22
Hochzeitstag
»Wo ist Coddin, verdammt?«
»Dort unten.« Hobbs, Kommandeur der Wache, zeigte ins Tal. Die graue Nachhut der Wache bildete eine zerfranste Linie vor den ersten Pfeil-Soldaten.
»Du hättest ihn in der Burg lassen sollen, Jorg«, sagte Makin und schnappte nach Luft, kaum hatte er ein Wort gesprochen. »Er ist zu alt fürs Laufen.«
Ich spuckte. »Keppen muss mindestens hundert sein, und er wäre diesen Berg hinauf- und wieder heruntergelaufen, noch bevor du Zeit genug fürs Frühstück hättest, Sir Makin.«
»Er könnte um die sechzig sein«, erwiderte Makin. »Auf jeden Fall ist er ein ganzes Stück älter als Coddin, zugegeben.«
Hobbs erreichte uns auf der Anhöhe, zusammen mit Hauptmann Stodd, dessen weißer Bart im roten Gesicht zu leuchten schien.
»Nun?«, fragte Hobbs.
Ich beobachtete ihn.
»Sire«, fügte er hinzu.
Es ist leicht, in den Bergen den Glauben zu verlieren, aber ebenso leicht ist es, ihn zu finden. Gott tausend Meter näher zu sein, kann einen großen Unterschied bewirken.
Hobbs hatte für seine Skepsis jedenfalls gute Gründe. Vor uns verengte sich das Tal zu einem Engpass mit steilen Wänden, und dort würden dreihundert Männer nur noch so langsam vorankommen, dass die Schwerter von Pfeils Soldaten nach der langen Jagd vielleicht doch noch Blut fanden. Jenseits davon kamen die Schneegrenze und der lange Aufstieg zum Pass des blauen Mondes, der selbst um diese Zeit des Jahres noch blockiert war. Hinter und unter uns füllten Soldaten das Tal, eine Streitmacht mehr als zehnmal so groß wie unsere, ein Teppich aus Männern, der ständig in Bewegung war. Sonnenschein spiegelte sich auf Helmen, Schilden und den Spitzen von Schwertern und Speeren.
»Warten wir auf Coddin«, sagte ich. Sogar Coddin brauchte eine Erneuerung seines Glaubens.
»Sire.« Hobbs neigte den Kopf, nahm den Bogen in die Hand und wartete, der Atem schwer in seiner Brust. Ein guter Mann, oder wenn nicht gut, so doch solide. Mein Vater hatte ihn aus der königlichen Wache für die Waldwache ausgewählt, nicht als Strafe, sondern als Belohnung für die Wache.
Ich wandte den Blick von der brodelnden Kriegermasse weiter unten ab und richtete ihn auf die hohen Gipfel, mit ihren weißen Gewändern und ihrem Frieden. Die Schneegrenze wartete nicht weit über dem Engpass auf uns. Der Wind trug frischen Schnee, einen dünnen Schleier aus Eiskristallen. Niemand von uns fühlte die Kälte. Zehntausend Bergstufen brannten in meinen Beinen, ließen sie zittern und erwärmten das Blut so sehr, dass es fast kochte.
Im Westen sah ich Gottes Finger. Die Müdigkeit in mir war nichts im Vergleich mit meiner Erschöpfung an dem Tag, als ich mich auf die Spitze jenes Fingers gezogen und wie tot unter einem besonders blauen Himmel gelegen hatte. Stundenlang hatte ich dort gelegen, und als ich schließlich aufgestanden war, hatte ich mich in die Zähne des Windes gelehnt und mein Schwert gezogen.
Wenn man klettert, sollte man nichts mitnehmen, das nicht unbedingt nötig ist. Es steckt ein Lied hinter dem Schwingen eines Schwerts. Auf Gottes Finger kann man es deutlicher hören. Beim Aufstieg war ich der Erinnerung an die Musik meiner Mutter gefolgt, doch der Berg hatte mir ein anderes Lied gesungen. Vielleicht liegt es daran, dass der Himmel näher ist; vielleicht kommt es mit dem Wind. Wie dem auch sei, an jenem Tag hörte ich das Schwertlied und machte meine Klinge kata. Ich ließ sie den Wind schneiden, schwang sie von einer Seite zur anderen, stieß sie nach oben und nach unten. An jenem hohen Ort tanzte ich zum Lied des Schwertes, vielleicht eine Stunde lang, vielleicht noch länger. Ein wilder Tanz war es, mit Abgründen auf allen Seiten. Und dann, bevor die Sonne zu tief sank, ließ ich die Klinge auf der Spitze von Gottes Finger zurück, eine Gabe für die Elemente, und begann mit dem Abstieg.
Als ich dort oben gestanden hatte, war mir klar geworden, warum Menschen für einen Ort kämpfen, für Felsen und Bäche, ganz gleich, wer sich dort König nennt. Die Macht des Ortes. Ich fühlte sie erneut am Ende des Tals, als sich mir die Horden von Pfeil näherten.
»Heho, Coddin«, sagte ich, als mein Kanzler heranwankte. »Ihr seht halbtot aus.«
Er hatte nicht genug Atem für eine Antwort.
»Habt Ihr, was ich Euch gegeben habe?«, fragte ich. Bei jener Gelegenheit hatte ich nicht gewusst, warum ich ihm den Gegenstand überließ. Ich hatte nur gespürt, dass er ihn haben sollte.
Coddin keuchte noch immer, als er seinen Rucksack abstreifte und hineingriff. »Seid froh, dass ich ihn nicht weggeworfen habe, um besser zu laufen«, brachte er hervor.
Ich nahm die Pfeife von ihm entgegen, eine Hochlandpfeife von der Art, wie sie die Ziegenhirten benutzen, etwa dreißig Zentimeter lang und mit lederpoliertem Kolben.
»Auf Euch ist immer Verlass, Coddin«, sagte ich, obwohl Makin eine zweite Pfeife trug, und Keppen eine dritte. Vertrauen ist eine gute Sache, aber nicht stabil genug, um Pläne darauf zu bauen.
»Wir sind keine Einheimischen«, sagte ich zu meinen Offizieren und hob die Stimme, damit mich auch die anderen Leute der Wache hörten, die sich um uns versammelten. »Das heißt, du bist einer.« Ich deutete auf einen Burschen in der zweiten Reihe. »Aber die meisten von uns sind in Ankrath geboren und aufgewachsen.«
Die letzten Soldaten der Wache trafen ein. Die Männer von Pfeil folgten in einem Abstand von etwa zweihundert Metern und kletterten zwischen den Felsen.
»Ihr seid hier bei mir, Männer von Ankrath, weil ihr meine besten Krieger seid, weil ihr gelernt habt, in Ländern zu kämpfen, die schwer zu verteidigen sind und die andere erobern wollen. Dieses Hochland aber ist leichter zu schützen, und was gibt es hier schon außer Steinen und Ziegen?« Das brachte mir den einen oder anderen Lacher ein. Nicht alle Soldaten der Wache schienen fix und fertig zu sein.
»Heute werden wir alle zu Einheimischen, zu Herren des Hochlands«, sagte ich.
Ich nahm die Pfeife, hielt sie hoch und drückte den Kolben hinein, nicht zu fest, weil das den Ton ruiniert hätte. Das beste Ergebnis erzielt man, wenn man den Kolben langsam drückt.
Den Ton einer Ziegenpfeife hört man meilenweit in den Bergen. Er ist so beschaffen, dass der Wind ihn nehmen kann, dass er von Fels zu Fels springt. Ein langer Pfiff könnte fast die Spukburg erreichen. Zweifellos erreichte er all die Hochlandbewohner, die ich an den hohen Hängen versteckt hatte, die einen guten Blick auf unseren Weg boten. Und es waren nicht irgendwelche Hochlandbewohner, sondern Männer, deren Familien jene Hänge seit Generationen gehörten. Männer, die wie ihre Väter und Großväter einen Stein für einen Spaziergang nahmen. Sie hüteten ihre Geheimnisse gut, die Männer von Renar, aber von Gottes Finger aus, an jenem Tag vor Jahren, war mir alles offenbar geworden.
Sieben Posaunen waren nötig gewesen, um die Mauern von Jericho einstürzen zu lassen, aber sie hatten nicht aus Steinen bestanden, die fallen sollten. Es genügte der Pfiff einer Ziegenpfeife, um die Berghänge des Hochlands von Renar in Bewegung zu setzen. Zu beiden Seiten des Tals und auf seiner ganzen Länge kam es zu einem Dutzend Bergstürzen. Die Männer des Hochlands kannten die Hänge noch besser, als sich ein Liebespaar kannte. Große Steine, zum Fallen aufgestellt, Felsbrocken an Kanten, bereit mit Hebeln, die auf kräftige Hände warteten … Wenn sie fielen, stießen sie gegen andere Steine und Felsen, und auf diese Weise kam es zu einer Felslawine. Wir fühlten, wie der Boden unter unseren Füßen zitterte. Das Geräusch ähnelte dem Knirschen eines Mühlsteins, und es ging durch und durch, ließ locker sitzende Zähne zittern. Das ganze Tal bewegte sich, und Pfeils Tausende verschwanden, als eine dichte Staubwolke aufstieg und Gestein Fleisch in blutigen Brei verwandelte.
»Herzlichen Dank, Coddin, ich weiß das sehr zu schätzen.« Ich gab ihm die Pfeife zurück. »Hobbs«, sagte ich, »wenn sich der Staub soweit gelegt hat, dass ein guter Schuss möglich wird … Seid so gut und lasst die Männer jeden erledigen, der noch auf seinen Beinen steht.«
»Beim blutenden Christus!« Makin starrte ins Tal hinab. »Wie …«
»Topologie«, sagte ich. »Das ist eine besondere Art von Magie.«
»Und was nun, König Jorg?«, fragte Coddin. Sein Glaube war wiederhergestellt, aber er dachte noch immer an die Zahlen und wusste: Unsere Chancen gegen siebzehntausend oder achtzehntausend Gegner waren kaum besser als die gegen zwanzigtausend.
»Wir kehren nach unten zurück«, sagte ich. »Von hier oben aus können wir doch nicht angreifen, oder?«