37
Hochzeitstag
Hundertzwölf Männer kletterten aus der Höhle unter dem Pass des blauen Mondes. Ich ließ den Kommandeur der Wache Hobbs seinen Appell durchführen, als sich die Männer im neuen Schnee versammelten. Es überraschte mich, dass die Lawine, die an den Felsen weiter unten wie eine Welle gebrochen war und die Höhle wie Milch umflossen hatte, mein Gewicht tragen konnte – bei jedem Schritt sanken meine Füße nur wenige Zentimeter ins Weiß. Ich hörte die Aufrufe der Namen und die Antworten, oder Stille, wenn niemand da war, der antworten konnte.
Der neue Schnee glitzerte unter uns, perfekt und gleichmäßig, ohne Blut, ohne die Spuren des Gemetzels, das dort eben noch stattgefunden hatte. Und während Hobbs unsere Männer zählte, starben Tausende und Abertausende von Soldaten unter der frischen weißen Decke, die sie gefangen hielt, in der sie blind nach Atem rangen, wo es keine Luft gab.
Manchmal fühle ich die Notwendigkeit einer Lawine in meinem Innern. Eine neue, saubere Seite, das Vergangene weggewischt. Tabula rasa. Ich fragte mich, ob diese Lawine reinen Tisch für mich machte. Dann sah ich einen Schatten im Weiß zu meinen Füßen, einen Knaben, so flach im Schnee begraben, dass er ihn nicht verbergen konnte. Nicht einmal die Macht der Berge war imstande, mich vom Makel meiner Vergangenheit zu befreien.
Während Hobbs weiterhin Namen nannte, zog ich das Kupferkästchen aus dem Beutel an meiner Hüfte, setzte mich an den Hang und grub die Fersen in den Schnee.
Ein Mann besteht aus seinen Erinnerungen. Das sind wir: eingefangene Momente, der Geruch eines Ortes, Szenen, die sich immer wieder auf einer kleinen Bühne wiederholen. Wir sind Erinnerungen, an die Handlungsstränge der Geschichten gebunden, die wir uns über uns selbst erzählen, während wir durch unser Leben ins Morgen fallen. Das Kupferkästchen enthielt meine Erinnerungen. Es enthielt mich.
»Was nun?«, fragte Makin und sank neben mir in den Schnee.
Tief unten, am Rand der Lawine, sah ich Bewegung: Punkte, die Reste von Pfeils Truppe, die zur Hauptstreitmacht zurückkehrten.
»Nach oben«, sagte ich.
»Nach oben?« Makin zeigte seine Überraschung, indem er die Brauen hob. Niemand verstand das so gut wie Makin; er war ein Meister der Überraschung.
Es erschien mir nicht richtig, unvollständig zu sterben.
»Es ist nicht sehr schwer zu verstehen.« Ich stand auf und stapfte den Hang hinauf. Mein Ziel lag ein wenig links vom Gipfel, dort, wo der Pass des blauen Mondes einen tiefen Einschnitt in der Flanke des Botrang schuf.
Hobbs sah mich gehen. »Nach oben?«, fragte er. »Aber der Pass ist im Winter immer blockiert.« Er blickte sich um. »Oh.« Und er winkte den Männern zu, die vorgetreten waren, um beim Appell zu antworten. Er forderte sie auf, mir zu folgen.
Ich hielt noch immer das Kupferkästchen in der Hand, heiß und kalt, glatt und scharf. Es erschien mir nicht richtig, zu sterben, ohne zu wissen, wer ich war.
Das Kind ging jetzt neben mir, barfuß im Schnee. Sein Tod widerstand sogar dem Licht des Tages.
Mit dem Daumennagel öffnete ich den Deckel.
Bäume, Grabsteine, Blumen und Katherine.
»Wer hat dich gefunden, nachdem ich dich geschlagen habe?«, frage ich sie. »Ein Mann befand sich in der Nähe, als du wieder zu dir kamst.«
Sie runzelt die Stirn. Ihre Finger berühren die Stelle, an der die Vase zerbrach. »Friar Glen.« Zum ersten Mal sieht sie mich mit ihren alten Augen, klar, grün und scharf. »Oh.«
Ich gehe fort.
Ich lasse den Wald von Rennat hinter mir zurück und gehe in Richtung Crath City. Die Hohe Burg ragt hinter der Stadt auf. Es ist ein ruhiger Tag, und der Rauch aus den Schornsteinen der Stadt steigt in geraden Linien auf, als wollte er ein Gitter für die Burg schaffen. Vielleicht, um sie vor mir zu schützen.
Von den Feldern aus sehe ich, wie sich die Untere Stadt am Fluss namens Sane und den Anlegestellen ausbreitet. Dahinter steigt das Gelände zur Alten und zur Hohen Stadt an. Die Straße von Rom schneidet meinen Weg, und ich folge ihr zur Unteren Stadt, die ohne Tore ist, für die Welt geöffnet. Ich habe einen Hut dabei, eine Mütze mit verblassten Farben, von der Art, wie sie die Leute vom Hafen tragen. Ich stopfe das Haar darunter und ziehe sie mir tief in die Stirn. In der Unteren Stadt wird man mich nicht bemerken, denn sie wird von den Leuten gemieden, die mein Gesicht kennen.
Ich gehe durch den Vorort: nichts als armselige Hütten und Müllhaufen, ein Geschwür am Hintern der Stadt. Selbst ein schöner Tag im Frühling kann hier nichts blühen lassen. Kinder wühlen in dem Dreck, den die Armen hinterlassen haben. Sie folgen mir, als ich den Weg fortsetze. Mädchen, kaum zehn Jahre alt oder noch jünger, versuchen, mit großen Augen und zugeworfenen Küssen meine Aufmerksamkeit zu erringen, während sich dürre Jungen bemühen, etwas aus meinem Rucksack zu ziehen, irgendetwas, das sich daraus lösen lässt. Ich nehme das Messer in die Hand, und die Kinder laufen davon. Orrin von Pfeil hätte ihnen vielleicht Brot gegeben und beschlossen, diesen Ort zu verändern. Ich gehe einfach hindurch. Später werde ich ihn mir von den Sohlen abkratzen.
Wo der Vorort in die Untere Stadt übergeht, drängen sich die schäbigsten Tavernen an schmalen Straßen. Ich komme am Gefallenen Engel vorbei, wo ich Gelleths Ende plante und zum ersten Mal daran dachte, für Liebe zu bezahlen. Heute weiß ich es besser. Für Liebe wird immer bezahlt.
Ich wähle ein anderes Wirtshaus, den Roten Drachen. Ein großer Name für eine dunkle, stinkende Kaschemme.
»Bier«, sage ich.
Der Wirt nimmt meine Münze und füllt einen Krug aus dem Zapfhahn. Wenn er mich zu jung hält, hier zu trinken, bei den gebrochenen alten Männern mit ihren roten Nasen und wässrigen Augen, so beschließt er, zu schweigen.
Ich setze mich dorthin, wo ich eine Ecke des Schankraums im Rücken und die Fenster im Blick habe. Das Bier ist so bitter wie meine Stimmung. Ich trinke in kleinen Schlucken und warte auf den Beginn der Nacht.
Ich denke an Katherine und mache eine Liste.
Sie hat gesagt, dass ich böse bin und sie mich hasst.
Sie hat ihr Herz dem Fürsten von Pfeil geöffnet.
Sie hat versucht, mich umzubringen.
Sie hat das Kind getötet, von dem sie glaubte, es sei meins.
Sie wurde von einem anderen Mann geschändet.
Ich gehe die Liste noch einmal doch, während die Sonne untergeht, Trunkenbolde kommen und gehen, auf der Straße Karren, Huren, Hunde und Arbeiter vorbeikommen. Sie hält mich beschäftigt.
Liebe ist keine Liste.
Tief in der Nacht, und mein Krug ist seit Stunden leer. Ich gehe nach draußen. Hier und dort hängen Laternen, zu hoch für Diebe. Ein knauseriges Licht kommt von ihnen, das kaum den Boden erreicht.
Trotz des Wartens und der Entschlossenheit zögere ich. Kann ich erneut auf dem Pfad der Kindheit wandeln, ohne Makel? Über mir ziehen die Sterne über den Himmel, drehen sich langsam um den Polarstern, den Nagel des Himmels. Ein Teil von mir möchte nicht zur Hohen Burg zurück. Ich schiebe diesen Teil beiseite.
Auf der Neuen Brücke überquere ich den Fluss und finde eine stille Ecke, von der aus ich die Hohe Mauer beobachten kann. Die Stadt und ihre Teile sind mit der gleichen Einfallslosigkeit benannt worden, die die Erbauer auch bei der Architektur des Schlosses gezeigt haben – der kastenartige Utilitarismus der Burg scheint sich auf die Stadt übertragen zu haben. Wenn ich die Macht hätte, für lange Zeit zu bauen, wenn ich wüsste, dass meine Werke aus Stein noch in Jahrtausenden existieren … Ich hätte wenigstens versucht, ihnen ein bisschen Schönheit zu verleihen.
Die Hohe Mauer ist tatsächlich hoch, aber nicht gut beleuchtet, und ein Stück westlich des Dreifachen Tors gibt es die Reste einer zweiten Mauer, die einst im rechten Winkel von ihr fort führte. Dort habe ich das Klettern geübt, als ich klein war. Heute erscheint mir alles leicht. Vorsprünge, die ich damals kaum erreichen konnte, brauche ich gar nicht mehr, weil sich die nächsten in Reichweite befinden. Meine Hände kennen diese Steine; ich muss sie gar nicht sehen. Das ist Erinnerung. Ich bin auf der Mauer, bevor der nächste Wächter kommt. Auf der anderen Seite macht Efeu den Abstieg zu einer leichten Angelegenheit.
Der junge Sim brachte sich selbst die Methoden eines Meuchelmörders bei. Er machte ein Hobby daraus: das kurze Messer, Gift oder auch eine Harfensaite, um zu erwürgen. Von allen meinen Brüdern ist Sim auf lange Sicht der gefährlichste. In einem direkten Kampf könnte ich ihn problemlos besiegen. Aber wenn man ihn aus den Augen verliert … Er greift nicht im nächsten Moment an, auch nicht am nächsten Tag. Er lässt sich Zeit, und wenn man den Groll, den er gegen einen hegt, schon vergessen hat, ist er plötzlich wieder da. Sim hat sich das lange Spiel beigebracht, und ich habe ihm das eine oder andere abgeschaut.
Tarnung ist keine Frage von Kleidung oder geschicktem Umgang mit Farben und Kajal. Tarnung liegt darin, wie man sich bewegt. Die richtige Uniform, ein Kinn aus Kitt, eine an der richtigen Stelle aufgetragene Narbe, all das kann unter Umständen von großer Hilfe sein. Aber der erste Schritt, den Sim mich lehrte, der wichtigste Schritt, ist genau das: der richtige Schritt. Man bewege sich mit Zuversicht, zumindest mit Vertrauen in die eigene Rolle. Man glaube fest daran, ein Recht darauf zu haben, dort zu sein, wo man sich befindet. Man gehe zielstrebig. Wenn man das beherzigt, kann selbst eine Mütze eine vollständige Verkleidung sein.
Ich schritt durch die Straßen der Alten Stadt und hielt aufs Osttor zu, jenes Tor, durch das die Hohe Burg Lieferungen empfängt. Karren werden dort entladen und Botschaften Kurieren übergeben, die sie in weiter entfernte Teile der Stadt tragen. Eine Patrouille, bestehend aus zehn Soldaten in Diensten meines Vaters, kommt an der Ulmenstraße vorbei, durch die ich gehe. Die Männer werfen mir einen Blick zu, aber keinen zweiten.
Drei Fackeln brennen über dem Osttor. Man nennt es »Tor«, aber in Wirklichkeit ist es eine Tür, fünf Meter hoch und drei breit, schwarze Eiche mit Eisenbändern. Eine kleine Tür ist in der größeren eingelassen, für Menschen bestimmt und nicht für Riesen. Ein Ritter in Rüstung hält dort Wache. Wenn er wirklich etwas sehen will, sollte er besser im Dunkeln stehen.
Ich wende mich zur Seite und erreiche die Burgmauer dicht bei der Ecke der großen quadratischen Festung.
Ein Mann, der sich vor dem Messer eines Meuchelmörders schützen möchte, konzentriert sich auf die Verteidigung. Einen einzelnen anonymen Feind kann man nicht daran hindern, die Grenze des Reiches zu überschreiten. Man kann ihn nicht daran hindern, die Stadt zu betreten, und wenn er einigermaßen geschickt ist, kann man ihn auch nicht daran hindern, einen Weg über die Festungsmauern zu finden. Die Burg könnte ihn festhalten, wenn sie gut genug bewacht ist, aber man sollte nicht sein Leben darauf wetten. Um die Pläne des Mörders zu vereiteln, breitet man die Verteidigung nicht weit aus, sondern konzentriert sie in der Nähe. Zehn gute Männer beim Schlafgemach können mehr ausrichten als tausend im Königreich verstreut.
Mein Vater hält seine Burg mit vielen Patrouillen sicher, aber als ich sieben war, kannte ich sie von außen noch besser als von innen. In der Dunkelheit der Nacht erklettere ich die Hohe Burg erneut. Meine Finger tasten über rauen Erbauer-Stein, und durchs Leder der Stiefel finden meine Zehen vertraute Haltepunkte. Ich umarme die Mauer, fühle sie an der Wange. Das Sternenlicht zeigt mir meine weißen Knöchel, als ich mich an der Ecke der Hohen Burg festhalte und nach oben ziehe.
Unter den Zinnen halte ich inne. Ein Soldat bleibt stehen, lauscht, beugt sich vor und beobachtet ein fernes Licht. Die Zinnen sind der Burg nachträglich hinzugefügt worden, sie ruhen auf dem Erbauer-Stein. Die Erbauer hatten Waffen, die Burgen und Zinnen zum Gespött machten. Ich weiß nicht, was die Hohe Burg war, als die Erbauer sie errichteten, aber sie war gewiss keine Burg. Im tiefsten Teil des Verlieses, unter dicken Schmutzschichten, verkündet ein Schild: »Kein Nachtparkplatz«. Seltsame Worte, mit denen ich nichts anfangen kann.
Der Soldat geht weiter. Ich erklimme die dicke Mauer und klettere auf der anderen Seite an einem Stützbalken für den Laufgang hinunter.
In einer dunklen Ecke des Hofes nehme ich die Mütze ab und stecke sie in den Rucksack. Ich hole einen Kapuzenkittel hervor, blau und rot, die Farben von Ankrath. Eine Frau namens Mable hat ihn in der Spukburg für mich geschneidert, im Stil der Kleidung, wie sie die Bediensteten meines Vaters tragen. Ich streife sie über, verberge das Haar unter der Kapuze und trete durch die Druckerstür ein. Nach kurzer Zeit begegne ich einem Tafelritter, der seine Runde macht, Sir Aiken, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ich halte den Kopf hoch erhoben, und er beachtet mich nicht. Jemand, der den Kopf senkt, verbirgt sein Gesicht und ist deshalb eine Überprüfung wert.
Von der Druckerstür nach links und dann nach rechts, durch einen kurzen Flur zur Kapelle. Die Tür der Kapelle ist nie verschlossen. Nur zwei Kerzen brennen dort, kaum mehr als Stummel, und spenden wenig Licht. Niemand hält sich hier auf. Ich gehe weiter.
Friar Glens Unterkunft befindet sich in der Nähe der Kapelle. Seine Tür ist geschlossen, aber ich habe ein geeignetes Stück Metall dabei, dünn genug, um durch die schmale Lücke zwischen Tür und Rahmen zu passen, und stabil genug, um den Riegel anzuheben.
Sein Zimmer ist sehr dunkel, hat aber ein hohes Fenster, zum Hof hin gelegen, wo Makin die Junker in den Künsten des Kampfes unterwies. Ein wenig Licht kommt herein, genug für meine Augen. Es stinkt hier, wie von Käse, der zu lange in der Sonne lag. Ich stehe reglos und lausche dem Schnarchen des Friars, während mein Blick nach ihm sucht.
Er liegt zusammengerollt in seinem Bett, wie eine beim Kriechen erstarrte Raupe. Vom Zimmer sehe ich wenig, nur ein Kreuz an der Wand. Der daran festgenagelte Heiland wirkt abwesend, als machte er ein Nickerchen, anstatt die Geschehnisse dieser Nacht zu beobachten. Ich trete vor und erinnere mich daran, wie Friar Glen in meinem Fleisch nach den Dornen bohrte, wie er sie mit Genuss suchte, während sein Helfer namens Inch mich festhielt. Ich zog das Messer aus der Scheide.
In der Hocke neben dem Bett, mit dem Kopf auf einer Höhe mit seinem, ist das Schnarchen laut. So laut, dass man sich fragt, wieso es ihn nicht weckt. Sein Gesicht kann ich nicht sehen, und deshalb erinnere ich mich daran. Ich würde es flach nennen, zu stumpf für tiefes Gefühl, aber gut geeignet für ein höhnisches Lächeln. Beim Gottesdienst, wenn Pater Gomst von der Kanzel predigt, sitzt Friar Glen auf dem Stuhl bei der Kapellentür, das Haar wie nasses Stroh um eine Tonsur herum, die rasiert werden müsste, die Augen zu klein für die Breite der Stirn über ihnen.
Ich sollte ihm die Kehle durchschneiden und wieder gehen. Alles andere wäre zu laut gewesen.
Du hast Katherine vergewaltigt. Du hast sie vergewaltigt und sie glauben lassen, ich sei es gewesen. Du hast sie geschwängert und sie mit solchem Hass auf mich erfüllt, dass sie das Kind in ihrer Gebärmutter vergiftete und mich zu erstechen versuchte.
Katherines Stoß mit dem Messer hätte Friar Glen gelten sollen, nicht mir.
Meine Augen haben sich in der Zwischenzeit an die Dunkelheit gewöhnt. Ich schneide einen langen Streifen vom Rand des Lakens ab. Dabei ertönt nur ein Flüstern unter dem lauten Schnarchen, doch er hört es und bewegt sich. Einen zweiten Streifen schneide ich ab, dann einen dritten und vierten. Aus dem letzten forme ich einen Ball. Ein Kerzenständer und ein kleiner Tisch befinden sich neben dem Bett. Ich rücke beides weiter zurück, damit sie nicht fallen und Krach machen. Als Friar Glen einatmet, stopfe ich ihm den Ball aus Stoff in den Mund und schlinge ihm einen Streifen um den Knopf, damit der Knebel an Ort und Stelle bleibt. Friar Glen erwacht nur langsam, erweist sich aber als erstaunlich stark. Ich ziehe den Rest des Lakens von ihm und stoße den Ellenbogen in seine Magengrube. Die Luft zischt aus ihm heraus, am Stoffball in seinem Mund vorbei. Ich sehe das Funkeln in seinen Augen. Er krümmt sich zusammen, und mit dem dritten Streifen binde ich seine Füße zusammen. Der vierte ist für die Hände, und ich kann sie erst nach einem Schlag auf die Kehle fesseln.
Als er verschnürt ist, habe ich bereits die Lust an meiner Arbeit verloren. Der Friar ist ein hässlicher nackter Mann, der im Dunkeln wimmert, und ich will nur noch weg von hier. Ich nehme das Messer vom kleinen Tisch, den ich beiseite gerückt habe.
»Ich habe etwas für dich«, sage ich. »Etwas, das fast den Falschen erreicht hätte.«
Ich drücke ihm die Klinge langsam in den Leib, unter dem Hodensack, und lasse sie dort stecken. Ich will sie nicht zurück. Außerdem: Wenn ich sie herausgezogen hätte, wäre er zu schnell verblutet. Ich möchte, dass er langsam stirbt.
Es ist nicht das einzige Messer, das ich habe.
Friar Glen schnauft und zischt hinter mir, als ich zur Tür gehe. Er rollt aus dem Bett und landet mit einem dumpfen Pochen auf dem Boden, doch das ist es nicht, was mich stehenbleiben lässt.
Sageous erscheint. Er kommt nicht durch die Tür, er richtet sich nicht hinter einer Truhe auf – er ist einfach da. Seine Haut glüht mit eigenem Licht, nicht hell genug, um auch nur den Boden zu seinen Füßen aus der Dunkelheit zu holen, aber hell genug, um die Schriftzeichen, die jeden Quadratzentimeter seiner Haut bedecken, in Silhouetten zu verwandeln. Augen und Mund sind dunkle Löcher in diesem Glühen.
»Wie ich sehe, hast du es mit der Geistlichkeit. Arbeitest du dich durch die Ränge? Erst ein Bischof, jetzt ein Friar. Wer kommt als Nächster an die Reihe? Ein Ministrant?«
»Du bist Heide«, erwidere ich. »Du solltest mir applaudieren. Außerdem, seine Sünden haben danach verlangt.«
»Oh, wenn das so ist …« Sageous’ Lächeln schafft eine schwarze Sichel im Licht seines Gesichts. »Und wonach verlangen deine Sünden, Jorg?«
Ich habe keine Antwort.
Sageous’ Lächeln wächst in die Breite. »Und was waren die Sünden des Friars? Ich würde ihn gern fragen, aber offenbar hast du ihn geknebelt. Ich hoffe, die Träume, die ich der jungen Katherine gab, haben dir keinen Ärger bereitet. Frauen können sehr kompliziert sein, nicht wahr?«
»Träume?«, wiederhole ich. Meine Hand sucht im Rucksack nach dem zweiten Messer.
»Sie träumte davon, schwanger zu sein«, sagt Sageous. »Irgendwie täuschte der Traum sogar ihren Körper. Ich glaube, man nennt so etwas Scheinschwangerschaft.« Die Schriftzeichen in Sageous’ Gesicht scheinen sich zu bewegen; sie pulsieren, als würden sie sprechen. »Komplizierte Wesen, die Frauen.«
»Es gab ein Kind. Sie hat es getötet.« Mein Mund ist trocken.
»Es gab Blut und Schleim. Saraem Wics Gifte bewirken so etwas. Aber ein Kind gab es nicht. Ich bezweifle, dass es jetzt jemals eins geben wird. Die Gifte der alten Hexe sind nicht sehr freundlich. Sie kratzen eine Gebärmutter leer.«
Ich finde die Klinge und nähere mich Sageous. Ich versuche zu laufen, habe jedoch das Gefühl, durch tiefen Schnee zu stapfen.
»Dummer Junge. Glaubst du, ich bin wirklich hier?« Er versucht nicht, zu entkommen.
Ich bemühe mich, ihn zu erreichen, aber ich stolpere.
Schnick.
Makins Hand am Kupferkästchen. Seine geschlossene Hand.
Mir war kalt, und ich keuchte. Meine Hände, so musste ich feststellen, waren umeinander geschlossen, nicht um Sageous’ Hals. Er stand nicht vor mir; ich hatte nur ein Phantom gesehen, ein Erinnerungsbild. Ich befand mich noch immer in den Bergen, auf der Flucht.
»Was zum Teufel machst du da?«, schnaufte Makin.
Ich sah mich um. Bis zu den Hüften stand ich in Pulverschnee. Zu beiden Seiten ragten Felswände auf. Etwa hundert Meter unter mir mühten sich die Männer der Wache über den Hang.
»Du darfst das nicht öffnen. Nicht ausgerechnet jetzt!«, rief Makin. Er würgte und schnappte nach Luft. Offenbar hatte er alles aus sich herausgeholt, um zu mir aufzuschließen. Ich riss ihm das Kästchen aus der Hand und vergrub es in einer Tasche.
Es geschieht selten, sehr selten, dass der Pass des blauen Mondes im Winter offen ist. Doch eine ordentliche Lawine räumt den Schnee aus ihm, und für einige Tage, bis sich neuer Schnee ansammelt, kann man über den Rücken des Botrang entkommen. Anschließend bieten einige tiefer gelegene Pässe, die parallel zu den Matteracks verlaufen, dem Fliehenden Gelegenheit, die Berge ganz zu verlassen, und dann liegt das ganze Reich vor ihm ausgebreitet.
»Lauf.«
Ein Flüstern in meinem Ohr. Eine vertraute Stimme.
»Lauf.«
»Sageous?«, fragte ich so leise, dass Makin mich nicht hörte.
»Lauf.«
Tropfen aus reinem Albtraum rannen mir über den Nacken. Ich schauderte. »Keine Sorge, Heide. Ich werde laufen.«