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Vier Jahre zuvor
Einen Tag, nachdem wir den Sand von Thar verlassen und damit begonnen hatten, durchs thurtanische Grasland zu reiten, nahm ich das Kästchen von Makin entgegen. Ich fühlte die scharfen Kanten der verlorenen Erinnerungen durch die kupfernen Wände und spürte das Gift in ihnen. Makin sagte mir einmal: Einem Mann, der keine Furcht hat, fehlt ein Freund. Mit den Dornenmustern voller Unbehagen in der Faust dachte ich, dass ich diesen Freund vielleicht gefunden hatte. Ich drehte das Kästchen hin und her. Es enthielt nichts Gutes, nur mich. Und ein Mann sollte ein wenig Furcht vor sich selbst haben, oder? Vor dem, was er tun könnte. Sich selbst zu kennen, muss schrecklich langweilig sein. Ich legte das Kästchen ganz unten in die Satteltasche und ließ es ungeöffnet. Nach Katherine fragte ich nicht. Von Grumlow nahm ich ein neues Messer entgegen, und anschließend setzten wir den Weg nach Heimrift fort.
Wir ritten nach Norden, über weite Fluren, wo der Wind das Frühlingsgras in ein wogendes Meer verwandelte und eine grüne Welle der anderen folgte. Ein Land ideal für Pferde, fürs Galoppieren, für die Jagd zwischen den dunklen Grenzen der Wälder. Ich ließ Brath freien Lauf, und er stürmte los, als wäre die Hölle hinter uns her, was nicht nur ihn erschöpfte, sondern auch mich. Die Brüder hielten mit, so gut sie konnten – wir alle wollten Thar so weit wie möglich hinter uns lassen. Dort brannten noch immer alte, unsichtbare Feuer. In tausend Jahren könnte der Honasberg, wo ich eine Erbauer-Sonne entzündete, wie Thar sein, ein Versprochenes Land, das irgendwann zu den Menschen zurückkehren würde, uns derzeit aber nicht liebte.
Als wir uns an jenem Abend schlafen legten, sah ich den Knaben zum ersten Mal, tot im hohen Gras am Rand unseres Lagerplatzes. Ich warf meine Decke beiseite und ging zu ihm, beobachtet von Gorgoth, und von Gog, der jetzt neben ihm schlief. Die Stelle, wo das Kind gelegen hatte, war leer. Ich roch etwas, vielleicht einen Hauch von weißem Moschus. Mit einem kurzen Schulterzucken kehrte ich zurück und legte mich wieder hin. Gewisse Dinge bleiben besser vergessen.
Am nächsten und auch am übernächsten Tag ritten wir am Ufer des Reim entlang, der zwischen Thurtan und den Nachbarn im Osten fließt. Das Reim-Land war einst der Garten des Kaiserreichs, mit großer Sorgfalt bewirtschaftet. Man verschiebe die Grenzen eines Reiches mehrmals über einen Garten, und es bleiben nur Dreck und Ruinen übrig.
Einmal ritten wir durch eine große Ansammlung alter Steine. Aberhunderte waren es, und in Reih und Glied standen sie, einzelne Blöcke nicht größer als ein Mann und ein bisschen breiter, neben- und hintereinander aufgestellt, von Moos und Flechten überzogen. Hohes Gras umwogte sie. Schon vor den Erbauern waren sie alt gewesen, hatte Lundist mir erzählt, alt schon vor den Griechen. Eine sonderbare Macht pulsierte zwischen den Monolithen, und ich trieb die Brüder zu unvernünftiger Eile an, um die Steine hinter uns zu wissen.
Am vierten Tag fiel leichter Regen, vom Morgen bis zum Abend. Ich ritt eine Zeit lang neben Maical, der sanft im Sattel des Grauschimmels schaukelte. Beim Reiten bewegte er sich wie ein Mann auf See, unser Maical, neigte sich vor und zurück, vor und zurück. Es steckte nicht eine Unze Eleganz in ihm.
»Magst du Hunde, Maical?«, fragte ich.
»Rindfleisch ist besser«, sagte er. »Oder eine gute Lammkeule.«
Ich setzte ein Lächeln auf. »Oh, das ist eine neue Perspektive. Ich dachte, du magst Rinder und Ziegen wegen ihrer Dummheit.« Ich wusste nicht, warum ich Maical hänselte. Ein Teil von mir mochte ihn sogar, fast.
Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal nach dem Auskundschaften des Ortes Mabberton zu unserem Lager am weichen Rand der Ken-Sümpfe zurückkehrte. Ich kam über den Sumpfweg und überließ es Gerrod, einen Weg durch Büschel und Wollgras zu finden. Zuerst dachte ich, das Gekreische käme von einer jungen Frau, die dumm genug gewesen war, sich von einigen Brüdern erwischen zu lassen. Aber wie sich herausstellte, stammte es von zwei der Jungs, die einen gefesselten Hund mit etwas Spitzem anstießen.
Ich schwang mich aus dem Sattel, packte sie an den Haaren – der eine Schopf schwarz, der andere rot – und riss sie zurück. Beide beschwerten sich lautstark, und einer erhob in seinem Zorn sogar die Hand gegen mich. Ich schnitt sie für ihn auf.
»Das h-hätteste nich’ tun sollen, Bruder Jorg«, sagte Gemt und hielt sich die verletzte Hand. Blut strömte aus der Wunde und tropfte zu Boden.
»Nein?«, hatte ich gefragt, als die Brüder zusammenkamen. »Und wo bin ich gewesen, Bruder Gemt, während du dein Kampfgeschick an diesem wertlosen Köter zu verfeinern versucht hast?«
Jobe stand neben Gemt und rieb sich die Stelle, an der ich sein Haar gepackt und ihn weggezerrt hatte. Ich richtete einen demonstrativen Blick auf den Hund, woraufhin sich Jobe bückte und ihn losschnitt.
»Du hast den Ort beobachtet«, sagte Gemt, sein Gesicht hochrot.
»Ich habe Mabberton ausgekundschaftet, ja«, sagte ich. »Damit wir dort mit etwas erscheinen können, das dein dummer Bruder ›Elefant der Überraschung‹ nennt. Was euch betrifft … Ihr solltet euch einfach nur versteckt halten und unauffällig sein.«
Gemt spuckte und hielt sich mit der linken Hand die Schnittwunde in der rechten zu.
»Unauffällig solltet ihr sein, habe ich gesagt. Es war nicht die Rede davon, den ganzen verdammten Sumpf, von der ersten Kaulquappe bis zur letzten Kröte, mit dem Geheul eines Hunds aufzuwecken. Außerdem …« Ich drehte mich langsam und ließ meinen Blick über die Brüder streichen. »Jeder weiß, dass das Quälen eines Hunds Pech bringt. Das wüsstet ihr alle, wenn ihr nicht zu dumm zum Lesen wärt.«
Makin war als einer der ersten zur Stelle gewesen, um sich das Spektakel anzusehen, und ein breites Grinsen zeigte sich in seinem Gesicht. »Ich kann lesen«, sagte er und überraschte damit nicht wenige der Brüder. »In welchem Buch steht dies geschrieben, Bruder Jorg?«
»Im großen Buch mit dem Titel ›Leck mich am Arsch‹«, erwiderte ich.
»Das Quälen von Hunden bringt also Pech?«, fragte Makin und grinste noch immer.
»Wenn es in meiner Nähe geschieht, ja«, hatte ich gesagt.
Ich blinzelte und stellte fest, dass wir noch immer neben dem Reim ritten und mir nach wie vor Regen übers Gesicht lief. Ich schüttelte die Erinnerung ab. »Erinnerst du dich an den Hund, den dein Bruder fand, bevor wir über Mabberton herfielen, Bruder Maical?«, fragte ich. Natürlich erinnerte er sich nicht. Maical erinnerte sich an kaum etwas.
Er sah mich an, schürzte die Lippen und spuckte Regen. »Es bringt Pech, Hunde zu quälen«, sagte er.
»Deinem Bruder hat es Pech gebracht«, sagte ich. »Am nächsten Tag hatte er einen Unfall.«
Maical runzelte verwirrt die Stirn und nickte langsam. »Jeder weiß, dass man sein Essen nicht quält«, sagte er. »Es macht das Fleisch zäh.«
»Eine weitere neue Perspektive, Bruder Maical.« Ich seufzte. »Ich wusste, dass ich dich aus gutem Grund bei uns behalten habe.«
Am nächsten Morgen kehrte der Hund zurück, kurz bevor wir Mabberton angriffen, als hielte er mich für einen Freund oder so. Wollte nicht von meiner Seite weichen, bis ich ihm ein paar ordentliche Tritte gab, die ihm klarmachten, wie die Welt funktioniert.
Maical zeigte nur ein leeres Lächeln und ritt weiter.
Heimrift liegt im Herzogtum Maladon, einem Land, wo ein hungriges Meer das wenige anspülte, das es vom Dänland nicht verschlingen konnte. Vom Renar-Hochland führt ein ziemlich alter Weg dorthin, mit vielen langen Kurven, die bedeuteten, dass wir Wochen unterwegs sein würden. Auf der Straße entwickelt man schnell eine gewisse Routine. Meine betraf jeden Abend, bevor das Licht des Tages der Nacht wich, eine Stunde anstrengenden Schwertkampf mit Makin. Ich entwickelte ein neues Interesse an dieser Kunst. Eine frische Herausforderung hilft einem dabei, nicht über Vergangenes nachzugrübeln.
Ich hatte das Schwert als ein Mittel gesehen, Tod durch eine Menge zu tragen. Mit den Brüdern fand ich mich oft inmitten ungeübter Gegner wieder, die mehr an Flucht als an Kampf interessiert waren, und ich hatte meine Klinge benutzt, sie niederzumetzeln. Natürlich war ich auch geschickteren Kontrahenten begegnet, Soldaten, die uns den Garaus machen sollten, Söldnern als Wachen von Kaufmannswagen, gelegentlich auch anderen Räubern und ihren eigenen Brüdern, die es auf unsere Beute abgesehen hatten.
Als ich Katherines Meisterkämpfer im Kampf gegen Sir Makin sah, und später, als ich selbst gegen den Fürsten von Pfeil antrat, verstand ich den Unterschied zwischen Handwerk und Kunst. Natürlich kann man zum Künstler werden, wenn man nicht befürchten muss, dass sich von hinten ein Bauer heranschleicht und versucht, einen mit einer Forke aufzuspießen, während man mit eindrucksvollen Finten und Paraden angibt.
Deshalb übte ich mit Makin, Tag für Tag, legte mir die richtigen Muskeln zu und lernte, die leichten Unterschiede mit der Klinge zu spüren, auch wenn so hart auf sie eingedroschen wird, dass man sie am liebsten loslassen möchte. Jedes Mal, wenn ich ein bisschen besser wurde, verlangte er mir noch mehr ab. Ich begann ihn zu hassen, nur ein wenig.
Wenn man oft genug ein Schwert schwingt und oft genug damit kämpft, so entdeckt man nach und nach einen gewissen Rhythmus. Es ist nicht der Rhythmus des Gegners, sondern eine Art notwendiger Takt beim Ausholen und Zustoßen. Die Augen scheinen in der Lage zu sein, die ersten Andeutungen jeder Bewegung zu erkennen und sie in Musik zu verwandeln, nach der es zu tanzen gilt. Ich hörte nur ein Flüstern vom Refrain, aber wenn ich es hörte, veranlasste es Makin zu erhöhter Wachsamkeit, und dann geriet er bei der Abwehr meiner Hiebe ins Schwitzen. Ich hörte nur gemurmelte Worte des Lieds, doch allein das Wissen um seine Existenz sorgte dafür, dass ich mich weiter bemühte.
Wenn man vom Hochland aus nach Norden und Osten reitet, muss man irgendwann den Reim überqueren. Da der Fluss überall dort, wo man ihn ohne eine große Streitmacht erreichen kann, vierhundert Meter breit ist, erfordert die Überquerung für gewöhnlich die Dienste eines Fährmanns.
Es gibt eine Alternative. Eine Brücke in der freien Stadt Remagen. Wie eine Brücke einen so breiten Fluss überspannen kann, ist ein Wunder, und eins, das ich mit eigenen Augen sehen wollte, anstatt weiter stromaufwärts mit dem Besitzer eines wackligen Bootes zu feilschen.
Wir näherten uns Remagen durch das Bergland von Kentrow, durch schmale Täler und Schluchten voller Felsen, wo ein Pferd schnell lahm werden kann. Die Langeweile eines Weges war mir nie eine Last, als wir viele Meilen auf der Suche nach Unheil oder Beute zurücklegten und uns beides erhofften. Doch seit Thar sind die langen Phasen des Schweigens schwer für mich. Meine Gedanken folgen dunklen Pfaden. Ich weiß nicht, wie viele Möglichkeiten es gibt, Katherine mit einem fehlenden Messer und einem toten Kind in Verbindung zu bringen, aber vermutlich habe ich über die meisten nachgedacht, und zwar gründlich. Ich wusste, wo die Antworten lagen, und gelangte immer wieder zu dem Schluss, dass ich sie nicht wollte. Zumindest nicht so sehr, um das Kästchen zu öffnen.

Bruder Maicals Weisheit liegt in dem
Wissen, dass er nicht klug
ist und sich deshalb führen lässt. Die Dummheit der
Menschheit
besteht darin, dass wir uns kein Beispiel daran
nehmen.