XVII

Im Militärkrankenhaus von Camulodunum war es so ruhig wie nie zuvor.
Nur drei der Betten waren belegt: zwei davon von Frauen, die nach ihrer Entbindung an Milchfieber litten, wobei die Erkrankung sich in beiden Fällen durch Angst sowie durch Nahrungsmangel infolge der seit nunmehr fünf Tagen währenden Belagerung noch verschlimmert hatte. In dem dritten Bett lag Peltrasius Maximus, ein schwatzhafter, querköpfiger Veteran der Zwanzigsten Legion, der unter Harngrieß litt.
Peltrasius war angewiesen worden, bei jeder Wache einen Krug Brunnenwasser zu trinken - Wasser war das Einzige, was noch immer reichlich vorhanden war -, und dies hatte natürlich dazu geführt, dass er nicht nur größere Mengen Harn produzierte, sondern auch sehr viel häufiger urinieren musste. Seine gellenden Schmerzensschreie, wenn die getreidekorngroßen Bröckchen Grieß die gesamte Länge seiner Harnröhre entlangwanderten, konnte man nicht nur überall im Krankenhaus, sondern sogar noch bis ins Theater und ins Forum hören.
In glücklicheren Zeiten hätten die Leute Peltrasius’ Leiden wahrscheinlich ins Lächerliche gezogen und es zu einem Schwank ausgebaut, sodass das Theater vom Elend des Mannes sogar noch hätte profitieren können. Jetzt jedoch, da der Rauch von tausend Feuern den Horizont verdunkelte und das Kriegsheer der Eceni gerüchteweise auf eine Stärke von mehreren zehntausend Mann angewachsen war, behaupteten die Leichtgläubigeren unter den Bewohnern - und dies galt sowohl für Veteranen als auch für Eingeborene -, sie hätten gehört, wie der Geist Cunobelins sich aus seinem Hügelgrab erhob, und ihn in den immer leerer werdenden Straßen der Hauptstadt umgehen sehen. Sie wollten einfach nicht glauben, dass das Schmerzensgeheul eines Sterblichen sich mitunter genauso anhören konnte wie die rachsüchtigen Seelen der Toten.
Nun war Peltrasius allerdings keineswegs im Begriff zu sterben. Es war bloß so, dass er wünschte, er wäre tot.
Theophilus von Athen und Kos, früher einmal Leibarzt mehrerer Kaiser und jetzt dazu gezwungen, ehemalige Soldaten der Legionen zu behandeln, die unter den Folgen ihrer übermäßigen Genusssucht litten, war mittlerweile so weit, dass er wünschte, er könnte dem Mann, der bei ihm in Behandlung war, irgendein Mittel verabreichen, das diesen endlich zum Schweigen bringen würde. Unter normalen Umständen hätte er Peltrasius’ Pflege seinen Assistenten überlassen, und er wäre sogar bereit gewesen, sie das Honorar, das er dafür bekam, behalten zu lassen. Doch er hatte ihnen befohlen, die Stadt zu verlassen.
Mehr als er sich jemals hätte vorstellen können, vermisste Theophilus sowohl die schlagfertige, aufgeweckte Art seines Sekretärs, des Jungen, den er Gaius genannt hatte, als auch die etwas langsamere, ein wenig schwermütige, aber ungeheuer sorgfältige Art von Felix, dem jungen Arzt, der quasi noch bei ihm in der Lehre war. Ihre Abwesenheit hatte eine Lücke im Leben seines Krankenhauses hinterlassen, die auch die Heilung anderer nicht auszufüllen vermochte.
Theophilus war überhaupt nicht darauf gefasst gewesen, wie sehr ihn die Trennung von seinen beiden Assistenten schmerzen würde, als er sie das erste Mal gebeten hatte zu gehen. Das war in jener Nacht gewesen, in der er gemeinsam mit ihnen am offenen Fenster seines Schlafzimmers im zweiten Stock des Hospitals gestanden und beobachtet hatte, wie der Wachturm in Flammen aufging. Nur mit seinem Nachthemd bekleidet, hatte Theophilus sowohl bei Felix als auch bei Gaius die Ergriffenheit und Ehrfurcht junger Menschen gespürt, die glaubten, sie wüssten, was Feuer und Krieg sind, und die trotzdem noch jung und unerfahren genug waren, um beides zu verehren.
Theophilus neigte nicht dazu, irgendetwas zu verehren, und er würde sich auch niemals dafür hergeben, für einen Krieg einzutreten. Denn er hatte zu viele Freunde auf beiden Seiten, um nicht überaus deutlich die grenzenlose Tragik zu erahnen, die sich in jener Nacht anbahnte. Mit einem beklemmenden Gefühl im Herzen hatte er beobachtet, wie die orangeroten Flammen in den dunklen Nachthimmel emporgeschossen waren und wie wenig später die Reihe winziger Lichtpunkte am fernen Horizont aufleuchtete, als man völlig unnötigerweise die Signalfeuerkette entzündet hatte, ganz so, als ob noch mehr Feuer in irgendeiner Weise nutzbringend wären oder gar notwendig, um die Botschaft des ersten zu verstärken.
Noch bevor die Kette komplett gewesen war, hatte Theophilus sich wieder vom Fenster abgewandt und gesagt: »Die Eceni revoltieren. Es kann einfach niemand anderer sein. Aber ich denke, einen Angriff auf Camulodunum werden sie vorerst nicht wagen, nicht, solange noch die Gefahr besteht, dass die Neunte ihnen von hinten auf den Leib rückt. Wir haben also ein paar Tage Zeit, um uns zu rüsten. Ihr solltet eure Familien finden und schleunigst von hier verschwinden. Geht in den Norden zu den Eceni, wenn ihr an deren Krieg teilnehmen wollt. Oder geht in den Süden nach Caesaromagus oder in den Westen nach Verulamium, wenn ihr lieber unter den Anhängern Roms Zuflucht finden wollt.«
»Und wenn wir keines von beiden wollen? Wenn wir stattdessen lieber unsere Studien bei Euch fortsetzen wollen? Was sollen wir dann tun?«
Diese Frage hatte Felix gestellt, der rundliche, stets freundliche junge Bursche, der Hände hatte, die ebenso mühelos eine Frau bei der Entbindung zu beruhigen vermochten, wie sie einem Mann, der an der roten Ruhr starb, Trost und Beistand leisten konnten oder einen Jungen wieder zusammenflicken, der im Tempel unter herabstürzendem Mauerwerk begraben worden war. Seine Stimme war weich, volltönend und warm, so wie die Flammen, die den Horizont erhellten.
»Er wird uns trotzdem drängen, fortzugehen, ob wir wollen oder nicht. Es wird zu einer Belagerung kommen und dann zu einer Schlacht, und er glaubt, es sei seine Pflicht, dass er uns schützt, und nicht etwa umgekehrt.«
Gaius hatte so schnell das Wort ergriffen, dass Theophilus gar nicht mehr dazu kam, auf Felix’ Frage zu antworten. Der Sekretär war im vergangenen Jahr ein gutes Stück gewachsen und war nun mindestens ebenso groß wie auch jeder andere der Stammesangehörigen. Zudem war seine Statur schlank und sehnig, und er besaß ein längliches Gesicht. Seinen hellen, scharf blickenden Augen schien nichts zu entgehen, ihnen fiel selbst der feine Staub in den Ecken der Krankenzimmer auf. Und noch während er diesen Staub eigenhändig beseitigte, überschlug er im Geiste zumeist schon wieder irgendwelche Rechnungen. So konnte es passieren, dass auf die Kosten für eine einzige Übernachtung in Theophilus’ Krankenhaus und für das Richten und Verbinden eines gebrochenen Handgelenks schnell noch eine zusätzliche Gebühr erhoben wurde, nur weil der Patient, als er seine Schulden begleichen wollte, den Fehler gemacht hatte, seinen Geldbeutel zu weit zu öffnen und Gaius somit einen Blick auf die Anzahl und die Farbe seiner Goldmünzen zu gewähren.
Und genau dieser scharfe Verstand zeigte sich auch, als Gaius nun mit einem seiner höchst seltenen Lächeln auf den Lippen fortfuhr: »Aber natürlich wissen wir, dass es auch zu unseren Pflichten gehört, unseren Lehrherrn zu beschützen. Und darum kann er uns unmöglich zwingen, ihn zu verlassen. Wenn wir entscheiden, dass wir lieber hierbleiben und an seiner Seite den Eceni trotzen möchten, gibt es nichts, womit er uns davon abhalten könnte.«
Und diese Feststellung entsprach in der Tat der Wahrheit, wie sich in den folgenden Tagen zeigte. Sechs Tage lang hatte Theophilus seine jungen Mitarbeiter immer wieder gebeten, seinem Wunsch Folge zu leisten und endlich zu fliehen. Dann hatte er versucht, ihnen die Abreise sozusagen zu befehlen. Schließlich hatte er an ihren gesunden Menschenverstand appelliert. Doch nichts von alledem hatte etwas genützt. Stattdessen hatte er nur beobachten können, wie die Zahl der wirklich Kranken und Verletzten immer weiter abnahm, während die Zahl derer, die an Lebensmittelvergiftungen litten und sich an der Tür des Krankenhauses einfanden, stetig anwuchs.
Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem Peltrasius noch lauter geschrien hatte als zuvor - was zumeist nachts der Fall war - und die Gerüchte wahrlich beängstigende Ausmaße angenommen hatten, sodass Felix und Gaius sich schließlich doch gezwungen sahen, ihre schlichten, wollenen Tuniken anzulegen, sich die Hände zu waschen und hinauszutreten in die Abendluft, um den Menschen, oder zumindest denen, die ihnen Gehör schenkten, zu erklären, dass der Mann, den sie da soeben hörten, noch überaus lebendig war und beileibe noch keine Lust verspürte, sich in nächster Zeit in einen Geist zu verwandeln.
Traurigerweise aber hatte der bloße Anblick der beiden jungen Männer die Gerüchteküche noch weiter angeheizt, so wie es in Zeiten der Angst eben nur allzu leicht geschah, sodass sich bald die Nachricht verbreitete, dass mittlerweile sogar schon drei Geister in der Gestalt von Cunobelin ihr Unwesen trieben. Mitunter hieß es auch, die drei seien Cunobelin und seine beiden Söhne, wobei die Söhne aber lediglich stöhnten und irgendetwas murmelten und Passanten mit ihren Todesfingern berührten, während Cunobelin weiterhin unaufhörlich heulte und schrie. Dann, eines Tages, nachdem sie gemeinsam mit Theophilus einen Jungen wegen eines gebrochenen Fingers behandelt hatten, sahen sie ein, dass sie ihr Vorhaben nun wohl endgültig aufgeben sollten. Denn der Kleine schwor nach der Behandlung im Namen gleich zweier Götter, dass auch er und sein Vater im Krankenhaus von Camulodunum die seltsamen Geister gesehen hätten und dass sein Vater daraufhin versucht habe, eine dieser Geistererscheinungen mit dem Schwert zu durchbohren, dass aber dieses Schwert geradewegs durch den Körper des Geistes hindurchgedrungen sei. Die Bevölkerung näherte sich in ihrem Verhalten also bereits dem Zustand der Hysterie, und die Gefahr, dass womöglich auch noch ein Zweiter auf der Suche nach dieser wundersamen Begebenheit im Krankenhaus mit seinem Schwert herumzufuchteln begann, war einfach zu groß.
Letzten Endes waren nur noch die Veteranen und deren Familien in der Stadt verblieben und diejenigen, die sich Rom mit einer solchen Inbrunst verschrieben hatten, dass sie es einfach nicht mehr wagten zu fliehen. Als dieser Zeitpunkt erreicht war, verließen schließlich auch Gaius und Felix Camulodunum. Am siebten Tag, nachdem die Brände begonnen hatten, waren sie gemeinsam auf ihren Lehrherrn zugetreten. Erschöpft und bleichgesichtig hatte Gaius nur gerade eben so viel gesagt, wie unbedingt gesagt werden musste. »Bis auf uns beide sind alle, die sich jetzt noch in der Stadt aufhalten, überzeugte Anhänger Roms. Wenn wir jetzt also trotz allem noch hier bleiben würden, dann würden wir etwas unterstützen, das man gar nicht unterstützen kann. Die Bodicea hat ihre Krieger in das Tal des Reiherfußes befohlen. Und sollte es tatsächlich Krieg geben, wird sie auch Ärzte brauchen. Möchtet Ihr also nicht endlich mit uns kommen?«
Theophilus hatte längst geahnt, dass seine beiden Schüler diese Rede an ihn richten würden. Die halbe Nacht über hatte er gehört, wie sie sich in dem Schlafsaal zwei Stockwerke unter seinem Zimmer beraten hatten. Er hatte beobachtet, wie der Mond am Himmel aufstieg, hatte zugesehen, wie dieser irgendwann wieder unterging, hatte die nächtlichen Feuer am Horizont betrachtet, die anzeigten, wie dicht vor der Stadt das Heer der Krieger sich versammelt hatte. Erst als er hörte, wie seine Schüler die Treppe zu seiner Kammer heraufkamen, hatte er den Blick vom Fenster abgewandt und sich noch einen Moment darauf konzentriert, was er seinen beiden Assistenten nun sagen würde, denn auch er hatte sich bereits eine kleine Rede zurechtgelegt.
Theophilus war sich überhaupt nicht bewusst gewesen, wie müde er aussah oder wie alt, als er entgegnete: »Solange hier auch nur noch ein einziger Mensch im Krankenhaus liegt, kann ich Camulodunum nicht verlassen. Wenn die Frauen sich wieder erholt haben und Peltrasius endlich sein letztes Körnchen Harngrieß ausgeschieden hat - oder aber seinen letzten Atemzug getan -, und wenn dann nicht schon wieder neue Patienten eingetroffen sein sollten, die die Plätze der alten einnehmen, dann werde auch ich mich endlich mit der Überlegung beschäftigen, wohin ich mich nun wenden soll.«
Es war genau jene Art von Erwiderung gewesen, mit der Gaius und Felix bereits gerechnet hatten. Und das alles - fast - nur wegen Peltrasius! Hätte es also nur an dem alten Veteranen gelegen, hätten Theophilus’ Schüler diesen einfach umgebracht und versucht, die Tat irgendwie zu vertuschen. Doch dann wären immer noch die Frauen übrig, und die wagten sie nun doch nicht zu töten. Felix’ Augen waren tränennass gewesen, als er erwiderte: »Nun gut. Aber hier ist wenigstens noch ein Geschenk von uns, damit Ihr etwas habt, das Euch an uns erinnert.«
Sie hatten ihre Überraschung draußen vor der Tür gelagert und baten Theophilus, sich für einen Moment abzuwenden, während sie das Geschenk gemeinsam hereintrugen. Der alte Arzt dachte, ihn erwarte nun vielleicht ein besonderer Wein oder ein wenig von dem geräucherten Keilerfleisch, das er sich, bevor die Feuer entzündet worden waren, so gern gegönnt hatte. Oder möglicherweise war es auch ein Töpfchen Oliven, das noch von der letzten Schiffsladung im Herbst stammte und so lange an einem kühlen Ort verwahrt worden war. Dann, für einen kurzen Moment, war eine Art hechelnder Atem zu hören gewesen, und Theophilus befürchtete schon, dass seine Schüler ihm nun einen jungen Hund schenkten. Panik ergriff ihn, denn er hatte noch nie einen Hund besessen und war sich auch nicht sicher, ob er jemals sein Herz so bedingungslos verschenken wollt, nur damit es ihm dann irgendwann unweigerlich wieder gebrochen würde. Er hatte dieses Trauerspiel bereits bei genügend anderen Hundebesitzern beobachten können.
Aber nein, es war kein Hund, sondern ein Schwert. Und das war in der Tat eine gelungene Überraschung. Die Klinge war von mittlerer Länge, ein wenig kürzer, als man sie in den Stämmen bevorzugte - andererseits aber kämpften die Stammesmitglieder ja in der Regel allein von einem Pferderücken aus, und dies nicht etwa, weil sie ihre Feinde aus dieser Position besser töten könnten, sondern einfach der größeren Ehre halber. Das Schwert von Felix und Gaius war also etwas kürzer als das der Feinde Roms, aber wiederum länger als die zweischneidigen Schwerter der Legionare, die speziell dafür gedacht waren, um zwar zwischen den zusammengeschobenen Schilden hindurchstechen zu können, aber dennoch nicht so lang sein durften, dass sie den Bewegungsspielraum der Männer hinter den Schilden einschränkten. Das Eisen der Waffe, die Gaius und Felix Theophilus überreichten, war so gewissenhaft poliert worden, dass sich hell das Licht darin spiegelte, während das Heft aus rotem Kupfer und Gold gefertigt war und die Form des Sonnenhundes hatte, jenes Tieres, welches das persönliche Symbol Cunobelins gewesen war, ehe dieser seine Herrschaft verlor.
Plötzlich wurde Theophilus bewusst, dass er mit hängendem Unterkiefer dastand: »Ich weiß nicht...«
»Ihr wisst nicht, wie man mit so etwas umgeht. Das war uns längst klar.« Felix tätschelte ihm aufmunternd den Arm. »Aber Peltrasius hat in der Kavallerie gekämpft, und er hat die gesamten letzten zehn Jahre darauf verwendet, auch noch die Kampftechniken der Stämme zu erlernen. Das ist so eine Art Steckenpferd von ihm. Also, lasst Euch von ihm doch ein wenig unterrichten, das heißt, wenn er nicht gerade wieder sein Geheule anstimmt. Denn solltet Ihr noch hier sein, wenn die Eceni in die Stadt einfallen, werdet Ihr das Schwert sicher brauchen, egal, auf wessen Seite Ihr dann steht.«
Theophilus aber hatte nicht im Entferntesten die Absicht, sich auf irgendjemandes Seite zu schlagen und für diese auch noch zum Schwert zu greifen. Und eigentlich hatte er gedacht, dass das auch ganz offensichtlich sein müsse, dass er das nicht noch extra hätte erwähnen müssen. Ein wenig verwirrt entgegnete er also: »Aber ihr solltet doch inzwischen wohl wissen, dass ich...«
Warnend legte Gaius einen Finger an die Lippen. »Sprecht das jetzt besser nicht aus. Nicht hier. Nicht jetzt, da die Götter unseren Gesprächen lauschen. Ihr braucht Euch uns nicht zu erklären.«
Theophilus hatte gedacht, dass seine beiden Schüler ihren Göttern längst abgeschworen hätten und die kühlen Wasser der Ratio den turbulenten Wogen des Schicksals vorzögen - Gaius’ Erwiderung erstaunte ihn also.
Inzwischen aber schienen die beiden immer unruhiger zu werden, sie wollten endlich fliehen, und Theophilus sah ein, dass nun nicht der geeignete Moment war, um mit einem Vortrag über all das zu beginnen, was er sie so gerne noch gelehrt hätte.
Verloren im Schmerz des Augenblicks streckte Theophilus seine beiden Hände aus. Gaius und Felix überreichten ihm die Waffe und legten sie ihm quer über beide Handflächen, ganz so, als ob er einer der Krieger der Eingeborenen wäre. Und wie immer bei derlei ergreifenden Gesten, ließ Felix seinen Tränen freien Lauf. Doch auch Gaius’ Augen schimmerten feucht, was wiederum äußerst ungewöhnlich war. Dann sagte er mit leicht heiserer Stimme: »Vater, was immer Ihr uns auch gelehrt habt, wir werden es gewissenhaft beherzigen und allein dazu verwenden, um andere zu heilen, nicht aber, um ihnen Leid zuzufügen.«
Theophilus verbeugte sich. »Dann kann ich ja, falls Peltrasius eines Tages doch noch stirbt, wenigstens beruhigt davon ausgehen, dass ihr nichts mit seinem Tod zu tun habt.« In seinen Ohren klang diese Erwiderung zwar viel zu nüchtern, doch er wagte es ganz einfach nicht, nun etwas Verbindlicheres zu sagen oder gar zu lächeln.
Die Handflächen an die Stirn gelegt, schritten Felix und Gaius rückwärts aus der Kammer ihres Lehrherrn. Etwas später, während Theophilus wieder am Fenster stand, sah er, wie seine beiden Schüler aufbrachen und durch die fast menschenleeren Straßen ritten. Im Übrigen hatte ein jeder von ihnen nicht weniger als ein komplettes Jahresgehalt in Gold bezahlen müssen, um vom Quartiermeister diese beiden Tiere zu erstehen.
Nun, da Felix und Gaius gegangen waren, war das Krankenhaus plötzlich von einer unheimlichen Stille erfüllt. Außer natürlich, wenn Peltrasius wieder zu jammern begann. Zum ersten Mal in seinem gesamten Leben wünschte Theophilus, der Arzt, sich, dass wenigstens einer seiner drei Patienten rasch sterben möge und dass die anderen beiden auch ohne ihn wieder genesen würden.
Als die Abenddämmerung sich bereits wieder über die Stadt legte, machte er sich daran, die Aufgaben seiner beiden Assistenten zu versehen. Er wusch die Frauen, gab ihnen zu essen, kümmerte sich darum, dass sie ausreichend Wasser zu trinken hatten, leerte die Töpfe unter ihren Betten und flößte ihnen schließlich noch jenen Aufguss ein, der bereits den halben Tag über in der Krankenhausapotheke gezogen hatte. Schließlich öffnete Theophilus jene Schränke, die noch nicht von den verzweifelten Stadtbürgern geplündert worden waren, und kochte Peltrasius dessen bescheidene Mahlzeit aus einfachen Bohnen und Gerste, gewürzt mit ein wenig Knoblauch, damit der Harngrieß etwas leichter abginge. Zudem trug er ihm noch einen gut gefüllten Krug mit lauwarmem Wasser heran, damit der alte Veteran sich waschen konnte. Tröstend legte er die Arme um seinen Patienten, als dessen Schmerzen abermals so schwer waren, dass er nur noch schreien konnte, und verabreichte ihm anschließend etwas Mohnextrakt - damit sie beide endlich ein wenig Ruhe fänden.
Müde entzündete Theophilus eine kleine Öllampe und machte sich auf den Weg hinab in die Kellergewölbe des Krankenhauses, um noch einen weiteren Eimer frisches Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Dort unten, in der Kühle und der Dunkelheit, fühlte er sich dem Kriege und den Schmerzen anderer Menschen so weit entrückt, wie er sich nur irgend vorstellen konnte. Nachsichtig fluchte er sowohl auf seine Patienten als auch auf die Kriegstreiber und stellte die Lampe dann auf einem kleinen Brett oberhalb des Brunnens ab. Hektisch tanzte sein eigener Schatten über die nur schlecht verputzten Wände und schließlich in genau jene Ecke, wo die erste Spinne, die Gaius’ Reinigungswut hatte entkommen können, bereits wieder ein Netz wob. Plötzlich schienen sich riesige Schatten zu dem winzigen Tier zu gesellen, und ein leises Rascheln und Schlurfen war zu hören, das unmöglich von einer Ratte oder einer Maus stammen konnte.
Ohne sich umzuwenden, sagte Theophilus: »Sei gegrüßt, Bán mac Eburovic, Geliebter Mithras’. Ich hatte dich schon wesentlich eher hier erwartet.«
Dann rieselte dem alten Arzt plötzlich ein unheimlicher Schauer über die Kopfhaut. Er malte sich aus, wie hinter ihm eine Waffe gezogen wurde, die Spitze geradewegs auf ihn gerichtet. Als sich schließlich nichts mehr hinter ihm zu regen schien und er auch keinerlei schneidenden Schmerz in seinem Rücken spürte, drehte er sich langsam um, während er darauf achtete, dass seine Hände für den Angreifer stets sichtbar blieben.
»Mein Bruder wartet draußen«, entgegnete Breaca von den Eceni. Sie stand genau auf der anderen Seite des Brunnens. »Aber er ist jetzt nicht mehr nur der Geliebte Mithras’, sondern auch der Sohn Nemains. Und in beider Namen wird er nun dafür sorgen, dass wir beide nicht gestört werden.«
 
Es war nicht ganz einfach gewesen für Bruder und Schwester in unauffälliger Kleidung und ohne jegliche Erkennungszeichen, die sie als Stadtbürger auswiesen, sich in der Abenddämmerung des neunten Tages der Belagerung von Camulodunum in die Stadt hineinzuschleichen. Andererseits aber war es auch nicht übermäßig schwierig gewesen.
Die Gräben und Wälle, die Cunobelins Festung schützten, als er noch die Macht über dieses Gebiet gehabt hatte, waren leicht überwunden, und ohnehin lagen sie noch ein ganzes Stück von der Stadt entfernt. Auch die Fallgruben und Barrikaden, die einst die Festung der Zwanzigsten Legion gesichert hatten, hatte man mittlerweile wieder aufgeschüttet beziehungsweise niedergerissen. Camulodunum, das ehemalige Legionarslager, war in den ersten Jahren noch eine echte militärische Festung gewesen, hatte sich dann aber rasch zu einer schlichten Veteranenkolonie entwickelt. Es gab also keinerlei Mauern mehr, sondern nur noch einen flachen Schuttwall, auf dem sich zwischenzeitlich bereits ein feiner Teppich aus Grashalmen angesät hatte. Er war das einzige Überbleibsel, das noch anzeigte, wo einst das Mauerwerk gestanden hatte. Selbst ein Kleinkind, das gerade erst laufen lernte, hätte dieses Hindernis überwinden und in die Stadt einmarschieren oder aber sie auf dem gleichen Wege auch wieder verlassen können. Der unbewohnte Außenring von Camulodunum war also menschenleer.
Die Straßen dagegen waren noch deutlich belebter, als Breaca erwartet hatte. Misstrauisch hatte sie das Treiben von einem Hügel etwas außerhalb der Stadt beobachtet. Es waren zwar nur wenige Feuer entzündet worden, und folglich hatten auch nur wenige Menschen sich noch vor die Haustür gewagt, aber dennoch waren Breaca und Valerius allein auf den ersten hundert Schritten bereits viermal aufgehalten und befragt worden, was sie in Camulodunum wollten. Jedes Mal waren es Gruppen von Männern gewesen, die sich zu Dutzenden unter den blassen Flammen von Talgkerzen und mit Schilfgras umwickelten Fackeln versammelt hatten und sich misstrauisch den Fremden in den Weg stellten.
Die meisten dieser Männer waren Römer: dunkelhaarige, dunkelhäutige und dunkeläugige Veteranen, die eher auf die sechzig zugingen, als dass sie noch zu den Fünfzigern hätten gezählt werden können, und mit einer deutlichen Speckschicht in der Bauchgegend, genau dort eben, wo einst Muskeln den körperlichen Trainingszustand der Männer gerühmt und sich schließlich, nach ihrem Ausscheiden aus der Legion, langsam in nichts aufgelöst hatten. Einige der Wachen waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft und hielten nur dann einmal einen Augenblick inne, als sie die Neuankömmlinge in ihrer Stadt entdeckten. Die meisten der Veteranen aber diskutierten nicht, sondern errichteten emsig Barrikaden oder hoben Gruben aus, um damit die Pferde der Feinde zu Fall zu bringen. Und letztere Männer waren auch deutlich misstrauischer als ihre schwatzhaften Kameraden. Ohne zu zögern, setzten sie den Fremden die Spitzen ihrer Waffen auf die Brust und verlangten zu wissen, was diese in Camulodunum zu suchen hätten. Stets war Valerius es gewesen, der entweder in schlechtem Catuvellaunisch oder aber in gestelztem Latein geantwortet hatte und der behauptete, dass er aus dem nördlichen Teil des weitläufigen Stadtgebiets von Camulodunum stamme und seine Frau begleite, weil diese dringend die Hilfe eines Arztes brauche. Die Männer ließen Valerius und Breaca daraufhin passieren. Niemand fragte sie, was genau denn ihr medizinisches Anliegen wäre.
Und natürlich gab es auch einige Frauen, die sich im Schein der blassen Kerzen aufhielten, aber sie waren doch deutlich weniger an der Zahl als die Männer. Zumeist waren es junge, unterernährte Frauen mit rauchgrauen Ringen unter den Augen und dem typisch rotblonden Haar der Trinovanter. Und wenn die nicht gerade schwanger waren, gaben sie irgendeinem Säugling die Brust oder aber waren umgeben von einer Schar schweigender Kinder, die sich mit großen Augen und starr vor lauter Angst vor einer Gefahr, die sie nicht verstanden, an ihre Mütter drückten.
Keine dieser Frauen wagte es, sich den Eingeborenen in den Weg zu stellen, die sich in den braunen Stoff der Händler gekleidet hatten und an den Säumen ihrer Gewänder die Clansymbole der Catuvellauner trugen. Nur ein einziges Kind schaute sie offen und unverhohlen an, nahm dann die Finger aus dem Mund und fragte: »Wer sind die? Sind die gekommen, um uns zu helfen?«
Das Mädchen hatte lateinisch gesprochen, jedoch mit einem deutlichen Akzent in der Mundart der Stämme. Ihre Mutter hatte ihr mit einem an die Lippen gelegten Finger bedeutet, dass sie schweigen solle, und entgegnet: »Das sind Catuvellauner, Freunde Roms.« Ihr Tonfall hatte allerdings nicht verraten, ob sie diese Freundschaft für eine gute Sache hielt oder eher für etwas durch und durch Verabscheuungswürdiges.
Kurz nach dieser Begegnung verließen Breaca und Valerius die Durchgangsstraße und hielten sich fortan an die schmaleren Straßen, wo die Schatten noch ein wenig dunkler waren. Doch kaum dass sie in die Gassen eingebogen waren, wurden sie sofort von einem einsamen Veteran aufgehalten. Er hatte sein Schwert bereits gezogen, und seine Stimme klang heiser vor Angst. Dieses Mal hatte Breaca geantwortet, dass sie unter blutigem Durchfall leide und sie das Wasserlassen schmerze, sodass man sie nun in der Hoffnung auf eine baldige Behandlung ins Krankenhaus begleite. Sogleich trat der Veteran beiseite und schlug vor seiner Brust das Zeichen zur Abwehr alles Bösen.
Wobei Breaca die Idee mit dem Durchfall eher zufällig gekommen war. Der Gestank von ranzigem Kot hatte sie und Valerius schon eine ganze Weile begleitet und sich zunehmend mit dem vagen, doch ätzenden Geruch der Angst vermischt, der Camulodunum regelrecht die Seele zu rauben schien. Einst hatten diese Straßen nach Leben und den Folgen übermäßiger Genusssucht gerochen. Nun aber stanken sie hauptsächlich nach Rattenurin und vergammelndem Gemüse. Der widerliche Geruch schien sich hinten an den Gaumen zu kleben und überzog die Zunge mit einer Art zähem Schleim. Breaca legte die Hand über die Nase und schritt weiter. Nach diesem letzten Veteran versuchte niemand mehr, sich ihnen noch in den Weg zu stellen.
Dann ertönte plötzlich schrill der Schrei eines Mannes. Hastig tippte Valerius Breaca auf die Schulter, sodass sie erschrocken zusammenzuckte. »Nach links. Hier entlang.« Seine Stimme klang mit einem Mal ungewöhnlich hell, ganz so, als ob er sich nur schwer ein Lachen verkneifen könne. Breaca hatte ihn auch zuvor schon wenige Male so sprechen hören. Und das war jedes Mal in Longinus’ Gesellschaft gewesen. Was immer auch nun der Grund für Valerius’ unvermittelten Stimmungswandel zu sein schien, so amüsierte er sich jedenfalls gerade ganz köstlich. Vielleicht war es ja einfach der Nervenkitzel der Gefahr, der ihm so gute Laune bereitete.
Breaca folgte ihm in eine Gasse hinein, die noch schmaler war als die Straße, durch die sie gerade geschlichen waren. Die Häuser zu beiden Seiten dieser Gasse standen so dicht beieinander, dass es schwer war, zwischen ihnen hindurchzugehen, ohne sich die Schultern aufzuscheuern. Endlich erreichten Breaca und Valerius ein mächtiges, ganz aus Ziegelsteinen erbautes Gebäude, das seltsam fehl am Platze schien zwischen den Hütten aus Flechtwerk und den verputzten Katen. Als sie das Gebäude betrat, wäre Breaca auch schon fast über ihren Bruder gefallen, der sich knapp hinter der Türschwelle auf den Boden gekauert hatte.
»Kannst du mir helfen, die hier anzuheben?«, fragte er sie, während er von unten zu ihr aufschaute. Sogleich kniete auch Breaca sich nieder und bemühte sich, seiner Aufforderung nachzukommen.
Es waren zwei schwere Ringe aus Eisen in den Boden eingelassen worden, die nun unter einer dicken Schicht aus Staub und altem Stroh verborgen lagen. Sowohl Breaca als auch Valerius griffen sich jeweils einen dieser Ringe und zogen sie mit all ihrer Kraft hoch, bis ein Teil des Bodens sanft über zwei mit Talg eingefettete Scharniere nach oben schwang und schließlich in die Vertikale glitt. Ausgehend von dem Talg schien ein irritierend fleischiger Geruch über der Vorrichtung zu schweben.
»Von hier oben führen einige Stufen nach unten. Natürlich können wir eine Fackel anzünden, aber du kannst dir den Weg auch ganz leicht ertasten. Vor allem ist dann das Risiko geringer, entdeckt zu werden. Und falls sich gerade jemand in dem Raum mit dem Brunnen aufhalten sollte, wird derjenige ohnehin eine Kerze oder Fackel entzündet haben. Ich warte hier oben und passe auf, dass dir keiner folgt. Falls du mich brauchst, dann ruf einfach. Theophilus wird zwar sicher überrascht sein, dich zu sehen, aber ich glaube nicht, dass ihm dein Erscheinen hier Unbehagen bereiten wird.«
 
Natürlich hatte Valerius mit seiner Einschätzung ganz richtig gelegen - nichts anderes hatte Breaca erwartet. Und genau deshalb hatte sie ihn ja auch gebeten, sie zu begleiten. Doch dies war nur einer von mehreren Gründen, weshalb sie ihn dabeihaben wollte. Ohne auch nur das Geringste erkennen zu können, tastete Breaca sich ihren Weg durch einen kurzen Tunnel aus festgestampfter Erde und von dort aus in einen Kellerraum hinein. Der Keller war aus sorgfältig miteinander verfugten Steinplatten gearbeitet, und der Boden war genauso flach und eben wie auch im Forum oder irgendeinem anderen der staatlichen Gebäude. Vorsichtig ging sie noch ein Stückchen weiter, bis sie jenen Bereich des Kellerraums erreichte, in dem die Wände zusätzlich mit einer Art Gips und weißem Kalk bestrichen waren. Plötzlich war vor ihr in der feuchten Finsternis das Flackern einer Flamme zu erkennen. Dann hallten die müden Schritte ihres alten Freundes über die Fliesen. In dem sicheren Glauben, dass niemand ihn hören könne, murmelte er leise vor sich hin und erlaubte seinen Gedärmen, sich von dem Druck ihrer Gase zu erleichtern.
Ganz bewusst hatte Breaca daraufhin leise mit dem Fuß gescharrt, damit Theophilus wusste, dass sie dort war. Sie meinte, ihm diese Vorwarnung in Hinblick auf seinen Stolz einfach schuldig zu sein. Zumal Theophilus geglaubt hatte, es handle sich bei ihr um Valerius, was aber, wenn man die Lage einmal ganz objektiv betrachtete, eine wirklich unlogische Schlussfolgerung war. Und ähnlich unlogisch war auch Breacas darauf folgende Reaktion, ihre Verärgerung darüber, dass er sie offenbar noch immer falsch einschätzte.
Ihre Antwort auf seine Frage fiel also ein wenig unwirscher aus als beabsichtigt, und sofort schämte sie sich dafür. Aber Theophilus erkannte sowohl den Grund für ihre Ungehaltenheit als auch ihr echtes Bedauern über ihr Verhalten. Breaca hatte fast schon vergessen, dass Theophilus diese gewisse, beinahe schon hellseherische Ader besaß. Er konnte ihre Gedanken nahezu mit der gleichen Leichtigkeit lesen, wie auch Airmid dies vermochte, und manchmal sogar noch besser, weil er Breaca einfach nicht so nahe stand und sein Blick noch nicht getrübt war von der Liebe.
»Breaca?«, fragte er schließlich, streckte die Hand aus und zog Breaca zu sich in den Lichtkegel seiner kleinen Lampe. Sanft legte er die Hand auf ihre Schulter und fuhr dann mit einem seiner langen, schlanken Finger einmal über ihren Rücken hinab, was keine gute Idee gewesen war. Abrupt zog sich ihr Fleisch unter seiner Berührung schmerzhaft zusammen.
Dennoch zwang sie sich, stillzuhalten, um nicht Theophilus’ Gefühle zu verletzen. Zumal er in seiner Untersuchung ohnehin bereits sehr geschickt und äußerst behutsam vorging. Und überhaupt dauerte seine Diagnose nicht lange. Schon bald zog er seine Hände wieder von ihr fort. Wenn sie ihre Augen noch etwas länger geschlossen gehalten oder ihm zumindest auch weiterhin den Rücken zugedreht hätte, so hätte Breaca glauben können, eine vollkommen alterslose Stimme zu hören, eine Stimme, die die Erschöpfung, die Breaca unter dem unerbittlichen Licht der Öllampe in Theophilus’ Zügen gelesen hatte, Lügen gestraft hätte.
Mit bemerkenswert ruhigem Tonfall fragte er: »Bist du zu mir gekommen, weil du meine Hilfe als Arzt brauchst? Wie mir scheint, hat Airmid an dir doch bereits sehr gute Arbeit geleistet. Obwohl die endgültige Heilung deiner Seele natürlich noch wesentlich länger dauern wird als die Heilung deines Körpers.«
Breaca wandte sich zu ihm um und versuchte, nicht gleich schon wieder unwirsch auf ihn zu reagieren. »Ist das denn so offensichtlich? Oder weißt du das alles etwa von den Veteranen, die dir nach ihrer Rückkehr und bei ein paar Bechern Wein von ihrem Erlebnis erzählt haben?«
»Sowohl als auch.« In einer Art entschuldigender Geste zuckte er leicht mit den Schultern. Sein Gesicht war lang, von tiefen Furchen durchzogen und schimmerte fast schon gräulich unter dem unruhig flackernden, orangeroten Schein der Lampe. »Die Veteranen haben während ihrer Trinkgelage davon gesungen. Zumindest in jenen wenigen, noch scheinbar sicheren Tagen vor der Belagerung Camulodunums, damals, als sie glaubten, sie bräuchten irgendetwas, das sie von der Erinnerung an die Erniedrigung ablenkte, die sie unter Corvus hatten erleiden müssen. In ihren Liedern sangen sie davon, wie ihre Legion eine Frau aus dem Stamme der Eceni auspeitschte. Und dann, wenn die Wirkung des Weins sie vollends in ihren Bann schlug, prahlten sie mit dem angeblich nicht mehr gutzumachenden Schaden, den sie deinen beiden Töchtern zugefügt hätten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie aufrichtig und von ganzem
Herzen ich all dies bedaure. Aber was dich betrifft, so hätte ich den Großteil deines Leids auch ohne diese Lieder sofort erkannt. Es zeigt sich in deinen stummen Klagen und dem schwarzen Wind, der durch deine Seele zu streifen scheint. Und dieser Wind ist einfach nicht zu überhören, zumindest, wenn man weiß, wie man auf derlei Dinge zu lauschen hat. Dein Bruder trägt im Übrigen ein ganz ähnliches Leiden mit sich herum, was auch der Grund ist, weshalb ich dich zuerst mit ihm verwechselt hatte. Denn so viel immerhin musst du mir und meinem Talent als Arzt schon zugestehen: Das Klagelied der Seele, die Trauer um das, was verloren scheint, habe ich noch bei keinem Menschen überhört. Und du willst doch wohl nicht, dass ich ausgerechnet meinen Freunden gegenüber nun zu lügen beginne und so tue, als würde ich euren Gram nicht wahrnehmen?«
In der Tat, Theophilus war ein echter Freund. Denn er hatte Breaca die Warnung vor dem Prokurator zukommen lassen und dadurch ihr Kriegsheer gerettet, zu einer Zeit, als eine Entdeckung das sichere Ende jeglichen Versuchs bedeutet hätte, jemals ein Heer aufzustellen. Und auch davor hatte er sich bereits als Freund von Airmid und Graine erwiesen, als Freund von Cunomar und Corvus, jenem Römer, der einst Valerius geliebt hatte und ihn wahrscheinlich weiter vergötterte. Und auch Valerius schien Corvus noch immer zu lieben. Außerdem hatte Theophilus Breaca dabei geholfen, Eneit zu töten, als ein rascher Tod das Einzige war, was sie noch für den Jungen hatten tun können. Und für all dies und den Anstand, der alledem zugrunde lag, schuldete Breaca Theophilus vorbehaltlose Aufrichtigkeit.
Der Rand des Brunnens war aus grobem Felsgestein gearbeitet, und in den Mörtel, mit dem man die Oberfläche geglättet hatte, war anschließend mit einer Art Stempel die Silhouette der fischschwänzigen Ziege eingedrückt worden, sodass sich nun ein Ring hintereinander hertrottender Fabeltiere um den Brunnen schloss. Unmittelbar neben einem dieser Geschöpfe hatte Breaca sich auf den Rand gesetzt und zeichnete nun mit dem Finger den leicht gekräuselten und schuppigen Schwanz der Silhouette nach.
»Valerius hat seine innere Mitte gefunden, ist nun sowohl Heiler als auch Träumer«, erklärte sie. »Es gibt Dinge, die er vermag, die Airmid aber niemals beherrschen wird. Und natürlich gibt es auch Dinge, die sie beherrscht, die zu erlernen Valerius aber noch nicht einmal versuchen wird. Und dennoch...«
»Und dennoch versuchst du mit ihrer beider Unterstützung einen Krieg zu führen. Du, deren Seele entzweigebrochen ist und deren Körper nicht mehr den Befehlen deines Geistes gehorcht. Denn egal, wie zermartert du auch sein magst - du bist trotzdem hier im Mittelpunkt des Kampfes. Deine Krieger haben ihre Lager in unmittelbarer Sichtweite der Stadt aufgeschlagen, und nachts versuchen einige dir treu ergebene Trinovanter, die Bemühungen der Römer, eine Barrikade gegen euch zu errichten, wieder zu zerstören, derweil die Veteranen Gruben ausheben, um darin eure Pferde zu Fall zu bringen, welche die Kinder und Jugendlichen dieser Stadt fast unmittelbar darauf wieder mit Sand auffüllen. Und selbst die Schutzwälle, die die Veteranen von Camulodunum aufschichten, sind noch vor Einbruch der Morgendämmerung wieder abgetragen. Vor zwei Nächten haben Unbekannte sogar die Siegessäule von ihrem Sockel gestürzt. Die Säule war aus massivem Marmor, größer als du und ich zusammen, und trotzdem will niemand gehört haben, wie sie zu Boden stürzte. Sicherlich, man hat anschließend einen Mann für diese Tat gehängt. Aber auch die beiden Veteranen, die den Unglücklichen aufgeknüpft haben, leben mittlerweile nicht mehr. Also, wenn ihr nur noch ein bisschen wartet, wird Camulodunum schon bald von ganz allein unter einer Flut von Aufständen und Meutereien versinken, ohne dass auch nur einer der Verrückten hier eine Waffe gegen eure Krieger erhoben hat. War das dein Plan?«
»Nicht so ganz. Natürlich werden wir nicht schon morgen angreifen, sondern erst noch eine Weile warten. Aber wir warten nicht mehr bis in alle Ewigkeit. Ich möchte schließlich nicht, dass meinetwegen irgendwelche Unschuldigen gehenkt werden. Und ich habe einige Krieger bei mir, die erst noch dringend lernen müssen, wie man kämpft. Meine Späher haben mir jedenfalls berichtet, dass ihr schon bald Verstärkung aus dem Westen bekommt. Stimmt das?«
»Nur zum Teil. Wir haben zweihundert Söldner hier, die sich gleich, als die ersten Wachtürme brannten, von dem Hafen bei Vespasians Brücke auf den Weg nach Camulodunum gemacht hatten. Sie kamen, weil ein atrebatischer Glaswarenhändler, der hier eine Villa besitzt, sie bezahlte. Aber ein Viertel dieser Männer leidet unter blutigem Durchfall. Und fünfzig weitere haben, nachdem sie die Wachfeuer eurer Krieger zählten, dem Händler ihren Sold sofort wieder zurückgegeben und planen, die Stadt morgen früh wieder zu verlassen. Das heißt, falls deine Krieger sie hinauslassen. Aber sie haben alle hinausgelassen, die beschlossen hatten, lieber fliehen zu wollen, als zu kämpfen. Und der Rest, der dann noch hier verweilt, wird, so denke ich zumindest, kämpfen. Genauso, wie natürlich auch die Veteranen sich nicht einfach widerstandslos ergeben werden. Und dann gibt es da noch etwa zweitausend oder dreitausend Trinovanter, die geschworen haben, Rom auch weiterhin die Treue zu halten, und die angeblich geschlossen gegen dein Kriegsheer antreten wollen. Ich schätze mal, ungefähr die Hälfte von denen sagt sogar die Wahrheit.«
Breaca ließ den Blick unterdessen über die Muster auf dem Brunnen schweifen. Der Brunneneimer bestand aus mit Wachs bestrichenem Schweinsleder, in dessen Oberkante ein eiserner Reifen gespannt worden war, um den Behälter offen zu halten. Das Seil, das an diesen provisorischen Eimer geknüpft war, führte hinauf zu einem aus diversen Rädchen bestehenden Flaschenzug. Es war nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen, wie der Bottich in das Wasser hinabgelassen und dann wieder emporgezogen wurde. Nachdem sie neugierig die Konstruktion gemustert hatte, entgegnete Breaca schließlich: »Ja, ungefähr die Hälfte von ihnen spricht die Wahrheit. Und jene, die gegen uns antreten wollen, sind denen, die auf unserer Seite stehen, wohlbekannt. Viele der Trinovanter auf der römischen Seite werden also schon tot sein, ehe...« Sie stutzte. »Ist das etwa einer von deinen Patienten?«
So plötzlich, wie der Schrei begonnen hatte, erstarb er auch wieder. Sein Echo aber hallte noch immer durch den Keller.
»Ja, ganz zweifellos.« Ein flüchtiges Grinsen glitt über Theophilus’ Lippen. »Und, bitte, glaub mir, wenn ich dir versichere, dass er bereits auf dem Wege der Besserung ist. Würdest du allerdings die Leute auf der Straße danach befragen, woher diese Schreie stammen, würden sie dir erzählen, dass das der Geist von Cunobelin sei, der wieder umgeht und Rache nehmen will für die Entweihung seines Grabes. Es ist um die Verteidigungsfähigkeit unserer Stadt also wahrlich nicht zum Besten bestellt. Wenn du mir kurz mal erlauben würdest...«
Theophilus langte an Breaca vorbei nach dem Flaschenzug. »Der Mechanismus hier wurde übrigens von einem Freund von mir angefertigt, als der einst einmal einen gesamten Winter über hier in Camulodunum ausharren musste. Die Vorrichtung soll sich ganz einfach bedienen lassen, ist also auch geeignet für einen Mann, dessen Gliedmaßen nicht mehr so kräftig sind, wie sie es in jungen Jahren einmal waren. Ich deute die Umsicht, die aus diesem Gedanken spricht, einfach mal als das Ergebnis eines vorausschauenden Geistes und nicht als Beleidigung.«
Damit begann der alte Arzt, an einer Kurbel zu drehen, woraufhin drei Reihen von Zahnrädern sich in Bewegung setzten. Rumpelnd verschwand der Eimer in der unter dem Öllämpchen gähnenden Finsternis. Nach einer Weile hörten Breaca und Theophilus, wie der Bottich in das Wasser eintauchte. »Und wenn man dann an der Kurbel dreht, neben der du gerade sitzt, schwebt er wieder nach oben.«
Gehorsam folgte Breaca Theophilus’ Aufforderung und wunderte sich darüber, wie federleicht der mit Wasser gefüllte Eimer doch war. Flüchtig dachte sie daran, dass Cunomar sich für diesen Mechanismus sicherlich sehr interessiert hätte. Außerdem dachte sie darüber nach, dass Theophilus ihr mit seinen Worten wieder einmal mehr Informationen gegeben hatte, als sie jemals guten Gewissens von ihm hätte erfragen mögen. Sie traute sich also nicht, ihn noch weiter nach den Schwachpunkten in der Verteidigung Camulodunums auszufragen. Schließlich war sie nicht hierhergekommen, um ihn über die Verteidigungsstrategie der Stadt auszuhorchen, die man im Grunde schon erkennen konnte, wenn man einfach einmal den Blick durch die Straßen schweifen ließ. Sie hatte Theophilus auch nicht darum bitten wollen, sie wieder zu heilen, aber zumindest von Letzterem hatte der Arzt ja von allein zu sprechen begonnen.
Während sie langsam an der Kurbel drehte, entgegnete sie: »Nach Dubornos’ Rückkehr aus Rom hatte er mir von einem Mann namens Xenophon erzählt, der früher einmal dein Lehrer gewesen sein soll. Auch Valerius hatte einige Geschichten über ihn zu berichten. Er scheint also ein... ein sehr fähiger Arzt gewesen zu sein.«
»Das war er. Und es stimmt, dass ich in meiner Jugend einst sein Schüler war. Aber wenn du mich nun fragst, ob ich auch seine Fähigkeiten besitze, muss ich dir leider entgegnen: Nein, die besitze ich nicht. Es gab da so ein paar Dinge, die keiner seiner Schüler jemals begriffen hat und die er schließlich mit sich ins Grab nahm. Aber wenn du im Gegenzug vielleicht wissen möchtest, ob es vielleicht ein paar Dinge gibt, die er zwar nicht kannte, die ich dafür aber beherrsche, kann ich dir sagen: Ja, ich glaube, auch diese Dinge gibt es. Der Winter, den ich als dein Gast in Airmids Gesellschaft verbringen durfte, hat Jahre des Lernens ersetzt. So, jetzt musst du aufhören zu kurbeln und den Griff des Flaschenzugs durch diese Vorrichtung hier blockieren. Und dann ziehe ich an diesem Hebel hier - so -, und der Eimer schwebt uns geradezu entgegen. Siehst du? Geht ganz einfach.«
Der Bottich neigte sich ein wenig nach vorn, und ein kleiner Schwall Wasser klatschte auf den Boden. Kühler, kalkiger Geruch stieg von den Fliesen auf. Dann entschwand Theophilus für einen kurzen Moment in die Dunkelheit und kehrte schließlich mit zwei grünen Glaskelchen zurück, deren Ränder mit Edelsteinen besetzt waren.
Als er Breacas Gesichtsausdruck sah, zog er ebenfalls eine unangenehm berührte Grimasse. »Ich habe vier von denen hier als Bezahlung für meine Hilfe bei einer sehr schwierigen Geburt genommen. Und als Arzt sollte man den Geschmack eines Mannes, der zum ersten Mal Vater wird, besser nicht allzu streng in Frage stellen. Besonders dann nicht, wenn dieser Mann als das stellvertretende Oberhaupt der Atrebater den gesamten Glaswarenhandel von hier bis in die südlichen Seehäfen kontrolliert und zudem rund zweihundert Söldner befehligt. Damals, als ich die Gläser entgegengenommen habe, waren seine Männer noch jung und gut bewaffnet gewesen und litten auch noch nicht unter der Ruhr. Vor allem standen sie da noch nicht vor unseren Stadttoren Schlange, um endlich wieder nach Hause entlassen zu werden. Also, würdest du trotz der Farbe des Glases vielleicht einen Schluck Wasser mit mir trinken wollen? Es tut mir leid, dass ich dir kein Ale anbieten kann. Und dir nun unseren römischen Wein zu kredenzen, käme ja wohl eher einer offenen Beleidigung gleich.«
Dankend nahm Breaca den Kelch voll Wasser entgegen. Aufmerksam beobachtete Theophilus sie über den Rand seines Bechers hinweg. »Und jetzt frage ich doch noch einmal...«, begann er leise. »Bist du zu mir gekommen, weil du hoffst, dass ich dich heilen könnte?«
»Nein. Der Grund, weshalb ich gekommen bin, ist, dass ich dich bitten möchte, mit uns Camulodunum zu verlassen, ehe wir die Stadt niederbrennen. Ich möchte nicht, dass du durch irgendeinen meiner Befehle zu Tode kommst.
Nun jedoch, da ich hier bin und du mir ohnehin schon deine Hilfe angeboten hast, würde ich diese sehr gerne annehmen. Egal, wie bescheiden die Heilung auch sein mag. Denn in dem Zustand, in dem ich mich gegenwärtig befinde, kann ich keinen Kampf sonderlich lange durchstehen.«
Durch den Weinbecher betrachtet, hatte Theophilus’ Gesicht eine seltsam grünliche Farbe angenommen, und Breaca glaubte, plötzlich diesen gewissen, scheinbar alles umfassenden Frieden in seinen Zügen zu erkennen, wie sie ihn manchmal auch schon bei Airmid gespürt hatte, immer dann, wenn diese ihr Können gerade einmal wieder voll hatte einbringen können und das Ergebnis ihre Bemühungen krönte. Beispielsweise, wenn sie einen schwierigen Geburtsprozess zu seinem segensreichen Ende geführt oder wenn sie einen Krieger wieder ins Leben zurückgeholt hatte, obwohl dessen Kampfwunden ursprünglich tödlich zu sein schienen.
Und für diesen kurzen Moment sah Breaca nicht nur den Frieden in Theophilus’ Zügen, sondern sämtliche Facetten seiner Seele. Bis er sich schließlich wieder von ihr zurückzuziehen schien und irgendein Teil seines Wesen, den sie nicht fassen konnte, sich wieder vor sein wahres Ich legte. Und genau dieser seltsam undurchdringliche Teil von ihm tastete sich nun langsam über Breacas Körper, untersuchte sie ebenso gründlich, wie auch seine Finger sie zuvor berührt hatten, nur dass diese mentale Kraft, die Theophilus nun über Breaca gleiten ließ, noch wesentlich tiefer in sie einzudringen schien. Abermals hatte Breaca das Gefühl, als würde ihr die Haut vom Körper gezogen, und sie musste sich fest an den Rand des Brunnens klammern, um nicht zusammenzubrechen.
Mit eiserner Willenskraft hielt sie sich aufrecht, trank langsam einen Schluck Wasser nach dem anderen und betrachtete derweil aufmerksam durch das grüne Glas des Weinkelchs hindurch die fischschwänzigen Ziegen. Nach einer Weile, als sie ihren Becher geleert und Theophilus noch immer nichts gesagt hatte, sah sie zaghaft zu ihm auf. Theophilus weinte, schweigend, und hielt dabei das Weinglas vor sein Gesicht, als wollte er sich dahinter verstecken, was ihm natürlich nicht gelang. Für Breaca, die von der anderen Seite des Glases zu Theophilus aufblickte, sah es nun so aus, als ob grüne Tränen über seine grünen Wangen kullerten.
Theophilus war nun einmal kein Krieger, und das Glas war kein Schild. Doch das brauchte es auch gar nicht zu sein, nicht hier, nicht in ihrer Gegenwart. Leise bat sie ihn:
»Theophilus, sprich mit mir. Was immer es auch sein mag, erzähl es mir einfach. Ich kann es ertragen.«
Er atmete tief ein. »Breaca von den Eceni, es wäre die Krönung meines Lebenswerks, dich zu heilen.«
Genau das hatte Breaca hören wollen. Es war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich nach diesen Worten gesehnt hatte - bis sie sie nun laut ausgesprochen hörte. Theophilus weinte noch immer.
Sie war schließlich eine Kriegerin, und selbst wenn sie sicherlich nicht mehr zu den Besten zählte, so wich sie dennoch keinem Schmerz aus. Eine eisig kalte Angst kroch in ihrer Brust hoch. Trotzdem stellte Breaca tapfer fest:
»Und genau das, meine Heilung, übersteigt offenbar deine Kräfte.«
»Nein, ich könnte dich durchaus heilen. Aber der Prozess würde wohl wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, als dir jetzt noch bleibt. Denn das Leid, das du in dir trägst, wurde dir schließlich nicht bloß an einem einzigen Nachmittag zugefügt, egal, wie grausam diese Auspeitschung auch gewesen sein mag. Die Wunden in deinem Inneren reichen noch wesentlich weiter zurück. Und das wissen auch Airmid und Valerius. Um dich zu heilen, müsste man dir sämtliche Verletzungen, die man dir im Verlaufe eines ganzen Lebens zugefügt hat, wieder abnehmen. Und das ist keine leichte Aufgabe. Vor allem lässt sich das nicht einfach so auf die Schnelle bewerkstelligen. Deine Wunden sind ja nicht bloß physische Wunden, und die Verletzungen, die deinem Herzen und deiner Seele zugefügt wurden, reichen noch tiefer als alles, was man deinem Körper jemals angetan haben mag. Hast du einmal mit Valerius gesprochen und ihn gefragt, wie lange dessen Heilung gedauert hat? Ist er sich überhaupt sicher, dass diese Heilung schon abgeschlossen ist?«
Darüber hatte Breaca noch gar nicht nachgedacht. Nun aber, da sie sich wieder an die Geschichten erinnerte, die er ihr während ihrer Fieberträume erzählt hatte, entgegnete sie: »Sein Vater, Luain mac Calma, hatte ein komplettes Jahr von Valerius verlangt, um ihn wieder heilen zu können. Und Valerius hat ihm dieses Jahr auch gewährt.«
Sie spürte genau, wie abgezehrt sie aussehen musste, versuchte ihre Schwäche im Gegensatz zu Theophilus aber nicht hinter dem grünen Glas des Weinkelchs zu verbergen. Vorsichtig stellte sie den Becher gleich neben dem Brunnen auf den Boden. Breaca spürte ein seltsam hohles Gefühl in ihrem Inneren, ganz so, als ob die Leere und Ödnis in ihrer Seele plötzlich nach vorn in ihren Brustkorb getreten sei und sich nun wie eine klaffende Wunde der Nacht öffnete.
»Wie viel Zeit müsste ich dir denn geben, damit du mich heilen könntest?«, fragte sie.
Theophilus’ Gesichtszüge wurden wieder etwas weicher, und er sah Breacas Vater plötzlich sehr ähnlich - wenngleich Theophilus dies natürlich nicht wissen konnte. »Luain mac Calma ist doch der Vorsitzende des Ältestenrats von Mona«, entgegnete er. »Folglich hat er Zugang zu Quellen, über die wir hier allerhöchstens Mutmaßungen anstellen können. Andererseits aber reichten die Verletzungen deines Bruders, zumindest meiner Ansicht nach, trotz allem noch wesentlich tiefer als deine Wunden. Und sie waren wohl auch von etwas anderer Natur. Wenn ich dir also sagen würde, dass ich, um dich heilen zu können, Tag und Nacht an deiner Seite bleiben müsste, also sowohl, während du wach bist, als auch, während du schläfst - besonders, während du schläfst... Und wenn ich dir nun zusätzlich sagte, dass ich für diese Heilung ungefähr bis Mittsommer bräuchte, wahrscheinlich sogar noch länger, und dass in dieser Zeit niemand anderer in deine Nähe kommen dürfte außer mir... Würdest du mir diese Zeit dann gewähren? Könntest du mir diese Zeit gewähren?«
Theophilus war kein Stratege im eigentlichen Sinne. Doch er hatte fast sein gesamtes Erwachsenenleben unter Angehörigen des Militärs zugebracht. Und er hatte die Wachtürme brennen sehen und konnte die Feuer des Kriegsheeres und die sich daraus ableitende Größe von Breacas Armee genauso leicht abschätzen wie jeder andere Mann. Außerdem wusste er, wie weit es von Camulodunum bis nach Mona war, und er wusste, wo die Legionen stationiert waren. Folglich hatte ihm all dieses Wissen auch bereits Breacas Antwort verraten, noch ehe er seine Frage überhaupt gestellt hatte. Und genau das war der Grund, weshalb er geweint hatte.
Schweigend stand Breaca neben ihm. Nach einer Weile, als der Schmerz in ihrer Brust eine geradezu bleierne Last zu werden schien und sie nicht mehr die Kraft fand, diesen Schmerz einfach von sich zu stoßen, ließ sie sich abermals auf dem Rand des Brunnens nieder.
»Es tut mir leid«, sprach Theophilus schließlich mit leiser Stimme. »Bitte warte einen Augenblick hier.« Dann war er verschwunden. Breaca horchte auf seine Schritte, bis das Schlurfen seiner Füße über die tönernen Fliesen schließlich ganz verhallte. Während seiner Abwesenheit begann die Öllampe zu rußen, bis die Flamme irgendwann endgültig erlosch.
Als Theophilus wiederkehrte, schnalzte er missbilligend mit der Zunge, verschwand abermals und kehrte dann mit einer weiteren kleinen Lampe zurück. Mittlerweile aber war Breaca das neue Licht gar nicht mehr willkommen.
»Meine Liebe, ach, meine Liebe...«
Endlich, so schien es, konnte Breaca weinen. Und nun, da sie ihren Tränen einmal freien Lauf gelassen hatte, konnte sie sie auch nicht mehr so einfach wieder beherrschen, selbst dann nicht, als sie feststellte, dass sie nicht mehr allein war, sondern wieder in der Obhut eines fremden Mannes. Vor ihm sollte sie ihre eigene Schwäche also eigentlich wesentlich leichter zeigen können als vor jedem anderen. Und dennoch fiel es ihr schwer, sich einfach einmal gehen zu lassen.
Breaca hörte, wie Theophilus’ Knie so laut knackten, dass das Echo von den Wänden widerhallte. Dann kniete er neben ihr nieder und legte die Hände um ihre Schultern. Während er sorgsam auf ihren Rücken achtete, zog er sie ein kleines Stück zu sich her, sodass ihr Kopf irgendwann in der Kuhle zwischen seinem Hals und seiner Schulter zu liegen kam und sie seinen schwachen Schweißgeruch riechen konnte und den leicht männlichen Duft, der für sie zugleich der Geruch ihres Vaters war. Als sie schließlich in Theophilus’ Kleidung auch noch die Gerüche fremder Feuer erahnte, konnte sie weinen. Die Nase in das weiße Leinen seiner Kleidung gepresst, folgte auf ihre Tränen langsam ein ihren ganzen Körper erschütterndes, krampfhaftes Schluchzen, ein Weinen, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr geweint hatte, und vielleicht noch nicht einmal damals.
Breaca keuchte, befürchtete fast, sich übergeben zu müssen, versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, atmete hastig und tief zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
»Breaca, Breaca...«
Theophilus hatte das Kinn auf ihren Kopf gelegt, sodass seine Stimme nun sanft durch ihr Haar drang. Er tätschelte ihr die Wange, streichelte zart mit den Fingerspitzen darüber. Irgendwann, als er die Hand schließlich wieder fortzog, war sie benetzt von Tränen und Nasenschleim, und dennoch wischte er sie nicht sogleich an dem Tuch an seinem Gürtel ab. Stattdessen hielt er Breaca einen Becher an die Lippen und leerte seinen Inhalt vorsichtig in ihren Mund.
Argwöhnisch kostete Breaca von dem Getränk, stellte dann aber fest, dass es weder Mohnextrakt noch Eisenkraut noch Hundswehr oder irgendeine andere jener Arzneien enthielt, die sie im Augenblick beim besten Willen nicht zu sich nehmen wollte, und trank schließlich den ihr dargebotenen Aufguss aus. Die Wirkung setzte ein wenig unterhalb ihres Zwerchfells ein, und abermals begann Breaca zu schluchzen. Abrupt hielt sie die Luft an, wollte sich beherrschen.
Aber schon schüttelte Theophilus sie behutsam bei den Schultern, ganz so, wie ein Vater ermahnend sein Kind schüttelte. »Du willst dir wohl immer noch keine Schwäche zugestehen, nicht einmal jetzt, nicht wahr? Lass endlich los, Frau. Weine, wenn du weinen musst. Schrei, wenn du dich danach fühlst. Außer mir hört das niemand. Und falls es dennoch irgendwelchen anderen zu Gehör kommen sollte, dann werden die wahrscheinlich glauben, dass es wieder mal Peltrasius ist oder der Geist von Cunobelin, je nachdem, wie lebhaft ihre Fantasie ist. Wann hast du eigentlich das letzte Mal geschlafen? Und ich meine, richtig geschlafen, frei von Drogen und Fieber und den Angstträumen vor dem Krieg?«
Eine andere Stimme antwortete: »Wahrscheinlich als sie zwölf war, denke ich. Damals, ehe ihre Mutter starb. Und vielleicht gab es auch noch ein paar Nächte auf Mona in den Armen von Caradoc, oder, in jüngerer Zeit, an der Seite von Airmid, in denen Breaca sich und alles, was auf ihr lastete, endlich einmal vergessen konnte.«
Stille breitete sich im Brunnenraum aus, und nur die unregelmäßigen Atemzüge von Breaca waren noch zu hören.
»Valerius?«, fragte sie zaghaft.
Er befand sich irgendwo zu ihrer Linken, doch sie konnte ihn nicht sehen. Stattdessen stellte sie fest, dass eine seltsame, allem Weltlichen entrückte Klarheit sich in ihr ausbreitete, als sie seine Stimme hörte. Jene gleiche Klarheit, die sie auch gespürt hatte, als er während ihrer Fieberträume zu ihr gesprochen hatte. Jetzt jedoch litt sie unter keinem Fieber mehr, sondern schien eher in Verzweiflung zu ertrinken. Die kleine Öllampe log, denn um Breaca herum herrschte kein Licht mehr, sondern Finsternis - zumindest in Breacas Wahrnehmung. Und selbst das, was Breaca noch in der Finsternis zu erkennen glaubte, verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen.
Vorsichtig ergriff ihr Bruder ihre Hand. Niemals könnte sie seine Berührung mit der irgendeines anderen Menschen verwechseln. Seine Finger waren kühl und trocken und fest.
»Mein Vater hat ein ganzes Jahr lang Tag und Nacht nichts anderes getan, als an meiner Heilung zu arbeiten. Sogar dann, wenn ich selbst gar nicht gespürt habe, dass er an meiner Gesundheit arbeitete. Und wie Theophilus dir sicherlich bestätigen wird, ich bin trotzdem noch nicht wieder gänzlich genesen. Aber es geht mir immerhin schon wesentlich besser. Und auch dir können wir die Zeit für deine Genesung verschaffen. Wenn du es denn willst.«
Endlich hatte Breaca ihre Gefühlsregungen wieder weitgehend unter Kontrolle bekommen. Vielleicht war es die Anwesenheit ihres Bruders, die ihr wieder Kraft und Selbstbeherrschung verliehen hatte, oder aber Theophilus’ stille, die Seele reinigende Gegenwart, oder vielleicht auch einfach die Tatsache, dass sie endlich einmal hatte durchatmen können und sich damit wieder ein paar Schritte entfernt hatte von jenem Abgrund, der sie schon seit langem täglich aufs Neue zu verschlingen drohte. Breaca löste sich von den beiden Männern und lehnte sich vorsichtig gegen die Mauer unter der neu mit Öl gefüllten Lampe.
Valerius hatte sich mit dem Rücken gegen den Zugmechanismus des Brunnens gelehnt und musterte seine Schwester mit dem gleichen Taktgefühl, mit dem er sie schon während ihres gemeinsamen kleinen Kampfes auf der Lichtung vor dem Altar Brigas beobachtet hatte und während der darauf folgenden Schlacht gegen die Neunte Legion. Stets hatte er sie nur sehr behutsam angeschaut, ganz so, als ob zu viel Eindringlichkeit ihre zerbrechliche Konstitution endgültig zerschlagen hätte.
Und vielleicht hatte Valerius mit dieser Einschätzung auch ganz recht gehabt, denn mit der Stimme eines Menschen, der den Punkt der absoluten Erschöpfung erreicht hatte, entgegnete Breaca: »Aber wer soll dann das Kriegsheer anführen, wenn ich mich für sechs ganze Monate einfach so von allem zurückziehe? Wer wird Cunomar in Schach halten und die Bärinnenkrieger davon abhalten, noch mehr Angriffe auf die Römer zu verüben, ehe das Heer endlich seine volle Kampfstärke erreicht hat? Wer wird Cygfa am Leben erhalten, obwohl ihr Instinkt mittlerweile nur noch ein Ziel kennt - zu töten und nochmals zu töten, egal, welches Risiko sie damit auch für ihr eigenes Leben eingeht? Cygfa muss doch zumindest so lange am Leben bleiben, dass sie, falls es zu einer richtigen Schlacht kommen sollte, noch den Befehl über den rechten Flügel übernehmen kann. Wer wird während der Ratsversammlungen mit den Stammesoberhäuptern der Coritani sprechen, mit den Anführern der Dobunni, der Durotriger, Dumnonii, der Silurer, der Briganter, der Ordovizer und der Atrebater? Falls alle diese sich tatsächlich noch dazu entschließen sollten, gemeinsam mit uns in den Krieg zu ziehen. Wer hat denn die gesamten vergangenen zwanzig Jahre über stetig irgendwelche Geschenke mit ihnen ausgetauscht, ihnen bei den Ratsfeuern stets den Platz des Ehrengastes zugewiesen und auch an ihren Versammlungen teilgenommen? Wer hat ihre Stammesangehörigen in die Schlacht und, vor allem, in den Sieg geführt, auf dass sie sich nun endlich alle vereinigen und gemeinsam kämpfen, egal wie tief die Zerwürfnisse zwischen den einzelnen Stämmen reichen mögen. Wenn du mir jetzt einen Menschen nennen kannst, dem ich all dies wirklich und guten Gewissens zutrauen kann, dann, das verspreche ich dir, werde ich auf der Stelle verschwinden und mich endlich meiner eigenen Genesung widmen.«
Valerius war ihr Bruder, sodass er ihren Blick länger ertrug als die meisten anderen Männer. Und selbst dann, als schließlich auch er die Lider senkte, geschah dies nur, um statt Breaca den mit Juwelen umsäumten Weinkelch zu betrachten. Vorsichtig nahm Valerius den Becher auf, und sogleich umschloss ein grünliches Schimmern seine Finger. »Niemand, außer dir, kann all das. Und ich wüsste auch niemanden, der das auch nur versuchen möchte.«
»Aber warum bietest du mir dann etwas an, das du doch nicht erfüllen kannst? Wo bleibt die Liebe bei einem solchen Angebot?«
»Ich habe ja nicht gesagt, dass wir das, was ich dir angeboten habe, nicht bewerkstelligen könnten. Ich sage nur, dass das nicht einer allein schaffen kann. Aber es gibt genügend Menschen, die zumindest jeweils einen Teil des Ganzen übernehmen könnten, wenn es denn von ihnen verlangt würde. Cunomar ist gerade auf dem besten Wege, sowohl eine gewisse Selbstbeherrschung als auch die Qualitäten eines Führers zu erlernen. Cygfa entdeckt mehr und mehr Gründe, warum es sich lohnen könnte, eine Schlacht nicht nur durchkämpfen, sondern auch überleben zu wollen. Und Ardacos hat sich der Zerstörung Roms mit einer solchen Inbrunst gewidmet, dass er sicherlich auch die Verhandlungen mit den anderen Stammesführern übernehmen könnte. Keiner von all denen, die ich gerade aufgezählt habe, ist die Bodicea, die all dies auf einmal schafft und zudem auch noch die Krieger derart in ihren Bann schlägt, dass diese in den Schlachten weit über ihre eigenen Grenzen hinausgehen. Aber jeder von ihnen kann zumindest einen gewissen Teil von dem Ganzen übernehmen.«
»Auch das Anfeuern der Krieger könntet ihr schaffen, jeder Einzelne von euch.«
»Nein. Ich habe gesehen, wie du gegen die Neunte Legion gekämpft hast. Und obwohl du bei Weitem noch nicht deine alte Form zurückerlangt hattest, wurden die Krieger, die in deiner unmittelbaren Nähe kämpften, allein durch deine Anwesenheit von ganz neuem Leben erfüllt. In deiner Gegenwart kämpfen sie wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Ohne dich sind sie bloß wieder jene Grünschnäbel, die einfach bloß jeder ihre eigene kleine Schlacht durchfechten. Du siehst all das schon gar nicht mehr, weil es für dich die ganzen Jahre über so gewesen ist. Aber jene von uns, die dir dabei zuschauen, erkennen das alles noch ganz genau. Und darum fürchten wir den Moment, in dem du zusammenbrechen könntest, denn dann würde das gesamte Kriegsheer zerbrechen. Allein die Bodicea ist es, die das Kriegsheer zu dem macht, was es ist.
Darum brauchen wir dich, Breaca, genau deswegen. Aber wir brauchen dich sozusagen in einem Stück. Ansonsten zerbrechen auch wir. Vielleicht noch nicht sofort, aber schon bald könnten wir einen Punkt erreichen, an dem es mehr Schaden anrichtet, zwar immer noch deine körperliche Gegenwart zu spüren, aber gleichzeitig zu wissen, dass du seelisch schon lange nicht mehr unter uns weilst, als wenn du dich für eine gewisse Zeit einfach einmal ganz zurückziehen würdest.«
»Und warum hat mir all das keiner von euch schon mal ein bisschen eher gesagt?«
»Arroganz?« Obwohl Valerius, als er dies sagte, ganz und gar nicht arrogant dreinschaute. Er sah vielmehr aus wie ein Mann, der an die Grenzen seiner eigenen Kraft, seines eigenen Wesens gelangt war. »Wir dachten, dass wir dich irgendwie schon wieder heilen könnten. Und dann, als wir merkten, dass wir das nicht schaffen, glaubten wir, dass bestimmt der Kampf dich wieder genesen lassen würde. Und dann hofften wir, dass das Wissen, dass Graine in Sicherheit ist, dir wieder zu deiner alten Gesundheit zurückverhelfen würde. Selbst heute noch hatten wir den Glauben nicht aufgegeben, dass Airmid, in ihrer Eigenschaft als deine Freundin und Heilerin, dich vielleicht wieder hinbekommen würde. Aber wir haben uns alle geirrt.«
Zwischenzeitlich war Theophilus leise neben Breaca getreten und hatte nun eine Hand auf ihren Arm gelegt. Sie nahm ihn zwar wahr, doch mit einer solch seltsamen Distanziertheit, als ob ihr Körper in Wahrheit einer Fremden gehörte. Ihre Stimme klang hohl und leer. »Vielleicht war es ja nötig, dass mir das mal einer in aller Klarheit sagt. Also, wie wäre es, wenn auch ich eine aktive Rolle bei meiner Heilung übernehmen würde - könnte ich dann vielleicht etwas schneller genesen? Vielleicht an einem einzigen Tag? Oder in zwei Tagen? Zehn? So lange könnten wir vielleicht noch warten, ehe wir Camulodunum und alle, die sich innerhalb der Grenzen dieser Stadt aufhalten, niederbrennen.«
Fest drückte ihr Bruder mit dem Daumen gegen einen der Rubine, die in den Rand des Glases eingelassen waren. »Um wieder genesen zu können«, erklärte er, »musst du erst einmal verstehen, was dir fehlt und warum. Und ich persönlich wüsste nicht, wie man diesen Prozess der Erkenntnis beschleunigen könnte.« Vorsichtig setzte er den Weinkelch auf dem Brunnenrand ab. Dann sah er wieder auf. »Theophilus? Wissen die Ärzte von Athen und Kos darauf vielleicht eine Antwort?«
»Man könnte eine Nacht im Tempel des Asklepios verbringen, aber der liegt mehr als eine halbe Jahresreise von hier entfernt. Und ich würde sowieso bezweifeln, ob das bereits ausreicht. Aber darüber hinaus... Es tut mir leid. Ich kann dir keine Möglichkeit anbieten, deine Genesung mit der Geschwindigkeit voranzutreiben, die du dir erhoffst. Ich habe es also nicht einfach nur so dahingesagt, als ich dir anbot, dir sechs Monate meines Lebens zu widmen, um dich wieder zu heilen. Und ich denke, in der Zeit würde ich das auch tatsächlich schaffen. Aber schneller geht es nicht. Zumindest nicht meines Wissens nach.«
Abermals breitete sich Schweigen aus. Breaca, Theophilus und Valerius nahmen sich einen Augenblick, um nachzudenken, um im Geiste das Machbare vom Unmöglichen zu trennen und um daraus dann schließlich eine Möglichkeit abzuleiten, wie man weitermachen könnte.
Theophilus saß noch immer in genau der Haltung, wie er auch schon gesessen hatte, als Breaca ein Stückchen von ihm abgerückt war - die Knie angezogen und die Ellenbogen nachdenklich darauf gestützt, eine Haltung, die die Ehrfurcht gebietende Wirkung seiner weißen Robe wieder komplett zunichte machte. Breaca stand auf und ließ sich unmittelbar vor Theophilus wieder auf dem Boden nieder. Sie berührte ihn zwar nicht, war ihm aber dennoch so nahe, dass sie die ruhige Hitze spüren konnte, die von seiner Haut ausstrahlte.
»Allein die Tatsache, dass du dir überhaupt Gedanken um meine Heilung gemacht hast und bereit bist, mir die dazu nötige Zeit zu gewähren, ist ein größeres Geschenk, als ich jemals von dir hätte erbitten mögen. Und es ist auch nicht dein Fehler oder meiner, dass ich dieses Geschenk leider dennoch nicht annehmen kann. Wir beide wissen, dass der gute Wille auf jeden Fall da war. Und vielleicht könnten wir eines Tages auf dein Angebot zurückkommen. In der Zwischenzeit aber würde ich mir von dir gerne ein anderes Geschenk wünschen, eines, das durchaus im Bereich des Möglichen liegen dürfte. Es kommt der Tag, an dem der Krieg ausbricht. Vielleicht nicht gleich morgen früh und vielleicht auch noch nicht in zehn Tagen, aber dennoch bald. Würdest du also bitte mit uns kommen, dorthin, wo du in Sicherheit wärst? Wir werden auch nichts von dir verlangen. Es ist nur so, dass wir dir doch quasi alles schulden und diese Schuld nun nicht mit deinem Tode quittieren wollen.«
»Auch das ist leider eine Bitte, die ich nicht erfüllen kann.« Theophilus schüttelte den Kopf. »Ich kann das Krankenhaus jetzt noch nicht verlassen. Hier liegen drei Patienten. Und bis morgen die Sonne abermals aufgeht, könnten es durchaus schon wieder mehr sein. Ich habe einst einen Eid abgelegt, mit dem ich geschworen habe, meine Patienten niemals im Stich zu lassen. Und diesen Eid werde ich nun ganz gewiss nicht brechen, bloß um mein eigenes Leben zu retten. Wenn diese Patienten das Krankenhaus nun alle urplötzlich verlassen sollten oder wenn zweifelsfrei feststände, dass ich ihnen, selbst wenn ich bliebe, ohnehin nicht mehr helfen könnte, dann, ja, dann würde ich meinen Schülern folgen und in euer Lager übersiedeln. Aber das wird wahrscheinlich nicht mehr vor eurem Angriff passieren. Und wir alle sollten uns nun noch einmal vergegenwärtigen, dass die Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, allein bei mir liegt. Und ich spreche euch hiermit frei von jeglicher Schuld an dem Schaden, den ich oder mein Krankenhaus durch diese meine Entscheidung womöglich noch erleiden werden.«
Abermals begannen über ihnen die Schreie zu hallen, nahmen eine immer schrillere und lautere Tonart an, ganz so, als ob der derart von seinen Qualen heimgesuchte Patient zwischendurch nicht eine Sekunde innezuhalten bräuchte, um einmal Luft zu holen.
Theophilus erhob sich. »Seht ihr? Wie soll ich einen Mann verlassen, der unter derartigen Schmerzen leidet? Besser, ihr brecht jetzt wieder auf. Und sollte es mir irgendwie möglich sein, werde ich mich euch früher oder später anschließen. Und falls nicht, werden ja vielleicht eure Götter über mein weiteres Schicksal und das des Krankenhauses wachen.«
Damit packte Theophilus sowohl Breaca als auch Valerius mit jenem Griff um den Ellenbogen, mit dem auch Krieger sich vor einer Schlacht ein letztes Mal begrüßten. Seine Gesichtshaut war schlaff von Alter und Erschöpfung, seine Augen blickten unendlich weise. »Was auch immer passieren mag, so habe ich doch ein erfülltes Leben gelebt, und euch kennen zu dürfen, hat es sogar noch zusätzlich bereichert. Und anders hätte ich es auch gar nicht gewollt. Nun geht und beginnt jenen Krieg, den ihr offenbar beginnen müsst, und achtet darauf, dass, wenn ihr siegen solltet, auch ihr beide einen Weg findet, wie ihr eure körperliche und seelische Integrität zurückerlangt. Sonst war alles umsonst.«
Die Kriegerin der Kelten
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