XVII
Im Militärkrankenhaus von Camulodunum war es so
ruhig wie nie zuvor.
Nur drei der Betten waren belegt: zwei davon von
Frauen, die nach ihrer Entbindung an Milchfieber litten, wobei die
Erkrankung sich in beiden Fällen durch Angst sowie durch
Nahrungsmangel infolge der seit nunmehr fünf Tagen währenden
Belagerung noch verschlimmert hatte. In dem dritten Bett lag
Peltrasius Maximus, ein schwatzhafter, querköpfiger Veteran der
Zwanzigsten Legion, der unter Harngrieß litt.
Peltrasius war angewiesen worden, bei jeder Wache
einen Krug Brunnenwasser zu trinken - Wasser war das Einzige, was
noch immer reichlich vorhanden war -, und dies hatte natürlich dazu
geführt, dass er nicht nur größere Mengen Harn produzierte, sondern
auch sehr viel häufiger urinieren musste. Seine gellenden
Schmerzensschreie, wenn die getreidekorngroßen Bröckchen Grieß die
gesamte Länge seiner Harnröhre entlangwanderten, konnte man nicht
nur überall im Krankenhaus, sondern sogar noch bis ins Theater und
ins Forum hören.
In glücklicheren Zeiten hätten die Leute
Peltrasius’ Leiden wahrscheinlich ins Lächerliche gezogen und es zu
einem Schwank ausgebaut, sodass das Theater vom Elend des Mannes
sogar noch hätte profitieren können. Jetzt jedoch, da der Rauch von
tausend Feuern den Horizont verdunkelte und das Kriegsheer der
Eceni gerüchteweise auf eine Stärke von mehreren zehntausend Mann
angewachsen war, behaupteten die Leichtgläubigeren unter den
Bewohnern - und dies galt sowohl für Veteranen als auch für
Eingeborene -, sie hätten gehört, wie der Geist Cunobelins sich aus
seinem Hügelgrab erhob, und ihn in den immer leerer werdenden
Straßen der Hauptstadt umgehen sehen. Sie wollten einfach nicht
glauben, dass das Schmerzensgeheul eines Sterblichen sich mitunter
genauso anhören konnte wie die rachsüchtigen Seelen der
Toten.
Nun war Peltrasius allerdings keineswegs im Begriff
zu sterben. Es war bloß so, dass er wünschte, er wäre tot.
Theophilus von Athen und Kos, früher einmal
Leibarzt mehrerer Kaiser und jetzt dazu gezwungen, ehemalige
Soldaten der Legionen zu behandeln, die unter den Folgen ihrer
übermäßigen Genusssucht litten, war mittlerweile so weit, dass er
wünschte, er könnte dem Mann, der bei ihm in Behandlung war,
irgendein Mittel verabreichen, das diesen endlich zum Schweigen
bringen würde. Unter normalen Umständen hätte er Peltrasius’ Pflege
seinen Assistenten überlassen, und er wäre sogar bereit gewesen,
sie das Honorar, das er dafür bekam, behalten zu lassen. Doch er
hatte ihnen befohlen, die Stadt zu verlassen.
Mehr als er sich jemals hätte vorstellen können,
vermisste Theophilus sowohl die schlagfertige, aufgeweckte Art
seines Sekretärs, des Jungen, den er Gaius genannt hatte, als auch
die etwas langsamere, ein wenig schwermütige, aber ungeheuer
sorgfältige Art von Felix, dem jungen Arzt, der quasi noch bei ihm
in der Lehre war. Ihre Abwesenheit hatte eine Lücke im Leben seines
Krankenhauses hinterlassen, die auch die Heilung anderer nicht
auszufüllen vermochte.
Theophilus war überhaupt nicht darauf gefasst
gewesen, wie sehr ihn die Trennung von seinen beiden Assistenten
schmerzen würde, als er sie das erste Mal gebeten hatte zu gehen.
Das war in jener Nacht gewesen, in der er gemeinsam mit ihnen am
offenen Fenster seines Schlafzimmers im zweiten Stock des Hospitals
gestanden und beobachtet hatte, wie der Wachturm in Flammen
aufging. Nur mit seinem Nachthemd bekleidet, hatte Theophilus
sowohl bei Felix als auch bei Gaius die Ergriffenheit und Ehrfurcht
junger Menschen gespürt, die glaubten, sie wüssten, was Feuer und
Krieg sind, und die trotzdem noch jung und unerfahren genug waren,
um beides zu verehren.
Theophilus neigte nicht dazu, irgendetwas zu
verehren, und er würde sich auch niemals dafür hergeben, für einen
Krieg einzutreten. Denn er hatte zu viele Freunde auf beiden
Seiten, um nicht überaus deutlich die grenzenlose Tragik zu
erahnen, die sich in jener Nacht anbahnte. Mit einem beklemmenden
Gefühl im Herzen hatte er beobachtet, wie die orangeroten Flammen
in den dunklen Nachthimmel emporgeschossen waren und wie wenig
später die Reihe winziger Lichtpunkte am fernen Horizont
aufleuchtete, als man völlig unnötigerweise die Signalfeuerkette
entzündet hatte, ganz so, als ob noch mehr Feuer in irgendeiner
Weise nutzbringend wären oder gar notwendig, um die Botschaft des
ersten zu verstärken.
Noch bevor die Kette komplett gewesen war, hatte
Theophilus sich wieder vom Fenster abgewandt und gesagt: »Die Eceni
revoltieren. Es kann einfach niemand anderer sein. Aber ich denke,
einen Angriff auf Camulodunum werden sie vorerst nicht wagen,
nicht, solange noch die Gefahr besteht, dass die Neunte ihnen von
hinten auf den Leib rückt. Wir haben also ein paar Tage Zeit, um
uns zu rüsten. Ihr solltet eure Familien finden und schleunigst von
hier verschwinden. Geht in den Norden zu den Eceni, wenn ihr an
deren Krieg teilnehmen wollt. Oder geht in den Süden nach
Caesaromagus oder in den Westen nach Verulamium, wenn ihr lieber
unter den Anhängern Roms Zuflucht finden wollt.«
»Und wenn wir keines von beiden wollen? Wenn wir
stattdessen lieber unsere Studien bei Euch fortsetzen wollen? Was
sollen wir dann tun?«
Diese Frage hatte Felix gestellt, der rundliche,
stets freundliche junge Bursche, der Hände hatte, die ebenso
mühelos eine Frau bei der Entbindung zu beruhigen vermochten, wie
sie einem Mann, der an der roten Ruhr starb, Trost und Beistand
leisten konnten oder einen Jungen wieder zusammenflicken, der im
Tempel unter herabstürzendem Mauerwerk begraben worden war. Seine
Stimme war weich, volltönend und warm, so wie die Flammen, die den
Horizont erhellten.
»Er wird uns trotzdem drängen, fortzugehen, ob wir
wollen oder nicht. Es wird zu einer Belagerung kommen und dann zu
einer Schlacht, und er glaubt, es sei seine Pflicht, dass er uns
schützt, und nicht etwa umgekehrt.«
Gaius hatte so schnell das Wort ergriffen, dass
Theophilus gar nicht mehr dazu kam, auf Felix’ Frage zu antworten.
Der Sekretär war im vergangenen Jahr ein gutes Stück gewachsen und
war nun mindestens ebenso groß wie auch jeder andere der
Stammesangehörigen. Zudem war seine Statur schlank und sehnig, und
er besaß ein längliches Gesicht. Seinen hellen, scharf blickenden
Augen schien nichts zu entgehen, ihnen fiel selbst der feine Staub
in den Ecken der Krankenzimmer auf. Und noch während er diesen
Staub eigenhändig beseitigte, überschlug er im Geiste zumeist schon
wieder irgendwelche Rechnungen. So konnte es passieren, dass auf
die Kosten für eine einzige Übernachtung in Theophilus’ Krankenhaus
und für das Richten und Verbinden eines gebrochenen Handgelenks
schnell noch eine zusätzliche Gebühr erhoben wurde, nur weil der
Patient, als er seine Schulden begleichen wollte, den Fehler
gemacht hatte, seinen Geldbeutel zu weit zu öffnen und Gaius somit
einen Blick auf die Anzahl und die Farbe seiner Goldmünzen zu
gewähren.
Und genau dieser scharfe Verstand zeigte sich auch,
als Gaius nun mit einem seiner höchst seltenen Lächeln auf den
Lippen fortfuhr: »Aber natürlich wissen wir, dass es auch zu
unseren Pflichten gehört, unseren Lehrherrn zu beschützen. Und
darum kann er uns unmöglich zwingen, ihn zu verlassen. Wenn wir
entscheiden, dass wir lieber hierbleiben und an seiner Seite den
Eceni trotzen möchten, gibt es nichts, womit er uns davon abhalten
könnte.«
Und diese Feststellung entsprach in der Tat der
Wahrheit, wie sich in den folgenden Tagen zeigte. Sechs Tage lang
hatte Theophilus seine jungen Mitarbeiter immer wieder gebeten,
seinem Wunsch Folge zu leisten und endlich zu fliehen. Dann hatte
er versucht, ihnen die Abreise sozusagen zu befehlen. Schließlich
hatte er an ihren gesunden Menschenverstand appelliert. Doch nichts
von alledem hatte etwas genützt. Stattdessen hatte er nur
beobachten können, wie die Zahl der wirklich Kranken und Verletzten
immer weiter abnahm, während die Zahl derer, die an
Lebensmittelvergiftungen litten und sich an der Tür des
Krankenhauses einfanden, stetig anwuchs.
Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem
Peltrasius noch lauter geschrien hatte als zuvor - was zumeist
nachts der Fall war - und die Gerüchte wahrlich beängstigende
Ausmaße angenommen hatten, sodass Felix und Gaius sich schließlich
doch gezwungen sahen, ihre schlichten, wollenen Tuniken anzulegen,
sich die Hände zu waschen und hinauszutreten in die Abendluft, um
den Menschen, oder zumindest denen, die ihnen Gehör schenkten, zu
erklären, dass der Mann, den sie da soeben hörten, noch überaus
lebendig war und beileibe noch keine Lust verspürte, sich in
nächster Zeit in einen Geist zu verwandeln.
Traurigerweise aber hatte der bloße Anblick der
beiden jungen Männer die Gerüchteküche noch weiter angeheizt, so
wie es in Zeiten der Angst eben nur allzu leicht geschah, sodass
sich bald die Nachricht verbreitete, dass mittlerweile sogar schon
drei Geister in der Gestalt von Cunobelin ihr Unwesen trieben.
Mitunter hieß es auch, die drei seien Cunobelin und seine beiden
Söhne, wobei die Söhne aber lediglich stöhnten und irgendetwas
murmelten und Passanten mit ihren Todesfingern berührten, während
Cunobelin weiterhin unaufhörlich heulte und schrie. Dann, eines
Tages, nachdem sie gemeinsam mit Theophilus einen Jungen wegen
eines gebrochenen Fingers behandelt hatten, sahen sie ein, dass sie
ihr Vorhaben nun wohl endgültig aufgeben sollten. Denn der Kleine
schwor nach der Behandlung im Namen gleich zweier Götter, dass auch
er und sein Vater im Krankenhaus von Camulodunum die seltsamen
Geister gesehen hätten und dass sein Vater daraufhin versucht habe,
eine dieser Geistererscheinungen mit dem Schwert zu durchbohren,
dass aber dieses Schwert geradewegs durch den Körper des Geistes
hindurchgedrungen sei. Die Bevölkerung näherte sich in ihrem
Verhalten also bereits dem Zustand der Hysterie, und die Gefahr,
dass womöglich auch noch ein Zweiter auf der Suche nach dieser
wundersamen Begebenheit im Krankenhaus mit seinem Schwert
herumzufuchteln begann, war einfach zu groß.
Letzten Endes waren nur noch die Veteranen und
deren Familien in der Stadt verblieben und diejenigen, die sich Rom
mit einer solchen Inbrunst verschrieben hatten, dass sie es einfach
nicht mehr wagten zu fliehen. Als dieser Zeitpunkt erreicht war,
verließen schließlich auch Gaius und Felix Camulodunum. Am siebten
Tag, nachdem die Brände begonnen hatten, waren sie gemeinsam auf
ihren Lehrherrn zugetreten. Erschöpft und bleichgesichtig hatte
Gaius nur gerade eben so viel gesagt, wie unbedingt gesagt werden
musste. »Bis auf uns beide sind alle, die sich jetzt noch in der
Stadt aufhalten, überzeugte Anhänger Roms. Wenn wir jetzt also
trotz allem noch hier bleiben würden, dann würden wir etwas
unterstützen, das man gar nicht unterstützen kann. Die Bodicea hat
ihre Krieger in das Tal des Reiherfußes befohlen. Und sollte es
tatsächlich Krieg geben, wird sie auch Ärzte brauchen. Möchtet Ihr
also nicht endlich mit uns kommen?«
Theophilus hatte längst geahnt, dass seine beiden
Schüler diese Rede an ihn richten würden. Die halbe Nacht über
hatte er gehört, wie sie sich in dem Schlafsaal zwei Stockwerke
unter seinem Zimmer beraten hatten. Er hatte beobachtet, wie der
Mond am Himmel aufstieg, hatte zugesehen, wie dieser irgendwann
wieder unterging, hatte die nächtlichen Feuer am Horizont
betrachtet, die anzeigten, wie dicht vor der Stadt das Heer der
Krieger sich versammelt hatte. Erst als er hörte, wie seine Schüler
die Treppe zu seiner Kammer heraufkamen, hatte er den Blick vom
Fenster abgewandt und sich noch einen Moment darauf konzentriert,
was er seinen beiden Assistenten nun sagen würde, denn auch er
hatte sich bereits eine kleine Rede zurechtgelegt.
Theophilus war sich überhaupt nicht bewusst
gewesen, wie müde er aussah oder wie alt, als er entgegnete:
»Solange hier auch nur noch ein einziger Mensch im Krankenhaus
liegt, kann ich Camulodunum nicht verlassen. Wenn die Frauen sich
wieder erholt haben und Peltrasius endlich sein letztes Körnchen
Harngrieß ausgeschieden hat - oder aber seinen letzten Atemzug
getan -, und wenn dann nicht schon wieder neue Patienten
eingetroffen sein sollten, die die Plätze der alten einnehmen, dann
werde auch ich mich endlich mit der Überlegung beschäftigen, wohin
ich mich nun wenden soll.«
Es war genau jene Art von Erwiderung gewesen, mit
der Gaius und Felix bereits gerechnet hatten. Und das alles - fast
- nur wegen Peltrasius! Hätte es also nur an dem alten Veteranen
gelegen, hätten Theophilus’ Schüler diesen einfach umgebracht und
versucht, die Tat irgendwie zu vertuschen. Doch dann wären immer
noch die Frauen übrig, und die wagten sie nun doch nicht zu töten.
Felix’ Augen waren tränennass gewesen, als er erwiderte: »Nun gut.
Aber hier ist wenigstens noch ein Geschenk von uns, damit Ihr etwas
habt, das Euch an uns erinnert.«
Sie hatten ihre Überraschung draußen vor der Tür
gelagert und baten Theophilus, sich für einen Moment abzuwenden,
während sie das Geschenk gemeinsam hereintrugen. Der alte Arzt
dachte, ihn erwarte nun vielleicht ein besonderer Wein oder ein
wenig von dem geräucherten Keilerfleisch, das er sich, bevor die
Feuer entzündet worden waren, so gern gegönnt hatte. Oder
möglicherweise war es auch ein Töpfchen Oliven, das noch von der
letzten Schiffsladung im Herbst stammte und so lange an einem
kühlen Ort verwahrt worden war. Dann, für einen kurzen Moment, war
eine Art hechelnder Atem zu hören gewesen, und Theophilus
befürchtete schon, dass seine Schüler ihm nun einen jungen Hund
schenkten. Panik ergriff ihn, denn er hatte noch nie einen Hund
besessen und war sich auch nicht sicher, ob er jemals sein Herz so
bedingungslos verschenken wollt, nur damit es ihm dann irgendwann
unweigerlich wieder gebrochen würde. Er hatte dieses Trauerspiel
bereits bei genügend anderen Hundebesitzern beobachten
können.
Aber nein, es war kein Hund, sondern ein Schwert.
Und das war in der Tat eine gelungene Überraschung. Die Klinge war
von mittlerer Länge, ein wenig kürzer, als man sie in den Stämmen
bevorzugte - andererseits aber kämpften die Stammesmitglieder ja in
der Regel allein von einem Pferderücken aus, und dies nicht etwa,
weil sie ihre Feinde aus dieser Position besser töten könnten,
sondern einfach der größeren Ehre halber. Das Schwert von Felix und
Gaius war also etwas kürzer als das der Feinde Roms, aber wiederum
länger als die zweischneidigen Schwerter der Legionare, die
speziell dafür gedacht waren, um zwar zwischen den
zusammengeschobenen Schilden hindurchstechen zu können, aber
dennoch nicht so lang sein durften, dass sie den Bewegungsspielraum
der Männer hinter den Schilden einschränkten. Das Eisen der Waffe,
die Gaius und Felix Theophilus überreichten, war so gewissenhaft
poliert worden, dass sich hell das Licht darin spiegelte, während
das Heft aus rotem Kupfer und Gold gefertigt war und die Form des
Sonnenhundes hatte, jenes Tieres, welches das persönliche Symbol
Cunobelins gewesen war, ehe dieser seine Herrschaft verlor.
Plötzlich wurde Theophilus bewusst, dass er mit
hängendem Unterkiefer dastand: »Ich weiß nicht...«
»Ihr wisst nicht, wie man mit so etwas umgeht. Das
war uns längst klar.« Felix tätschelte ihm aufmunternd den Arm.
»Aber Peltrasius hat in der Kavallerie gekämpft, und er hat die
gesamten letzten zehn Jahre darauf verwendet, auch noch die
Kampftechniken der Stämme zu erlernen. Das ist so eine Art
Steckenpferd von ihm. Also, lasst Euch von ihm doch ein wenig
unterrichten, das heißt, wenn er nicht gerade wieder sein Geheule
anstimmt. Denn solltet Ihr noch hier sein, wenn die Eceni in die
Stadt einfallen, werdet Ihr das Schwert sicher brauchen, egal, auf
wessen Seite Ihr dann steht.«
Theophilus aber hatte nicht im Entferntesten die
Absicht, sich auf irgendjemandes Seite zu schlagen und für diese
auch noch zum Schwert zu greifen. Und eigentlich hatte er gedacht,
dass das auch ganz offensichtlich sein müsse, dass er das nicht
noch extra hätte erwähnen müssen. Ein wenig verwirrt entgegnete er
also: »Aber ihr solltet doch inzwischen wohl wissen, dass
ich...«
Warnend legte Gaius einen Finger an die Lippen.
»Sprecht das jetzt besser nicht aus. Nicht hier. Nicht jetzt, da
die Götter unseren Gesprächen lauschen. Ihr braucht Euch uns nicht
zu erklären.«
Theophilus hatte gedacht, dass seine beiden Schüler
ihren Göttern längst abgeschworen hätten und die kühlen Wasser der
Ratio den turbulenten Wogen des Schicksals vorzögen - Gaius’
Erwiderung erstaunte ihn also.
Inzwischen aber schienen die beiden immer unruhiger
zu werden, sie wollten endlich fliehen, und Theophilus sah ein,
dass nun nicht der geeignete Moment war, um mit einem Vortrag über
all das zu beginnen, was er sie so gerne noch gelehrt hätte.
Verloren im Schmerz des Augenblicks streckte
Theophilus seine beiden Hände aus. Gaius und Felix überreichten ihm
die Waffe und legten sie ihm quer über beide Handflächen, ganz so,
als ob er einer der Krieger der Eingeborenen wäre. Und wie immer
bei derlei ergreifenden Gesten, ließ Felix seinen Tränen freien
Lauf. Doch auch Gaius’ Augen schimmerten feucht, was wiederum
äußerst ungewöhnlich war. Dann sagte er mit leicht heiserer Stimme:
»Vater, was immer Ihr uns auch gelehrt habt, wir werden es
gewissenhaft beherzigen und allein dazu verwenden, um andere zu
heilen, nicht aber, um ihnen Leid zuzufügen.«
Theophilus verbeugte sich. »Dann kann ich ja, falls
Peltrasius eines Tages doch noch stirbt, wenigstens beruhigt davon
ausgehen, dass ihr nichts mit seinem Tod zu tun habt.« In seinen
Ohren klang diese Erwiderung zwar viel zu nüchtern, doch er wagte
es ganz einfach nicht, nun etwas Verbindlicheres zu sagen oder gar
zu lächeln.
Die Handflächen an die Stirn gelegt, schritten
Felix und Gaius rückwärts aus der Kammer ihres Lehrherrn. Etwas
später, während Theophilus wieder am Fenster stand, sah er, wie
seine beiden Schüler aufbrachen und durch die fast menschenleeren
Straßen ritten. Im Übrigen hatte ein jeder von ihnen nicht weniger
als ein komplettes Jahresgehalt in Gold bezahlen müssen, um vom
Quartiermeister diese beiden Tiere zu erstehen.
Nun, da Felix und Gaius gegangen waren, war das
Krankenhaus plötzlich von einer unheimlichen Stille erfüllt. Außer
natürlich, wenn Peltrasius wieder zu jammern begann. Zum ersten Mal
in seinem gesamten Leben wünschte Theophilus, der Arzt, sich, dass
wenigstens einer seiner drei Patienten rasch sterben möge und dass
die anderen beiden auch ohne ihn wieder genesen würden.
Als die Abenddämmerung sich bereits wieder über die
Stadt legte, machte er sich daran, die Aufgaben seiner beiden
Assistenten zu versehen. Er wusch die Frauen, gab ihnen zu essen,
kümmerte sich darum, dass sie ausreichend Wasser zu trinken hatten,
leerte die Töpfe unter ihren Betten und flößte ihnen schließlich
noch jenen Aufguss ein, der bereits den halben Tag über in der
Krankenhausapotheke gezogen hatte. Schließlich öffnete Theophilus
jene Schränke, die noch nicht von den verzweifelten Stadtbürgern
geplündert worden waren, und kochte Peltrasius dessen bescheidene
Mahlzeit aus einfachen Bohnen und Gerste, gewürzt mit ein wenig
Knoblauch, damit der Harngrieß etwas leichter abginge. Zudem trug
er ihm noch einen gut gefüllten Krug mit lauwarmem Wasser heran,
damit der alte Veteran sich waschen konnte. Tröstend legte er die
Arme um seinen Patienten, als dessen Schmerzen abermals so schwer
waren, dass er nur noch schreien konnte, und verabreichte ihm
anschließend etwas Mohnextrakt - damit sie beide endlich ein wenig
Ruhe fänden.
Müde entzündete Theophilus eine kleine Öllampe und
machte sich auf den Weg hinab in die Kellergewölbe des
Krankenhauses, um noch einen weiteren Eimer frisches Wasser aus dem
Brunnen zu schöpfen. Dort unten, in der Kühle und der Dunkelheit,
fühlte er sich dem Kriege und den Schmerzen anderer Menschen so
weit entrückt, wie er sich nur irgend vorstellen konnte.
Nachsichtig fluchte er sowohl auf seine Patienten als auch auf die
Kriegstreiber und stellte die Lampe dann auf einem kleinen Brett
oberhalb des Brunnens ab. Hektisch tanzte sein eigener Schatten
über die nur schlecht verputzten Wände und schließlich in genau
jene Ecke, wo die erste Spinne, die Gaius’ Reinigungswut hatte
entkommen können, bereits wieder ein Netz wob. Plötzlich schienen
sich riesige Schatten zu dem winzigen Tier zu gesellen, und ein
leises Rascheln und Schlurfen war zu hören, das unmöglich von einer
Ratte oder einer Maus stammen konnte.
Ohne sich umzuwenden, sagte Theophilus: »Sei
gegrüßt, Bán mac Eburovic, Geliebter Mithras’. Ich hatte dich schon
wesentlich eher hier erwartet.«
Dann rieselte dem alten Arzt plötzlich ein
unheimlicher Schauer über die Kopfhaut. Er malte sich aus, wie
hinter ihm eine Waffe gezogen wurde, die Spitze geradewegs auf ihn
gerichtet. Als sich schließlich nichts mehr hinter ihm zu regen
schien und er auch keinerlei schneidenden Schmerz in seinem Rücken
spürte, drehte er sich langsam um, während er darauf achtete, dass
seine Hände für den Angreifer stets sichtbar blieben.
»Mein Bruder wartet draußen«, entgegnete Breaca von
den Eceni. Sie stand genau auf der anderen Seite des Brunnens.
»Aber er ist jetzt nicht mehr nur der Geliebte Mithras’, sondern
auch der Sohn Nemains. Und in beider Namen wird er nun dafür
sorgen, dass wir beide nicht gestört werden.«
Es war nicht ganz einfach gewesen für Bruder und
Schwester in unauffälliger Kleidung und ohne jegliche
Erkennungszeichen, die sie als Stadtbürger auswiesen, sich in der
Abenddämmerung des neunten Tages der Belagerung von Camulodunum in
die Stadt hineinzuschleichen. Andererseits aber war es auch nicht
übermäßig schwierig gewesen.
Die Gräben und Wälle, die Cunobelins Festung
schützten, als er noch die Macht über dieses Gebiet gehabt hatte,
waren leicht überwunden, und ohnehin lagen sie noch ein ganzes
Stück von der Stadt entfernt. Auch die Fallgruben und Barrikaden,
die einst die Festung der Zwanzigsten Legion gesichert hatten,
hatte man mittlerweile wieder aufgeschüttet beziehungsweise
niedergerissen. Camulodunum, das ehemalige Legionarslager, war in
den ersten Jahren noch eine echte militärische Festung gewesen,
hatte sich dann aber rasch zu einer schlichten Veteranenkolonie
entwickelt. Es gab also keinerlei Mauern mehr, sondern nur noch
einen flachen Schuttwall, auf dem sich zwischenzeitlich bereits ein
feiner Teppich aus Grashalmen angesät hatte. Er war das einzige
Überbleibsel, das noch anzeigte, wo einst das Mauerwerk gestanden
hatte. Selbst ein Kleinkind, das gerade erst laufen lernte, hätte
dieses Hindernis überwinden und in die Stadt einmarschieren oder
aber sie auf dem gleichen Wege auch wieder verlassen können. Der
unbewohnte Außenring von Camulodunum war also menschenleer.
Die Straßen dagegen waren noch deutlich belebter,
als Breaca erwartet hatte. Misstrauisch hatte sie das Treiben von
einem Hügel etwas außerhalb der Stadt beobachtet. Es waren zwar nur
wenige Feuer entzündet worden, und folglich hatten auch nur wenige
Menschen sich noch vor die Haustür gewagt, aber dennoch waren
Breaca und Valerius allein auf den ersten hundert Schritten bereits
viermal aufgehalten und befragt worden, was sie in Camulodunum
wollten. Jedes Mal waren es Gruppen von Männern gewesen, die sich
zu Dutzenden unter den blassen Flammen von Talgkerzen und mit
Schilfgras umwickelten Fackeln versammelt hatten und sich
misstrauisch den Fremden in den Weg stellten.
Die meisten dieser Männer waren Römer:
dunkelhaarige, dunkelhäutige und dunkeläugige Veteranen, die eher
auf die sechzig zugingen, als dass sie noch zu den Fünfzigern
hätten gezählt werden können, und mit einer deutlichen Speckschicht
in der Bauchgegend, genau dort eben, wo einst Muskeln den
körperlichen Trainingszustand der Männer gerühmt und sich
schließlich, nach ihrem Ausscheiden aus der Legion, langsam in
nichts aufgelöst hatten. Einige der Wachen waren in eine angeregte
Unterhaltung vertieft und hielten nur dann einmal einen Augenblick
inne, als sie die Neuankömmlinge in ihrer Stadt entdeckten. Die
meisten der Veteranen aber diskutierten nicht, sondern errichteten
emsig Barrikaden oder hoben Gruben aus, um damit die Pferde der
Feinde zu Fall zu bringen. Und letztere Männer waren auch deutlich
misstrauischer als ihre schwatzhaften Kameraden. Ohne zu zögern,
setzten sie den Fremden die Spitzen ihrer Waffen auf die Brust und
verlangten zu wissen, was diese in Camulodunum zu suchen hätten.
Stets war Valerius es gewesen, der entweder in schlechtem
Catuvellaunisch oder aber in gestelztem Latein geantwortet hatte
und der behauptete, dass er aus dem nördlichen Teil des
weitläufigen Stadtgebiets von Camulodunum stamme und seine Frau
begleite, weil diese dringend die Hilfe eines Arztes brauche. Die
Männer ließen Valerius und Breaca daraufhin passieren. Niemand
fragte sie, was genau denn ihr medizinisches Anliegen wäre.
Und natürlich gab es auch einige Frauen, die sich
im Schein der blassen Kerzen aufhielten, aber sie waren doch
deutlich weniger an der Zahl als die Männer. Zumeist waren es
junge, unterernährte Frauen mit rauchgrauen Ringen unter den Augen
und dem typisch rotblonden Haar der Trinovanter. Und wenn die nicht
gerade schwanger waren, gaben sie irgendeinem Säugling die Brust
oder aber waren umgeben von einer Schar schweigender Kinder, die
sich mit großen Augen und starr vor lauter Angst vor einer Gefahr,
die sie nicht verstanden, an ihre Mütter drückten.
Keine dieser Frauen wagte es, sich den Eingeborenen
in den Weg zu stellen, die sich in den braunen Stoff der Händler
gekleidet hatten und an den Säumen ihrer Gewänder die Clansymbole
der Catuvellauner trugen. Nur ein einziges Kind schaute sie offen
und unverhohlen an, nahm dann die Finger aus dem Mund und fragte:
»Wer sind die? Sind die gekommen, um uns zu helfen?«
Das Mädchen hatte lateinisch gesprochen, jedoch mit
einem deutlichen Akzent in der Mundart der Stämme. Ihre Mutter
hatte ihr mit einem an die Lippen gelegten Finger bedeutet, dass
sie schweigen solle, und entgegnet: »Das sind Catuvellauner,
Freunde Roms.« Ihr Tonfall hatte allerdings nicht verraten, ob sie
diese Freundschaft für eine gute Sache hielt oder eher für etwas
durch und durch Verabscheuungswürdiges.
Kurz nach dieser Begegnung verließen Breaca und
Valerius die Durchgangsstraße und hielten sich fortan an die
schmaleren Straßen, wo die Schatten noch ein wenig dunkler waren.
Doch kaum dass sie in die Gassen eingebogen waren, wurden sie
sofort von einem einsamen Veteran aufgehalten. Er hatte sein
Schwert bereits gezogen, und seine Stimme klang heiser vor Angst.
Dieses Mal hatte Breaca geantwortet, dass sie unter blutigem
Durchfall leide und sie das Wasserlassen schmerze, sodass man sie
nun in der Hoffnung auf eine baldige Behandlung ins Krankenhaus
begleite. Sogleich trat der Veteran beiseite und schlug vor seiner
Brust das Zeichen zur Abwehr alles Bösen.
Wobei Breaca die Idee mit dem Durchfall eher
zufällig gekommen war. Der Gestank von ranzigem Kot hatte sie und
Valerius schon eine ganze Weile begleitet und sich zunehmend mit
dem vagen, doch ätzenden Geruch der Angst vermischt, der
Camulodunum regelrecht die Seele zu rauben schien. Einst hatten
diese Straßen nach Leben und den Folgen übermäßiger Genusssucht
gerochen. Nun aber stanken sie hauptsächlich nach Rattenurin und
vergammelndem Gemüse. Der widerliche Geruch schien sich hinten an
den Gaumen zu kleben und überzog die Zunge mit einer Art zähem
Schleim. Breaca legte die Hand über die Nase und schritt weiter.
Nach diesem letzten Veteran versuchte niemand mehr, sich ihnen noch
in den Weg zu stellen.
Dann ertönte plötzlich schrill der Schrei eines
Mannes. Hastig tippte Valerius Breaca auf die Schulter, sodass sie
erschrocken zusammenzuckte. »Nach links. Hier entlang.« Seine
Stimme klang mit einem Mal ungewöhnlich hell, ganz so, als ob er
sich nur schwer ein Lachen verkneifen könne. Breaca hatte ihn auch
zuvor schon wenige Male so sprechen hören. Und das war jedes Mal in
Longinus’ Gesellschaft gewesen. Was immer auch nun der Grund für
Valerius’ unvermittelten Stimmungswandel zu sein schien, so
amüsierte er sich jedenfalls gerade ganz köstlich. Vielleicht war
es ja einfach der Nervenkitzel der Gefahr, der ihm so gute Laune
bereitete.
Breaca folgte ihm in eine Gasse hinein, die noch
schmaler war als die Straße, durch die sie gerade geschlichen
waren. Die Häuser zu beiden Seiten dieser Gasse standen so dicht
beieinander, dass es schwer war, zwischen ihnen hindurchzugehen,
ohne sich die Schultern aufzuscheuern. Endlich erreichten Breaca
und Valerius ein mächtiges, ganz aus Ziegelsteinen erbautes
Gebäude, das seltsam fehl am Platze schien zwischen den Hütten aus
Flechtwerk und den verputzten Katen. Als sie das Gebäude betrat,
wäre Breaca auch schon fast über ihren Bruder gefallen, der sich
knapp hinter der Türschwelle auf den Boden gekauert hatte.
»Kannst du mir helfen, die hier anzuheben?«, fragte
er sie, während er von unten zu ihr aufschaute. Sogleich kniete
auch Breaca sich nieder und bemühte sich, seiner Aufforderung
nachzukommen.
Es waren zwei schwere Ringe aus Eisen in den Boden
eingelassen worden, die nun unter einer dicken Schicht aus Staub
und altem Stroh verborgen lagen. Sowohl Breaca als auch Valerius
griffen sich jeweils einen dieser Ringe und zogen sie mit all ihrer
Kraft hoch, bis ein Teil des Bodens sanft über zwei mit Talg
eingefettete Scharniere nach oben schwang und schließlich in die
Vertikale glitt. Ausgehend von dem Talg schien ein irritierend
fleischiger Geruch über der Vorrichtung zu schweben.
»Von hier oben führen einige Stufen nach unten.
Natürlich können wir eine Fackel anzünden, aber du kannst dir den
Weg auch ganz leicht ertasten. Vor allem ist dann das Risiko
geringer, entdeckt zu werden. Und falls sich gerade jemand in dem
Raum mit dem Brunnen aufhalten sollte, wird derjenige ohnehin eine
Kerze oder Fackel entzündet haben. Ich warte hier oben und passe
auf, dass dir keiner folgt. Falls du mich brauchst, dann ruf
einfach. Theophilus wird zwar sicher überrascht sein, dich zu
sehen, aber ich glaube nicht, dass ihm dein Erscheinen hier
Unbehagen bereiten wird.«
Natürlich hatte Valerius mit seiner Einschätzung
ganz richtig gelegen - nichts anderes hatte Breaca erwartet. Und
genau deshalb hatte sie ihn ja auch gebeten, sie zu begleiten. Doch
dies war nur einer von mehreren Gründen, weshalb sie ihn dabeihaben
wollte. Ohne auch nur das Geringste erkennen zu können, tastete
Breaca sich ihren Weg durch einen kurzen Tunnel aus festgestampfter
Erde und von dort aus in einen Kellerraum hinein. Der Keller war
aus sorgfältig miteinander verfugten Steinplatten gearbeitet, und
der Boden war genauso flach und eben wie auch im Forum oder
irgendeinem anderen der staatlichen Gebäude. Vorsichtig ging sie
noch ein Stückchen weiter, bis sie jenen Bereich des Kellerraums
erreichte, in dem die Wände zusätzlich mit einer Art Gips und
weißem Kalk bestrichen waren. Plötzlich war vor ihr in der feuchten
Finsternis das Flackern einer Flamme zu erkennen. Dann hallten die
müden Schritte ihres alten Freundes über die Fliesen. In dem
sicheren Glauben, dass niemand ihn hören könne, murmelte er leise
vor sich hin und erlaubte seinen Gedärmen, sich von dem Druck ihrer
Gase zu erleichtern.
Ganz bewusst hatte Breaca daraufhin leise mit dem
Fuß gescharrt, damit Theophilus wusste, dass sie dort war. Sie
meinte, ihm diese Vorwarnung in Hinblick auf seinen Stolz einfach
schuldig zu sein. Zumal Theophilus geglaubt hatte, es handle sich
bei ihr um Valerius, was aber, wenn man die Lage einmal ganz
objektiv betrachtete, eine wirklich unlogische Schlussfolgerung
war. Und ähnlich unlogisch war auch Breacas darauf folgende
Reaktion, ihre Verärgerung darüber, dass er sie offenbar noch immer
falsch einschätzte.
Ihre Antwort auf seine Frage fiel also ein wenig
unwirscher aus als beabsichtigt, und sofort schämte sie sich dafür.
Aber Theophilus erkannte sowohl den Grund für ihre Ungehaltenheit
als auch ihr echtes Bedauern über ihr Verhalten. Breaca hatte fast
schon vergessen, dass Theophilus diese gewisse, beinahe schon
hellseherische Ader besaß. Er konnte ihre Gedanken nahezu mit der
gleichen Leichtigkeit lesen, wie auch Airmid dies vermochte, und
manchmal sogar noch besser, weil er Breaca einfach nicht so nahe
stand und sein Blick noch nicht getrübt war von der Liebe.
»Breaca?«, fragte er schließlich, streckte die Hand
aus und zog Breaca zu sich in den Lichtkegel seiner kleinen Lampe.
Sanft legte er die Hand auf ihre Schulter und fuhr dann mit einem
seiner langen, schlanken Finger einmal über ihren Rücken hinab, was
keine gute Idee gewesen war. Abrupt zog sich ihr Fleisch unter
seiner Berührung schmerzhaft zusammen.
Dennoch zwang sie sich, stillzuhalten, um nicht
Theophilus’ Gefühle zu verletzen. Zumal er in seiner Untersuchung
ohnehin bereits sehr geschickt und äußerst behutsam vorging. Und
überhaupt dauerte seine Diagnose nicht lange. Schon bald zog er
seine Hände wieder von ihr fort. Wenn sie ihre Augen noch etwas
länger geschlossen gehalten oder ihm zumindest auch weiterhin den
Rücken zugedreht hätte, so hätte Breaca glauben können, eine
vollkommen alterslose Stimme zu hören, eine Stimme, die die
Erschöpfung, die Breaca unter dem unerbittlichen Licht der Öllampe
in Theophilus’ Zügen gelesen hatte, Lügen gestraft hätte.
Mit bemerkenswert ruhigem Tonfall fragte er: »Bist
du zu mir gekommen, weil du meine Hilfe als Arzt brauchst? Wie mir
scheint, hat Airmid an dir doch bereits sehr gute Arbeit geleistet.
Obwohl die endgültige Heilung deiner Seele natürlich noch
wesentlich länger dauern wird als die Heilung deines
Körpers.«
Breaca wandte sich zu ihm um und versuchte, nicht
gleich schon wieder unwirsch auf ihn zu reagieren. »Ist das denn so
offensichtlich? Oder weißt du das alles etwa von den Veteranen, die
dir nach ihrer Rückkehr und bei ein paar Bechern Wein von ihrem
Erlebnis erzählt haben?«
»Sowohl als auch.« In einer Art entschuldigender
Geste zuckte er leicht mit den Schultern. Sein Gesicht war lang,
von tiefen Furchen durchzogen und schimmerte fast schon gräulich
unter dem unruhig flackernden, orangeroten Schein der Lampe. »Die
Veteranen haben während ihrer Trinkgelage davon gesungen. Zumindest
in jenen wenigen, noch scheinbar sicheren Tagen vor der Belagerung
Camulodunums, damals, als sie glaubten, sie bräuchten irgendetwas,
das sie von der Erinnerung an die Erniedrigung ablenkte, die sie
unter Corvus hatten erleiden müssen. In ihren Liedern sangen sie
davon, wie ihre Legion eine Frau aus dem Stamme der Eceni
auspeitschte. Und dann, wenn die Wirkung des Weins sie vollends in
ihren Bann schlug, prahlten sie mit dem angeblich nicht mehr
gutzumachenden Schaden, den sie deinen beiden Töchtern zugefügt
hätten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie aufrichtig und von
ganzem
Herzen ich all dies bedaure. Aber was dich
betrifft, so hätte ich den Großteil deines Leids auch ohne diese
Lieder sofort erkannt. Es zeigt sich in deinen stummen Klagen und
dem schwarzen Wind, der durch deine Seele zu streifen scheint. Und
dieser Wind ist einfach nicht zu überhören, zumindest, wenn man
weiß, wie man auf derlei Dinge zu lauschen hat. Dein Bruder trägt
im Übrigen ein ganz ähnliches Leiden mit sich herum, was auch der
Grund ist, weshalb ich dich zuerst mit ihm verwechselt hatte. Denn
so viel immerhin musst du mir und meinem Talent als Arzt schon
zugestehen: Das Klagelied der Seele, die Trauer um das, was
verloren scheint, habe ich noch bei keinem Menschen überhört. Und
du willst doch wohl nicht, dass ich ausgerechnet meinen Freunden
gegenüber nun zu lügen beginne und so tue, als würde ich euren Gram
nicht wahrnehmen?«
In der Tat, Theophilus war ein echter Freund. Denn
er hatte Breaca die Warnung vor dem Prokurator zukommen lassen und
dadurch ihr Kriegsheer gerettet, zu einer Zeit, als eine Entdeckung
das sichere Ende jeglichen Versuchs bedeutet hätte, jemals ein Heer
aufzustellen. Und auch davor hatte er sich bereits als Freund von
Airmid und Graine erwiesen, als Freund von Cunomar und Corvus,
jenem Römer, der einst Valerius geliebt hatte und ihn
wahrscheinlich weiter vergötterte. Und auch Valerius schien Corvus
noch immer zu lieben. Außerdem hatte Theophilus Breaca dabei
geholfen, Eneit zu töten, als ein rascher Tod das Einzige war, was
sie noch für den Jungen hatten tun können. Und für all dies und den
Anstand, der alledem zugrunde lag, schuldete Breaca Theophilus
vorbehaltlose Aufrichtigkeit.
Der Rand des Brunnens war aus grobem Felsgestein
gearbeitet, und in den Mörtel, mit dem man die Oberfläche geglättet
hatte, war anschließend mit einer Art Stempel die Silhouette der
fischschwänzigen Ziege eingedrückt worden, sodass sich nun ein Ring
hintereinander hertrottender Fabeltiere um den Brunnen schloss.
Unmittelbar neben einem dieser Geschöpfe hatte Breaca sich auf den
Rand gesetzt und zeichnete nun mit dem Finger den leicht
gekräuselten und schuppigen Schwanz der Silhouette nach.
»Valerius hat seine innere Mitte gefunden, ist nun
sowohl Heiler als auch Träumer«, erklärte sie. »Es gibt Dinge, die
er vermag, die Airmid aber niemals beherrschen wird. Und natürlich
gibt es auch Dinge, die sie beherrscht, die zu erlernen Valerius
aber noch nicht einmal versuchen wird. Und dennoch...«
»Und dennoch versuchst du mit ihrer beider
Unterstützung einen Krieg zu führen. Du, deren Seele
entzweigebrochen ist und deren Körper nicht mehr den Befehlen
deines Geistes gehorcht. Denn egal, wie zermartert du auch sein
magst - du bist trotzdem hier im Mittelpunkt des Kampfes. Deine
Krieger haben ihre Lager in unmittelbarer Sichtweite der Stadt
aufgeschlagen, und nachts versuchen einige dir treu ergebene
Trinovanter, die Bemühungen der Römer, eine Barrikade gegen euch zu
errichten, wieder zu zerstören, derweil die Veteranen Gruben
ausheben, um darin eure Pferde zu Fall zu bringen, welche die
Kinder und Jugendlichen dieser Stadt fast unmittelbar darauf wieder
mit Sand auffüllen. Und selbst die Schutzwälle, die die Veteranen
von Camulodunum aufschichten, sind noch vor Einbruch der
Morgendämmerung wieder abgetragen. Vor zwei Nächten haben
Unbekannte sogar die Siegessäule von ihrem Sockel gestürzt. Die
Säule war aus massivem Marmor, größer als du und ich zusammen, und
trotzdem will niemand gehört haben, wie sie zu Boden stürzte.
Sicherlich, man hat anschließend einen Mann für diese Tat gehängt.
Aber auch die beiden Veteranen, die den Unglücklichen aufgeknüpft
haben, leben mittlerweile nicht mehr. Also, wenn ihr nur noch ein
bisschen wartet, wird Camulodunum schon bald von ganz allein unter
einer Flut von Aufständen und Meutereien versinken, ohne dass auch
nur einer der Verrückten hier eine Waffe gegen eure Krieger erhoben
hat. War das dein Plan?«
»Nicht so ganz. Natürlich werden wir nicht schon
morgen angreifen, sondern erst noch eine Weile warten. Aber wir
warten nicht mehr bis in alle Ewigkeit. Ich möchte schließlich
nicht, dass meinetwegen irgendwelche Unschuldigen gehenkt werden.
Und ich habe einige Krieger bei mir, die erst noch dringend lernen
müssen, wie man kämpft. Meine Späher haben mir jedenfalls
berichtet, dass ihr schon bald Verstärkung aus dem Westen bekommt.
Stimmt das?«
»Nur zum Teil. Wir haben zweihundert Söldner hier,
die sich gleich, als die ersten Wachtürme brannten, von dem Hafen
bei Vespasians Brücke auf den Weg nach Camulodunum gemacht hatten.
Sie kamen, weil ein atrebatischer Glaswarenhändler, der hier eine
Villa besitzt, sie bezahlte. Aber ein Viertel dieser Männer leidet
unter blutigem Durchfall. Und fünfzig weitere haben, nachdem sie
die Wachfeuer eurer Krieger zählten, dem Händler ihren Sold sofort
wieder zurückgegeben und planen, die Stadt morgen früh wieder zu
verlassen. Das heißt, falls deine Krieger sie hinauslassen. Aber
sie haben alle hinausgelassen, die beschlossen hatten, lieber
fliehen zu wollen, als zu kämpfen. Und der Rest, der dann noch hier
verweilt, wird, so denke ich zumindest, kämpfen. Genauso, wie
natürlich auch die Veteranen sich nicht einfach widerstandslos
ergeben werden. Und dann gibt es da noch etwa zweitausend oder
dreitausend Trinovanter, die geschworen haben, Rom auch weiterhin
die Treue zu halten, und die angeblich geschlossen gegen dein
Kriegsheer antreten wollen. Ich schätze mal, ungefähr die Hälfte
von denen sagt sogar die Wahrheit.«
Breaca ließ den Blick unterdessen über die Muster
auf dem Brunnen schweifen. Der Brunneneimer bestand aus mit Wachs
bestrichenem Schweinsleder, in dessen Oberkante ein eiserner Reifen
gespannt worden war, um den Behälter offen zu halten. Das Seil, das
an diesen provisorischen Eimer geknüpft war, führte hinauf zu einem
aus diversen Rädchen bestehenden Flaschenzug. Es war nicht gleich
auf den ersten Blick zu erkennen, wie der Bottich in das Wasser
hinabgelassen und dann wieder emporgezogen wurde. Nachdem sie
neugierig die Konstruktion gemustert hatte, entgegnete Breaca
schließlich: »Ja, ungefähr die Hälfte von ihnen spricht die
Wahrheit. Und jene, die gegen uns antreten wollen, sind denen, die
auf unserer Seite stehen, wohlbekannt. Viele der Trinovanter auf
der römischen Seite werden also schon tot sein, ehe...« Sie
stutzte. »Ist das etwa einer von deinen Patienten?«
So plötzlich, wie der Schrei begonnen hatte,
erstarb er auch wieder. Sein Echo aber hallte noch immer durch den
Keller.
»Ja, ganz zweifellos.« Ein flüchtiges Grinsen glitt
über Theophilus’ Lippen. »Und, bitte, glaub mir, wenn ich dir
versichere, dass er bereits auf dem Wege der Besserung ist. Würdest
du allerdings die Leute auf der Straße danach befragen, woher diese
Schreie stammen, würden sie dir erzählen, dass das der Geist von
Cunobelin sei, der wieder umgeht und Rache nehmen will für die
Entweihung seines Grabes. Es ist um die Verteidigungsfähigkeit
unserer Stadt also wahrlich nicht zum Besten bestellt. Wenn du mir
kurz mal erlauben würdest...«
Theophilus langte an Breaca vorbei nach dem
Flaschenzug. »Der Mechanismus hier wurde übrigens von einem Freund
von mir angefertigt, als der einst einmal einen gesamten Winter
über hier in Camulodunum ausharren musste. Die Vorrichtung soll
sich ganz einfach bedienen lassen, ist also auch geeignet für einen
Mann, dessen Gliedmaßen nicht mehr so kräftig sind, wie sie es in
jungen Jahren einmal waren. Ich deute die Umsicht, die aus diesem
Gedanken spricht, einfach mal als das Ergebnis eines
vorausschauenden Geistes und nicht als Beleidigung.«
Damit begann der alte Arzt, an einer Kurbel zu
drehen, woraufhin drei Reihen von Zahnrädern sich in Bewegung
setzten. Rumpelnd verschwand der Eimer in der unter dem Öllämpchen
gähnenden Finsternis. Nach einer Weile hörten Breaca und
Theophilus, wie der Bottich in das Wasser eintauchte. »Und wenn man
dann an der Kurbel dreht, neben der du gerade sitzt, schwebt er
wieder nach oben.«
Gehorsam folgte Breaca Theophilus’ Aufforderung und
wunderte sich darüber, wie federleicht der mit Wasser gefüllte
Eimer doch war. Flüchtig dachte sie daran, dass Cunomar sich für
diesen Mechanismus sicherlich sehr interessiert hätte. Außerdem
dachte sie darüber nach, dass Theophilus ihr mit seinen Worten
wieder einmal mehr Informationen gegeben hatte, als sie jemals
guten Gewissens von ihm hätte erfragen mögen. Sie traute sich also
nicht, ihn noch weiter nach den Schwachpunkten in der Verteidigung
Camulodunums auszufragen. Schließlich war sie nicht
hierhergekommen, um ihn über die Verteidigungsstrategie der Stadt
auszuhorchen, die man im Grunde schon erkennen konnte, wenn man
einfach einmal den Blick durch die Straßen schweifen ließ. Sie
hatte Theophilus auch nicht darum bitten wollen, sie wieder zu
heilen, aber zumindest von Letzterem hatte der Arzt ja von allein
zu sprechen begonnen.
Während sie langsam an der Kurbel drehte,
entgegnete sie: »Nach Dubornos’ Rückkehr aus Rom hatte er mir von
einem Mann namens Xenophon erzählt, der früher einmal dein Lehrer
gewesen sein soll. Auch Valerius hatte einige Geschichten über ihn
zu berichten. Er scheint also ein... ein sehr fähiger Arzt gewesen
zu sein.«
»Das war er. Und es stimmt, dass ich in meiner
Jugend einst sein Schüler war. Aber wenn du mich nun fragst, ob ich
auch seine Fähigkeiten besitze, muss ich dir leider entgegnen:
Nein, die besitze ich nicht. Es gab da so ein paar Dinge, die
keiner seiner Schüler jemals begriffen hat und die er schließlich
mit sich ins Grab nahm. Aber wenn du im Gegenzug vielleicht wissen
möchtest, ob es vielleicht ein paar Dinge gibt, die er zwar nicht
kannte, die ich dafür aber beherrsche, kann ich dir sagen: Ja, ich
glaube, auch diese Dinge gibt es. Der Winter, den ich als dein Gast
in Airmids Gesellschaft verbringen durfte, hat Jahre des Lernens
ersetzt. So, jetzt musst du aufhören zu kurbeln und den Griff des
Flaschenzugs durch diese Vorrichtung hier blockieren. Und dann
ziehe ich an diesem Hebel hier - so -, und der Eimer schwebt uns
geradezu entgegen. Siehst du? Geht ganz einfach.«
Der Bottich neigte sich ein wenig nach vorn, und
ein kleiner Schwall Wasser klatschte auf den Boden. Kühler,
kalkiger Geruch stieg von den Fliesen auf. Dann entschwand
Theophilus für einen kurzen Moment in die Dunkelheit und kehrte
schließlich mit zwei grünen Glaskelchen zurück, deren Ränder mit
Edelsteinen besetzt waren.
Als er Breacas Gesichtsausdruck sah, zog er
ebenfalls eine unangenehm berührte Grimasse. »Ich habe vier von
denen hier als Bezahlung für meine Hilfe bei einer sehr schwierigen
Geburt genommen. Und als Arzt sollte man den Geschmack eines
Mannes, der zum ersten Mal Vater wird, besser nicht allzu streng in
Frage stellen. Besonders dann nicht, wenn dieser Mann als das
stellvertretende Oberhaupt der Atrebater den gesamten
Glaswarenhandel von hier bis in die südlichen Seehäfen kontrolliert
und zudem rund zweihundert Söldner befehligt. Damals, als ich die
Gläser entgegengenommen habe, waren seine Männer noch jung und gut
bewaffnet gewesen und litten auch noch nicht unter der Ruhr. Vor
allem standen sie da noch nicht vor unseren Stadttoren Schlange, um
endlich wieder nach Hause entlassen zu werden. Also, würdest du
trotz der Farbe des Glases vielleicht einen Schluck Wasser mit mir
trinken wollen? Es tut mir leid, dass ich dir kein Ale anbieten
kann. Und dir nun unseren römischen Wein zu kredenzen, käme ja wohl
eher einer offenen Beleidigung gleich.«
Dankend nahm Breaca den Kelch voll Wasser entgegen.
Aufmerksam beobachtete Theophilus sie über den Rand seines Bechers
hinweg. »Und jetzt frage ich doch noch einmal...«, begann er leise.
»Bist du zu mir gekommen, weil du hoffst, dass ich dich heilen
könnte?«
»Nein. Der Grund, weshalb ich gekommen bin, ist,
dass ich dich bitten möchte, mit uns Camulodunum zu verlassen, ehe
wir die Stadt niederbrennen. Ich möchte nicht, dass du durch
irgendeinen meiner Befehle zu Tode kommst.
Nun jedoch, da ich hier bin und du mir ohnehin
schon deine Hilfe angeboten hast, würde ich diese sehr gerne
annehmen. Egal, wie bescheiden die Heilung auch sein mag. Denn in
dem Zustand, in dem ich mich gegenwärtig befinde, kann ich keinen
Kampf sonderlich lange durchstehen.«
Durch den Weinbecher betrachtet, hatte Theophilus’
Gesicht eine seltsam grünliche Farbe angenommen, und Breaca
glaubte, plötzlich diesen gewissen, scheinbar alles umfassenden
Frieden in seinen Zügen zu erkennen, wie sie ihn manchmal auch
schon bei Airmid gespürt hatte, immer dann, wenn diese ihr Können
gerade einmal wieder voll hatte einbringen können und das Ergebnis
ihre Bemühungen krönte. Beispielsweise, wenn sie einen schwierigen
Geburtsprozess zu seinem segensreichen Ende geführt oder wenn sie
einen Krieger wieder ins Leben zurückgeholt hatte, obwohl dessen
Kampfwunden ursprünglich tödlich zu sein schienen.
Und für diesen kurzen Moment sah Breaca nicht nur
den Frieden in Theophilus’ Zügen, sondern sämtliche Facetten seiner
Seele. Bis er sich schließlich wieder von ihr zurückzuziehen schien
und irgendein Teil seines Wesen, den sie nicht fassen konnte, sich
wieder vor sein wahres Ich legte. Und genau dieser seltsam
undurchdringliche Teil von ihm tastete sich nun langsam über
Breacas Körper, untersuchte sie ebenso gründlich, wie auch seine
Finger sie zuvor berührt hatten, nur dass diese mentale Kraft, die
Theophilus nun über Breaca gleiten ließ, noch wesentlich tiefer in
sie einzudringen schien. Abermals hatte Breaca das Gefühl, als
würde ihr die Haut vom Körper gezogen, und sie musste sich fest an
den Rand des Brunnens klammern, um nicht zusammenzubrechen.
Mit eiserner Willenskraft hielt sie sich aufrecht,
trank langsam einen Schluck Wasser nach dem anderen und betrachtete
derweil aufmerksam durch das grüne Glas des Weinkelchs hindurch die
fischschwänzigen Ziegen. Nach einer Weile, als sie ihren Becher
geleert und Theophilus noch immer nichts gesagt hatte, sah sie
zaghaft zu ihm auf. Theophilus weinte, schweigend, und hielt dabei
das Weinglas vor sein Gesicht, als wollte er sich dahinter
verstecken, was ihm natürlich nicht gelang. Für Breaca, die von der
anderen Seite des Glases zu Theophilus aufblickte, sah es nun so
aus, als ob grüne Tränen über seine grünen Wangen kullerten.
Theophilus war nun einmal kein Krieger, und das
Glas war kein Schild. Doch das brauchte es auch gar nicht zu sein,
nicht hier, nicht in ihrer Gegenwart. Leise bat sie ihn:
»Theophilus, sprich mit mir. Was immer es auch
sein mag, erzähl es mir einfach. Ich kann es ertragen.«
Er atmete tief ein. »Breaca von den Eceni, es wäre
die Krönung meines Lebenswerks, dich zu heilen.«
Genau das hatte Breaca hören wollen. Es war ihr gar
nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich nach diesen Worten gesehnt
hatte - bis sie sie nun laut ausgesprochen hörte. Theophilus weinte
noch immer.
Sie war schließlich eine Kriegerin, und selbst wenn
sie sicherlich nicht mehr zu den Besten zählte, so wich sie dennoch
keinem Schmerz aus. Eine eisig kalte Angst kroch in ihrer Brust
hoch. Trotzdem stellte Breaca tapfer fest:
»Und genau das, meine Heilung, übersteigt offenbar
deine Kräfte.«
»Nein, ich könnte dich durchaus heilen. Aber der
Prozess würde wohl wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, als dir
jetzt noch bleibt. Denn das Leid, das du in dir trägst, wurde dir
schließlich nicht bloß an einem einzigen Nachmittag zugefügt, egal,
wie grausam diese Auspeitschung auch gewesen sein mag. Die Wunden
in deinem Inneren reichen noch wesentlich weiter zurück. Und das
wissen auch Airmid und Valerius. Um dich zu heilen, müsste man dir
sämtliche Verletzungen, die man dir im Verlaufe eines ganzen Lebens
zugefügt hat, wieder abnehmen. Und das ist keine leichte Aufgabe.
Vor allem lässt sich das nicht einfach so auf die Schnelle
bewerkstelligen. Deine Wunden sind ja nicht bloß physische Wunden,
und die Verletzungen, die deinem Herzen und deiner Seele zugefügt
wurden, reichen noch tiefer als alles, was man deinem Körper jemals
angetan haben mag. Hast du einmal mit Valerius gesprochen und ihn
gefragt, wie lange dessen Heilung gedauert hat? Ist er sich
überhaupt sicher, dass diese Heilung schon abgeschlossen
ist?«
Darüber hatte Breaca noch gar nicht nachgedacht.
Nun aber, da sie sich wieder an die Geschichten erinnerte, die er
ihr während ihrer Fieberträume erzählt hatte, entgegnete sie: »Sein
Vater, Luain mac Calma, hatte ein komplettes Jahr von Valerius
verlangt, um ihn wieder heilen zu können. Und Valerius hat ihm
dieses Jahr auch gewährt.«
Sie spürte genau, wie abgezehrt sie aussehen
musste, versuchte ihre Schwäche im Gegensatz zu Theophilus aber
nicht hinter dem grünen Glas des Weinkelchs zu verbergen.
Vorsichtig stellte sie den Becher gleich neben dem Brunnen auf den
Boden. Breaca spürte ein seltsam hohles Gefühl in ihrem Inneren,
ganz so, als ob die Leere und Ödnis in ihrer Seele plötzlich nach
vorn in ihren Brustkorb getreten sei und sich nun wie eine
klaffende Wunde der Nacht öffnete.
»Wie viel Zeit müsste ich dir denn geben, damit du
mich heilen könntest?«, fragte sie.
Theophilus’ Gesichtszüge wurden wieder etwas
weicher, und er sah Breacas Vater plötzlich sehr ähnlich -
wenngleich Theophilus dies natürlich nicht wissen konnte. »Luain
mac Calma ist doch der Vorsitzende des Ältestenrats von Mona«,
entgegnete er. »Folglich hat er Zugang zu Quellen, über die wir
hier allerhöchstens Mutmaßungen anstellen können. Andererseits aber
reichten die Verletzungen deines Bruders, zumindest meiner Ansicht
nach, trotz allem noch wesentlich tiefer als deine Wunden. Und sie
waren wohl auch von etwas anderer Natur. Wenn ich dir also sagen
würde, dass ich, um dich heilen zu können, Tag und Nacht an deiner
Seite bleiben müsste, also sowohl, während du wach bist, als auch,
während du schläfst - besonders, während du schläfst... Und wenn
ich dir nun zusätzlich sagte, dass ich für diese Heilung ungefähr
bis Mittsommer bräuchte, wahrscheinlich sogar noch länger, und dass
in dieser Zeit niemand anderer in deine Nähe kommen dürfte außer
mir... Würdest du mir diese Zeit dann gewähren? Könntest du
mir diese Zeit gewähren?«
Theophilus war kein Stratege im eigentlichen Sinne.
Doch er hatte fast sein gesamtes Erwachsenenleben unter Angehörigen
des Militärs zugebracht. Und er hatte die Wachtürme brennen sehen
und konnte die Feuer des Kriegsheeres und die sich daraus
ableitende Größe von Breacas Armee genauso leicht abschätzen wie
jeder andere Mann. Außerdem wusste er, wie weit es von Camulodunum
bis nach Mona war, und er wusste, wo die Legionen stationiert
waren. Folglich hatte ihm all dieses Wissen auch bereits Breacas
Antwort verraten, noch ehe er seine Frage überhaupt gestellt hatte.
Und genau das war der Grund, weshalb er geweint hatte.
Schweigend stand Breaca neben ihm. Nach einer
Weile, als der Schmerz in ihrer Brust eine geradezu bleierne Last
zu werden schien und sie nicht mehr die Kraft fand, diesen Schmerz
einfach von sich zu stoßen, ließ sie sich abermals auf dem Rand des
Brunnens nieder.
»Es tut mir leid«, sprach Theophilus schließlich
mit leiser Stimme. »Bitte warte einen Augenblick hier.« Dann war er
verschwunden. Breaca horchte auf seine Schritte, bis das Schlurfen
seiner Füße über die tönernen Fliesen schließlich ganz verhallte.
Während seiner Abwesenheit begann die Öllampe zu rußen, bis die
Flamme irgendwann endgültig erlosch.
Als Theophilus wiederkehrte, schnalzte er
missbilligend mit der Zunge, verschwand abermals und kehrte dann
mit einer weiteren kleinen Lampe zurück. Mittlerweile aber war
Breaca das neue Licht gar nicht mehr willkommen.
»Meine Liebe, ach, meine Liebe...«
Endlich, so schien es, konnte Breaca weinen. Und
nun, da sie ihren Tränen einmal freien Lauf gelassen hatte, konnte
sie sie auch nicht mehr so einfach wieder beherrschen, selbst dann
nicht, als sie feststellte, dass sie nicht mehr allein war, sondern
wieder in der Obhut eines fremden Mannes. Vor ihm sollte sie ihre
eigene Schwäche also eigentlich wesentlich leichter zeigen können
als vor jedem anderen. Und dennoch fiel es ihr schwer, sich einfach
einmal gehen zu lassen.
Breaca hörte, wie Theophilus’ Knie so laut
knackten, dass das Echo von den Wänden widerhallte. Dann kniete er
neben ihr nieder und legte die Hände um ihre Schultern. Während er
sorgsam auf ihren Rücken achtete, zog er sie ein kleines Stück zu
sich her, sodass ihr Kopf irgendwann in der Kuhle zwischen seinem
Hals und seiner Schulter zu liegen kam und sie seinen schwachen
Schweißgeruch riechen konnte und den leicht männlichen Duft, der
für sie zugleich der Geruch ihres Vaters war. Als sie schließlich
in Theophilus’ Kleidung auch noch die Gerüche fremder Feuer
erahnte, konnte sie weinen. Die Nase in das weiße Leinen seiner
Kleidung gepresst, folgte auf ihre Tränen langsam ein ihren ganzen
Körper erschütterndes, krampfhaftes Schluchzen, ein Weinen, wie sie
es seit ihrer Kindheit nicht mehr geweint hatte, und vielleicht
noch nicht einmal damals.
Breaca keuchte, befürchtete fast, sich übergeben zu
müssen, versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, atmete
hastig und tief zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
»Breaca, Breaca...«
Theophilus hatte das Kinn auf ihren Kopf gelegt,
sodass seine Stimme nun sanft durch ihr Haar drang. Er tätschelte
ihr die Wange, streichelte zart mit den Fingerspitzen darüber.
Irgendwann, als er die Hand schließlich wieder fortzog, war sie
benetzt von Tränen und Nasenschleim, und dennoch wischte er sie
nicht sogleich an dem Tuch an seinem Gürtel ab. Stattdessen hielt
er Breaca einen Becher an die Lippen und leerte seinen Inhalt
vorsichtig in ihren Mund.
Argwöhnisch kostete Breaca von dem Getränk, stellte
dann aber fest, dass es weder Mohnextrakt noch Eisenkraut noch
Hundswehr oder irgendeine andere jener Arzneien enthielt, die sie
im Augenblick beim besten Willen nicht zu sich nehmen wollte, und
trank schließlich den ihr dargebotenen Aufguss aus. Die Wirkung
setzte ein wenig unterhalb ihres Zwerchfells ein, und abermals
begann Breaca zu schluchzen. Abrupt hielt sie die Luft an, wollte
sich beherrschen.
Aber schon schüttelte Theophilus sie behutsam bei
den Schultern, ganz so, wie ein Vater ermahnend sein Kind
schüttelte. »Du willst dir wohl immer noch keine Schwäche
zugestehen, nicht einmal jetzt, nicht wahr? Lass endlich los, Frau.
Weine, wenn du weinen musst. Schrei, wenn du dich danach fühlst.
Außer mir hört das niemand. Und falls es dennoch irgendwelchen
anderen zu Gehör kommen sollte, dann werden die wahrscheinlich
glauben, dass es wieder mal Peltrasius ist oder der Geist von
Cunobelin, je nachdem, wie lebhaft ihre Fantasie ist. Wann hast du
eigentlich das letzte Mal geschlafen? Und ich meine, richtig
geschlafen, frei von Drogen und Fieber und den Angstträumen vor dem
Krieg?«
Eine andere Stimme antwortete: »Wahrscheinlich als
sie zwölf war, denke ich. Damals, ehe ihre Mutter starb. Und
vielleicht gab es auch noch ein paar Nächte auf Mona in den Armen
von Caradoc, oder, in jüngerer Zeit, an der Seite von Airmid, in
denen Breaca sich und alles, was auf ihr lastete, endlich einmal
vergessen konnte.«
Stille breitete sich im Brunnenraum aus, und nur
die unregelmäßigen Atemzüge von Breaca waren noch zu hören.
»Valerius?«, fragte sie zaghaft.
Er befand sich irgendwo zu ihrer Linken, doch sie
konnte ihn nicht sehen. Stattdessen stellte sie fest, dass eine
seltsame, allem Weltlichen entrückte Klarheit sich in ihr
ausbreitete, als sie seine Stimme hörte. Jene gleiche Klarheit, die
sie auch gespürt hatte, als er während ihrer Fieberträume zu ihr
gesprochen hatte. Jetzt jedoch litt sie unter keinem Fieber mehr,
sondern schien eher in Verzweiflung zu ertrinken. Die kleine
Öllampe log, denn um Breaca herum herrschte kein Licht mehr,
sondern Finsternis - zumindest in Breacas Wahrnehmung. Und selbst
das, was Breaca noch in der Finsternis zu erkennen glaubte,
verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen.
Vorsichtig ergriff ihr Bruder ihre Hand. Niemals
könnte sie seine Berührung mit der irgendeines anderen Menschen
verwechseln. Seine Finger waren kühl und trocken und fest.
»Mein Vater hat ein ganzes Jahr lang Tag und Nacht
nichts anderes getan, als an meiner Heilung zu arbeiten. Sogar
dann, wenn ich selbst gar nicht gespürt habe, dass er an meiner
Gesundheit arbeitete. Und wie Theophilus dir sicherlich bestätigen
wird, ich bin trotzdem noch nicht wieder gänzlich genesen. Aber es
geht mir immerhin schon wesentlich besser. Und auch dir können wir
die Zeit für deine Genesung verschaffen. Wenn du es denn
willst.«
Endlich hatte Breaca ihre Gefühlsregungen wieder
weitgehend unter Kontrolle bekommen. Vielleicht war es die
Anwesenheit ihres Bruders, die ihr wieder Kraft und
Selbstbeherrschung verliehen hatte, oder aber Theophilus’ stille,
die Seele reinigende Gegenwart, oder vielleicht auch einfach die
Tatsache, dass sie endlich einmal hatte durchatmen können und sich
damit wieder ein paar Schritte entfernt hatte von jenem Abgrund,
der sie schon seit langem täglich aufs Neue zu verschlingen drohte.
Breaca löste sich von den beiden Männern und lehnte sich vorsichtig
gegen die Mauer unter der neu mit Öl gefüllten Lampe.
Valerius hatte sich mit dem Rücken gegen den
Zugmechanismus des Brunnens gelehnt und musterte seine Schwester
mit dem gleichen Taktgefühl, mit dem er sie schon während ihres
gemeinsamen kleinen Kampfes auf der Lichtung vor dem Altar Brigas
beobachtet hatte und während der darauf folgenden Schlacht gegen
die Neunte Legion. Stets hatte er sie nur sehr behutsam angeschaut,
ganz so, als ob zu viel Eindringlichkeit ihre zerbrechliche
Konstitution endgültig zerschlagen hätte.
Und vielleicht hatte Valerius mit dieser
Einschätzung auch ganz recht gehabt, denn mit der Stimme eines
Menschen, der den Punkt der absoluten Erschöpfung erreicht hatte,
entgegnete Breaca: »Aber wer soll dann das Kriegsheer anführen,
wenn ich mich für sechs ganze Monate einfach so von allem
zurückziehe? Wer wird Cunomar in Schach halten und die
Bärinnenkrieger davon abhalten, noch mehr Angriffe auf die Römer zu
verüben, ehe das Heer endlich seine volle Kampfstärke erreicht hat?
Wer wird Cygfa am Leben erhalten, obwohl ihr Instinkt mittlerweile
nur noch ein Ziel kennt - zu töten und nochmals zu töten, egal,
welches Risiko sie damit auch für ihr eigenes Leben eingeht? Cygfa
muss doch zumindest so lange am Leben bleiben, dass sie, falls es
zu einer richtigen Schlacht kommen sollte, noch den Befehl über den
rechten Flügel übernehmen kann. Wer wird während der
Ratsversammlungen mit den Stammesoberhäuptern der Coritani
sprechen, mit den Anführern der Dobunni, der Durotriger, Dumnonii,
der Silurer, der Briganter, der Ordovizer und der Atrebater? Falls
alle diese sich tatsächlich noch dazu entschließen sollten,
gemeinsam mit uns in den Krieg zu ziehen. Wer hat denn die gesamten
vergangenen zwanzig Jahre über stetig irgendwelche Geschenke mit
ihnen ausgetauscht, ihnen bei den Ratsfeuern stets den Platz des
Ehrengastes zugewiesen und auch an ihren Versammlungen
teilgenommen? Wer hat ihre Stammesangehörigen in die Schlacht und,
vor allem, in den Sieg geführt, auf dass sie sich nun endlich alle
vereinigen und gemeinsam kämpfen, egal wie tief die Zerwürfnisse
zwischen den einzelnen Stämmen reichen mögen. Wenn du mir jetzt
einen Menschen nennen kannst, dem ich all dies wirklich und guten
Gewissens zutrauen kann, dann, das verspreche ich dir, werde ich
auf der Stelle verschwinden und mich endlich meiner eigenen
Genesung widmen.«
Valerius war ihr Bruder, sodass er ihren Blick
länger ertrug als die meisten anderen Männer. Und selbst dann, als
schließlich auch er die Lider senkte, geschah dies nur, um statt
Breaca den mit Juwelen umsäumten Weinkelch zu betrachten.
Vorsichtig nahm Valerius den Becher auf, und sogleich umschloss ein
grünliches Schimmern seine Finger. »Niemand, außer dir, kann all
das. Und ich wüsste auch niemanden, der das auch nur versuchen
möchte.«
»Aber warum bietest du mir dann etwas an, das du
doch nicht erfüllen kannst? Wo bleibt die Liebe bei einem solchen
Angebot?«
»Ich habe ja nicht gesagt, dass wir das, was ich
dir angeboten habe, nicht bewerkstelligen könnten. Ich sage nur,
dass das nicht einer allein schaffen kann. Aber es gibt genügend
Menschen, die zumindest jeweils einen Teil des Ganzen übernehmen
könnten, wenn es denn von ihnen verlangt würde. Cunomar ist gerade
auf dem besten Wege, sowohl eine gewisse Selbstbeherrschung als
auch die Qualitäten eines Führers zu erlernen. Cygfa entdeckt mehr
und mehr Gründe, warum es sich lohnen könnte, eine Schlacht nicht
nur durchkämpfen, sondern auch überleben zu wollen. Und Ardacos hat
sich der Zerstörung Roms mit einer solchen Inbrunst gewidmet, dass
er sicherlich auch die Verhandlungen mit den anderen Stammesführern
übernehmen könnte. Keiner von all denen, die ich gerade aufgezählt
habe, ist die Bodicea, die all dies auf einmal schafft und zudem
auch noch die Krieger derart in ihren Bann schlägt, dass diese in
den Schlachten weit über ihre eigenen Grenzen hinausgehen. Aber
jeder von ihnen kann zumindest einen gewissen Teil von dem Ganzen
übernehmen.«
»Auch das Anfeuern der Krieger könntet ihr
schaffen, jeder Einzelne von euch.«
»Nein. Ich habe gesehen, wie du gegen die Neunte
Legion gekämpft hast. Und obwohl du bei Weitem noch nicht deine
alte Form zurückerlangt hattest, wurden die Krieger, die in deiner
unmittelbaren Nähe kämpften, allein durch deine Anwesenheit von
ganz neuem Leben erfüllt. In deiner Gegenwart kämpfen sie wie eine
eingeschworene Gemeinschaft. Ohne dich sind sie bloß wieder jene
Grünschnäbel, die einfach bloß jeder ihre eigene kleine Schlacht
durchfechten. Du siehst all das schon gar nicht mehr, weil es für
dich die ganzen Jahre über so gewesen ist. Aber jene von uns, die
dir dabei zuschauen, erkennen das alles noch ganz genau. Und darum
fürchten wir den Moment, in dem du zusammenbrechen könntest, denn
dann würde das gesamte Kriegsheer zerbrechen. Allein die Bodicea
ist es, die das Kriegsheer zu dem macht, was es ist.
Darum brauchen wir dich, Breaca, genau deswegen.
Aber wir brauchen dich sozusagen in einem Stück. Ansonsten
zerbrechen auch wir. Vielleicht noch nicht sofort, aber schon bald
könnten wir einen Punkt erreichen, an dem es mehr Schaden
anrichtet, zwar immer noch deine körperliche Gegenwart zu spüren,
aber gleichzeitig zu wissen, dass du seelisch schon lange nicht
mehr unter uns weilst, als wenn du dich für eine gewisse Zeit
einfach einmal ganz zurückziehen würdest.«
»Und warum hat mir all das keiner von euch schon
mal ein bisschen eher gesagt?«
»Arroganz?« Obwohl Valerius, als er dies sagte,
ganz und gar nicht arrogant dreinschaute. Er sah vielmehr aus wie
ein Mann, der an die Grenzen seiner eigenen Kraft, seines eigenen
Wesens gelangt war. »Wir dachten, dass wir dich irgendwie schon
wieder heilen könnten. Und dann, als wir merkten, dass wir das
nicht schaffen, glaubten wir, dass bestimmt der Kampf dich wieder
genesen lassen würde. Und dann hofften wir, dass das Wissen, dass
Graine in Sicherheit ist, dir wieder zu deiner alten Gesundheit
zurückverhelfen würde. Selbst heute noch hatten wir den Glauben
nicht aufgegeben, dass Airmid, in ihrer Eigenschaft als deine
Freundin und Heilerin, dich vielleicht wieder hinbekommen würde.
Aber wir haben uns alle geirrt.«
Zwischenzeitlich war Theophilus leise neben Breaca
getreten und hatte nun eine Hand auf ihren Arm gelegt. Sie nahm ihn
zwar wahr, doch mit einer solch seltsamen Distanziertheit, als ob
ihr Körper in Wahrheit einer Fremden gehörte. Ihre Stimme klang
hohl und leer. »Vielleicht war es ja nötig, dass mir das mal einer
in aller Klarheit sagt. Also, wie wäre es, wenn auch ich eine
aktive Rolle bei meiner Heilung übernehmen würde - könnte ich dann
vielleicht etwas schneller genesen? Vielleicht an einem einzigen
Tag? Oder in zwei Tagen? Zehn? So lange könnten wir vielleicht noch
warten, ehe wir Camulodunum und alle, die sich innerhalb der
Grenzen dieser Stadt aufhalten, niederbrennen.«
Fest drückte ihr Bruder mit dem Daumen gegen einen
der Rubine, die in den Rand des Glases eingelassen waren. »Um
wieder genesen zu können«, erklärte er, »musst du erst einmal
verstehen, was dir fehlt und warum. Und ich persönlich wüsste
nicht, wie man diesen Prozess der Erkenntnis beschleunigen könnte.«
Vorsichtig setzte er den Weinkelch auf dem Brunnenrand ab. Dann sah
er wieder auf. »Theophilus? Wissen die Ärzte von Athen und Kos
darauf vielleicht eine Antwort?«
»Man könnte eine Nacht im Tempel des Asklepios
verbringen, aber der liegt mehr als eine halbe Jahresreise von hier
entfernt. Und ich würde sowieso bezweifeln, ob das bereits
ausreicht. Aber darüber hinaus... Es tut mir leid. Ich kann dir
keine Möglichkeit anbieten, deine Genesung mit der Geschwindigkeit
voranzutreiben, die du dir erhoffst. Ich habe es also nicht einfach
nur so dahingesagt, als ich dir anbot, dir sechs Monate meines
Lebens zu widmen, um dich wieder zu heilen. Und ich denke, in der
Zeit würde ich das auch tatsächlich schaffen. Aber schneller geht
es nicht. Zumindest nicht meines Wissens nach.«
Abermals breitete sich Schweigen aus. Breaca,
Theophilus und Valerius nahmen sich einen Augenblick, um
nachzudenken, um im Geiste das Machbare vom Unmöglichen zu trennen
und um daraus dann schließlich eine Möglichkeit abzuleiten, wie man
weitermachen könnte.
Theophilus saß noch immer in genau der Haltung, wie
er auch schon gesessen hatte, als Breaca ein Stückchen von ihm
abgerückt war - die Knie angezogen und die Ellenbogen nachdenklich
darauf gestützt, eine Haltung, die die Ehrfurcht gebietende Wirkung
seiner weißen Robe wieder komplett zunichte machte. Breaca stand
auf und ließ sich unmittelbar vor Theophilus wieder auf dem Boden
nieder. Sie berührte ihn zwar nicht, war ihm aber dennoch so nahe,
dass sie die ruhige Hitze spüren konnte, die von seiner Haut
ausstrahlte.
»Allein die Tatsache, dass du dir überhaupt
Gedanken um meine Heilung gemacht hast und bereit bist, mir die
dazu nötige Zeit zu gewähren, ist ein größeres Geschenk, als ich
jemals von dir hätte erbitten mögen. Und es ist auch nicht dein
Fehler oder meiner, dass ich dieses Geschenk leider dennoch nicht
annehmen kann. Wir beide wissen, dass der gute Wille auf jeden Fall
da war. Und vielleicht könnten wir eines Tages auf dein Angebot
zurückkommen. In der Zwischenzeit aber würde ich mir von dir gerne
ein anderes Geschenk wünschen, eines, das durchaus im Bereich des
Möglichen liegen dürfte. Es kommt der Tag, an dem der Krieg
ausbricht. Vielleicht nicht gleich morgen früh und vielleicht auch
noch nicht in zehn Tagen, aber dennoch bald. Würdest du also bitte
mit uns kommen, dorthin, wo du in Sicherheit wärst? Wir werden auch
nichts von dir verlangen. Es ist nur so, dass wir dir doch quasi
alles schulden und diese Schuld nun nicht mit deinem Tode
quittieren wollen.«
»Auch das ist leider eine Bitte, die ich nicht
erfüllen kann.« Theophilus schüttelte den Kopf. »Ich kann das
Krankenhaus jetzt noch nicht verlassen. Hier liegen drei Patienten.
Und bis morgen die Sonne abermals aufgeht, könnten es durchaus
schon wieder mehr sein. Ich habe einst einen Eid abgelegt, mit dem
ich geschworen habe, meine Patienten niemals im Stich zu lassen.
Und diesen Eid werde ich nun ganz gewiss nicht brechen, bloß um
mein eigenes Leben zu retten. Wenn diese Patienten das Krankenhaus
nun alle urplötzlich verlassen sollten oder wenn zweifelsfrei
feststände, dass ich ihnen, selbst wenn ich bliebe, ohnehin nicht
mehr helfen könnte, dann, ja, dann würde ich meinen Schülern folgen
und in euer Lager übersiedeln. Aber das wird wahrscheinlich nicht
mehr vor eurem Angriff passieren. Und wir alle sollten uns nun noch
einmal vergegenwärtigen, dass die Entscheidung, zu gehen oder zu
bleiben, allein bei mir liegt. Und ich spreche euch hiermit frei
von jeglicher Schuld an dem Schaden, den ich oder mein Krankenhaus
durch diese meine Entscheidung womöglich noch erleiden
werden.«
Abermals begannen über ihnen die Schreie zu hallen,
nahmen eine immer schrillere und lautere Tonart an, ganz so, als ob
der derart von seinen Qualen heimgesuchte Patient zwischendurch
nicht eine Sekunde innezuhalten bräuchte, um einmal Luft zu
holen.
Theophilus erhob sich. »Seht ihr? Wie soll ich
einen Mann verlassen, der unter derartigen Schmerzen leidet?
Besser, ihr brecht jetzt wieder auf. Und sollte es mir irgendwie
möglich sein, werde ich mich euch früher oder später anschließen.
Und falls nicht, werden ja vielleicht eure Götter über mein
weiteres Schicksal und das des Krankenhauses wachen.«
Damit packte Theophilus sowohl Breaca als auch
Valerius mit jenem Griff um den Ellenbogen, mit dem auch Krieger
sich vor einer Schlacht ein letztes Mal begrüßten. Seine
Gesichtshaut war schlaff von Alter und Erschöpfung, seine Augen
blickten unendlich weise. »Was auch immer passieren mag, so habe
ich doch ein erfülltes Leben gelebt, und euch kennen zu dürfen, hat
es sogar noch zusätzlich bereichert. Und anders hätte ich es auch
gar nicht gewollt. Nun geht und beginnt jenen Krieg, den ihr
offenbar beginnen müsst, und achtet darauf, dass, wenn ihr siegen
solltet, auch ihr beide einen Weg findet, wie ihr eure körperliche
und seelische Integrität zurückerlangt. Sonst war alles
umsonst.«