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Vier Jahre zuvor

Ich kannte Schwertmeister Shimon. Makin hatte mir Geschichten über ihn erzählt. Über seine Taten als junger Mann, Lehrer von Meisterkämpfern und Turnierlegende. Ich hatte ihn mir jünger vorgestellt.

»Ja, Schwertmeister«, sagte ich und folgte ihm auf den Hof.

Zu sagen, dass er sich wie ein Schwertkämpfer bewegte, wäre eine Untertreibung gewesen. Er schien so alt wie Lehrer Lundist zu sein und hatte ebenso langes weißes Haar, aber er bewegte sich, als hörte er das Lied des Schwertes in jedem Augenblick des Tages.

Qalasadi war aus den Schatten verschwunden, und der Hof erstreckte sich leer, abgesehen von einem Dienstmädchen, das ihn mit einem Wäschekorb überquerte, und den Männern, die beim Tor Wache standen. Weitere Wächter drängten sich hinter uns in der Tür des Speisesaals, wagten es aber nicht, uns auf den Hof zu folgen. Shimon hatte seine Einladung nicht auf sie erweitert.

Der Schwertmeister drehte sich zu mir um. Dass er so belesen wirkte, überraschte mich. Er hätte als Gelehrter durchgehen können, ohne die dunkle, sonnengebräunte Haut und den durchdringenden Blick. Er zog sein Schwert, eine Standardklinge wie die meine.

»Wenn du bereit bist, junger Mann«, sagte er.

Ich zog mein eigenes Schwert und überlegte, wie ich vorgehen sollte. Vielleicht teilte Qalasadi meinem Onkel in diesem Augenblick mit, wer ich war – warum diese Gelegenheit nicht nutzen?

Ich schlug nach Shimons Klinge, und er machte den Trick mit der rollenden Hand, den der Fürst von Pfeil benutzt hatte, nur noch besser, und das Schwert rutschte mir aus den Fingern. Gelächter kam von der Tür.

»Gib dir mehr Mühe«, sagte Shimon.

Ich lächelte und hob mein Schwert auf. Diesmal griff ich mit einem auf den Körper gezielten Stoß an. Shimon wiederholte den Trick, aber ich rollte ebenfalls das Handgelenk und behielt die Klinge.

»Besser«, sagte er.

Bei den nächsten Angriffen verwendete ich schnelle Kombinationen, jene Bewegungsmuster, die ich mit Makin geübt hatte. Shimon wehrte meine Attacken ohne erkennbare Mühe ab und reagierte auf jeden meiner Vorstöße mit einem Gegenangriff, den ich kaum abwehren konnte. Das schnelle Klirren von Metall auf Metall hallte über den Hof. Um mich herum stieg die Musik des Stahls auf. Ich fühlte die kalte Ruhe, wie sie mir über Arme und Wangen rollte, über den Rücken. Ich hörte das Lied.

Ohne bewusste Gedanken griff ich an, schwang das Schwert weit oben und tief unten, machte Finten und setzte meine ganze Kraft in genau den richtigen Momenten ein. Die ganze Zeit über blieb ich in Bewegung, mit Füßen, Armen und Hüften; nur der Kopf blieb still. Ich erhöhte das Tempo, wurde schneller, und dann noch schneller. Manchmal konnte ich meine Klinge und das gegnerische Schwert gar nicht mehr sehen, nur noch die Konturen unserer Körper. Die Notwendigkeit des Tanzes ließ mich wissen, wie ich mich bewegen, wo ich parieren musste. Das Geräusch unserer Angriffe und Paraden ähnelte dem Klicken und Klacken von Stricknadeln in Expertenhänden.

Shimons altes, hartes Gesicht schien nicht für ein Lächeln geschaffen zu sein, aber dennoch fand eins dorthin. Ich grinste wie ein Idiot und war schweißüberströmt.

»Genug.« Der Schwertmeister wich zurück.

Es fiel mir schwer, ihm nicht zu folgen, ihn nicht erneut anzugreifen, doch ich ließ das Schwert sinken. Es hatte Freude gelegen in der Reinheit dieses Kampfes, darin, auf der Kante meiner Klinge zu leben, ohne einen Gedanken. Mir klopfte das Herz, und der Schweiß floss in Strömen, aber ich spürte nichts von dem Zorn, der mich normalerweise bei solchen Übungen erfasst. Wir hatten etwas Schönes geschaffen.

»Könntest du mich besiegen?«, fragte ich und schnappte nach Luft. Der alte Schwertmeister schien kaum außer Atem zu sein.

»Wir haben beide gewonnen, Junge«, sagte er. »Wenn ich siegreich gewesen wäre, hätten wir beide verloren.«

Ich nahm es als ein Ja. Und ich verstand ihn und hoffte, dass ich den Anstand gehabt hätte, zurückzuweichen, wenn er schwächer geworden wäre. Andernfalls hätte ich die Schönheit ruiniert.

Shimon steckte sein Schwert in die Scheide. »Kehr zu deinem Essen zurück, Wächter«, sagte er.

»Das ist alles?«, fragte ich, als er sich zum Gehen wandte. »Kein Rat?«

»Zu Anfang gibst du dir nicht genug Mühe und zum Schluss zu viel«, sagte Shimon.

»Kein sehr technischer Rat.«

»Du hast Talent«, sagte der Schwertmeister. »Ich hoffe, du hast auch noch andere Talente. Sie bringen dir vermutlich mehr Glück.«

Und er ging.

»Das war unheimlich«, sagte Greyson, als ich zum Tisch zurückkehrte. »So etwas habe ich nie zuvor gesehen.«

Und mehr Zeit blieb mir nicht, meinen Ruhm zu genießen. Das Läuten einer Glocke teilte uns mit, dass die Mittagspause zu Ende war, und ich kehrte zum Wachdienst am Unteren Tor zurück.

Es brach mich fast, das Untere Tor. Ich zog ernsthaft in Erwägung, mich meinem Großvater zu erkennen zu geben. Letztlich aber wollte ich von innen sehen, wie dieser Hof funktionierte, welches Leben meine Verwandten führten und wer sie wirklich waren. Ich schätze, ich wünschte mir ein Fenster, durch das ich in meine Vergangenheit sehen konnte, ohne es mit meinen Überraschungen zu beschmutzen.

Ich schlief erneut im Wachhaus, und am nächsten Tag erwarteten mich neue Pflichten. Qalasadi schien nicht zu meinem Onkel gegangen zu sein. Vielleicht befürchtete er, dass ich gewissen Einfluss bekam, sobald meine wahre Identität bekannt war; vielleicht wollte er sich nicht meine Feindschaft zuziehen. Wenn er mein Geheimnis für sich behielt … Wer sollte jemals erfahren, dass er Bescheid gewusst hatte? Und so musste er keinen Tadel dafür fürchten, mich nicht verraten zu haben.

Meine neue Aufgabe machte mich zum Leibwächter von Lady Agath, einer Kusine meines Großvaters, die seit einigen Jahren in der Burg Morrow lebte. Sie war eine dicke Alte, die den Punkt erreichte, an dem sie ihr Gewicht verlor, wie es bei den ganz Alten oft geschieht. Wenn wir lange genug leben, werden wir alle dürr.

Lady Agath machte alles ganz langsam. Ihre Aufmerksamkeit mir gegenüber beschränkte sich auf den Hinweis, dass die Brandnarbe in meinem Gesicht hässlich sei, und warum sie keinen besser aussehenden Wächter bekommen könne? Den Falten ihrer reifen Jahre fügte sie jenes Fett hinzu, das die Alten entwickeln, bevor sie dürr werden. Der allgemeine Effekt war beunruhigend. Sie sah wie eine abgestreifte Haut aus, zurückgelassen vielleicht von einem großen Reptil. Im Schneckentempo folgte ich ihr durch Burg Morrow, wodurch ich genug Zeit bekam, mir alles genau anzusehen, zumindest den Teil, der zwischen Abort, Speisesaal, Lady Agaths Schlafgemach und dem Damensaal lag.

»Steh still, Junge, du stehst nie still«, sagte Lady Agath.

Ich hatte seit fünf Minuten keinen Muskel gerührt, bewegte mich auch jetzt nicht und schwieg.

»Und werd nicht frech«, sagte sie. »Dein Blick huscht dauernd von einer Sache zur nächsten. Er ruht nie. Und du denkst zu viel. Ich kann praktisch sehen, wie du denkst.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Lady Agath«, sagte ich.

Sie brummte missbilligend, mit wackelnden dicken Wangen, und sank in ihre schwarze Spitze zurück. »Spiel weiter«, forderte sie den Musikanten auf, einen dunkelhaarigen, attraktiven Burschen Mitte zwanzig, der über eine ausreichende Mischung von gutem Aussehen und Talent verfügte, um für Agath und drei andere ältere Frauen am Ende des Damensaals interessant zu sein.

Der Damensaal schien der Ort der Pferdeküste zu sein, den Frauen zum Sterben aufsuchten. Eins stand fest: Frauen auf der besseren Seite der Sechzig ließen sich hier nicht blicken.

»Du tust es schon wieder«, zischte Lady Agath.

»Entschuldigung.«

»Geh in den Weinkeller und sag den Leuten dort, dass ich einen Krug Wein möchte, Wennith-Roten, von den südlichen Hängen«, wies mich Lady Agath an.

»Ich darf Euch nicht ungeschützt zurücklassen, Lady Agath«, erwiderte ich.

»Ich bin nicht ungeschützt. Rialto ist bei mir.« Sie deutete auf den Musikanten. »Ich lasse mir meinen Wein immer aus dem Keller kommen. Ich weiß nicht, was sie in der Küche damit anstellen, aber sie ruinieren ihn. Vielleicht setzen sie ihn zu lange der Luft aus. Und die Mädchen trödeln immer«, sagte sie zu den anderen Damen. »Geh, Junge, und beeil dich.«

Ich bezweifelte sehr, dass Rialto Lady Agath vor einer zornigen Wespe schützen konnte, geschweige denn vor größeren Gefahren. Aber ich glaubte nicht, dass ihr Gefahr drohte, und außerdem war es mir gleich, und deshalb ging ich ohne weitere Einwände.

Es dauerte eine Weile, bis ich den richtigen Keller fand, aber nach ein paar falschen Abzweigungen gelangte ich schließlich ans Ziel. Einen Weinkeller erkennt man für gewöhnlich an der dicken Tür, nur übertroffen von den Türen der Schatzkammern in den meisten Burgen. Selbst die treuesten Bediensteten stehlen Wein, wenn sie Gelegenheit dazu erhalten, und sie pinkeln den Beweis über die Mauer.

Eine weitere Suche war nötig, um den Tageskoch zu finden und ihn für mich aufschließen zu lassen. Er setzte sich auf einen Stuhl an der Tür und begann damit, an einer Hammelkeule zu knabbern, die er in seiner Schürze mitgebracht hatte.

»Die Krüge stehen dort. Nimm dir einen. Lass den Zapfhahn nicht tropfen. Die Wennith-Roten sind ganz hinten, linke Seite, markiert mit doppeltem Kreuz und Krone.«

Ich zündete eine Laterne an der seinen an und wagte mich in den Weinkeller.

»Pass auf die Spinnen auf«, sagte der Koch. »Die kleinen braunen sind schlimm. Lass dich nicht von ihnen beißen.« Als er »klein« sagte, formte er einen Kreis aus Mittelfinger und Daumen, der mir nicht besonders klein erschien.

Der Keller erstreckte sich auf einer Länge von mehreren Dutzend Metern. Die Weinfässer ruhten in Regalen, die meisten von ihnen noch nicht angestochen. Nur hier und dort sah ich Zapfhähne. Ich trat durch eine der schmalen Gassen und schob mich an einem Ladewagen und mehreren leeren Fässern vorbei, die offenbar dem Zweck dienten, mir den Weg zu versperren.

Die Fässer mit dem Wennith-Roten waren alle versiegelt, bis auf ein leeres. Ich vermutete, dass ein großer Teil seines Inhalts auf dem Weg zum Abort durch Lady Agath geflossen war. Die Werkzeuge und Hähne für das Anzapfen neuer Fässer lagen nicht in der Nähe. Ich bemerkte eine Tür, hinter einem Stapel leerer Fässer und fast verborgen unter einer Kruste aus Schmutz und Schimmel. Sie wirkte zu wenig benutzt, um in einen Lagerraum zu führen oder zu einem Schrank zu gehören, aber die Notwendigkeit von Hammer und Hahn gab mir einen guten Vorwand, die Tür zu öffnen. Tief in meinem Herzen bin ich ein Erforscher, und ich war ohnehin zur Burg Morrow gekommen, um ein wenig herumzuschnüffeln. Was Adlige in ihren Kellern und Verliesen aufbewahren, kann einem viel über sie verraten. Mein Vater hatte viele meiner späteren Straßenbrüder in seinem Verlies und ließ sie dort foltern. Ich behaupte keineswegs, dass sie es nicht verdient hätten. Streng, aber fair, so sprach das Verlies über meinen Vater. Hauptsächlich streng.

Ich schob die leeren Fässer beiseite und musste die Tür anheben und ziehen, damit sie über die Steinplatten kratzte. Als die Lücke breit genug war, schlüpfte ich hindurch. Eine Wendeltreppe führte nach unten. Die Stufen bestanden aus gemeißeltem Stein, das Werk der Steinmetze in den Diensten meines Großvaters, aber der Schacht war gegossen: Erbauer-Stein. Etwa fünfzehn Meter führte er in die Tiefe, ins Grundgestein. Unten gewährte ein Torbogen Zugang zu einem rechteckigen Raum, in dem eine schmutzige Maschine stand, bestehend aus Zylindern, Bolzen und runden Platten. Glühlichter vertrieben einen kleinen Teil der Dunkelheit – drei von etwa zwanzig funktionierten noch –, leuchteten aber nicht so hell wie die in der Hohen Burg.

Ich ging zu der Maschine und strich mit der Hand über eins ihrer vielen Rohre. Meine Finger wurden schwarz, und wo sie das Rohr berührt hatten, kam silbernes Metall zum Vorschein. Der ganze Apparat zitterte ein wenig: eine leichte Vibration, nicht stärker als die von schweren Schritten auf steinernem Boden.

»Geh weg.« Ein alter Mann stand dort, schnell von einer unsichtbaren Hand gezeichnet. Der Geist eines alten Mannes, sollte ich besser sagen, denn nur Licht schuf ihn. Ich konnte die Maschine durch seinen Körper sehen; er hatte weder Farbe noch Fleisch, als bestünde er aus Nebel. Er trug weiße, eng anliegende Kleidung von einem seltsamen Schnitt, und manchmal flackerte seine ganze Gestalt, als flöge eine Motte durch das Licht, das ihn erzeugte.

»Zwing mich doch«, sagte ich.

»Ha! Nicht schlecht.« Er grinste. Was das Aussehen betraf, hätte er ein Bruder von Schwertmeister Shimon sein können. »Die meisten rennen los, wenn ich ›Buh‹ sage.«

»Ich habe so manchen Geist gesehen, alter Mann«, erwiderte ich.

»Das hast du bestimmt, Junge«, sagte er, und es klang ein bisschen von oben herab. Was mich erstaunte, denn immerhin war er selbst ein Geist.

»Wie lange spukst du schon an diesem Ort, und was hat es mit dieser Maschine auf sich?«, fragte ich. Es zahlt sich aus, bei Gespenstern und Geistern sofort zur Sache zu kommen. Weil sie schnell wieder verschwinden.

»Ich bin kein Geist, sondern ein Datenecho. Der Mann, von dem ich kopiert wurde, lebte noch vierzehn Jahre nach meiner Aufzeichnung …«

»Wie lange?«

»… und starb vor mehr als tausend Jahren«, sagte der Alte.

»Du bist der Geist eines Erbauers?«, fragte ich. Das erschien mir sehr außergewöhnlich. Selbst Geister überleben nicht so lange.

»Ich bin ein Algorithmus, ein Bild von Fexler Brews. Meine Reaktionen werden aus den sechs Terats an Daten extrapoliert, die im Lauf seines Lebens von ihm gewonnen wurden. Ich bin ein Echo von ihm.«

Ich verstand einige der Worte. »Daten? Meinst du Zahlen? Wie die in Qalasadis Büchern?«

»Zahlen, Buchstaben, Bücher, Bilder, insgeheim aufgezeichnete unbedachte Augenblicke, im Schlaf gemurmelte Wörter, Ausrufe beim Koitus, chemische Analysen seiner Ausscheidungen, öffentliche Auftritte, private Überlegungen, polygrafisches Beweismaterial, DNS-Proben. Daten.«

»Was kannst du für mich tun, Geist?« Sein Kauderwelsch bedeutete mir wenig. Offenbar hatte man jenen Mann überwacht und seine Geschichte in eine Maschine geschrieben. Und diese Geschichte sprach nun zu mir, obwohl der betreffende Mann längst zu Staub zerfallen war.

Fexler Brews zuckte die Schultern. »Ich bin ein alter Mann außerhalb meiner Zeit. Und nicht einmal das. Ich bin die unvollständige Kopie eines alten Mannes außerhalb seiner Zeit.«

»Du kannst mir Geheimnisse nennen. Gib mir die Macht der Alten«, sagte ich, ohne ernsthaft zu erwarten, dass er darauf einging, denn andernfalls wäre mein Großvater bereits Kaiser gewesen. Aber ein Versuch konnte nicht schaden.

»Du würdest meine Geheimnisse nicht verstehen. Es klafft eine Lücke zwischen dem, was ich sage, und den Dingen, die du verstehen kannst. Die Menschen deiner Zeit könnten diese Lücke schließen, wenn sie damit aufhören würden, einander zu töten, und sich stattdessen ansähen, was um sie herum verstreut liegt.«

»Stell mich auf die Probe.« Sein Ton gefiel mir nicht. Letztendlich war die Gestalt vor mir nur Schattenspiel, eine Geschichte, erzählt von einer Maschine aus Zahnrädern, Federn und Magie, durchdrungen vom geheimen Feuer der Erbauer. »Welchen Zweck erfüllt das hier?« Ich stieß die Maschine mit dem Fuß an. »Wozu dient es?«

Fexler sah mich an und blinzelte. Vielleicht hatte er oft geblinzelt, und die Maschine erinnerte sich daran. »Es dient vielen Zwecken, junger Mann, einfachen, die du vielleicht verstehen könntest – das Pumpen und Reinigen von Wasser –, und anderen, die jenseits der Horizonte deines Verstehens liegen. Es ist ein Hub, Teil eines Netzwerks ohne Ende, ein Werkzeug für Beobachtung und Kommunikation, an einem sicheren Ort untergebracht. Für mich und meinesgleichen dient es als Fenster zur kleinen Welt des Fleischlichen.«

»Klein?« Ich lächelte. Er lebte in einem Metallkasten, nicht größer als ein Sarg.

Fexler runzelte gereizt die Stirn. »Ich habe wichtigere Dinge zu tun. Geh und spiel woanders.«

»Sag mir eins«, wandte ich mich an ihn. »Meine Welt. Sie ist nicht wie die in den ältesten Büchern. Wenn sie von Magie und Geistern erzählen, so klingt es nach Märchen, dazu bestimmt, Kinder zu erschrecken. Und doch habe ich gesehen, wie die Toten aufstanden und gingen, und wie ein Junge mit seinen Gedanken allein Feuer brachte.«

Erneut bildeten sich Falten in Fexlers Stirn, und diesmal schien er zu überlegen, wie er es mir erklären sollte. »Stell dir die Realität als ein Schiff mit festem Kurs vor, mit einem Steuerrad, das von universellen Konstanten festgehalten wird.«

Ich fragte mich, ob ein guter Schluck bei solchen Vorstellungen half. Von all dem Wein ging eine große Verlockung aus.

»Unsere größte Leistung – und unser Ruin – bestand darin, dass es uns gelang, das Rad ein kleines Stück zu drehen. Wir fanden heraus, dass die Rolle des Beobachters immer wichtig ist. Wenn ein Baum in einem Wald fällt und es niemand hört, so verursacht er dabei ein Geräusch und gleichzeitig auch nicht. Wenn ihn niemand sieht, steht er und steht auch nicht. Die Katze lebt und ist gleichzeitig tot.«

»Wer hat eine verdammte Katze erwähnt?«

Der Geist von Fexler Brews seufzte. »Wir haben die Barrieren zwischen Gedanken und Materie geschwächt …«

»Das habe ich schon einmal gehört«, sagte ich. Ferrakind hatte ähnliche Worte an mich gerichtet. Konnte dieser Geist eines Erbauers ebenso verrückt sein? Der Nubier hatte von dünner werdenden Barrieren gesprochen, von einem Schleier zwischen Leben und Tod, der sich abnutzte. »Die Erbauer schufen Magie? Und brachten sie mit ihren Maschinen in die Welt?«

»Es gibt keine Magie.« Fexler schüttelte den Kopf. »Wir veränderten die Konstanten. Nur ein bisschen. Wir verstärkten die Verbindung zwischen wollen und was ist. Der Baum steht und ist gefallen, doch damit nicht genug. Wenn der richtige Mann es will, und wenn er sich ausreichend konzentriert, so kann er den gefallenen Baum aufrichten. Und die Zombiekatze geht und schnurrt.«

»Was bedeutet ›Zombie‹?«

Wieder ein Seufzen. Fexler verschwand, und alle Lichter gingen aus. Auch der Schein meiner Laterne verschwand.

Ich ging im Dunkeln die Treppe hoch, wurde von einer Spinne gebissen und kehrte sehr spät mit Lady Agaths Wein zurück.