XXXI

Corvus genoss den Mittsommersonnenaufgang an Deck einer breiten, in Flaute geratenen Frachtschaluppe. Nur ein einziges Segel vermochte sich unter dem schwachen Wind zu blähen, und müde dümpelte der Kahn durch die seichten Wogen, ganz ähnlich einer Ente, die durch den Teich ihres heimischen Bauernhofs planschte. Und dennoch lag die Mehrzahl der Legionare matt und von Übelkeit geplagt in ihren Kojen. Allein die wirklich seefesten Männer trotzten dem Schicksal ihrer Kameraden.
Corvus hätte sich selbst zwar nie als sonderlich seefest bezeichnet, aber ganz offensichtlich vertrug er das Meer immer noch besser als der Rest der Römer. Breitbeinig stand er auf dem Achterdeck und hob seinen Becher; an seiner Seite der Steuermann und der Kapitän. Und tapfer prostete er mit seinem stark verdünnten Wein dem ersten, blutroten Streifen der aufgehenden Sonne zu.
Corvus war nie ein Priester oder Würdenträger im Dienst der römischen Kulte gewesen, nun aber sprach er einige Worte an Jupiter, der noch immer der berechenbarste aller Götter zu sein schien, und kippte dann ein wenig von dem Wein in die graugrüne See. Als Opfergabe für Neptun sozusagen, auf dass Corvus und seine Männer hoffentlich in Bälde wieder ein wenig Wind erfahren dürften und schließlich sicher anlandeten an einem Ort, wo weder die Tide noch Strudel noch unter der Wasseroberfläche verborgene Riffe ihr Leben bedrohten. Zum Schluss sprach Corvus einige kurze Worte auf Alexandrinisch, in dem Wissen, dass weder der Kapitän, noch der Steuermann diese Sprache verstanden, und erklärte den hoffentlich gnädig lauschenden Geistern der von ihm innigst geliebten Menschen die Tiefe seiner Gefühle. Dies war ein Ritual, das Corvus, seit er in den Dienst der Legionen eingetreten war, zu jeder Wintersonnenwende und jeder Sommersonnenwende vollzog.
Auch heute fühlte er sich von diesem Ritual beruhigt, so wie es ihn stets mit einem gewissen Gleichmut zu erfüllen vermochte, und prompt schien sogar der Wahnsinn des Vorhabens, das Corvus und seine Begleiter gegenwärtig verfolgten, ein bisschen weniger erschreckend. Man musste sich die ganze Angelegenheit im Grunde nur einmal aus dem richtigen Blickwinkel besehen, schon entdeckte man neben dem Wahnsinn auch das Heroische des Unternehmens. Und ganz zweifellos würde diese Tat spätestens im Nachhinein im Senat und den Bädern von Rom zu einem Akt von geradezu selbstloser Vaterlandsliebe stilisiert werden. Wenngleich diese Stilisierung wohl von Männern vollzogen würde, die es zwar sehr genossen, den Geschichten vom Sterben ferner Helden zu lauschen, die aber gleichzeitig auch hofften, niemals selbst in eine solch prekäre Lage zu geraten. Lieber verliehen diese Männer stattdessen wortreich ihrer rückhaltlosen Bewunderung für derlei Taten Ausdruck und fabulierten über die Ruhmsucht und den Mut jener derart wagemutigen Männer.
Corvus schenkte dem Meer einen letzten Schwall des verwässerten Weines und reichte den Kelch anschließend mit beiden Händen weiter an den Steuermann, der einen kleinen Schluck daraus trank und ihn dann auf gleiche Weise dem Kapitän übergab, der ebenfalls trank und gleichsam zeremoniell den Kelch wieder an Corvus zurückreichte, sodass sie schließlich alle drei die Freigiebigkeit der Natur zu Mittsommer zelebriert und dabei ihrer Götter gedacht hatten. Abgesehen von dem hohen Wasseranteil im Becher war der Wein durchaus genießbar und ausgereift, und es umgab ihn der liebliche Duft des Herbstes und von reifen Früchten. Noch einen letzten Moment ließ Corvus den Geschmack auf seiner Zunge verweilen und schluckte erst, als abermals das heimtückische Rollen die Frachtschaluppe durchwogte.
»Heute Landgang?«, fragte Corvus.
»Wenn Nacht kommt.« Der Kapitän des Kahns stammte aus den Ländern im Norden und war ein wahrer Riese von Mann mit gelblichem Haar und roter, wettergegerbter Haut. Um seinen Hals schloss sich ein Ring kleiner, in blauer Farbe tätowierter Punkte. Seine Lateinkenntnisse waren genauso rudimentär wie sein Gallisch, und dennoch beherrschte er diese beiden Sprachen immer noch besser als die britannischen Dialekte. Was jedoch sein Wissen über Leichter und die Meere zwischen Hibernia, Gallien und Britannien betraf, so konnte es kaum einer mit ihm aufnehmen. Er hatte für seine Unterstützung auf dieser Reise einen Vorschuss erhalten, der selbst das Jahresgehalt einer kompletten Zeltbelegung von Legionaren samt ihres Dekurios deutlich übertraf. Und dennoch war sein Talent, ein Schiff sicher in den Hafen zu bringen, mindestens noch einmal so viel wert.
Ausgewählt hatte er den Kahn allerdings nicht. Seltsamerweise hatte keiner der Rom doch angeblich so wohl gesonnenen Stämme auch nur ein einziges freies Schiff zur Verfügung gehabt, als der Gouverneur darum gebeten hatte... Und hätte der nordische Kapitän nicht schließlich etwas von seinem eigenen Gold in die Waagschale geworfen, um auch wirklich genau jene Schiffsbesatzung zu bekommen, die er haben wollte, wäre der Gouverneur nicht nur ohne Schiff dagestanden, sondern auch ohne Seeleute. Letztlich hatte man dann gegen einen horrenden Preis aber doch noch einen Kahn erstehen können, und zwar von einem Mann, dessen Vater einst durch Corvus’ Einschreiten vor dem Tode gerettet worden war. Und selbst dieser Mann hatte die neuen Eigner seiner Schaluppe noch händeringend beschworen, dass sie das Schiff aber bitte erst nach Einbruch der Dunkelheit übernehmen dürften, damit er selbst behaupten könne, das Boot wäre einfach gestohlen worden. Abgesehen von der Besatzung reisten nun also sechzehn Männer mit je einem Pferd auf dem Schiff. Corvus bemühte sich, noch nicht daran zu denken, wie sie nach dem Anlanden gefahrlos und unbeschadet quer durch das Land bis nach Londinium gelangen sollten, wenn selbst in den offiziell befriedeten Gebieten niemand bereit gewesen war, ihnen auch nur ein Boot zu verkaufen.
Der blonde Nordländer deutete mit knappem Nicken auf das Heck der Schaluppe, wo in einer Tauschlinge das einzige Beiboot des Schiffes lag. »Heut Nacht«, erklärte er.
»Rudern. Dunkel. Pferde schwimmen hinterher. Nicht sehen.« Dann rollte er einmal vielsagend mit den Augen. »Und Vögel bleiben trocken.«
Die Vögel waren Flavius’ ganz besondere Lieblinge. Sechs muntere Tauben, die allerdings kein größeres Fluggebiet gewohnt waren als das Festungsgelände der Zwanzigsten Legion, dessen natürliche Begrenzung das Meer gewesen war, so dicht, dass ein Mann auf einem schnellen Pferd die Entfernung zwischen Wasser und Fort in weniger als einem Morgen bewältigen konnte. Flavius empfand für seine Tauben also ähnlich zärtlich, als wären diese seine eigenen Kinder. Der Nordländer hatte die Tiere zunächst für einen regulären Bestandteil der Bordverpflegung gehalten, woraufhin Flavius ihn aber umgehend belehrt hatte, dass, sobald der Hüne die Tiere verspeisen sollte, Flavius im Gegenzug umgehend dessen Hoden verschlingen würde - und diese Drohung schien zumindest in dem Moment, als sie ausgesprochen wurde, auch durchaus ernst gemeint.
»Heut Nacht?«, wiederholte Corvus. Angestrengt grübelte er darüber nach, wie er den Gouverneur und dessen Männer bis Anbruch der Dunkelheit wieder auf die Beine bekommen sollte. Davon, dass diese dann auch in marschfähiger, oder, besser noch, reitfähiger Verfassung sein sollten, einmal ganz zu schweigen. Im Stillen flehte er alle ihm bekannten Götter an, dass bitte auch die Pferde die Seereise heil überstehen würden.
»Heut Nacht.« Der Riese grinste. »Wind kommt bald. Boot fährt schnell. Wellen klein. Gouverneur weniger übel.«
 
In der Nacht und umhüllt von der schützenden Dunkelheit, ehe der Mond am Firmament aufstieg, ruderten sie an Land. Phosphorfarbenes Licht glitzerte über dem Wasser, wo die Ruderblätter in das Nass eintauchten und die Pferde sich tapfer durch die Wellen kämpften. Blass schimmernde Bahnen verrieten den Weg, den sie zurücklegten.
Das Gesicht des Gouverneurs war bleich, und es strömte ein durchdringender Geruch von Pfefferminzöl von ihm aus. Leider aber reichte selbst dieses Öl nicht, um den Geruch nach Erbrochenem zu übertünchen. Doch selbst in diesem bemitleidenswerten Zustand schritt der Gouverneur als Erster an Land, und er hielt sich mit gezogenem Schwert bemerkenswert aufrecht, während der Rest seiner Männer das Boot herumdrehte und es dann, mit dem Steuermann als einzigem Ruderer, wieder in die Wogen hinausschob. Ein gutes Stück vor der Küste sollte dieser auf das vereinbarte Signal warten, ehe er zurück an Bord kletterte, während Corvus und zwei weitere Legionare die Pferde an Land führten. Nur durch Tasten fanden sie in der fast vollkommenen Finsternis schließlich ein wenig Gras, mit dem sie die Tiere trockenreiben konnten, und gleichsam blind reichten sie ihnen schließlich einige Hände voll Getreide, um wieder einen gewissen Lebensfunken in ihre Augen zu zaubern und sie für die Kälte, die Dunkelheit und das Meer zu entschädigen. Dann untersuchten Corvus und seine Männer die Läufe der Pferde und deren Flanken, fanden glücklicherweise aber weder Schnitte noch erhitzte Areale oder gar Schwellungen, sodass Corvus schließlich laut einige Worte des Dankes an Neptun richtete, der die Tiere sicher und unbeschadet wieder aus seinen Wogen entlassen hatte.
Der Mond stieg an einem von Schleierwolken verhangenen Himmel auf. Unter seinem Glanz versammelten sich fünfzehn Männer in der Dunkelheit auf dem leicht zum Festland hin ansteigenden Sandstrand. Sie gruppierten sich um ihren Gouverneur und General, nass bis hinauf zu den Oberschenkeln, da sie mit dem Beiboot nicht ganz bis an den Strand hatten rudern können und die letzten Meter durch das Meer waten mussten. Fest eingewickelt in ihre Wintermäntel gegen die empfindliche Kälte, die selbst in dieser Mittsommernacht herrschte, standen sie schweigend da.
Elf der Männer entstammten der Vierzehnten beziehungsweise der Zwanzigsten Legion. Sie hatten sich sozusagen freiwillig für dieses Unternehmen gemeldet, wenngleich die an sie gerichtete freundliche Aufforderung im Grunde natürlich nichts anderes gewesen war als ein gut getarnter Befehl. In jedem Fall hatte keiner von ihnen sich die Konsequenzen ausmalen wollen, wenn sie sich diesem Befehl verweigert hätten. Und nicht alle von ihnen bekleideten den Rang eines Offiziers. Ganz ähnlich wie einst Alexander von Mazedonien, hatte auch Suetonius Paulinus den Versuch unternommen, sich die Namen und Verdienste der unter ihm dienenden Männer einzuprägen, sodass er sich als Reisebegleiter schließlich ausnahmslos Männer ausgesucht hatte, die von etwa mittlerem Alter waren, also etwas jünger als der Gouverneur selbst, und die sich - während ihres Dienstes in Britannien oder bei Paulinus’ Feldzügen durch Mauretanien - bereits als von herausragendem Wert für die Truppe erwiesen hatten, als besonders geflissentlich informiert über die speziellen Gegebenheiten ihrer jeweiligen Vorhaben oder auch als gesegnet mit besonderer Intelligenz.
Lediglich zwei der Kavalleristen waren nicht vom Gouverneur persönlich ausgewählt worden: Ursus und Flavius, die beide auf Corvus’ Vorschlag hin der Gruppe zugeteilt worden waren, der eine, um die Reisegesellschaft zu unterstützen, der andere, weil es nicht mehr länger sicher war, ihn einfach unbeaufsichtigt zurückzulassen.
Schließlich war noch Gaius ausgewählt worden. Er war praktisch ein Ortsansässiger, da er bereits so lange in der Festung der Zwanzigsten Legion gelebt hatte, dass er in einer Mundart sprach, wie man sie üblicherweise in der Gosse jener drei Straßen zu hören bekam, die zwischen der Mons Avertina und dem Tiber in Rom verliefen. Während der Passage auf der Frachtschaluppe hatte man sich zugeraunt, dass der Gouverneur diesem Mann das römische Bürgerrecht versprochen hatte, wenn man mit seiner Hilfe den Krieg gegen die Stämme gewinnen könne. Wahrscheinlicher aber war ein zweites Gerücht, das besagte, dass Gaius drei Söhne habe, auf die er außergewöhnlich stolz sei, und dass er sich nichts sehnlicher wünsche, als dass seine drei Söhne das Bürgerrecht erhielten.
Mit erhobenem Haupte stand Suetonius Paulinus, Gouverneur von ganz Britannien, an dem von Unkraut gesäumten Sandstrand, an den geradewegs das Land der Eingeborenen angrenzte. Eingeborene, die, wenn schon nicht freundlich gesonnen, Rom doch zumindest nicht in feindseliger Stimmung gegenüberstehen sollten. Statt seiner eisernen Rüstung hatte Paulinus lediglich das lederne Schutzwams angelegt, schließlich wollte er, für den Fall, dass das Beiboot kentern sollte, nicht jämmerlich ertrinken. Und auch das Schwert, das er bei sich führte, war kein Paradeschwert, sondern für den reellen Dienst gefertigt - das Heft und das Querstück waren mit Wildschweinleder bezogen, sodass sich weder Sonnenlicht noch Mondschein in ihnen spiegeln konnte und seinen Träger damit verraten hätte. Paulinus’ Helm war schon ganz matt vom Alter und von so simpler Machart, dass er auch jedem anderen Legionar hätte gehören können. Die Männer, die sich nun in der Dunkelheit am Strand versammelt hatten, waren allesamt vom gleichen Schlage wie ihr Anführer. Es waren grimmige, harte Männer, die genau wussten, was von ihnen verlangt wurde, und die auch die damit einhergehenden Risiken einschätzen konnten.
Aufmerksam ließ Paulinus den Blick über seine Gefolgsleute schweifen, und was er sah, erfüllte ihn mit Zufriedenheit. »Von nun an bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Brücke von Vespasian erreichen und sie einnehmen, werden wir uns so verhalten, als wären die Wilden unsere erklärten Feinde. Wir werden schnell reiten, und wir werden hart reiten. Wir werden versuchen, jegliche Konfrontation mit den Stammesangehörigen zu vermeiden, ja, selbst ein rein zufälliges Zusammentreffen wollen wir umgehen. Und sollten wir dennoch dem einen oder anderen begegnen, so ist dieser sofort zu töten.«
 
Gemäß der Ankündigung des Gouverneurs ritten sie in der Tat hart, aber keineswegs schnell.
Es hieß, dass Kaiser Tiberius damals, als er noch General in den germanischen Provinzen war, an einem einzigen Tag rund dreihundertundfünfzig Kilometer zurückgelegt hätte. Entspräche diese Sage tatsächlich der Wahrheit, so hätte er damit nicht weniger als einmal die komplette Breite Britanniens durchmessen. Ließe man zudem außer Betracht, dass zu Tiberius’ Zeiten noch keinerlei befestigte Straßen die Provinzen von Germanien durchzogen, hätte er spätestens alle dreißig Kilometer an den Streckenposten das Pferd wechseln müssen.
Suetonius Paulinus und seine fünfzehn Männer konnten aber nicht auf derlei Ressourcen zurückgreifen. Stattdessen ritten sie über holprige Wege und Ziegenpfade und mussten sich bei ihrer Route ganz auf die Führung von Gaius verlassen, der aus dem Stamme der nördlichen Silurer war und sich darum mit den südlichen Straßenverhältnissen nur wenig auskannte. Es gab auch keine Pferdeknechte, ein jeder der Männer war selbst für das Wohlergehen seines Tieres verantwortlich.
Paulinus und seine Gefolgschaft begegneten nur sehr wenigen Eingeborenen, die wiederum allesamt Krieger in voller Kriegsbemalung waren und stolz die Federn zum Zeichen der von ihnen getöteten Feinde im Haar trugen. Allerdings wagte keiner der Wilden sich so dicht an die Römer heran, dass diese sie hätten angreifen können. Und es folgte auch keiner von Paulinus’ Männern den Eingeborenen, denn das Risiko, in einen Hinterhalt gelockt zu werden oder aber die Pferde zu verlieren, war einfach zu groß. Lediglich ein junger Bursche ließ sein Leben; er war nicht rasch genug geflüchtet, als er die Römer erblickte, und hatte im Übrigen nicht wissen können, wie geschickt Flavius im Umgang mit seinem Wurfmesser war.
Abgesehen von dieser einen, wenig ruhmreichen Hinrichtung bestand die Reise allein aus kräftezehrenden Tagen hoch zu Ross und gelegentlichen Kehrtwenden, wenn die Reiter feststellten, dass ein bereits eingeschlagener Weg sich als unpassierbar herausstellte. Allein der Fluss, dem sie währenddessen folgten, wurde langsam immer breiter und verriet ihnen damit, dass sie überhaupt irgendwie vorankamen.
Als sie den ersten der verlassenen Handelsposten erreichten, war bereits der Mittag des vierten Tages ihrer Reise angebrochen. Es war ein keineswegs aufsehenerregender Ort, eine primitive Anlage, ein Kai, nicht größer als der Anleger auf Mona und umschlossen von Flussgras und einigen zerbrochenen Schilden und Rüstungen, den Überbleibseln eines Kampfes, der sich einst hier abgespielt haben musste. Ein langes Tau trieb träge in dem bräunlichen Wasser und hatte sich um den etwas flussaufwärts gelegenen Anlegepoller gewickelt. Und dann war da noch ein wollener Fetzen, dessen Unterseite sich bereits grünlich verfärbt hatte und der an den Umhang eines Kindes erinnerte, den dieses hastig von sich geschleudert oder auf einer Flucht aus Versehen verloren hatte.
Acht kleine Hütten von ortsansässigen Händlern reihten sich oberhalb und unterhalb des Kais an den Fluss. Vor der größten der Hütten blieben Paulinus und seine Männer stehen. Dies war die Behausung des Mannes, der den Wegezoll von jenen einstrich, die gerne über den Strom übersetzen und an den etwas kleineren Anleger am gegenüberliegenden Ufer gebracht werden wollten. Vor allem aber nahm der Betreiber dieses Anlegers auch die nicht unbeträchtlichen Handelszölle all jener ein, die die Häfen weiter südlich passiert hatten und nun geradewegs aus dem offenen Meer die Flussmündung hinauf und bis an diesen kleinen Zollposten gefahren waren.
Mehr als einen Aufklärer konnte der Gouverneur nicht aus seiner Truppe entbehren, sodass Corvus, der das Pech gehabt hatte, den einzigen weißen Kiesel aus dem Helm gezogen zu haben, schließlich ganz auf sich allein gestellt seinen Erkundungsritt antreten musste. Er ließ seinen schwarzen Hengst dicht am Flussufer entlangtraben. Dieses Pferd war zwar nicht sein bevorzugtes Reittier, doch es hatte die Durchquerung der Meerenge von Mona besser überstanden als Corvus’ Stute. Zumal der Bataver, der dieses Tier ursprünglich geritten hatte, nicht mehr am Leben war und Corvus gerne verhindern wollte, dass der Seelenbruder des Verstorbenen das Tier als eine Art Sühnegeld an sich nähme.
Plötzlich zerrte der Wind an einer der Türhäute der Hütten, und Corvus’ Pferd scheute ängstlich zurück. Kurz darauf erschrak es abermals und sogar noch heftiger als beim ersten Mal, als ganz unvermittelt das qualvolle Schreien einer Sau ertönte, die man ohne Futter und Wasser einfach in ihrem Pferch zurückgelassen hatte und die nun, da sie Corvus näher kommen sah, in ihrer Pein versuchte, sich bemerkbar zu machen. Rasch öffnete er den Verschlag des kleinen Gefängnisses, und mit flappenden Ohren rannte die Sau zum Flussufer hinab, um ihren Durst zu stillen. Voller Panik stieg daraufhin wiederum ein wild schnatternder Schwarm Enten in die Luft, sodass Corvus für einen Augenblick umgeben war von einem wahrhaft schaurigen Lärm und Ursus sogleich mit Paulinus’ halbem Trupp angaloppiert kam, die Schwerter bereits gezogen, in dem Glauben, irgendjemand hätte Corvus angegriffen.
»Hier ist niemand«, rief Corvus beschwichtigend. Die Hütten hatte er bereits alle untersucht. Die Asche in der Mitte der Herdstellen war kalt und feucht; Schimmel allerdings hatte sich noch nicht gebildet auf den feuchten Feuersteinen, obwohl es draußen bereits warm genug war, um in Hemdsärmeln zu reiten. »Es dürfte wohl mehr als zwei und weniger als fünf Tage her sein, dass sie von hier aufgebrochen sind.«
»Aber sind sie dabei über den Fluss geflüchtet oder in östliche Richtung?«, fragte Ursus. »Nach Westen jedenfalls können sie nicht gezogen sein, da wären wir ihnen ja begegnet.«
Gaius, der silurische Führer, kam seinen Kameraden zu Hilfe, nachdem das erste gefahrvolle Durcheinander sich gelegt hatte. Er wanderte einmal an den acht Hütten entlang und lehnte sich dann lässig gegen die Mauer, die die Schweinesuhle umgab. Er war der Größte unter seinen Reisegefährten, genauso, wie schon der Nordländer deutlich größer gewesen war als seine römischen Fahrgäste. »Die Boote sind weg«, verkündete Gaius. »Ein paar von den Anwohnern hier sind sicherlich auf die andere Seite des Flusses geflüchtet. Aber mindestens drei Wagen sind ostwärts über den Pfad da hinten gefahren.«
»Wie weit ist es noch von hier bis zur Brücke von Vespasian?«
»Ungefähr ein halber Tagesritt. Aber die werden trotzdem schon lange vor uns da sein.«
»Genauso wie auch alle anderen, die sich dorthin auf den Weg gemacht haben.« Corvus wandte sich in seinem Sattel um. »Ich hoffe, die Beamten des Ortes haben sich gut darauf vorbereitet, nun noch rund eintausend weitere Mäuler stopfen zu müssen.«
 
Die Beamten der Ansiedlung, die sich zu beiden Seiten von Vespasians Brücke am nördlichen Ufer der Thamesis entlangzog, waren allerdings alles andere als gut vorbereitet. Zwischen den Hütten und Händlerbuden und der zentralen Getreidebörse herrschte ein kaum mehr erträglicher Lärm, der es durchaus mit dem Gezeter der Sau und den Enten aufnehmen konnte, nur dass das Chaos in dieser Gemeinschaft sich über ein weitaus größeres Gebiet erstreckte.
Der Ort war ein klassischer Handelshafen, und die Brücke an sich war mit Abstand das bedeutendste Bauwerk inmitten der gesamten Ansiedlung, denn als Stadt konnte man den Ort kaum bezeichnen. Er bestand aus einem schlichten, aus Eichenbohlen errichteten Zollzimmer samt Waagschalen und dem obligatorischen Tisch des Schreibers sowie einem zweiten kleinen Gebäude, das ebenfalls nur einen Raum umfasste, dafür aber aus Stein erbaut war und die Zolldokumente beherbergte. Zudem gab es noch zwei Reihen von Ställen für die Tiere der Gäste und die Pferde all jener Boten, deren Reise an der Brücke von Vespasian womöglich noch nicht zu Ende war, sondern die weiterreisen mussten nach Camulodunum, dem Verwaltungszentrum der Provinz von Britannien. Außerdem boten sich den Besuchern noch acht Tavernen von sehr unterschiedlichem Ruf und zwei Bordelle, eines, das nur Frauen beherbergte, und ein weiteres, das sämtliche anderen Angebote bereithielt, mit denen sich vielleicht noch ein wenig Geld verdienen ließ.
Von den etwa einhundert weiteren Behausungen gehörten die besten natürlich den Beamten, doch selbst diese Häuser waren im Grunde nur etwas komfortablere Hütten aus schlichtem Flechtwerk und mit Strohdächern versehen. Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine streiften ungehindert umher, und Hühner marschierten geradewegs über die Hausdächer oder pickten in den winzigen Hinterhöfen. Doch der Ort beherbergte auch einige große Gemeinschaftsheuschober und Lagerhäuser für Lebensmittel und sogar einen Getreidespeicher sowie eine Reihe von Brunnen für jene Zeiten, wenn die Frühlingsflut den Fluss zu stark ansteigen ließ und das Wasser zu viel Schlamm mit sich trug, als dass man es noch hätte trinken können. Die Straßen, die das Örtchen durchzogen, waren schmal und schmutzig und glichen eher einfachen Fußwegen, die sich von Haus zu Haus schlängelten und kleine Verbindungen zwischen den einzelnen Durchgängen bildeten. Doch es gab auch einige wenige breitere Straßen, in denen die schmalen Gassen sich vereinigten und die schließlich auf die großen, ein Stückchen nördlich des Ortes verlaufenden Handelsstraßen zuführten. Diese verliefen in nordwestliche Richtung hin nach Verulamium, in den Norden zur Insel von Mona und nach Nordosten bis an die Stadtgrenze von Camulodunum. Zu guter Letzt besaß der Ort auch noch ein eigenes Schiff, das zurzeit noch träge am Kai dümpelte, auf dem aber bereits sämtliche Wertsachen seiner Eigner verstaut waren, bereit, notfalls sofort abzulegen und somit den Menschen auf ihm die Flucht zu ermöglichen.
Am bemerkenswertesten aber war, dass den Ort an der Brücke von Vespasian keinerlei schützende Mauer umgab.
Paulinus ritt mit seiner Truppe auf eine bewaldete Anhöhe hinauf, ein gutes Stück hinter dem augenscheinlich völlig unstrukturierten Treiben. Natürlich hatten die Bewohner des Ortes sie bereits entdeckt, noch jedoch war keiner auf sie zugetreten. Eine Weile lang beobachteten die Römer also einfach nur, wie über die breiten Handelsstraßen ein Wagen nach dem anderen in die Siedlung hereinrollte und eine Familie nach der anderen anmarschiert kam. Allerdings gab es nicht einen einzigen Lastkarren, der den Ort wieder verlassen hätte. Es kamen mehr Kinder als Erwachsene und mehr Frauen als Männer, und allesamt waren sie unbewaffnet; das heißt, wenn man die Messer, mit denen sie ihre Mahlzeiten zu sich nahmen, einmal nicht mitzählte. Doch solcherlei Besteck würden ohnehin nur ein ausgesprochener Optimist oder ein Mann am Rande der Verzweiflung als Waffe bezeichnen. Wie eine Herde Schafe, zusammengetrieben von einem unsichtbaren Schäfer, drängten sie in immer größer werdender Zahl über die Brücke. Mächtig erhob diese sich über den Strom, breit genug, dass ein Wagen und ein Pferd Seite an Seite darübergelangen konnten, und hoch genug, dass selbst ein seetüchtiges Schiff noch darunter hindurchpasste. Zudem war die Brücke von überraschend ansprechender Bauart, ein Zeugnis für das Geschick der Ingenieure der Legionen, für die Schönheit und Zweckmäßigkeit keine unvereinbaren Gegensätze waren. Fast schon hätte man weinen mögen, so ergreifend war der Anblick der Brücke. Und dennoch war ihr baldiger Verlust unvermeidlich.
Corvus, den die Betrachtung des Bauwerks und der sich daran anschließenden Siedlung eher ermüdete als den Rest seiner Kameraden, beobachtete stattdessen einen blassen Rauchschleier, der über den östlichen Horizont glitt, und war damit auch der Erste, der die Späher der Eceni entdeckte.
»Feinde«, flüsterte er. »In östlicher Richtung und nördlich der buschigen Eiche mit der ambossförmigen Wolke dahinter. Ich sehe fünfzehn von ihnen, doch ich möchte wetten, dass da zumindest noch ein weiterer ist. Jugendliche, die zu Fuß unterwegs sind. Tragen nur Messer bei sich. Kriegerfedern in ihren Zöpfen. Genauso viele wie wir, offenbar die meisten von ihnen Frauen. Das ist sicher kein Zufall.«
Paulinus’ Männer waren ausnahmslos kampfgestählte Legionare, und jeder von ihnen hatte bereits seine Zeit im Westen abgeleistet, wo für jeden Feind, den man sehen konnte, noch mindestens ein Dutzend weitere sich hinter den Felsen oder in den Ritzen und Spalten der Gebirgszüge versteckten. Folglich rissen Corvus’ Kameraden nun keineswegs hastig ihre Pferde herum, und sie schrien auch nicht erstaunt auf, geschweige denn dass sie nun plötzlich alle in die beschriebene Richtung gestarrt hätten, sondern sie fuhren scheinbar unbeirrt und vollkommen entspannt in ihrer Unterhaltung fort, scherzten miteinander. Irgendwann schließlich erlaubten sie ihren vor Langeweile schon regelrecht mürrischen Tieren, sich ein wenig zu bewegen und den einen oder anderen Schritt zur Seite zu machen. Dann wurden, wie zur Übung, gelassen die Waffen gezogen, und schließlich, als wäre dies von keinerlei größerer Bedeutung und zweifellos reiner Zufall, hatten die Männer ihre Tiere allesamt ein Stückchen weiter nach Osten herumgezogen, sodass man, ohne sich dies anmerken zu lassen, einmal aufmerksam jene Stelle beobachten konnte, die Corvus beschrieben hatte.
In genau diesem Moment erhoben die Späher sich einer nach dem anderen aus ihrer Deckung. Halb nackt warteten sie zwischen den in voller Blüte stehenden Disteln und dem strauchartigen Holunder. Breitbeinig starrten sie die Legionare an. Sie waren sechzehn an der Zahl, acht von ihnen Frauen.
Früher hatten die Gouverneure jene Männer, die behaupteten, in den Armeen der Wilden kämpften nicht nur Männer sondern auch Frauen, auspeitschen lassen - als Strafe für deren Lügen. Nun jedoch erklärte Suetonius Paulinus, der fünfte Gouverneur von Britannien: »Sie haben uns die Blüte ihrer Jugend gesandt.«
»Ja, sie haben sie gesandt, um ein Auge auf die Brücke von Vespasian zu haben und um uns anzuzeigen, dass der Angriff bei Tagesanbruch erfolgen wird«, fügte Corvus hinzu. »Die Krieger glauben, dass ihre Götter ihnen nur dann im Kampfe beistehen, wenn sie ihre Feinde vor einer Schlacht angemessen vorgewarnt haben.«
»Aber fürchten sie denn nicht, dass die Beamten und die Siedler bei ihrem Anblick womöglich zur Gegenwehr aufrufen könnten?«
»Seht Ihr denn etwa irgendwo Anzeichen dafür, dass die Menschen hier so etwas wie eine Gegenwehr formieren?«
Nein, keiner von ihnen konnte derlei Vorbereitungen entdecken. Dafür aber kannten Paulinus’ Männer, deren Leben fast nur aus Kämpfen bestand, die typischen Geräusche der Panik. Und genau diese Art Lärm hallte ihnen nun vom Hafen an der Brücke von Vespasian entgegen. Wo zuvor noch heilloses Durcheinander geherrscht hatte, wütete nun blinde Panik.
Der Engpass, der die ganze Zeit schon auf der Brücke geherrscht hatte, verwandelte sich in einen durch nichts mehr aufzulösenden Stau. Keiner der Karren machte Platz, keiner wich zurück, und schon bald brachen die ersten Achsen. Dann begannen die Menschen, geradewegs über die Wagen hinwegzuklettern, versuchten, sich an ihnen entlangzuquetschen, und prompt fielen die ersten von ihnen ins Wasser. Andere rannten geradewegs an den Verunglückten vorbei, in der Annahme, dass sie allein im Süden die erhoffte Sicherheit finden könnten.
Das Schiff, das eben noch ruhig unten am Fluss am Kai gelegen hatte und lediglich mit immer neuem Stückgut beladen worden war, wurde plötzlich regelrecht überschwemmt von Männern und ihren Familien, die in rasender Angst jeglichen Gedanken an die Rettung des Familiensilbers weit von sich stießen und nurmehr darum kämpften, auf die Gangway zu gelangen und einen sicheren Platz an Deck zu ergattern. Schrill hallte die Pfeife des Kapitäns über das Boot, so laut, dass man sie sogar im hügeligen Hinterland noch hören konnte. Sofort stürmten einige bewaffnete Männer auf das Schiff.
Paulinus stützte sich auf seinen Sattel und fuhr sich nachdenklich mit der Zunge über die obere Zahnreihe. Sämtliche fünfzehn Männer seiner Leibwache bemühten sich unterdessen, bloß nicht den Blick und damit die Aufmerksamkeit ihres Gouverneurs auf sich zu ziehen, sondern starrten angestrengt ins Weite. Schon zweimal - einmal in Mauretanien und davor in Parthien - hatte Paulinus vor einer schweren Entscheidung gestanden und den ihn begleitenden Männern die Möglichkeit geboten, einmal ihre eigene Meinung zu dem möglichen weiteren Vorgehen kundzutun. Jene, die mit ihren Antworten nicht das Wohlwollen des Gouverneurs trafen, durften sich daraufhin in ihre eigenen Klingen stürzen, ehe der Rest weiterritt, während jene, die zu lange zögerten, bevor sie ihren Vorschlag machten, gefesselt und irgendwo angepflockt wurden, um dann an Ort und Stelle elendig zu sterben.
Der Gouverneur ließ sein Pferd wenden. »Plebius?«
Von Anfang an war Plebius stets rechts von seinem General geritten. Er war ein Duplikarius der Zweiten Kohorte der Vierzehnten Legion, der nur noch ein Auge hatte, eine natürliche Begabung für Zahlen besaß und von geradezu krankhafter Gewissenhaftigkeit war. Aufgrund seines körperlichen Handicaps hatte man ihn zum Quartiermeister der kleinen Reisetruppe ernannt, sodass er nun auch die Münzen und das Gold an seinem Körper trug, das sie für die notwendigen Ausgaben und Bestechungsgelder auf ihrer Reise brauchten. Mit reglosem Gesichtsausdruck dirigierte er sein Pferd so weit von seinen Kameraden fort, dass diese ihn und den Gouverneur nicht mehr belauschen konnten, und ließ sich dann von Paulinus erklären, was dieser beabsichtigte.
Nachdem er seinen Befehl verstanden hatte, nickte er einmal kurz, durchforstete seine Taschen und leerte schließlich alles, was er fand, in seinen umgedrehten Helm. Laut klirrte Metall auf Metall.
Suetonius Paulinus ließ sein Pferd herumwirbeln, bis er unmittelbar jenem Halbkreis von Männern gegenüberstand, die er sich zu seiner persönlichen Begleitung auf dieser Reise ausgesucht hatte und deren Ansichten er angeblich so schätzte. Wie stets verrieten seine Gesichtszüge auch jetzt nicht, was in seinem Inneren vor sich ging. Das Blitzen in seinen Augen jedoch schien wie fast immer unmittelbar aus Paulinus’ Seele zu sprechen. Nun aber, unter dem kalten Wind, der vom Fluss heraufwehte, war selbst ihr Ausdruck lediglich von wachsamem Gleichmut.
»Ihr zieht jetzt jeder einen Dinar und einen As aus dem Helm«, befahl er.
Der Helm wurde herumgereicht. Corvus war als Letzter dran. Wie eine kupferne Träne lag der As in dem matt glänzenden Helm. Corvus beherrschte sich, nun nicht probehalber einmal hineinzubeißen, um die Beschaffenheit des Metalls zu prüfen. Der Dinar wiederum war derart auffällig mit einer silberglänzenden Folie überzogen, dass er selbst den prüfenden Biss schon nicht mehr wert war. Auf seiner Vorderseite war ein junger, magerer Augustus eingeprägt, der launisch in Richtung Osten blickte. Auf der Rückseite befand sich ein noch jüngerer, noch ausgemergelterer Stier, der mit Girlanden geschmückt auf seine Opferung wartete. Corvus schloss die Hand über der Münze. Der Stiergott war noch nie sein Glücksbringer gewesen.
»Zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl«, verkündete der Gouverneur. »Entweder wir bleiben, rufen die Bewohner dieser Siedlung zur Verteidigung auf und hoffen dann, dass wir damit die Brücke irgendwie halten können. Jene Brücke, die ja schließlich unsere beste Verbindung mit dem Süden ist. Oder aber wir brechen sofort wieder auf, reiten so schnell wir können zurück an die Küste, nehmen ein Schiff und kehren möglichst umgehend mit den Legionen zurück, um dem Kriegsheer der Eceni mit unserer versammelten Streitmacht gegenüberzutreten. Jede dieser Vorgehensweisen hat ihre Vorzüge, die ich wohl nicht extra auszuführen brauche. Ihr streckt jetzt alle eure rechte Hand aus. Darin hat eine Münze zu liegen. Wenn ich darum bitte, wird ein jeder seine Hand öffnen und zeigen, für welche Münze er sich entschieden hat. Die Silbermünze steht für die Entscheidung, zu bleiben und die Brücke zu verteidigen. Die kupfern glänzende Münze steht dafür, zum Schiff zurückzukehren und wieder zu unseren Legionen zu stoßen. Bestehen noch irgendwelche Unklarheiten darüber, welche Münze für welche Entscheidung steht?«
Natürlich gab es keinerlei Unklarheiten mehr, und ein Mann, der sich in sein eigenes Schwert stürzte, hatte in jedem Fall die Chance auf einen sauberen Tod. Und alle fünfzehn Männer von Paulinus’ Reisetruppe hatten in den fast täglichen Schlachten bereits unzählige Male ein deutlich schlimmeres Ende vor Augen gehabt. Jeder von ihnen traf seine Entscheidung nun also ganz allein, eben wie ein Soldat, wie ein Offizier der Legionen, wie ein Veteran mit zwanzig Jahren Kampferfahrung, wie ein Mann, der sich vollauf bewusst war, dass sein Leben nurmehr von seinem Talent für taktisch kluge Entscheidungen abhing.
Corvus hatte seine Entscheidung in dieser Frage bereits gefällt, noch ehe er die Späher entdeckt hatte. Die Dichte des Rauchs, der mit dem Wind über das Land schwebte, hatte bereits ausgereicht, um ihm zu verraten, wie groß das anrückende Kriegsheer wohl ungefähr sein mochte und auch, mit welcher Geschwindigkeit der Hafen an der Brücke von Vespasian zerschlagen werden würde. Bedächtig legte er nun beide Hände aufeinander, und als er sie wieder öffnete, lag in seiner rechten Handfläche die leichtere, kleinere, heller schimmernde und erst vor kurzem gepunzte Münze, so gewichtslos, als wäre sie gar nicht da.
Langsam ließ er den Blick einmal in der Runde schweifen. Die anderen Männer saßen ebenso ruhig auf ihren Pferden, die Fäuste in Richtung ihres Gouverneurs ausgestreckt.
Nur Gaius, der Fährtenleser, schien ein wenig verunsichert. Denn natürlich konnte auch ihm nicht die Geschichte von Suetonius Paulinus und den verurteilten Offizieren aus Parthien entgangen sein, doch im Gegensatz zu seinen Kameraden auf dieser Reise besaß er nicht die jahrelange Erfahrung im Dienst der Legionen, die ihm nun verriet, dass es nur eine richtige Antwort gab auf Paulinus’ Frage, eine Antwort, die allein der militärische Sachverstand ihm hätte nennen können. Um zu überleben, musste er seine Entscheidung aus dem Blickwinkel eines Mannes fällen, der eine ganze Legion anführte oder gar eine komplette Armee. Nur mit dieser Überlegung im Hinterkopf würde es ihm gelingen, den Respekt seines Gouverneurs zu gewinnen. Alles andere, was zwar zuerst nach Ruhm klingen mochte, was zugleich aber auch die Legionare töten könnte, war in den Augen des Gouverneurs nichts anderes als reine Speichelleckerei - Speichelleckerei oder aber der Versuch, nicht nur den Krieg verloren zu geben, sondern dafür auch noch eine Belobigung vom Senat zu erwarten.
Gaius konnte sich nicht entscheiden. Die Männer warteten. Bläulich pochte das Blut durch das feine Aderngeflecht an seinen Schläfen, die Haut matt glänzend vor Schweiß und fast ebenso gelb wie sein Haar. Dann traf er eine Entscheidung, korrigierte sich aber wieder und hatte damit bereits sein Todesurteil gefällt, was ihm auch bewusst war. Seltsam verwässert schien die Sonne ihre Strahlen auf die Männer hinabzuschicken, und dennoch war der Tag fast unerträglich heiß. Aus dem blühenden Holunderbusch hinter ihnen ertönte das energische Keckern einer Drossel. Und auch die Späher der Eceni sahen dem Zeremoniell der Legionare gespannt zu, saßen neugierig in dem hohen Gras, durch das sie auf die Römer zugeschlichen waren.
Erst als das Schweigen so dicht schien wie geronnene Molke, streckte auch Gaius den Arm aus und schob seine Faust in den Kreis der Hände.
»Man zeige seine Entscheidung.«
Corvus spürte, wie sein Arm sich förmlich von ganz allein umdrehte und er die Hand öffnete. Unmittelbar zu seiner Rechten befand sich Ursus, und Corvus entdeckte den kupfernen Funken in der schmutzigen Handfläche seines Gefährten, noch ehe seine eigene Münze das Sonnenlicht einfing. Merkwürdigerweise trug Ursus nicht sein Wolfsfell bei sich, und ohne sich dessen so recht bewusst zu sein, grübelte Corvus im Stillen darüber nach, ob ihnen wohl auch ohne das obligatorische stinkende Fell das Glück noch länger hold sein würde.
Flavius, der zu Corvus’ Linker saß, öffnete seine Hand einen winzigen Augenblick später, und auch in seiner Faust blitzte es kupfern.
Überall um Corvus herum hielten die Männer die kleinen, an kupferne Tränen erinnernden Münzen in der Hand, vierzehn insgesamt. Allein Gaius präsentierte einen silbernen Dinar.
Einer Eule gleich und ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln ließ der Gouverneur den Blick über den Kreis aus Händen schweifen. »Man glaubt, die Brücke von Vespasian könne noch gehalten werden?«, fragte er.
Immerhin war Gaius kein Feigling, sodass er mit bemerkenswert fester Stimme antwortete: »Ja, ich glaube, die Menschen dort sind noch zur Gegenwehr zu bewegen.«
»Runter vom Pferd.«
Gaius tat, was man von ihm verlangte.
»Hinknien.«
Auch dies tat er.
»Ich hatte Euch die Bürgerrechte versprochen, und dieses Versprechen löse ich nun ein. Ihr seid Gaius Fortunatus, Bürger von Rom und Hilfsoffizier der Legionen mit dem Rang eines Dekurio. Euer Lohn beträgt eine Sesterze pro Tag. Doch Ihr wurdet im Voraus bezahlt, sodass Ihr Euch das, was Ihr erhalten habt, nun rückwirkend erst noch verdienen müsst.«
Irritiert schaute Gaius in das blasse Licht empor. »Wie?« »Indem Ihr die Menschen an der Brücke von Vespasian zur Gegenwehr gegen die Wilden aufrüttelt. Wie sonst? Ihr werdet jetzt da runtermarschieren, und entweder Ihr haltet die Brücke oder ihr sterbt bei dem Versuch, sie zu halten. Sollte mir zu Ohren kommen, dass Ihr geflohen seid, so werde ich Euch quer durch das gesamte Kaiserreich als Verräter ausrufen lassen und Eure Familie dafür zur Rechenschaft ziehen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Jawohl.«
In der Tat gab es schlimmere Arten zu sterben, als in einer Schlacht umzukommen, zumal Gaius mit diesem selbstmörderischen Manöver sämtlichen seiner männlichen Nachkommen bis auf Widerruf die römischen Bürgerrechte sicherte. Er wandte sich um und betrachtete versonnen jenen Ort, an dem er schon bald sterben würde, und Corvus hatte den Eindruck, dass das Lächeln, das nun auf Gaius’ Gesicht erstrahlte, ein aufrichtiges Lächeln war, das von Herzen kam. Dann entbot der Verurteilte sowohl dem Wasser des Flusses als auch der Sonne seinen letzten Salut und richtete schließlich noch einige Abschiedsworte an seine Kameraden, dies alles mit einer Stimme, die so gar keine Ähnlichkeit hatte mit der Mundart der Menschen in der Stadt am Tiber, jener Stadt, die nun offiziell Gaius’ Heimat war.
Schweigend schauten die verbliebenen vierzehn Männer und ihr Gouverneur zu, wie Gaius wieder auf sein Pferd stieg und in die kleine Ortschaft ritt. Als er an den Eceni vorbeieilte, erhoben selbst diese sich, ganz so, als ob auch sie eine gewisse Ahnung davon bekommen hätten, was sich dort vor ihren Augen gerade abgespielt hatte.
Suetonius Paulinus wandte sich als Erster wieder um und warf einen scharfen Blick auf Flavius, in dessen Händen noch immer das Wohl der Tauben lag. Dann schaute er den Zenturio der Zwanzigsten Legion an, dem zurzeit die Aufgabe als persönlicher Sekretär des Gouverneurs zukam, und diktierte diesem eine kurze Nachricht an Agricola und an Galenius von der Vierzehnten Legion, der den Oberbefehl über Mona hatte.
Die Sorgfalt, mit der Flavius seine Tauben hegte und pflegte, war die eines Mannes, dem gerade ein neues, junges Pferd geschenkt worden war. Zärtlich hielt Flavius die Tiere zunächst eines nach dem anderen noch einen Augenblick zwischen seinen beiden Händen und überprüfte, ob die kleinen Briefbehältnisse an ihren Füßen auch wirklich fest saßen und nicht scheuern konnten. Dann flüsterte er ihnen einige Worte zu, die aber so leise waren, dass niemand sonst sie hören konnte, bis die Tauben ihn mit großen, glänzenden Augen anschauten und ihm mit eifrigem Kopfnicken zu bedeuten schienen, dass sie bereit wären.
Kraftvoll warf er sie in die Luft empor, und wie stets nahmen die Tiere den Schwung auf, den er ihnen verliehen hatte, breiteten ihre Schwingen aus und peitschten mit knallenden Flügelschlägen durch die Luft, stiegen höher und höher und flogen schließlich in gerader Linie ihrem fernen Ziel entgegen, eine nach der anderen, bis insgesamt vier der sechs Tauben aufgestiegen waren.
Der Gouverneur salutierte, ganz so, wie er auch vor einem Legaten salutiert hätte, der eine Legion in eine weit entfernte Schlacht führen würde. »Sollten die Träumer den Tauben ihre Falken auf den Leib hetzen, lasse ich sie allesamt ans Kreuz nageln.«
 
Eilig ritten sie zurück in Richtung Westen. Niemand von ihnen verspürte das Bedürfnis hervorzuheben, dass ihr einziger Führer, der sie noch halbwegs sicher durch dieses Gebiet hätte geleiten können, gerade in den Tod geschickt worden war. Im Übrigen aber waren auch die noch verbliebenen vierzehn Männer unter dem Gouverneur jeder auf seine spezielle Art recht passable Fährtenleser, und gemeinsam konnten sie jeden Pfad, den sie einmal entlanggeritten waren, auch wieder zurückverfolgen. Als die Römer an den Spähern der Eceni vorbeigaloppierten, stießen diese ihren Schlachtruf aus, ein klagendes Heulen, das erst der eine ausstieß, dann der zweite übernahm und schließlich der dritte, und das dann immer so weiterging, noch lange, nachdem die Römer wieder außer Sichtweite waren.
Als die Sonne hoch über den Köpfen der Reiter stand und sich gen Westen neigte, ließ Paulinus sein Pferd ein wenig zurückfallen und dirigierte es neben Corvus’ schwarzen Hengst.
»Ihr versteht die Sprache der Wilden besser als die meisten anderen von uns. Was hat er vorhin gesagt, ehe er zu Vespasians Brücke hinunterritt?«
»Gaius? Das war die Sprache der Ahnen, die er da gesprochen hat. Und er hat sein Leben und das seiner drei Söhne dem Lugh vom Glänzenden Speer anbefohlen, dem Gott der Sonne. In den Tagen, als die Götter noch jung waren, verspürte Lugh den Durst des ewigen Feuers, und er kam auf die Erde hinab, um seinen Durst zu stillen. Er leerte den Großen Fluss und legte dann seinen Kopf nieder, um zu ruhen. Daraufhin sandten Nemain und Manannan den Regen, damit dieser den Fluss wieder füllen möge. Der Strom schwoll sogar so stark an, dass er über die Ufer trat, der schlafende Gott aber wurde nicht berührt. Stattdessen wanden die Wassermassen sich um ihn herum und ließen ihn auf seinem trockenen Ruhebett weiterschlummern.«
»Und darum ist dieser Strom jetzt ein heiliger Fluss? Und der Ort, um den er sich herumschlängelt und wo Vespasian die Brücke errichten ließ, ist ein ganz besonderer Ort?«
»So ist es. Die Wilden hätten an dieser Stelle niemals eine Brücke errichtet. Und in ihrer Sprache trägt die Brücke auch nicht den Namen eines römischen Generals. In der Sprache der Wilden ist dieser Ort benannt nach jenem Gott, der ihm seinen heiligen Status verlieh, und die Ahnen nannten ihn Lugdunum.«
 
Der Holunderstrauch am Fähranleger von Mona stand in voller Blüte. Eine wahre Kaskade von cremeweißem Schaum schien auf der zarten Brise zu tanzen, die von der See heraufstrich.
Graine nahm sich eine der Dolden, zupfte einige Blüten heraus und aß sie, wobei sie die Pollen zuvor an ihrer Tunika abstreifte, sodass der grüne Stoff stellenweise in ein Smaragdgold überging. Graine rückte ein kleines Stück vor und ließ die Beine über den Rand der Eichenbohlen baumeln, auf denen sie gerade saß, und spürte, wie eine mächtige Woge sich erhob, um sanft ihre Füße zu küssen. Die Flut hatte ihren Höchststand erreicht und begrub die Überreste der Schlacht unter ihren graugrünen Wellen. Genau an der Wasserkante marschierte ein Krieger entlang, ihm dicht auf den Fersen ein junger Hund. Versunken in den Anblick der beiden stellte Graine zum ersten Mal fest, wie sehr sie Stone vermisste, seit sie ihn zurückgelassen hatte, damit er auf ihre Mutter Acht gab.
Dann bemerkte sie, wie ein immer länger werdender Schatten über die Klippen am Fuße des Anlegers glitt, und im Geiste schloss sie hastig eine Wette mit sich selbst ab, zu wem dieser Schatten wohl gehören mochte - es kamen ja nur drei Menschen in Frage. Dies bedeutete aber zugleich, dass sie sich nicht sofort umdrehen konnte, um zu sehen, wer es war.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
Sie verlor ihre Wette. »Natürlich.« Graine rutschte ein Stückchen zur Seite, nur gerade so weit, um nicht unhöflich zu erscheinen, und Luain mac Calma, der Älteste Träumer von Mona, lüpfte seine Tunika und setzte sich neben sie, wobei auch er seine langen dünnen Beine über den Rand des Anlegers ins Wasser baumeln ließ.
»Was hast du gedacht, wer ich wohl sein würde?«
»Hawk. Oder vielleicht auch Bellos. Das heißt, wenn man mal davon absieht, dass du nicht ganz so leise gegangen bist wie die beiden. Und als ich das feststellte, dachte ich, du könntest vielleicht Efnís sein, der wieder zurückgekehrt wäre von Hibernia. Hätte man mich in dem Moment gefragt, wer da wohl kommt, hätte ich gesagt, Efnís.«
»Efnís ist in der Tat wieder von Hibernia zurück. Ich kann ihn zu dir schicken, wenn du möchtest.«
»Ach, das muss nicht unbedingt sein. Bist du gekommen, um dabei zuzusehen, wie die Legionen wieder abziehen? Mit dem Gezeitenwechsel haben sie begonnen, ihre Zelte abzubrechen. Vielleicht hat Manannan ihnen mit einer seiner großen Wogen endlich so viel Angst eingejagt, dass sie wieder verschwinden.«
»Ich glaube, das hat eher etwas mit dieser Brieftaube des Gouverneurs zu tun, die sogar den Gebirgsfalken entkommen konnte und am späten Vormittag wieder in ihren Schlag zurückgekehrt ist.« Mac Calma verschränkte die Finger beider Hände miteinander, streckte die Arme und umfasste seinen Hinterkopf. Seine Schultergelenke gaben ein lautes Knacken von sich, woraufhin ein paar Vögel am Strand erschrocken in die Luft aufstiegen. »Das Kriegsheer deiner Mutter hat sowohl den Osten als auch den Westen in Brand gesteckt«, fuhr er fort. »Ich denke, für den Gouverneur gibt es nun Wichtigeres als die Zerstörung Monas.«
Plötzlich schien der Tag empfindlich kühl. Graine zog die Knie bis zur Brust hoch und zerrte ihre Tunika bis fast über die Zehen hinunter. Die Arme um die Schienbeine geschlungen wollte sie wissen: »Ist Mutter...?«
»Geheilt? Nun, ihre Genesung hat bereits begonnen.« Dann schwieg Luain mac Calma, wollte Graine die Gelegenheit zu möglichen weiteren Fragen geben. Da entdeckte sie ein Schmutzklümpchen auf einem ihrer Zehen und rieb es mit dem Zeigefinger fort. »Hast du den Falken befohlen, dass sie die Tauben in Ruhe lassen sollen?«, fragte sie schließlich.
»Nein. Das beherrschen wir nun doch nicht. Aber wir haben den Falken zwei von unseren Legehennen gegeben, um damit ihre Jungen zu füttern, sodass die Tiere an dem
Tag, als die Tauben durch ihr Territorium flogen, nicht auf die Jagd gehen mussten. Meistens sind die Götter zwar gnädig und geben uns, worum wir sie bitten... manchmal aber müssen wir auch ganz einfach unserem Verstand folgen, in der Hoffnung, dass wir damit das Richtige tun.« Der Tonfall von mac Calmas Stimme war zwar der gleiche geblieben, zumindest soweit Graine dies beurteilen konnte, doch es war klar, dass sie nun nicht mehr länger von Falken und römischen Brieftauben sprachen. »Bellos hatte mir erzählt, dass du wieder einige Visionen gehabt hast«, wechselte er auch prompt das Thema.
»Nein, keine echten Visionen«, widersprach Graine.
»Denn ich hatte mich ja nicht auf irgendetwas Bestimmtes konzentriert. Ich wusste nicht mal, dass es eine Vision war, die ich da gerade träumte. Nur die Hasen beantworten mir meine Fragen, wenn ich sie darum bitte.« In ihrem letzten Traum waren zwei Hasen vorgekommen. Und beide hatten sie Graine eine vollkommen unterschiedliche Antwort gegeben. Das allerdings hatte sie Bellos nicht erzählt und auch nicht, wonach sie die Tiere gefragt hatte.
»Ich danke dir dennoch für deine Bemühungen.« Mac Calma legte sich auf den Rücken, die Arme weiter hinter dem Kopf verschränkt.
»Werden die Menschen wieder zurück nach Mona kommen, jetzt, da die Legionen abgezogen sind?«
»Ja, ich denke. Aber erst einmal sollten wir beobachten, wie sich die Lage im Süden entwickelt.«
»Wird es dort eine weitere Schlacht geben?«
»Ich hoffe nicht. Denn falls es zu einem Kampf kommen sollte, gewinnen sicher die Legionen.« Mac Calma wandte den Kopf, um Graine anzuschauen. Da erst erkannte sie voller Entsetzen, wie erschöpft er war, beinahe so, als ob er die bevorstehende Schlacht bereits geschlagen hätte, und zwar ganz allein. Er war ihr immer so stark, geradezu unverwüstlich vorgekommen, und stets mit einer guten Prise Humor gesegnet.
Mac Calma sah, wie sie ihn musterte, und schenkte ihr ein blasses Lächeln, ganz so, wie auch Valerius lächelte, wenn er sich im Grunde nicht recht wohl fühlte. Mac Calma atmete tief ein, wollte gerade etwas sagen, überlegte es sich dann aber doch anders und erkundigte sich stattdessen: »Graine, wärst du bereit, wieder zu deiner Mutter zurückzukehren? Ich denke, das könnte einen bedeutenden Unterschied machen, wenn das Heer wieder gegen die Legionen antreten muss.«
»Weil ich der Springstein bin auf dem Spielfeld des Kriegertanzes?« Graine hasste diese Rolle, die die Götter ihr da zugewiesen hatten. Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie dieses ungute Gefühl wieder abschütteln könnte.
»Ich fürchte, ja. Aber das ist nur ein Teil jener Überlegung, weshalb ich dich gerne wieder bei deiner Mutter sehen würde. Der andere Teil ist, dass es der Bodicea sehr helfen würde, wenn sie sieht, dass du wieder zu dir selbst gefunden hast. Und weil auch du die Gewissheit brauchst, dass die Bodicea wieder im Begriff ist zu genesen, und weil ihr euch beide braucht, um wieder gänzlich heilen zu können. Mona hat dir alles gegeben, was diese Insel dir nur irgend zu geben vermochte: Du kannst wieder träumen, zumindest ein bisschen, und du kannst wieder in den Flammen lesen. Damit ist alles erreicht, worauf wir jemals zu hoffen wagten, als du nach Mona zurückgekehrt bist.«
Und dennoch war dies nicht das, was Graine gern hätte hören wollen. Ihre Augen schienen zu brennen. Aber da Zorn noch immer besser war als Kummer, besonders wenn dieser Kummer in der Gegenwart mac Calmas über sie hereinbräche, entgegnete sie in bissigem Ton: »Zumal ich nun ja auch kämpfen kann. Hawk hat mir schließlich gezeigt, wie man eine Waffe führt. Das sollte man nicht vergessen.«
Neun Tage lang hatte Hawk ihr Morgen für Morgen seinen Kampfunterricht erteilt, während sie zugleich beobachteten, wie die Legionen sich versammelten und ihren letzten entscheidenden Sturm auf Mona planten und am Ende schließlich doch nicht mehr angriffen. Und Graine kämpfte nun auch tatsächlich besser als noch vor einiger Zeit. Dennoch würde sie auf dem Schlachtfeld niemals mehr sein als bloß eine zusätzliche Bürde für ihre Gefährten.
Sie beobachtete, wie Luain mac Calma sich sammelte und sich bemühte, nun nicht herablassend zu klingen oder gar spöttisch dreinzuschauen, als er entgegnete: »Richtig, zumal du nun ja auch kämpfen kannst.«
Damit griff er in sein Gürtelsäckchen und zog eine kleine silberne Brosche in der Form eines Hasen hervor. Die Silhouette war keineswegs neu. Es war der gleiche Hase, wie er schon seit dreizehn Generationen immer wieder in die Dachbalken des alten Rundhauses geritzt worden war. Graine hatte die Hasen einst gezählt. Die Brosche aber, so dachte sie, würde wohl neu sein oder war zumindest noch von niemandem getragen worden.
»Wenn ich dir die hier nun überreichen würde«, begann Luain mac Calma, »und wenn ich dir dazu noch versprechen würde, dass diese Brosche dich mit Mona verbinden wird, solange es noch eine Insel Mona gibt, mit der du verbunden sein kannst, würdest du dann wieder von hier fortgehen und die Brosche mit dir nehmen und zu deiner Mutter zurückkehren, wo auch immer diese nun sein mag? Deine Ehrengarde würde dich natürlich begleiten und auch Bellos, glaube ich, würde mit dir kommen. Und vielleicht sogar Efnís, sofern er nicht der Ansicht sein sollte, dass man ihn hier dringender braucht. - Warum lächelst du?«
Graine erhob sich und schüttelte den Kopf. Der Gedanke an Hawk, Dubornos und Gunovar als ihre Ehrengarde war einfach zum Schreien komisch - oder auch todtraurig, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtete. Aber Graine wagte es nicht, nun allzu genau darüber nachzugrübeln, welcher Blickwinkel wohl der richtige war.
Und letztendlich wäre sie ohnehin bald wieder von Mona fortgegangen, auch ohne die silberne Hasenbrosche und die beiden verwundeten Krieger. Doch da Luain mac Calma ihr das Schmuckstück nun anbot, nahm sie es an und steckte es links an ihrer Tunika auf Schulterhöhe fest. Dort konnte der Hase rennen, wie auch die Hasen in ihrem Traum gerannt waren und ihr dennoch nicht ihre Fragen beantwortet hatten.
Die Kriegerin der Kelten
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