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Hochzeitstag

Es war still in der dunklen Höhle, obwohl sie an die hundert Männer enthielt.

Das letzte Donnern der Lawine verklang. Bei meinem Sturz stieß ich mit dem Hintern gegen einen zu harten Felsen, und mein Fluch war das erste neue Geräusch.

»Scheißverdammt!« Dieses Wort hatte ich von Bruder Elban, und ich fühlte mich verpflichtet, es von Zeit zu Zeit zu verwenden, da es sonst niemand benutzte.

Es blieb noch immer still, als hätte eine Bande aus Trollen jedem Mann, der in die Höhle gekommen war, den Kopf abgerissen.

»Weiter hinten gibt es Laternen und Zunder!«, rief ich.

Es kam zu Bewegung in der Dunkelheit. Feuerstein kratzte über Strahl, und Dutzende von Gestalten zeichneten sich in einem schwachen Glühen ab.

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit sah ich auf die Uhr an meinem Handgelenk. Viertel nach zwölf. Der Zeiger für die Sekunden beendete tickend eine weitere Runde.

»Ich weiß, dass es mein Spaten hierher geschafft hat«, sagte ich und stand auf, wobei ich darauf achtete, nicht mit dem Kopf gegen die Decke zu stoßen. »Findet noch mehr und grabt uns aus.«

»Wir sollten einen Appell machen«, sagte Hobbs und kam nach vorn. Weitere Laternen wurden angezündet, und die Wand aus Schnee hinter Hobbs glitzerte.

»Das könnten wir.« Ich wusste, dass nicht nur bürokratisches Interesse dahintersteckte. Hobbs hatte Freunde verloren, Schützlinge, die Söhne von Freunden, und er wollte wissen, was von der Wache – von seiner Wache – übrig war. »Das könnten wir, aber es ist nicht der Schnee, der bei einer Lawine tötet«, sagte ich. »Keiner der Soldaten da draußen ist tot.«

Das brachte mir die Aufmerksamkeit aller Männer ein.

»Sie sind alle damit beschäftigt, in der Umarmung des Schnees zu ersticken. Und genau das, meine Freunde, geschieht auch mit uns. Während ich hier zu euch spreche, verbrauche ich einen Teil der sehr begrenzten Luft in dieser Höhle. Während ihr zuhört, atmet ihr gute Luft ein und schlechte Luft aus. Jede der Laternen, in deren Licht ich euch sehen kann, frisst einen Teil der Luft.« Mein stummer Dank galt Lehrer Lundist und seinem Alchimie-Unterricht. Vielleicht würde ich meinen Hochzeitstag nicht überleben, aber es lag mir nichts daran, dass mein Lebenslicht ausging wie eine Kerze unter einer Glasglocke.

Die Männer verstanden meine Hinweise. Drei von ihnen, die Spaten gefunden hatten, eilten zum Schnee; andere suchten nach weiteren. Nach kurzer Zeit herrschte im Zugangsbereich der Höhle dichtes Gedränge. Ich hätte sie einfach nur zum Graben auffordern können, aber es war besser, wenn sie den Grund kannten und nicht glaubten, dass ich Hobbs’ Interesse an den Verlusten der Wache nicht teilte.

Ich sah Hauptmann Keppen an einem Felsen lehnen, die Hand an seine Seite gedrückt. Makin saß an der Rückwand der Höhle, die Beine angezogen und die Stirn auf den Knien.

»Sorgt dafür, dass man sich um die Verwundeten kümmert«, wies ich Hobbs an und legte ihm die Hand auf die Schulter. Von Königen erwartet man solche Gesten.

Ich ging zu Makin. Überall lagen oder saßen Männer auf dem Höhlenboden, weil sie erschöpft waren, oder weil Verletzungen ihnen die Kraft genommen hatten, auf den Beinen zu bleiben. Ich rutschte mit dem Rücken an der eisigen Wand herunter und nahm neben Makin Platz, der nach Nelkenwurz und Schweiß roch. Gemeinsam beobachteten wir, wie die Männer gruben, Schnee schaufelten und versuchten, möglichst flach zu atmen.

Wie seltsam der Pfad, dem ich gefolgt war. In eine von Schnee umschlossene Höhle hatte er mich gebracht, und hier saß ich nun, am höchsten aller Orte begraben. Von der Hohen Burg zur Straße, von der Straße zu Renars Thron. Ein Jahr lang und länger hatte ich das Reich durchstreift, bis mich schließlich das Hochland zurückrief. Und im Hochland fand ich die Trophäe weniger befriedigend als die Jagd danach. Auf dem Thron einer Kupferkrone wuchs ich zum Mann heran und rang mit Alltäglichem, von Krankheiten bis Hunger, baute eine Wirtschaft so, wie sich ein Schwertkämpfer Muskeln zulegt. All das Rekrutieren und Trainieren … wofür? Damit ein vorherbestimmter Kaiser es auf dem Weg zum Goldenen Tor unter seinen Stiefeln zertrat?

Ich schloss die Augen und lauschte, während all meine Schmerzen die erste Pause einlegten, seit mich Pater Gomst an diesem Morgen mit Miana verheiratet hatte. Das Gewicht des Tages senkte sich auf mich herab und drückte Worte aus mir heraus.

»Dort draußen liegen Tote, weil ich zu viel Zeit damit verbrachte, mit Coddin zu reden«, sagte ich. »Männer von Renar und von Ankrath.«

»Ja.« Makin hob nicht den Kopf.

»Nun, hier sind wir nun und sterben in einer Höhle, wie Coddin. Möchtest du dir noch etwas von der Seele reden, Sir Makin? Oder brauchen wir noch extremere Umstände und noch weniger Zeit?«

»Nein.« Diesmal sah Makin auf, doch sein Gesicht blieb im Schatten. Nur die Wölbung des Wangenknochens und die Nasenspitze fingen das Licht der Laternen ein. »Jene Männer haben entschieden, dir zu folgen, Jorg. Und ohne deine Tricks wären sie alle tot.«

»Und warum hast du entschieden, mir zu folgen?«, fragte ich. »Warum du?«

Ich hörte mehr als ich sah, wie sich Makin die Lippen befeuchtete, bevor er antwortete. »Es gibt keine einfachen Antworten in der Welt, Jorg. Jede Frage hat ihre Seiten. Zu viele von ihnen. Alles ist verknotet. Aber du machst die Fragen einfach, und irgendwie funktioniert es. Für andere Männer ist die Welt nicht so. Vielleicht hätte ich einen Weg finden können, dich zu deinem Vater zurückzubringen, bevor du einen eigenen Weg gefunden hast, aber ich wollte dich tun sehen, was dir bestimmt ist. Ich wollte sehen, ob du dich wirklich durchsetzen konntest.«

»Alles schien einfach zu sein, als ich meinen Hass auf Graf Renar richtete«, sagte ich.

»Du warst …« Makin lächelte. »Konzentriert.«

»Es liegt auch an den jungen Jahren. In dem Jungen erkenne ich mich kaum wieder.«

»Du unterscheidest dich nicht so sehr von ihm«, sagte Makin.

Der Schnee bei den grabenden Männern hatte ein eigenes Glühen – von der anderen Seite durchdrang ihn helles Tageslicht.

»Ich habe mich selbst verzehrt, mit dem, was ich wollte. Alles andere war nicht wichtig für mich. Mein Leben ebenso wenig wie das Leben anderer. Alles war ein Preis, den ich bereitwillig zahlen wollte. Alles war es wert, aufs Spiel gesetzt zu werden, selbst für eine kleine Siegeschance.«

Makin schnaubte. »Das ist ein Ort, den wir alle bei der Reise von Kind zu Mann besuchen. Du hast ihn erreicht.«

Ich langte in den Beutel an meiner Hüfte und schloss die Finger ums Kupferkästchen. »Ich … bereue gewisse Dinge.«

»Reue steckt in uns allen.« Makin beobachtete die Grabenden. Ein Lichtstrahl erreichte den Höhleneingang.

»Gelleth tut mir leid … Mein Vater würde mich für schwach halten. Aber wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich eine andere Möglichkeit finden.«

»Es gab keine«, sagte Makin. »Selbst der Weg, den du eingeschlagen hast, hätte eigentlich unmöglich sein sollen.«

»Erzähl mir bitte von deinem Kind«, sagte ich. »Eine Tochter?«

»Cerys.« Er sprach den Namen wie einen Kuss, als uns das Tageslicht fand. »Inzwischen wäre sie älter als du, Jorg. Sie war drei, als sie sie umbrachten.«

Wir konnten jetzt den Himmel sehen, ein Stück Blau im Osten jenseits der Schneewolken.

»Ich folge dir, weil ich den Krieg satt habe«, sagte Makin. »Ich möchte, dass er aufhört. Ein Reich. Ein Gesetz. Das Wie und Wer spielt keine so große Rolle. Wichtig ist, dass dieser Wahnsinn aufhört.«

»He, ich fühle die Loyalität!« Ich stemmte mich hoch, stand auf und streckte mich. »Wäre der Fürst von Pfeil nicht ein besserer Kaiser?«

Ich lenkte meine Schritte zum Höhlenzugang.

»Ich glaube nicht, dass er gewinnen wird«, erwiderte Makin und folgte mir.

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Vor langer Zeit, in den sanften Tagen, schnitzte Bruder
Grumlow Holz und arbeitete mit Säge und Meißel. Wenn
harte Zeiten anbrechen, geschieht es, dass Tischler an Kreuze
genagelt werden. Grumlow nahm das Messer und lernte,
Menschen zu schnitzen. Er sieht weich aus, mein Bruder mit
der Klinge, von zierlicher Statur, mit heller Haut, schwachem
Kinn und traurigen Augen. Alles an ihm scheint zu hängen wie
die Enden seines Schnurrbarts. Doch er hat schnelle Hände und
fürchtet keine scharfen Kanten. Wer glaubt, ihn nur mit einem
Dolch zu bezwingen, dem schneidet er mit seinem Messer eine
neue Meinung.