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Vier Jahre zuvor

»Sie ist weg, ja?« Makin beschattete sich die Augen und blickte im Licht der aufgehenden Sonne über den Sumpf. Wir standen in rollendem Buschland, in dem hier und dort, an sandigen Stellen, gelbliche Felsen aufragten.

»Das hoffe ich«, sagte ich. Ein Teil von mir wollte, dass Chella Zerstörung durch meine Hände fand, durch meine Berührung, aber vielleicht hatte sie im Sumpf bei den brennenden Toten ihr Ende gefunden. Ich hatte es nicht gefühlt, keine Genugtuung erfahren, doch der Tod meines Onkels hatte mich gelehrt, dass Rache weniger süß ist, als sie zu sein verspricht. Sie ist keine schmackhafte Mahlzeit, so sehr man sie auch zu genießen versucht.

Zum ersten Mal seit hundert Jahren, wie es schien, ritten wir wieder. Rike stieg auf Rows Rotschimmel, denn sein eigenes Pferd hatte sich im Sumpf als zu schwer erwiesen. Kent und Makin ließen sich von ihren Rössern tragen. Ich bekam Grumlow als Passagier, denn wir waren die leichtesten der Brüder, und Brath war der kräftigste unserer Klepper.

Der Gestank der Sümpfe folgte uns meilenweit. Schwarzer Schlamm klebte an unserer Kleidung, wurde beim Trocknen grau und blätterte schließlich von uns ab. Beharrlicher als Schlamm und Gestank waren die Bilder von Chella, als die Flammen sie umzüngelten, und das Echo ihrer letzten Worte. Der Tote König kommt.

Nach drei Tagen erreichten wir – erst durch Moorland und Heide, dann über vergessene Wege und schließlich über Straßen  – den freien Hafen Barlona. Rike klagte die ganze Zeit über seinen Sonnenbrand, bis ich ihn dazu überredete, Schweinescheiße auf die schlimmsten Stellen zu streichen. Aus irgendeinem Grund schien es zu helfen, obwohl das gar nicht meine Absicht gewesen war. Der Glaube kann sehr mächtig sein.

Die alten Mauern flimmerten in der Sommerhitze, als wir uns näherten. Vor tausend Jahren mussten sie sehr eindrucksvoll gewesen sein. Jetzt waren nur noch die unteren Teile der Mauern übrig, sechs Meter hoch und ebenso dick. Die Zeit hatte schwarze Steine aus ihnen herausgebrochen, und die Bauern bedienten sich aus diesen Haufen, für den Bau von Hütten und Grenzwällen für ihre Felder.

Mir gefiel die Stadt sofort, als wir hineinritten. Exotische Gerüche lagen in der Luft, von Gewürzen und Kochdämpfen, bei denen mir der Magen knurrte. In den Straßen waren viele Menschen unterwegs, mit lauten Stimmen und bunter Kleidung, mit Seide und Schmuck aus Glas und Basismetallen. Das Angebot an Hautfarben hätte größer nicht sein können. Es gab Männer und Frauen so blass wie ich, so dunkel wie der Nubier und mit allen Schattierungen dazwischen. Aber so hell wie Sindri und Herzog Alarich war hier niemand; sie wären vermutlich in der Sonne geschmolzen.

Fast an jeder Ecke erklang Musik, mit ähnlicher Vielfalt wie die vielen verschiedenen Hautfarben. Die Bürger der Stadt schienen sich im Takt von tausend Trommeln, Hörnern und Stimmen zu bewegen. Solche Geräusche hörte ich zum ersten Mal, so viele sonderbare Melodien. Einige erinnerten mich an das Marschklopfen des Nubiers – ich sah noch immer seine Hand, wie sie an den Oberschenkel schlug, während wir gingen, oder abends am Lagerfeuer. Andere wiesen Ähnlichkeit mit dem seltsam atonalen Summen auf, das Lehrer Lundist manchmal angestimmt hatte.

Ein Hafen ist ein offenes Ohr für die Welt, ein Mund bereit für neue Geschmäcke. Ich näherte mich meinem fünfzehnten Jahr und war mehr als bereit, die von Barlona angebotene Weite der Welt zu erforschen.

»Weißt du, Makin, von hier aus kannst du mit dem Schiff zu fast allen Orten reisen, die du kennst, und zu tausend anderen, die du nicht kennst«, sagte ich.

»Auf Schiffen muss ich kotzen.« Makin sah aus, als würde ihm schon jetzt schlecht.

»Du magst sie nicht?«

»Es liegt an den Wellen. Ich werde seekrank. Ich übergebe mich von einem Ufer bis zum nächsten. Schon bei der Fahrt über den Reim musste ich würgen.«

»Gut zu wissen.« Bei Makin kann man graben und immer wieder Neues finden. Ich erfuhr erst jetzt, dass er jemals einen Ozean überquert hatte oder auch nur mit einem Schiff unterwegs gewesen war.

»Wieso ist das gut zu wissen?« Er runzelte die Stirn und musterte mich.

»Die Pferdeküste ist nur vom Meer aus zu erreichen, und ich mache mich allein auf den Weg. Da ich jetzt weiß, dass du kein guter Seemann bist, fällt es mir leichter, dich zur Spukburg zurückzuschicken.«

»Wir können dorthin reiten«, sagte Makin. »Es sind weniger als hundert Meilen.«

»Durch das Herzogtum von Aramas und dann das Land von König Philip dem Neunhundertsten«, erwiderte ich.

»Dem Sechsunddreißigsten«, korrigierte Makin.

»Wie auch immer. Worauf es ankommt, ist dies: Es sind keine Gegenden, in denen Leute wie wir unbemerkt bleiben. Ein Schiff hingegen kann mich in ein oder zwei Tagen vor die Tür meines Großvaters bringen.«

»Wir fahren also mit dem Schiff, und ich kotze die ganze Zeit aufs Deck. Wo ist das Problem?«

»Das Problem, lieber Makin, besteht darin, dass ich Rike, Grumlow oder Kent nicht dabeihaben möchte. Ich möchte nicht einmal dich dabeihaben. Ich möchte mich meinem Großvater allein präsentieren, wenn ich den Zeitpunkt für geeignet halte. Dies ist eine Familienangelegenheit, und ich möchte dabei auf meine eigene Weise vorgehen.«

»Das ist keine gute Idee, Jorg.« Makin kehrte wieder den Sturen heraus: die Lippen zusammengepresst, eine vertikale Linie zwischen den Brauen.

»Ich brauche dich in Renar«, sagte ich. »Ich habe dich dort von Anfang an gebraucht. Vielleicht weißt du noch, dass ich dich davon abbringen wollte, mich zu begleiten. Coddins ist ein guter Mann, aber wie lange kann er ein Königreich zusammenhalten? Kehr zurück, rück die Köpfe zurecht, die zurechtgerückt werden müssen, und lass meine Untertanen wissen, dass ich bald wieder da bin.«

»Oi!« Grumlows Ruf. Und ein Mann, der durch die Menge weglief. Ich beobachtete, wie Grumlow ausholte, wie sich sein Arm nach hinten neigte und dann nach vorn. Zwanzig Meter entfernt fiel der Mann ohne einen Laut.

Zusammen mit Grumlow ging ich dorthin, wo er lag. Die Leute gingen uns aus dem Weg, abgesehen von den Kindern, die überall herumliefen, als wären sie Teil eines Spektakels. Grumlow zog seine Satteltasche aus der erschlafften Hand des Mannes.

»Er hat den verdammten Riemen durchgeschnitten!«, sagte er. »Das muss ich flicken lassen.«

»Ich habe dir gesagt, du solltest besser darauf aufpassen«, erwiderte ich. Der wenige Krempel, den Grumlow durch die Sümpfe gerettet hatte, war hier und dort an Braths Zaumzeug festgebunden.

Grumlow brummte und bückte sich nach seinem Messer. Es hatte den Mann mit dem Heft voran am Hinterkopf getroffen. Blut glänzte unter dem Gesicht des Mannes, aber es musste aus Nase oder Mund gekommen sein, durch den Aufprall aufs Pflaster. Wir machten uns nicht die Mühe, ihn auf den Rücken zu drehen und nachzusehen.

»Ich liebe diese Stadt«, sagte ich, als wir zu den anderen zurückkehrten.

Wir brachten unsere Pferde in einem Stall unter und besuchten eine Taverne am Hafen. Ich nenne sie Taverne, aber wir saßen draußen, an Tischen in der Sonne, mit Weinflaschen in der Form von Tränen und mit um sie herum geflochtenen Körben. Makin mit seinen bloßen Füßen, an denen noch immer Reste von Schlamm klebten. Rike klagte natürlich, über die Sonne, den Wein, selbst über die Stühle, die nicht geeignet schienen, sein Gewicht zu tragen, aber ich achtete mehr auf das Krächzen der Möwen. Ich saß da und beobachtete die Schiffe am Kai. Sie waren größer, als ich sie mir vorgestellt hatte, und komplexer mit ihrer Takelage, ihren Spieren, Seilen und vielen Segeln. Ich fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr. Selbst meine Verbrennungen taten nicht mehr so weh – der Sonnenschein schien ihren Zorn zu mildern. Zum ersten Mal seit langer Zeit entspannten wir uns, lächelten und sprachen über die Toten. Über Bruder Row, an den ich mich erinnern würde, und Bruder Sim, dessen Harfenspiel mir fehlen würde, und sein Versprechen. Wir hoben unsere Flaschen und tranken auf sie beide.

Nur Kent sträubte sich dagegen, ohne mich heimzukehren. Ich ließ ihn eine Zeit lang protestieren, bis er schließlich nichts mehr zu sagen hatte und sich davon überzeugte, dass mein Plan der beste war. So ist der Rote Kent. Man gebe ihm etwas Platz, und nach einer Weile dreht er sich.

Ich stand auf, rollte den Kopf und streckte mich im Sonnenschein. »Wir sehen uns auf der Straße, Brüder.«

»Gehst du jetzt sofort?«, fragte Makin und setzte seine Flasche-im-Korb ab.

»Es sei denn, du möchtest trinken, bis uns die Sonne alle verbrannt hat, bis wir sentimental werden, unsere unsterbliche Liebe füreinander erklären und uns zum Abschied umarmen«, sagte ich.

Rike spuckte. Diese Angewohnheit schien er von Row übernommen zu haben.

»Euer Weg liegt dort.« Ich deutete nach Norden. »Vielleicht sollte ich darauf hinweisen, dass die erste Viertelmeile jenes Weges an mehreren guten Bordellen vorbeiführt. Lasst euch Zeit. Was mich betrifft … Ich finde mehr über Schiffe heraus.«

Ich schlenderte los und folgte meinem Schatten über die hellen Steinplatten.

»Kümmert euch für mich um Brath!«, rief ich über die Schulter.

Die Brüder nahmen ihre Flaschen und tranken auf mich. »Wir sehen uns auf der Straße«, erwiderten sie meinen Gruß. Sogar Rike.

Und wenn Makin nicht dagewesen wäre, hätte ich sie vielleicht wirklich so einfach loswerden können.