48
Hochzeitstag
»Das ist Wahnsinn, Jorg. Gott hat den Fürsten von Pfeil dazu ausersehen, hinter einem Schwert zu stehen. Das sagen alle über ihn. Er ist nicht wie andere Männer, nicht mit einer Klinge in der Hand. Er ist kein Mensch.« Makin stand jetzt vor dem Thron, als wollte er mir den Weg versperren.
»Und es wird sich herausstellen, dass er auch geboren wurde, um hinter einem Schwert zu sterben«, sagte ich.
»Ich habe ihn kämpfen sehen.« Makin schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, du hast etwas im Ärmel, Jorg.«
»Natürlich«, sagte ich.
Ein Teil der Anspannung wich aus Makins Schultern. Onkel Robert lächelte.
»Den besten verdammten Schwertarm der ganzen Geschichte habe ich in meinem Ärmel.«
Sofort begann der Protest, ein ganzer Chor, als hätte sich mein Hof mit verärgerten Gänsen gefüllt.
»Meine Herren!« Ich stand vom Thron auf. »Euer Mangel an Vertrauen bestürzt mich. Und ihr möchtet bestimmt nicht, dass ich bestürzt bin. Wenn der Fürst von Pfeil meine Herausforderung annimmt, werde ich ihm zu einem Duell gegenübertreten und den Sieg erringen.«
Ich schob mich an Makin vorbei. »Ihr!« Ich zeigte auf einen zufällig ausgewählten Ritter. »Holt mir einen Herold.« Ich war einigermaßen sicher, einen Herold zu haben. Ich drehte den Kopf und sah Makin in die Augen. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich gegen Schwertmeister Shimon gekämpft habe, nicht wahr?«
»Tausendmal.« Makin seufzte und sah zu Lord Robert.
»Shimon meinte, dass du gut bist, Jorg«, sagte Onkel Robert. »Einer der besten, die er in vierzig Jahren gesehen hat.«
»Na bitte!«, rief ich. »Habt ihr gehört?«
»Aber zwei Jahre vorher war er Orrin von Pfeil begegnet und hielt ihn für den besseren Schwertkämpfer. Und Orrins Bruder Egan soll noch ein ganzes Stück besser sein als er.«
»Ich war vierzehn! Jetzt bin ich ein Mann. Ganz erwachsen. Makin hier kann ich mit einem Stuhlbein besiegen. Vertraut mir. Ich schicke den Fürsten von Pfeil blutüberströmt zu Boden, noch bevor er mein Schwert sieht.«
Meine Ungezwungenheit war zum Teil gespielt. Ich würde gegen den Fürsten kämpfen. Sieg oder Niederlage, Chance oder keine Chance. Der Wahnsinn, den Sageous in mir gepflanzt hatte, war verbrannt, und ich wollte es darauf ankommen lassen, so gering die Erfolgsaussichten auch sein mochten. Andererseits … Ich hatte meinen Bruder getötet. Flammen konnten diese Schuld nicht tilgen. Ich würde sie mit mir aufs Schlachtfeld tragen, und vielleicht würden sie mich mit ihr begraben.
Sie fanden den Roten Kent eingezwängt unter den verkohlten Leichen von Lord Josts Männern. Ich ließ ihn zum Thronraum bringen, als ich davon hörte.
»Du hast schon besser ausgesehen, Sir Kent«, sagte ich.
Er nickte. Zwei meiner Wächter hatten ihn hereingetragen und an einen Stuhl gebunden, damit er nicht herunterfallen konnte. »Ich habe mich auch schon besser gefühlt, Bruder.« Seine Stimme kam als heiseres Flüstern aus einer von heißer Luft verbrannten Lunge.
Selbst jetzt, als niemand von uns wusste, ob er leben oder sterben würde, hielt Kent den Blick gesenkt, demütig unter den Lords und Rittern, obwohl ich ihn in ihren Rang befördert hatte. Eine kleine Aufforderung genügte, und er warf sich einem übermächtigen Feind entgegen. Aber ein Thronraum voller Männer, die mehr an Seide als an Leder gewöhnt waren, verunsicherte ihn.
Ich trat vom Podium mit dem Thron herunter und kniete vor ihm. »Ich würde dir etwas gegen die Schmerzen geben, Bruder Kent, aber ich möchte, dass du einen Kampf daraus machst. Wehr dich gegen die Verbrennungen. Besiege sie. Wir kapitulieren nicht.« Meine eigenen Brandwunden schrien in mir. Es war zweifellos ein Echo von Kents Schmerzen und des Leids der anderen auf dem Hof, aber trotzdem, es nagte an mir, klopfte in meinen Wangenknochen und in der Augenhöhle.
Etwas am Rand des Blickfelds weckte meine Aufmerksamkeit, und ich wandte mich von Kent ab, wieder dem Thron zu. Zwei Öllampen standen zu beiden Seiten des Podiums, schwarz und rot emaillierte Urnen auf eisernen Ständern. Die hinter dem Glas an den Dochten tanzenden Flammen sahen seltsam aus, schienen zu hell zu sein, zu orange, bildeten zu viele Flammenformen gleichzeitig. Ich hielt die Hand übers Glas und spürte keine Hitze, nur eine pulsierende vitale Kraft, die mir über den Arm lief und mich schreien lassen wollte.
Öffne auf keinen Fall das Kästchen.
»Hoheit, der Herold ist zurückgekehrt.«
Ich zog die Hand zurück und fühlte mich fast schuldig. Der Herold stand in der Tür, zwischen zwei Tafelrittern. Er sah entsprechend aus, war groß und attraktiv in seiner Livree aus Samt und goldenem Zwirn.
»Und was hat der Fürst von Pfeil zu meinem Angebot gesagt?« , fragte ich.
Der Herold zögerte, der Trick eines Redners, um mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, obwohl er bereits unsere volle Aufmerksamkeit hatte.
»Der Fürst wird Euch auf dem Schlachtfeld gegenübertreten, um den Ausgang dieses Kampfes zu entscheiden.«
Ich sah, wie Makin den Kopf schüttelte.
»Schön und gut«, sagte ich. »Und hat er einen Ort seiner Wahl genannt, oder akzeptiert er meine Einladung für ein Duell auf dem Kamm des Laufteils?«
»Der Fürst meint, jener Kamm bestünde mehr aus Trollen als aus Stein. Er schlägt eine einigermaßen flache Stelle beim Rigden-Fels vor, auf halbem Wege zwischen der Burg und der gegenwärtigen Position seiner vordersten Linie. Er wird fünf Männer mitbringen, die das Geschehen aus einem Abstand von zwanzig Metern beobachten, und das erwartet er auch von Euch.«
»Richtet ihm aus, dass ich einverstanden bin und ihn dort in einer Stunde treffe«, sagte ich.
Der Herold verbeugte sich und machte sich auf den Weg, um meine Worte zu überbringen.
»Makin, ich möchte, dass du dabei bist. Aber zuerst such Olvin Green oder, wenn er tot ist, jemand anderen, der Pfeilwunden gut behandeln kann. Ich möchte, dass er und sechs starke Männer hochklettern und Coddin holen. Er soll sich um seine Wunde kümmern, falls er noch lebt, und ihn so bald wie möglich hierher bringen.«
Makin nickte und verließ den Thronraum ohne ein Wort. Er legte Kent nur kurz die Hand auf die Schulter, bevor er hinausging.
»Ich möchte Lord Robert bei mir haben, außerdem Rike, Hauptmann Keppen und Pater Gomst.«
Onkel Robert senkte zustimmend den Kopf, trat dann zum Podium und beugte sich zu mir. »Warum ein Priester?«
»Der Fürst von Pfeil wird fünf gute Schwerter mitbringen. Ich bringe drei, außerdem einen Bogenschützen für den Fall, dass er sich aus dem Staub machen will. Der Priester soll dafür sorgen, dass in kommenden Zeiten die Wahrheit über die Ereignisse beim Ridgen-Fels erzählt wird.«
Ich ließ mir die Rüstung anlegen, Teile aus versilbertem Stahl, gut gearbeitet und ohne Verzierungen. Ich trug kein Wappen, keine Embleme irgendeiner Art. Dekorationen sind für Friedenszeiten, für Leute, die Spiele spielen, ohne sich darüber im Klaren zu sein.
Der Hundertkrieg, so müsst ihr wissen, ist ein Spiel. Um es zu gewinnen, muss man seine Figuren richtig setzen. Das Geheimnis besteht in dem Wissen, dass es nur ein Spiel ist und dass die einzigen Spielregeln die eigenen sind. Ohne das Erinnerungskästchen hatte ich alle meine Pläne im Kopf. Der Trick bestand darin, nicht an sie zu denken, Sageous keinen Anhaltspunkt zu bieten. Ein Fehler, und das Spiel war aus.
Während die Pagen Riemen festzurrten und schwitzten, hielt ich mir den Seh-Ring der Erbauer vors Auge. Für einen Moment sah ich Miana durch ihn, auf der anderen Seite des Raums, und überlegte, ob ihre Hand durch den Ring passte, ob sie ihn vielleicht als Armreif tragen konnte. Dann formte sich ein Bild und zeigte mir die ganze Welt als ein Juwel in Blau und Weiß. Eine Leinwand, auf der selbst das ganze Reich nicht besonders beeindruckend ausgesehen hätte.
Eine kleine Bewegung mit dem Zeigefinger am gezahnten Rand des Rings, und mein Blickwinkel fiel zur Erde, schneller als ein Pfeil. Sogar schneller als eine Kugel. O ja, ich weiß von solchen Kugeln.
Das Bild verschwamm für die Dauer eines Herzschlags, für zwei oder auch drei, präsentierte dann wieder Einzelheiten. Wie gewaltig das weit über uns hängende Teleskop auch sein mochte, mehr konnte es mir nicht bieten: ein mehrere Meilen durchmessendes Bild, in dem die Umrisse der Spukburg zu sehen waren, Einzelheiten aber verborgen blieben. Die Hauptmasse des fürstlichen Heeres bildete einen dunklen Fleck am Berghang. Ich sah die Konturen der Belagerungsmaschinen, die Soldaten bei ihnen nicht größer als Staubkörner. Erneut bewegte ich den Zeigefinger, und das Innere des Rings wurde schwarz. Ich zählte das Flackern: Das Bild sprang durch vier leere Stellen dort, wo frühere Augen der Erbauer blind geworden waren. Und dann, mit meinem Zeigefinger auf dem letzten Höcker am Rand, sah ich eine neue Szene. Ich konnte das Heer und die qualmenden Reste meiner Mauern so beobachten, als stünde ich auf einem nahen Berggipfel. Indem ich über das Metall des Rings strich und gleichzeitig den Zeigefinger ein ganz kleines bisschen nach vorn bewegte, brachte ich die Szene näher heran, mit dem Bereich des Rigden-Felsens in der Mitte.
An den meisten Orten kann der Erbauer-Ring nicht besser sehen als aus der eben beschriebenen, viele Meilen hohen Vogelperspektive, aber bei vielleicht einem von fünf Orten gibt es andere Augen, die ihm zur Verfügung stehen. Mit langsamem Ausprobieren hatte ich schließlich das Auge gefunden, das ich nun nutzte. Es befindet sich auf einem hohen Kamm in den Matteracks und bleibt vollkommen verborgen, wenn es nicht benutzt wird. Wenn ich es rufe, kommt hinter einer schwarzen Metalltür, eingelassen im natürlichen Felsgestein, eine glänzende Metallstange zum Vorschein und hebt eine schwarze Kristallkuppel nach oben. Ich habe unter dieser Kuppel gestanden und ein leises Summen und Surren gehört, als ich die Sicht des Rings veränderte. Ein mechanisches Auge muss darin sitzen und auf meine Wünsche reagieren. Ich habe es so zurückgelassen, wie ich es vorfand. Diese Augen in den Gewölben des Himmels und hier unten bei uns, tief im Fels verborgen, sind das Werk von Genialität. Trotzdem frage ich mich, wieso ein Volk überall und jederzeit beobachtet werden wollte. Vielleicht war es das, was die Erbauer in den Wahnsinn trieb. Ich möchte nicht auf Schritt und Tritt Blicke auf mir haben; ich würde solche Augen blenden.
Fexler Brews verlor den Verstand. Vierzehn Jahre, nachdem sein Echo eingefangen und in der Maschine festgehalten wurde, nahm er eine Waffe und erschoss sich. Einen 45er Colt nahm er, so nennt man diese Waffe, obwohl sie mehr wie ein Pferd aussieht als die Pferdeküste. Ich habe Fexler gefunden, aber es war nicht leicht. Während der langen Rückkehr zum Hochland von Renar habe ich ihn gefunden, obwohl es mich Mühen und Leben kostete. Leben, an denen mir etwas lag. Was selten genug ist. Fexler hat sich eine Kugel durch den Kopf gejagt, aber die Maschine ließ ihn trotzdem nicht los. Sie hielt ihn zwischen Bruchteilen einer Sekunde gefangen. Ich schob den Gedanken beiseite, das Bild der Waffe in der erstarrten Hand, die bei der Austrittswunde reglos in der Luft hängenden Blutstropfen. Ich vergaß die Stasiskammer … bevor Sageous sie in meiner Erinnerung sah.
Es heißt, Gott beobachtet uns in jedem Moment. Aber ich glaube, in manchen Momenten, wenn gewisse Taten vollbracht werden, wendet er den Kopf ab.
»Was siehst du, Jorg?« Miana war jetzt an meiner Seite.
»Den Ort, wo das Duell stattfinden soll.« Ich ließ den Seh-Ring sinken.
»Kannst du gewinnen, Jorg?«, fragte Miana. »Gegen den Fürsten? Er soll sehr gut sein.«
Ich fühlte Sageous. Ich roch ihn, wie er an den Rändern meiner Gedanken zupfte, auf der Suche nach meinen Geheimnissen.
»Er ist sehr gut. Und ich … ich bin sehr schlecht. Mal sehen, was dabei herauskommt.« Mit meiner Vorstellungskraft baute ich eine Mauer, die meine Gedanken daran hinderte, das zu betrachten, was geschehen würde. Meine Hände wussten, was es zu tun galt – darüber brauchte ich nicht nachzudenken.
Der Sockel meines Throns in der Spukburg enthält ein Stahlfach. Bevor mir die Pagen den Helm aufsetzten, kniete ich vor dem Thron und schob den großen Schlüssel ins Schloss. Ich öffnete das Fach, schob die rechte Hand hinein und schob sie unter die Riemen des kleinen eisernen Faustschilds, holte ihn dann hervor. Meine Finger schlossen sich um den seltsamen Griff des Objekts, das sich unter dem Faustschild verbarg, und ich lächelte. Man stelle sich vor, dass Fexler Brews glaubte, ich würde mich mit einem »Nein« abfinden. Ich ließ das Stahlfach offen, stand auf und trat vom Podium, damit mir die Pagen den Helm aufsetzen konnten.
»Dreh meinen Schwertgürtel, Keven«, sagte ich.
Der Junge zog die Stirn kraus und blinzelte. Er sah aus wie ein Kind. Vermutlich war er das auch, nicht älter als Miana. »Sire?«
Ich nickte nur. Die Falten blieben in seiner Stirn, als er den Gürtel löste und dann wieder festzog, mit dem Schwertgriff an der linken Seite.
Manche Männer geben ihren Schwertern Namen. Ich habe das immer für seltsam gehalten. Wenn ich meinem Schwert einen Namen geben sollte, so würde ich es »Scharf« nennen, aber an einer Taufe meiner Klinge liegt mir ebenso wenig wie daran, meiner Gabel beim Essen oder dem Helm auf meinem Kopf Namen zu geben.
Mit langsamen Schritten und allen Blicken auf mir ging ich durch den Thronraum.
»Roter Jorg«, flüsterte Kent, als ich an ihm vorbeikam.
»Rot wäre gut, Kent. Aber ich fürchte, ich bin dunkler.«
Als ich das Kästchen öffnete, habe ich mehr Dunkelheit als Erinnerungen empfangen.
Die Flammen der Fackeln an der Tür flackerten in meiner Nähe und gaben mir eine sonderbare Leidenschaft. Ich fühlte mich von mehr als nur meinem Hof beobachtet, von mehr als Sageous und den Spielern, die versuchen, die Hundert auf ihrem Spielbrett zu bewegen. Gog beobachtete mich. Aus dem Feuer.
Ich sah zurück, und mein Blick traf Miana neben dem Thron.
Lord Robert folgte mir. Hauptmann Keppen und Rike schlossen sich uns draußen an.
»Es wird Zeit, den Wasserfall hinunterzuspringen, alter Mann«, sagte ich zu Keppen, als er neben mich trat. Er nahm die Worte mit einem Lächeln entgegen, als wüsste er, dass unsere Stunde geschlagen hatte, und als könnte er es ebenso wenig erwarten wie ich.
Wir gingen durch die Flure meines Onkels. Degran hockte nicht mehr in den Schatten, meine Schuld war nicht länger mit dem Versprechen von Wahnsinn verbunden. Aber ich wusste sehr wohl um mein Verbrechen. Der Tod wartete am Hang auf mich, so oder so. Der Tod war gut genug. Tod durch die Hand des Fürsten, durch die Schwerter seiner vielen Soldaten, oder der Tod, vor dem Fexler mich bewahrt hatte, als er in Luntars Kästchen jene Kräfte der Nekromantie und des Feuers verankert hatte, die so tief in mir verwurzelt waren und in verschiedene Richtungen zogen.
Was mich an etwas erinnerte. Ein letztes Mal holte ich das leere Kästchen hervor, um es wegzuwerfen. Die Büchse der Pandora hatte auch Hoffnung enthalten, das letzte aller Übel, die ihre törichte Neugier den Menschen brachte. Sie hätte die Hoffnung fliegen lassen können, aber nicht in meine Richtung. Trotzdem sah ich noch einmal in das Kästchen, das keinen Deckel mehr hatte, mit der Hand bereit, es auf den Boden fallen zu lassen. Und dort, auf dem glänzenden Kupfer im Innern, sah ich einen kleinen Fleck. Eine letzte Erinnerung? Der es widerstrebte, zu mir zurückzukehren? Ich legte den Finger darauf, und die Dunkelheit des Flecks drang mir durch die Haut. Zurück blieb nur sauberes Kupfer.
Diese Erinnerung packte mich nicht, sie zerrte mich nicht fort vom Hier und Heute. Ich blieb im Jetzt, ging weiter durch die Flure der Spukburg, erinnerte mich aber an mehr als vorher, an das letzte Gespräch mit Fexler, in der Burg meines Großvaters. Fexler hatte das Kästchen betrachtet, als ich seinen Seh-Ring darangehalten hatte.
»Sageous?«, hatte er gefragt, während der Ring summte.
»Sageous? Der verdammte Traumdieb hat mir dies angetan? Der Wahnsinn stammt von ihm?«
»Er hat viel Schlimmeres getan, Jorg. Er hat dich in die Dornen gesetzt.« An dieser Stelle hatte Fexler gezögert, als hinge er Erinnerungen nach. »Was dich dort festhielt, ist eine andere Sache.«
Bei seinen Worten hatte jede Dornennarbe gebrannt. »Warum?« , hatte ich gefragt. »Warum hat er das getan?«
»Die verborgenen Hände, die die Figuren deines Reiches bewegen, haben Prophezeiungen, die sie gern untereinander teilen. Sie sprechen gern über den Fürsten von Pfeil und seine goldene Zukunft. Und dann haben sie noch Weissagungen, über die sie nicht so offen reden. Die verborgenen Hände glauben, dass zwei Ankraths vereint ihre ganze Macht und das Spiel beenden können.«
»Zwei?« Ich hatte gelacht. »Dann droht ihnen keine Gefahr!«
»Dein Überleben allen Widrigkeiten zum Trotz gab dir einen besonderen Wert«, hatte Fexler gesagt.
Und mir war plötzlich kalt geworden, als ich begriff, wie die Spieler versucht hatten, zu verhindern, dass sich auf ihrem Spielbrett zwei Ankraths zusammentaten. Vermutlich hatten sie gesehen, wie Olidans Söhne zusammen starben. Und als ich dem Tod entging und für ihr Spiel so nützlich wurde wie mein lieber Vater … Ließen sie mich am Leben, weil sie glaubten, ich würde meine Sache nie der seinen hinzufügen? Oder war diese Möglichkeit vor langer Zeit berücksichtigt worden, mit dem Ergebnis, dass der Keil zwischen Vater und Sohn zumindest nicht ganz auf unser eigenes Tun zurückging?
»Ich werde den Heiden finden und ihn töten«, hatte ich Fexler versprochen.
»Sageous ist nur ein Wilder, der durch Aberglauben nach Wahrheit sucht, um an Träumen herumzupfuschen.« Fexler schüttelte den Kopf.
»Aber er ist schwer zu fassen«, hatte ich gesagt.
»Und ich wünschte, dass er endlich verschwand«, hatte Fexler halb singend geantwortet.
»Was?«
»Ein alter Reim. Uralt sogar. Sageous erinnert mich daran. Auf der Treppe oben ich sah, einen Mann, der war gar nicht da. Heute er wieder nicht dort oben stand, und ich wünschte, dass er endlich verschwand. Das ist Sageous, der Mann, der gar nicht da war. Es kommt natürlich darauf an, es genau umgekehrt zu machen. Und ich wünschte, dass er sich immer dort befand.«
»Was?« Ich fragte mich, ob Geister senil werden konnten.
Fexler war näher gekommen und hatte seine Hand aus geisterhaftem Licht ins Kästchen gesteckt. »Aber nichts hiervon nützt dir etwas, solange das Rätsel des Kästchens, dieser Gordische Knoten, ungelöst bleibt. Ich lege es hinein.«
»Nein!«, rief ich, denn ich wollte mir nicht die Erinnerung daran nehmen lassen.
»Nein was?«, hatte Fexler gefragt.
»Ich … hab’s vergessen«, hatte ich gesagt.
»Nein?«, fragte Makin an meiner Seite, im Flur der Spukburg. Draußen wartete der Fürst von Pfeil mit seinem Schwert, und mit Tausenden von weiteren Schwertern hinter ihm.
Ich schüttelte den Kopf. Meine Hand hielt das leere Kästchen, die Finger fest darum geschlossen. Blut drang aus alten Dornenwunden, die sich wieder geöffnet hatten. Das Kästchen fiel mir aus der Hand, ich trat es fort.
»Nein«, sagte ich. »Einfach nur nein.«
Pater Gomst wartete im Hof auf uns. Ein Weg durch die Toten war freigeräumt worden. Sie lagen zu beiden Seiten aufgetürmt, als wäre es die Straße zur Hölle. Und der Geruch, Brüder! Er drehte mir den Magen um. Und schlimmer noch, als ich zwischen den aufeinandergestapelten und verbrannten Leichen ging, da zuckten sie. Rote Hände bewegten sich, als ich an ihnen vorbeikam, verkohlte Haut löste sich von den Fingern. Köpfe drehten sich, und die Blicke toter Augen suchten nach mir. Die mich begleitenden Männer merkten nichts davon, weil sie so sehr auf das konzentriert waren, was uns erwartete, aber ich sah es deutlich, und ich fühlte sie alle, unruhig in ihrem neuen Schlaf, während der Tote König mich durch sie beobachtete.
Öffne auf keinen Fall das Kästchen.
Tod und Feuer hatten tiefe Wurzeln in mir geschlagen. Tiefer als nur tief. Beides zog und zerrte nun.
»Ich sollte mich um die Sterbenden kümmern«, sagte Pater Gomst. Er rief fast, um die Schreie vom Rundgang zu übertönen, wo die Verwundeten lagen.
»Sollen sich die Sterbenden um sich selbst kümmern«, sagte ich. Ich wusste, dass mir Pater Gomst kein Trost gewesen wäre, als ich stöhnend in Heimrift gelegen hatte. Ich sah Grumlow bei der Tür und winkte ihn näher. »Zeig den Sterbenden ein wenig Gnade, Grumlow«, sagte ich. Er nickte und ging los.
Grumlows schnelle, scharfe Gnade wäre mir in Heimrift lieber gewesen als ein langsamer Gang ins Jenseits, begleitet von Pater Gomst Moralpredigten.
Wir gingen durch die Gasse zwischen den Toten. Die Leichen hatte man beiseite geschafft, nicht aber das Fett von verbranntem Fleisch, oder die Hautfetzen und rußigen Umrisse von Menschen. Niemand sprach; selbst Rike zeigte grimmigen Ernst. Es erschien mir angemessen genug. Mein Onkel, der Graf von Renar, war ein Verbrenner gewesen. Mit Feuer hatte er Angst und Schrecken verbreitet. Ich war mit Gog an meiner Seite gekommen, um seinen Platz einzunehmen, ich hatte den Hof seiner Burg mit verbrannten Toten gefüllt. Der Fürst von Pfeil hatte recht, wenn er die Ankraths als dunkelsten Zweig am Verwalter-Baum bezeichnete. Ich hatte mich lange gefragt, ob ich gegen Orrin von Pfeil antreten würde, wenn er schließlich kam. Er war vielleicht die prächtigste Frucht an den Zweigen der Kaiser-Linie. In den vier Jahren meiner Herrschaft übers Hochland hatte ich mir das Reich angesehen und war schließlich zurückgekehrt, um Kusin Jarcos Aufstand im Westen niederzuschlagen. Anschließend hatte ich gegen weniger greifbare Feinde gekämpft, gegen Krankheiten bei meinem Volk und in der Wirtschaft. In der gleichen Zeit hatte der Fürst von Pfeil seine Macht ausgebaut und fünf Throne übernommen. Vielleicht war es nur das Flüstern der Klugen und Weisen, ihr Rat, ihm den Thron des Reiches zu überlassen, der mich daran denken ließ, ihn bei seinem Weg zum Goldenen Tor aufzuhalten. Ich lasse mir nicht gern etwas sagen.
Jetzt aber, mit dem Kupferkästchen geöffnet und allen Erinnerungen und Sünden zurückgekehrt, hatte ich das Gefühl, dass mehr wiederhergestellt war. Bisher schien ich ein Schatten meiner selbst gewesen zu sein, fast ich, ohne ein wichtiges Stück, das mir gestohlen war, so fest mit meinen Verbrechen verbunden, dass Luntar es ebenfalls in das Kästchen mit den Erinnerungen gelegt hatte. Vielleicht lebte ich nicht lange genug, um den Sonnenuntergang dieses blutigen Tages zu sehen, aber wenn ich am Leben blieb … Es sollten nicht noch einmal vier Jahre vergehen, ohne dass ich meinen Zielen näher kam.
Wir gingen durch die Überbleibsel der kleinen Stadt; brennende Teile der Außenmauern meiner Spukburg hatten dort alles zerstört, was ihnen in den Weg geraten war. Jerrings Ställe, wo sich Makin in Dung gerollt hatte, um für die Straße bereit zu sein, existierten nicht mehr.
Ich konnte dies noch immer beenden. Der Fürst würde einen Friedensvorschlag annehmen – es würde ihn einen wichtigen Schritt weiterbringen. Und wer sagte, dass er kein besserer Kaiser sein würde als ich? Mit seinen schlimmsten Verbrechen konnte ich es jederzeit aufnehmen, sie sogar leicht übertreffen.
In der Klarheit hoher Gipfel hatte ich oft daran gedacht, den Weg für Orrin von Pfeil freizugeben. Aber die Dinge ändern sich. Ein anderer Jorg ging zu dem Ort, an dem das Duell stattfinden sollte, und dort würde er einem anderen Fürsten von Pfeil gegenübertreten. Dieser Hochzeitstag hatte Jorg von Ankrath neu geformt, nach einem alten Muster. Der alte Durst brannte in mir. Blut würde fließen.
Musik erklang um mich herum, leise zunächst. Ein Stück, das meine Mutter auf dem Klavier gespielt hatte. Ein seltenes und komplexes Instrument, bestehend aus Drähten, Tasten und Hämmern. Und so alt das Klavier auch sein mochte, die Klänge, die meine Mutter ihm entlockte, waren klar und hell, rein wie die Sterne im Schwarz der Nacht, und sie bildeten eine wundervolle Melodie. Manchmal kann ein einzelner Ton rein wie Eis dazu führen, dass man den Atem anhält, und ein zweiter, etwas anderer, nach ihm ins Leere geworfen, kann einem kalten Schauer über den Rücken jagen. Die Bewegung einer Hand über schwarzen und weißen Tasten kann den Zuhörer forttragen, ihm das Gefühl geben, erneuert zu sein, oder ihn die Last der Jahre spüren lassen, eine Bürde, die so schwer ist, dass er zu atmen vergisst.
Wir wanderten vorbei an zerschmettertem Gestein und verbrannten Balken. Die Melodie pulsierte hinter dem Knistern von Flammen, und vor dem inneren Auge sah ich die linke Hand meiner Mutter, zuständig für die tiefsten Töne. Auf der einen Seite ragte Rike über mich auf, und mein Onkel ging auf der anderen. Ich fühlte den Refrain und sah, wie die Hand meiner Mutter die Tasten für die hohen Töne fand, die schwarzen, jene Tasten, die meiner Brust einen sonderbaren Schmerz gaben, wie die Schreie von Möwen über einem aufgewühlten Meer. Viele Jahre hatte ich nur gesehen, wie sich ihre Hände bewegten, ohne einen Ton, und jetzt hörte ich sie endlich, jetzt hörte ich ihre Musik.
Den Hang hinab gingen wir, den vielen Soldatenreihen des fürstlichen Heeres entgegen. Noch immer erklang die Musik, eine tiefe, langsame Melodie, mit hohem, gebrochenem Kontrapunkt. Es war, als verwandelten sich die Berge in eine Partitur: Die Pracht verborgener Höhlen und einsamer Gipfel schien in die zeitlose Erhabenheit des Ozeans gehüllt zu sein und verwandelte sich in eine Musik, die das Leben aller Menschen enthielt, gespielt von den Fingern einer Frau, ohne Pause, ohne Gnade. Die Melodie erreichte uns, hallte in unserem Innern wider und legte alles frei, machte uns nackt.
Dort war sie, die ebene, flache Stelle, der Ridgen-Fels. Die Musik wurde langsamer, die einzelnen Töne waren wie verstreut, mit dem Kontrapunkt in der höchsten Oktave. Traurige Töne, leiser und wie zögernd. Ich sah zu Makin und erinnerte mich an den ersten Tag, als er mir ein Holzschwert gegeben hatte. All die ernsten Jungen, bereit dazu, sein Spiel zu lernen. Ich hatte ihnen gezeigt, dass es kein Spiel war, dass es immer darum geht, zu gewinnen, aber ich glaube, sie haben es selbst damals nicht verstanden, selbst als die besten von ihnen keuchend am Boden lagen.
Eine große Blide brannte in der Nähe. Sie musste näher bei den Mauern Feuer gefangen haben und dann hierher gezogen worden sein, bevor klar geworden war, dass sie nicht gerettet werden konnte. Ich fragte mich, ob der Stein, der das Fenster meines Schlafzimmers zertrümmert hatte, vielleicht von ihr stammte. Die Flammen beobachteten mich. Sie beugten sich mir entgegen.
Der Fürst von Pfeil wartete. Noch immer umschlangen die Drachen seine Namensvettern im bunten Glanz der teutonischen Rüstung. Die fünf Ritter, die er mitgebracht hatte, standen in der vereinbarten Entfernung, und ich ließ meine Sekundanten ebenfalls hinter mir zurück. Sie bildeten eine seltsame Reihe, mit dem in der Mitte aufragenden Rike, der wie fleischgewordenes Unheil aussah, mit Makin und Robert zu beiden Seiten. Der alte Gomst stand rechts und trug alle heiligen Dinge, die er besaß, in der Hoffnung, dass sie Pfeile von ihm fernhielten. Der alte Keppen hatte links Aufstellung bezogen, mit verdrießlicher Miene, als hielte er dies alles für dumme Zeitverschwendung.
Ich ging zum Fürsten.
»Öffne deine Burg für mich, und wir können dies beenden.« Orrins Stimme klang gedämpft unter dem Helm hervor. Seine dunklen Augen musterten mich.
»Eigentlich willst du das gar nicht«, sagte ich. »So ist es besser.« Ich drehte meine Klinge, damit sie das Licht einfing. »Hör auf, zu versuchen, dein Bruder zu sein. Für ihn hätte ich die Tore geöffnet. Vielleicht.«
Der Fürst hob das Visier. Er richtete einen grimmigen Blick auf mich und fügte ihm ein freudloses Lächeln hinzu, nahm dann den Helm ab und strich sich übers dichte schwarze Haar.
»Hallo, Egan«, sagte ich.
»Als Abschaum von der Straße hast du mir besser gefallen«, erwiderte er.
Rauch von der brennenden Belagerungsmaschine strich über uns hinweg. Ich hörte Rike husten.
»Mir gefällt deine Rüstung«, sagte ich. »Vielleicht nehme ich sie für mich, wenn man sie von deiner Leiche löst.«
Egan zog die dunklen Brauen zusammen. »Du bist rechtshändig. Was ist dies für ein Unsinn?«
Ich legte die linke Hand auf den Schwertgriff. »Oft kämpfe ich mit der rechten Hand. Ich hoffe, du hast meine Fähigkeiten nicht aufgrund der Berichte von Spionen eingeschätzt, die mich dabei beobachtet haben. Mit der linken Hand bin ich viel besser.«
Egan verlagerte sein Gewicht. »Gegen Orrin hast du mit der rechten Hand gekämpft …«
»Stimmt«, sagte ich. »Es tat mir leid, zu hören, dass du Orrin getötet hast. Er war ein besserer Mann als wir beide. Vielleicht der beste Mann unserer Generation.«
»Er war ein Narr«, sagte Egan und setzte den Helm wieder auf.
»Vielleicht ging er zu großzügig mit seinem Vertrauen um. Wie ich hörte, hast du ihm eine Klinge in den Rücken gestoßen und dann zugesehen, wie er verblutete.«
Egan zuckte die Schultern. »Er hätte nie gegen mich gekämpft. Er hätte geredet. Und geredet. Und geredet.« Er sprach so, als bedeutete es weiter nichts, aber es belastete ihn. Ich sah es in seinen Augen.
»Und wie hat Katherine die Nachricht von Orrins Tod aufgenommen?« , fragte ich.
Er erbleichte, nur ein bisschen. »Bereite dich auf den Kampf vor«, sagte er und zog sein Schwert. Ich achtete nicht darauf.
»Ich habe Orrin gesagt, dass ich meine Entscheidung an dem Tag treffen würde, an dem er erneut zum Hochland käme«, sagte ich. »Ich glaube, ich wäre ihm gefolgt und hätte ihn Kaiser genannt. Das hoffe ich jedenfalls. Du hättest zwei Wochen warten und ihn töten sollen, nachdem das Heer durchs Hochland gezogen ist. Dann wärst du vielleicht damit durchgekommen.«
Egan spuckte. »Hier treten zwei Brudermörder gegeneinander an. Bist du soweit?«
»Weißt du, warum ich seit unserer letzten Begegnung jeden Tag mit dem Schwert geübt habe?«, fragte ich.
»Damit es einige Sekunden länger dauert, bis ich dich töte?«, fragte Egan.
»Nein.«
»Warum dann?«
»Damit du glaubst, ich würde zu einem fairen Kampf gegen dich antreten«, lautete meine Antwort.
Ich hob die rechte Hand und richtete die Waffe unter dem Faustschild auf ihn.
»Was ist das?« Egan wich einen Schritt zurück.
»Das Wort COLT steht in dem Metall geschrieben, wenn dir das was sagt«, entgegnete ich. »Stell dir eine Art Armbrust vor, aber zusammengedrückt in einer kleinen Röhre. Du kannst einem Echo namens Fexler Brews dafür danken.«
Ich schoss Egan in den Bauch. Die Kugel schlug ein kleines Loch in seine Rüstung. Von den Tests mit einer Wassermelone wusste ich, dass das Loch auf der anderen Seite größer war.
»Mistkerl!« Egan wankte zurück.
Ich wollte ihm ins Bein schießen, aber die Waffe hatte eine Ladehemmung. »Zum Glück ist das nicht beim ersten Versuch passiert, was?« Ich zog mein Schwert, mit der linken Hand.
Es wäre ihm fast gelungen, meinen Schlag zu parieren. Er war wirklich gut, das musste ich ihm lassen. Die Klinge bohrte sich ihm ins Knie, und er ging zu Boden.
Die fünf Ritter, die Egan mitgebracht hatte, griffen an. Ich fummelte an der Waffe herum und schlug sie gegen den Griff meines Schwerts. Dann hob ich sie und schoss erneut, einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Sie alle gingen zu Boden, mit roten Löchern in ihren Gesichtern. Mit der linken Hand hätte ich sie verfehlt.
»Mistkerl!« Egan versuchte, zu mir zu kriechen.
»Dies ist nicht dein Spiel!«, rief ich. Laut genug, damit Pfeils Tausende mich gehört hätten, wenn sie nicht nach meinem Blut schreiend losgestürmt wären. Ich zuckte die Schultern. »Ich spiele nicht nach deinen Regeln.«
Ich stieß Egan das Schwert aus der Hand und winkte meinen Sekundanten zu. »Bringt Gomst her!«
Die Waffe hatte keine Kugeln mehr, und deshalb warf ich sie zusammen mit dem Faustschild beiseite. Dann ging ich hinter Egan in die Hocke, um ihm den Helm abzunehmen. Ich musste die Riemen mit dem Messer durchschneiden, und vielleicht habe ich ihm dabei auch ein wenig in die Haut geschnitten.
»Du musst nicht auf diese Weise enden, Egan.« Ich griff nach seinem Hals. »Es steckt Tod in meinen Fingern, weißt du? Es hat geschmerzt, als du mich Brudermörder nanntest, doch es stimmt. Ich habe den armen Degran ohne einen Gedanken getötet. Fühlst du es schon? Kannst du dir ausmalen, wie es sein mag, wenn ich Gedanken damit verbinde? Wenn ich will, dass es schmerzt?«
Er schrie, so laut, wie ich noch keinen Mann vor ihm schreien gehört hatte.
»Siehst du?«, sagte ich, als Egan eine kleine Pause einlegte, um nach Luft zu schnappen. »Ich bin nicht stolz darauf, wie ich dies gelernt habe, aber so ist das nun einmal: Müßiggang ist des Teufels Ruhebank. Ich kann Teile deiner Wirbelsäule töten und dafür sorgen, dass du jahrelang solche Schmerzen ertragen musst, bis du schließlich stirbst. Ich kann dich lähmen und dir die Sprache nehmen, damit niemand erfährt, wie sehr du leidest, und damit du nicht um Erlösung flehen kannst.«
Die Soldaten des Fürsten liefen, aber ein recht langes Stück Hang lang zwischen uns.
»Was willst du?«, fragte Egan.
Er wusste, dass ich nicht log, denn ich hatte bereits die Verbindung zwischen seinem Geist und den Muskeln unterbrochen. Lüge war allein die Andeutung, ich sei vielleicht imstande, die Verbindung wiederherzustellen. »Lass uns Freunde sein«, sagte ich. »Mit ziemlicher Sicherheit werde ich dir auch dann nicht trauen können, wenn du mich Bruder nennst … aber nenn mich trotzdem so.«
»Was?«, brachte Egan hervor.
»Jorg! Wir müssen weg!« Onkel Robert legte mir die Hand auf die Schulter.
Ich achtete nicht auf ihn und ließ mehr Schmerz durch Egan strömen. »Nenn mich Bruder.«
»Bruder! BRUDER! Du bist mein Bruder!«, rief er. Dann schrie er und keuchte.
»Hast du das gehört, Pater Gomst?«, fragte ich.
Der alte Mann nickte.
»Lass es uns offiziell machen«, sagte ich. »Nimm mich in deine Familie auf, Bruder.«
Ich tat ihm erneut weh.
»Jorg!« Makin deutete auf die Tausende, die uns entgegenstürmten, als hätte ich sie noch nicht bemerkt.
»Ich … du bist adoptiert. Du bist mein Bruder«, ächzte Egan.
»Ausgezeichnet.« Ich ließ ihn los, richtete mich auf und wischte Egans Blut an meinen Händen an Makins Umhang ab.
»Wir müssen fliehen!« Makin machte einige schnelle Schritte in Richtung Spukburg, wie um mich zu ermutigen.
»Sei nicht dumm«, erwiderte ich. »Das würden wir nie schaffen.«
»Was ist dein Plan?«, fragte Makin.
»Ich hatte gehofft, dass sie einfach aufgeben. Ich meine, man kann doch nicht behaupten, dass sie diesen Haufen Scheiße mögen.« Ich trat Egan gegen den Kopf, aber nicht zu hart, für den Fall, dass ich den Fuß noch zum Laufen brauchte. »Ich habe mehr als die Hälfte von ihnen getötet. Fürst und Fürstenbruder sind tot. Sollte das nicht Grund genug sein, dass sie heimkehren?« Die letzten Worte rief ich den Soldaten zu, die jetzt nahe genug waren, um einzelne Gesichter zu erkennen.
»Das ist alles?«, fragte Onkel Robert. »Du hast nur gehofft?«
Ich grinste und wandte mich ihm zu. »Ich habe die letzten zehn Jahre von Ahnungen, Wetten, Hoffnung und Glück gelebt.«
Das Feuer tanzte hinter ihm, als sich Holz aus der Blide löste. Die Flammen wirkten ebenso seltsam wie die in der Burg, sie waren ein wenig zu hell. Scharlachrote Streifen huschten durch sie, und es entstand ein getüpfelter Eindruck …
»Ich werde beobachten, wie du stirbst.« Sageous stand links von mir, trotz der Kälte nackt bis auf den Lendenschurz und überall Schriftzeichen auf der Haut.
Er hatte mich überrascht, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Ich trat auf ihn zu.
»Ich bin nicht hier. Wirst du es nie lernen, Jorg von Ankrath?« Ich konnte erkennen, dass er mich hasste. Allein das – der Umstand, dass ich etwas Gefühl in seine sanften Kuhaugen brachte – war ein kleiner Sieg.
»Wirklich nicht?«, fragte ich.
Er sah zu Egan, wie er in seiner buntglänzenden Rüstung auf dem Boden lag und verblutete. »Mit ihm hätte ich Großes schaffen können. Weißt du, wie lange es dauert, einen so mächtigen und doch so leicht zu manipulierenden Mann zu finden? Bei Orrin konnte ich nichts ausrichten. Er war noch schwerer zu beeinflussen als dein Vater.«
»Du hast ihn dazu gebracht, Orrin zu töten?«, fragte ich.
»Es war nicht schwer. Ein kleiner Anstoß an der richtigen Stelle genügte. Die schöne Katherine erwies sich als zu verlockend, und der arme Orrin war einfach im Weg. Männer wie Egan haben nur eine Antwort für Dinge, die ihnen im Weg sind.«
»So viele kleine Anstöße, Traumhexer«, sagte ich.
»Du erinnerst dich wahrscheinlich gar nicht an den Traum, der dich damals um einen Besuch von Norwood bitten ließ, oder?«
»Was?« Bilder stiegen in mir auf. Der Jahrmarkt in Norwood. Die bunten Wimpel und Fahnen. Ich hatte unbedingt hin wollen und meine Mutter bedrängt, sie fast mit dem Dolch in die Kutsche gezwungen. »Du warst das?«
»Ja.« Sageous zeigte mir ein gehässiges Lächeln. »Deine Sünden verlangten danach.« Er ahmte mich nach.
»Ich war ein Kind …«
Sageous sah auf Egan hinab. »Sie verlangen jetzt danach.«
Ein kaltes Feuer durchwogte mich. »Ich sage dir, wonach meine Sünden verlangen, Heide. Sie verlangen nach mehr. Sie verlangen nach Gesellschaft.« Und ich näherte mich ihm.
»Ich bin nicht hier, Jorg«, sagte Sageous.
»Aber ich glaube, dass du hier bist.«
Er versuchte, meinen Blick zu beeinflussen, im Traum fortzugehen. Und dann sah ich sie. Ihren Geist. Katherine, weiß vor Zorn, und deshalb noch schöner. Ihr Geist an seiner Seite, an dem Ort wartend, zu dem er fliehen wollte, wie ein Trugbild über heißem Sand. Lautlos bewegten sich ihre Lippen und skandierten etwas. Ich sah sie auf dem Rücken eines Pferds, mit Rittern in der Nähe, die sie von ihrem Palast in Pfeil mitgebracht hatte. Irgendwo weiter hinten in jener Streitmacht ritt Katherine blind, die Augen verbunden von Visionen, während sie von eigenem Zauber Gebrauch machte. Und mit jedem lautlosen Wort von ihren Lippen gewann Sageous mehr Substanz, war er mehr im Hier …
Ich streckte die Hand aus. »Auf der Treppe oben ich sah, einen Mann, der war gar nicht da …« Meine Finger berührten ihn fast, sie berührten etwas, doch es entglitt ihnen, als sie sich darum schließen wollten. Was hatte Fexler gesagt? Auf die Kraft des Willens kam es an. Man lasse die Totenköpfe beiseite, den Rauch, das Sprechen von Zauberformeln. Unter all dem, im Kern, war der Wunsch, der Wille. »Heute er wieder nicht dort oben stand.« Der Wille bewegt alles. »Und ich wünschte, dass er sich immer dort befand.« Und meine Hände fanden ihn. Was auch immer man über den Nachgeschmack sagen mag, in dem Moment schmeckte die Rache süßer als Blut, meine Brüder.
Ich packte den Kopf und riss ihn von den Schultern, als wäre ich ein Troll und er nur ein Mensch. Denn er war zu lange in Träumen unterwegs gewesen, und sein Fleisch war verfault davon, es zerriss so leicht wie das beschriebene Pergament, dem es ähnelte. Er stieß lautlose Schreie aus und versuchte zu sterben, aber ich hielt ihn fest. Mit Nekromantie band ich ihn in seinem Schädel.
»Für dich gibt es nicht genug Schmerz auf der Welt.« Und das Feuer, das in meinen Knochen gebrannt hatte, mit einem Echo in meinem Blut, entflammte an meinen Händen, und auch er brannte damit, lebendig und gefangen, es verzehrte und verschlang ihn.
Ich warf seinen Kopf den herankommenden Soldaten entgegen. Brennend rollte er über den Hang, mit Blasen werfender Haut und verschrumpelnden Lippen.
Feuer war zu gut für ihn.
Ich ging zu den Resten der immer noch brennenden Blide, mit Flammen, die mir inzwischen über die Arme züngelten.
»Jorg?«, fragte Makin. Er sprach leise, als hoffte mindestens die Hälfte von ihm, dass ich ihn nicht hörte.
»Ihr solltet besser fliehen«, sagte ich.
»Wir können ihnen nicht entkommen«, knurrte Rike.
»Flieht vor mir«, sagte ich.
Das Feuer sprang, als ich mich näherte. Wie Glas sah es aus, wie ein Fenster. Hinter mir liefen Makin und die anderen. Ich lachte. Wilde Freude erfüllte mich, die Freude an Zerstörung. Deshalb tanzen die Flammen. Aus Freude.
»Es gibt nur ein Feuer«, sagte ich und wusste, dass Gog mich daraus beobachtete.
Ich griff ins Lodern und fand ihn, aus Flammen gemacht, seine weißglühende Hand in meiner, die Splitter seines verlorenen Körpers noch immer schützend in meinem Fleisch. In meinem Kern rang diese neue Feuermagie – nennt sie Magie, oder Verstehen, oder Empathie – mit der Nekromantie, die noch immer in meinem Blut schwamm.
Die Soldaten des Fürsten liefen am Rigden-Felsen vorbei. Ein Speer flog und verfehlte meinen Kopf nur knapp.
»Komm zu mir, Bruder Gog«, sagte ich.
»Wirklich?«, fragte er. »Dies wird kein Ende nehmen – wie die Sonne unter dem Berg.«
Eine Million Bilder fielen durch mich. Gesichter, Momente, Orte, Brüder aller Art. Die Müdigkeit der Welt. Und das Feuer verbrannte alles. Ich begriff, wie sich Ferrakind gefühlt hatte.
»Lass es alles brennen.«
Und Gog flog in mich. Ein Strom aus Feuer fraß die Todesmagie und schuf etwas Neues, ein dunkleres Feuer, das wie Gift strömte, sich um meine Gliedmaßen schlang.
Die ersten Soldaten von Pfeil erreichten mich, und das Feuer stieg von meinen Händen auf. Es zerriss die Männer, ihr Fleisch stieg auf wie die Gischt des Meeres im Wind, und die Knochen verkohlten, als sie fielen. Das dunkle Feuer lief, es sprang von Mann zu Mann, als die Soldaten liefen und zu fliehen versuchten, dabei aber von ihren Gefährten weiter hinten behindert wurden, die noch nicht verstanden hatten und nach vorn drängten.
Ich ging mitten unter ihnen, und der Tod ging mit mir.
Tod und Feuer. Ferrakind heulte mir von dem Ort aus zu, wo das Feuer lebt, ein Lied der Zerstörung, das mir entriss, was mich macht. Ferrakind und alle anderen, die das Feuer nahm, sie waren jetzt eins, verschmolzen, und schreiend forderten sie mich auf, zu ihnen zu kommen, Teil von ihnen zu werden. Und von dem trockenen Ort, zu dem die Toten fallen, kamen andere Stimmen, ebenso verlockend und unerbittlich. Der Tote König griff nach mir, entlang jener Wege, über die die Nekromantie in mich strömte. Ferrakind und der Tote König, diese Beiden unter den Vielen kämpften um mich, wie Hunde um einen Knochen. Und während sie kämpften, erblühten Tod und Flammen um mich herum in einem Flammensturm. Männer starben, zu Dutzenden, zu Hunderten, in stinkenden, rauchenden und schreienden Haufen.