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Vier Jahre zuvor
Wir waren zwei Stunden geritten, seit sich der Fürst von Pfeil auf den Weg zum Hohen Pass gemacht hatte. Zwei Stunden in einer anderen Stille als jener, die uns während des ersten Teils der Reise begleitet hatte. Ich litt an der Art von Kopfschmerzen, die der Vorstellung einer Enthauptung einen gewissen Reiz verleiht. Jeder Idiot konnte sehen, dass ich nicht gut drauf war.
»Autsch.«
Oder fast jeder Idiot.
»Ja, Maical«, sagte ich. »Autsch.« Ich beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen, während es in meinem Kopf pochte und hämmerte. Manchmal deutete nichts darauf hin, dass der alte Maical plemplem war. Welcher Teil ihm auch fehlte, die Lücke zeigte sich nicht immer. Manchmal schien er für eine halbe Minute zu allem bereit: robust und zuverlässig, sogar listig und gerissen. Und dann kam sie, die Schwäche beim Mund, begleitet von Falten in der Stirn und leeren Augen.
Einige Wochen nach unserem Sieg im Hochland hatte Maical zur Bruderschaft zurückgefunden. Der Himmel weiß, wie, aber immerhin finden selbst Tauben nach Hause, obwohl sie nicht mehr als einen Tropfen Hirn in ihren kleinen Schädeln haben. In den letzten Monaten, seit die Spukburg zu meinem Zuhause geworden war, hatte er mir als Stalljunge, Gehilfe des Stalljungen, Dungsammler und dergleichen gedient. Ich hatte deutlich gemacht, dass er zu essen bekommen sollte, und einen Platz zum Schlafen. Schließlich war ich für den Tod seines Bruders verantwortlich. Gemt hatte sich nicht um ihn geschert, ihn geschlagen und für sich schuften lassen. Aber er hatte auch dafür gesorgt, dass Maical zu essen und einen Platz zum Schlafen bekam.
»Er hat dich besiegt, Jorg«, sagte Maical. Er sah blöd aus, wenn er sprach. Seine Lippen waren immer feucht und glänzten.
»Ja, Maical, das hat er.«
Es tat mir nicht leid, dass ich Gemt niedergestochen hatte. Nicht für eine Sekunde. Aber es schmerzte, daran zu denken, dass Maical zu zerbrochen war, um mich zu hassen, gefangen in dem Etwas, das seinen Verstand geraubt hatte, dass er sah, ohne zu verstehen. Ich dachte an die Uhr, die an meinem Handgelenk tickte. All die Raffinesse, all die kleinen Zahnräder, die sich immerzu drehten und deren Zähne ineinander bissen. Und doch … Ein bisschen Schmutz, ein menschliches Haar an der falschen Stelle, und der ganze Mechanismus wäre ruiniert und wertlos. Ich fragte mich, welches Stück Schmutz irgendwann in Maical geraten war. Was hatte ihm die Vernunft genommen?
»Richte Makin aus, dass er zu mir kommen soll«, sagte ich.
Maical zog die Zügel, und der Grauschimmel wurde langsamer. Ich bemerkte, wie Row eine finstere Miene schnitt. Er hatte seine Wette verloren.
Die Berge wechselten ihre Farbe: Aus Rot wurde Grün, als der Schmerz in meinem Kopf von vorn nach hinten glitt, von hinter den Augen zum Nacken.
»Manchmal denke ich, du behältst ihn nur bei dir, damit der Graue zufrieden ist«, sagte Makin. Ich hatte nicht gesehen, dass er zu mir gekommen war.
»Ich möchte, dass du mir den Umgang mit dem Schwert beibringst«, sagte ich.
»Du weißt, wie …«
»Ich dachte, ich wüsste, wie man damit umgeht«, unterbrach ich Makin. »Aber jetzt nehme ich die Sache ernst. Was vor zwei Stunden geschehen ist …« Ich hob die Hand zum Kopf, und als ich sie wieder sinken ließ, klebte Blut an den Fingern. »Es darf sich nicht wiederholen.«
»Wenigstens ist es ein königlicher Zeitvertreib«, kommentierte Makin. »Und es hilft dabei, in Form zu bleiben. Hast du seit der Übernahme der Spukburg ein Schwert geschwungen?«
Ich zuckte die Schultern und bedauerte es sofort. Von meinen Zähnen kam ein hässliches Knirschen und Quietschen, als ich meinen Kiefer mahlen ließ.
»Wie ich hörte, bist du auf bestem Weg gewesen, mit jedem hübschen Dienstmädchen in der Burg ein Kind zu zeugen.« Makin lächelte.
Es ist schön, König zu sein.
Solange einem niemand ein Schwert an den Kopf schlägt.
»Ich habe mich bemüht, für eine Zunahme der Bevölkerung zu sorgen«, sagte ich. »Mit Qualität und Quantität.« Erneut hob ich die Hand zum Kopf. »Aargh, verflixt und verdammt.« Manche Schmerzen kann man verdrängen, aber Kopfschmerzen nisten sich genau dort ein, wo man wohnt.
Makin lächelte noch immer. Ich glaube, es gefiel ihm, mich zurechtgestutzt zu sehen.
Er langte in die Satteltasche, tief hinein, und holte einen Lederbeutel hervor, den er mir zuwarf. Fast hätte ich danebengegriffen. So kann es einem gehen, wenn man doppelt sieht.
»Nelkenwurz«, erklärte Makin.
»Hast es gehortet, wie?« Man konnte ein gutes Pferd verkaufen und dafür nicht genug Nelkenwurz bekommen, um die Hand zu füllen. Wundervolles Zeug, wenn man Schmerzen hatte. Zu viel davon, und man starb, aber es ist so, als würde man sanft zum Tod getragen, von einem warmen Fluss. Fast hätte ich den Beutel geöffnet. »Nimm.« Ich warf ihn zurück. Solchen Dingen nachzugeben, konnte zur Angewohnheit werden. Ich erklärte den Schmerz in meinem Kopf zum Feind und begann mit dem Kampf gegen ihn.
Wir ritten weiter. Ich füllte meinen Schädel mit altem Gift, holte den Hass hervor, den ich für den Grafen von Renar aufbewahrt hatte. Seit er außer Reichweite war, hatte ich damit kaum etwas anzufangen gewusst. Im Vergleich mit dem Pochen in meinem Nacken war der Schmerz des gesplitterten Zahns nicht mehr als ein Prickeln.
Rike schloss mit seinem riesigen Pferd zu uns auf, ritt neben uns und beobachtete mich eine Weile. Makin hatte es vielleicht gefallen, mich auf dem Boden zu sehen, aber für Rike fielen alle Feste auf einen Tag.
»Weißt du, warum ich dich bei mir behalte, Rike?«, fragte ich.
»Warum?«
»Du bist wie der schlimmste Teil von mir.« Das Knirschen und Quietschen wiederholte sich, als ich die Zähne zusammenbiss, und ich fluchte leise. »Bei mir sitzt kein Engel auf der einen Schulter und ein Teufel auf der anderen. Ich habe einen Teufel auf beiden, und du bist wie der schlimmere von ihnen. Ich wäre wie du, wenn ich meinen Charme verlöre, und mein gutes Aussehen dazu.« Mir wurde klar, dass ich dummes Zeug redete, und ich versuchte zu lächeln.
»Hau ab, Rike.« Das war wieder Makin. Ich hatte ihn gar nicht zurückkehren sehen.
»Mein Vater hatte recht, Makin«, sagte ich. »Es war richtig, das Geld seines Bruders zu nehmen, für William und Mutter. Er hätte die Hälfte seines Heeres gegeben, nur um zur Spukburg zu gelangen.«
Makin runzelte die Stirn und bot mir erneut den Beutel mit Nelkenwurz an. »Hier, nimm.«
»Mein Vater wusste über Opfer Bescheid. Und Corion ebenfalls. Der Weg, auf den er mich setzte … Es war der richtige. Ich mochte es nur nicht, angeschubst zu werden.«
Ich konnte Makin kaum sehen, denn ich hatte die Augen noch enger zusammengekniffen, um dem Hämmern hinter meiner Stirn standzuhalten.
Makin schüttelte den Kopf. »Manche Verbrechen verlangen eine Antwort. Corion versuchte, dir das zu nehmen. Ich habe drei Länder durchquert, um die Männer zu finden, die mein Mädchen umbrachten.« Er klang besorgt.
»Idiot.« Taube Lippen formten dieses Wort.
»Jorg.« Makin sprach leise. »Du weinst. Nimm den verdammten Nelkenwurz.«
»Wir brauchen ein größeres Heer.« Alles war schwarz geworden, und ich hatte das Gefühl, zu fallen. Und dann prallte ich auf den Boden.