29
Vier Jahre zuvor
Während der langen Reise nach Süden dachte ich oft über die Gründe für meinen Umweg nach. Hundert Mal und mehr, um ganz ehrlich zu sein. Tatsache war: Ich hatte noch nicht gefunden, was ich brauchte. Ich wusste nicht, was ich brauchte, aber mir war klar, dass es sich nicht in der Burg befand. Mein alter Lehrer Lundist sagte einmal: Wenn man nicht weiß, wonach man sucht, sollte man dort mit der Suche beginnen, wo man sich befindet. Für einen klugen Mann konnte er sehr dumm sein. Ich hatte vor, überall zu suchen.
Am sechsten Tag ritten wir los. Ich saß in Braths Sattel, jeder Muskel steif, mit einem Gesicht, das brannte und nässte.
»Es geht dir noch immer schlecht«, sagte Makin neben mir.
»Ich hab’s satt, auf dem Stuhl zu sitzen und zu beobachten, wie du von morgens bis abends schlemmst, als wolltest du kugelrund werden«, erwiderte ich.
Mit hundert und mehr seiner Krieger kam der Herzog zur Tür seiner Feste, um uns zu verabschieden. Sindri stand zu seiner Rechten, Elin links von ihm. Alarich ließ die Besucher hochleben. Dreimal brüllten die Männer mit hoch erhobenen Äxten. Sie sahen ziemlich eindrucksvoll aus, und ich war froh darüber, ihr Freund zu sein, nicht ihr Feind.
Der Herzog trat vor und näherte sich mir. »Du hast hier ein Wunder vollbracht, Jorg. Das werden wir dir nicht vergessen.«
Ich nickte. »Lass Heimrift ruhen, Herzog«, erwiderte ich. »Halradra und seine Söhne schlafen. Vermeidet es, sie zu wecken.«
»Du hast dort oben einen Freund.« Alarich lächelte.
»Er ist kein Freund«, sagte ich. Ein Teil von mir bedauerte das. Ich mochte Gorgoth. Leider verfügte er über gute Menschenkenntnis.
»Gute Reise.« Sindri trat neben seinen Vater und lächelte wie immer.
»Kehr im Winter zu uns zurück, König Jorg.« Elin gesellte sich ihnen hinzu.
»Du möchtest dieses hässliche Gesicht bestimmt nicht wiedersehen.« Ich sah ihr in die hellen Augen.
»Die Narben eines Mannes erzählen seine Geschichte. Deine Geschichte würde ich gern lesen«, sagte Elin.
Als ich das hörte, musste ich grinsen, obwohl es mir Schmerzen bereitete. »Ha!« Und ich trieb Brath an und führte meine Brüder nach Süden.
Wieder auf der Straße, trug ich Ekatris schwarze Salbe regelmäßig auf, und mein Gesicht begann zu heilen. Rohes Fleisch verhärtete sich zu einer hässlichen Masse aus Narbengewebe. Von rechts sah man den hübschen Jorgy Ankrath, von links etwas Monströses – dort zeigte sich mein wahres Wesen, würden manche Leute vielleicht sagen. Der Schmerz ließ nach und wich einer unangenehmen Straffheit und einem tieferen Brennen bei den Knochen. Wenigstens konnte ich wieder essen. Als all die Leckereien auf den Tischen des Herzogs weiter und weiter hinter uns zurückblieben, stellte ich fest, dass ich immer größeren Hunger bekam. Das ist eine Sache der Straße. Wenn man auf einem Pferd sitzend Tag für Tag den alten Straßen des Reiches folgt, mit nichts anderem zu essen als dem, was man bei sich trägt oder stehlen kann … Dann stellt man schnell fest, dass ein leerer Magen allem einen herrlichen Geschmack gibt. Wenn man ein schimmeliges Stück Käse sieht und einem dabei nicht der Mund wässrig wird … Es bedeutet nur, dass man nicht hungrig genug ist.
In der Spukburg tischten die Köche mit Honig glasiertes Wildbret auf, garniert mit gebackenen und mit Rosmarin bestreuten Siebenschläfern, nur um meinen Gaumen in Versuchung zu führen. Nach Tagen im Sattel sollte eine Speise, um mich in Versuchung zu führen, entweder warm oder kalt sein, vorzugsweise – falls tierischen Ursprungs – unbeweglich und einst im Besitz eines Rückgrats.
Am Lager des ersten Abends drängten wir uns in gedämpfter Stimmung zusammen. Das Fehlen des kleinsten Mitglieds unserer Runde schien uns seltsamerweise mehr schrumpfen zu lassen als das des größten. Ich starrte in die Flammen und glaubte, ein Prickeln in den Kieferknochen zu spüren, unter der betäubenden Salbe.
»Ich vermisse den kleinen Burschen.« Grumlow überraschte mich.
»Ja.« Sim spuckte.
Der Rote Kent sah vom Putzen seiner Axt auf. »Hat er sich von seiner guten Seite gezeigt, Jorg?«
»Er hat nicht nur mich gerettet, sondern auch Gorgoth«, sagte ich. »Und er erledigte den Feuermagier, bevor er starb.«
»Klingt gut«, sagte Row. »Ein gottloser Mistkerl war er, jawohl, aber er hatte Feuer in sich, und ob.«
»Makin«, sagte ich.
Er sah auf, mit dem Licht der Flammen in seinen Augen.
»Da Coddin zuhause ist …« Ich zögerte und begriff, dass ich die Spukburg zum ersten Mal als »Zuhause« bezeichnet hatte.
»Ja?«, fragte Makin.
»Ich wollte nur sagen … Wenn ich einen Weg beschreite, der vielleicht ein bisschen zu … rau ist … Gib mir Bescheid, ja?«
Er schürzte die zu dicken Lippen und holte zischend Luft. »Ich werde es versuchen«, antwortete er. Er hatte es all die Jahre versucht, das wusste ich, aber jetzt gab ich ihm die Erlaubnis.
Eine Woche lang mieden wir Dörfer, machten einen Bogen um kleine Städte und suchten uns einen Weg durch die weichen Ränder der Königreiche, die wir bei der Reise nach Norden passiert hatten. Wir erreichten Roggen, zu groß für ein Dorf, aber auch keine richtige Stadt, da die Häuser zu sehr verstreut waren. Auf dem Weg nach Norden hatten wir in Roggen Proviant gekauft, und da unsere Satteltaschen leer waren, ritten wir in den Ort. Für mich fühlte es sich noch immer seltsam an, für Dinge zu bezahlen, aber es ist eine gute Angewohnheit, wenn man genug Geld hat. Natürlich sollte man dann und wann stehlen oder sich aus lauter Bosheit etwas mit Gewalt aneignen, denn sonst könnte man leicht aus der Übung kommen. Aber abgesehen davon gehört Bezahlen zum guten Ton, insbesondere, wenn man ein König mit einer Tasche voller Gold ist.
Der Hauptplatz von Rye unterschied sich kaum von den anderen Marktplätzen und offenen Bereichen. Rike hatte gerade den letzten Sack Hafer auf sein großes Arbeitspferd gepackt, und Makin versuchte, die Satteltaschen zu schließen, in denen vier ausgenommene Hasen mit Fell steckten, als sich die Menge um uns herum vor einem alten Mann teilte wie einst das Rote Meer. Ich lehnte an Brath und fühlte mich ziemlich schwach. Der Sommer hatte beschlossen, uns einen kleinen Vorgeschmack auf ihn zu geben, und die Sonne brannte von einem blassen Himmel herab. Das Gesicht tat mir höllisch weh, und Fieber hatte seine Krallen in mich gebohrt.
»Prinz der Dornen!«, rief der alte Bursche und hielt direkt auf mich zu. Seine Stimme war so laut, dass sich Köpfe drehten.
»Es sollte wohl besser ›König‹ heißen«, brummte ich. »Und wenn es Dornen auf der Karte gibt, so muss ich sie übersehen haben.«
Der Mann blieb einen Meter vor mir stehen und richtete sich ganz auf. Dürr war er, und vertrocknet wie eine Dörrpflaume, mit weißem, bauschigem Haar auf beiden Seiten des ansonsten kahlen Kopfes. Die Augen waren trüb, aber nicht von Altersstar. Etwas wie Perlmutt lag in ihnen, mit einem leichten Regenbogenschimmern.
»Lass mich in Ruhe.« Ich sprach mit meiner leisen Stimme, die anderen Leuten rät, genau hinzuhören.
»Das Goldene Tor wird sich dem Fürsten von Pfeil öffnen.« Etwas Elektrisches knisterte in der Luft um uns herum, und das weiße Haar zu beiden Seiten des Kopfes richtete sich auf. »Du kannst nur …«
Das schnelle Ziehen eines Schwertes hat etwas Kunstvolles. Wenn der Riemen der Scheide gelöst ist, und das ist bei mir immer der Fall, kann man die ganze Klinge fast einen Meter in die Luft bringen, indem man eine Hand locker unter eine Seite der Parierstange hakt und sie regelrecht nach oben wirft. Wenn man es zeitlich genau abpasst und sich schnell dreht, erreicht man den Griff des Schwertes am höchsten Punkt der Flugbahn, und wenn es fällt, kann man sein Bewegungsmoment für einen Stoß gegen den Mann verwenden, der neben einem steht.
Ich sah über die Schulter zurück. Die Augen des Alten waren noch immer trüb, aber sie sahen jetzt nicht mehr in meine Zukunft. Ich wich zurück und zog ihm damit die Klinge aus der Brust. Er blickte auf die scharlachrote Wunde hinab, blieb aber seltsamerweise stehen.
Ich wartete einen Moment, dann noch einen. Die Menge wahrte ihr Schweigen, und der Alte stand da und betrachtete das Blut, das ihm über den Bauch strömte.
»He«, sagte ich.
Er sah auf, was ein wenig half – sein Kinn war im Weg gewesen. Ich nahm seinen Kopf mit einem Hieb. Ich will nicht prahlen, aber es ist alles andere als einfach, jemanden zu köpfen. Ich habe Spezialisten im Umgang mit der Axt gesehen, die bei einer Hinrichtung drei Schläge brauchten, obwohl der Hals des Opfers vor ihnen auf einem Holzblock lag.
Der Seher hatte genug Anstand, den Körper fallen zu lassen, nachdem der Kopf zu seinen Füßen gelandet war. Aber die trüben Augen sahen mich noch immer an. Mit Magie hat das nichts zu tun. Ein abgetrennter Kopf kann einen noch eine ganze Minute lang anstarren, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt, doch angeblich bringt es Pech, das Letzte zu sein, was er sieht.
Ich nahm den Kopf an einem weißen Haarbüschel und hielt ihn auf Augenhöhe. »Interessant. Du kannst also sagen, was ich bin und in den nächsten Jahren sein werde, aber meine Klinge hast du nicht kommen sehen?« Ich sprach laut, für das Publikum. »Dieser Scharlatan hat jahrelang von eurem Aberglauben gelebt, und vom Aberglauben von Leuten wie euch.«
Und leise, nur für den Weissager und jemanden, der mich durch seine Augen sah, für all jene, die diesen Moment über die Spanne der Jahre vor meiner Geburt beobachteten: »Ich schaffe mir meine eigene Zukunft. Tot zu sein, gibt dir nicht recht. Wir alle sterben.«
Die Lippen lächelten und zuckten. »Toter König«, sagten sie lautlos, und wo ich den Kopf berührte, fühlte ich eine Art Krabbeln auf der Haut, wie von einer Spinne, die mir über die Hand kroch.
Ich ließ den Kopf fallen und trat ihn in die Menge. Ich sage »trat«, aber eigentlich ist es keine besonders gute Idee, einen Kopf zu treten. Das habe ich vor Jahren gelernt, eine Lektion, die mich zwei gebrochene Zehen kostete. Man sollte ihn besser mit der Seite des Fußes schieben. Er rollt, was bedeutet, dass man nicht viel Kraft braucht. Das Problem mit einem abgetrennten Kopf besteht darin, dass sein Eigentümer kein Interesse mehr daran hat – und auch gar nicht dazu imstande ist –, die Wucht des Tritts zu mildern. Wenn man einem Lebenden an den Kopf tritt, was ab und zu geschieht, so ist er normalerweise bemüht, dem Tritt auszuweichen, was den Kontakt weniger heftig macht. Ein abgetrennter Kopf hingegen ist eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Totlast, selbst wenn er einen anstarrt.
Und das wär’s mit meinen Erkenntnissen und Einsichten in Bezug auf das Treten von abgeschlagenen Köpfen. Es ist zugegebenermaßen mehr, als die meisten Leute über dieses Thema anzubieten haben, aber es gab Mayas, die weitaus mehr darüber wussten. Was natürlich auf einem ganz anderen Blatt steht.
Makin schloss seine Satteltaschen und trat an meine Seite. »Das war vermutlich ein bisschen zu rau«, sagte er. »Du hast mich gebeten, dich darauf hinzuweisen.«
»Scheiß drauf«, erwiderte ich.
Ich winkte den Brüdern zu. »Reiten wir.«
Über fast hundert Meilen hinweg folgten wir erneut dem Nordweg, diesmal in umgekehrter Richtung. Wir kamen durch die Herzogtümer Parquat und Bavar, wo die meisten Reisenden willkommen sind, solange sie nicht vorhaben, auf Dauer zu bleiben. Selbst Leute wie uns tolerierte man dort, vorausgesetzt, sie stiegen nicht von ihren Pferden ab.
Die kleine Stadt Hanver begrüßte uns mit bunten Fähnchen. Sie gehörte zu den ruhigen, friedlichen Orten, die ich bei der Reise nach Norden erwähnt habe, vom Krieg unberührt. Hanver liegt eingebettet in idyllischem Ackerland, das in viele einzelne Felder unterteilt ist.
»Sieht nach einem heiligen Tag aus.« Kent richtete sich in den Steigbügeln auf. Er mochte ein finsterer und tödlicher Halunke sein, aber Kent war auch fromm. Bei ihm handelte es sich um die gute Art von Frommheit, beziehungsweise um die bessere.
»Und wenn schon«, brummte Rike. Er mochte die Feste lauter und wilder, und am liebsten waren ihm jene, die in einer wüsten Schlägerei endeten.
»Vermutlich wird gesungen«, sagte Sim, der Musik mochte.
Und so, ohne groß darauf zu achten, dass ich König von Renar war und sie nicht mehr als schäbige Bauern, wenn man’s genau nahm, führten mich die Brüder nach Hanver. Wir ritten über die Hauptstraße, den Bewohnern entgegen, den Einheimischen mit ihren geschrubbten Gesichtern und ihrem Sonntagsstaat. Die Kinder trugen kleine Stöcke mit Wimpeln, und einige von ihnen knabberten an Zuckeräpfeln. Die Brüder wandten sich in verschiedene Richtungen. Sim machte sich zur Kirche auf, Grumlow zur Schmiede. Rike gab seine Zügel einem Jungen vor der ersten Taverne. Der wählerischere Row entschied sich für die zweite Taverne, und Kent lenkte sein Pferd zum Stall, damit sich dort ein geübtes Auge Hellax’ rechtes Vorderbein ansah.
»Offenbar sind mehr als nur Lieder geplant.« Makin deutete nach vorn zum Hauptplatz. Eine Plattform aus Holz war dort errichtet worden, aus frischem, noch harzendem Holz, und darauf erhob sich ein Galgen mit drei baumelnden Stricken.
Wir banden unsere Pferde an, und Makin warf dem Wachjungen eine Kupfermünze zu.
»Kirchenhinrichtung«, sagte Makin. Eine weiße Fahne wehte an einer Ecke der Plattform, darauf mit Tinte das heilige Kreuz und der Pokal.
»Hm.« In der Hohen Burg hatte ich für Ökumenisches kaum Begeisterung aufbringen können, und auf der Straße verbreitete Roms Kirche ihr Gift ohne jede Zurückhaltung. Nur in diesem Zusammenhang habe ich den Einfluss meines Vaters jemals für mäßigend gehalten.
Wir standen mit den anderen im Sonnenschein und ließen uns von einem umherwandernden Verkäufer gebratenes Hammelfleisch an Spießen geben. Ein Bierjunge bot uns Arac in Zinnkrügen an, ein dunkles und bitteres lokales Gebräu, stärker als Wein. Der Junge wartete, bis wir die Krüge geleert hatten, nahm sie entgegen und ging mit ihnen weiter. Für die Kirche habe ich keine Zeit übrig, aber warum eine gute Hinrichtung versäumen? Vor Jahren hatten wir gesehen, wie Bruder Merron aufgehängt worden war, und Row hatte gesagt: »Eine gute Hinrichtung braucht keinen guten Grund.« Wie wahr, wie wahr.
Zuerst hörten wir den Gesang. Vier Chorknaben stimmten ihn an, und vermutlich waren sie nicht kastriert, nicht in einem so einfachen Ort wie Hanver. Viel zu sehen gab es nicht, außer einem silbernen Kreuz hoch an einem Stab. Dann teilte sich die Menge, und die Jungen in weißen Kutten sangen noch lauter. Ich bemerkte Sim weiter hinten, wie seine Lippen die Worte formten, obwohl er kein Latein sprach und nur mit dem Klang vertraut war.
Dann sah ich die Priester und ihr Zeichen: zwei schwarze Krähen mit dem heiligen Violett auf ihrer Brust; sie schwangen Weihrauchgefäße. Ihre Gesichter waren leer, und sie ähnelten sich wie Brüder, schienen nicht älter zu sein als Makin. Ihnen folgten, auf einem Karren und an Händen und Füßen gefesselt, eine Mutter und zwei Töchter, zehn oder zwölf, schwer zu sagen, bleich vor Entsetzen. Ein älterer Priester bildete den Abschluss, mit purpurner Seide, die sich durch das Schwarz seiner Soutane zeigte, ein streng wirkender Mann, aber nicht unattraktiv, mit spitz angesetztem silbergrauen Haar, das ihm eine gewisse Gravität verlieh.
»Ich brauche ein ordentliches Bier.« Makin spuckte. »Das Arac hat einen bitteren Geschmack hinterlassen.«
Vielleicht benötigte eine gute Hinrichtung tatsächlich keinen guten Grund, aber mir schien, dass keine von der Kirche durchgeführte Hinrichtung gut genannt werden konnte. Ich hatte Pater Gomst den größten Teil meines Lebens verachtet, für all die Lügen und auch für seine Schwäche. Jene Nacht der Dornen und des Regens hatte seine Lügen gezeigt, so klar, als hätte ein Blitz sie in einem dunklen Zimmer gefunden. Aber früher oder später wären sie ohnehin zum Vorschein gekommen. Gerechterweise muss man sagen, dass Gomsts Art von lahmem Optimismus und Gerede von Liebe kaum etwas mit Roms Doktrin zu tun hatte. Mein Vater würde nicht zulassen, dass die Hand des Papstes bis in seine Burg reichte.
Jubelrufe erklangen in der Menge, als die Frau und ihre Töchter recht unsanft auf die Plattform gebracht wurden. Doch die meisten Zuschauer blieben stumm und beobachteten das Geschehen mit steinernen Mienen, ohne Freude.
»Weißt du, was die Kirche von Rom mit der Kirche, die vor ihr kam, gemeinsam hat, mit dem Glauben, den die Päpste in der Zeit vor den Erbauern vertraten, in all den Jahrhunderten vor ihnen?«, fragte ich.
Makin schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Es weiß auch sonst niemand«, sagte ich. »Papst Anticus nahm alle Bibeln, die die Tausend Sonnen überstanden hatten, und verstaute sie in tiefen Gewölben. Alle Bücher der Doktrin, alle Aufzeichnungen des Vatikans. Sie alle. Er hätte sie verbrennen können, aber stattdessen versteckte er sie. Die Gelehrten wissen darüber nur, dass niemand etwas wissen soll.«
Der Priester auf der Plattform marschierte an ihrem der Menge zugewandten Rand auf und ab, erzählte mit lauter Stimme von Bosheit, Frevel und Hexerei. Weiße Speichelspritzer fingen den Sonnenschein ein, als sie über die Köpfe der nächststehenden Bauern hinwegflogen.
»Ich habe dich nie für einen Theologen gehalten, Jorg.« Makin wandte sich ab. »Leistest du mir bei dem Bier Gesellschaft?«
Ich beobachtete, wie die Scharfrichter das erste Mädchen zum Galgen zerrten. Es leistete Widerstand, was bedeutete: Es stand keine reibungslose Hinrichtung bevor; zuerst musste vielleicht ein wenig geschnitten werden. Das Mädchen setzte sich mit erstaunlich viel Kraft zur Wehr – man konnte sehen, wie sich in den Armen des Mannes die Muskeln spannten.
»Ist es noch zu früh für Blut, Sir Makin?« Eigentlich galt der Spott gar nicht ihm, sondern dem Etwas – was auch immer es war, das auch meinem Mund einen bitteren Geschmack gab.
Makin knurrte. »Nenn mich einen Weichling, aber nach so etwas ist mir nicht zumute. Nicht, wenn es dabei um Kinder geht.«
Ich glaube, ihm war nie danach zumute, nicht bei Kindern und nicht bei Männern, obwohl er Teil der Dunkelheit unserer Bruderschaft gewesen war, in den frühen Jahren, als er geglaubt hatte, nur er könnte mich beschützen.
»Aber es sind Hexen.« Noch mehr Spott, der mir selbst galt. Das waren sie vermutlich, Hexen. Ich hatte Hexen verschiedener Art kennengelernt, und mit jedem verstreichenden Jahr schien mehr Magie in die Welt zu strömen. Durch diese oder jene Person fand sie ihren Weg, als wären sie Risse im Gewebe unserer Tage. Sicher hätte der Priester auch mich zum Galgen bringen wollen, wenn ihm bekannt gewesen wäre, dass ich mit Toten sprechen konnte, oder wenn sein Blick auf die schwarzen Adern meiner Brust gefallen wäre. Ja, er hätte mich zum Galgen gerufen, mit genug Mut. Die Frau und ihre Töchter mochten Hexen sein, aber vielleicht hatten sie auch nur gewagt, den Priestern zu widersprechen, oder etwas zu erfinden. Wenn Rom etwas hasste, so waren es Erfindungen. Man ging freizügig mit irgendwelchen Zaubern um, und ein Priester befahl, dass man bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Doch wehe, man fand einen Trick für besseren Stahl oder entdeckte einen Weg, die Alchimie der Erbauer teilweise nachzuahmen – dann verbrachte ein von Rom beauftragter Experte eine ganze Woche mit langsamem Töten.
Makin spuckte erneut, schüttelte den Kopf und ging fort. Damit urteilte er über mich. Über seinen verdammten König! Ich warf den Zorn ab, er bot einen Ausweg, ich konnte mich darin verstecken. Aber es war nicht Makin, der mich zornig gemacht hatte.
Sollten die Leute zu Gott beten, ich hatte nichts dagegen. Vielleicht kommt etwas Gutes dabei heraus, wenn es einem darum geht, um Gutes. Lockt Gott in Kirchen, wenn ihr wollt, und tragt ihm dort eure Klagen vor. Aber Rom? Rom ist eine gegen uns benutzte Waffe, ein gezuckertes Gift für hungrige Menschen.
Oben auf der Plattform schrie das Mädchen, als sie ihm die Kleidung vom Leib rissen. Ein Mann näherte sich mit einem Stock, der mit hübsch glitzernden metallenen Zähnen besetzt war.
»Es ist der Bischof, nicht wahr?« Ich fand Kent neben mir, seine Hand auf meiner, als sie die Klinge ziehen wollte, ohne mich vorher zu fragen. Mit Kents Hilfe gelang es mir, das Schwert in der Scheide zu lassen.
»Murillo«, pflichtete ich ihm bei. Nur wenige Menschen wagten es, Bischof Murillo in meiner Nähe zu erwähnen. Noch immer bedauere ich die Nägel. Ich hatte sie ihm ganz langsam in den Kopf gehämmert, aber der Tod war trotzdem viel zu schnell für ihn gekommen.
»Ein schwarzer Tag«, sagte Kent, und ich wusste nicht, ob er von heute oder von damals sprach. Ob fromm oder nicht, er hatte mich einmal wegen des päpstlichen Neffen getadelt.
Ich nickte. Für mich gab es bessere Gründe als nur Murillo, die Kirche von Rom zu hassen, aber der Bischof hatte dem Hass eine besondere Schärfe gegeben. »Was ist mit Hellax?«, fragte ich.
»Sie hat einen Umschlag bekommen und ist bald wieder in Ordnung«, sagte Kent.
Das Mädchen heulte wie die Verdammten, obwohl es den Stock nur gesehen, nicht aber gefühlt hatte.
»Zum Reiten bereit, ja?«, fragte ich.
Kent sah mich an. »Jorg!«
Wir stecken voller Widersprüche, wir alle. Es sind diese Gegenkräfte, die uns Stärke geben, wie bei einem Bogen oder einem Gewölbe, in dem jeder Block auf den nächsten drückt. Gebt mir einen Mann, dessen Teile alle in einer Linie sind, alle in Harmonie vereint, und ich zeige euch Wahnsinn. Wir wandeln auf einem schmalen Pfad, mit Irresein auf beiden Seiten. Jemand ohne Gegensätze, die ihm Balance geben, kommt bald vom Weg ab.
»Suchen wir uns eine Stelle, von der wir einen besseren Blick haben.« Ich trat durch die Menge. Die meisten Leute machten mir Platz; einigen musste ich wehtun. Kent blieb dicht hinter mir.
Makin ging fort, weil ihm seine Gegenkräfte einen Kompromiss gestatteten. Meine waren nicht so freundlich. Ich möchte sagen, dass es Hass war, der mich auf die Plattform brachte. Hass auf Rom, auf die Doktrin der Ignoranz, auf die Verdorbenheit der höchsten Repräsentanten. Meine Brüder würden vielleicht darauf hinweisen, dass die Entscheidung auf meine eigenen Gegenkräfte zurückzuführen war, auf meine Aversion gegen die Vorstellung, dass es abgesehen von den Stricken nur die Angst vor den Priestern und das Grölen der Menge waren, die jene Gefangenen auf dem Podium hielt. Die drei Monate auf dem Thron von Renar hatten gewiss nichts mit meinem Verhalten zu tun. Als man mir die Krone aufs Haupt setzte, übernahm ich, wenn man’s genau nimmt, die Verantwortung für die Menschen meines Königreiches. Aber die Krone wog mehr, als Verantwortung jemals wiegen kann, und deshalb nahm ich sie schon nach kurzer Zeit wieder ab.
Niemand versuchte mich aufzuhalten, als ich aufs Podium stieg. Ich schwöre, dass ich sogar die eine oder andere Hand spürte, die mich nach oben schob. Ich nahm dem Scharfrichter den Stock aus der Hand, als er zum ersten Hieb ausholte. Mit scharfkantigen Eisenstücken war er besetzt. Das Mädchen stand nackt am Pfosten und beobachtete den Stock, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Für ein Bauernmädchen erschien es mir zu sauber. Vielleicht hatten die Priester es gewaschen, damit sich die Zeichen der Qualen nicht in Dreck verloren.
Blutiges Gemetzel war eine Möglichkeit. Meine prickelnden Finger sehnten sich nach dem Heft eines Schwerts, und ich war ziemlich sicher, alle auf dem Podium töten zu können, ohne ins Schwitzen zu geraten. Seit einer Generation hatte Hanver keinen Kampf gesehen, und ich war mehr als nur bereit, das zu ändern. Stattdessen versuchte ich es mit Vernunft, oder zumindest mit meiner Art von Vernunft. Drei Schritte brachten mich bis auf einen Meter an den Priester mit dem silbergrauen Haar heran. Den Stock mit den Eisenzähnen drehte ich in der einen Hand.
»Ich bin König Jorg von Renar. Ich habe mehr Priester getötet als du Hexen, und ich sage, dass du diese drei freilassen wirst, und zwar nur deshalb, weil es mir so gefällt.« Ich sprach deutlich und laut genug für die Menge, die so still war, dass ich das Flattern der Fähnchen hörte. »Die nächsten Worte aus deinem Mund werden ›Ja, Euer Hoheit‹ lauten, oder ich zerhacke dich mit diesem Stock.«
Eins musste man dem Priester lassen: Er zögerte wenigstens, bevor er »Ja, Euer Hoheit« sagte. Vielleicht bezweifelte er, dass ich König war, aber sicher glaubte er an den Stock mit den Eisenspitzen.
Bewaffnete Männer standen unter den Bauern, nicht viele, aber genug, kräftige Kerle mit Helmen und gepolsterten Wämsern, Aufpasser des kleinen Herrschers, der diesen Ort zu seinem Machtbereich zählte. Ich begegnete ihren Blicken und winkte dreien von ihnen zu, die vor einem Pferdetrog standen. Sie zuckten die Schultern und wandten sich ab. Ich kann nicht sagen, dass es mich freute. Makin stand hinter dem Trog – sein Kompromiss hatte ihn nicht einmal bis zum nächsten Bierhaus gebracht.
»Sag nein!« Mein Schwert kam so schnell aus der Scheide, dass es fast sang.
Blutdurst zeigte sich in den Gesichtern der Zuschauer, Enttäuschung darüber, dass ihnen das Spektakel vorenthalten werden sollte. Mir ging es ähnlich. Es war wie ein Niesen, das nicht aus einem herauskam, wie eine Leere, die unbedingt gefüllt werden wollte. Ich wartete, und mehr als die Hälfte von mir wünschte sich, dass Bewegung in die Menge kam, dass sie wütend nach vorn drängte.
»Sag nein«, wiederholte ich, aber der Priester gab keinen Ton von sich.
Die Stricke der Gefangenen gaben unter der scharfen Schneide meiner Klinge nach. »Geht«, sagte ich mit plötzlichem Ärger, als wäre dies alles ihre Schuld. Die Mutter hinkte fort und zog ihre beiden Töchter mit sich. Makin half ihnen die Treppe herunter.
Später fragte ich mich, ob es genug sein würde, um den Geist fortzuschicken, ob meine gute Tat – aus welchen Gründen auch immer vollbracht – den toten Knaben aus meinen Träumen vertreiben würde. Aber er kehrte wie üblich mit den Schatten zurück.
Wir blieben einen ganzen Tag in Hanver und brachen an einem sonnigen Morgen auf, mit vollen Satteltaschen und noch immer wehenden Fähnchen. Das ist die Schönheit von Orten, die der Krieg nie besucht hat. Und es ist auch der Grund, warum sie nicht von Dauer bleibt.