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Hochzeitstag

»Jorg! Die Soldaten des Fürsten kommen durchs Tor!«

Miana brauchte nicht zu rufen. Ich konnte sie durch die Fenster hören, das dumpfe Brummen der Skorpione, wenn sie ihre Speere schleuderten, die Schreie, das Klirren der Schwerter, das Summen der Bogensehnen von den Männern auf meinen Mauern, während sie in die eigene Burg hinabschossen. Und die Trommeln! Das wütende Pochen der Kriegstrommeln meines Onkels Renar. Ein Pochen so laut und leidenschaftlich, dass es selbst die sanftesten Männer Teil des Tiers werden lässt. Dieser Trommelschlag gibt Mut und eiserne Entschlossenheit.

Mein Onkel hätte sie an jenem Tag erklingen lassen sollen, als ich zu ihm gekommen bin.

Nichts davon spielte eine Rolle. Sageous’ giftige Träume erfüllten mich, waren jedoch nur Variationen des Albtraums, für den ich selbst verantwortlich war. Ich hatte meinen Bruder getötet. Nach allen von der Suche nach Rache bestimmten Jahren – nach Jahren des brennenden Wunsches, Williams Mörder zu erreichen –, hatte ich das Leben meines Bruders genommen, eines Säuglings, der so klein war, dass er kaum meine Hände füllte.

»Jorg!«

Ich achtete nicht auf sie, hob die Hände vors Gesicht und erinnerte mich an das Gefühl, ihn darin gehalten zu haben, erinnerte mich an die Erkenntnis, dass er tot war. Degran. Mein Bruder.

Lehrer Lundist hat mir einmal eine Zeichnung gezeigt. Das Gesicht einer alten Frau. Sieh noch einmal hin, sagte er, es ist ein junges Mädchen. Und das war sie. Auf den Blick des Betrachters kam es an. Nichts hatte sich verändert, nicht eine einzige Linie, und doch war alles anders. Das Kästchen gab mir Degran zurück, und über die Jahre hinweg hatte er zu mir gesprochen. Sieh noch einmal hin, hatte er mir gesagt. Betrachte dein Leben – und jetzt sieh es dir noch einmal an. Und plötzlich spielte nichts mehr eine Rolle.

Sie schlug mich, die kleine Schlampe schlug mich, und für eine Sekunde spielte das eine Rolle. Ihr ganzes Gewicht hatte sie in den Schlag gelegt. Doch der Zorn verschwand noch schneller, als er gekommen war.

Dann traf ein großer Stein das Fenster rechts von uns. Splitter rasten durchs Zimmer und schmetterten an die hintere Wand. Staub wogte um uns herum.

»Ich will hier nicht sterben«, sagte Miana.

Sie hatte die Hand in meinem Haar und drehte mir den Kopf zum Fenster mit den krummen, aus dem Gestein gelösten Gitterstäben. Ein Teil der Mauer unter dem Fenster existierte nicht mehr, und durch das Loch sahen wir den Hof, wo sich am Morgen die Bauern versammelt hatten, um uns zu bejubeln. Ein Keil aus Soldaten von Pfeil, an ihren scharlachroten Umhängen deutlich zu erkennen, war durch die Reste des zerstörten Fallgatters vorgestoßen, das Gorgoth einst für mich offen gehalten hatte. Meine Männer, die Hälfte von ihnen Ziegenhirten mit den Schwertern, die sie von mir bekommen hatten, blockierten den Feind. Ich sah das Blau von Lord Josts kleinem Kontingent und den Glanz der Brustharnische seiner Männer. Die Chancen der Eindringlinge standen schlecht, aber die große Masse der Soldaten hinter ihnen drückte sie nach vorn, während sie starben. Der Fürst von Pfeil ließ seine Männer aufs Schlachtfeld strömen, und meine Kämpfer töteten sie, aber nicht alle von ihnen, und die Überlebenden rückten weiter vor. Und über diesem Gemetzel lag das unentwegte Pochen der Kriegstrommeln.

»Tu etwas!«, rief Miana.

»Es spielt keine Rolle«, sagte ich. »Alle sterben.« Meine Vergangenheit und meine Geister tanzten um mich herum, die Toten, die Verratenen. Ich dachte daran, durchs Loch in der Mauer zu springen, mich über die Köpfe meiner Männer hinweg auf den Feind zu stürzen. War ein solcher Sprung möglich? Vielleicht mit einem Anlauf. Ein kurzer Lauf und dann ein langes Fallen in die Ewigkeit.

Miana schlug mich erneut. »Gib mir den Rubin.«

Ich holte ihn aus dem Beutel und legte ihn ihr in die Hand. »Du hast einen besseren Ehemann verdient.«

Miana warf mir einen verächtlichen Blick zu. »Ich habe einen stärkeren verdient. Es gibt keinen Sieg ohne Opfer. Das hat mich meine Mutter gelehrt. Du musst den Einsatz erhöhen, immer wieder.«

»Deine Mutter war eine Kriegerin?« Ich schüttelte den Kopf, ich warf ihn hin und her. Träume fielen von mir ab. Die Toten hielten mich mit kalten Händen und zerrten an meinem Innern.

»Sie war eine Kartenspielerin«, sagte Miana.

Sie ging zum Kamin und nahm einen der beiden Feuerschirme, einen exotischen Gobelin in einem Rahmen aus Ebenholz. Entschlossen schlug sie den Schirm gegen die Wand, bis das Holz brach, und sie wiederholte diesen Vorgang mit dem zweiten Feuerschirm. Draußen wurde aus dem scharlachroten Keil am aufgebrochenen Tor ein Halbkreis. Jenseits der Burgmauern drängte ein blutrotes Meer nach vorn.

Miana nahm die beiden schweren Sockelsteine der Schirme und legte den Rubin zwischen sie. Sie versuchte, Streifen von den Gobelins abzureißen, aber der Stoff war zu fest, und deshalb zerriss sie den Saum ihres Hochzeitskleides und löste einige Streifen daraus.

Trotz der in mir pulsierenden Leere regte sich ein wenig Neugier.

Ein verirrter Pfeil flog durchs Fenster auf der linken Seite und bohrte sich in die Decke.

Miana band die beiden Sockelsteine fest zusammen, mit dem Rubin zwischen ihnen.

»Kämpft Lord Jost noch?«, fragte sie.

Ich kroch zum Loch in der Mauer und blinzelte, um besser zu sehen. »Ich erkenne Ritter vom Haus Morrow und glaube, einer von ihnen ist Jost.«

Miana biss sich auf die Lippe. »Manchmal kann man nur gewinnen, wenn man bereit ist, alles zu opfern«, sagte sie.

Ich begann mich zu fragen, ob die dunklen Aspekte meines Wesens vielleicht auf die mütterliche Seite meiner Familie zurückgingen.

Mianas Augen glänzten. Tränen für die Toten.

»Miana, was …«

Sie lief zum Loch in der Wand, ihre Füße im Takt mit dem weithin hallenden Trommelschlag, und warf die zusammengebundenen Steine nach draußen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie mit solcher Kraft und so weit werfen konnte. Das verschnürte Paket flog über die kämpfenden und sterbenden Männer hinweg, über die ineinander verkeilte Masse aus Angreifern und Verteidigern. Es flog über die Hochländer, über Jost, über die Fußsoldaten von Pfeil in ihren roten Umhängen, prallte auf eine leere Stelle links neben dem Tor und sprang von dort aus zum Außenwall der Burg.

Ich erinnere mich nur an Licht und Hitze. Das Donnern konnte man sogar noch in Gutting hören, aber ich hörte nichts. Eine heiße Faust schlug die Luft aus mir, und ich sah, wie Miana in Richtung Kamin zurückgeworfen wurde. Die Narben in meinem Gesicht brannten wieder, und ich heulte. Einen Moment zuvor hatte nichts eine Rolle gespielt, aber wir bestehen alle vor allem aus Fleisch und erst dann aus Träumen, und das Fleisch mag keine Schmerzen.

Ich rollte herum, auf Hände und Knie, und roch die eigene verkohlte Haut, als hätte die alte Brandwunde tatsächlich wieder Feuer gefangen. Ich kroch zum Loch und starrte nach draußen. Für einige lange Momente sah ich nur Rauch. Stille herrschte; es gab überhaupt keine Geräusche. Dann zog der Bergwind den Schleier des Rauchs beiseite, und ein Bild der Zerstörung bot sich mir dar. Die vorderen Mauern der Spukburg existierten nicht mehr. Die Gerbereien, Tavernen, Schlachthäuser und Pferche davor … verschwunden. Es gab nur noch qualmenden Schutt. Und dahinter das Heer des Fürsten, zerrissen und zerfranst, mit breiten Schneisen des Todes, geschaffen von Mauerbrocken so groß wie Wagen und Karren, die über den Hang gerollt waren.

Den Schaden schienen vor allem die explodierenden Mauern angerichtet zu haben. Der größte Teil der Druckwelle hatte sich nach außen hin ausgewirkt, aber Hitze und Feuer waren im Bereich des Hofes gefangen gewesen. Reihen von verbrannten Leichen gingen von der Stelle aus, wo der Rubin zerbrochen war und die über Jahre in seinem Innern angesammelte Flammenmagie freigesetzt hatte. Die weiter entfernt liegenden Toten brannten noch. Die Leichen dort, wo Lord Jost und seine Männer gekämpft hatten, sahen rot und halb geschmolzen aus. Noch weiter hinten bemerkte ich Männer, die sich in schrecklichen Qualen wanden. Hinter ihnen lagen Sterbende, die nicht mehr schreien konnten, weil ihre Lungen verbrannt waren. Und in noch etwas größerer Entfernung, am Hang unterhalb der Burg, krochen Überlebende unter den Toten hervor, die sie abgeschirmt hatten.

Die Stützbalken des Laufstegs für die Bogenschützen brannten. Die Fensterläden der dem Hof zugewandten Fenster brannten. Die Reste meiner Skorpione brannten. Etwas im Knochen meiner Wange brannte mit eigener Hitze, und in jeder Flamme tanzten Möglichkeiten. Ich konnte sie sehen. Als wäre das Feuer ein Fenster, durch das mein Blick in heiße neue Welten reichte.

Ich schätzte, dass ich etwa dreihundert der mir verbliebenen achthundert Mann verloren hatte. In zwei Herzschlägen hatte ein zwölfjähriges Mädchen die besten Kämpfer von Renar ausgelöscht.

Ich sah über die Hänge. Der Fürst von Pfeil hatte fünftausend, vielleicht sogar siebentausend Soldaten verloren. In zwei Herzschlägen hatte die Königin des Hochlands ihren Feind halbiert.

Ich rief in den Hof hinab. In meinen Ohren rauschte es so laut, dass ich die eigene Stimme kaum hörte. Ich versuchte es noch einmal. »In die Burg! In die Burg!«

Mein Gesicht schmerzte, meine Lungen schmerzten, alles tat weh. Die Luft war voller Rauch und den Schreien der Sterbenden, und plötzlich wollte ich wieder siegen. Sehr sogar.

Ich eilte zum Kamin und zog Miana aus dem Schutt. Staub rieselte ihr aus dem Haar, als ich sie mir über die Schulter legte, aber sie hustete, und das war ein gutes Zeichen.