XV
Die Neunte Römische Legion ist vernichtet. Im
Osten ist der Schlangenspeer erwacht. Die Bodicea zieht gegen Rom,
und die Götter führen ihr die Hand. Die Freiheit ist zum Greifen
nahe. Tretet ein in unser Heer, und habt teil am Sieg...
Wie ein Lauffeuer raste die verheißungsvolle
Nachricht durch das Land, wurde von den Händlern verbreitet, die
ihre Zugpferde zu noch größerer Eile antrieben, um die Ersten zu
sein, die in den jeweiligen Siedlungen die frohe Kunde
überbrachten. Doch auch noch zahlreiche andere jauchzten laut die
Botschaft heraus: junge Männer und Frauen, die sich kürzlich ihre
ersten, in rote Farbe getauchten Kriegerfedern ins Haar flechten
durften und die nun barfuß nach Hause rannten, um von ihren Siegen
in den Schlachten zu berichten. Doch natürlich vergaßen sie auch
die Opfer nicht, die diese gefordert hatten, und stets sprachen sie
voller Respekt von all jenen, die im Kampf gefallen waren -
Schildkameraden, Geliebte, Cousins und Cousinen, Geschwister.
Die Händler kehrten früher zurück, als sie geplant
hatten. Die Reisen fielen kürzer aus als beabsichtigt. Und man
transportierte vornehmlich Güter, mit denen normalerweise nur wenig
Handel getrieben wurde. Mit Karren, voll beladen mit Eisen, Salz,
Wolle und Leder fuhren sie auf dem Gelände des Pferdemarkts ein.
Und das Gold und Silber, das sie im Austausch für ihre Waren
annahmen, betrug höchstens die Hälfte des tatsächlichen Gegenwerts.
Zuweilen gar gaben sie sich damit zufrieden, sich erst nach dem
Ende des Krieges mit Getreidelieferungen bezahlen zu lassen.
Den größten Einsatz aber erbrachten die jungen
Kriegerinnen und Krieger. Zu Hunderten kehrten sie nach und nach in
das Heer zurück und brachten dabei Geschwister und Geliebte mit,
wurden begleitet von Cousins, Cousinen, Eltern und Freunden und
trugen das Versprechen mit sich, dass, sobald die Frühlingssaat
ausgesät war, noch mehr von ihren Freunden und Verwandten folgen
würden. Vielleicht würden einige von ihnen sogar noch vor dem Ende
der Saatzeit zum Heer dazustoßen. Denn wer war denn noch darauf
angewiesen, seine Felder zu bestellen, wenn man schon bald die
Kornspeicher von Camulodunum, Caesaromagus, Canonium und Verulamium
plündern und das dort eingelagerte Getreide endlich jenen
zurückübereignen würde, die es mit ihrem ganzen körperlichen
Einsatz angebaut hatten und die dennoch in den kalten Wintern dem
Hungertod zum Opfer fielen, weil Rom mit seiner grausamen Macht
ihnen ihr eigenes Getreide vorenthielt?
Doch auch andere, die nicht zum Volke der Eceni
gehörten, schlossen sich von einem neuen Einheitsgefühl getrieben
dem Heer der Bodicea an: die Coritani und die Votadini aus dem
Westen und dem Norden, die Silurer und die Ordovizer aus dem
westlichen Teil des Landes sowie die Dumnonii und die Durotriger
aus dem entlegenen südwestlichen Zipfel der Insel.
Krieger, deren Stämme über Generationen hinweg
verfeindet gewesen waren, lernten in diesen Tagen nicht nur,
friedlich mit ihren einstigen Widersachern die wärmenden Flammen
des Feuers zu genießen, sondern sie teilten auch ihre
Nahrungsvorräte und lehrten einander zusammen mit dem halben Flügel
der Batavischen Kavallerie die Kunst der Kriegsführung.
Einige wenige von ihnen teilten dieses neue
Gemeinschaftsgefühl sogar mit dem Halbrömer, dem Bruder der
Bodicea, während andere, die seinen Anblick noch immer nicht
ertragen konnten, lieber mit Breacas blondschöpfigem Sohn übten.
Und dann gab es da noch jene, die die Verantwortung dafür trugen,
dass das Kriegsheer nicht schon in einem so frühen Stadium durch
den Konflikt zwischen Valerius und Cunomar aufgespalten wurde, und
die darum ihr Bestes gaben, um die gegenseitigen Animositäten der
Krieger zu beschwichtigen oder gar gänzlich zu ignorieren.
Allerdings waren ihre Bemühungen nicht immer von Erfolg
gekrönt.
Doch in dieser Zeit taten sich auch noch andere,
wichtigere Themen auf, die besprochen werden mussten. Unter anderem
kursierte das Gerücht, dass die Überreste der Neunten Legion zu
einem zweiten Angriff auf das Heer der Krieger ansetzen wollten.
Schon sehr bald wurden jene, die man für diese Aufgabe am
geeignetsten hielt, dazu abkommandiert, die Handelswege in
nördliche und westliche Richtung gut im Auge zu behalten. Diese
Krieger töteten in den folgenden zwei Tagen insgesamt acht römische
Melder, die allesamt Schreiben mit dringenden Bitten um Hilfe von
Petillius Cerialis an den Gouverneur von Gesamtbritannien bei sich
trugen. Nachdem schließlich auch dem achten Toten der Kopf
abgetrennt und in der Satteltasche seines Pferdes wieder in sein
Fort zurückgeschickt worden war, wurden keine neuerlichen Kuriere
mehr ausgesandt.
Es wurden auch keine Rachekommandos in den Süden
geschickt. Lediglich einmal sah es so aus, als ob eine
Kampfdivision von Batavern das Heer der Krieger angreifen wolle,
doch das Glück blieb den Eceni auch in dieser brenzligen
Angelegenheit treu, sodass zufällig genau an diesem Tag die bereits
dem Kriegerheer angeschlossenen Bataver die Handelsroute
patrouillierten. Natürlich erkannten diese ihre einstigen Kameraden
wieder und konnten sie dazu bewegen, ihnen erst einmal zuzuhören,
woraufhin sich dem Kriegsheer der Eceni schließlich noch genau
einhundert weitere batavische Kavalleristen anschlossen. Denn auch
diese Bataver zogen es vor, lieber mit Civilis gegen Rom zu ziehen,
als im Namen des Kaisers und damit für Henghes zu kämpfen.
Schließlich nahmen die ständig kursierenden
Gerüchte eine neue, geradezu seltsame Gestalt an, und man erzählte
sich, dass Petillius Cerialis, der Legat der Neunten Legion, sich
in sein Winterquartier zurückgezogen habe und nur noch starr das
Meer und den Wechsel von Ebbe und Flut beobachte. Und etwas später
kam noch die Kunde, der Legat habe angeblich seinen iberischen
Steinmetzmeister entlassen - die Fundamente der Badehäuser hatten
sich endgültig der unentwegt eindringenden Feuchtigkeit ergeben,
und das Mauerwerk war permanent mit Grundwasser vollgesogen.
Fünf oder sechs Tage nachdem Cunomar und seine
Krieger die Wachtürme in Brand gesteckt hatten, trafen die ersten
Trinovanter aus dem Süden, genauer gesagt aus dem Herzen von
Camulodunum, im Heereslager ein. Die Ersten waren noch allein
gereist, dann kamen sie zu zweit und schließlich in kleinen
Grüppchen. Sie alle waren nur sehr mangelhaft bewaffnet und voller
Angst. Manche von ihnen ritten, andere marschierten zu Fuß auf dem
Gelände des Pferdemarkts der Eceni ein, auf dem sich in diesem Jahr
auch das Heer der Krieger versammelte.
Die ersten Trinovanter waren bloß einfache
Flüchtlinge, die sich vor dem anstehenden Angriff auf Camulodunum
fürchteten. Sie kamen mit einfachen Karren, trugen Säcke mit
lebenden Hühnern bei sich und trieben zuweilen sogar eine kleine
Herde Rinder vor sich her. Erst nach einer kurzen Phase der Ruhe,
in der sie wieder Kraft schöpfen konnten, wagten sie es, dem Heer
ihre Kriegsdienste anzubieten. Dann aber, als sie endlich den dazu
nötigen Mut aufbrachten, waren es nicht weniger als zweitausend
Trinovanter, die damit neu zum Heer dazugestoßen waren, und sie
lernten sogar noch schneller, was ihre Lehrherren ihnen während des
Kampftrainings beibrachten, als ihre Kameraden, welche nicht
jahrelang im unmittelbaren Schatten Roms hatten ausharren
müssen.
Noch vor Monatsende waren alle Gefallenen von neuen
Kriegern ersetzt worden, und das Heer hatte abermals eine Stärke
von fünftausend Mann. Nach dem ersten Viertelmond des neuen Monats
war noch einmal etwa die Hälfte an Kampfwilligen hinzugekommen.
Doch nicht einer der Ankömmlinge brachte irgendwelche Nachrichten
von der jüngeren Tochter der Bodicea mit sich, wenngleich alle von
ihrer Reise nach Mona erfahren hatten. Es schien also ganz so, als
seien ein Kind und drei Krieger durch das Land gewandert, und so
gut wie keiner hätte sie dabei gesehen. Kaum dass die Coritani
diese Nachricht erfuhren, priesen sie auch schon die Talente Hawks,
ihres Stammesbruders, lobten seine Fähigkeiten als Späher und
Kundschafter und behaupteten, er könne sich selbst in einen
schwarzen Mantel gekleidet noch auf einem Schneefeld verstecken,
sodass es zumindest für ihn überhaupt kein Problem sei, außer sich
selbst auch noch zwei weitere Erwachsene und ein Kind vor den Augen
anderer zu verbergen. Andere merkten an, dass Dubornos und Gunovar
schließlich beide auf Mona ausgebildet worden seien und ein jeder
von ihnen somit die Gabe besäße, sich, wenn es ihnen denn in den
Sinn käme, geradezu unsichtbar zu machen. Keiner hingegen sprach
offen oder auch bloß im Verborgenen von der letzten aller
Alternativen: dass niemand die vier Reisenden gesehen hatte, weil
sie allesamt bereits tot waren.
Das Kriegsheer wurde aufgeteilt von jenen, die
verantwortlich waren für die Ausbildung der Kämpfer. Zweitausend
der bereits am besten Geschulten waren Civilis und dessen Truppe
von Batavern zugeteilt worden, um jene Handelswege im Auge zu
behalten, über die die Neunte Legion womöglich trotz aller
bisherigen Rückschläge noch einmal einen erneuten Angriff wagen
könnte. Die Bodicea, die mittlerweile wieder reiten konnte und sich
als Pferd den rotbraunen Junghengst gewählt hatte, ein Geschenk
ihrer Tochter, führte das verbleibende Kriegsheer unterdessen in
Richtung Süden und damit jenem Ort entgegen, der einst die heilige
Stätte des Gottes Camul gewesen war und wo später Cunobelins
Festung erbaut worden war und wo schließlich, in noch jüngerer
Zeit, die Stadt Camulodunum, Roms Hauptstadt in der Provinz
Britannien, aus dem Boden erwuchs.
Mehr als fünftausend Krieger schlugen ihr Lager auf
im Tal des Reiherfußes, dort, wo drei Flüsse sich zu einem einzigen
vereinigten und wo in der Zeit vor der Invasion Roms die Grenzen
der Länder der Eceni, der Trinovanter und der Catuvellauni
aufeinandertrafen. Das Tal hatte damals allen drei Stämmen gehört
oder auch keinem, je nachdem, wie man die Lage betrachtete, sodass
dieser Ort schließlich zum Tal der Götter wurde. Doch auch die
Götter hatten die Eceni nicht davor bewahren können, auf diesem
heiligen Boden angegriffen und um beinahe die Hälfte dezimiert zu
werden. Zu den Opfern zählten nicht zuletzt Eburovic, der Vater der
Bodicea, der niedergemetzelt worden war, als er seine Tochter und
Bán, deren jüngeren Bruder, zu verteidigen versuchte. Die Leiche
von Letzterem, so schien es, war nach dem Kampf vom Schlachtfeld
gestohlen worden, sodass Breaca geglaubt hatte, ihr Bruder sei bei
dem Angriff ums Leben gekommen. Beinahe zwanzig Jahre lang hatte
sie um Bán getrauert.
Seit Tagos’ Tod und den damit heraufziehenden
Aufständen hatte Breaca keinen Augenblick mehr ganz für sich allein
gehabt - die schmerzhafte Zeit der Rekonvaleszenz nach ihrer
Auspeitschung einmal ausgenommen. Nun fand sie hier, im Tal des
Reiherfußes, für ein Weilchen Ruhe und Frieden und gönnte sich ein
Bad.
Hinter einer Flussbiegung, wo der Strom langsamer
dahinfloss und das Wasser stellenweise fast schon zu stehen schien,
wartete der Reiher. Deutlich zeichnete sich sein Spiegelbild auf
der Wasseroberfläche ab. Da wehte von Osten eine zarte Brise heran
und zerbrach die Reflexion. Kleine Fische hoben rund um das
Spiegelbild herum ihre Mäuler aus dem Nass, schienen die Luft zu
küssen. Doch der Reiher beachtete sie nicht.
Langsam schloss der Vogel die Augen und öffnete sie
wieder. Breaca ließ sich auf dem Rücken treiben, während kalt das
Wasser an ihr vorüberströmte. Sie beobachtete ihr Haar, das sich um
das Schilfgras schlängelte, und sah, wie sich in der Pupille des
Reihers ihr eigenes Abbild spiegelte, verschwand, und schließlich
wieder erschien.
Dann glitt ein Schatten über ihren Körper und
verdeckte die schwache Frühlingssonne, die ihr soeben noch ins
Gesicht geschienen hatte. Ohne sich zu bewegen, fragte Breaca:
»Luain mac Calma schien mir persönlich stets mehr ein Reiher zu
sein als ein Mann - ob er es also wohl war, der uns diesen Vogel
geschickt hat? Was denkst du?«
»Schon möglich. Allerdings wäre es mir lieber, er
würde uns einen menschlichen Boten aus Fleisch und Blut senden.
Zumindest dann, wenn es sich um eine eilige und wichtige Nachricht
handelte, die er einem von uns hier zukommen lassen wollte. Aber
bei Luain weiß man ja nie.«
Nur eine knappe Armeslänge von dem Vogel entfernt
stand Airmid am Flussufer. Doch das Tier regte sich nicht. Airmid
war genauso groß wie Luain, der Vorsitzende des Ältestenrats von
Mona. Und sie war auch genauso schlank, hatte allerdings dennoch
nichts von einem Reiher an sich. Stattdessen hatte sie seit dem
Übergriff des Prokurators immer mehr von dem Wesen Nemains
angenommen, jener Göttin, die die Tochter von Briga war und die man
zugleich die Herrscherin über das Wasser nannte und die Herrscherin
über den Mond, die die Göttin der Träume war und die Göttin des
Heilens - die Göttin all dessen, was Graine auf immer verloren zu
haben schien. Das Wesen des Frosches jedoch, der einst das
Traumsymbol Airmids gewesen war, hatte sich verflüchtigt.
Wann immer Breaca nun an die Göttin Nemain dachte,
so dachte sie auch an Airmid. Sie konnte die beiden nicht mehr klar
voneinander trennen. Und das deutete nicht zuletzt auch auf die
Distanz hin, die sich in jüngster Zeit in das Verhältnis zwischen
ihr und Airmid geschlichen hatte, wenngleich es natürlich noch
einige andere Anzeichen gab für den wachsenden Abstand zwischen
ihnen beiden.
Die Träumerin trat noch einen Schritt näher und
ließ sich auf den weichen Boden niedersinken. Bedächtig zupfte sie
einen Grashalm aus der Erde und begann: »Wenn er uns eine Nachricht
bezüglich Graine senden wollte, so würde Luain mit Sicherheit einen
etwas direkteren Weg gewählt haben, um uns diese Botschaft zukommen
zu lassen. Aber offenbar gibt es im Augenblick noch nichts
Besonderes über sie mitzuteilen. Von Dubornos und Hawk dagegen ist
bereits eine Nachricht bei uns eingegangen. Ein Salzhändler hat sie
uns übermittelt. Demnach seien Graine und jene, die mit ihr
reisten, in Sicherheit.«
... Graine... in Sicherheit...
Wie ein Schwall kalten Wassers schlugen die Worte
über Breaca zusammen, drangen durch ihr Mark bis in ihre Seele ein.
Sanft glitt das Flusswasser über ihr Gesicht. Sie wollte weinen,
schaffte es aber nicht. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie,
seit der römische Prokurator mit seinen Veteranen in ihre Siedlung
eingefallen war, nicht eine einzige Träne mehr vergossen.
Von jenem fernen Ort aus, den das Flussufer in
Breacas Wahrnehmung nun bildete, fuhr Airmid fort: »Die Nachricht
ist uns über die südlichen Ordovizer überbracht worden. Sie
geleiten Graine weiter nach Süden, dorthin, wo Gunovars Volk, die
Durotriger, und die Dumnonii noch immer die Macht über das Land
haben. Die Zweite Legion hat zwar auch in dieser Region eine
Festung errichtet, doch die dort stationierten Soldaten stehen
unter ständiger Belagerung und wagen sich darum nicht sonderlich
weit über die Grenzen ihres Forts hinaus. Die Tochter der Bodicea
ist bei ihnen also mindestens ebenso sicher wie im restlichen
Britannien. Vor allem könnte Graine sich von dort aus schließlich
nach Mona einschiffen, wenn dies sinnvoll erscheinen sollte, oder
aber hinüber nach Hibernia fahren, falls mac Calma Mona noch vor
Graines Ankunft bereits evakuiert haben sollte.«
Airmid sprach mehr um des Sprechens willen und
weniger, um damit eine bestimmte Aussage zu verknüpfen. Genauso
hatte auch Valerius auf Breaca eingeredet, als diese fast gänzlich
in ihrem Fieberwahn zu versinken schien. Allerdings war Airmids
Stimme natürlich weicher als die von Valerius, und die Liebe, die
sie Breaca damit übermittelte, war von einer ganz anderen Natur als
die Liebe Valerius’. Und dennoch hatte Breacas Welt sich mit
Airmids Worten verändert, nichts war mehr, wie es gewesen
war.
Nach einer Weile, als Breaca sich noch immer
wortlos im Wasser treiben ließ, verfiel schließlich auch Airmid in
Schweigen. Allein der zwischen ihnen beiden dahinströmende Fluss
murmelte unentwegt weiter. Einige sehr zeitig aus ihren
Winterhöhlen gekrochene Bienen tanzten um ein paar tief über den
Fluss hängende Zweige mit Weidenkätzchen herum. Der Reiher reckte
seinen Hals, blinzelte jedoch noch immer nicht. Dann, schnell wie
ein Schwerthieb, durchbrach er mit dem Schnabel die
Wasseroberfläche. Der Fisch, den er sich so gefangen hatte, war
fett und von dunkler Schuppentönung und peitschte das Wasser
verzweifelt zu winzigen, weißen Schaumflöckchen auf, ehe er endlich
starb. Der Reiher schluckte, eine unförmige Wölbung glitt seinen
Hals hinunter und glättete sich dann wieder. Schließlich blinzelte
das Tier einmal, plusterte kurz die Federn und erhob sich aus dem
Wasser. Wie ein Speer flog er den Wolken entgegen und war
schließlich ganz verschwunden.
Breaca drehte sich auf den Bauch und ließ sich
reglos und mit dem Gesicht nach unten im Fluss treiben. So blieb
sie, bis ihr unter der Kälte die Wangen regelrecht zu erstarren
schienen. Endlich schwamm Breaca ans Ufer zurück. Unterstützt von
Airmid stieg sie wieder an Land. Nach dem Erlebnis des kühlen
Wassers schien die Luft nun regelrecht heiß. Breaca nahm ihre
Tunika auf, rubbelte sich damit das Wasser vom Leib und schlüpfte
dann in das Gewand. Ihr Rücken, das konnte man in diesem kurzen
Augenblick deutlich erkennen, war ein wildes Durcheinander von
schorfigen Wunden. Einige von ihnen öffneten sich erneut, als
Breaca sich bewegte, doch die Kälte hatte einen Großteil der
Schmerzen mit sich genommen, und der warme Wind hatte sie noch
nicht wieder zu Breaca zurückgetragen.
Sie lehnte sich gegen einen Baum und nutzte das
zerfaserte Ende eines Zweigs, um den Schmutz unter ihren
Fingernägeln zu entfernen. Sie konnte noch immer kein Wort über die
Lippen bringen. Zu viel Zeit war mittlerweile verstrichen, in der
zu wenig gesagt worden war, als dass Breaca nun die richtigen Worte
gefunden hätte, um das Schweigen endlich zu brechen.
Irgendwann durchbrach Airmid die kalte Stille
zwischen ihnen: »Soll ich dir deine Ängste jetzt vielleicht einfach
mal laut aufzählen? Meinst du, es fiele dir dann leichter, sie zu
ertragen?«
»Nein.« Breaca musterte eingehend ihre Hände. Der
Zorn schien ihr die Brust zusammenzuschnüren. Ausgerechnet von
Airmid hätte sie eine solche Verletzung ihres zerbrechlichen
Seelenfriedens ganz gewiss nicht erwartet.
»Ich bin eine Kriegerin, die den Geschmack am Krieg
verloren hat«, erwiderte Breaca. »Das brauchst du mir nun nicht
noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen. Das ist
sinnlos und erleichtert mir überhaupt nichts.«
Nun waren ihre Nägel gereinigt. Vorsichtig legte
Breaca den Zweig in einen fast kreisrunden Flecken Sonnenlichts, um
den sich dichte Schatten schlossen. Dann wandte sie sich um, drehte
sich erstmals seit Beginn ihres Gesprächs mit Airmid so, dass diese
ihr Gesicht sehen konnte und dass auch sie, Breaca, Airmid klar
erkennen konnte.
Airmid stand ganz in der Nähe. Sie roch nach
Rotdornrauch und Lanolin, und in diesen Duft mischte sich ihr ganz
persönlicher Körpergeruch. Sie wandte Breaca ihr Profil zu.
Der Fluss reflektierte das Sonnenlicht, und scharf
hoben sich ihre Konturen hervor. Sie war schön, fast schon
makellos, und nicht eine einzige Narbe verunzierte ihre Züge.
Und ihre Wimpern glänzten nass.
»Was ist los?«, fragte Breaca.
»Wie bitte, verstehe ich das jetzt richtig? Du
kannst deine Ängste nicht laut aussprechen, aber ich soll im
Gegenzug nun meine offen zu Gehör bringen?« Ein bitteres Lächeln
huschte über Airmids Gesicht. »Nun, mich ängstigt alles. Und
nichts. Der Krieg ängstigt mich. Graine ängstigt mich. Und du. Du
hast dich regelrecht in Luft aufgelöst, und ich weiß nicht, wie ich
wieder zu dir gelangen kann. Doch auch mir hilft es nicht, dies nun
laut auszusprechen.«
Ruhig lag Breacas Hand neben dem kleinen Zweig. Sie
hob sie nun an, gerade so weit, dass sie Airmid berühren konnte.
Nach einem kurzen Augenblick verschränkten sich lange, weise Finger
mit den ihren. Dann legte sich eine Hand auf Breacas Schulter, eine
Hand, die jede Faser von Breacas Körper kannte, die sie besser
kannte als Breaca sich selbst. Sie massierte Breaca die
Schultermuskeln, vermied dabei aber sorgsam die Berührung mit den
tieferen Wunden.
Die Stimme, die stets jener Fels gewesen war, an
den die Bodicea sich in Krisenzeiten zu klammern pflegte, schien zu
brechen. Niemals hätte Breaca mit so etwas gerechnet.
Durch heiße Tränen hindurch sagte Airmid: »Du bist
die Bodicea. Du tust, wozu du geboren worden bist. Der Rest von uns
unterstützt dich, so gut wir nur irgend können. Denn das ist es,
wozu wir geboren wurden. Doch wir haben versagt. Denn wir haben
dich noch immer nicht heilen können.«
Breaca war bestürzt, darauf war sie nicht
vorbereitet gewesen. Unumwunden, fast schon grob widersprach
sie:
»Aber ihr habt doch alles getan, was in eurer Macht
stand.
Du und auch Valerius. Ihr beide.«
»Aber das hat nicht gereicht.«
Vorsichtig ließ Breaca sich zurücksinken und lehnte
die Schultern gegen den Baum. Sie löste ihre Finger aus Airmids
Hand und rieb sich mit beiden Fäusten über das Gesicht, versuchte,
die Wut, die ihre Züge zu einer wahren Grimasse verzerrt hatte,
wieder zu vertreiben. Genau genommen war sie auch gar nicht mehr
allzu wütend, sondern vielmehr erschöpft, und der Kummer lastete
schwer auf ihr. Sie trauerte um den Verlust Graines, trauerte um
den Verlust jener Frau, die sie, Breaca, einst gewesen war.
»Vielleicht habt ihr ja alles erreicht, was es
überhaupt noch zu erreichen gab. Schließlich lebe ich. Und ich kann
auch schon wieder ein Schwert schwingen. Ich kann auch wieder
reiten und das sogar mit Kampfgeschwindigkeit. Ich bin noch da, und
vielleicht steht auch mein Tod noch nicht unmittelbar bevor.
Zumindest so lange nicht, wie das Kriegsheer noch nicht seine
endgültige Aufstellung erreicht hat und so lange noch nicht klar
ist, ob die Krieger Valerius als ihren Anführer wollen, oder aber
ob Cunomar endlich zu sich selbst findet und jene Qualitäten zum
Anführer erkennen lässt, die er schon lange in sich trägt. Sollte
sich eines von beiden in naher Zukunft ereignen, so reichte das
doch im Grunde schon vollkommen aus.«
»Du meinst, dann reichte das vollkommen aus, damit
du endlich sterben kannst?«
Auch damit hatte Breaca nicht gerechnet. Eine
einzelne Biene flog in nahezu chaotischen Bahnen zwischen den
Weidenkätzchen umher und setzte sich schließlich auf Breacas Knie.
Als das Insekt sich wieder erhob, gestand sie mit leiser Stimme:
»Ich weiß es nicht. Aber ich will auch nicht mehr länger so tun,
als sei ich wieder die, die ich einst war und die ich nun doch
nicht mehr länger sein kann. Vielleicht wäre der Tod also trotz
allem der richtige Ausweg für mich.«
Wie blind tastete sie nach Airmids Fingern, fuhr
mit dem Daumen über die Linien in deren Handfläche. »Glaubst du,
der Tod ist das Ende? Das stände dann zumindest ganz im Gegensatz
zu dem, was die Mitglieder des Ältestenrats von Mona uns lehrten.
Für sie wäre der Fisch, den der Reiher verschluckt hat, gestorben -
aber nur in diesem Leben und nur in dieser Welt. In einer anderen
Zeit und in einem anderen Leben wird der Fisch der Reiher sein und
der Reiher wird zum Fisch, oder beides zugleich, oder auch nichts
von beidem. Du redest doch die ganze Zeit mit der Älteren
Großmutter, die an dem Tag starb, als ich meine Kindheit hinter mir
ließ. Würde sie etwa behaupten, der Tod sei das Ende?«
»Nun, sie würde vielleicht sagen, dass es für alles
den richtigen Zeitpunkt gibt und dass ein früher Abschied voller
Selbstmitleid wohl kaum jene heroische Tat wäre, die sie von jener
Frau erwartet hätte, der sie einst den Weg in das Erwachsenendasein
ebnete.«
Breaca hatte ihren Zorn schon längst wieder
heruntergeschluckt. Die Schärfe, mit der Airmid sprach, erschreckte
sie also regelrecht. Für einen kurzen Augenblick spürte sie die
Versuchung, sich wieder in den Zorn hinabsinken zu lassen, sich in
der Wut vor ihrem Kummer zu verstecken.
Dann aber schüttelte sie den Kopf. »Tu das nicht.
Ich möchte nicht mit dir kämpfen müssen. Die Zeit, die uns zusammen
noch bleibt, ist ohnehin schon knapp genug.«
»Das stimmt doch gar nicht. Wir verbringen ohnehin
keine Zeit mehr miteinander. Ich komme gar nicht mehr an dich
heran. Ich weiß nicht, wie ich dich noch erreichen soll.«
»Dann sollte vielleicht ich versuchen, im Gegenzug
dich zu erreichen.«
Doch noch immer gab es zu vieles, das sie beide
voneinander trennte. Breaca nahm Airmids Finger in ihre Hand,
drehte sich zu ihrer Gefährtin um und stellte fest, dass ihr Körper
weder so steif war, noch so sehr schmerzte, wie sie befürchtet
hatte. Nach einer Weile wandte sie ihr Gesicht wieder ab und legte
sich auf den Boden, den Kopf auf Airmids Knie gebettet, sodass sie
zu ihrer Freundin aufblicken konnte, ohne sich dabei den Nacken zu
verrenken.
Sie hatte schon ganz vergessen, wie es sich
anfühlte, einfach friedlich beieinanderzuliegen, frei von Verlangen
oder irgendwelchen dringenden Angelegenheiten, die einem auf der
Seele lasteten. Airmid kämmte mit den Fingern durch Breacas Haar,
bis dieses fast getrocknet war, und ihr Puls hämmerte unter Breacas
Ohr. Über Breaca hoben sich glitzernd die zu einer Kette
aufgefädelten, zarten versilberten Froschknochen von Airmids Haut
ab. Die Kette war von den Männern des Prokurators an zwei Stellen
zerbrochen worden, doch ein geschickter Silberschmied hatte die
Stücke wieder zusammengefügt. Vorsichtig zeichnete Breaca mit einer
Fingerspitze die Linie der Kette nach, streichelte dann die
darunterliegende Haut und dachte, sprach dies jedoch nicht laut
aus, um wie viel leichter es doch war, zwei Stücke Silber wieder
zusammenzufügen, als Fleisch und Knochen zu heilen und die Seele,
die sich darunter verbarg. Aber Silber besaß ja schließlich auch
keine Seele und war dazu bestimmt, bis in alle Ewigkeit einfach nur
Silber zu sein, selbst dann noch, wenn Fleisch und Blut schon
längst wieder verschwunden waren und die Seele weitergewandert war
in andere Sphären.
Nach einer Weile erklärte sie mit nachdenklicher
Stimme: »Wenn wir in diesen Krieg ziehen und uns dabei vor dem Tod
fürchten, dann wird der Tod uns aufspüren und schließlich zu sich
holen. So ist das immer im Kampf. Und wenn wir dann früh sterben
sollten, wird der Krieg uns unseren Sieg verwehren, und noch
unzählige Generationen nach uns werden unter der Macht Roms leben
und leiden müssen und unsere Namen verfluchen. Falls wir aber
siegen, nun, auch dann werden wir irgendwann sterben. In jedem Fall
aber möchte ich Briga lieber erst dann gegenübertreten, wenn das
Land, das ich zurücklasse, von der Geißel Roms befreit ist. Das
zumindest wäre mein Wunsch, wenn ich die Wahl hätte. Allerdings bin
ich mir da leider nicht mehr so ganz sicher - ob ich die Wahl habe,
meine ich. In mir ist eine Unsicherheit, die ich noch niemals zuvor
gespürt habe. Und das macht mir größere Angst als alles
andere.«
Abrupt hielt Breaca inne. Sie hatte weitaus mehr
gesagt, als sie eigentlich hatte offenbaren wollen. Mehr, als ihr
selbst bewusst gewesen war, seit sie wieder aus dem Fieber erwacht
war.
Locker lagen Airmids Hände in ihrem Schoß. Sie
blickte auf sie hinab, betrachtete die rissige, gerötete Haut, in
deren Falten sich weißliche Verkrustungen abgelagert hatten, die
wohl von irgendeiner Salbe oder Paste stammten, die sie angerührt
hatte. »Ich denke«, erklärte Airmid dann, »du lebst jetzt in genau
dem Bewusstsein, in dem auch alle anderen Menschen vor dir gelebt
haben. Du lebst in dem Bewusstsein deiner eigenen Sterblichkeit.
Wirst du trotzdem kämpfen können und dabei auch noch am Leben
bleiben?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich kann es immerhin
versuchen.«
Und aus dieser Unsicherheit, dieser Unwägbarkeit
erwuchs plötzlich ein Frieden, wie Breaca ihn schon lange nicht
mehr gespürt hatte. Es war ein ruhiger Tag, die Frühlingssonne
strahlte auf sie beide hinab, und noch war kein offener Krieg über
das Land hereingebrochen. Sicherlich, das Zusammensein von Airmid
und Breaca fühlte sich nicht mehr so an wie früher, doch immerhin
saßen beziehungsweise lagen sie hier zusammen am Ufer des Flusses
und fanden in der anderen kurzzeitig Trost und Heilung für ihren
Kummer.
Als der Tag sich der Dämmerung entgegenneigte,
machte Breaca sich auf die Suche nach ihrem Bruder.
Sie folgte dem Rauch, der träge durch das Tal zog,
dem Duft nach Essen, das über den Feuerstellen zubereitet wurde,
dem Lärmen der Scheinkämpfe, die fast schon klangen wie ein echtes
Gefecht. In der Mitte jener Lichtung, auf der der Pferdemarkt
stattfand, fand sie Valerius endlich. Mehrere Dutzend Jugendliche
hatten sich um ihn geschart, vielleicht waren es sogar Hunderte,
allesamt bewaffnet mit Schwertern, Schilden und Speeren. Doch auch
wenn Valerius’ Schüler zahlreich waren, so waren es doch merklich
weniger als noch vor einiger Zeit, als er mit dem Unterricht gerade
erst begonnen hatte. Täglich erfuhren mehr von ihnen, wer er war,
wer er gewesen war, und verließen ihn, um stattdessen lieber mit
Cunomar oder Ardacos zu üben oder irgendeinem der anderen führenden
Speerkämpfer, die schließlich allesamt auch schon eine gewisse
Erfahrung im Krieg gesammelt hatten.
Jene, die noch nichts von Valerius’ Vergangenheit
gehört hatten oder aber den Gleichmut besaßen, darüber
hinwegzusehen, standen sich nun in ordentlichen Reihen gegenüber,
Schwert gegen Schwert gerichtet, Speer gegen Schwert und Schwert
gegen Speer, und schlugen mit bereits leicht erlahmendem
Enthusiasmus aufeinander ein. Valerius wanderte derweil zwischen
ihnen hindurch, während er beobachtete und ermutigte und sich
bemühte, seine Schüler vor allem vor allzu ernsten Verletzungen zu
bewahren. Als er Breaca entdeckte, übertrug er seine Verantwortung
Cygfa und trat an den Rand des Übungsplatzes.
Genau wie Airmid schien er Breaca mit seinem Blick
geradezu durchbohren zu wollen. »Dann hast du also Neuigkeiten von
Graine gehört?«, lautete gleich der erste Satz, den er an sie
richtete. Breaca war sich nicht sicher, ob sie dankbar dafür sein
sollte, dass er sie so leicht zu durchschauen vermochte, oder ob
sie nicht vielmehr enttäuscht sein müsste, wie wenig sie ihre
Emotionen doch vor ihrer Umwelt verstecken konnte.
»Dubornos hat uns über einen Salzhändler eine kurze
Nachricht zukommen lassen. Sie lebt und ist in Sicherheit.« Obwohl
schon einige Stunden verstrichen waren, seit Breaca die frohe
Botschaft von Airmid gehört hatte, konnte sie es noch immer nicht
so richtig fassen. Unsicher schaute sie an ihrem Bruder vorbei und
zu jener Stelle hinüber, wo eine halbe Reihe junger Krieger auf
Cygfas Befehl hin ein wenig zurückgetreten war. »Und, sind sie
jetzt endlich kampffest?«, fragte Breaca Valerius.
Er lachte kurz, doch schallend auf und schüttelte
den Kopf. »Eine Belagerung könnten sie vielleicht noch irgendwie
bewerkstelligen. Das heißt, sofern wir ihnen endlich beibringen
könnten, unsere Befehle zu befolgen. Aber ob sie sich auch in einem
Angriff auf die Veteranen der Zwanzigsten Legion bewähren würden,
ob sie sich durch die Straßen von Camulodunum kämpfen könnten?
Nein, sie würden keinen Schritt weit kommen, sondern auf der Stelle
niedergemetzelt werden. Aber sie schlagen sich immerhin schon
besser als gestern, und morgen wiederum werden sie sich besser
anstellen als heute. Das ist alles, worauf wir uns im Augenblick
stützen können. Obwohl... da ist noch eine neue Schwierigkeit
aufgetaucht.« Er verzog das Gesicht zu einer kummervollem Grimasse.
»Die meisten von ihnen sind in den Jahren nach der Invasion auf die
Welt gekommen, das heißt, sie haben fast alle den gleichen Namen.
Ich rufe einmal diesen Namen, und es treten gleich fünfzig von
ihnen vor.«
Eindringlich und auf eine Breaca wohlbekannte Weise
starrte er sie von der Seite an. Müde fragte sie: »Dann heißen die
jungen Frauen also alle Breaca?«
»Ganz genau. Und die Jungs heißen natürlich alle
Caradoc. Als ich sie das letzte Mal gezählt habe, waren es allein
in meiner Truppe noch knapp drei Dutzend von ihnen. Aber nicht nur
du und Caradoc habt ihnen ihre Namen geliehen. Es gibt außerdem
auch noch dreizehn Machas, mehr als zwei Dutzend Cygfas und
mindestens fünf Ardacos. Obwohl sie speziell diesen Namen hier ein
wenig anders aussprechen als bei uns, wodurch man zumindest diese
fünf noch einigermaßen voneinander trennen kann. Trotzdem enden die
Scheinkämpfe jedes Mal in einem wahren Albtraum.«
»Und in einem echten Kampf gleicht so etwas
natürlich einem Todesurteil. Also, was hast du nun vor?«
»Cygfa hat ihnen allen aufgetragen, sich einen
neuen Namen auszusuchen. Sie werden später, wenn der Mond aufgeht,
eine Art Zeremonie abhalten. Jeder von ihnen muss sich natürlich
einen Namen wählen, der einzigartig ist und der sich deutlich von
den Namen der anderen unterscheidet.«
»Dann sollten wir den Angriff besser noch eine
Weile verschieben. Die Auseinandersetzungen über die Namen könnten
doch noch Tage andauern. Und überhaupt, hältst du es für klug, dich
in diese Rangelei um die Namen einzumischen?«
Valerius fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Nein,
genau genommen wäre das sogar ziemlich unklug. Die meisten von
ihnen spucken noch immer gegen den Wind und machen das Zeichen zur
Abwehr allen Unheils, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Sie hören auf
mich, ja, das heißt, sofern ich ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen
habe. Doch ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, dass sie
sich mir bereits mit ganzem Herzen verschrieben hätten. Ihre Seelen
sind noch nicht mit der meinen verschmolzen. Und vorher kann ich
ihnen keinen neuen Namen verleihen.«
Diese Tatsache schmerzte Valerius sehr, so viel
immerhin konnte Breaca an seinem Gesicht ablesen. »Nun, auch das
werden sie lernen, wenn sie erst einmal kapiert haben, wer das Zeug
dazu besitzt, ihnen das nötige Rüstzeug zum Überleben zu
verleihen«, widersprach sie. Und nach einer kurzen Pause des
Schweigens fuhr sie fort: »Wann warst du eigentlich das letzte Mal
innerhalb der Stadtmauern von Camulodunum?« Schon viel zu lange
hatte sie diese Frage mit sich herumgetragen. Nun aber ließ sich
dieses Thema nicht mehr vermeiden.
Schlagartig verwandelten Valerius’ Züge sich in
eine ausdruckslose Maske, und er presste die Lippen zu einer
schmalen Linie zusammen. Eine wahre Flut von Erinnerungen schien
zwischen ihm und seiner Schwester heraufzubrausen. Und nur die
wenigsten dieser Erinnerungen waren angenehmer Natur.
Mit trostloser Stimme antwortete er: »Ungefähr
einen Monat vor Caradocs Gefangennahme war ich das letzte Mal dort.
Ich denke, das muss so ungefähr um Graines Geburt herum gewesen
sein.«
»Dann ist dein letzter Aufenthalt dort also acht
Jahre her. Fast neun.« Es fiel Breaca schwer, den Blick wieder in
Valerius’ Augen zu heben, und doch war dies unumgänglich. »Also,
mein letzter Besuch dort liegt nicht ganz so lange zurück. Und
dennoch wird sich in der Zwischenzeit bestimmt so manches wieder
verändert haben. Gräben werden ausgehoben worden sein, Mauern
errichtet, und das Theater und der Tempel sind mittlerweile
bestimmt auch fertiggestellt. Um einen vernünftigen Schlachtplan zu
entwickeln, muss also vorher jemand mit einem gewissen Gespür für
Strategie dort reingehen und sich erst einmal gründlich umsehen,
ehe wir angreifen können.«
»Aber da steckt doch mehr dahinter. Was bezweckst
du sonst noch mit deinem Plan? Ich meine, es haben schließlich
bereits Männer Städte angegriffen, die seit gut eintausend Jahren
keiner mehr so richtig ausgekundschaftet hatte. Und diese Männer
mussten auch nicht erst jemanden reinschicken, um sich die Stadt
einmal von innen zu besehen.«
»Schon gut, du hast ja recht, es steckt tatsächlich
mehr dahinter. Ich will mit Theophilus sprechen. Vielleicht lässt
er sich ja dazu überreden, Camulodunum zu verlassen, ehe die Kämpfe
beginnen. Seine Schüler jedenfalls sind bereits mit der letzten
Wagenladung von Flüchtlingen bei uns eingetroffen. Er aber fühlt
sich noch immer an sein Hospital gebunden und meint, er darf nun
nicht auch noch fliehen. Auf der anderen Seite aber war er
derjenige, der uns gewarnt hatte, als der Prokurator sich auf den
Weg in unsere Siedlung machte. Ohne Theophilus hätten wir das
komplette Kriegsheer, kaum dass es sich zusammengefunden hatte,
auch schon wieder verloren. Und die Eceni haben ihre Freunde
niemals im Stich gelassen. Auch nicht in Kriegszeiten. Ich werde
also bestimmt nicht diejenige sein, die nun damit anfängt.«
Langsam lernte Valerius, die Gedanken seiner
Schwester mindestens ebenso klar zu lesen, wie auch sie die seinen
erahnte. Seine Gesichtszüge wurden wieder etwas weicher. »Und
willst du unbedingt allein dort reinmarschieren, oder dürfte dich
vielleicht jemand begleiten?«
»Warum sonst bin ich wohl hier?« Breaca lächelte.
Ein Lächeln, so unerwartet, dass es auch sie selbst überraschte.
»Solltest du mir damit nun also deine Begleitung anbieten, würde
ich dieses Angebot sehr gerne annehmen.«