XXXI
Corvus genoss den Mittsommersonnenaufgang an Deck
einer breiten, in Flaute geratenen Frachtschaluppe. Nur ein
einziges Segel vermochte sich unter dem schwachen Wind zu blähen,
und müde dümpelte der Kahn durch die seichten Wogen, ganz ähnlich
einer Ente, die durch den Teich ihres heimischen Bauernhofs
planschte. Und dennoch lag die Mehrzahl der Legionare matt und von
Übelkeit geplagt in ihren Kojen. Allein die wirklich seefesten
Männer trotzten dem Schicksal ihrer Kameraden.
Corvus hätte sich selbst zwar nie als sonderlich
seefest bezeichnet, aber ganz offensichtlich vertrug er das Meer
immer noch besser als der Rest der Römer. Breitbeinig stand er auf
dem Achterdeck und hob seinen Becher; an seiner Seite der
Steuermann und der Kapitän. Und tapfer prostete er mit seinem stark
verdünnten Wein dem ersten, blutroten Streifen der aufgehenden
Sonne zu.
Corvus war nie ein Priester oder Würdenträger im
Dienst der römischen Kulte gewesen, nun aber sprach er einige Worte
an Jupiter, der noch immer der berechenbarste aller Götter zu sein
schien, und kippte dann ein wenig von dem Wein in die graugrüne
See. Als Opfergabe für Neptun sozusagen, auf dass Corvus und seine
Männer hoffentlich in Bälde wieder ein wenig Wind erfahren dürften
und schließlich sicher anlandeten an einem Ort, wo weder die Tide
noch Strudel noch unter der Wasseroberfläche verborgene Riffe ihr
Leben bedrohten. Zum Schluss sprach Corvus einige kurze Worte auf
Alexandrinisch, in dem Wissen, dass weder der Kapitän, noch der
Steuermann diese Sprache verstanden, und erklärte den hoffentlich
gnädig lauschenden Geistern der von ihm innigst geliebten Menschen
die Tiefe seiner Gefühle. Dies war ein Ritual, das Corvus, seit er
in den Dienst der Legionen eingetreten war, zu jeder
Wintersonnenwende und jeder Sommersonnenwende vollzog.
Auch heute fühlte er sich von diesem Ritual
beruhigt, so wie es ihn stets mit einem gewissen Gleichmut zu
erfüllen vermochte, und prompt schien sogar der Wahnsinn des
Vorhabens, das Corvus und seine Begleiter gegenwärtig verfolgten,
ein bisschen weniger erschreckend. Man musste sich die ganze
Angelegenheit im Grunde nur einmal aus dem richtigen Blickwinkel
besehen, schon entdeckte man neben dem Wahnsinn auch das Heroische
des Unternehmens. Und ganz zweifellos würde diese Tat spätestens im
Nachhinein im Senat und den Bädern von Rom zu einem Akt von
geradezu selbstloser Vaterlandsliebe stilisiert werden. Wenngleich
diese Stilisierung wohl von Männern vollzogen würde, die es zwar
sehr genossen, den Geschichten vom Sterben ferner Helden zu
lauschen, die aber gleichzeitig auch hofften, niemals selbst in
eine solch prekäre Lage zu geraten. Lieber verliehen diese Männer
stattdessen wortreich ihrer rückhaltlosen Bewunderung für derlei
Taten Ausdruck und fabulierten über die Ruhmsucht und den Mut jener
derart wagemutigen Männer.
Corvus schenkte dem Meer einen letzten Schwall des
verwässerten Weines und reichte den Kelch anschließend mit beiden
Händen weiter an den Steuermann, der einen kleinen Schluck daraus
trank und ihn dann auf gleiche Weise dem Kapitän übergab, der
ebenfalls trank und gleichsam zeremoniell den Kelch wieder an
Corvus zurückreichte, sodass sie schließlich alle drei die
Freigiebigkeit der Natur zu Mittsommer zelebriert und dabei ihrer
Götter gedacht hatten. Abgesehen von dem hohen Wasseranteil im
Becher war der Wein durchaus genießbar und ausgereift, und es umgab
ihn der liebliche Duft des Herbstes und von reifen Früchten. Noch
einen letzten Moment ließ Corvus den Geschmack auf seiner Zunge
verweilen und schluckte erst, als abermals das heimtückische Rollen
die Frachtschaluppe durchwogte.
»Heute Landgang?«, fragte Corvus.
»Wenn Nacht kommt.« Der Kapitän des Kahns stammte
aus den Ländern im Norden und war ein wahrer Riese von Mann mit
gelblichem Haar und roter, wettergegerbter Haut. Um seinen Hals
schloss sich ein Ring kleiner, in blauer Farbe tätowierter Punkte.
Seine Lateinkenntnisse waren genauso rudimentär wie sein Gallisch,
und dennoch beherrschte er diese beiden Sprachen immer noch besser
als die britannischen Dialekte. Was jedoch sein Wissen über
Leichter und die Meere zwischen Hibernia, Gallien und Britannien
betraf, so konnte es kaum einer mit ihm aufnehmen. Er hatte für
seine Unterstützung auf dieser Reise einen Vorschuss erhalten, der
selbst das Jahresgehalt einer kompletten Zeltbelegung von
Legionaren samt ihres Dekurios deutlich übertraf. Und dennoch war
sein Talent, ein Schiff sicher in den Hafen zu bringen, mindestens
noch einmal so viel wert.
Ausgewählt hatte er den Kahn allerdings nicht.
Seltsamerweise hatte keiner der Rom doch angeblich so wohl
gesonnenen Stämme auch nur ein einziges freies Schiff zur Verfügung
gehabt, als der Gouverneur darum gebeten hatte... Und hätte der
nordische Kapitän nicht schließlich etwas von seinem eigenen Gold
in die Waagschale geworfen, um auch wirklich genau jene
Schiffsbesatzung zu bekommen, die er haben wollte, wäre der
Gouverneur nicht nur ohne Schiff dagestanden, sondern auch ohne
Seeleute. Letztlich hatte man dann gegen einen horrenden Preis aber
doch noch einen Kahn erstehen können, und zwar von einem Mann,
dessen Vater einst durch Corvus’ Einschreiten vor dem Tode gerettet
worden war. Und selbst dieser Mann hatte die neuen Eigner seiner
Schaluppe noch händeringend beschworen, dass sie das Schiff aber
bitte erst nach Einbruch der Dunkelheit übernehmen dürften, damit
er selbst behaupten könne, das Boot wäre einfach gestohlen worden.
Abgesehen von der Besatzung reisten nun also sechzehn Männer mit je
einem Pferd auf dem Schiff. Corvus bemühte sich, noch nicht daran
zu denken, wie sie nach dem Anlanden gefahrlos und unbeschadet quer
durch das Land bis nach Londinium gelangen sollten, wenn selbst in
den offiziell befriedeten Gebieten niemand bereit gewesen war,
ihnen auch nur ein Boot zu verkaufen.
Der blonde Nordländer deutete mit knappem Nicken
auf das Heck der Schaluppe, wo in einer Tauschlinge das einzige
Beiboot des Schiffes lag. »Heut Nacht«, erklärte er.
»Rudern. Dunkel. Pferde schwimmen hinterher. Nicht
sehen.« Dann rollte er einmal vielsagend mit den Augen. »Und Vögel
bleiben trocken.«
Die Vögel waren Flavius’ ganz besondere Lieblinge.
Sechs muntere Tauben, die allerdings kein größeres Fluggebiet
gewohnt waren als das Festungsgelände der Zwanzigsten Legion,
dessen natürliche Begrenzung das Meer gewesen war, so dicht, dass
ein Mann auf einem schnellen Pferd die Entfernung zwischen Wasser
und Fort in weniger als einem Morgen bewältigen konnte. Flavius
empfand für seine Tauben also ähnlich zärtlich, als wären diese
seine eigenen Kinder. Der Nordländer hatte die Tiere zunächst für
einen regulären Bestandteil der Bordverpflegung gehalten, woraufhin
Flavius ihn aber umgehend belehrt hatte, dass, sobald der Hüne die
Tiere verspeisen sollte, Flavius im Gegenzug umgehend dessen Hoden
verschlingen würde - und diese Drohung schien zumindest in dem
Moment, als sie ausgesprochen wurde, auch durchaus ernst
gemeint.
»Heut Nacht?«, wiederholte Corvus. Angestrengt
grübelte er darüber nach, wie er den Gouverneur und dessen Männer
bis Anbruch der Dunkelheit wieder auf die Beine bekommen sollte.
Davon, dass diese dann auch in marschfähiger, oder, besser noch,
reitfähiger Verfassung sein sollten, einmal ganz zu schweigen. Im
Stillen flehte er alle ihm bekannten Götter an, dass bitte auch die
Pferde die Seereise heil überstehen würden.
»Heut Nacht.« Der Riese grinste. »Wind kommt bald.
Boot fährt schnell. Wellen klein. Gouverneur weniger übel.«
In der Nacht und umhüllt von der schützenden
Dunkelheit, ehe der Mond am Firmament aufstieg, ruderten sie an
Land. Phosphorfarbenes Licht glitzerte über dem Wasser, wo die
Ruderblätter in das Nass eintauchten und die Pferde sich tapfer
durch die Wellen kämpften. Blass schimmernde Bahnen verrieten den
Weg, den sie zurücklegten.
Das Gesicht des Gouverneurs war bleich, und es
strömte ein durchdringender Geruch von Pfefferminzöl von ihm aus.
Leider aber reichte selbst dieses Öl nicht, um den Geruch nach
Erbrochenem zu übertünchen. Doch selbst in diesem
bemitleidenswerten Zustand schritt der Gouverneur als Erster an
Land, und er hielt sich mit gezogenem Schwert bemerkenswert
aufrecht, während der Rest seiner Männer das Boot herumdrehte und
es dann, mit dem Steuermann als einzigem Ruderer, wieder in die
Wogen hinausschob. Ein gutes Stück vor der Küste sollte dieser auf
das vereinbarte Signal warten, ehe er zurück an Bord kletterte,
während Corvus und zwei weitere Legionare die Pferde an Land
führten. Nur durch Tasten fanden sie in der fast vollkommenen
Finsternis schließlich ein wenig Gras, mit dem sie die Tiere
trockenreiben konnten, und gleichsam blind reichten sie ihnen
schließlich einige Hände voll Getreide, um wieder einen gewissen
Lebensfunken in ihre Augen zu zaubern und sie für die Kälte, die
Dunkelheit und das Meer zu entschädigen. Dann untersuchten Corvus
und seine Männer die Läufe der Pferde und deren Flanken, fanden
glücklicherweise aber weder Schnitte noch erhitzte Areale oder gar
Schwellungen, sodass Corvus schließlich laut einige Worte des
Dankes an Neptun richtete, der die Tiere sicher und unbeschadet
wieder aus seinen Wogen entlassen hatte.
Der Mond stieg an einem von Schleierwolken
verhangenen Himmel auf. Unter seinem Glanz versammelten sich
fünfzehn Männer in der Dunkelheit auf dem leicht zum Festland hin
ansteigenden Sandstrand. Sie gruppierten sich um ihren Gouverneur
und General, nass bis hinauf zu den Oberschenkeln, da sie mit dem
Beiboot nicht ganz bis an den Strand hatten rudern können und die
letzten Meter durch das Meer waten mussten. Fest eingewickelt in
ihre Wintermäntel gegen die empfindliche Kälte, die selbst in
dieser Mittsommernacht herrschte, standen sie schweigend da.
Elf der Männer entstammten der Vierzehnten
beziehungsweise der Zwanzigsten Legion. Sie hatten sich sozusagen
freiwillig für dieses Unternehmen gemeldet, wenngleich die an sie
gerichtete freundliche Aufforderung im Grunde natürlich nichts
anderes gewesen war als ein gut getarnter Befehl. In jedem Fall
hatte keiner von ihnen sich die Konsequenzen ausmalen wollen, wenn
sie sich diesem Befehl verweigert hätten. Und nicht alle von ihnen
bekleideten den Rang eines Offiziers. Ganz ähnlich wie einst
Alexander von Mazedonien, hatte auch Suetonius Paulinus den Versuch
unternommen, sich die Namen und Verdienste der unter ihm dienenden
Männer einzuprägen, sodass er sich als Reisebegleiter schließlich
ausnahmslos Männer ausgesucht hatte, die von etwa mittlerem Alter
waren, also etwas jünger als der Gouverneur selbst, und die sich -
während ihres Dienstes in Britannien oder bei Paulinus’ Feldzügen
durch Mauretanien - bereits als von herausragendem Wert für die
Truppe erwiesen hatten, als besonders geflissentlich informiert
über die speziellen Gegebenheiten ihrer jeweiligen Vorhaben oder
auch als gesegnet mit besonderer Intelligenz.
Lediglich zwei der Kavalleristen waren nicht vom
Gouverneur persönlich ausgewählt worden: Ursus und Flavius, die
beide auf Corvus’ Vorschlag hin der Gruppe zugeteilt worden waren,
der eine, um die Reisegesellschaft zu unterstützen, der andere,
weil es nicht mehr länger sicher war, ihn einfach unbeaufsichtigt
zurückzulassen.
Schließlich war noch Gaius ausgewählt worden. Er
war praktisch ein Ortsansässiger, da er bereits so lange in der
Festung der Zwanzigsten Legion gelebt hatte, dass er in einer
Mundart sprach, wie man sie üblicherweise in der Gosse jener drei
Straßen zu hören bekam, die zwischen der Mons Avertina und dem
Tiber in Rom verliefen. Während der Passage auf der Frachtschaluppe
hatte man sich zugeraunt, dass der Gouverneur diesem Mann das
römische Bürgerrecht versprochen hatte, wenn man mit seiner Hilfe
den Krieg gegen die Stämme gewinnen könne. Wahrscheinlicher aber
war ein zweites Gerücht, das besagte, dass Gaius drei Söhne habe,
auf die er außergewöhnlich stolz sei, und dass er sich nichts
sehnlicher wünsche, als dass seine drei Söhne das Bürgerrecht
erhielten.
Mit erhobenem Haupte stand Suetonius Paulinus,
Gouverneur von ganz Britannien, an dem von Unkraut gesäumten
Sandstrand, an den geradewegs das Land der Eingeborenen angrenzte.
Eingeborene, die, wenn schon nicht freundlich gesonnen, Rom doch
zumindest nicht in feindseliger Stimmung gegenüberstehen sollten.
Statt seiner eisernen Rüstung hatte Paulinus lediglich das lederne
Schutzwams angelegt, schließlich wollte er, für den Fall, dass das
Beiboot kentern sollte, nicht jämmerlich ertrinken. Und auch das
Schwert, das er bei sich führte, war kein Paradeschwert, sondern
für den reellen Dienst gefertigt - das Heft und das Querstück waren
mit Wildschweinleder bezogen, sodass sich weder Sonnenlicht noch
Mondschein in ihnen spiegeln konnte und seinen Träger damit
verraten hätte. Paulinus’ Helm war schon ganz matt vom Alter und
von so simpler Machart, dass er auch jedem anderen Legionar hätte
gehören können. Die Männer, die sich nun in der Dunkelheit am
Strand versammelt hatten, waren allesamt vom gleichen Schlage wie
ihr Anführer. Es waren grimmige, harte Männer, die genau wussten,
was von ihnen verlangt wurde, und die auch die damit einhergehenden
Risiken einschätzen konnten.
Aufmerksam ließ Paulinus den Blick über seine
Gefolgsleute schweifen, und was er sah, erfüllte ihn mit
Zufriedenheit. »Von nun an bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir die
Brücke von Vespasian erreichen und sie einnehmen, werden wir uns so
verhalten, als wären die Wilden unsere erklärten Feinde. Wir werden
schnell reiten, und wir werden hart reiten. Wir werden versuchen,
jegliche Konfrontation mit den Stammesangehörigen zu vermeiden, ja,
selbst ein rein zufälliges Zusammentreffen wollen wir umgehen. Und
sollten wir dennoch dem einen oder anderen begegnen, so ist dieser
sofort zu töten.«
Gemäß der Ankündigung des Gouverneurs ritten sie
in der Tat hart, aber keineswegs schnell.
Es hieß, dass Kaiser Tiberius damals, als er noch
General in den germanischen Provinzen war, an einem einzigen Tag
rund dreihundertundfünfzig Kilometer zurückgelegt hätte. Entspräche
diese Sage tatsächlich der Wahrheit, so hätte er damit nicht
weniger als einmal die komplette Breite Britanniens durchmessen.
Ließe man zudem außer Betracht, dass zu Tiberius’ Zeiten noch
keinerlei befestigte Straßen die Provinzen von Germanien
durchzogen, hätte er spätestens alle dreißig Kilometer an den
Streckenposten das Pferd wechseln müssen.
Suetonius Paulinus und seine fünfzehn Männer
konnten aber nicht auf derlei Ressourcen zurückgreifen. Stattdessen
ritten sie über holprige Wege und Ziegenpfade und mussten sich bei
ihrer Route ganz auf die Führung von Gaius verlassen, der aus dem
Stamme der nördlichen Silurer war und sich darum mit den südlichen
Straßenverhältnissen nur wenig auskannte. Es gab auch keine
Pferdeknechte, ein jeder der Männer war selbst für das Wohlergehen
seines Tieres verantwortlich.
Paulinus und seine Gefolgschaft begegneten nur sehr
wenigen Eingeborenen, die wiederum allesamt Krieger in voller
Kriegsbemalung waren und stolz die Federn zum Zeichen der von ihnen
getöteten Feinde im Haar trugen. Allerdings wagte keiner der Wilden
sich so dicht an die Römer heran, dass diese sie hätten angreifen
können. Und es folgte auch keiner von Paulinus’ Männern den
Eingeborenen, denn das Risiko, in einen Hinterhalt gelockt zu
werden oder aber die Pferde zu verlieren, war einfach zu groß.
Lediglich ein junger Bursche ließ sein Leben; er war nicht rasch
genug geflüchtet, als er die Römer erblickte, und hatte im Übrigen
nicht wissen können, wie geschickt Flavius im Umgang mit seinem
Wurfmesser war.
Abgesehen von dieser einen, wenig ruhmreichen
Hinrichtung bestand die Reise allein aus kräftezehrenden Tagen hoch
zu Ross und gelegentlichen Kehrtwenden, wenn die Reiter
feststellten, dass ein bereits eingeschlagener Weg sich als
unpassierbar herausstellte. Allein der Fluss, dem sie währenddessen
folgten, wurde langsam immer breiter und verriet ihnen damit, dass
sie überhaupt irgendwie vorankamen.
Als sie den ersten der verlassenen Handelsposten
erreichten, war bereits der Mittag des vierten Tages ihrer Reise
angebrochen. Es war ein keineswegs aufsehenerregender Ort, eine
primitive Anlage, ein Kai, nicht größer als der Anleger auf Mona
und umschlossen von Flussgras und einigen zerbrochenen Schilden und
Rüstungen, den Überbleibseln eines Kampfes, der sich einst hier
abgespielt haben musste. Ein langes Tau trieb träge in dem
bräunlichen Wasser und hatte sich um den etwas flussaufwärts
gelegenen Anlegepoller gewickelt. Und dann war da noch ein wollener
Fetzen, dessen Unterseite sich bereits grünlich verfärbt hatte und
der an den Umhang eines Kindes erinnerte, den dieses hastig von
sich geschleudert oder auf einer Flucht aus Versehen verloren
hatte.
Acht kleine Hütten von ortsansässigen Händlern
reihten sich oberhalb und unterhalb des Kais an den Fluss. Vor der
größten der Hütten blieben Paulinus und seine Männer stehen. Dies
war die Behausung des Mannes, der den Wegezoll von jenen einstrich,
die gerne über den Strom übersetzen und an den etwas kleineren
Anleger am gegenüberliegenden Ufer gebracht werden wollten. Vor
allem aber nahm der Betreiber dieses Anlegers auch die nicht
unbeträchtlichen Handelszölle all jener ein, die die Häfen weiter
südlich passiert hatten und nun geradewegs aus dem offenen Meer die
Flussmündung hinauf und bis an diesen kleinen Zollposten gefahren
waren.
Mehr als einen Aufklärer konnte der Gouverneur
nicht aus seiner Truppe entbehren, sodass Corvus, der das Pech
gehabt hatte, den einzigen weißen Kiesel aus dem Helm gezogen zu
haben, schließlich ganz auf sich allein gestellt seinen
Erkundungsritt antreten musste. Er ließ seinen schwarzen Hengst
dicht am Flussufer entlangtraben. Dieses Pferd war zwar nicht sein
bevorzugtes Reittier, doch es hatte die Durchquerung der Meerenge
von Mona besser überstanden als Corvus’ Stute. Zumal der Bataver,
der dieses Tier ursprünglich geritten hatte, nicht mehr am Leben
war und Corvus gerne verhindern wollte, dass der Seelenbruder des
Verstorbenen das Tier als eine Art Sühnegeld an sich nähme.
Plötzlich zerrte der Wind an einer der Türhäute der
Hütten, und Corvus’ Pferd scheute ängstlich zurück. Kurz darauf
erschrak es abermals und sogar noch heftiger als beim ersten Mal,
als ganz unvermittelt das qualvolle Schreien einer Sau ertönte, die
man ohne Futter und Wasser einfach in ihrem Pferch zurückgelassen
hatte und die nun, da sie Corvus näher kommen sah, in ihrer Pein
versuchte, sich bemerkbar zu machen. Rasch öffnete er den Verschlag
des kleinen Gefängnisses, und mit flappenden Ohren rannte die Sau
zum Flussufer hinab, um ihren Durst zu stillen. Voller Panik stieg
daraufhin wiederum ein wild schnatternder Schwarm Enten in die
Luft, sodass Corvus für einen Augenblick umgeben war von einem
wahrhaft schaurigen Lärm und Ursus sogleich mit Paulinus’ halbem
Trupp angaloppiert kam, die Schwerter bereits gezogen, in dem
Glauben, irgendjemand hätte Corvus angegriffen.
»Hier ist niemand«, rief Corvus beschwichtigend.
Die Hütten hatte er bereits alle untersucht. Die Asche in der Mitte
der Herdstellen war kalt und feucht; Schimmel allerdings hatte sich
noch nicht gebildet auf den feuchten Feuersteinen, obwohl es
draußen bereits warm genug war, um in Hemdsärmeln zu reiten. »Es
dürfte wohl mehr als zwei und weniger als fünf Tage her sein, dass
sie von hier aufgebrochen sind.«
»Aber sind sie dabei über den Fluss geflüchtet oder
in östliche Richtung?«, fragte Ursus. »Nach Westen jedenfalls
können sie nicht gezogen sein, da wären wir ihnen ja
begegnet.«
Gaius, der silurische Führer, kam seinen Kameraden
zu Hilfe, nachdem das erste gefahrvolle Durcheinander sich gelegt
hatte. Er wanderte einmal an den acht Hütten entlang und lehnte
sich dann lässig gegen die Mauer, die die Schweinesuhle umgab. Er
war der Größte unter seinen Reisegefährten, genauso, wie schon der
Nordländer deutlich größer gewesen war als seine römischen
Fahrgäste. »Die Boote sind weg«, verkündete Gaius. »Ein paar von
den Anwohnern hier sind sicherlich auf die andere Seite des Flusses
geflüchtet. Aber mindestens drei Wagen sind ostwärts über den Pfad
da hinten gefahren.«
»Wie weit ist es noch von hier bis zur Brücke von
Vespasian?«
»Ungefähr ein halber Tagesritt. Aber die werden
trotzdem schon lange vor uns da sein.«
»Genauso wie auch alle anderen, die sich dorthin
auf den Weg gemacht haben.« Corvus wandte sich in seinem Sattel um.
»Ich hoffe, die Beamten des Ortes haben sich gut darauf
vorbereitet, nun noch rund eintausend weitere Mäuler stopfen zu
müssen.«
Die Beamten der Ansiedlung, die sich zu beiden
Seiten von Vespasians Brücke am nördlichen Ufer der Thamesis
entlangzog, waren allerdings alles andere als gut vorbereitet.
Zwischen den Hütten und Händlerbuden und der zentralen
Getreidebörse herrschte ein kaum mehr erträglicher Lärm, der es
durchaus mit dem Gezeter der Sau und den Enten aufnehmen konnte,
nur dass das Chaos in dieser Gemeinschaft sich über ein weitaus
größeres Gebiet erstreckte.
Der Ort war ein klassischer Handelshafen, und die
Brücke an sich war mit Abstand das bedeutendste Bauwerk inmitten
der gesamten Ansiedlung, denn als Stadt konnte man den Ort kaum
bezeichnen. Er bestand aus einem schlichten, aus Eichenbohlen
errichteten Zollzimmer samt Waagschalen und dem obligatorischen
Tisch des Schreibers sowie einem zweiten kleinen Gebäude, das
ebenfalls nur einen Raum umfasste, dafür aber aus Stein erbaut war
und die Zolldokumente beherbergte. Zudem gab es noch zwei Reihen
von Ställen für die Tiere der Gäste und die Pferde all jener Boten,
deren Reise an der Brücke von Vespasian womöglich noch nicht zu
Ende war, sondern die weiterreisen mussten nach Camulodunum, dem
Verwaltungszentrum der Provinz von Britannien. Außerdem boten sich
den Besuchern noch acht Tavernen von sehr unterschiedlichem Ruf und
zwei Bordelle, eines, das nur Frauen beherbergte, und ein weiteres,
das sämtliche anderen Angebote bereithielt, mit denen sich
vielleicht noch ein wenig Geld verdienen ließ.
Von den etwa einhundert weiteren Behausungen
gehörten die besten natürlich den Beamten, doch selbst diese Häuser
waren im Grunde nur etwas komfortablere Hütten aus schlichtem
Flechtwerk und mit Strohdächern versehen. Rinder, Schafe, Ziegen
und Schweine streiften ungehindert umher, und Hühner marschierten
geradewegs über die Hausdächer oder pickten in den winzigen
Hinterhöfen. Doch der Ort beherbergte auch einige große
Gemeinschaftsheuschober und Lagerhäuser für Lebensmittel und sogar
einen Getreidespeicher sowie eine Reihe von Brunnen für jene
Zeiten, wenn die Frühlingsflut den Fluss zu stark ansteigen ließ
und das Wasser zu viel Schlamm mit sich trug, als dass man es noch
hätte trinken können. Die Straßen, die das Örtchen durchzogen,
waren schmal und schmutzig und glichen eher einfachen Fußwegen, die
sich von Haus zu Haus schlängelten und kleine Verbindungen zwischen
den einzelnen Durchgängen bildeten. Doch es gab auch einige wenige
breitere Straßen, in denen die schmalen Gassen sich vereinigten und
die schließlich auf die großen, ein Stückchen nördlich des Ortes
verlaufenden Handelsstraßen zuführten. Diese verliefen in
nordwestliche Richtung hin nach Verulamium, in den Norden zur Insel
von Mona und nach Nordosten bis an die Stadtgrenze von Camulodunum.
Zu guter Letzt besaß der Ort auch noch ein eigenes Schiff, das
zurzeit noch träge am Kai dümpelte, auf dem aber bereits sämtliche
Wertsachen seiner Eigner verstaut waren, bereit, notfalls sofort
abzulegen und somit den Menschen auf ihm die Flucht zu
ermöglichen.
Am bemerkenswertesten aber war, dass den Ort an der
Brücke von Vespasian keinerlei schützende Mauer umgab.
Paulinus ritt mit seiner Truppe auf eine bewaldete
Anhöhe hinauf, ein gutes Stück hinter dem augenscheinlich völlig
unstrukturierten Treiben. Natürlich hatten die Bewohner des Ortes
sie bereits entdeckt, noch jedoch war keiner auf sie zugetreten.
Eine Weile lang beobachteten die Römer also einfach nur, wie über
die breiten Handelsstraßen ein Wagen nach dem anderen in die
Siedlung hereinrollte und eine Familie nach der anderen
anmarschiert kam. Allerdings gab es nicht einen einzigen
Lastkarren, der den Ort wieder verlassen hätte. Es kamen mehr
Kinder als Erwachsene und mehr Frauen als Männer, und allesamt
waren sie unbewaffnet; das heißt, wenn man die Messer, mit denen
sie ihre Mahlzeiten zu sich nahmen, einmal nicht mitzählte. Doch
solcherlei Besteck würden ohnehin nur ein ausgesprochener Optimist
oder ein Mann am Rande der Verzweiflung als Waffe bezeichnen. Wie
eine Herde Schafe, zusammengetrieben von einem unsichtbaren
Schäfer, drängten sie in immer größer werdender Zahl über die
Brücke. Mächtig erhob diese sich über den Strom, breit genug, dass
ein Wagen und ein Pferd Seite an Seite darübergelangen konnten, und
hoch genug, dass selbst ein seetüchtiges Schiff noch darunter
hindurchpasste. Zudem war die Brücke von überraschend ansprechender
Bauart, ein Zeugnis für das Geschick der Ingenieure der Legionen,
für die Schönheit und Zweckmäßigkeit keine unvereinbaren Gegensätze
waren. Fast schon hätte man weinen mögen, so ergreifend war der
Anblick der Brücke. Und dennoch war ihr baldiger Verlust
unvermeidlich.
Corvus, den die Betrachtung des Bauwerks und der
sich daran anschließenden Siedlung eher ermüdete als den Rest
seiner Kameraden, beobachtete stattdessen einen blassen
Rauchschleier, der über den östlichen Horizont glitt, und war damit
auch der Erste, der die Späher der Eceni entdeckte.
»Feinde«, flüsterte er. »In östlicher Richtung und
nördlich der buschigen Eiche mit der ambossförmigen Wolke dahinter.
Ich sehe fünfzehn von ihnen, doch ich möchte wetten, dass da
zumindest noch ein weiterer ist. Jugendliche, die zu Fuß unterwegs
sind. Tragen nur Messer bei sich. Kriegerfedern in ihren Zöpfen.
Genauso viele wie wir, offenbar die meisten von ihnen Frauen. Das
ist sicher kein Zufall.«
Paulinus’ Männer waren ausnahmslos kampfgestählte
Legionare, und jeder von ihnen hatte bereits seine Zeit im Westen
abgeleistet, wo für jeden Feind, den man sehen konnte, noch
mindestens ein Dutzend weitere sich hinter den Felsen oder in den
Ritzen und Spalten der Gebirgszüge versteckten. Folglich rissen
Corvus’ Kameraden nun keineswegs hastig ihre Pferde herum, und sie
schrien auch nicht erstaunt auf, geschweige denn dass sie nun
plötzlich alle in die beschriebene Richtung gestarrt hätten,
sondern sie fuhren scheinbar unbeirrt und vollkommen entspannt in
ihrer Unterhaltung fort, scherzten miteinander. Irgendwann
schließlich erlaubten sie ihren vor Langeweile schon regelrecht
mürrischen Tieren, sich ein wenig zu bewegen und den einen oder
anderen Schritt zur Seite zu machen. Dann wurden, wie zur Übung,
gelassen die Waffen gezogen, und schließlich, als wäre dies von
keinerlei größerer Bedeutung und zweifellos reiner Zufall, hatten
die Männer ihre Tiere allesamt ein Stückchen weiter nach Osten
herumgezogen, sodass man, ohne sich dies anmerken zu lassen, einmal
aufmerksam jene Stelle beobachten konnte, die Corvus beschrieben
hatte.
In genau diesem Moment erhoben die Späher sich
einer nach dem anderen aus ihrer Deckung. Halb nackt warteten sie
zwischen den in voller Blüte stehenden Disteln und dem
strauchartigen Holunder. Breitbeinig starrten sie die Legionare an.
Sie waren sechzehn an der Zahl, acht von ihnen Frauen.
Früher hatten die Gouverneure jene Männer, die
behaupteten, in den Armeen der Wilden kämpften nicht nur Männer
sondern auch Frauen, auspeitschen lassen - als Strafe für deren
Lügen. Nun jedoch erklärte Suetonius Paulinus, der fünfte
Gouverneur von Britannien: »Sie haben uns die Blüte ihrer Jugend
gesandt.«
»Ja, sie haben sie gesandt, um ein Auge auf die
Brücke von Vespasian zu haben und um uns anzuzeigen, dass der
Angriff bei Tagesanbruch erfolgen wird«, fügte Corvus hinzu. »Die
Krieger glauben, dass ihre Götter ihnen nur dann im Kampfe
beistehen, wenn sie ihre Feinde vor einer Schlacht angemessen
vorgewarnt haben.«
»Aber fürchten sie denn nicht, dass die Beamten und
die Siedler bei ihrem Anblick womöglich zur Gegenwehr aufrufen
könnten?«
»Seht Ihr denn etwa irgendwo Anzeichen dafür, dass
die Menschen hier so etwas wie eine Gegenwehr formieren?«
Nein, keiner von ihnen konnte derlei Vorbereitungen
entdecken. Dafür aber kannten Paulinus’ Männer, deren Leben fast
nur aus Kämpfen bestand, die typischen Geräusche der Panik. Und
genau diese Art Lärm hallte ihnen nun vom Hafen an der Brücke von
Vespasian entgegen. Wo zuvor noch heilloses Durcheinander
geherrscht hatte, wütete nun blinde Panik.
Der Engpass, der die ganze Zeit schon auf der
Brücke geherrscht hatte, verwandelte sich in einen durch nichts
mehr aufzulösenden Stau. Keiner der Karren machte Platz, keiner
wich zurück, und schon bald brachen die ersten Achsen. Dann
begannen die Menschen, geradewegs über die Wagen hinwegzuklettern,
versuchten, sich an ihnen entlangzuquetschen, und prompt fielen die
ersten von ihnen ins Wasser. Andere rannten geradewegs an den
Verunglückten vorbei, in der Annahme, dass sie allein im Süden die
erhoffte Sicherheit finden könnten.
Das Schiff, das eben noch ruhig unten am Fluss am
Kai gelegen hatte und lediglich mit immer neuem Stückgut beladen
worden war, wurde plötzlich regelrecht überschwemmt von Männern und
ihren Familien, die in rasender Angst jeglichen Gedanken an die
Rettung des Familiensilbers weit von sich stießen und nurmehr darum
kämpften, auf die Gangway zu gelangen und einen sicheren Platz an
Deck zu ergattern. Schrill hallte die Pfeife des Kapitäns über das
Boot, so laut, dass man sie sogar im hügeligen Hinterland noch
hören konnte. Sofort stürmten einige bewaffnete Männer auf das
Schiff.
Paulinus stützte sich auf seinen Sattel und fuhr
sich nachdenklich mit der Zunge über die obere Zahnreihe. Sämtliche
fünfzehn Männer seiner Leibwache bemühten sich unterdessen, bloß
nicht den Blick und damit die Aufmerksamkeit ihres Gouverneurs auf
sich zu ziehen, sondern starrten angestrengt ins Weite. Schon
zweimal - einmal in Mauretanien und davor in Parthien - hatte
Paulinus vor einer schweren Entscheidung gestanden und den ihn
begleitenden Männern die Möglichkeit geboten, einmal ihre eigene
Meinung zu dem möglichen weiteren Vorgehen kundzutun. Jene, die mit
ihren Antworten nicht das Wohlwollen des Gouverneurs trafen,
durften sich daraufhin in ihre eigenen Klingen stürzen, ehe der
Rest weiterritt, während jene, die zu lange zögerten, bevor sie
ihren Vorschlag machten, gefesselt und irgendwo angepflockt wurden,
um dann an Ort und Stelle elendig zu sterben.
Der Gouverneur ließ sein Pferd wenden.
»Plebius?«
Von Anfang an war Plebius stets rechts von seinem
General geritten. Er war ein Duplikarius der Zweiten Kohorte der
Vierzehnten Legion, der nur noch ein Auge hatte, eine natürliche
Begabung für Zahlen besaß und von geradezu krankhafter
Gewissenhaftigkeit war. Aufgrund seines körperlichen Handicaps
hatte man ihn zum Quartiermeister der kleinen Reisetruppe ernannt,
sodass er nun auch die Münzen und das Gold an seinem Körper trug,
das sie für die notwendigen Ausgaben und Bestechungsgelder auf
ihrer Reise brauchten. Mit reglosem Gesichtsausdruck dirigierte er
sein Pferd so weit von seinen Kameraden fort, dass diese ihn und
den Gouverneur nicht mehr belauschen konnten, und ließ sich dann
von Paulinus erklären, was dieser beabsichtigte.
Nachdem er seinen Befehl verstanden hatte, nickte
er einmal kurz, durchforstete seine Taschen und leerte schließlich
alles, was er fand, in seinen umgedrehten Helm. Laut klirrte Metall
auf Metall.
Suetonius Paulinus ließ sein Pferd herumwirbeln,
bis er unmittelbar jenem Halbkreis von Männern gegenüberstand, die
er sich zu seiner persönlichen Begleitung auf dieser Reise
ausgesucht hatte und deren Ansichten er angeblich so schätzte. Wie
stets verrieten seine Gesichtszüge auch jetzt nicht, was in seinem
Inneren vor sich ging. Das Blitzen in seinen Augen jedoch schien
wie fast immer unmittelbar aus Paulinus’ Seele zu sprechen. Nun
aber, unter dem kalten Wind, der vom Fluss heraufwehte, war selbst
ihr Ausdruck lediglich von wachsamem Gleichmut.
»Ihr zieht jetzt jeder einen Dinar und einen As aus
dem Helm«, befahl er.
Der Helm wurde herumgereicht. Corvus war als
Letzter dran. Wie eine kupferne Träne lag der As in dem matt
glänzenden Helm. Corvus beherrschte sich, nun nicht probehalber
einmal hineinzubeißen, um die Beschaffenheit des Metalls zu prüfen.
Der Dinar wiederum war derart auffällig mit einer silberglänzenden
Folie überzogen, dass er selbst den prüfenden Biss schon nicht mehr
wert war. Auf seiner Vorderseite war ein junger, magerer Augustus
eingeprägt, der launisch in Richtung Osten blickte. Auf der
Rückseite befand sich ein noch jüngerer, noch ausgemergelterer
Stier, der mit Girlanden geschmückt auf seine Opferung wartete.
Corvus schloss die Hand über der Münze. Der Stiergott war noch nie
sein Glücksbringer gewesen.
»Zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl«, verkündete
der Gouverneur. »Entweder wir bleiben, rufen die Bewohner dieser
Siedlung zur Verteidigung auf und hoffen dann, dass wir damit die
Brücke irgendwie halten können. Jene Brücke, die ja schließlich
unsere beste Verbindung mit dem Süden ist. Oder aber wir brechen
sofort wieder auf, reiten so schnell wir können zurück an die
Küste, nehmen ein Schiff und kehren möglichst umgehend mit den
Legionen zurück, um dem Kriegsheer der Eceni mit unserer
versammelten Streitmacht gegenüberzutreten. Jede dieser
Vorgehensweisen hat ihre Vorzüge, die ich wohl nicht extra
auszuführen brauche. Ihr streckt jetzt alle eure rechte Hand aus.
Darin hat eine Münze zu liegen. Wenn ich darum bitte, wird ein
jeder seine Hand öffnen und zeigen, für welche Münze er sich
entschieden hat. Die Silbermünze steht für die Entscheidung, zu
bleiben und die Brücke zu verteidigen. Die kupfern glänzende Münze
steht dafür, zum Schiff zurückzukehren und wieder zu unseren
Legionen zu stoßen. Bestehen noch irgendwelche Unklarheiten
darüber, welche Münze für welche Entscheidung steht?«
Natürlich gab es keinerlei Unklarheiten mehr, und
ein Mann, der sich in sein eigenes Schwert stürzte, hatte in jedem
Fall die Chance auf einen sauberen Tod. Und alle fünfzehn Männer
von Paulinus’ Reisetruppe hatten in den fast täglichen Schlachten
bereits unzählige Male ein deutlich schlimmeres Ende vor Augen
gehabt. Jeder von ihnen traf seine Entscheidung nun also ganz
allein, eben wie ein Soldat, wie ein Offizier der Legionen, wie ein
Veteran mit zwanzig Jahren Kampferfahrung, wie ein Mann, der sich
vollauf bewusst war, dass sein Leben nurmehr von seinem Talent für
taktisch kluge Entscheidungen abhing.
Corvus hatte seine Entscheidung in dieser Frage
bereits gefällt, noch ehe er die Späher entdeckt hatte. Die Dichte
des Rauchs, der mit dem Wind über das Land schwebte, hatte bereits
ausgereicht, um ihm zu verraten, wie groß das anrückende Kriegsheer
wohl ungefähr sein mochte und auch, mit welcher Geschwindigkeit der
Hafen an der Brücke von Vespasian zerschlagen werden würde.
Bedächtig legte er nun beide Hände aufeinander, und als er sie
wieder öffnete, lag in seiner rechten Handfläche die leichtere,
kleinere, heller schimmernde und erst vor kurzem gepunzte Münze, so
gewichtslos, als wäre sie gar nicht da.
Langsam ließ er den Blick einmal in der Runde
schweifen. Die anderen Männer saßen ebenso ruhig auf ihren Pferden,
die Fäuste in Richtung ihres Gouverneurs ausgestreckt.
Nur Gaius, der Fährtenleser, schien ein wenig
verunsichert. Denn natürlich konnte auch ihm nicht die Geschichte
von Suetonius Paulinus und den verurteilten Offizieren aus Parthien
entgangen sein, doch im Gegensatz zu seinen Kameraden auf dieser
Reise besaß er nicht die jahrelange Erfahrung im Dienst der
Legionen, die ihm nun verriet, dass es nur eine richtige Antwort
gab auf Paulinus’ Frage, eine Antwort, die allein der militärische
Sachverstand ihm hätte nennen können. Um zu überleben, musste er
seine Entscheidung aus dem Blickwinkel eines Mannes fällen, der
eine ganze Legion anführte oder gar eine komplette Armee. Nur mit
dieser Überlegung im Hinterkopf würde es ihm gelingen, den Respekt
seines Gouverneurs zu gewinnen. Alles andere, was zwar zuerst nach
Ruhm klingen mochte, was zugleich aber auch die Legionare töten
könnte, war in den Augen des Gouverneurs nichts anderes als reine
Speichelleckerei - Speichelleckerei oder aber der Versuch, nicht
nur den Krieg verloren zu geben, sondern dafür auch noch eine
Belobigung vom Senat zu erwarten.
Gaius konnte sich nicht entscheiden. Die Männer
warteten. Bläulich pochte das Blut durch das feine Aderngeflecht an
seinen Schläfen, die Haut matt glänzend vor Schweiß und fast ebenso
gelb wie sein Haar. Dann traf er eine Entscheidung, korrigierte
sich aber wieder und hatte damit bereits sein Todesurteil gefällt,
was ihm auch bewusst war. Seltsam verwässert schien die Sonne ihre
Strahlen auf die Männer hinabzuschicken, und dennoch war der Tag
fast unerträglich heiß. Aus dem blühenden Holunderbusch hinter
ihnen ertönte das energische Keckern einer Drossel. Und auch die
Späher der Eceni sahen dem Zeremoniell der Legionare gespannt zu,
saßen neugierig in dem hohen Gras, durch das sie auf die Römer
zugeschlichen waren.
Erst als das Schweigen so dicht schien wie
geronnene Molke, streckte auch Gaius den Arm aus und schob seine
Faust in den Kreis der Hände.
»Man zeige seine Entscheidung.«
Corvus spürte, wie sein Arm sich förmlich von ganz
allein umdrehte und er die Hand öffnete. Unmittelbar zu seiner
Rechten befand sich Ursus, und Corvus entdeckte den kupfernen
Funken in der schmutzigen Handfläche seines Gefährten, noch ehe
seine eigene Münze das Sonnenlicht einfing. Merkwürdigerweise trug
Ursus nicht sein Wolfsfell bei sich, und ohne sich dessen so recht
bewusst zu sein, grübelte Corvus im Stillen darüber nach, ob ihnen
wohl auch ohne das obligatorische stinkende Fell das Glück noch
länger hold sein würde.
Flavius, der zu Corvus’ Linker saß, öffnete seine
Hand einen winzigen Augenblick später, und auch in seiner Faust
blitzte es kupfern.
Überall um Corvus herum hielten die Männer die
kleinen, an kupferne Tränen erinnernden Münzen in der Hand,
vierzehn insgesamt. Allein Gaius präsentierte einen silbernen
Dinar.
Einer Eule gleich und ohne auch nur ein einziges
Mal zu blinzeln ließ der Gouverneur den Blick über den Kreis aus
Händen schweifen. »Man glaubt, die Brücke von Vespasian könne noch
gehalten werden?«, fragte er.
Immerhin war Gaius kein Feigling, sodass er mit
bemerkenswert fester Stimme antwortete: »Ja, ich glaube, die
Menschen dort sind noch zur Gegenwehr zu bewegen.«
»Runter vom Pferd.«
Gaius tat, was man von ihm verlangte.
»Hinknien.«
Auch dies tat er.
»Ich hatte Euch die Bürgerrechte versprochen, und
dieses Versprechen löse ich nun ein. Ihr seid Gaius Fortunatus,
Bürger von Rom und Hilfsoffizier der Legionen mit dem Rang eines
Dekurio. Euer Lohn beträgt eine Sesterze pro Tag. Doch Ihr wurdet
im Voraus bezahlt, sodass Ihr Euch das, was Ihr erhalten habt, nun
rückwirkend erst noch verdienen müsst.«
Irritiert schaute Gaius in das blasse Licht empor.
»Wie?« »Indem Ihr die Menschen an der Brücke von Vespasian zur
Gegenwehr gegen die Wilden aufrüttelt. Wie sonst? Ihr werdet jetzt
da runtermarschieren, und entweder Ihr haltet die Brücke oder ihr
sterbt bei dem Versuch, sie zu halten. Sollte mir zu Ohren kommen,
dass Ihr geflohen seid, so werde ich Euch quer durch das gesamte
Kaiserreich als Verräter ausrufen lassen und Eure Familie dafür zur
Rechenschaft ziehen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Jawohl.«
In der Tat gab es schlimmere Arten zu sterben, als
in einer Schlacht umzukommen, zumal Gaius mit diesem
selbstmörderischen Manöver sämtlichen seiner männlichen Nachkommen
bis auf Widerruf die römischen Bürgerrechte sicherte. Er wandte
sich um und betrachtete versonnen jenen Ort, an dem er schon bald
sterben würde, und Corvus hatte den Eindruck, dass das Lächeln, das
nun auf Gaius’ Gesicht erstrahlte, ein aufrichtiges Lächeln war,
das von Herzen kam. Dann entbot der Verurteilte sowohl dem Wasser
des Flusses als auch der Sonne seinen letzten Salut und richtete
schließlich noch einige Abschiedsworte an seine Kameraden, dies
alles mit einer Stimme, die so gar keine Ähnlichkeit hatte mit der
Mundart der Menschen in der Stadt am Tiber, jener Stadt, die nun
offiziell Gaius’ Heimat war.
Schweigend schauten die verbliebenen vierzehn
Männer und ihr Gouverneur zu, wie Gaius wieder auf sein Pferd stieg
und in die kleine Ortschaft ritt. Als er an den Eceni vorbeieilte,
erhoben selbst diese sich, ganz so, als ob auch sie eine gewisse
Ahnung davon bekommen hätten, was sich dort vor ihren Augen gerade
abgespielt hatte.
Suetonius Paulinus wandte sich als Erster wieder um
und warf einen scharfen Blick auf Flavius, in dessen Händen noch
immer das Wohl der Tauben lag. Dann schaute er den Zenturio der
Zwanzigsten Legion an, dem zurzeit die Aufgabe als persönlicher
Sekretär des Gouverneurs zukam, und diktierte diesem eine kurze
Nachricht an Agricola und an Galenius von der Vierzehnten Legion,
der den Oberbefehl über Mona hatte.
Die Sorgfalt, mit der Flavius seine Tauben hegte
und pflegte, war die eines Mannes, dem gerade ein neues, junges
Pferd geschenkt worden war. Zärtlich hielt Flavius die Tiere
zunächst eines nach dem anderen noch einen Augenblick zwischen
seinen beiden Händen und überprüfte, ob die kleinen
Briefbehältnisse an ihren Füßen auch wirklich fest saßen und nicht
scheuern konnten. Dann flüsterte er ihnen einige Worte zu, die aber
so leise waren, dass niemand sonst sie hören konnte, bis die Tauben
ihn mit großen, glänzenden Augen anschauten und ihm mit eifrigem
Kopfnicken zu bedeuten schienen, dass sie bereit wären.
Kraftvoll warf er sie in die Luft empor, und wie
stets nahmen die Tiere den Schwung auf, den er ihnen verliehen
hatte, breiteten ihre Schwingen aus und peitschten mit knallenden
Flügelschlägen durch die Luft, stiegen höher und höher und flogen
schließlich in gerader Linie ihrem fernen Ziel entgegen, eine nach
der anderen, bis insgesamt vier der sechs Tauben aufgestiegen
waren.
Der Gouverneur salutierte, ganz so, wie er auch vor
einem Legaten salutiert hätte, der eine Legion in eine weit
entfernte Schlacht führen würde. »Sollten die Träumer den Tauben
ihre Falken auf den Leib hetzen, lasse ich sie allesamt ans Kreuz
nageln.«
Eilig ritten sie zurück in Richtung Westen. Niemand
von ihnen verspürte das Bedürfnis hervorzuheben, dass ihr einziger
Führer, der sie noch halbwegs sicher durch dieses Gebiet hätte
geleiten können, gerade in den Tod geschickt worden war. Im Übrigen
aber waren auch die noch verbliebenen vierzehn Männer unter dem
Gouverneur jeder auf seine spezielle Art recht passable
Fährtenleser, und gemeinsam konnten sie jeden Pfad, den sie einmal
entlanggeritten waren, auch wieder zurückverfolgen. Als die Römer
an den Spähern der Eceni vorbeigaloppierten, stießen diese ihren
Schlachtruf aus, ein klagendes Heulen, das erst der eine ausstieß,
dann der zweite übernahm und schließlich der dritte, und das dann
immer so weiterging, noch lange, nachdem die Römer wieder außer
Sichtweite waren.
Als die Sonne hoch über den Köpfen der Reiter stand
und sich gen Westen neigte, ließ Paulinus sein Pferd ein wenig
zurückfallen und dirigierte es neben Corvus’ schwarzen
Hengst.
»Ihr versteht die Sprache der Wilden besser als die
meisten anderen von uns. Was hat er vorhin gesagt, ehe er zu
Vespasians Brücke hinunterritt?«
»Gaius? Das war die Sprache der Ahnen, die er da
gesprochen hat. Und er hat sein Leben und das seiner drei Söhne dem
Lugh vom Glänzenden Speer anbefohlen, dem Gott der Sonne. In den
Tagen, als die Götter noch jung waren, verspürte Lugh den Durst des
ewigen Feuers, und er kam auf die Erde hinab, um seinen Durst zu
stillen. Er leerte den Großen Fluss und legte dann seinen Kopf
nieder, um zu ruhen. Daraufhin sandten Nemain und Manannan den
Regen, damit dieser den Fluss wieder füllen möge. Der Strom schwoll
sogar so stark an, dass er über die Ufer trat, der schlafende Gott
aber wurde nicht berührt. Stattdessen wanden die Wassermassen sich
um ihn herum und ließen ihn auf seinem trockenen Ruhebett
weiterschlummern.«
»Und darum ist dieser Strom jetzt ein heiliger
Fluss? Und der Ort, um den er sich herumschlängelt und wo Vespasian
die Brücke errichten ließ, ist ein ganz besonderer Ort?«
»So ist es. Die Wilden hätten an dieser Stelle
niemals eine Brücke errichtet. Und in ihrer Sprache trägt die
Brücke auch nicht den Namen eines römischen Generals. In der
Sprache der Wilden ist dieser Ort benannt nach jenem Gott, der ihm
seinen heiligen Status verlieh, und die Ahnen nannten ihn
Lugdunum.«
Der Holunderstrauch am Fähranleger von Mona stand
in voller Blüte. Eine wahre Kaskade von cremeweißem Schaum schien
auf der zarten Brise zu tanzen, die von der See heraufstrich.
Graine nahm sich eine der Dolden, zupfte einige
Blüten heraus und aß sie, wobei sie die Pollen zuvor an ihrer
Tunika abstreifte, sodass der grüne Stoff stellenweise in ein
Smaragdgold überging. Graine rückte ein kleines Stück vor und ließ
die Beine über den Rand der Eichenbohlen baumeln, auf denen sie
gerade saß, und spürte, wie eine mächtige Woge sich erhob, um sanft
ihre Füße zu küssen. Die Flut hatte ihren Höchststand erreicht und
begrub die Überreste der Schlacht unter ihren graugrünen Wellen.
Genau an der Wasserkante marschierte ein Krieger entlang, ihm dicht
auf den Fersen ein junger Hund. Versunken in den Anblick der beiden
stellte Graine zum ersten Mal fest, wie sehr sie Stone vermisste,
seit sie ihn zurückgelassen hatte, damit er auf ihre Mutter Acht
gab.
Dann bemerkte sie, wie ein immer länger werdender
Schatten über die Klippen am Fuße des Anlegers glitt, und im Geiste
schloss sie hastig eine Wette mit sich selbst ab, zu wem dieser
Schatten wohl gehören mochte - es kamen ja nur drei Menschen in
Frage. Dies bedeutete aber zugleich, dass sie sich nicht sofort
umdrehen konnte, um zu sehen, wer es war.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
Sie verlor ihre Wette. »Natürlich.« Graine rutschte
ein Stückchen zur Seite, nur gerade so weit, um nicht unhöflich zu
erscheinen, und Luain mac Calma, der Älteste Träumer von Mona,
lüpfte seine Tunika und setzte sich neben sie, wobei auch er seine
langen dünnen Beine über den Rand des Anlegers ins Wasser baumeln
ließ.
»Was hast du gedacht, wer ich wohl sein
würde?«
»Hawk. Oder vielleicht auch Bellos. Das heißt, wenn
man mal davon absieht, dass du nicht ganz so leise gegangen bist
wie die beiden. Und als ich das feststellte, dachte ich, du
könntest vielleicht Efnís sein, der wieder zurückgekehrt wäre von
Hibernia. Hätte man mich in dem Moment gefragt, wer da wohl kommt,
hätte ich gesagt, Efnís.«
»Efnís ist in der Tat wieder von Hibernia zurück.
Ich kann ihn zu dir schicken, wenn du möchtest.«
»Ach, das muss nicht unbedingt sein. Bist du
gekommen, um dabei zuzusehen, wie die Legionen wieder abziehen? Mit
dem Gezeitenwechsel haben sie begonnen, ihre Zelte abzubrechen.
Vielleicht hat Manannan ihnen mit einer seiner großen Wogen endlich
so viel Angst eingejagt, dass sie wieder verschwinden.«
»Ich glaube, das hat eher etwas mit dieser
Brieftaube des Gouverneurs zu tun, die sogar den Gebirgsfalken
entkommen konnte und am späten Vormittag wieder in ihren Schlag
zurückgekehrt ist.« Mac Calma verschränkte die Finger beider Hände
miteinander, streckte die Arme und umfasste seinen Hinterkopf.
Seine Schultergelenke gaben ein lautes Knacken von sich, woraufhin
ein paar Vögel am Strand erschrocken in die Luft aufstiegen. »Das
Kriegsheer deiner Mutter hat sowohl den Osten als auch den Westen
in Brand gesteckt«, fuhr er fort. »Ich denke, für den Gouverneur
gibt es nun Wichtigeres als die Zerstörung Monas.«
Plötzlich schien der Tag empfindlich kühl. Graine
zog die Knie bis zur Brust hoch und zerrte ihre Tunika bis fast
über die Zehen hinunter. Die Arme um die Schienbeine geschlungen
wollte sie wissen: »Ist Mutter...?«
»Geheilt? Nun, ihre Genesung hat bereits begonnen.«
Dann schwieg Luain mac Calma, wollte Graine die Gelegenheit zu
möglichen weiteren Fragen geben. Da entdeckte sie ein
Schmutzklümpchen auf einem ihrer Zehen und rieb es mit dem
Zeigefinger fort. »Hast du den Falken befohlen, dass sie die Tauben
in Ruhe lassen sollen?«, fragte sie schließlich.
»Nein. Das beherrschen wir nun doch nicht. Aber wir
haben den Falken zwei von unseren Legehennen gegeben, um damit ihre
Jungen zu füttern, sodass die Tiere an dem
Tag, als die Tauben durch ihr Territorium flogen,
nicht auf die Jagd gehen mussten. Meistens sind die Götter zwar
gnädig und geben uns, worum wir sie bitten... manchmal aber müssen
wir auch ganz einfach unserem Verstand folgen, in der Hoffnung,
dass wir damit das Richtige tun.« Der Tonfall von mac Calmas Stimme
war zwar der gleiche geblieben, zumindest soweit Graine dies
beurteilen konnte, doch es war klar, dass sie nun nicht mehr länger
von Falken und römischen Brieftauben sprachen. »Bellos hatte mir
erzählt, dass du wieder einige Visionen gehabt hast«, wechselte er
auch prompt das Thema.
»Nein, keine echten Visionen«, widersprach
Graine.
»Denn ich hatte mich ja nicht auf irgendetwas
Bestimmtes konzentriert. Ich wusste nicht mal, dass es eine Vision
war, die ich da gerade träumte. Nur die Hasen beantworten mir meine
Fragen, wenn ich sie darum bitte.« In ihrem letzten Traum waren
zwei Hasen vorgekommen. Und beide hatten sie Graine eine vollkommen
unterschiedliche Antwort gegeben. Das allerdings hatte sie Bellos
nicht erzählt und auch nicht, wonach sie die Tiere gefragt
hatte.
»Ich danke dir dennoch für deine Bemühungen.« Mac
Calma legte sich auf den Rücken, die Arme weiter hinter dem Kopf
verschränkt.
»Werden die Menschen wieder zurück nach Mona
kommen, jetzt, da die Legionen abgezogen sind?«
»Ja, ich denke. Aber erst einmal sollten wir
beobachten, wie sich die Lage im Süden entwickelt.«
»Wird es dort eine weitere Schlacht geben?«
»Ich hoffe nicht. Denn falls es zu einem Kampf
kommen sollte, gewinnen sicher die Legionen.« Mac Calma wandte den
Kopf, um Graine anzuschauen. Da erst erkannte sie voller Entsetzen,
wie erschöpft er war, beinahe so, als ob er die bevorstehende
Schlacht bereits geschlagen hätte, und zwar ganz allein. Er war ihr
immer so stark, geradezu unverwüstlich vorgekommen, und stets mit
einer guten Prise Humor gesegnet.
Mac Calma sah, wie sie ihn musterte, und schenkte
ihr ein blasses Lächeln, ganz so, wie auch Valerius lächelte, wenn
er sich im Grunde nicht recht wohl fühlte. Mac Calma atmete tief
ein, wollte gerade etwas sagen, überlegte es sich dann aber doch
anders und erkundigte sich stattdessen: »Graine, wärst du bereit,
wieder zu deiner Mutter zurückzukehren? Ich denke, das könnte einen
bedeutenden Unterschied machen, wenn das Heer wieder gegen die
Legionen antreten muss.«
»Weil ich der Springstein bin auf dem Spielfeld des
Kriegertanzes?« Graine hasste diese Rolle, die die Götter ihr da
zugewiesen hatten. Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie
sie dieses ungute Gefühl wieder abschütteln könnte.
»Ich fürchte, ja. Aber das ist nur ein Teil jener
Überlegung, weshalb ich dich gerne wieder bei deiner Mutter sehen
würde. Der andere Teil ist, dass es der Bodicea sehr helfen würde,
wenn sie sieht, dass du wieder zu dir selbst gefunden hast. Und
weil auch du die Gewissheit brauchst, dass die Bodicea wieder im
Begriff ist zu genesen, und weil ihr euch beide braucht, um wieder
gänzlich heilen zu können. Mona hat dir alles gegeben, was diese
Insel dir nur irgend zu geben vermochte: Du kannst wieder träumen,
zumindest ein bisschen, und du kannst wieder in den Flammen lesen.
Damit ist alles erreicht, worauf wir jemals zu hoffen wagten, als
du nach Mona zurückgekehrt bist.«
Und dennoch war dies nicht das, was Graine gern
hätte hören wollen. Ihre Augen schienen zu brennen. Aber da Zorn
noch immer besser war als Kummer, besonders wenn dieser Kummer in
der Gegenwart mac Calmas über sie hereinbräche, entgegnete sie in
bissigem Ton: »Zumal ich nun ja auch kämpfen kann. Hawk hat mir
schließlich gezeigt, wie man eine Waffe führt. Das sollte man nicht
vergessen.«
Neun Tage lang hatte Hawk ihr Morgen für Morgen
seinen Kampfunterricht erteilt, während sie zugleich beobachteten,
wie die Legionen sich versammelten und ihren letzten entscheidenden
Sturm auf Mona planten und am Ende schließlich doch nicht mehr
angriffen. Und Graine kämpfte nun auch tatsächlich besser als noch
vor einiger Zeit. Dennoch würde sie auf dem Schlachtfeld niemals
mehr sein als bloß eine zusätzliche Bürde für ihre Gefährten.
Sie beobachtete, wie Luain mac Calma sich sammelte
und sich bemühte, nun nicht herablassend zu klingen oder gar
spöttisch dreinzuschauen, als er entgegnete: »Richtig, zumal du nun
ja auch kämpfen kannst.«
Damit griff er in sein Gürtelsäckchen und zog eine
kleine silberne Brosche in der Form eines Hasen hervor. Die
Silhouette war keineswegs neu. Es war der gleiche Hase, wie er
schon seit dreizehn Generationen immer wieder in die Dachbalken des
alten Rundhauses geritzt worden war. Graine hatte die Hasen einst
gezählt. Die Brosche aber, so dachte sie, würde wohl neu sein oder
war zumindest noch von niemandem getragen worden.
»Wenn ich dir die hier nun überreichen würde«,
begann Luain mac Calma, »und wenn ich dir dazu noch versprechen
würde, dass diese Brosche dich mit Mona verbinden wird, solange es
noch eine Insel Mona gibt, mit der du verbunden sein kannst,
würdest du dann wieder von hier fortgehen und die Brosche mit dir
nehmen und zu deiner Mutter zurückkehren, wo auch immer diese nun
sein mag? Deine Ehrengarde würde dich natürlich begleiten und auch
Bellos, glaube ich, würde mit dir kommen. Und vielleicht sogar
Efnís, sofern er nicht der Ansicht sein sollte, dass man ihn hier
dringender braucht. - Warum lächelst du?«
Graine erhob sich und schüttelte den Kopf. Der
Gedanke an Hawk, Dubornos und Gunovar als ihre Ehrengarde war
einfach zum Schreien komisch - oder auch todtraurig, je nachdem,
aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtete. Aber Graine wagte es
nicht, nun allzu genau darüber nachzugrübeln, welcher Blickwinkel
wohl der richtige war.
Und letztendlich wäre sie ohnehin bald wieder von
Mona fortgegangen, auch ohne die silberne Hasenbrosche und die
beiden verwundeten Krieger. Doch da Luain mac Calma ihr das
Schmuckstück nun anbot, nahm sie es an und steckte es links an
ihrer Tunika auf Schulterhöhe fest. Dort konnte der Hase rennen,
wie auch die Hasen in ihrem Traum gerannt waren und ihr dennoch
nicht ihre Fragen beantwortet hatten.