24
Hochzeitstag
Aus größerer Höhe wirkten selbst die vielen Tausend von Pfeil winzig, wie sie auf den Hängen bei der Spukburg und auf den Hügelkuppen im Osten verteilt waren. Der Anblick hätte mir vielleicht Mut gemacht, wenn meine Burg nicht noch kleiner ausgesehen hätte, auf drei Seiten umgeben von Kämpfern und noch mehr Kämpfern. Wintersonnenschein glänzte auf Speerspitzen und Helmen.
Ob die Pläne des Fürsten von Pfeil meinen Vorhersagen eines entschlossenen Angriffs oder Makins und Coddins Vermutung einer Belagerung entsprachen, ließ sich noch nicht absehen. Klar war aber: Der zweite Angriff würde uns einen Preis abverlangen. In unserer Marschrichtung schwärmten die Truppen des Fürsten aus und bildeten eine Pufferzone. Fußsoldaten duckten sich hinter Felsen, und umgekippte Karren und aufgehäufte Kisten und Säcke mit Vorräten bildeten improvisierte Verteidigungsanlagen. Die Soldaten blieben in Deckung, während meine Wache Ziele aussuchte. Unsere Pfeile töteten oder verletzten Dutzende, aber die ganze Zeit über näherten sich die feindlichen Bogenschützenkolonnen von den Hügeln im Osten. In nur fünf Minuten würden tausend von viertausend Bogenschützen des Fürsten das Feuer erwidern.
»Sie sind nicht glücklich«, sagte Makin, der selbst nicht sehr glücklich wirkte.
»Nein«, erwiderte ich. Das Gebrüll vom Heer des Prinzen kam mit dem Wind, war mal lauter, mal leiser. Kein wahrer Krieger liebt Bogenschützen oder das Bogenschießen. Der Tod kommt aus der Ferne geflogen, und persönliches Geschick und Ausbildung können kaum vor ihm schützen. Ich erinnerte mich daran, wie Maical vor vier Jahren vom Grauschimmel gefallen war, als hätte er plötzlich vergessen, wie man ritt. Das Heranrücken der Bogenschützen des Fürsten gefiel mir ebenso wenig wie Makin. Die plötzliche Ankunft eines Pfeils an der falschen Stelle würde meine kleine Geschichte der Bosheit und der Wagnisse schnell beenden.
»Wir sollten aufbrechen«, sagte Coddin.
»Die Soldaten folgen uns erst, wenn die Bogenschützen da sind«, gab ich zurück.
»Und warum sollten wir wollen, dass sie uns folgen?«, fragte Coddin. »Die Bergstürze waren recht beeindruckend, zugegeben. Aber das lässt sich nicht wiederholen.«
»Oder?«, fragte Hobbs rechts von mir hoffnungsvoll.
»Nein«, sagte ich. »Aber wir müssen so viele Soldaten wie möglich fortlocken. Die Burg kann uns helfen, aber nicht, solange sie es mit so vielen Feinden zu tun hat. Und, meine Herren, denkt an die wunderschöne Königin … Mi-Soundso …«
»Miana«, sagte Coddin.
»Ja. Genau die. Königin Miana. Erinnert die Männer daran, wofür wir kämpfen, Hobbs.«
Und so war Coddin: Er beobachtete und erinnerte sich. Der Mann hatte eine Mischung aus Anstand und Zurückhaltung, die etwas in mir berührte – Eigenschaften, die ich nie besitzen würde, die ich aber sehr zu schätzen wusste. Er war bei meiner Rückkehr vor vier Jahren der erste Mann von Ankrath gewesen, dem ich begegnet war. Damals hatte ich ihn für groß gehalten, aber jetzt überragte ich ihn. Ich hatte ihn für alt gehalten, obwohl sich jetzt erstes Grau im schwarzen Haar zeigte und ich glaubte, dass er in der Blüte seiner Jahre war. Ich hatte ihn vom Hauptmann zum Kommandeur der Waldwache befördert, weil mir etwas sagte, dass er mich nicht enttäuschen würde. Der gleiche Grund legte ihm ein Jahr später den Umhang des Kanzlers um die Schultern.
Ich beobachtete, wie der alte Keppen unsere Bogenschützen anwies, ihre Pfeile weit nach oben zu schicken, damit sie über die in Deckung gegangenen Fußsoldaten hinwegflogen und ungezielt die Soldaten des Fürsten weiter unten im Tal trafen.
Und dann sah ich die ersten feindlichen Schützen, Männer aus Belpan mit ihren Langbögen, und die Männer des Fürsten, die Drachen von Pfeil rot auf ihren ledernen Wappenröcken.
»Es wird Zeit, zu gehen.« Ich befestigte das violette Band am Ende meines Kurzbogens und hielt ihn hoch, damit die Wache ihn sah.
Rückblickend wäre es besser gewesen, das Zeichen von jemand anderem geben zu lassen. Von einem unwichtigen Mann. Zum Glück suchten die Schützen des Fürsten noch eine gute Schussposition, und deshalb verfehlten ihre Pfeile das Ziel. Das heißt, sie verfehlten mich, aber ein Mann etwa zehn Meter vor mir wurde getroffen – plötzlich steckte ein Pfeil in seinem Halsansatz.
»Verdammt«, sagte Coddin.
Ich wandte mich ihm abrupt zu. Sein Blick galt etwas weiter unten am Hang, aber ich konnte nicht erkennen, was es war.
»Gibt es ein Problem?«, fragte ich.
Coddin hob scharlachrote Finger. Zuerst ergab es keinen Sinn. Ich versuchte zu erkennen, wo er verletzt war.
»Ganz ruhig.« Makin stützte ihn, als er wankte.
Dann sah ich den Pfeil, nur die Feder, schwarz vor dem Hintergrund des dunklen Leders auf seinem Bauch. »Zum Teufel.«
Mit einem Pfeil im Bauch überlebt man nicht. Das ist allgemein bekannt. Selbst mit Seide unter dem Leder, die nachgibt, den Pfeil umgibt und es ermöglicht, ihn sauber aus der Wunde zu ziehen … Einen Bauchschuss überlebt man nicht.
»Tragt ihn«, sagte ich.
Die anderen starrten mich nur an. Für einen Moment sah ich die nordische Hexe, fühlte den durchdringenden Blick ihres einen Auges und erkannte den Spott in ihrem vertrockneten Lächeln. »Selbst ein Mann mit einem Pfeil im Bauch hat eines Narren Hoffnung«, hatte sie gesagt. Hatte sie über mich hinweg bis hierher gesehen, bis zu diesem Tag?
»Verdammte Prophezeiung!« Ich spuckte, und der Wind trug die Spucke fort.
»Wie bitte?« Makin sah mich an. Selbst Coddin gaffte.
»Ruft einige Männer hierher und lasst ihn tragen«, sagte ich.
»Jorg …«, begann Makin.
»Ich bleibe hier«, sagte Coddin. »Von hier aus hat man einen guten Blick.«
Ich hatte Coddin von Anfang an gemocht. Vier Jahre mit ihm in der Spukburg hatte dieses Empfinden nur noch stärker in mir verankert. Ich mochte ihn wegen seines scharfen Verstands, wegen seiner neugierigen Ehrlichkeit und wegen seines Muts schweren Entscheidungen gegenüber. Vor allem aber mochte ich ihn, weil er mich mochte. »Von dort oben ist der Blick noch besser.« Ich deutete den Hang hinauf.
»Dies wird mich umbringen, Jorg.« Er sah mir in die Augen. Das gefiel mir nicht. Es gab mir einen sonderbaren Schmerz.
Ein Pfeil im Bauch tötet nicht schnell, aber die Wunde bekommt den Brand. Man schwillt an und schwitzt und schreit, und dann stirbt man. Zwei Tage, vielleicht vier. Ich hatte einmal einen Bruder, der sogar eine ganze Woche und noch etwas länger durchhielt. Aber nie bin ich einem Mann begegnet, der mir eine Narbe am Bauch zeigen und von den Schmerzen erzählen konnte, die er beim Herausziehen des Pfeils erlitten hatte.
»Ihr seid mir verpflichtet, Coddin«, sagte ich. »Der Dienst für Euren König ist nur ein Teil davon. Der Pfeil wird Euch vermutlich umbringen, aber nicht heute. Und wenn Ihr glaubt, ich hätte eine sentimentale Seite, die Euch hier und jetzt einen schnellen Tod gewährt und dafür auf mehrere Tage nützlichen Rat verzichtet, den ich dringend brauche, so irrt Ihr Euch.«
Ich bin nie einem Mann begegnet, der eine solche Wunde überlebt hat. Aber ich hatte von einem gehört. Es war einmal geschehen.
»Wir tragen ihn zur Steinlawine und schicken Männer voraus, die dort im lockeren Geröll ein Versteck anlegen sollen«, sagte ich. »Wir legen ihn dorthin und bedecken ihn. Wenn er Glück hat, holen wir ihn später. Wenn nicht, ist er bereits begraben.«
Es waren schon Männer der Wache da, bereit dazu, Coddin zu tragen. Niemand von ihnen klagte. Sie mochten ihn ebenfalls.