VI
»Es interessiert mich nicht, ob die Fundamente
deiner Meinung nach bis auf den Grund des Ozeans reichen müssten.
Oder von mir aus sogar noch tiefer. Und es ist mir auch egal, ob du
jeden gottverdammten Stein einzeln von Iberien aus per Schiff
hertransportieren lassen musst. Du wirst jetzt genau hier und an
dieser Stelle die Bäder errichten. Und sorg gefälligst dafür, dass
sie nicht gleich bei der ersten Berührung mit den Winterstürmen
wieder ins Meer absacken! Habe ich mich klar genug
ausgedrückt?«
Es war kurz nach Mittag, der Himmel über der
Festung der Neunten Legion war so grau wie sonst nur zur
Abenddämmerung, und von der See her wehte unablässig ein schneidend
kalter Ostwind. Er schmeckte nach Salz und schlug unerbittlich
seine Zähne in das Gesicht von Petillius Cerialis, dem Legaten der
Neunten Legio Hispana. Doch auch der zitternde, blaulippige
iberische Steinmetzmeister, der bis zu den Fußknöcheln im
Sickerwasser stehend in einem Graben ausharren musste, wurde nicht
von den eisigen Böen verschont. Ebenso wenig wie die fünf
bewaffneten Legionare, die hinter Petillius Cerialis Aufstellung
genommen hatten, bereit, ihren General jederzeit und gegen jegliche
Gefahr zu verteidigen - ausgenommen das Wetter, durchlässige
Fundamente und die Unnachgiebigkeit des einzigen Steinmetzmeisters
dieser Provinz. Wobei es durchaus fraglich war, ob tatsächlich
Unnachgiebigkeit den Steinmetz an die Grenzen zur
Befehlsverweigerung trieb, oder ob dieser nicht einfach bloß einen
besonders hartnäckig ausgeprägten gesunden Menschenverstand
besaß.
Zu Cerialis’ Linker lag die Winterfestung der
ersten drei Kohorten der Neunten Legion. Sie war ganz gezielt am
nördlichen Ende jener uralten Handelsroute errichtet worden, die
unter den örtlichen Stämmen nur als der Pfad der Ahnen bekannt war.
Denn mit diesem Bau wollten die Römer sich eine der eher seltenen
Bodenerhebungen in dem flachen Land nördlich der Meerenge zunutze
machen. Die Gebäude reihten sich folglich quer über den gesamten
flachen Hügelkamm, und man hatte ihre Etagen so weit in die Höhe
getrieben, wie es nur irgend möglich gewesen war. Die Wachtürme der
Festung boten nun natürlich den Vorteil, dass man von ihnen aus
ohne weitere Hindernisse den Blick über die komplette Meerenge
schweifen lassen konnte. Leider jedoch ging mit dieser
hervorragenden Aussicht auch eine recht exponierte Lage gegenüber
der Witterung einher, was die Bewohner der Festung besonders dann
zu spüren bekamen, wenn es den Götter wieder einmal gefiel, ihre
Sturmwinde gegen die Küste zu schicken.
An diesem Tage aber, als Cerialis beschloss, den
Bau der Bäder für seine Soldaten anzuordnen, hielten die Stürme
sich noch fern, und nur der in dieser Gegend übliche, messerscharfe
Seewind war zu spüren. Auf der für die Lastkarren angelegten Straße
unterhalb der Festung hatte der Handelsverkehr begonnen, und auch
in den Salzpfannen im Norden wurde eifrig gearbeitet, während unten
im Hafen ein gerade erst eingelaufenes Boot von einem Schwarm Möwen
regelrecht attackiert wurde.
Die Antwort des Steinmetzes auf den Befehl von
Cerialis verlor sich in dem hungrigen Geschrei der Vögel - rein und
scheinbar völlig ungedämpft trug der Wind ihre Klagelaute an Land.
Wer den Handwerksmeister beobachtete, sah also nur, wie der Mann
den Mund abwechselnd öffnete und wieder schloss und dabei heftig
den Kopf schüttelte. In verzweifelter Geste warf er schließlich die
Hände in die Luft, hob ratlos die Augenbrauen und versuchte, dem
Legaten mit unhörbaren Worten die Regeln der Baukunst und die
Besonderheiten der Fundamente des Badehauses zu erläutern. Dann,
endlich, gab er auf. Und dies nicht etwa wegen der Möwen, des
Windes oder dem zunehmend frustrierten Ausdruck auf Cerialis’
Gesicht, sondern wegen des hämmernden Hufschlags, der plötzlich
über den steinernen Belag der Handelsstraße hallte. Noch während
der Steinmetz die Arme wieder sinken ließ und sich gemeinsam mit
den anderen nach Süden umwandte, um sehen zu können, wer da auf die
Festung zugeeilt kann, wurde deutlich, dass das donnernde Stampfen
von zwei Kavalleriepferden herrührte. Man hatte sie bereits weit
über ihre Belastungsgrenze hinausgetrieben, und nun erklommen sie
mit letzter Kraft den flachen Erdhügel, der zur Festung
hinaufführte. Schließlich ertönte jenes charakteristische helle
Klirren eines Kettenhemds, wie es zumeist dann zu hören war, wenn
nicht nur das Pferd sondern auch der Reiter sich restlos verausgabt
hatten und Letzterer beim Absteigen unsanft zu Boden fiel, weil
seine Beine ihn einfach nicht mehr trugen. Mit dem Gesicht voran
sank der Mann zu Füßen seines Legaten nieder.
Beziehungsweise, wenn man es genau nehmen wollte,
so war es eben gerade nicht sein Legat, vor dem der Kurier
der Länge nach ausgestreckt auf dem Boden lag - der Reiter war
nämlich keiner der Soldaten der Neunten Legion. Langsam kletterte
der Steinmetz wieder aus dem mit Wasser gefüllten Graben heraus.
Das völlig erschöpfte Tier des Ankömmlings stand unmittelbar über
dem Iberer, und seine Flanken hoben und senkten sich unter heftigem
Keuchen. Da erkannte der Handwerksmeister auf dem Zaumzeug und auf
der Satteldecke des Pferdes den ziegenköpfigen Fisch, das Zeichen
der Zwanzigsten Legion. Kurz darauf schweifte sein Blick weiter zu
dem von einem makellosen Kreis umrahmten Elefanten, das persönliche
Siegel des Gouverneurs von Britannien, welches auf der Tasche
prangte, die nun mitten im üppigen Gras des Festungshügels lag.
Offenbar war das Siegel unter der Wucht, mit der der Bote zu Boden
gestürzt war, zerbrochen.
Das Möwengeschrei war nicht mehr ganz so gellend
wie zuvor, denn die Vögel hatten sich an die Verfolgung eines in
See stechenden Bootes gemacht und ließen nun andere in den
zweifelhaften Genuss ihres Lärms kommen. Der Begleiter des Kuriers,
ein rotschöpfiger Kavallerist, schaffte es unterdessen immerhin,
noch vergleichsweise elegant von seinem Tier abzusitzen, und bezog
nun Posten hinter seinem kraftlos auf dem Boden liegenden
Kameraden. Langsam schien sich wieder die Ruhe über das Land zu
legen.
Petillius Cerialis, Legat der Neunten Legion, sog
tief die solehaltige Luft in seine Lungen, senkte den Blick und
fragte: »Würdest du bitte so freundlich sein, aufzustehen und mir
deine Nachricht auszuhändigen? Natürlich nur, falls du nicht gerade
verstorben sein solltest.«
Das Gesicht ins nasse Gras gepresst, musste
Valerius feststellen, dass er wirklich restlos erschöpft war.
Zumindest im Augenblick konnte er also tatsächlich nicht aufstehen.
Eine Art dunkler Tunnel schien an seinem Zwerchfell zu saugen, und
nur ganz vage konnte er Longinus’ Stimme hören, der nachdenklich
auf Thrakisch erklärte: »Du hast das Pferd vollkommen zuschanden
geritten.«
Es war wahrhaftig nicht Valerius’ Absicht gewesen,
ausgerechnet Longinus zum Wegbegleiter zu haben. Genau genommen
hatte er dem ehemaligen Kavalleristen sogar ganz bewusst so viele
Pflichten auferlegt, dass dieser die Siedlung theoretisch gar nicht
mehr hätte verlassen dürfen und quasi Tag und Nacht die
Marschrouten von Camulodunum im Auge hätte behalten müssen. Jene
Routen, über die früher oder später eine recht verzweifelte Kohorte
von Veteranen marschieren sollte. Als Valerius auf seinem Ritt
hinauf zur Festung der Neunten Legion dann irgendwann hörte, wie
ihm ein Pferd folgte, hatte es folglich zunächst eine ganze Weile
gedauert, ehe ihm einfiel, dass sein Verfolger wohl Longinus
Sdapeze sein musste.
Nachdem Valerius das fremde Pferd bemerkt hatte,
hatte er seinen rotgrauen Wallach - das ehemalige Tier des
getöteten römischen Melders - vom Pfad heruntergelenkt und
gewartet. Und gewartet. Bis schließlich das Pferd seines Verfolgers
reiterlos und im gestreckten Galopp an ihm vorbeipreschte. Dann,
endlich, war er sich sicher gewesen und hatte laut gerufen:
»Longinus Sdapeze! Es ist doch erst weniger als sechs Monate her,
seit du mit gebrochenem Schädel und halbtot auf deinem Lager
gelegen hast. Und wir wissen beide, dass das allein meine Schuld
war. Es ist somit meine durch Eid beschworene Pflicht, dich fortan
von weiterem Unheil fernzuhalten. Du wirst mich also nicht zur
Festung der Neunten Legion begleiten.«
»Dann würde ich gerne mal wissen, wie du mich davon
abhalten willst«, hatte Longinus von einer Stelle irgendwo hinter
Valerius’ linker Schulter erwidert. »Zumal du es doch warst, der
deiner Schwester erklärte, dass die Reise ganz bestimmt vollkommen
gefahrlos wäre. Also, wenn die Legionare der Neunten sich schon
nicht an einen Dekurio der Thrakischen Kavallerie erinnern, warum
sollte ihnen dann ausgerechnet dessen Gefolgsmann im Gedächtnis
geblieben sein?«
Leicht verzweifelt hatte Valerius entgegnet: »Sie
denken, du wärst tot. Die Veteranen der Zwanzigsten haben sogar
Geld gesammelt, um dir einen angemessenen Gedenkstein errichten zu
können. So etwas spricht sich herum.«
»Dann heben wir doch einfach einen gehörigen Becher
Wein auf die Inkompetenz sämtlicher kaiserlicher Schreiberlinge und
feiern die Tatsache, dass ich sehr wohl noch am Leben bin. Im
Übrigen bin ja auch nicht ich derjenige von uns beiden, den man
wegen Hochverrats angeklagt hat. Und da du offensichtlich dennoch
der Ansicht bist, dass dir keinerlei Gefahr droht, habe ich wohl
erst recht nichts zu befürchten.«
Mit diesen Worten war Longinus aus dem
frühlingshaft sprießenden Gestrüpp am Wegesrand hervorgekommen.
Anschließend hatte er einen kurzen Pfiff ausgestoßen, und das
Pferd, das mittlerweile stehen geblieben war, war zu ihm
zurückgetrottet. Geschickt hatte Longinus sich wieder auf den
Rücken seines Tieres geschwungen, während ein Grinsen um seine
Lippen spielte. Dann hatte er einen kurzen Augenblick innegehalten
und erklärt: »Oder sind deine Götter etwa der Ansicht, dass dir auf
deiner Mission irgendwelche Gefahren drohen?«
»Nein. Zumindest so lange nicht, wie ich nicht den
Mut verliere.«
»Und nun meinst du, dass ausgerechnet ich deinen
Mut untergraben würde?«
»Nein. Niemals.«
»Gut.« Für einen winzigen Moment war Longinus’
Grinsen nichts als das aufrichtige Lachen eines vertrauten
Kameraden gewesen, frei von jener sonst so überzogenen Komik, mit
der er für gewöhnlich der Gefahr zu begegnen versuchte. »Dann
bleibt uns also noch eine gewisse Zeit zu zweit, ehe der wahre
Krieg beginnt. Außerdem habe ich, genauso wie du, ja schließlich
auch noch so manche Bewährungsprobe zu bestehen, ehe das Kriegsheer
deiner Schwester mir endlich glaubt, dass ich mich nun endgültig
ihren Reihen angeschlossen habe.«
Damit hatte er sein Pferd herumgezogen und in
fröhlichem Tonfall erklärt: »Und überhaupt sind diese Pferde doch
viel zu kostbar, um sie einfach verkommen zu lassen. Wenn ich dich
jetzt also mit dem Rotschimmel einfach von dannen ziehen ließe,
würdest du das Tier doch irgendwann an die barbarischen Bataver
weiterreichen. Und die bräuchten dann garantiert nicht länger als
einen einzigen Monat, um dem armen Tier mit ihrem rücksichtslosen
Reitstil die Sehnen zu ruinieren. Du brauchst mich also, damit ich
für dich auf das Pferd aufpasse, damit du wiederum ein vernünftiges
Reittier hast, auf dem du den Rückweg antreten kannst.«
Im Stillen hatte Valerius sich im Verlauf des Ritts
gen Norden dann natürlich eingestehen müssen, dass auch er lieber
in Gesellschaft reiste. Speziell in der Gesellschaft von Longinus
Sdapeze.
Nun lag Valerius kraftlos ausgestreckt zu Füßen
des Legaten im feuchten Gras und dachte nicht zum ersten Mal, dass
er als Einziger aus dem engsten Kreis seiner Schwester keinerlei
Ehrengarde besaß, die sich im Kampf um ihn scharen und ihn
verteidigen würde. Doch wenn er es sich genau überlegte, so wollte
er auch gar keine Ehrengarde.
Die feste und unverbrüchliche Freundschaft mit
Longinus hingegen war ein Geschenk der Götter. Ein Geschenk, das er
sehr wohl zu schätzen wusste, und dies nicht nur wegen Longinus’
unerschütterlich humorvoller Sichtweise selbst der schrecklichsten
Dinge.
Um das Pferd hingegen war es natürlich
jammerschade.
Endlich, Valerius empfand dies regelrecht als
Wohltat, konnte er wieder einigermaßen atmen. Er wartete noch
einige Herzschläge lang, dann stützte er die Handflächen auf den
grasbewachsenen Boden und stemmte sich mühsam hoch. Das leichte
Schwanken, das seinen Körper taumeln ließ, war keineswegs nur
gespielt, und über die Knöchel seiner Hand verlief eine blutige
Wunde, ganz so, als ob ihn dort ein Schwert gestreift hätte. Sogar
sein Gesicht war mit Blutergüssen übersät, wie sie wohl entstehen
mochten, wenn man von seinem Pferd stürzte und auf steinigem Boden
landete oder aber einen leichten Schlag mit einem Knüppel versetzt
bekam. Cygfa war es gewesen, die ihm diese Verletzungen beigebracht
hatte. Sie war dabei zwar nicht direkt grob vorgegangen, aber
vielleicht hatte in ihren Hieben doch etwas mehr Enthusiasmus
gelegen, als nötig gewesen wäre.
Doch da der Legat Valerius’ Verletzungen mit keinem
Wort erwähnte, sprach auch Valerius nicht darüber. Stattdessen
wollte er gerade die Tasche mit dem Sendschreiben und dem
zerbrochenen Siegel des Gouverneurs aus dem nassen Gras aufheben,
das Schriftstück entrollen und die Nachricht laut vorlesen, als
sein Blick plötzlich auf den Steinmetz und das undichte Fundament
fiel, neben dem dieser stand.
Mit einem Mal kam Valerius eine Idee; er kniete
sich nieder, grub seine Finger in den Boden und testete die
Beschaffenheit des Erdreichs, indem er es zwischen den
Fingerspitzen zerrieb. Dann erhob er sich wieder und erklärte: »Auf
dem Boden hier wird man niemals ein Badehaus errichten können. Die
Erde enthält viel zu viel Sand, als dass sie fest genug wäre, um
ein Fundament zu tragen. Unter einigen dieser Hügel könnte auch
Kalk verborgen liegen, und unter dem etwas höher gelegenen Gelände
weiter landeinwärts findet man vielleicht sogar Lehm. Dem Steinmetz
dürften diese Informationen sicherlich sehr nützlich sein.«
Mit ausdruckslosem Gesichtsausdruck starrte der
Legat Valerius an. »Dann bist du also schon einmal hier
gewesen?«
»Nein. Aber ich war dabei, als die Bäder in
Camulodunum gebaut wurden. Das war gleich im ersten Jahr nach der
Invasion. Und das Land bei Camulodunum ist diesem hier in vieler
Hinsicht ähnlich.«
»Ich verstehe. Du bist also quasi einer der
Alteingesessenen hier, während ich erst kaum mehr als zehn Monate
in diesem Land verbringen durfte. Wie dumm von mir, dass ich das
nicht sofort erkannt habe und gebührend zu würdigen wusste. In
jedem Fall dienst du nun als Kurier. Was bist du denn vorher
gewesen, ein Zenturio?«
»Fast.« Valerius erlaubte sich ein schwaches
Lächeln. »Ein Dekurio. Und ich bin stets im Korps der Kavallerie
geritten. Ich habe unter Quintus Valerius Corvus in der Fünften
Gallischen Legion gedient.«
»Tatsächlich? Von dem habe ich schon gehört. Ihm
eilt der Ruf voraus, außergewöhnlich tapfer zu sein.« Um das Weiß
der Augäpfel des Legaten schloss sich ein gelblicher Ring, ganz so,
als ob dessen Leber schon seit Jahren gegen die außergewöhnliche
Schärfe seines Intellekts rebellierte. Er tippte mit dem
Zeigefinger leicht gegen seine Schneidezähne und fragte
argwöhnisch: »Für jemanden, der früher einmal einen so bedeutenden
Posten innehatte, bist du aber ganz schön tief gesunken. Gab es
denn keine anderen Legionare in unserer Provinz, vielleicht welche
mit einem etwas niedrigeren Dienstgrad, um zwischen zwei
befehlshabenden Offizieren eine einfache Nachricht zu übermitteln?
Noch dazu in Friedenszeiten.«
Valerius nahm die Kuriertasche mit der Nachricht
vom Boden auf. Seine Fingerspitzen glitten über die Kontur des
Elefanten, der das Symbol von Britanniens Gouverneur war, seit
Claudius erstmals auf seinem Elefanten durch die geöffneten Tore
von Camulodunum geritten war.
Dann, als Valerius den Blick endlich wieder hob,
war selbst der Legat erschrocken über den verhärmten, ermatteten
Ausdruck in den Augen des Kuriers. »Doch, die gab es. Nur ist von
denen leider keiner mehr am Leben. Vor mir waren bereits fünf
andere Melder losgeschickt worden. Und allem Anschein nach hat
keiner von ihnen es geschafft, zu Euch durchzukommen - oder seid
Ihr etwa bereits darüber unterrichtet, dass man überall in den
Ländern der Eceni den Aufstand probt?«
Der Steinmetz atmete auf. Nun würde der Legat
sicherlich erst einmal wichtigere Dinge zu erörtern haben als den
Bau des Badehauses. Gleichzeitig jedoch unterdrückte der
Handwerksmeister auch einen herzhaften Fluch und spie im Geiste auf
sein unglückseliges Schicksal. Jenes Schicksal, das ihn
fortgerissen hatte aus der Sicherheit und den lauen Winden Roms und
ihn zu seinem undankbaren Dasein in einem Land verdammt hatte, in
dem die Wilden sich noch immer standhaft der Zivilisation zu
widersetzen versuchten und die Generäle der römischen Armee
weiterhin glaubten, durch ihre Opfer im Krieg zu Ruhm und Ehre zu
gelangen.
Es war ja schließlich kein Geheimnis, dass
Petillius Cerialis, Legat der Neunten Legion, sich geradezu danach
verzehrte, endlich in die Kampfhandlungen mit einbezogen zu
werden.
Er war es restlos leid, keine gewichtigeren
Aufgaben zu haben, als einen kleinen Handelshafen, eine
Handelsstraße und die Salzpfannen im östlichen Britannien gegen
eine Gruppe von friedfertigen Vasallenstämmen zu verteidigen, die
keine schwereren Vergehen wagten, als den Nachbarn hin und wieder
ein Schaf zu stehlen.
Fest ruhte Cerialis’ Blick auf Valerius. Der
Ausdruck in den Augen des Legaten wurde seltsam starr. »Und dennoch
bist du am Leben«, sprach er in gedehntem Tonfall. »Was ja, für
sich allein betrachtet, wahrscheinlich bereits eine kleine
Errungenschaft ist.«
Der Wind wehte geradewegs vom Meer herüber, und
seine Böen waren kalt, feucht und schwer von salziger Gischt. Auf
der Handelsstraße hielt ein Fuhrmann, um einige kurze Worte mit
einem der Fischer zu wechseln. Dann schnalzte er mit den Zügeln,
und seine Pferde trotteten weiter in Richtung Süden.
Der Legat beobachtete, wie der Wagen langsam wieder
anzog, und erklärte schließlich nachdenklich: »Mein Waffenmeister
kauft regelmäßig Eisen von diesem Mann. Vielleicht könnte es von
Nutzen sein, ihm zu sagen, dass die Eceni den Frieden gebrochen
haben.« Damit wandte er sich zu dem rothaarigen Kavalleristen um.
»Und du bist?«
»Longinus Sdapeze, Dekurio der Ersten Thrakischen
Kavallerie.«
Cerialis nickte. »Gut. Du reitest die Handelsstraße
hinab und erzählst dem Eisenhändler, dass er nicht eher
weiterfahren soll, als bis wir ihm eine Eskorte zur Seite stellen.
Wenn du das erledigt hast, kümmere dich um eure beiden Pferde und
mach dich bereit, gleich darauf wieder loszureiten. Wir werden noch
heute aufbrechen, um in den Ländern des Ostens wieder die
kaiserliche Gerechtigkeit zu etablieren.«
Longinus ließ sein Pferd in Richtung der
Handelsroute wenden. Dann beugte er sich vor, streichelte dem Tier
mit der Hand über den schweißnassen Hals und sprach schließlich auf
Thrakisch und mit dem schmeichelnden Tonfall eines Mannes, der sein
Tier um eine letzte, kurze Anstrengung bat: »Da kommt ein Mann auf
einem auffälligen kastanienbraunen Kavalleriepferd auf uns
zugeritten. Für meinen Geschmack hängt da viel zu viel Silber an
dessen Zaumzeug. Und er scheint dich zu kennen. Wenn du Hilfe
brauchst, dann ruf einfach. Ich werde es hören. Bestimmt.«
Longinus war noch nie vor einem Kampf
zurückgescheut. Forsch wandte er sich noch einmal im Sattel um, um
Valerius seinen Gruß zu entbieten. In seinen gelblichen Falkenaugen
lag ein vager, warnender Ausdruck. Vor allem aber blitzten sie
bereits vor Vorfreude auf die nun vielleicht bevorstehende
Auseinandersetzung. Dann, noch ehe Valerius Zeit gehabt hatte,
etwas zu erwidern, trieb Longinus mit einem selbstsicheren Grinsen
sein Pferd den Hügel hinab und auf den Handelsweg zu.
Ich habe nicht die Absicht zu sterben, das
schwöre ich...
Valerius hatte Breaca dieses Versprechen in
vollkommener Aufrichtigkeit gegeben. Doch leider hatte er in seine
Kalkulation der eventuellen Risiken nicht die batavischen
Kavalleristen mit einbezogen, die ebenfalls in der Festung der
Neunten Legion stationiert waren. Valerius war nämlich davon
ausgegangen, dass von denen ohnehin keiner mehr am Leben sein würde
und ihn womöglich wiedererkennen könnte.
Es war nun schon mehr als zwanzig Jahre her, seit
er gemeinsam mit den Eingeborenenstämmen an den Ufern des Rheins
seine militärische Ausbildung durchlaufen hatte. Er hatte jedoch
noch gut in Erinnerung, dass von all denjenigen, die für Rom
kämpften, die Bataver sich stets mit der größten Inbrunst in eine
Schlacht zu stürzen pflegten und selbst vor den gefährlichsten
Auseinandersetzungen keinerlei Angst zeigten. Im Gegenteil, die
Bataver schienen untereinander sogar regelrecht darum zu
wetteifern, wer die mutigsten und aufopferungsvollsten Heldentaten
wagte, um sich so - vorzugsweise posthum - einen Platz in den Sagen
zu sichern, die man sich im Winter am Feuer erzählte. Die Aussicht,
als betagter Mann zu sterben, war für einen Bataver grundsätzlich
ein Gräuel, und die überwiegende Mehrheit schaffte es denn auch,
diesem peinlichen Schicksal um mehr als zwei Jahrzehnte
zuvorzukommen.
Aus Longinus’ Sicht war ein Ritt in den Norden und
mitten in ein Land hinein, das von einem Kavallerieflügel
kontrolliert wurde, der Valerius einst wohlvertraut gewesen war,
also genau jene Art von abschätzbarem Wagnis, auf dessen Ausgang er
nur allzu gerne einen seiner hart umfeilschten Wetteinsätze gesetzt
hätte. Und Valerius hätte diese Wette natürlich gut gelaunt und mit
der sicheren Gewissheit im Herzen angenommen, dass er zweifellos
gewinnen würde.
Doch diesmal hätte Valerius verloren. Denn Julius
Civilis, auf Anordnung von Kaiser Caligula zum Staatsbürger des
römischen Reichs ernannt, hatte bislang noch sämtliche Schlachten
lebend überstanden und ertrug den Fluch des hohen Alters inzwischen
mit bemerkenswert würdevoller Haltung.
Durchgerüttelt von einem Wind, der keinerlei
Respekt besaß vor Rang oder Ehre, ritt er in aufrechter Haltung den
Hügel empor und geradewegs auf den Legaten und dessen neuesten
Besucher zu. Es war unmöglich, ihn nicht wiederzuerkennen, egal,
wie sehr die Sonne ihm auch das Haar gebleicht und der Wind ihm die
Haut mit feinen Rissen durchfurcht haben mochte.
Valerius war zwar keineswegs so erschöpft, wie er
vorgegeben hatte, aber er war wiederum auch nicht mehr in jener
ausgeruhten Kampfbereitschaft, in der er nun gerne gewesen wäre.
Ruhig stand er neben seinem Pferd und beobachtete, wie der Bataver
langsam auf ihn zugeritten kam, jener Mann, der Valerius einst als
seinen Bruder und Sohn seiner Seele betitelt hatte.
Nur ein winziger Augenblick war nötig, um die
verschiedenen Quellen der nun drohenden Gefahr auszumachen und sie
im Geiste in die, zumindest nach Valerius’ Einschätzung, richtige
Reihenfolge zu ordnen.
Seine erste Sorge galt Longinus. Der Thraker war
inzwischen fast am Fuße des kleinen Hügels angelangt und hatte dem
Eisenhändler bereits zugerufen, stehen zu bleiben. Longinus befand
sich somit außerhalb der unmittelbaren Reichweite der Männer auf
dem Festungshügel, und sein Pferd besaß noch immer genügend Elan,
um seinen Reiter im Zweifelsfall in den Wald und in die Sicherheit
der Bäume zu tragen.
Und was diejenigen betraf, die Valerius - und damit
indirekt auch dem Vorhaben seiner Schwester - gefährlich werden
könnten, so waren wohl zunächst die Legionssoldaten zu nennen, die
die Leibwache des Legaten bildeten. Doch sie waren allesamt noch
jung und augenscheinlich gelangweilt. Das Einzige, worum sie sich
zu sorgen schienen, war offenbar das stürmische Wetter und die
gänzlich unerwartete Aussicht auf einen langen Marsch den
Steinernen Pfad der Ahnen hinab, an dessen Ende dann auch noch ein
Gefecht auf sie wartete. Einen Angriff von diesem Kurier, der da
gerade die Anhöhe heraufgeritten kam, schienen sie jedenfalls nicht
in Betracht zu ziehen. Zum Schutz vor dem Wind hatten sie die
Schultern hochgezogen, und aus ihren Nasen tropfte ungehindert der
Schleim.
Von dem Steinmetz wiederum dürfte wohl überhaupt
keine Gefahr für Valerius ausgehen, womit schließlich nur noch der
Legat übrig blieb. Cerialis stand dicht genug vor Valerius, dass
Letzterer den Unterfeldherrn ohne größere Schwierigkeiten hätte
töten können, zumal dieser seiner eigenen Ermordung unbewusst auch
noch Vorschub leistete: Sein Schwert steckte fest in der Scheide,
damit der Legat bequem sein Pferd besteigen konnte - andererseits
jedoch ließ die Waffe sich damit nicht ohne Weiteres ziehen. Und
außerdem weilte Petillius Cerialis, ganz anders als seine
Legionare, in Gedanken bereits überwiegend bei den Ehrungen, die
man ihm später sicherlich für sein mutiges Handeln in der Schlacht
überreichen würde. Doch auch die Planung, die dieser Würdigung
seiner Dienste erst einmal vorausgehen müsste, beschäftigte ihn
schon.
Der kleine, noch verbliebene Rest von Cerialis’
Aufmerksamkeit ruhte allein auf Civilis. Der Gesichtsausdruck des
Legaten war milder geworden, als ob der ankommende Reiter ein
entfernter Großvater sei, an den der Unterfeldherr sich noch immer
voller Liebe erinnerte.
Valerius, dem in diesem Augenblick niemand mehr
sonderlich viel Beachtung zu schenken schien, testete unterdessen
die Nachgiebigkeit des Bodens unter seinen Füßen. Der feine
Salzgeruch, der in der Luft hing, schien mit einem Mal eine Nuance
schärfer als zuvor, und die über den Himmel jagenden Wolken wirkten
noch voluminöser und intensiver getönt. Die Ironie der Situation
war Valerius wohl bewusst: Die Welt sah stets dann am
eindrucksvollsten aus, wenn der Tod am nächsten war. Sein Leben
lang hatte der jüngere Bruder der Bodicea immer wieder den Wunsch
verspürt, sterben zu dürfen. Und ganz ähnlich den Batavern hatte er
sich stets mitten in das Herz ungezählter Schlachten gestürzt,
hatte getötet und getötet und jedes Mal wieder aufs Neue beklagt,
dass er lebend daraus entkommen war. Erst vor kurzem war ihm
bewusst geworden, wie verzweifelt er doch im Grunde am Leben hing,
und in der knappen Zeit, die seit seiner Rückkehr zu den Eceni
vergangen war, hatte er auch begriffen, wie dringend man gerade ihn
dort brauchte, sodass Valerius zu der Erkenntnis gelangt war, dass
er geradezu die Pflicht besaß, am Leben zu bleiben. Und genau diese
Pflicht band ihn noch wesentlich fester an das Leben, als seine
eigenen Wünsche und Bedürfnisse es vermocht hätten.
Doch gerade derjenige, der mit Leib und Seele leben
will, muss alle Angst vor dem Tod verbannen. Diese Lektion hatte er
schon vor langer Zeit gelernt, damals, als Civilis’ Haar noch von
der Farbe blassen Goldes gewesen war und die Sonne sein Gesicht mit
Sommersprossen statt mit Falten gesegnet hatte.
Nun war der alte Kavallerist bis fast zu ihm
heraufgeritten, und die Last der Jahre zeigte sich noch deutlicher
als bei Valerius’ und Civilis’ letzter Begegnung. Im Übrigen waren
auch die Anstrengungen, die dieser unternahm, um sein Alter zu
überspielen, nicht zu übersehen. Sein Haar hatte keinerlei
Ähnlichkeit mehr mit flüssigem Gold, sondern war mittlerweile so
weiß wie Eis. Und gegen sämtliche römischen Gesetze hatte er es an
seiner rechten Schläfe zu einem Kriegerknoten geschlungen, unter
dem wiederum bis hinunter zu seinem Kinn die zahlreichen, mit
Silber überzogenen Zähne seiner getöteten Feinde baumelten. Seine
Hände waren zu Klauen verkrümmt und ruhten auf dem Knauf seines
Sattels. Die Kälte und nicht weniger als fünfundsechzig Winter, die
er nun schon auf dem Rücken eines Pferdes verbracht hatte, hatten
seine Fingerknöchel mit feinen Haarrissen durchzogen und
anschwellen lassen. Es tat ihm offenbar weh, die Zügel seines
Tieres zu halten, und nicht etwa die Kraft seiner Hände, sondern
allein die vielen Übungsstunden, deren Lektionen dem Pferd in
Fleisch und Blut übergegangen waren, erlaubten es Civilis, auch
weiterhin als ein guter und sicherer Reiter zu erscheinen.
Die Jahre, die vergangen waren, hatten den
Kavalleristen so sehr verändert, dass er fast schon nicht mehr
wiederzuerkennen war. Somit bestand zumindest die vage Hoffnung,
dass auch Valerius nicht mehr aussah wie zu Zeiten seines Dienstes
im römischen Heer. Selbst Breaca hatte ihn einmal nicht sofort
erkannt. Womöglich würde anderen ja der gleiche Fehler
unterlaufen.
Dann, wenngleich mit einiger Verzögerung, erinnerte
Valerius sich wieder an die Rolle, der er sich verschrieben hatte,
und an die Lüge, die es nun möglichst überzeugend zu vermitteln
galt. Bedächtig öffnete Valerius die Kuriertasche in seiner Hand.
Mit etwas lauterer Stimme, als eigentlich nötig gewesen wäre,
wandte er sich an den Legaten und erklärte: »Auf diesem Pergament
befindet sich die komplette schriftliche Nachricht aus Camulodunum.
Möchtet Ihr, dass ich sie nun verlese?«
»Später.« Mit wegwerfender Geste ließ Petillius
Cerialis die Finger durch die Luft kreisen und deutete dann auf den
heranreitenden Kavalleristen. Mit einem Feingefühl, das ganz im
Gegensatz zu seinem bisherigen Auftreten zu stehen schien, erklärte
er: »Julius Civilis ist zwar bereits aus den Diensten für den
Kaiser ausgeschieden, aber er ist und bleibt unser bester
Pferdekundiger. Und er genießt auch noch immer den Respekt und die
Treueschwüre seiner Stammesangehörigen. Sollte er dir also
irgendwelche Kräuter oder einen warmen Breiumschlag für eure Pferde
empfehlen, dann solltest du seinem Ratschlag besser Folge
leisten.«
Valerius verbeugte sich. »Sämtliche Legionen kennen
seinen Namen. Und die fürsorglichen Gefühle, die Ihr für ihn hegt,
gereichen euch beiden zur Ehre. Nicht einmal im Traum würde ich
daran denken, seine Empfehlung auszuschlagen.«
Damit wandte er sich um und salutierte vor dem
ankommenden Reiter. Plötzlich glaubte Valerius, Blut auf der Zunge
zu schmecken, und er fühlte, wie er von den ersten Anfängen des
Kampffiebers erfasst wurde - ein nur allzu willkommener Freund.
Leise hallte die Verheißung von Kampf und Gewalt in seinem
Hinterkopf wider, und ein angenehmes Prickeln überlief seinen
Körper. Und die Erregung, die nun von ihm Besitz ergriff, war eine
ganz andere, viel intensivere Art von Lebendigkeit, als er sie in
jenem Moment gespürt hatte, in dem Breaca den Boten tötete.
Valerius hatte fast sein ganzes Leben im Krieg
verbracht, und die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man einer
heraufziehenden Gefahr besser geradewegs entgegenschritt, anstatt
ihr auszuweichen. Getreu dieser Lehre trat er jetzt vor und
erklärte: »Julius Civilis, Präfekt der Bataver, ich entbiete Euch
meinen Gruß. Vom östlichen bis zum westlichen Küstenstreifen kennt
man Euch als jenen Offizier, der seine Männer einst den Großen
Fluss durchschwimmen ließ und ihnen befahl, die feindliche Linie
der Eceni-Krieger als Erstes ihrer Pferde zu berauben.«
Civilis’ Pferd, das gerade mit äußerster Vorsicht
die mit glitschigen Grasbüscheln bewachsene Böschung hinaufstapfte,
hielt abrupt inne, als es den Namen des Flusses hörte. Sein Reiter,
einst der Präfekt der Ersten Batavischen Kavallerie, wandte sein
Gesicht dem Kurier zu, der ihn soeben mit seinem alten Titel
angesprochen hatte. Auf Civilis’ Gesicht spiegelte sich ein wahres
Chaos an Erinnerungen wider, und seine Augen füllten sich mit
Tränen.
»Es gibt nicht mehr viele, die sich noch immer an
diese Schlacht erinnern wollen. Hast du damals auch mitgekämpft,
bei den ersten Gefechten gegen die wilden Stämme?«
Civilis’ Stimme bebte. Nur ganz kurz ruhte sein
Blick auf Valerius und schweifte dann zögerlich weiter zum Legaten.
Nichts deutete darauf hin, dass Civilis sich noch an Valerius
erinnerte. Nachdem er im Stillen ein rasches Dankesgebet an die
Götter des segensreichen Vergessens geschickt hatte, antwortete
Valerius: »Ich habe den Kampf natürlich nicht so unmittelbar
miterlebt wie Ihr. Ich habe in der Quinta Gallorum gekämpft, aber
nicht alle von uns waren an vorderster Front platziert.«
Und das war keineswegs gelogen. Reglos verharrte
Valerius auf seinem Platz und wartete. Der Civilis von früher hätte
sich daran erinnert, dass ein gewisser Angehöriger der Fünften
Gallischen Kavallerie nicht nur in vorderster Reihe gekämpft hatte,
sondern sogar gemeinsam mit Civilis’ Batavern durch den Fluss
geschwommen und mitten in das tobende Herz der Schlacht
eingedrungen war.
Ein Herzschlag verstrich. Eine Sekunde. Unten, am
Fuße des Hügels, hatte Longinus derweil den Eisenhändler eingeholt
und dem Mann befohlen, sein Gefährt wieder zu wenden. Der Legat
hatte voller Ungeduld einen Schritt zur Seite gemacht, stand aber
immer noch nahe genug neben Valerius, dass dieser ihm das Schwert
entwenden könnte. Und zwei Schritte von Valerius entfernt saß
Civilis auf seinem Pferd. Er war weder bewaffnet noch durch eine
Rüstung geschützt. Man hätte die ihm noch verbleibende Lebensspanne
in Atemzügen messen können.
»Die Quinta Gallorum? Das war doch Corvus’ Flügel.
Ich habe früher einmal unter ihm gedient, ehe man mir meine eigene
Kommandovollmacht übertrug.« Der alte Mann hob leicht den Kopf,
ganz ähnlich einem alten Hund, der den Geräuschen einer in weiter
Ferne durch den Wald reitenden Jagdgesellschaft lauscht. Dann
runzelte er die Stirn, und die Furchen in seinem Gesicht vertieften
sich noch. »Dann müsste ich dich in jedem Fall kennen. Von denen,
die in der Schlacht am Großen Fluss gekämpft haben, sind nur noch
wenige am Leben, sodass wir einander nicht vergessen können.«
Wässrige Augen musterten Valerius’ Gesicht, doch einen kurzen
Augenblick später ließ Civilis seinen Blick auch schon wieder
fortschweifen und betrachtete stattdessen und offensichtlich
wesentlich interessierter das Pferd des Kuriers. »Wie lautet dein
Name, mein Junge?«
»Tiberius. Ich wurde nach jenem Mann benannt, der
zum Zeitpunkt meiner Geburt als Kaiser herrschte.« Es war eine
raffinierte, aber auch äußerst gemeine Täuschung, die Valerius nur
unter stillem Hass auf sich selbst über die Lippen brachte. Noch
nie hatten die Götter die Erfinder von Lügen mit ihrem Wohlwollen
gesegnet.
»Ah, ja...« Der Kehlkopf des alten Mannes hüpfte
unter der Haut seines Halses auf und ab. »Jetzt erinnere ich mich
wieder. Du hattest an den Ufern des Rheins unter Rufus gedient. Ein
guter Mann. Bis die Eingeborenen ihm die Kehle durchschnitten. Und
ihm ihre Hexenmale in die Brust ritzten. Und dann haben sie ihm mit
dem Messer auch noch seine...«
Civilis’ Bewusstsein weilte nicht mehr in der
Gegenwart, wollte nicht mehr in der Gegenwart verharren, sondern
trieb in die Welt der Erinnerungen. Über die Köpfe der vor ihm
stehenden Männer hinweg schweifte sein Blick zu einem fernen
Horizont, den nur er allein sehen konnte. Die mit der Zeit
regelrecht wächsern gewordenen Konturen seines Gesichts wurden
wieder etwas weicher, und in seinen Mundwinkeln sammelten sich
kleine Speichelbläschen. Es schien beinahe so, als wolle er jetzt
und vor sämtlichen der ihn umstehenden Männern in Tränen
ausbrechen.
Der Legat trat vor und packte das Zaumzeug des
Pferdes, ehe der alte Mann die Zügel gänzlich fallen ließ und das
Tier seinem eigenen Willen folgte.
»Alter Freund, uns steht ein Krieg bevor«, sprach
der Legat. »Die Legion muss gen Süden nach Camulodunum marschieren,
um der Fäule der Revolte in unserem Kaiserreich Einhalt zu
gebieten. Eure Bataver werden uns als allseits geachtete Eskorten
schützen. Und der Kurier und sein Kamerad werden uns als Führer
dienen. Wenn Eure Pferdeknechte sich also um deren beide Tiere
kümmern könnten, dann, so denke ich, würden wir sicherlich
schneller vorankommen.«
»Ihre Tiere?« Civilis’ Blick wurde wieder schärfer.
Abermals musterte er Valerius’ Rotschimmel und blickte dann den
Hügel hinab zu jener Stelle, wo Longinus den Eisenhändler zur
Festung zurückgeleitete. »Oh, ja.« Er nickte nachdenklich. »Ich
denke, die beiden werden wir wohl noch versorgen können.«