältere Großmutter, die wieder einmal, diesmal allerdings mit etwas weniger strenger Stimme, ihren Satz aus Breacas langen Nächten der Einsamkeit erklärte: In deinen Adern fließt das Blut der Ahnen. Sonst könntest du nicht träumen, wie du träumst. Einige Jahrzehnte später war die Verstorbene dann plötzlich wieder aufgetaucht, hatte sich in die Ecke von Breacas Schmiede gedrückt und ihre Nachfahrin angewiesen, wie diese die Reiherspeere anzufertigen habe. Speere, die eigentlich nur ein Schmied, der zugleich auch ein Träumer war, anfertigen durfte. Und nun stand sie hier in der zitternden Luft, die Cunobelins Grabhügel erfüllte, und fragte Breaca: Angenommen, wir hätten dich schon eher zur Träumerin ernannt - wärst du auch dann zu der Kriegerin geworden, zu der du nun gereift bist?
Die Träumerin der Ahnen erschien als Nächste, ließ sich nicht abschütteln. Abermals machte sie Breaca das gleiche Angebot wie schon so oft - diesmal allerdings mit einem ganzen Meer unterschiedlicher, wundersamer Bedeutungen: Ich verspreche dir gar nichts, außer dass ich bei dir sein werde. Durch die Luft schien ein trockenes, bissiges Lachen zu hallen.
Dann tauchte plötzlich Eburovic, Breacas Vater, vor deren innerem Auge auf. Er stand wieder in seiner Schmiede, schien sich dort wie hinter einem Bollwerk verschanzt zu haben und arbeitete an dem Schwert seiner Tochter. Jener Klinge mit dem Schlangenspeer auf dem Knauf. Doch Breaca sah noch eine zweite Erinnerung vor ihrem geistigen Auge aufsteigen, sah, wie sie in einem Scheingefecht gegen ihren Vater antrat, der bei diesem Kampf das Schwert der Ahnen seiner Familie gewählt hatte, jene Waffe, die das Bild der Bärin trug, die gerade ihre Jungen säugte. Nun, in Cunobelins Grabhügel, schien Eburovic ihr wieder wie lebendig - lebendiger als in jenem Augenblick, in dem seine Klinge aus der Finsternis von Brigas Altar in das Mondlicht gehoben worden war.
Breaca spürte, wie sein Lächeln sie sacht berührte. »Wir haben dein Schwert nach Mona gesandt«, sprach sie. »Auf dem Rücken eines Kriegers aus dem Stamme der Coritani. Es tut mir leid.«
Das braucht dir nicht leid zu tun. Ich habe dich doch selbst darum gebeten. Schließlich gibt es noch so einiges, was mit diesem Schwert vollbracht werden muss. Fürs Erste aber reicht es, dass du endlich weißt, wer du bist. Eburovic war alles das, was der Sonnenhund nicht war. Eburovic war ein offener, aufrichtiger und zielstrebiger Mann, den seine Ehrlichkeit wie ein Strahlenkranz schmückte. Breaca liebte ihn. Und er war tot.
Nach Eburovic schienen die Toten nur noch undeutlich, als ob sie sich nicht so recht zeigen konnten. Vielleicht war Breaca aber auch einfach nicht mehr in der Lage, ihnen ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Macha trat auf Breaca zu und Gunovic und Maroc und ungefähr ein Dutzend weiterer Träumer und Mitglieder des Ältestenrats von Mona, ein jeder von ihnen noch blasser als sein Vorgänger.
Mit der Zeit waren alles, was Breaca noch sah, das Sonnenlicht und Airmid, jene quicklebendige Träumerin und Gefährtin der Bodicea, die echt war und aus Fleisch und Blut und nun einfach nur dasaß. Ganz so, als ob selbst das Atmen die blassen Erscheinungen vor Breacas Augen bereits wieder zerstören könnte, sodass es klüger war, einfach gar nicht zu atmen.
»Warum hast du mir all das denn nicht schon viel eher erzählt?«, fragte Breaca.
»Zuerst dachte ich ja, ich bräuchte es dir gar nicht zu erzählen. Ich dachte, das hättest du auch selbst längst erkannt. Dein ganzes Leben führte doch zu dieser einen Erkenntnis. Wie konntest du das bloß übersehen? Nun ja, und später dann, als klar war, dass du eben doch nicht gesehen hast, was doch eigentlich...« Zum ersten Mal während dieser Zusammenkunft wandte Airmid den Blick ab. Dann sah sie abermals zu Breaca auf. »Ich liebe dich. Also wollte ich dir nicht eine Last auf die Schultern legen, die du womöglich nicht hättest bewältigen können.«
»Und jetzt?«
»Jetzt hast du ja von allein erkannt, wer du bist. Und auch die Wahl, wie du diese Erkenntnis nun in dein Leben einfügen möchtest, liegt allein bei dir. Du musst dieses Leben als Träumerkriegerin ja nicht annehmen. Nicht, wenn du es nicht wirklich willst. Die Bodicea führt uns in den Sieg, weil sie der Sieg ist, und nicht, weil wir - erfüllt von den allerbesten Absichten - sie in diese Rolle hineingelockt hätten.«
»Erfüllt von den allerbesten Absichten?« Breaca presste die Handflächen gegen ihr Gesicht. Die Träumerin der Ahnen war die erste der uralten Verstorbenen, die ihr erschienen waren, und sie war auch die letzte, die nun wieder verschwand. In dem schwachen Nachglanz ihrer Anwesenheit erschien nun plötzlich ein Kampfspeer. Er zerbrach an zwei Stellen und fügte sich dann in die Silhouette einer zweifachen Kurve, während die doppelköpfigen Schlangen auf seinem Heft sich aus ihrer Erstarrung lösten, sich um den Speer schmiegten und sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit schauten. Sie waren das Zeichen Brigas, lange bevor es zu Breacas Zeichen wurde. Briga, die Göttin des Krieges, die Herrin über Leben und Tod, über Hoffnung und Verlust, die Gebieterin über Vergangenheit und Gegenwart und alles, das jenseits der Zeit lebte.
Nun rief die Stimme dieser einzigen, noch niemals in ihrer Existenz in Frage gestellten Göttin nach Breaca. Bodicea.
»Airmid?« Wie blind streckte Breaca die Hand aus. Lange, schlanke Finger ergriffen die ihren und hielten sie fest, boten ihr Kraft und Halt in der Gegenwart. Breaca lehnte sich ein Stückchen zurück, und ganz ähnlich, wie sie es auch schon in ihrer Kindheit getan hatten, halfen die Heilerin und die Kriegerin einander nun beim Aufstehen. Zwischen ihnen verlief ein schmaler Streifen Sonnenlicht. Unsicher, wie Fremde, traten sie aufeinander zu, voller Angst, was sie nun in der jeweils anderen entdecken könnten. Breaca legte die Stirn auf Airmids Schulter, die diese ihr mit stummer Geste anbot. Dann küsste die Heilerin den Scheitelpunkt von Breacas Kopf, jene Stelle, die der Sonnenhund mit seiner Hand berührt hatte. Und schließlich wurde Breaca von einem Gefühl reinster Hitze durchwogt. Es strömte durch ihren Körper hindurch und dann tief hinab in die Erde unter ihren Füßen.
»Nun bist du wieder zu Hause«, sprach Airmid. »Willkommen.« Breaca hatte das Bedürfnis, in Airmids Stimme regelrecht zu schwelgen, hätte in ihren Klang eintauchen wollen und niemals wieder daraus hervorkommen mögen.
»Ich bin wieder zu Hause. Und ich will das Kriegsheer führen. So, wie ich es immer getan habe. Es war nur so, dass ich dachte, dem Ganzen im Augenblick nicht mehr gewachsen zu sein.«
»Du bist der Aufgabe gewachsen. Wieder. Und das werden auch die Krieger erkennen, so viel immerhin kann ich dir versprechen. Alle werden es sehen, sogar der grünste und unerfahrenste der noch völlig unerprobten jungen Krieger.«
Breaca löste sich aus Airmids Umarmung und bückte sich, um ihr Messer aufzunehmen. »Trotzdem könnte es bereits zu spät sein. Ich habe das Schlachtfeld schließlich schon recht früh verlassen. Wenn die Krieger unseres Heeres nun denken, dass ich bereits verloren sei, und sie nun schon Valerius oder Cunomar ihre Gefolgschaft geschworen haben, gibt es nichts mehr, was wir daran noch ändern könnten... Also, möchtest du vielleicht gemeinsam mit mir wieder in die Stadt zurückkehren, um zu sehen, wie der Stand der Entwicklung ist?«
Die Kriegerin der Kelten
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