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Vier Jahre zuvor

Mit angeschwollener Hand und schmerzendem Kopf betrat ich den Speisesaal von Burg Morrow. Spinnengift gibt einem ein Kriechen und Krabbeln im Innern, und es bringt Wahnvorstellungen an den Rand des Blickfeldes, abscheuliche Bilder, die schrecklichsten Bilder, die man sich vorstellen kann. Und ich bin mit sehr viel Phantasie verflucht.

Die Wächter des Hauses und der Mauer sind sich nur selten einig, aber sie alle hielten mich für einen dummen Nordländer. Sie glaubten, dass ich mein Schwert für eine Weile nicht mehr so eindrucksvoll schwingen würde.

Da es Sonntag war, hatte der Koch eine besondere Mahlzeit für uns zubereitet: Schlangen in Knoblauch und Wein, mit Safranreis. Die Schlangen stammten von den nahen Klippen, ziemlich große Biester, dick wie ein Kinderarm. Seien wir ehrlich: Schlangen sind eigentlich Schnecken, die Hüte tragen. Der Hauptgang sah aus wie große Rotzbrocken in Blut. Ich weiß nicht, warum die Pferdeküste besessen davon ist, Glitschiges und Zermatschtes zu verspeisen. Es ging mir nicht besonders gut, und deshalb probierte ich nur den Reis. Angeblich ließ uns Graf Hansa eine große Ehre zuteil werden, denn Safran galt als das Gewürz der Könige und war absurd teuer. Ich kann nur sagen, dass der Reis nach bitterem Honig schmeckte und mir den Magen umdrehte. Nach einer kleinen Kostprobe beschloss ich, zu hungern.

Mit einem Kanten Brot sank ich zu Bett und fiel in tiefen, von lebhaften Träumen heimgesuchten Schlaf.

Der Umstand, dass man mich im Schlaf packte – besser gesagt, dass man mich packte, während ich schlief –, führte ich auf das Spinnengift zurück, und außerdem: Wenn man in einem Wächter-Schlafsaal bei jedem Vorbeigehenden aufspringt und mit dem Schwert zuschlägt, dauert es nicht lange, bis die Hälfte der Schlossbewohner tot ist.

Ich erwachte mit starken Händen an meinen Hand- und Fußgelenken und stellte fest: Wie sehr ich mich auch zur Wehr setzte, ich konnte nicht verhindern, durch mehrere Flure getragen zu werden, eine Treppe hinunter und dann in eine Zelle.

Die Männer hatten einen gesunden Respekt vor meiner Fähigkeit, sie zu verletzen. Damit sie sich ungefährdet zurückziehen konnten, rammte mir einer von ihnen die Faust in den Magen, während die anderen mich für den Schlag streckten. Ich hörte, wie sie wegliefen, und die Tür fiel mit einem Donnern zu, das mein Würgen übertönte.

Mit lauten Rufen Freilassung zu verlangen, war mir immer dumm erschienen. Schließlich hatte es kaum einen Sinn, die Leute, von denen man ins Verlies geworfen wurde, auf einen vermeintlichen Fehler hinzuweisen. Also schwieg ich, setzte mich auf den Boden und überlegte. Vielleicht hatte Qalasadi sein Geheimnis preisgegeben, und vielleicht waren meine Verwandten alles andere als erfreut. Oder jemand hatte meinen kleinen Ausflug zur Erbauer-Maschine unter dem Weinkeller entdeckt und sich darüber geärgert.

Eine Stunde verging, bevor ein Gesicht am kleinen Fenster in der Zellentür erschien. Was ich nicht für besonders klug hielt, weil man mir ein Messer gelassen hatte; damit hätte ich bei dem Gesicht viel Unheil anrichten können, wenn ich nicht so sehr mit Nachdenken beschäftigt gewesen wäre.

»Hallo, Lord Jost.« Ich hatte ihn nur kurz gesehen, bevor er mich der Obhut von Hauptmann Ortens für die Hauswache überlassen hatte, doch an sein eingefallenes Gesicht und den kleinen dunklen Schnurrbart konnte man sich leicht erinnern.

»William von Ankrath«, sagte er. Er sprach die Worte langsam, als fiele es ihm schwer, ihnen zu glauben.

Der Boden war unbequem und ziemlich kalt. Vielleicht kam ich schneller aus der Zelle, wenn ich Lord Jost das Sprechen überließ, und so schwieg ich.

»Welches Gift hast du verwendet, William?«, fragte er.

Ich betrachtete meine Hand in der Düsternis. Der Spinnenbiss war inzwischen violett verfärbt. »Gift?«, wiederholte ich.

»Ich bin nicht wegen irgendwelcher Spielchen hierhergekommen, Junge. Ich lasse dich hier verfaulen und vermodern. Wenn sie sterben, bevor du zu reden bereit bist, beauftragt der Graf maurische Folterer, um ein Exempel an dir zu statuieren.«

Das Gesicht verschwand.

»Warte!« Ich stand rasch auf. Maurische Folterer, das klang nicht gut. Um ganz ehrlich zu sein: Es gibt kaum ein Wort, das vor »Folterer« gesetzt beruhigend klingt. »Sagt mir, was geschehen ist, und Ihr bekommt die ganze Wahrheit von mir. Das schwöre ich bei Jesus!«

Er drehte sich um und ging langsam fort.

Ich sprang zur Tür und blickte durchs Fenster. »Ich kann sie retten«, log ich. »Aber ich muss wissen, wer betroffen ist.«

Lord Jost blieb stehen und wandte sich mir zu, und ich dankte dem Erfinder der Lügen. »Alle Wächter der Tagesschicht sinken ins Delirium«, sagte er. »Mehrere sind blind geworden.«

»Und ich bin der einzige, der keine Symptome zeigt, was mich schuldig macht?«

»Du bist ganz offensichtlich eine Art Meuchelmörder. Vermutlich hat Olidan von Ankrath dich zu uns geschickt. Wenn du uns ein Gegenmittel geben kannst, verspreche ich dir einen schnellen Tod.«

»Ich habe kein Gegenmittel«, sagte ich. Wem konnte daran gelegen sein, die ganze Tagesschicht der Wächter umzubringen?

»Welches Gift hast du benutzt? Du hast mir Wahrheit versprochen«, sagte Lord Jost.

»Wenn ich wirklich ein Meuchelmörder wäre … Würdet Ihr dann von mir erwarten, mein Versprechen zu halten? Und wenn ich nicht der Meuchelmörder bin, für den Ihr mich haltet, kann ich das Versprechen gar nicht halten, oder? Ich habe nichts damit zu tun.«

Lord Jost spuckte auf eine recht unadlige Art und Weise und ging wieder los.

»Wartet. Es sind die Mauren, nicht wahr? Warum sollte König Olidan einige Wächter vergiften wollen? Er wird kein Heer tausend Meilen weit schicken und an Eure Tür klopfen. Die Mauren planen einen Angriff.«

Lord Jost ging um die Ecke.

»Ich bin nicht krank, weil ich die Mahlzeit nicht gegessen habe!«, rief ich ihm nach.

Die Echos der Schritte verklangen.

»Denn euer Essen schmeckt wie Scheiße, die jemand in Brand gesetzt hat!«, rief ich.

Und ich war allein.

Der tote Knabe kam im Dunkeln zu mir, mit ernst blickenden Augen und einem Kopf, der auf dem gebrochenen Genick rollte. Zum millionsten Mal fragte ich mich, ob ich Katherine auf dem Friedhof getötet hatte. War dies mein Kind, das nie leben würde, weil ich seine Mutter ermordet hatte? Oder war es nur eins der vielen Kinder, deren Blut an meinen Händen klebte? Gelleths Kinder. Ich hatte ein Ungeheuer zu mir genommen, damit sie für mich Wirklichkeit wurden. Kein Ungeheuer dem Aussehen nach. Ich hatte Gog und Gorgoth Ungeheuer genannt, doch die wahren Monstren waren Chella und ich, abscheulich in den Taten, nicht in der Gestalt.

Warum sollte jemand die Wächter vergiften? Vielleicht steckten die Mauren dahinter, aber mit einem einzelnen Angriff konnten sie die Burg kaum übernehmen, und sie waren sicher nicht imstande, alle Verteidiger zu vergiften. Außerdem: Es ist nicht klug, eine solche Warnung zu geben, wenn man einen schnellen Schlag gegen abgelegene Orte und Kirchen plant.

Eine eiserne Faust schloss sich um meinen Magen und überraschte mich. Wässrige Kotze spritzte mir aus dem Mund. Ich sank nach vorn, auf die Hände.

»Verdammter Mist.«

Die Dunkelheit drehte sich um mich herum, und deshalb drückte ich die Wange auf den kalten Boden. Die Narben in meinem Gesicht brannten noch immer, als ob die in meinem Körper steckenden Splitter weiter in Flammen standen.

Vielleicht war auch ich vergiftet. Aber warum dauerte es bei mir länger? An meiner zäheren nordischen Konstitution lag es wohl nicht, oder? Und ich hatte fast nichts gegessen. Ein Stück Brot. Ein bisschen bitteren Reis.

Ich musste hier raus. Das ist das Problem mit den Zellen von Verliesen: Jemand hat dafür gesorgt, dass man sie nicht verlassen kann. Wünsche allein bringen einen nicht weiter, mögen sie auch noch so intensiv sein.

Ich stand auf und ging zur Tür. Ohne Lord Jost und seine Laterne blieb es ziemlich dunkel. Ein wenig Licht, nicht mehr als ein Hauch, kam von oben herab, vielleicht ein Flüstern der Sonne, die über der Burg gleißte, oder ein Echo des Fackelscheins in den Fluren, durch die man mich getragen hatte. Wie dem auch sei, dieses wenige Licht genügte meinen nachterprobten Augen, Kanten und einige Details zu finden. Ich betrachtete das kleine Fenster in der Tür. Wenn die Gitterstäbe nicht gewesen wären, hätte ich den Arm hindurchstrecken können. Das Holz war drei Finger dick, Hartholz. Ich hätte eine ganze Woche mit meinem Messer bohren können, bevor es mir gelungen wäre, ein kleines Loch zu schaffen.

Etwas bewegte sich hinter mir. Eine Ratte – ich erkenne Rattengeräusche im Dunkeln. Ich warf mein Messer. Früher war das ein Spiel unter uns Brüdern gewesen. Nagle eine Ratte fest. Grumlow erwies sich als wahrer Meister. Wenn wir morgens erwachten, fanden wir oft eine Ratte, von einem seiner Messer an den Boden genagelt. Manchmal in beunruhigender Nähe meines Kopfes.

»Hab dich.«

Diesmal hatte es keinen Sinn, auf den Morgen zu warten, und deshalb jagte ich mein Opfer mit der Hand und brachte das Messer wieder an mich.

Ich kehrte zum Fenster und seinen Gitterstäben zurück, zog an ihnen und versuchte mir vorzustellen, wie sie im Holz verankert waren. Keiner von ihnen gab nach. Es ist seltsam, wie oft sich unser Leben auf ein einzelnes widerspenstiges Stück Metall reduziert. Die Kante eines Messers, eine Handfessel, ein Nagel. Gorgoth hätte die Gitterstäbe einfach gepackt und sie aus dem Holz gerissen, aber diese Möglichkeit stand mir leider nicht zur Verfügung. Ich zog und zerrte, bis meine Hand blutete, und es führte zu nichts.

Ich setzte mich wieder, überlegte, überlegte und überlegte noch etwas mehr. Schließlich trat ich erneut zum Fenster, schrie und verlangte, freigelassen zu werden.

Es dauerte eine Weile. So lange, dass ich heiser wurde und sich meine Stimme überschlug, aber schließlich bemerkte ich ein näher kommendes Licht, das Glühen einer baumelnden Laterne.

»Du bekommst eine Chance, den Mund zu halten, Junge. Danach …«

»Danach willst du ihn für mich schließen?«, fragte ich und drückte mich an die Tür.

»Oh, das würde dir gefallen, nicht wahr? Dass ich die Tür öffne. Ich habe von dir und Meister Shimon gehört. Nicht einmal für eine Goldmünze würde ich diese Tür öffnen. Nein. Halt jetzt die Klappe, oder du wirst feststellen, dass du deinen letzten Schluck Wasser auf Gottes Erde getrunken hast.«

»He, schon gut, es tut mir leid.« Ich langte nach oben und ließ meine Uhr so fallen, dass sie auf der anderen Seite der Tür in den Korb fiel. »Hier, nimm dies, es ist hundert Münzen wert. Bring mir nur eine ordentliche Mahlzeit, ja?«

Ich ging in die Hocke und spitzte die Ohren.

Der Wächter näherte sich, um den Köder zu nehmen, und zack! Ich schob den Arm durch die Telleröffnung ganz unten in der Tür, schlug mir dabei den Ellenbogen an und bekam den Burschen an den Fußknöcheln zu fassen. Ein Ruck, und er fiel. Die Hand fest um den Fuß geschlossen, zog ich den Wächter näher und stellte fest, dass er keinen Widerstand leistete.

»Verdammt.«

Der Mistkerl war mit dem Kopf aufgeschlagen und bewusstlos. Ich hatte beabsichtigt, mit dem Messer die Anzahl seiner Zehen zu verringern, bis er mir den Schlüssel gab. Doch einen Ohnmächtigen kann man schlecht zu etwas zwingen.

Ich nahm die tote Ratte. Sie war noch warm.

Eine tote Ratte kann man für verschiedene Dinge verwenden. Ich werde bei einer anderen Gelegenheit darauf zu sprechen kommen. Der Zweck, um den es mir ging, erwies sich als schwierig. Eine tote Ratte wieder laufen zu lassen, war schwerer, als Bruder Row dazu zu bringen, im Schlamm zu tauchen. Es ist ein kompliziertes Unterfangen, eine Ratte zu verstehen, unter ihr Fell zu schlüpfen. Ich war schon nahe daran, aufzugeben, doch als ich mich auf Hunger konzentrierte, zuckte das Tier in meinen Händen – der Tod scheint eine Ratte nicht daran zu hindern, an ihre nächste Mahlzeit zu denken. Es dauerte nicht lange, bis sich der kleine Nager so bewegte, wie ich wollte, und daraufhin schob ich ihn durch den Tellerschlitz.

Im Licht der Laterne, die der Wärter mitgebracht und zum Glück an einen Haken gehängt hatte, bevor er zur Tür gekommen war, schickte ich die Ratte auf die Suche.

Ich saß in dem kleinen Klecks des Rattenhirns und forderte das Tier auf, an der Schnur zu knabbern, die den Schlüsselring des Wärters an seinem Gürtel hielt. Als sich der Ring gelöst hatte, ließ ich ihn mir von der Ratte bringen. Eine wirklich sichere Zelle kann nicht von innen geöffnet werden, aber alle Systeme haben ihre schwachen Stellen. Ich schickte die Ratte in den Tod zurück und trat in den Flur, ein freier Mann nach langen Stunden der Gefangenschaft!

In meiner Magengrube krampfte sich etwas zusammen, aber es fühlte sich nicht so an, als müsste ich sterben. Mir war ein bisschen schwindelig, und etwas Unreines schien an mir zu haften, doch solche Empfindungen können auf Nekromantie zurückgeführt werden. Wenn mich jemand vergiftet hatte, so war er dabei nicht gründlich genug gewesen.

Ich knebelte den Wärter mit einigen Stoffstreifen und sperrte ihn in meiner Zelle ein. Ein Blick in die anderen Zellen entlang des Flurs teilte mir mit, dass mein Großvater offenbar nicht zu den Burgherren zählte, die gern irgendwelche Leute in ihre Verliese steckten. Was bedeutete, dass er entweder viele Hinrichtungen durchführen ließ oder mit leichter Hand regierte.

Langsame Schritte brachten mich zum Schreibtisch des Wärters, wo eine Öffnung in der Decke Mondschein hereinließ. Es war spät, aber vielleicht noch nicht Mitternacht. Ich hatte Zeit genug gehabt, mir einige Dinge durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn ich meine Feinde vergiften wollte, würde ich meine Bemühungen nicht an dreißig Wächter vergeuden. Ich würde versuchen, den Thron zu leeren und alles in Chaos zu stürzen. Aber jede Art des Vergiftens ist schwer. Burgküchen werden streng bewacht, und Köche genießen ebenso viel Vertrauen wie die Männer, die die königliche oder fürstliche Kehle rasieren. Frische Lebensmittel wie Kartoffeln, Karotten und so weiter sind kaum zu verderben. Getrocknetes wird inkognito gekauft und von Wachen begleitet zu besonders geschützten Speisekammern gebracht.

Ich verließ den Kerker der Burg, noch immer in die Uniform eines Hauswächters gekleidet. Der einzelne Wächter am Ausgang war hilfsbereit genug, sich von mir den Kopf gegen die Wand stoßen zu lassen. Leider ist ein verbranntes Gesicht schwer zu verbergen. Man kann die unversehrte Hälfte nicht der ganzen Welt zeigen. Ich fand ein Fenster und kletterte aufs Dach.

Dort saß ich mit dem Rücken am größten Schornstein, die Beine auf den Dachpfannen des großen Saals ausgestreckt, und überlegte.

Die Schnecken – Entschuldigung, die Schlangen – kamen nicht infrage, denn von ihnen hatte ich keinen Bissen genommen. Also der Reis. Aber wie vergiftet man Reis? Das kochende Wasser und später das Abtropfen müssten ihn doch vom Gift befreien, oder? Also der Safran. Aber der wurde von den Schiffen gekauft, die mit entsprechenden Vorräten den Hafen erreichten. Wie oft ging einer Burg ein Gewürz aus, das pro Unze mehr kostete als Gold? Und welche anderen Haushalte, abgesehen von den Hundert, konnten sich einen solchen Luxus überhaupt leisten? Man nehme all diese Fakten zusammen … Wie sah dann die Wahrscheinlichkeit aus? Allein der Gedanke an die vielen notwendigen Berechnungen bereitete mir Schwindel.

Qalasadi!

Ich rutschte die Dachschräge hinunter und hoffte, dass sich keine Pfannen lösten. Nach kurzer Zeit erreichte ich die breite steinerne Regenrinne, spähte vorsichtig darüber hinweg und suchte nach einer Stelle, wo sie gut abgestützt war. Es gehörte nicht unbedingt zu meinen Ambitionen, meine Herrschaft als König nach einem fünfundzwanzig Meter tiefen Sturz mit einem blutigen Platschen zu beenden. Ich hörte Stimmen aus mehreren Räumen, das Seufzen des Meeres, die tief unten an die Klippe schlagenden Wellen und das unentwegte Summen und Zirpen von Insekten, die der ganzen Pferdeküste die Nachtruhe stehlen.

Burg Morrow liegt den größten Teil des Jahres im Schein der südlichen Sonne. Die Winter können schlimm sein, sind aber nur selten kalt. In dieser Gegend könnte es durchaus alte Männer geben, die noch nie Schnee gesehen haben. Demzufolge sind die Fenster groß und ohne Glas, und ihre dicken Läden bleiben vom frühen Frühling bis zum späten Herbst geöffnet. Mit festem Griff am Rand der Regenrinne und dem linken Fuß unter der untersten Dachpfannenreihe ließ ich den Kopf nach unten hängen und blickte durch ein hohes Fenster in den großen Saal.

Das eine Ende des langen Tisches war mit Silber und Kristall gedeckt. In Wandlampen brannte rauchlos Öl, und ein einladender Schein ging von den Flammen aus. Ein Bediensteter brachte drei Karaffen, zwei mit weißem Wein gefüllt und eine mit rotem. Ausgewählte Hauswächter in mit Federn geschmückten Prachtuniformen standen an sechs Stellen im Saal Wache.

Der Bedienstete ging. Einige Minuten verstrichen. Das Blut sank mir in den Kopf, die Augen begannen zu prickeln und zu jucken, und meine Finger wurden dort taub, wo sie die steinerne Regenrinne umklammerten. Ich hörte Geräusche unten im Hof. Eine kurze Aufregung. Ich beschloss, mich nicht zu bewegen. Stille kehrte zurück.

Schließlich öffnete sich die große schwarze Eichentür. Zwei Bedienstete traten hindurch und hielten sie weit auf, für meinen Onkel und Lady Agath. Dienstmädchen rückten die Stühle für sie zurecht, und sie nahmen ihre Plätze ein. Zwei weitere Damen folgten, alte Schachteln, die ich aus dem Damensaal kannte. Ein junger Mann mit dickem Bauch betrat den Saal, trotz der Wärme in Samt gehüllt. Meine Großmutter, die ich einmal in der Hohen Burg gesehen hatte trat ein, begleitet von einem Pagen. Unsicher blickte sie sich um, das Haar weiß, die Haut blass, dünn und abgehärmt. Dann kam mein Großvater und nahm den Stuhl mit der hohen Rückenlehne an der Spitze der Tafel. Graf Hansa überraschte mich; er sah nur wenig älter aus als mein Vater, ein kräftig gebauter Mann mit kurzem grauen Bart und langem, dichtem Haar, in dem das Schwarz noch nicht ganz fehlte.

Mehr Bedienstete kamen und brachten silberne Teller mit Deckeln.

Ein Schweißtropfen verließ meine Nase und fiel in die Dunkelheit. Mir wurde schwindelig – zu viel Blut im Kopf.

Die Deckel wurden gehoben, von allen Dienern gleichzeitig, und gaben den Blick auf die Köstlichkeiten dieses Abends frei. Keine Schlangen, kein Reis.

Ich glitt mit weniger Eleganz als erhofft, schwang mich ungelenk zum Fenster und setzte mich, von beiden Händen gestützt, auf den Sims. Fast wäre es zu dem blutigen Platschen gekommen. Mit dem Kopf nach unten zu hängen, bevor man es mit Akrobatik versucht, ist nicht empfehlenswert.

Ich hatte gehofft, noch etwas länger unbemerkt zu bleiben, aber vielleicht war Lady Agath die einzige Person im Saal, die nicht aufsah.

Der dicke junge Mann sprang auf, und mehrere der Damen kreischten. Lord Robert rief die Hauswächter, um den Grafen zu schützen. Der Graf Hansa blieb ganz ruhig, trank einen Schluck Wein und verkündete: »Ich hatte einen Enkel namens William Ankrath.«

»Und ich hatte einen Bruder mit diesem Namen«, erwiderte ich laut.

Daraufhin stand mein Onkel auf.

Ich ließ den Fenstersims los, und eine kurze Bewegung schickte mein Messer auf die Reise. Es bohrte sich in den Teller, der mitten auf dem Tisch stand – gelbe Kartoffelscheiben, mit Meersalz und zermahlenen schwarzen Pfefferkörnern bestreut, sprangen über den Tisch. Meine Fingerknöchel waren noch wund und angeschwollen vom Spinnenbiss, und das Messer war viel dichter als von mir beabsichtigt am Ohr einer alten Dame vorbeigeflogen.

Noch mehr Gekreische. »Es ist der verdammte Junge!«, rief Lady Agath, die mich schließlich erspäht hatte.

»Gefällt dir unsere Mahlzeit nicht … Neffe?«, fragte Lord Robert.

»Ich fürchte, wenn ihr den Inhalt jenes Tellers esst, habe ich im Süden bald keine Verwandten mehr. Dann könnte ich der Erbe der Grafschaft sein!«

»Komm besser hierher, Jorg«, sagte mein Großvater.

Ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich eine Leiter brauchte. Die Innenwände des großen Saals waren glatt, und ein Sprung aus dieser Höhe hätte mir die Beine gebrochen. Eine Leiter hinunterzuklettern, mit dem Hintern den Beobachtern zugewandt, war nicht unbedingt der beeindruckendste aller Auftritte, aber ich hatte ihnen gerade das Leben gerettet.

»Du glaubst, unser Essen ist vergiftet?«, fragte Großvater.

Ich nahm eine silberne Gabel und spießte eine Kartoffelscheibe auf. »Lass Qalasadi herkommen. Mal sehen, ob er dies hier probieren möchte.«

Lord Robert runzelte die Stirn. »Nur weil wir mit Ibn Fayed hadern, bedeutet das noch lange nicht, dass es alle Mauren auf uns abgesehen haben.«

Graf Hansa nickte dem Wächter neben ihm zu, und der Mann machte sich auf den Weg.

»Er ist trotzdem schuldig«, sagte ich. »Und auf eine Weise, für die es keinen anderen Beweis gibt als den, ihn aufzufordern, etwas von deinem Safran zu kosten.«

»Vom Safran?«, fragte der Graf.

»Du wirst feststellen, dass vor kurzer Zeit eine neue Lieferung die Küche erreicht hatte, angemessen versiegelt und geschützt, wegen des hohen Werts und zu deiner Sicherheit. Vermutlich ist es Teil einer größeren Menge, die derzeit reiche Leute die Küste hinauf und hinunter tötet. Allem Anschein nach ein sinnloser Akt wahlloser Zerstörung. Aber ich kenne einen Mann, der berechnen kann, dass ein Teil der Lieferung schließlich auf deinem Tisch endet, Graf Hansa. Es ist ein Mann, der auch meine Identität kennt und dachte, dass ich den perfekten Schurken abgäbe. Vielleicht glaubte er sogar, dass ich die Schuld mit dem Anstand meiner Familie auf mich nähme.«

»Dass du ein größeres Loch mit deinem Schwert gräbst, meinst du?«, fragte Lord Robert mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen.

Für einen Moment fragte ich mich, ob Qalasadi sogar meine Ankunft berücksichtigt hatte. War ich für ihn nicht nur ein zufällig passender Sündenbock, dem man die Schuld für sein Verbrechen geben konnte, sondern Teil einer größeren Berechnung? Ich schob diesen Gedanken als unwahrscheinlich und zu beunruhigend beiseite. »Unser Mathematiker hat nur einen Fehler gemacht. Vielleicht ist es sogar unfair, von einem Fehler zu sprechen. Vermutlich erwog er die Möglichkeit und gelangte zu dem Schluss, dass sie zu unwahrscheinlich war. Er glaubte nicht, dass du ein so teures Gewürz an die Wächter vergeuden würdest.«

Der Mann, der den großen Saal im Auftrag meines Großvaters verlassen hatte, kehrte zurück. »Qalasadi befindet sich nicht in seinem Zimmer, Graf Hansa. Er ist auch nicht im Observatorium.«

Wie sich herausstellte, hatte Qalasadi die Burg verlassen, als ihn die Nachricht von der Erkrankung der Wächter erreichte.