38
Hochzeitstag
»Statten wir Alarich einen Besuch ab?«, fragte Makin.
Ich ging weiter. Um uns herum ragten die Seiten des Passes steil auf, von Schnee und Eis verkrustet. Der schwarze Fels zeigte sich nur dort, wo der Wind ihn saubergescheuert hatte.
»Ich schätze, die Straßen zur Dänlor sind schwierig im Winter«, fügte Makin hinzu. »Aber sie wollte, dass du im Winter kommst, nicht wahr? Die junge Frau meine ich, Alarichs Tochter. Ella?«
»Elin«, sagte ich.
»Dein Großvater würde dir Schutz anbieten«, sagte Makin.
Er wusste, dass wir verloren hatten. Daran änderten auch die vielen Toten nichts, die hinter uns an den Berghängen lagen, unter Stein und Schnee.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Der Schnee, den die Lawine zurückgelassen hatte, war fest und knirschte, als er meine Fußspuren festhielt.
»Ist es schön dort? An der Pferdeküste? Wenigstens wäre es warm.« Makin schlang die Arme um sich.
Es führen zwei Wege in den Pass des blauen Mondes, wie die Zunge an der Spitze der gespaltenen Zunge einer Schlange. Durch die Lawine waren sie beide für uns geöffnet. Mit diesem Gedanken hatte ich die Hochländer ihre Donnertöpfe aufstellen lassen.
»Nun?«, fragte Makin. »Nach oben, hast du gesagt.«
Ich stapfte weiter, wandte mich nach rechts, wählte den zweiten Weg durch den Pass des blauen Mondes und ging schneller. »Jetzt sage ich ›nach unten‹. Ich habe Marten nicht umsonst aufgefordert, den Laufteil zu halten.«
Und so führte ich das überlebende Drittel der Wache durch den Pass und in das hohe Tal über dem Laufteil. Und als der Untergrund fester und weniger steil wurde … liefen wir.
Wir sahen den Rauch, bevor wir die Schreie hörten, und wir hörten die Schreie, bevor wir die Spukburg sahen. Schließlich geriet sie tief unten in Sicht, eine Insel aus Felsgestein in einem Ozean aus Pfeil-Soldaten. Die Streitmacht des Fürsten hatte die Burg ganz umgeben und griff mit Leitern, Wurfhaken-Seilen und Belagerungsmaschinen an, die Felsbrocken gegen die Vorderseite der Burg schleuderten. Ein überdachter Rammbock schmetterte gegen das Tor, und eine Legion aus Bogenschützen schickte von den Anhöhen aus ihre Pfeile über die Mauern.
Für mich sind Belagerungsmaschinen mehr Schau und eine Demonstration von Entschlossenheit als eine gute Investition von Zeit. Seht nur! Wir ziehen diese großen Apparate aus Holz und Eisen zu eurer Burg – wir meinen es ernst, wir bleiben hier! Das Hochland von Renar war vielleicht der einzige Ort weit und breit, wo genug Felsbrocken herumlagen, um eine Burg mithilfe von Bilden in einen Schutthaufen zu verwandeln, obwohl es eine halbe Ewigkeit dauern würde. Aber der Sturmbock! Er ist der König aller Belagerungsmaschinen, insbesondere dort, wo Mauern nicht untergraben werden können. Keine Mechanik, keine Gegengewichte und Verankerungen, einfach nur Kraft, die auf den schwächsten Punkt gerichtet wird, damit die eigenen Männer gegen die anderen antreten können, und genau darum geht es schließlich. Wenn man dem Gegner nicht zahlenmäßig überlegen wäre, hätte man sich gar nicht erst auf den Weg zu seiner Burg gemacht, und dann würden sich die feindlichen Soldaten nicht hinter den Mauern verbergen.
Martens Männer waren am Rand des Laufteils in Stellung gegangen, wo das Gefälle recht gering war und von unserem Tal bis zur linken Seite der Spukburg reichte. Die Anhöhe, von der Bogenschützen des Fürsten ihre Pfeile abschossen, ragte auf der anderen Seite des Laufteils empor.
Wir sahen Martens Männer, aber von weiter unten am Hang waren sie fast unsichtbar hinter den Felsen und vom Berggrau ihrer Kleidung getarnt. Doch eine große Gefahr für den Feind stellte Marten nicht da. Seine hundert Mann konnten kaum etwas gegen die dreitausend auf der Anhöhe ausrichten, selbst wenn der Gegner beim Vorrücken hohe Verluste zu beklagen hatte.
»Warum?«, fragte Makin.
»Warum spricht man von ›Laufteil‹?« Ich entschied, die falsche Frage zu beantworten. »Weil es meilenweit der einzige Ort ist, wo man ein Pferd laufen lassen kann, ohne dass es sich die Beine bricht. Ich habe dich dort oft beim Galopp gesehen.«
Makin schüttelte den Kopf. Hobbs und Keppen kamen zu uns.
»Nehmen wir das Osttor?«, fragte Hobbs.
Nur wenige wussten von den Ausfalltoren, eins im Osten und eins im Westen. Ich erinnerte mich nicht daran, Hobbs vom östlichen Tor erzählt zu haben, aber wahrscheinlich gehörte es zu seinen Pflichten, darüber Bescheid zu wissen. Immerhin hatten wir seine Wache an diesem Morgen durchs Westtor nach draußen gebracht.
»Ja«, sagte ich.
Den Rest der Strecke legten wir mit großer Vorsicht zurück, hielten uns dicht an der Talwand und übereilten nichts. Die Bogenschützen blieben auf ihre Ziele in der Burg konzentriert, auf die Verteidiger, die sich hinter den Zinnen duckten. Wir erreichten Marten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.
»König Jorg.« Marten hatte sich seinen ländlichen Akzent bewahrt, trotz der vier Jahre am Hof. Er stand im Zugang des Ausfalltors, eine Spalte breit genug für einen Reiter. Die Felsen darüber wirkten normal, doch ein erfahrener Beobachter erkannte, dass sie angeordnet waren, damit sie leicht herabstürzen und den Zugang zum Ausfalltor blockieren konnten. Ein besonderer Geruch hing in der Luft. Ich bemerkte, wie Makin die Nase rümpfte und die Stirn runzelte.
»Hauptmann Marten«, sagte ich. »Wie ich sehe, habt Ihr den Laufteil gegen alle Schwierigkeiten gehalten!«
Er lächelte nicht, als er diese Worte hörte. Meines Wissens hatte Marten noch nie gelächelt. Es sähe seltsam aus, ein Lächeln in seinem Gesicht, das lang war wie der Rest von ihm, und grau wie das kurze Haar über den Augen.
»Der Feind hat kein Interesse daran gezeigt, uns dieses Gelände zu nehmen«, erwiderte er. »Vielleicht weiß er gar nicht, dass wir hier sind.«
»Umso besser«, sagte ich. »Keppen, führt die Wache zur Burg zurück.«
Keppen trat in die Spalte, und die Männer der Wache folgten ihm. Ein Weg von drei- oder vierhundert Metern lag vor ihnen, der größte Teil davon durch natürliche Höhlen, vor langer Zeit von Bächen ausgewaschen, die letzten hundert Meter durch einen Tunnel, den Männer mit Spitzhacken und Kerzen angelegt hatten.
Ich sah auf die Uhr an meinem Handgelenk; allmählich gewöhnte ich mich wieder daran. Viertel nach zwei.
»Kommt mit«, forderte ich Marten auf. Makin und Hauptmann Harold folgten mir ebenfalls.
Wir schlichen zu den Felsen, die uns vor den Blicken der Soldaten weiter unten verbargen, und krochen zu einer Stelle, von der aus wir die Bogenschützen auf der Anhöhe sehen konnten. Ich schob die Armbanduhr unter den Ärmel – man sollte besser ein Funkeln vermeiden, wenn man unbeobachtet bleiben möchte.
»Es sind viele«, sagte Makin.
»Ja.« Es stimmte zweifellos. Selbst wenn man die Fußsoldaten unberücksichtigt ließ: Allein mit den Bogenschützen standen dem Fürsten von Pfeil viermal so viele Männer zur Verfügung, wie ich unter Waffen hatte.
Wir hielten Ausschau. Die Schützen ließen keine Pfeile auf die Burg regnen. Sie wählten nur gelegentlich ein Ziel und sorgten dafür, dass die Verteidiger den Kopf unten hielten. Sie konnten einen Hagel aus Pfeilen schaffen, sollte das notwendig werden, aber warum gute Pfeile vergeuden?
Wir beobachteten.
»Faszinierend«, sagte Makin.
»Warte«, sagte ich und warf erneut einen Blick auf die Uhr.
»Worauf sollen wir …« Makin sprach nicht weiter. Ein dunkler Fleck breitete sich unter der Anhöhe aus.
»Was ist das?«, fragte Harold.
Die Reihen der Bogenschützen brachen auf. Eine Woge der Verwirrung erfasste ihre Formation.
»Trolle«, sagte ich.
»Was?«, entfuhr es Makin. »Wie? Wer? Wie viele?«
Aus dieser Entfernung konnte man keine Einzelheiten erkennen, aber es sah nach einer ziemlich üblen Sache aus. Die Felsen wurden rot.
Makin schlug sich mit der Faust auf die Hand. »Ich habe sie bei der Spalte gerochen. Den gleichen Geruch hattest du an dir, als Gorgoth dich an jenem Tag nach unten trug.« Seine Stirn wurde wieder kraus. »Ich schätze, das erklärt all die Ziegen, die wir gekauft haben. Das mit dem Durchhalten bei einer langen Belagerung ergab nie viel Sinn.«
»Gorgoth brachte sie nach Süden«, sagte ich. »Ich habe ihnen Schutz in den Matteracks angeboten, aber es waren vermutlich die angebotenen Ziegen, die unsere Vereinbarung besiegelten. Hundertzwanzig hat er dabei. Sie haben Tunnel gegraben und getarnte Ausgänge unter dem Kamm dort geschaffen.«
Marten lächelte fast. »Deshalb wolltet Ihr nicht auf mich hören, als ich Euch bat, die Anhöhe zu verteidigen.«
»Sie können nicht gewinnen«, sagte Makin. »Hundert genügen selbst dann nicht, wenn es Trolle sind!«
»Nein. Aber sieh nur, was für ein Durcheinander sie anrichten. Wie Maical sagen würde: Es hilft, den Elefanten der Überraschung auf der eigenen Seite zu haben.« Ich rutschte in den Schatten des Felsens zurück. »Also gut, lasst uns gehen.«
Marten kam zu mir. »Warum jetzt? Und wie habt Ihr es gewusst?«
»Ah. Ihr solltet fragen, wie Gorgoth es gewusst hat. Eine Stunde nach der Lawine, habe ich ihm gesagt, und er war einverstanden. Aber wie zum Teufel wusste er, wann es zu der Lawine kam?«
Die letzten Männer der Wache verschwanden im dunklen Ausfalltor.
»Ihr müsst hier durchhalten, Marten«, sagte ich. »Komme, was da wolle.«
»Wir halten durch«, sagte Marten. »Ich vergesse nicht, was Ihr getan habt, und meine Männer folgen mir.«
Es schien eine kleine Sache zu sein, das, was ich getan hatte. Ein Spielzeug und etwas gegen die Schmerzen, damit ein Mädchen ohne großes Leid aus dem Leben scheiden konnte. Ich hatte es nicht einmal aus gutem Grund getan.
Makin legte Marten die Hand auf die Schulter, als er an ihm vorbeiging. Etwas verband sie, diese beiden Männer. Der Verlust von Töchtern. Ich sah, wie tief die Verbindung reichte, so tief, dass ich Makin ein halbes Leben gekannt hatte, bevor er davon sprach. Ich fragte mich, ob es in mir Platz für solche Gefühle gab oder ob ich nur der clevere, oberflächliche Junge war, den viele Leute in mir sahen. Diese Männer trugen tote Töchter durch die Jahre. Ich hatte ein totes Kind, dessen Namen ich nicht kannte und das mir folgte, weil meine Schultern nicht die Bürde der Schuld tragen wollten. So klein das Kupferkästchen auch sein mochte, es schien ein ziemlich großes Gewicht zu enthalten, vielleicht ein zu großes für mich.
Wir traten durch den Felsspalt und folgten dem Verlauf eines Weges, der durch jahrelange Benutzung glatt geworden war. Ich nahm eine Laterne aus der Nische dicht hinter dem Zugang, und ihr Licht wurde heller, als ich die Hand um den Griff schloss. Mein Herz schlug schneller. Diese Magie begleitete mich, seit Gog mich verbrannt hatte. Ich dachte an Ferrakind, dessen Schicksal mir ein warnendes Beispiel bot – von jenen Pfaden sollte ich mich besser fernhalten.
Gelegentlich blieb ich stehen und betrachtete die steinernen Wälder, die sich rechts und links erstreckten. Stalagmiten und Stalaktiten hatte Lundist sie genannt, obwohl er nur Bilder in Büchern gehabt hatte, und die sahen ehrlich gesagt ziemlich langweilig aus. Ich bin mir nicht sicher, wo der Unterschied liegt, vielleicht heißen die großen Stalagmiten. Lundist meinte, sie wachsen, aber das habe ich nie beobachten können. Eins weiß ich: Im Licht von Flammen und unter dem immensen Gewicht eines Berges sind sie von einer Schönheit, die sich kaum beschreiben lässt.
Für lange Momente hielten mich die Wunder des lebenden Gesteins in ihrem Bann, und als sie mich entließen, war ich allein auf einer Insel des Lichts im Dunkeln. Rasche Blicke über den Weg bestätigten es. Keine Männer der Wache, keine Brüder, nicht einmal Schritte in der Ferne.
Hier stimmt was nicht.
»Jorg.« Sageous trat hinter einer steinernen Säule hervor, und das Licht in ihm schrieb seine Tätowierungen an die Wände. Dort bewegten sich die Zeichen, glitten umher, krochen über alle Wölbungen der Höhle.
»Heide.« Ich sah ihm in die Augen. »Hast du vielleicht noch mehr Kirchenleute, die getötet werden müssen?«
Er lächelte. »Du bist so schwer zu erreichen gewesen, Jorg. Eine dichte Dornenhecke umgibt alle deine Träume.« Er runzelte die Stirn. »Oder ist es ein Kästchen? Ein Kästchen aus Kupfer, Jorg? Eine andere Hand ist hier im Spiel. Jemand hält dich von mir fern.«
Ich hielt die Hände still und sah ihm weiterhin in die Augen, aber ich spürte das Gewicht an meiner Hüfte, und sein Blick glitt dorthin.
»Interessant«, sagte er. »Aber macht weiter nichts. Jetzt, da wir uns nahe sind, kann ich dich wieder berühren.«
»Bist du gekommen, um mit mir zu spielen, Heide? Um mich auf den von dir gewählten Weg zu setzen?« Ich zog mein Schwert, was ihn allerdings nicht zu beeindrucken schien. »Oh, lass mich raten … Du bist gar nicht da?«
Wieder das Lächeln. Sageous neigte den Kopf, nur ein bisschen, einen Zentimeter, mehr nicht. »Ich bin außerhalb deiner Reichweite, Jorg, und du folgst noch immer dem Weg, auf den ich dich vor langer Zeit gesetzt habe. Einzig die Art deines Todes kannst du wählen. Ich habe dir Katherine genommen. Sie hätte dich stark gemacht. Yin und Yang, wenn du so willst. Und jetzt bist du schwach, und ihre Hilfe legt mir einen Pfeil in die Hand, den ich auf ein beliebiges Ziel richten kann.«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf, trat einen Schritt auf ihn zu und achtete darauf, wohin ich den Fuß setzte.
In den Höhlen kann ein falscher Schritt dazu führen, dass man sich am Ende eines langen Falls alle Knochen bricht. Doch welche Schritte ich auch machte, der Heide hatte bereits Zweifel an ihnen in mir gesät. Er trug den Zweifel mit sich, Zweifel an einem selbst, an den Motiven, jene Art von Ungewissheit, die einen Mann wie Krebs zerfrisst.
»Nein«, wiederholte ich und suchte nach Zuversicht. »Hämische Freude und sich zu brüsten, das ist etwas für Narren. Wenn ich wirklich deinem Weg folgen würde, wärst du nicht hier, um es mir unter die Nase zu reiben.« Ich richtete die Spitze meines Schwerts auf Sageous. »Vielleicht hat das sanfte Steuern nicht so gut funktioniert, wie du gehofft hast. Vielleicht bist du gekommen, um mit etwas mehr Nachdruck zu steuern und mich von meinem Weg abzubringen. Wie gesagt, sich zu brüsten, bleibt Narren vorbehalten, und ich habe dich nie für einen Narren gehalten.«
Das Licht flackerte über seine Haut. »Du kannst nicht gewinnen, Junge. Du kannst nicht gewinnen. Warum also bist du noch hier? Was planst du? Wo versteckst du deine Geheimnisse?« Sein Blick kehrte zum Kästchen zurück, obwohl es nur eine kleine Beule an meiner Hüfte bildete.
Ein schneller Schritt, und ich stieß die Klinge nach vorn. Sageous zischte, als sie ihn traf, aber das Schwert stieß auf nicht mehr Widerstand als den seines Umhangs.
»Ich bin nicht hier!« Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er seinen Worten Nachdruck und damit Wahrheit verleihen. Und dann war er weg.
»Jorg?« Makin stand neben mir, mit krauser Stirn und einer Hand auf meinem Arm. »Jorg?«
»Hab mit offenen Augen geträumt.« Ich schüttelte den Kopf. »Geh vor!«
Die Tunnel der Ausfalltore führen in verschiedene Keller der Spukburg, und ihre Ausgänge sind als große Weinfässer getarnt. Ich bahnte mir einen Weg nach vorn und fand Hobbs.
»Unternehmt etwas gegen den Rammbock«, sagte ich. »Er scheint gut geschützt zu sein, aber müde Männer können ihn nicht mit genug Kraft gegen das Tor stoßen. Erschießt ein paar von den Mistkerlen, wenn sie abgelöst werden. Außerdem werdet ihr feststellen, dass derzeit nicht viele Pfeile in unsere Richtung geschickt werden. Die Soldaten beschränken sich noch darauf, Felsbrocken zu werfen. Nutzt das aus und tötet möglichst viele von ihnen.«
Ich ging zum Hof, wo meine Einberufenen, Untertanen, Fahnenträger und Kämpfer auf mich warteten, dicht gedrängt, eine Reihe hinter der anderen. Ritter aus Morrow auf der linken Seite des Fallgatters, mit glänzenden Rüstungen und Schwertern in den Händen. Rechts noch mehr Ritter, mit Plattenpanzer, die adligen Söhne von Hodd, meiner Hauptstadt in einem der Täler weiter im Norden. Zweifellos waren sie hier, um die Gunst des Königs und Ehre für ihre Familien zu erringen. Hauptsächlich junge Männer, weich von Gold und eher an Lanzen und Turniere gewöhnt als an Blut und Tod. Ich erkannte Sir Elmar von Golden unter ihnen, seine Rüstung so glänzend, wie der Name versprach. Ein echter Krieger, dieser Mann, trotz des Aufputzes.
Sie wirkten durchaus eindrucksvoll. Auf dem Rundgang und den Treppen standen dicht beieinander Armbrustschützen von der Westfast, unter dem Befehl von Lord Scoolar, harte Männer mit wettergegerbten Gesichtern. Direkt vor dem splitternden Tor warteten Spuk-Männer, zähe Kämpfer aus den Bergen, in Leder und Eisen gekleidet, die Äxte geschärft, die runden Holzschilde mit Ziegenleder bespannt. Hinter ihnen sah ich Krieger von der Fernen Kette, an ihren Eisenhelmen Muster aus Silber und Zinn, jeder von ihnen mit Hammer und Beil bewaffnet. Und ganz hinten, vor der Mauer, standen Schildtänzer aus Cennat, ihre Kriegsschilde größer als ein Mann.
Ich schritt unter ihnen, mit Makin an meiner Seite, ich ging im Gestank und im Gedränge der vielen Männer, roch dabei die Anspannung in der Luft, süß und sauer zugleich. Worte hatte ich nicht für sie, auch keine königlichen Gesten, keine Rede, um die Schreie jenseits der Mauer und das Donnern des Sturmbocks zu übertönen. Wenn man mit Brüdern kämpft, so bindet man sie mit Wort und Tat. Wenn man mit Untertanen in den Kampf zieht, so ist man eine Gestalt, eine Idee, ein Konzept. Männer sterben für viele Dinge; mit Sorgfalt gehortete Leben können für die seltsamsten Gründe ins Feld geführt werden. Was uns hier verband, uns Männer des Hochlands, war Trotz. Wenn man Männer zu sehr unter Druck setzt, leisten sie schließlich Widerstand und stellen sich auf die Hinterbeine. Alle Männer erreichen einen Punkt, an dem sie »Nein« sagen, wenn auch nur aus dem Grund, dagegen zu sein, und weil das Wort in den Mund passt und ebenso gut schmeckt, wie es klingt. Und im Hochland, umgeben von diesen Bergen, wachsen Männer heran, die nicht einen einzigen Zoll ohne Trotz nachgeben.
Ich ging zwischen den Männern des Hochlands, den alten und jungen. Einige trugen Bärte, andere hatten glatte Wangen. Einige Gesichter waren blass, andere rötlich, und ich sah so manche zitternde Hand. Schließlich erreichte ich das Fallgatter, in Eisen gebundene Balken, deren Holz zu splittern begonnen hatte, weil von der anderen Seite der Rammbock dagegenschmetterte – ich hörte die zornigen Rufe der hundert Soldaten, die ihn immer wieder gegen das Tor stießen. Meine Finger fanden den Griff des Messers, und ich zog es. An die unverbrannte Wange gehalten, fühlte sich die Klinge kalt wie Eis an. Erneut ächzte vor mir das Fallgatter unter der Wucht des Sturmbocks. Soldaten des Fürsten schrien und starben, als Pfeile auf sie herabregneten. Das Messer schnitt durch Haut, weich wie ein Kuss. Ich nahm das Blut mit dem Finger und strich es auf die Balken vor mir. Dann kehrte ich dem Tor den Rücken zu, ging vor meinen Männern in die Hocke und malte eine rote Linie auf die Steinplatten. Ich richtete mich auf, trat vor und berührte bestimmte Krieger, die eifrigen unter ihnen, in denen ich ein Echo meines eigenes Wunsches gefühlt hatte, die das Tor ebenso offen wollten wie die Soldaten am Rammbock.
»Königsblut!« Sir Elmar von Golden hob seine Axt. Mein Finger hatte einen scharlachroten Fleck an seinem Helm hinterlassen.
»Königsblut!« Ein haariger Spuk-Mann drückte den Handballen auf das Rot, das ich ihm auf der Stirn hinterlassen hatte. »Königsblut!« Ein Cennat-Tänzer hob den großen Schild, auf dem mein roter Handabdruck den weißen Mond seines Geschlechts zierte.
»Königsblut!«
Der donnernde Ruf folgte uns durch die Burg. Ein König ist ein Siegel, kein Mann, sondern eine Idee. Ich glaube, meine Streitmacht hatte diese Idee jetzt verstanden.
Zusammen mit Makin suchte ich den Thronraum auf und rief dort nach meinen Tafelrittern, nach dem Roten Kent und nach Lord Jost, dem Hauptmann des Kontingents vom Hause Morrow.
Lord Jost kam als letzter, mit einem weiteren Ritter und Miana. Königin Miana sollte ich sie wohl nennen. Sie trug noch ihr Hochzeitskleid, allerdings ohne Schleppe und Schleier, dafür aber einen perlenbesetzten Schal, der vor der Kälte schützte. Dass sie an meinem Kriegsrat teilnahm, schien Lord Jost mit Unbehagen zu erfüllen.
»Meine Herren«, sagte ich. »Mylady.«
Ich setzte mich auf den Thron. Besser gesagt, ich ließ mich darauf fallen. Die Beine freuten sich darüber, mein Gewicht nicht mehr tragen zu müssen. Ich hatte mehr Laufen und Klettern hinter mir, als mir lieb war; eine ganze Woche hätte ich schlafen können.
»Wie viele Soldaten hast du getötet, und wie groß waren deine Verluste?«, fragte Miana. Die Männer hatten darauf gewartet, dass ich das Wort ergriff. Sie hielt das nicht für nötig. Ich hätte dieselbe Frage gestellt.
»Der Feind hat etwa sechstausend Mann verloren, und wir zweihundert«, sagte ich.
»Dreißig zu eins. Besser als die erforderlichen zwanzig zu eins.« Zu hören, wie Miana mit hoher, süßer Stimme Tote gegeneinander aufrechnete … Es erschien mir nicht richtig.
»Ja, aber es waren zweihundert meiner Besten, und ich habe alle Trümpfe ausgespielt.«
»Und Kanzler Coddin ist nicht zurückgekehrt«, fügte Miana hinzu. Für ein so junges Mädchen war sie erstaunlich gut informiert.
Bei diesen Worten fühlte ich einen seltsamen Schmerz. Erneut sah ich Coddin in dem Grab, das wir für ihn angelegt hatten. »Er ist sicherer als wir«, sagte ich. Wahrscheinlich würde er auch länger leben. Ein langsamer Tod.
Ein Bediensteter näherte sich. Ich nahm einen Becher mit verdünntem Wein und einen Teller mit Brot und Ziegenkäse entgegen.
»Und deine Pläne?«, fragte Miana.
Ich schürzte die Lippen. »Wir müssen in Stein und Mörtel vertrauen und hoffen, dass in der Zeit, die wir durch sie gewinnen, das Schicksal beschließt, uns ein Lächeln zu schenken.« Der Wein schmeckte köstlich; nach nur einem Schluck wurde mir schwindelig.
»Vielleicht schickt uns mein Schwiegervater Hilfe«, sagte Miana, ihr Lächeln schwach und viel zu alt für sie.
»Etwas in der Art hoffe ich ebenfalls«, erwiderte ich.

Bruder Rikes Kraft kommt nicht aus
den dicken Muskeln an
seinen Knochen, sondern wächst aus seiner
Fähigkeit, das
Unbelebte zu hassen.