27

Hochzeitstag

Schnick, und das Kästchen öffnet sich. Erinnerungen bringen mich zum Wald von Rennat zurück, und ich stehe wieder zwischen den Grabsteinen und wilden Blumen, im Sonnenschein des Frühlings.

»Jedenfalls, ich habe mein Herz einem guten Mann geöffnet«, sagt Katherine.

»Wen meinst du?«, frage ich.

»Prinz Orrin«, antwortet Katherine. »Den Fürsten von Pfeil.«

»Nein«, sage ich. Eigentlich will ich gar nichts sagen, aber das Wort findet einen Weg aus meinem Mund. Ich möchte kein Interesse bekunden, keine Schwäche verraten, doch hier läuft nichts wie geplant, und es sind Pläne, bei denen ich gut bin.

»Nein?«, wiederholt sie. »Du erhebst Einwände? Möchtest du vielleicht einen Vorschlag machen, oder gar einen Antrag? Dein Vater ist mein Vormund. Du solltest zu ihm gehen und die Angelegenheit mit ihm besprechen.«

Es sollte nicht so geschehen, nicht auf diese Weise. Es gab sonst niemanden, der dies mit mir anstellte. Nicht Serra, die mich als Kind fast in die Irre geführt hatte, nicht Sally, gekauft und bezahlt, auch nicht Renars Dienstmädchen, die Hofdamen oder gelangweilten Ehefrauen von Adligen oder hübschen Bauernmädchen, ebenso wenig die Frauen auf der Straße, die die Brüder nahmen und teilten, keine von ihnen.

»Ich will dich«, sage ich. Es sind harte Worte, sie haben eine hässliche Gestalt, sie hinterlassen meinen Mund unbeholfen und halb entstellt.

»Wie romantisch«, sagt sie. Ihr Spott schmerzt. »Du magst mich, weil ich deinem Auge gefalle.«

»Du gefällst nicht nur meinem Auge«, erwidere ich.

»Würdest du Sareth töten?«, fragt Katherine. Für einen Moment denke ich, dass sie eine Bitte an mich richtet. Dann fällt mir ein, dass sie nicht ist wie ich.

»Vielleicht … Gefällt sie meinem Vater?« Ich frage nicht, ob er sie liebt, denn mein Vater hat nie geliebt. Und ich lüge nicht. Wenn es meinen Vater schmerzen würde, sie zu verlieren … Dann wäre ich vielleicht bereit, Sareth zu töten.

»Nein. Ich glaube, Olidan gefällt gar nichts. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was ihm gefallen könnte. Obwohl er an jenem Tag lachte, als du Galen getötet hast«, sagt Katherine.

»Ich könnte Sareth töten, falls du dich irrst oder sie zu schützen versuchst«, sage ich. Ich weiß nicht, warum ich sie nicht belügen kann. »Aber wahrscheinlich sprichst du die Wahrheit. Mein Vater hat in dieser Welt wenig gefunden, das ihn nicht enttäuscht.«

Sie tritt auf mich zu, und obgleich sie näher kommt, wächst die Distanz in ihren Augen. Ich nehme ihren Geruch wahr, Flieder und weißen Moschus.

»Du hast mich geschlagen, Jorg«, sagt sie.

»Du wolltest mich erstechen.«

»Du hast mich mit der Vase meiner Mutter geschlagen.« Ihre Stimmt klingt verträumt. »Und dabei zerbrach sie.«

»Tut mir leid«, sage ich. Und die seltsame Wahrheit lautet, es tut mir tatsächlich leid.

»Ich wurde nicht erschaffen, um dies zu sein.« Ihre Hand sucht etwas, das sich in den Falten ihres Reitgewands verbirgt, unter verblassendem Samt. »Ich wurde nicht als Trophäe erschaffen, um die Fürsten und Prinzen kämpfen, oder als Behälter, in dem ihre Kinder heranwachsen. Verdammt. Würde es dir gefallen, eine Trophäe zu sein? Oder nur zu existieren, um Kinder zu gebären und großzuziehen?«

»Ich bin keine Frau«, sage ich. Es sind meine Lippen, sie füllen die Pause, während mir die Fragen – beziehungsweise die neuen Bilder, die Katherine von sich malt – durch den Kopf gehen.

Ich sehe, wie sie ein Messer unter ihrem Gewand hervorholt. Eine lange Klinge wie jene, die durch Lücken in Rüstungen gestoßen werden, wenn man seinen Gegner in die Enge getrieben hat. Aber nicht ganz so robust. Diese Klinge würde brechen, wenn sich der Mann in der Rüstung bewegt, und vielleicht würde sie nicht das Herz erreichen. Eigentlich soll ich das Messer gar nicht sehen. Die Augen soll ich sehen, den Mund, das Heben und Senken der Brust, aber ich sehe oft mehr, als ich soll.

»Kann ich nicht etwas mehr für mich wollen?«, fragt sie.

»Das Wollen ist frei.« Ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Nur gelegentlich berührt mein Blick das Messer. Katherines Augen sehen mich nicht. Ich glaube, sie weiß gar nicht, was ihre Hände tun: die rechte um das Heft des Messers geschlossen, die linke auf dem Bauch, gekrümmt wie eine Klaue, als wollte sie sich den Leib aufreißen.

»Muss ich ein Ungeheuer sein? Ist es mir bestimmt, eine neue Königin von Rot zu werden und …«

Ich packe das Handgelenk, als sie das Messer nach mir stößt. Sie ist stärker, als ich dachte. Wir sehen beide auf meine Hand hinab, dunkel an ihrem weißen Handgelenk, und auf die dünne Klinge, die nur wenige Zentimeter von meinen Lenden trennen.

»Ein Schlag unter die Gürtellinie.« Ich drehe ihren Arm, aber sie lässt das Messer fallen, bevor ich sie dazu zwinge.

»Was?« Mit offenem Mund starrt sie auf ihre Hand und dann auf meine.

»Du lässt es dir zur Gewohnheit werden, mich erstechen zu wollen«, sage ich. Bitterkeit steigt in mir auf. Ich schmecke sie.

»Ich habe unser Kind getötet, Jorg.« Ihr Lachen ist zu schrill, zu wild. »Ich habe es getötet. Mit einer bitteren Pille, die ich von Saraem Wic bekam. Sie lebt hier.« Katherine dreht ruckartig den Kopf, als rechnete sie damit, das alte Weib zwischen den Bäumen zu sehen.

Ich habe von Saraem Wic gehört und gesehen, wie sie ihre Kräuter und Pilze sammelt. Einmal bin ich zu ihrer Hütte geschlichen, fast nahe genug, um durchs Fenster zu sehen. Aber ich wollte nicht näher heran. Es roch nach verbranntem Hund. »Wovon redest du da?«, frage ich. Katherine ist wunderschön. Sie scheint es zu bedauern, eine Frau zu sein, aber hier vergesse ich selbst das Messer auf dem Boden, das Messer, das sie mir fast in den Leib gestoßen hätte. Ich vergesse es wegen der Wölbung ihres Halses, wegen der zitternden Lippen. Das Verlangen macht Männer zu Narren.

»Du hast mich geschlagen, und dann hast du mich genommen. Du hast deine Saat in mir hinterlassen.« Sie spuckt. Die Spucke verfehlt mein Gesicht, trifft aber mein Haar und befeuchtet das Ohr. »Und ich habe mich von ihr befreit. Mit einer bitteren Pille und einer brennenden Paste.«

Sie lächelt, und jetzt erkenne ich den Hass. Sie sieht mich deutlich, hält den Kopf gesenkt, das Haar umrahmt ihre dunklen Augen. Sie zeigt die Zähne und fordert mich heraus.

Ich erinnere mich daran, wie sie dalag, im saphirblauen Tümpel ihres Gewands. Ohnmächtig. Die Stimme der Dornen  – vielleicht meine, vielleicht Corions, oder eine Mischung aus beidem – forderte mich auf, sie zu töten. Mein Vater wäre diesem Rat gefolgt. Immer ganz hart, nie Schwäche zeigen. Das Verlangen macht Männer zu Narren. Aber ich habe sie nicht getötet. Die Stimme lud mich auch dazu ein, sie zu vergewaltigen. Sie einfach zu nehmen. Aber ich habe nur ihr Haar berührt. Was ich wollte, konnte ich mir nicht einfach nehmen.

»Hast du nichts zu sagen, Jorg?« Sie spuckt erneut, und diesmal trifft sie mein Gesicht. Ich blinzele. Warmer Speichel kühlt meine Wange. Katherine will, dass ich zornig werde. Es ist ihr gleich, was ich tun könnte. »Ich habe dein Kind aus mir herausgeblutet. Es war ein Junge, so groß, dass er schon sehen konnte.«

Und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was könnten Worte bewirken? Ich würde mir selbst nicht glauben. Ich muss meinen Erinnerungen vertrauen – in der Vergangenheit hat man ihnen das eine oder andere genommen, aber nie etwas hinzugefügt –, aber wer sonst würde Jorg von Ankrath einen Vertrauensbonus geben? Ich nicht.

Ich drehe Katherine die Arme auf den Rücken und führe sie über den Friedhof, in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Weiße Abdrücke zeigen sich dort, wo meine Finger ihre Haut berührten. Habe ich so fest zugegriffen? In meiner Vorstellung habe ich sie oft berührt, aber dies fühlt sich an, als hätte ich etwas Kostbares zerbrochen und als trüge ich die einzelnen Stücke in dem Wissen, dass sie nicht wieder zusammengesetzt werden können.

»Willst du es noch einmal tun?« Der Zorn ist aus ihr verschwunden. Sie klingt verwirrt.

»Nein«, sage ich.

Wir gehen weiter. Brombeergestrüpp verfängt sich an ihrer Kleidung. Die Absätze der Reitstiefel hinterlassen tiefe Abdrücke, eine Spur, der selbst ein Blinder folgen könnte. »Ich habe mein Pferd angebunden zurückgelassen«, sagt sie. Dies ist nicht die Katherine, die ich an jenem Tag auf dem Boden zurückgelassen habe. Jene Katherine war scharfsinnig und clever; diese ist benommen, als wachte sie gerade auf.

»Ich werde den Fürsten von Pfeil heiraten«, sagt sie und dreht den Kopf, um einen Blick über die Schulter zu werfen.

»Ich dachte, du wolltest keine Trophäe sein«, erwidere ich.

Sie wendet den Blick ab. »Wir können nicht immer bekommen, was wir wollen.«

Ich brauche sie und frage mich, ob ich bekommen kann, was ich benötige.

Wir gehen schweigend, bis vor uns der Rote Kent aus dem Dickicht tritt. Er trägt mein Schwert über der Schulter. »König Jorg.« Er nickt. »Mylady.«

»Bring sie zu Sir Makin«, sage ich und lasse Katherine los.

Kent bedeutet ihr, über den Weg zu gehen, den er bewacht hat. »Ihr soll nichts geschehen, Kent. Behalte vor allem Row und Rike im Auge. Sag ihnen, dass du meine Erlaubnis hast, ihnen die Körperteile abzuschneiden, die sie berühren. Und verlegt das Lager. Wir haben eine Spur von hier nach dort hinterlassen.« Ich gehe fort.

»Wohin willst du?«, fragt Katherine.

Ich bleibe stehen, drehe mich um und wische mir ihre Spucke von der Wange. »Wer hat dich gefunden?«

»Was?«

»Wer hat dich gefunden, nachdem ich dich geschlagen habe?«, frage ich. »Ein Mann befand sich in der Nähe, als du wieder zu dir kamst.«

Sie runzelt die Stirn. Ihre Finger berühren die Stelle, an der die Vase zerbrach. »Friar Glen.« Zum ersten Mal sieht sie mich mit ihren alten Augen, klar, grün und scharf. »Oh.«

Ich gehe fort.

 

Schnick, und einen Herzschlag später schnappt der Deckel wieder zu. Geschlossen ruht das kupferne Kästchen zwischen meinen tauben Fingern.

Wieder der Berghang, knietiefer Schnee. Mein Schienbein schmerzt. Ich bin über einen Spaten gestolpert.

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Es gibt Männer, die zum Berg gehen, und es gibt andere
Männer, die der Berg sind. Ich mag Gorgoth nicht Bruder
nennen, aber er wurde aus den Eigenschaften geschmiedet,
die mir fehlen.