10
Vier Jahre zuvor
Hallo, Jorg. War es das, was sie zu mir sagte? Katherine, dort im Rennat-Wald, zwischen den Grabsteinen. Hallo, Jorg.
Ich versuche, aus etwas zu erwachen. Vielleicht habe ich das immer versucht. Ich ertrinke in Verwirrung, irgendwo über mir tanzt Licht auf einer Oberfläche, und jenseits davon wartet Luft. Sie wartet darauf, dass ich auftauche und mir die Lunge mit ihr fülle.
Ich kenne Katherine kaum, aber ich begehre sie, mit völlig unvernünftiger, wilder Leidenschaft. Es war wie eine Krankheit, wie das Bedürfnis, einen brennenden Durst zu stillen. Wie Paris und Helena – ich liege mit einem unwiderstehlichen Verlangen danieder.
In meiner Erinnerung betrachte ich das Licht auf ihrem Gesicht, unter den Glühkugeln der Hohen Burg, unter den Bäumen des Friedhofs. Ich beneide die Flecken aus Sonnenschein, die über ihr Haar gleiten, ungehindert über den Körper streichen, die Wangenknochen berühren. Ich erinnere mich an alles. Ich erinnere mich an den Rhythmus ihres Atems. Ich erinnere mich daran, wie ihr in der Hitze von Dranes Küche ein einzelner Schweißtropfen über den Hals rann, an der Sehne entlang und über die Kehle. Ich habe Männer getötet und sie vergessen. Ich habe Leben ausgelöscht und keinen Gedanken mehr daran vergeudet. Aber jener Schweißtropfen ist ein Diamant in meiner Erinnerung.
»Hallo, Jorg.« Und meine klugen Worte verlassen mich. Bei ihr fühle ich mich wie vierzehn Sommer, mehr Knabe als Mann.
Ich will sie über die Grenzen aller Vernunft hinaus. Ich muss sie für mich haben, sie besitzen, sie verehren und verschlingen. Wozu ich sie in meiner Vorstellung gemacht habe, kann nicht in Fleisch existieren. Sie ist nur eine Person, eine Frau, aber sie steht an der Tür einer alten Welt, und obwohl ich nicht zurückkann … Sie kann die Tür passieren und vielleicht etwas vom Geruch jener Welt mitbringen, einen Hauch ihrer verlorenen Wärme.
Diese Gefühle sind so intensiv, dass sie nicht lange dauern können. Sie würden uns zu Asche verbrennen.
Ich habe sie in Träumen gesehen. Ich sehe sie erneut vor den Bergen. Groß, kalt und rein wie Schnee, unerreichbar. Ich klettere, und auf dem leeren Gipfel spreche ich ihren Namen, doch der Wind nimmt ihn mir, und er nimmt auch mich. Durch Leere falle ich …
»Hallo, Jorg.«
Meine Haut prickelt. Ich reibe mir die Wange, und als ich die Finger betrachte, sind sie blutig und aufgeschnitten. Mein ganzer Leib brennt, weil Nadeln in ihm stecken. Echte Nadeln. Ich schreie, und die brennenden, stechenden Stellen öffnen sich wie die Knospen an den Zweigen eines Baums. Hunderte von Dornen wachsen aus mir, direkt aus den Knochen. Tiere sind an ihnen aufgespießt, wie die Trophäen an der Wand eines Jägers. Ratte, Ziege, Frettchen, Fuchs, Hund … ein Kind. Schlaff, der Blick auf mich gerichtet.
Ich schreie erneut und drehe mich in Dunkelheit. In eine Nacht, die nur ein Flüstern braucht, um Form zu gewinnen. Ein geflüstertes Lied, das lauter wird.
Topologie, Tautologie, Torsion, Tortur, Tiere, Trauer und Tragik … Etwas berührt mich und versucht, mir etwas zu stehlen.
Jemand befummelte meinen Arm, mit dummen Fingern, die nicht den Verschluss der Uhr fanden. Eine kurze Bewegung, und ich hielt das Handgelenk, unglaublich dick und stark. Ich grub den Daumen in den Druckpunkt, den Lundist mir in einem Buch gezeigt hatte.
»Arrg!« Rikes Stimme. »Pax!«
Mit einem Ruck setzte ich mich auf, durchbrach die Oberfläche, atmete die Luft, die auf mich gewartet hatte, und schüttelte die Dunkelheit ab. Topologie, Tautologie, Torsion … Die bedeutungslosen Worte lösten sich auf.
»Rike!« Er war über mich gebeugt und schirmte das Licht einer zu hellen Sonne ab.
Er grinste spöttisch und wich zurück. »Pax.«
Pax. Straßensprache. Friede, es liegt mir in der Natur. Eine Ausrede für jedes Verbrechen, bei dem man ertappt wird. Manchmal glaube ich, dass ich die Worte auf der Stirn tragen sollte. »Wo zur Hölle sind wir?«, fragte ich. Ein leeres Gefühl steckte in mir, reichte vom Bauch bis hinter die Augen.
»Hölle ist das richtige Wort.« Der Rote Kent kam näher.
Ich hob die Hand. Sand klebte an ihr. Sand war überall. »Eine Wüste?«
An meiner rechten Hand fehlten zwei Fingernägel. Abgerissen. Es begann zu schmerzen. Die anderen Nägel waren eingerissen und gesplittert. Und ich hatte überall blaue Flecken.
Gog kam hinter einem einzelnen Strauch hervor, ganz langsam, als fürchtete er, von mir gebissen zu werden.
»Ich …« Ich drückte die Hand an die Seite des Kopfes. Sand schabte über Haut. »Ich war bei Katherine …«
»Und dann?« Makins Stimme erklang hinter mir.
»Ich …« Nichts. Und dann nichts. Als ob der kleine Jorgy zu voll von Frühlingswärme gewesen wäre und zu sehr an neue Möglichkeiten gedacht hätte. Und dann war ein Stein aus den Schatten gekommen und hatte ihn aus dem Baum geholt.
Ich erinnerte mich an die Dornen. Ihr Stechen und Brennen blieb bei mir. Ich hob die Arme. Keine Wunden, aber die Haut war rot und schorfig. Kent bot ein ähnliches Bild; er war jetzt so rot, wie sein Name versprach. Ich drehte mich zu Makin um, der ebenfalls schorfig war und sein Pferd führte. Das Tier sah schlimmer aus als er: Seile aus Schleim hingen an seinem Maul, und es hatte Blasen auf der Zunge.
»Ich glaube, dies ist kein guter Ort.« Ich griff nach meinem Messer und stellte fest, dass es fehlte. »Was machen wir hier?«
»Wir kamen auf der Suche nach einem Mann namens Luntar hierher«, sagte Makin. »Ein Alchimist aus dem Äußersten Osten. Er lebt hier.«
»Und ›hier‹ ist …?«
»Thar.«
Ich kannte den Namen. Auf der Karte hatte das Wort am Rand des thurtanischen Graslands gestanden. Ein Brandfleck hatte keine Einzelheiten des entsprechenden Gebiets erkennen lassen, und ich dachte mir jetzt, dass er vielleicht kein Zufall gewesen war.
»Vergiftetes Land«, sagte Makin. »Manche nennen es ein Versprechen.«
Eine Erbauer-Sonne hatte hier gebrannt, vor vielen Jahrhunderten. Das Versprechen lautete, dass dieses Land eines Tages wieder sicher sein würde. Ich steckte die Finger erneut in den Sand. Nicht die, denen die Nägel fehlten. Ich fühlte den Tod, der dort lauerte, ich konnte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger rollen. Heiß. Tod und Feuer zusammen.
»Er lebt hier?«, fragte ich. »Brennt er nicht?«
Makin schaudert. »Doch«, sagte er. »Doch, er brennt.« Es ist einiges nötig, um Makin schaudern zu lassen.
Das Gefühl der Leere setzte mir zu und schluckte die Fragen, die ich vor allen anderen stellen wollte.
»Und was wollten wir von diesem Magier aus dem Osten?«, erkundigte ich mich.
Makin zeigte mir, was er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. »Dies.«
Ein Kästchen. Ein Kästchen aus Kupfer, mit der Darstellung von Dornen, ohne Verschluss. Ein Kästchen aus Kupfer. Nicht groß genug für einen Kopf. Die Faust eines Kindes hätte hineingepasst.
»Was ist in dem Kästchen?« Ich wollte es gar nicht wissen.
Makin schüttelte den Kopf. »Wahnsinn steckte in dir, Jorg. Als du zurückgekehrt bist.«
»Was ist da drin?«
»Luntar hat den Wahnsinn hineingelegt.« Makin verstaute das Kästchen wieder in der Satteltasche. »Er hätte dich umgebracht.«
»Er hat meine Erinnerungen in das Kästchen gestopft?«, fragte ich ungläubig. »Du hast ihm erlaubt, mir meine Erinnerungen zu nehmen?«
»Du hast ihn darum angefleht, Jorg.« Makin vermied es, mich anzusehen. Rike hingegen glotzte mich die ganze Zeit an.
»Gib es mir.« Ich wollte die Hand danach ausstrecken, aber sie weigerte sich.
»Er hat mir gesagt, dass ich dir das Kästchen nicht geben soll.« Makin klang unglücklich. »Er sagte mir, ich soll dich einen Tag warten lassen. Wenn du das Kästchen dann noch immer willst, sollst du es haben.« Makin biss sich auf die Lippe. Das tat er zu oft. »Vertrau mir hierbei, Jorg. Du möchtest nicht dorthin zurück, wo du gewesen bist.«
Ich zuckte die Schultern. »Also morgen.« Denn es ist Vertrauen, mit dem ein Anführer seine Männer an sich bindet. Und weil meine Hände das Kästchen nicht wollten. Es wäre ihnen lieber gewesen, zu verbrennen. »Und nun … Wo ist mein verdammter Dolch?«
Makin sah nur zum Horizont. »Vergiss ihn besser.«
Wir setzten den Weg fort und führten die Pferde, wir alle zusammen. Nach Osten gingen wir, und wenn Wind wehte, brannte der Sand wie Brennnesseln. Nur Gog und Gorgoth schien es nichts auszumachen.
Gog blieb zurück, als wollte er nicht in meine Nähe. »Ist es überall so?«, fragte ich ihn, nur um ihn dazu zu bringen, mich anzusehen. »Selbst dort, wo Luntar wohnt?«
Er schüttelte den Kopf. »Bei seiner Hütte verwandelt sich der Sand in Glas. Schwarzes Glas. Es schneidet in die Füße.«
Wir gingen weiter. Rike marschierte an meiner Seite und warf mir einen gelegentlichen Blick zu. Er sah mich jetzt irgendwie anders an. Als wären wir ebenbürtig.
Ich hielt den Kopf gesenkt und versuchte, mich zu erinnern. Immer wieder stieß ich das Loch in meinem Geist an. »Hallo, Jorg«, hatte sie gesagt.
Wir sind vor allem Erinnerungen. Momente und Gefühle, in Bernstein gefangen, an Fäden der Vernunft aufgereiht. Wenn man einem Mann die Erinnerungen nimmt, so nimmt man ihm alles. Man schneide eine Erinnerung nach der anderen fort – damit bringt man ihn ebenso sicher um, als schlüge man ihm einen Nagel nach dem anderen in den Kopf.
»Hallo, Jorg«, hatte sie gesagt. Wir waren bei der Statue von Mädchen und Hund gewesen, auf dem Friedhof, wo sentimentale Damen und törichte Kinder ihre Tiere begraben.
Nichts.
Vor langer Zeit habe ich gelernt: Wenn man an der Vordertür nicht bekommt, was man will, muss man es mit der Hintertür versuchen. Ich kenne eine Hintertür jenes Friedhofs. Es war kein Weg, den ich unbedingt beschreiten wollte, aber ich würde ihn trotzdem nehmen.
Als ich sehr jung gewesen war, etwa sechs, hatte ein Herzog meinen Vater besucht, ein Mann aus dem Norden, mit weißblondem Haar und einem Bart, der bis auf die Brust reichte. Alarich von Maladon. Der Herzog brachte meiner Mutter ein Geschenk mit, ein Wunder der alten Welt. Etwas Glänzendes, das sich hinter Glas bewegte, erst verborgen in der großen Hand des Herzogs und dann in den Falten von Mutters Gewand.
Ich wollte das Etwas, das ich nur kurz gesehen und nicht verstanden hatte. Aber solche Geschenke waren nicht für kleine Prinzen bestimmt. Mein Vater nahm es und legte es in die Schatzkammer, damit es dort Staub ansetzte. Das erfuhr ich durch heimliches Lauschen.
Die Schatzkammer der Hohen Burg liegt hinter einer Eisentür mit drei Schlössern. Es ist keine Erbauer-Tür, aber ein Werk der Turkmenen, schwarzes Eisen mit hundert Nieten. Wenn man sechs ist, stellen die meisten verschlossenen Türen ein Problem dar. Diese präsentierte gleich mehrere.
Eine meiner ersten Erinnerungen besteht darin, dass ich mich von einer hohen Brüstung in den Wind beuge, dass ich im Regen lache, den mir die Böen entgegenwerfen. Die nächste Erinnerung betrifft zwei Hände, die mich zurückziehen.
Wenn man entschlossen ist, wenn man etwas wirklich will, gibt es nicht genug Hände, um einen zurückzuziehen. Im Alter von sechs Jahren kannte ich die Hohe Burg von außen ebenso gut wie von innen. Die Erbauer hatten kaum etwas hinterlassen, das ein Kletterer nutzen konnte, aber Jahrhunderte der Flickschusterei durch die Ankraths – und durch das Haus Or vor uns – gaben meinen kindlich kleinen Füßen genug Halt.
Die königliche Schatzkammer hat ein einzelnes hohes Fenster, in einer schlichten Mauer dreißig Meter über dem Boden, zu schmal für einen Mann und von einem Wald aus Gitterstäben geschützt, so dicht beieinander, dass es selbst einer Schlange schwer fiele, sich hindurchzuzwängen. Auf der anderen Seite der Burg, unweit des Thronraums, gibt es ein Loch, das zum Kopf eines Wasserspeiers auf der Außenmauer führt. Wenn sich die Tür der Schatzkammer öffnet, so bewegt sich die Luft in der Burg, und diese Bewegung lässt den Wasserspeier sprechen. An einem stillen Tag stöhnt er, und ein Heulen wird daraus, wenn Wind weht. Er spricht auch, wenn der Wind aus dem Osten kommt, und die Läden eines bestimmten Fensters im Vorratsraum der Küche nicht geschlossen sind. Wenn das passiert, gibt es Wirbel, und jemand wird mit Seil und Draht geschlagen. Ohne das hohe Fenster der Schatzkammer würde der Wasserspeier nicht sprechen, und der König würde nie erfahren, wann sich die Tür zu seinen Schätzen öffnet.
In einer mondlosen Nacht brach ich auf. William lag in seinem kleinen Bett. Niemand sah mich gehen, nur unser großer Hund Gerechtigkeit. Er gab ein vorwurfsvolles Jaulen von sich und machte dann Anstalten, mir zu folgen. Ich brachte ihn mit leisen Flüchen zum Schweigen und schloss die Tür, bevor er das Zimmer verlassen konnte.
Die Gitterstäbe sehen stabil aus, aber wie so viele Dinge, auf die wir uns im Leben verlassen, sind sie völlig verrottet. Rost hat sie gefressen. Selbst jene mit Stahl in ihrem Kern lassen sich mit genug Hebelkraft biegen. Eines Nachts, als meine Amme schlief und die drei Soldaten der Mauerwache darüber stritten, wer die Silbermünze behalten durfte, die sie beim Wachwechsel auf den Stufen gefunden hatten, kletterte ich an einem verknoteten Seil hinab, um mir die Reichtümer meines Vaters anzusehen. Ich strich mir Rost von der Kleidung, schüttelte mir große Flocken davon aus dem Haar und stellte die jetzt offene Laterne auf den Boden.
Das Raubgut der Ankraths, aus fast allen Ecken des Reiches gestohlen, lag auf steinernen Regalen, quoll aus Truhen und war achtlos aufeinandergestapelt. Rüstungen, Schwerter, Goldmünzen in Holzröhren, Mechanismen, die wie Teile von Insekten aussahen – das alles glänzte im Schein der Laterne und erfüllte die Luft mit seltsamen Gerüchen, wie eine Mischung aus Zitrone und Metall. Ich fand das Gesuchte neben einem Helm voller Zahnräder und Asche.
Das Geschenk des Herzogs enttäuschte mich nicht. Unter einer Kuppel aus Glas, das kein Glas war, und auf einer Scheibe aus Elfenbein, das kein Elfenbein war, stand eine kleine Kirche, umgeben von noch kleineren Häusern. Sogar eine Person sah ich in dem Objekt, und dann noch eine. Und als ich es ins Licht hielt und drehte, überrascht von seinem Gewicht, kam es in seinem Innern zu einem Schneesturm – plötzlich wimmelte es überall von kleinen weißen Flocken. Ich legte das Geschenk zurück, für einen Moment in Sorge, dass ich es irgendwie beschädigt hatte. Und o Wunder, der Schneesturm hörte auf, die Flocken sanken zu Boden.
Inzwischen hat jenes Objekt keinen Zauber mehr. Heute weiß ich, dass geschickte Handwerker etwas Ähnliches in wenigen Wochen zusammenbasteln könnten. Sie würden echtes Glas und echtes Elfenbein verwenden, und ich weiß nicht, was sie für den Schnee nähmen, aber wenn es um die alten Wunder geht: Viele von ihnen erscheinen einem nicht mehr als Wunder, wenn man älter als sechs ist. Doch damals war es Magie, von der besten Art. Gestohlene Magie.
Ich schüttelte die Schneekugel erneut, und wieder stoben Flocken und bildeten ein weißes Chaos, das Ruhe wich, als sie zu Boden sanken und die kleine Welt unter dem falschen Glas freigaben. Und noch einmal schüttelte ich die Kugel. Es erschien mir falsch, dass Sturm und Durcheinander nichts zu bedeuten schienen. Die ganze Welt in Aufruhr, und für was? Noch immer stapfte der Mann zur Kirche; noch immer wartete die Frau in der Hüttentür. Ich hielt eine Welt in meiner Hand, und wie oft ich sie auch schüttelte, wie die Flocken auch fielen, welche Muster sie auch bildeten, nichts veränderte sich. Der Mann würde die Kirche nie erreichen.
Schon mit sechs wusste ich vom Hundertkrieg. Ich ließ Holzsoldaten über die Karten meines Vaters marschieren. Ich sah Kämpfer durchs Hohe Tor zurückkehren, blutig und weniger als zuvor, und Frauen in den Schatten weinen, während andere ihren Männern entgegenstürzten. Ich las von den Schlachten, von Angriff und Rückzug, von Sieg und Niederlage, in Büchern, die mir verboten gewesen wären, wenn mein Vater mich gekannt hätte. Ich verstand alles und wusste, dass ich die ganze Welt in der rechten Hand hielt. Kein Spielzeugland, keine kleine Kirche mit kleinen Menschen, von den Händen der Alten geformt. Die ganze Welt. Und so sehr ich sie auch schüttelte, sie veränderte sich nicht. Im wirbelnden Schnee zogen wir in den Kampf und brachten uns gegenseitig um, griffen an und wichen zurück, und wenn die Flocken zu Boden sanken, war der Krieg immer noch da, unverändert, und wartete auf mich, meinen Bruder und meine Mutter.
Wenn ein Spiel nicht gewonnen werden kann, muss man das Spiel ändern. Das habe ich im Buch der Kirche gelesen. Ohne einen weiteren Gedanken holte ich mit der Glaskugel aus und zerschmetterte sie auf dem Boden. Dann zog ich den Mann aus den nassen Bruchstücken, kaum größer als ein Weizenkorn zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Jetzt bist du frei«, sagte ich und schnippte ihn in eine Ecke, damit er allein nach Hause fand, denn ich hatte nicht alle Antworten, weder damals noch heute.
Ich verließ die Schatzkammer, ohne etwas mitzunehmen, und trotzdem fiel es mir schwer genug, am Seil nach oben zu klettern. Ich war müde, aber auch zufrieden. Was ich getan hatte, erschien mir so richtig, dass ich dachte, andere müssten es ebenfalls für richtig halten, und nicht für ein Vergehen, das Strafe verlangte. Mit schmerzenden Armen und voller Roststaub und Kratzer zog ich mich über die Brüstung.
»Wen haben wir denn hier?« Eine große Hand packte mich am Nacken und hob mich hoch. Offenbar hatten sich die Wächter nicht so ausgiebig über meine Silbermünze gestritten wie von mir erhofft.
Es dauerte nicht lange, bis ich im Thronraum meines Vaters stand, wo ein schläfriger Knappe die Fackeln anzündete. Kein Walöl in silbernen Lampen für die Angelegenheit dieser Nacht, nur Pechfackeln, die knisterten und mehr Ruß an die schwarze Decke malten. Sir Reilly hielt mich an der Schulter, sein Panzerhandschuh so schwer, dass er mich nach unten drückte. Wir warteten in dem leeren Raum und beobachteten, wie die Schatten tanzten. Der Knappe ging.
»Es tut mir leid«, sagte ich. Obwohl es mir keineswegs leid tat.
Sir Reilly wirkte sehr ernst. »Mir auch, Jorg.«
»Ich tue es nie wieder«, sagte ich. Auch das war gelogen.
»Ich weiß«, erwiderte Sir Reilly fast sanft. »Aber jetzt müssen wir auf deinen Vater warten, und er ist kein milder Mann.«
Wir schienen die halbe Nacht zu warten, und als sich plötzlich die Tür öffnete, zuckte ich zusammen, trotz all meiner Vorsätze.
Mein Vater, in seinem violetten Gewand und mit der eisernen Krone, ohne einen Hauch von Schlaf an ihm, schritt zum Thron. Er nahm Platz und legte die Hände auf die Armlehnen.
»Ich will Gerechtigkeit«, sagte er laut genug für den ganzen Hof, obwohl nur Reilly und ich vor ihm standen.
Und noch einmal, den Blick auf die große Tür gerichtet: »Ich will Gerechtigkeit.«
»Es tut mir leid.« Diesmal meinte ich es wirklich so. »Ich kann dafür bezahlen …«
»Gerechtigkeit!« Er sah mich nicht einmal an.
Die Tür öffnete sich erneut, und ein Karren rollte herein, von der Art, die man benutzte, um Gefangene aus dem Verlies heraufzubringen. Auf diesem Karren lag mein Hund, meiner und Williams, an jedem Bein festgebunden. Ein Bediensteter namens Inch schob ihn, ein ruhiger Mann mit dicken Armen, der einmal an einem Festtag ein Stück Zuckergebäck für mich stibitzt hatte.
Ich wollte zu meinem Hund laufen, aber Reillys schwere Hand hielt mich fest.
Gerechtigkeit zitterte auf dem Karren und hatte große Augen. Er zitterte so sehr, dass er kaum stehen konnte, obwohl er vier Beine hatte und ich nur zwei. Er sah nass aus, und als Inch den Karren näher schob, roch ich Steinöl, das man für die Lampen der Dienerschaft verwendete. Inch langte in den Karren und holte einen großen, hässlichen Hammer hervor. Solche Hämmer benutzt man, um große Kohlebrocken in kleinere fürs Feuer zu zerschlagen.
»Geh«, sagte mein Vater.
Inchs Blick machte deutlich, dass er lieber geblieben wäre, aber er legte den Hammer auf den Boden und ging ohne ein Wort.
»Ich werde dich heute eine wichtige Lektion lehren«, sagte mein Vater.
»Hast du dich jemals verbrannt, Jorg?«, fragte er.
Das hatte ich. Mit einem Schürhaken, dessen eines Ende im Feuer gelegen hatte. Der Schmerz hatte mir den Atem genommen. Ich konnte gar nicht schreien. Bis sich die ersten Blasen bildeten, brachte ich keinen Ton hervor und hörte das Zischen. Und als ich die Stimme wiederfand, heulte ich so laut, dass meine Mutter aus ihrem Turm gelaufen kam und zusammen mit den Dienstmädchen und der Amme aus dem Nebenzimmer eintraf. Eine ganze Woche lang hatte meine Hand gebrannt und genässt, mir bei jeder noch so kleinen Bewegung der Finger höllischen Schmerz durch den Arm geschickt. Die Haut löste sich, und das rohe Fleisch darunter tat weh, wenn man es auch nur behauchte.
»Du hast mir etwas genommen, Jorg«, sagte mein Vater. »Du hast etwas gestohlen, das mir gehörte.«
Ich war klug genug, nicht zu sagen, dass die Schneekugel ein Geschenk für meine Mutter gewesen war.
»Ich habe bemerkt, dass du diesen Hund liebst«, sagte mein Vater.
Das erstaunte mich, trotz meiner Furcht. Ich hielt es für wahrscheinlicher, dass es ihm jemand gesagt hatte.
»Das ist eine Schwäche, Jorg«, fuhr mein Vater vor. »Etwas zu lieben bedeutet Schwäche. Und einen Hund zu lieben ist dumm.«
Ich schwieg.
»Soll ich den Hund verbrennen?« Mein Vater griff nach der nächsten Fackel.
»Nein!« Das Wort platzte als entsetzter Schrei aus mir heraus.
Mein Vater lehnte sich zurück. »Siehst du, wie schwach dich dieser Hund gemacht hat?« Er wandte sich an Sir Reilly. »Wie soll er über Ankrath herrschen, wenn er nicht einmal sich selbst beherrscht?«
»Verbrenn ihn nicht.« Meine Stimme zitterte. Ich bat und bettelte, aber gleichzeitig war es auch eine Drohung, auch wenn es niemand von uns erkannte.
»Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Einen Mittelweg.« Mein Vater sah auf den Hammer.
Ich verstand nicht. Ich wollte nicht verstehen.
»Brich dem Hund ein Bein«, sagte er. »Ein schneller Schlag, und der Gerechtigkeit ist Genüge getan.«
»Nein.« Ich schluckte und erstickte fast. »Ich kann nicht.«
Vater zuckte die Schultern, beugte sich vor und streckte erneut die Hand nach der Fackel aus.
Ich erinnerte mich an den Schmerz, den mir der Schürhaken beschert hatte. Schrecken packte mich, und ich spielte mit dem Gedanken, ihm nachzugeben, mich von ihm dazu zu bringen zu lassen, hysterisch zu werden, zu weinen und zu schreien. Ich wusste: Ich konnte bleiben, bis alles vorbei war, oder ich konnte weglaufen und mich in Tränen verlieren, während Gerechtigkeit verbrannte.
Ich nahm den Hammer, bevor die Hand meines Vaters die Fackel erreichte. Es fiel mir nicht leicht, ihn zu heben, denn er war in mehr als nur einer Hinsicht schwer. Gerechtigkeit zitterte nur und beobachtete mich. Er winselte und hatte den Schwanz zwischen den Beinen, ohne zu verstehen, was geschah.
»Hol kraftvoll aus«, sagte mein Vater. »Sonst musst du zweimal zuschlagen.«
Ich sah mir Gerechtigkeits Bein an, sein langes, schnelles Bein. Ich betrachtete das Fell, nass von Öl und flach auf Knochen und Sehnen, und die Schelle dicht über der Pfote, eine Zwinge aus dem Verhörzimmer, so fest angezogen, dass sie blutig geworden war.
»Es tut mir leid, Vater, ich werde dich nie wieder bestehlen.« Und ich meinte es ernst.
»Strapaziere nicht meine Geduld, Junge.« Ich sah die Kälte in Vaters Augen und fragte mich, ob er mich immer gehasst hatte.
Ich hob den Hammer, mit Armen fast zu schwach für ihn, und ich zitterte beinah ebenso stark wie der Hund. Ich hob ihn langsam, den Hammer, und wartete darauf, dass mein Vater sagte: »Das genügt, du hast dich bewährt.«
Aber die Worte kamen nicht. »Wenn du ihm nicht das Bein brichst, wird er brennen«, sagte mein Vater. Und mit einem Schrei holte ich aus und schlug zu.
Das Bein brach mit einem hörbaren Knacken. Für einen Augenblick gab es kein anderes Geräusch. Das Bein sah seltsam aus, der obere Teil bildete einen sonderbaren Winkel mit dem unteren, und weißer Knochen zeigte sich in rotem Blut und schwarzen Fell. Dann kamen das Heulen und der knurrende Zorn, das wilde Zerren an den Fesseln, als Gerechtigkeit nach etwas suchte, gegen das er kämpfen konnte, um den Schmerz zu besiegen.
»Noch eins, Jorg«, sagte mein Vater. Er sprach leise, aber ich hörte ihn trotz des Heulens. Für einen langen Moment ergaben seine Worte keinen Sinn für mich.
Ich sagte »Nein«, gab ihm aber keine Gelegenheit, nach der Fackel zu greifen. Wenn er noch einmal die Hand nach ihr ausstreckte, würde er sie nehmen und werfen, das wusste ich.
Diesmal begriff Gerechtigkeit, was es mit dem Hammer auf sich hatte. Er wimmerte, jaulte und flehte, wie nur Hunde flehen können. Ich holte erneut aus, mit aller Kraft, aber die Tränen in den Augen machten mich halb blind, und deshalb verfehlte ich das Ziel. Der Karren klapperte, und Gerechtigkeit sprang und heulte. Jetzt waren alle Zwingen blutig, und beim gebrochenen Bein zeigten sich offen die Sehnen. Ich traf beim nächsten Schlag und zertrümmerte das zweite Vorderbein.
Die eigene Kotze überraschte mich, heiß und bitter spritzte sie mir aus dem Mund. Ich kroch darin, würgte und schnappte nach Luft. Fast hätte ich meinen Vater nicht gehört, als er sagte: »Noch eins.«
Als das dritte Bein gebrochen war, konnte Gerechtigkeit nicht mehr stehen. Er brach auf dem Karren zusammen, lag stinkend in seinen eigenen Exkrementen. Seltsamerweise jaulte oder knurrte er nicht mehr. Stattdessen beschnüffelte er mich, als ich schluchzend dalag und kaum genug Luft bekam, er beschnüffelte mich so, wie er William beschnüffelte, wenn sich mein Bruder das Knie aufschlug oder wenn sein Ehrgeiz irgendeine Enttäuschung hinnehmen musste. So sind dumme Hunde, meine Brüder. Und so dumm war ich mit sechs. Ich hatte einer Schwäche erlaubt, von mir Besitz zu ergreifen. Ich hatte der Welt einen Hebel gegeben, mit dem sie das Eisen in meiner Seele biegen konnte.
»Noch eins«, sagte mein Vater. »Er hat noch ein Bein übrig, auf dem er stehen kann, nicht wahr, Sir Reilly?«
Und dieses eine Mal blieb Sir Reilly seinem König eine Antwort schuldig.
»Noch eins, Jorg.«
Ich sah Gerechtigkeit an, wie er mit drei gebrochenen Beinen dalag und mir Tränen und Rotz von der Hand leckte. »Nein.«
Woraufhin mein Vater die Fackel nahm und sie auf den Karren warf.
Ich rollte vor den plötzlich lodernden Flammen zurück. Was auch immer mein Herz von mir verlangte, der Körper erinnerte sie an die Lektion des Schürhakens und ließ mich nicht in der Nähe bleiben. Das Heulen vom Karren ließ alle anderen Geräusche, die ich zuvor gehört hatte, banal erscheinen. Ich spreche von Heulen, aber es war Geschrei. Mensch, Hund, Pferd, bei genug Schmerz klingen wir gleich.
Ich war erst sechs, und meinen Händen mangelte es an Klugheit, aber in jenem Moment, vom Feuer fortgerollt, nahm ich den Hammer, den ich zuvor für so schwer gehalten hatte, und warf ihn ohne Mühe. Wenn sich mein Vater etwas langsamer bewegt hätte, wäre ich heute vielleicht der König zweier Länder. Doch der Hammer traf nur die Krone, er streifte und drehte sie einen Viertelkreis, prallte dann gegen die Wand hinter dem Thron, fiel zu Boden und hinterließ eine kleine Narbe im Erbauer-Stein.
Mein Vater hatte natürlich recht. In jener Nacht habe ich eine wichtige Lektion gelernt. Der Hund war eine Schwäche, und der Hundertkrieg kann nicht von einem Mann mit solchen Schwächen gewonnen werden. Auch nicht von jemandem, der dem kleineren Übel nachgibt. Man gebe einen Zentimeter nach, man gebe irgendjemandem auch nur einen Zentimeter nach, und als Nächstes hört man: »Noch eins, Jorg, noch eins.« Und zum Schluss brennt, was man liebt. Die Lektion meines Vaters war wichtig gewesen, aber das Wissen darum versetzte mich nicht in die Lage, ihm die Methode zu verzeihen, mit der er sie mir gelehrt hatte.
Eine Zeit lang auf der Straße befolgte ich die Lehren meines Vaters: Sei in allem stark und zeige kein Pardon. Auf der Straße hatte ich mit der absoluten, unerschütterlichen Überzeugung eines Kindes gewusst, dass der Thron des Reiches mir gehören würde, wenn ich mich an die harten Lektionen von Hund und Dornen hielt. Heute aber, selbst mit all dem Bösen in mir … Ich weiß nicht, ob ich meinen eigenen Sohn eine solche Lektion lehren könnte.
William brauchte solchen Unterricht nie. Von Anfang an hatte er Eisen in sich und war immer der Klügere, Überzeugtere und Grimmigere von uns beiden, trotz meiner beiden zusätzlichen Jahre. Er sagte, ich hätte den Hammer werfen sollen, kaum dass meine Finger ihn berührten, mit all meiner Kraft und gut gezielt. Dann wäre ich König geworden, und wir hätten unseren Hund behalten.
Zwei Tage später schlich ich mich von Amme und Wache fort und machte mich auf den Weg zu den Müllhaufen hinter den Ställen der Tafelritter. Ein Nordwind trug den Rest des Winters, mit einem Regen, der fast Eis war. Ich fand die Reste meines Hunds, eine stinkende, halb verkohlte Masse, schlaff, aber schwer. Ich musste ihn ziehen, aber ich hatte William versprochen, dass ich ihn begraben würde; er sollte nicht im Müll verrotten. Zwei Meilen weit zog ich ihn durch den eisigen Regen über die Straße von Rom, die leer war bis auf einen Händler, der die Planen seines Wagens zugeschnürt hatte und schlief. Ich brachte Gerechtigkeit zu dem Mädchen mit dem Hund, begrub ihn dort neben ihr im Schlamm, mit tauben Händen und dem Wunsch, auch der Rest von mir möge taub werden.
»Hallo, Jorg«, sagte Katherine. Und sonst nichts.
Nichts? Wenn ich mich an all das erinnerte, an den dunklen Weg zum Friedhof Perechaise, und wenn ich all die Jahre damit leben konnte … Was zum Teufel befand sich dann in dem Kästchen, und wie konnte ich mir dann wünschen, es zurückzubekommen?

Viele Männer sehen nicht aus, wie
sie sind. Weisheit kann
hinter einem dummen Lächeln warten, Tapferkeit
kann
aus Augen sehen, die vor Angst weinen. Bruder Rike
ist ein
einzigartiges Geschöpf, denn sein Gesicht erzählt
die ganze
Geschichte. Grobe Züge unter buschigen Brauen, die
hässliche
Fältelung von altem Narbengewebe, kleine schwarze
Augen, die
die Welt mit unpersönlicher Bosheit betrachten,
dunkles Haar,
kurz und schmutzig, darunter ein dicker Schädel.
Und selbst
wenn Gott ihm eine kleinere Gestalt gegeben hätte
und nicht die
eines Riesen mit unvernünftig vielen Muskeln, und
Schwäche
anstatt der Ausdauer mehrerer Ochsen, selbst dann
wäre Rike
der gemeinste Zwerg des Christentums
gewesen.