30

Vier Jahre zuvor

Meine Ungeheuer hatte ich im Norden gelassen – Gog und Gorgoth  –, doch meine Dämonen nahm ich mit nach Süden.

 

Auf unserer Reise nach Süden kamen wir gut voran. Wir überquerten den Reim an Bord eines dieser klapprigen Kähne, die ich auf dem Weg nach Norden belächelt hatte. Für mich war es eine interessante Erfahrung: meine erste Reise auf dem Wasser, nicht hindurch oder darüber hinweg. Die Pferde drängten sich in ihrem Pferch nervös aneinander. Es dauerte nur wenige Minuten, den Kahn an einem Seil zum gegenüberliegenden Ufer zu ziehen, und ich verbrachte diese Zeit damit, mich über die Reling zu beugen und den funkelnden Fluss zu beobachten. Ich dachte an den Kapitän, einen bulligen, schwitzenden Mann, und die drei Matrosen in seinen Diensten. Wie mochte es sein, das ganze Leben auf einem breiten Strom zu verbringen, der einen innerhalb weniger Stunden zum Meer bringen konnte? Das Schiff Meile um Meile zu ziehen, Hunderte in einem Monat, und sich nie weiter als auf Rufweite vom Ausgangspunkt zu entfernen?

»Erinnere mich noch einmal«, sagte Makin, als wir am anderen Ufer an Land gingen. »Warum kehren wir nicht einfach zur Spukburg zurück, wo wir – zumindest du – wie Könige leben können? Warum sollen wir stattdessen die halbe Welt durchqueren, um Verwandte zu besuchen, die du nie gesehen hast?«

»Einige von ihnen habe ich durchaus gesehen. Ich bin nur nie dort gewesen, wo sie wohnen.«

»Und warum machen wir uns jetzt auf den Weg? Hast du das Hochland erobert, damit Coddin es für dich regieren kann?«, fragte Makin.

»Meine Familie hatte immer viel für Verwalter übrig«, sagte ich.

Daraufhin lächelte Makin.

»Aber wir machen uns auf den Weg, weil wir Freunde brauchen«, sagte ich. »Jeder Hinz und Kunz an Wahrsager sagt mir, dass der Fürst von Pfeil für den Thron des Reiches bestimmt ist. Wenn das auch nur zum Teil stimmt, wird er über kurz oder lang das Hochland von Renar überrollen, und nach der Begegnung mit ihm befürchte ich, dass es uns sehr schwer fallen würde, ihn aufzuhalten. Trotz meiner legendären Freundlichkeit scheine ich heutzutage die halbe Welt überqueren zu müssen, um jemanden zu finden, der mir in einer Zeit der Not helfen kann.«

Das stimmte durchaus, aber es ging mir nicht nur ums Reich und seinen Thron, sondern auch – und vielleicht vor allem – darum, ein Mitglied meiner Familie zu finden, dem es nicht danach verlangte, mich zu töten. Es heißt, dass gewisse Dinge im Blut liegen. Als ich älter wurde und mich mit den Dingen zu beschäftigen begann, die in meinem Blut liegen, aus denen ich bestehe, fühlte ich immer deutlicher das Bedürfnis, die Verwandten meiner Mutter kennenzulernen, vielleicht um mich davon zu überzeugen, dass nicht alles von mir schlecht ist.

Wir kamen durch die Vorläufer der Aupen, Berge, die die Matteracks sowohl in Größe als auch in Anzahl weit übertrafen. Zahllose weiße Gipfel reichten durch viele Länder von Osten nach Westen – Roms große Mauer. Der junge Sim fand sie faszinierend und beobachtete sie so hingebungsvoll, dass es den Anschein hatte, als könnte er jeden Moment von seiner Stute fallen.

»Niemand kann solche Höhen erklettern«, sagte er.

»Hannibal brachte Elefanten auf die andere Seite«, erwiderte ich.

Falten bildeten sich in Sims Stirn und verschwanden wieder. »Oh, Elefanten«, sagte er.

Bis zu jenem Moment war mir nicht klar gewesen, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, was Elefanten waren. Selbst in Dr. Taproots Zirkus gab es keine Elefanten. Sim dachte vielleicht, dass sie wie Affen kletterten.

Wochenlang ritten wir an den gesetzlosen Rändern kleiner Königreiche und folgten dabei dem Verlauf weniger häufig benutzter Wege. Sieben ist eine gefährliche Zahl für Männer auf Reisen. Nicht so wenige, dass man unbemerkt bleibt, und nicht so viele, dass man sich sicher wähnen kann. Dennoch, wir sahen ziemlich schlimm aus. Vielleicht nicht so schlimm, wie wir wirklich waren, aber schlimm genug, um Räuber zu entmutigen, die uns vielleicht beobachteten. Es hilft auch, arm auszusehen. Gut, wir hatten Pferde, Waffen und Rüstungen, aber nichts davon versprach reiche Beute, zweifellos keine Beute, die reich genug wirkte, um es mit Rike und Makin aufzunehmen.

Die Vorberge der Aupen erstreckten sich am Rand von Teutonien, säumten lange, leere Täler mit Wänden aus geborstenem Gestein. Schreckliches war dort vor langer Zeit geschehen. »Interdiktion« nannte man es, und selbst heute wächst nur wenig im bitteren Staub. In der Ödnis dieser Täler, eine Woche von jedem Ort entfernt, wo man lieber sein wollte, kamen wir am einsamsten Haus der Welt vorbei. Ich habe gelesen, dass im weißen Norden, jenseits eines gefrorenen Meeres, Menschen in Eishäusern wohnen, ohne jemals ihre Felle abzulegen, dass sie sich dort vor einem Wind verkriechen, der einen in Stücke schneiden kann. Aber diese Steinhütte, zwergenhaft zwischen hoch aufragenden Felsen, die Fenster wie leere Augenhöhlen, erschien mir schlimmer. Eine Frau kam heraus, und drei Kinder bezogen vor ihr Aufstellung und beobachteten, wie wir vorbeiritten. Kein Wort wurde gesprochen. In jenem trockenen Tal, nur mit dem Flüstern des Windes, ohne den Ruf einer Krähe oder den Gesang von Lerchen, fühlten sich Worte wie eine Sünde an, als könnten sie etwas wecken, das besser schlafen sollte.

Das Gesicht der Frau war zu weiß und glatt, wirkte wie das Gesicht eines toten Kinds. Und die Kinder drängten sich in grauen Lumpen an ihr.

Auf dem Weg nach Norden hatte uns der Frühling begleitet, und jetzt schienen wir in den Sommer zu galoppieren. Schlamm trocknete zu Ortstein, Blumen verwelkten, Fliegen summten. Rike wurde rot, wie immer, wenn auch nur ein Hauch von Sommer kam, selbst der Dreck bot keinen Schutz, und der Sonnenbrand verbesserte seine Laune nicht.

Wir verließen das Gebirge und seine grimmigen Vorläufer, suchten uns einen Weg durch wildes Heideland und erreichten die großen Wälder des Südens.

Am Ende eines heißen Tages, als mein Gesicht weniger schmerzte – es war nicht geheilt, nässte aber nicht mehr –, zog ich mein Schwert. Wir hatten unser Lager am Rand einer Lichtung im Wald aufgeschlagen. Row hatte einen Hirsch erlegt, und Fleisch brutzelte über dem Feuer.

»Ich fordere Euch heraus, Sir Makin von Trent!«

»Wenn du glaubst, nicht vergessen zu haben, wie man das Ding benutzt.« Er lächelte und zog seine eigene Klinge. »Mein König.«

Wir übten eine Weile, parierten, täuschten Angriffe vor, streckten unsere Glieder und schwangen die Klingen, um wieder ein Gefühl für sie zu bekommen. Dann plötzlich wurde Makin schneller, und die Spitze seiner Klinge suchte nach mir.

»Zeit für eine weitere Lektion?«, fragte er und lächelte noch immer. Aber diesmal war es ein grimmiges Lächeln.

Ich ließ mich von meinem Schwertarm leiten und achtete nur auf den Verlauf des Kampfes, auf das Muster aus Vorstoßen und Zurückweichen, nicht auf die Einzelheiten eines jeden Hiebs. Hinter Makin schien die Sonne durchs Blätterdach des Waldes, sie schickte goldene Schäfte zu Boden, wie die Saiten einer Harfe, und unter dem Rascheln der Blätter und dem Gezwitscher der Vögel hörte ich das Schwertlied. Die Geschwindigkeit unserer Klingen nahm zu, Stahl klirrte auf Stahl, unser Atmen wurde zu einem Keuchen – immer schneller. Die Narben in meinem Gesicht schienen erneut Feuer zu fangen. Der alte Schmerz brannte in mir, Säure und Blitz, als steckten brennende Teile von Gog in meinen Knochen. Schneller. Ich sah Makins Lächeln verblassen, den Schweiß auf seiner Stirn. Schneller. Das Flackern von reflektiertem Licht in seinen Augen. Schneller. Ein Moment der Verzweiflung, und dann … »Genug!« Und er ließ sein Schwert los. »Jesus!«, ächzte er und schüttelte den Kopf. »So kämpft niemand.«

Womit die Brüder auch beschäftigt waren, sie unterbrachen ihre Tätigkeit und starrten so verblüfft, als wüssten sie nicht genau, was sie gesehen hatten.

Ich zuckte die Schultern. »Vielleicht bist du kein so schlechter Lehrer?«

Meine Arme zitterten jetzt, und mit der freien Hand lenkte ich die Klinge in ihre Scheide. »Au!« Für einen Moment dachte ich, ich hätte mich geschnitten. Ich hob die Fingerspitzen, sah jedoch kein Blut an ihnen, sondern eine Blase dort, wo mich das heiße Metall verbrannt hatte.

 

Wir folgten der Wölbung der Bergkette und den Kurven erst eines großen Flusses und dann eines anderen. Die Karten hatten Namen für sie, und manchmal hatten die Einheimischen eigene Namen, die sie den Karten nicht anvertrauten. Gelegentlich nannten die Leute stromaufwärts den Fluss anders als die weiter stromabwärts. Es spielte keine große Rolle, solange uns die Flüsse dorthin brachten, wohin ich wollte. Allerdings schienen wir nach einer Weile bei jeder Flussbiegung aufgehalten zu werden. Wachtürme, Patrouillen, Überschwemmungen, Gerüchte von Seuchen – wir mussten einmal in diese Richtung ausweichen und dann in die andere. Ich gewann den Eindruck, als wollte uns jemand oder etwas über bestimmte Wege nach Süden bringen, und damit verband sich ein Gefühl, das ich ganz und gar nicht mochte. Aber es war, wie Makin betonte, nur ein Gefühl.

 

»Dung darauf!« Ich sprang aus dem Sattel und näherte mich der zerbrochenen Brücke. Auf unserer Seite beschrieben die Steine noch einen Teil des Bogens und wölbten sich einige Meter weit übers Wildwasser, bevor sie wie ein gesplitterter Zahn endeten. Ich bemerkte große Teile der Brücke dicht unter der Wasseroberfläche, wo sie Wellenkämme undtäler entstehen ließen. Der Schaden schien erst vor kurzer Zeit angerichtet worden zu sein.

»Weichen wir eben ein bisschen nach Osten aus«, sagte Makin. »Es ist nicht das Ende der Welt.«

Von uns allen gelang es Makin am besten, einen Weg zu finden. Die Karten blieben bei mir. Ich konnte alle ihre Einzelheiten sehen, wenn ich die Augen schloss, aber Makin verstand es, Tinte auf Fellen oder Pergament in kluge Entscheidungen zu verwandeln, wenn es um dieses Tal oder jenen Bergkamm ging.

Ich brummte, ging neben der Brücke in die Hocke und roch etwas, ganz schwach, unter dem metallischen Geruch des schnell fließenden Wassers. Etwas Faules. »Also nach Osten«, sagte ich. Und wir wandten uns dem nach Osten führenden Weg zu, einer dünnen Linie dunkleren Grüns im grünen Wald, halb verborgen unter Weiden und gesäumt von wild wucherndem Brombeergestrüpp. Die Dornen kratzten über meine Stiefel, als wir ritten.

 

Das Problem mit wenig benutzten Wegen besteht darin, dass es oft einen Grund gibt, warum sie so wenig benutzt sind. Wenn dieser Grund keine Gefahren betrifft, die entlang des Weges drohen, so ist es der Weg selbst. Oder beides. In Cantanlona wird der weiche Rand der Zivilisation sehr weich, so weich, dass er einen aufsaugt, wenn man ihm auch nur die kleinste Chance dazu bietet.

»Geht’s mitten hindurch?« Der Rote Kent richtete sich in den Steigbügeln auf und beobachtete mit krauser Stirn das Sumpfland, das sich grünbraun und endlos vor uns erstreckte. »Es stinkt.« Makin schnupperte, als bekäme er nicht genug von dem Gestank, über den er klagte.

Rike spuckte nur und schlug nach den Mücken. Er schien sie anzuziehen, als wüssten sie nicht, wie schlecht er unter all dem Dreck schmeckte.

Das Herzogtum von Cantanlona liegt an der einstigen Grenze zweier großer Königreiche, deren Vereinigung der erste Schritt war, den Philip damals bei der Schaffung des Reiches unternahm. Es heißt, dass Philips Mutter ihren Sohn an jener Grenze gebar, in Avinron, und da er somit ein Mann zweier Länder war, glaubte er, Anspruch auf beide erheben zu können. Es erschien angemessen, dass von Avinron nichts weiter übrig war als ein stinkender Sumpf, gespeist von einem Fluss mit dem passenden Namen »Schlamm«.

Unser Weg führte durch den Sumpf. Gute Gründe dafür lagen zu beiden Seiten. Ich machte den Anfang und ging zu Fuß, mit Braths Zügeln in der Hand. In den Ken-Sümpfen hatten wir genug Zeit verbracht, um ein Gefühl für unsicheren Boden zu bekommen. Die Vegetation bietet deutliche Hinweise. Man achte auf Wollgras, das erste Flüstern von tiefem Morast, schwarze Kopfbinse dort, wo der Boden einen Mann trägt, ein Pferd hingegen versinken kann, Riedgras für sauberes Wasser und Rohrkolben an jenen Stellen, wo das Wasser tief und der Schlamm darunter fest ist. Scharfe Augen braucht man, und aufmerksame Füße, außerdem die Hoffnung, dass die warmen Sümpfe von Cantanlona sich nicht zu sehr von den kalten an Ankraths Grenzen unterscheiden.

Makin hatte recht mit dem Gestank. Es herrschte eine hochsommerliche Hitze, und ein allgegenwärtiger Geruch von Fäulnis umgab uns – es stank nach faulendem Fleisch und Schlimmerem.

An jenem Tag kamen wir langsam voran, legten aber genug Meilen zurück, um den Bereich hinter uns genauso aussehen zu lassen wie den vor uns: unwegsam und leer, ohne Hoffnung auf ein Ende.

Ich fand einen Lagerplatz an einer Stelle, die versprach, dass wir am nächsten Morgen noch vollzählig sein würden. Einige grasbewachsene Hügel, untereinander durch Streifen fester Erde verbunden, boten genug Platz für Männer und Pferde, obwohl wir uns vielleicht näher waren, als es uns gefiel.

Grumlow machte sich daran, eine Mahlzeit zuzubereiten, benutzte dabei Stöcke und Holzkohle, die er in weiser Voraussicht mitgebracht hatte. Er holte sein eisernes Dreibein hervor, hängte einen Topf übers kleine Feuer und beugte sich darüber, streute Gerste auf Streifen geräucherten Wildbrets. Dampf stieg auf, umhüllte ihn und tropfte von seinem Schnurrbart in den Topf zurück.

Die Nacht kam schwer und mondlos, verschlang alle Sterne. Der Sumpf, still am Tag, abgesehen von den schmatzenden Geräuschen, die unsere Füße verursachten, erwachte in der Finsternis zum Leben. Es krächzte, quakte, summte und zirpte in der Dunkelheit, und hinzu kamen nass klingende, beunruhigende Geräusche – dieser Chor begleitete uns von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Ich teilte eine Wache ein, obwohl von der glühenden Kohle des Lagerfeuers gar nicht genug Licht kam, um irgendetwas zu erkennen, und als ich an der Reihe war, saß ich mit geschlossenen Augen da und lauschte den Stimmen der Nacht.

»Makin.« Ich trat nach ihm, vorsichtig, damit er mir nicht den Fuß abschlug. »Du bist dran.«

Ich hörte, wie er brummte und sich aufsetzte. Er trug noch immer seinen Brustharnisch, und auch die Panzerhandschuhe. »Kann überhaupt nichts sehen. Wonach soll ich Ausschau halten, zum Teufel?«

»Nach irgendetwas«, erwiderte ich. Der Ort gab mir das Gefühl, dass niemand von uns aufwachen würde, wenn wir alle schliefen. »Und warum hast du noch deine Rüstung an, wenn du glaubst, dass hier keine Gefahr droht?«

Träume trugen mich fort, bevor Makin eine Antwort geben konnte. Katherine wandelte in ihnen, mit dem toten Knaben in ihren Armen und Vorwürfen auf den Lippen.

 

Die Morgensonne ließ Nebel von den Tümpeln mit stehendem Wasser aufsteigen. Zuerst hing er etwa einen halben Meter über dem Wollgras, aber als wir zum Aufbruch bereit waren, reichten uns die Schwaden bis zur Brust, als wollten sie uns ersticken und damit das vollbringen, was dem Schlamm bisher nicht gelungen war.

An manche Gerüche gewöhnt man sich. Nach einer Weile kann man nicht mehr sagen, ob sie noch da sind oder nicht. Aber das war beim Gestank des Cantanlona-Sumpfs nicht der Fall. Er verlor nichts von seiner Grässlichkeit und blieb Tag und Nacht bei uns, selbst dann, wenn leichter Wind aufkam.

Dem Nebel gelang es, mich gleichzeitig schwitzen und frösteln zu lassen. Darin eingehüllt, und mit meinen Brüdern wie Geister am Rand des Blickfelds, dachte ich aus irgendeinem Grund an die Frau und ihre Kinder in der abgelegenen Hütte, an die Frau mit dem toten Gesicht, die Kinder wie Ratten an ihren Waden. Es gibt verschiedene Arten von Isolation.

»Wir könnten warten, bis sich der Nebel verzieht«, sagte Kent.

Es platschte, und Rike fluchte. »Schlamm höher als das verdammte Knie.«

Kent hatte nicht ganz unrecht. Der Nebel konnte kaum hoffen, die Wärme des Tages zu überstehen, wenn die Sonne höher kletterte.

»Möchtest du einen Moment länger hierbleiben, als du musst?«, fragte ich.

Kents Antwort bestand darin, dass er weiterstapfte.

Wo auch immer die Sonne war: Wenn sie versuchte, mich zu wärmen, leistete sie hundsmiserable Arbeit. Der Nebel schien in meinen Körper zu kriechen, tastete mir kalt und frostig über die Knochen und legte einen Schleier in meine Augen.

»Ich sehe ein Haus!«, rief Sim.

»Unmöglich«, erwiderte Makin. »Was zum Teufel sollte ein Haus in diesem …«

Es waren zwei Häuser, dann drei. Ein ganzes Dorf aus Hütten mit Dächern aus Schiefertafeln erschien vor uns, und wir wurden langsamer.

»Na so was.« Row spuckte. Ich glaube, er hat das Spucken erfunden.

»Torfstecher?«, vermutete Grumlow.

Es schien die einzige halbwegs vernünftige Erklärung zu sein, aber ich dachte auch daran, dass Torfmoore in kälteren Klimazonen anzutreffen waren. Und selbst dort suchten die Einheimischen das Moor auf, um Torf zu stechen, und kehrten anschließend heim – sie bauten nicht ihre Häuser im Moor.

Beim Haus links von uns öffnete sich die Tür, und sieben Hände griffen nach Waffen. Ein kleines Kind lief barfuß nach draußen und verfolgte etwas, das ich nicht sehen konnte. Der Junge rannte an uns vorbei und verlor sich im Nebel. Nur das Patschen seiner Füße überzeugte mich davon, dass er tatsächlich existierte, das und der dunkle Eingang der Hütte.

Ich näherte mich der Tür mit dem Schwert in der Hand. Sie erinnerte mich an die Öffnung eines Grabs, und die feuchte Fäule, die mir daraus entgegenkam, verstärkte diesen Eindruck noch.

»Jamie, du hast vergessen …« Der Anblick meiner Klinge ließ die Frau verstummen. Erbauer-Stahl findet immer genug Licht, um zu glänzen, selbst im Nebel. »Oh«, sagte sie.

»Gnä’ Frau.« Ich deutete eine Verbeugung an, und es war nicht einmal eine richtige Andeutung, denn mein Kopf senkte sich um nicht mehr als eine Haaresbreite.

»Es tut mir sehr leid«, sagte die Frau. »Ich habe keinen Besuch erwartet.« Sie schien nicht älter als fünfundzwanzig zu sein, hatte blondes Haar und war auf eine abgemagerte Weise hübsch. So schlicht ihre Kleidung aus Leinen auch sein mochte, wenigstens war sie sauber.

Zwischen den Hütten auf der linken Seite kam ein Mann um die fünfzig in Sicht. Er schleppte ein hölzernes Fass, rollte es von der Schulter auf einen Stapel Heu und hob die Hand. »Willkommen!«, sagte er, rieb sich die weißen Stoppeln am Kinn und sah in den Nebel. »Du hast das Wetter mitgebracht, junger Herr.«

»Komm herein«, sagte die Frau. »Ich habe einen Topf auf dem Feuer. Es ist nur Haferbrei, aber wir teilen ihn gern mit dir. Ma! Ma! Hol den guten Topf.«

Ich drehte mich um und sah Makin an, der die Schultern zuckte. Kent beobachtete den Alten, mit großen Augen und die Hand fest um den Griff seiner nordischen Axt geschlossen.

»Es tut mir so leid. Ich bin Ruth. Ruth Millson. Wie unhöflich von mir. Das ist Bruder Robert.« Die Frau deutete auf den alten Mann, als er die Hütte betrat, neben der er das Fass abgesetzt hatte. »Wir nennen ihn ›Bruder‹, weil er drei Jahre im Kloster von Gohan verbracht hat. Sehr gut kam er mit dem Leben als Mönch nicht zurecht!« Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Komm herein!«

Eine Erinnerung erwachte in mir. Gohan. Ich kannte ein Gohan näher bei meiner Heimat.

»Gilt deine Gastfreundschaft auch für meinen Freund?«, fragte ich und zeigte auf Makin.

Ruth drehte sich um und ging zur Hütte. »Nur keine Hemmungen. Wir haben genug für alle. Nicht reichlich, aber genug, und ist nicht ein leerer Bauch die größte Sünde?«

Ich folgte ihr, und Makin blieb dicht hinter mir. Wir mussten uns beide ducken, um nicht gegen den Oberbalken der Tür zu stoßen. Ich hatte Dreck im Innern erwartet, vielleicht sogar fauligen Schlamm, aber stattdessen war alles trocken und sauber. Eine brennende Laterne stand auf dem Tisch, aus Messing und auf Hochglanz poliert, wie ein kostbares Erbstück. An Schatten mangelte es nicht, und die Fensterläden waren geschlossen, als drohte draußen die Nacht. Makin schob sein Schwert in die Scheide. Ich war nicht so höflich.

Ich sah mich um. Etwas fehlte. Oder ich übersah etwas.

Rike stand draußen und überragte die anderen Brüder in seiner Nähe. Sie boten einen seltsamen Anblick, wie sie voller Waffen dastanden und zwei jungen Mädchen nachsahen, die lachend vorbeiliefen. Eine alte Frau kam mit einem Bündel unter dem Arm herangehumpelt, murmelte vor sich hin und achtete nicht auf Grumlows Dolche.

»Ruth«, sagte ich.

»Setz dich! Setz dich!«, rief sie. »Du siehst halb tot aus. Du bist nur ein Junge. Ein großer, aber trotzdem ein Junge. Das sehe ich. Und Jungen müssen essen. Ist das nicht so, Ma?« Sie hob die Hand zum Hals, eine unwillkürliche Geste, und strich sich über die Kehle. Blass war die Haut, sehr blass. In der Sonne würde sie schlimmer verbrennen als Rike.

»Ja, das stimmt.« Die Mutter steckte den Kopf durch die Tür des einen Nebenzimmers. Graues Haar säumte ein Gesicht, dessen strenge Linien von einem weichen Mund gemildert wurden. »Und wie lautet der Name des Jungen?«

»Jorg«, sagte ich. Normalerweise nenne ich gern Rang und Titel, aber dies schien mir nicht der geeignete Ort zu sein.

»Makin«, sagte Makin, obwohl Ruth nur Augen für mich hatte. Was ich für sonderbar hielt, denn selbst wenn ich vor den Verbrennungen hübsch gewesen sein mag, es ist Makin, der mit allen gut zurechtkommt.

»Und gibt es einen Herrn Millson?«, fragte Makin.

»Setz dich«, wiederholte Ruth. Und so setzte ich mich, und Makin nahm ebenfalls Platz – er ließ sich in den Schaukelstuhl am Kamin sinken. Ich lehnte mein Schwert an den Tisch; die Frau achtete überhaupt nicht darauf.

Ruth nahm eine Wolljacke, die hinter meinem Stuhl lag. »Jamie würde seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre!«

»Hast du einen Mann?«, fragte ich.

Sie runzelte die Stirn, und ihr Gesicht verdunkelte sich ein wenig. »Er ging vor zwei Jahren zur Burg. Um in die Dienste des Herzogs zu treten.« Ihre Miene erhellte sich wieder. »Jedenfalls, du bist zu jung für mich. Ich sollte Seska rufen. Sie ist hübsch wie der Morgen.« Verschmitztheit lag in ihren Augen. Blau waren sie, diese Augen, hellblau wie Vergissmeinnicht.

»Was machst du hier draußen?«, fragte ich. Ruth gefiel mir. Sie hatte Schwung und erinnerte mich an ein Dienstmädchen namens Rachel in der Spukburg. Etwas an ihr machte mich unerklärlich geil. Na schön, unerklärlich nur dann, wenn man nicht die acht Wochen auf der Straße berücksichtigt.

»Hier draußen?« Verwundert hob sie den Zeigefinger zum Mund – es war ein hübscher Mund, muss ich sagen – und tastete damit nach einem Zahn.

»Ma« kam mit einem Tontopf aus der Küche. Sie hielt ihn an einem rußgeschwärzten Griff aus Holz, damit ihr die Hitze nicht die Finger verbrannte. Makin stand auf, um ihr zu helfen, aber sie beachtete ihn nicht. Neben ihm wirkte sie winzig, gebeugt unter der Last ihrer Jahre. Sie stellte den Topf vor mich, streckte die knochige Hand nach dem Deckel aus und fragte: »Salz?«

»Warum nicht?« Ich hätte um Honig gebeten, aber dies war nicht die Spukburg. Haferbrei mit Salz ist besser als ohne, selbst wenn man eine Woche lang an Herzog Maladons Tischen mehr als genug Salz gegessen hat.

»Oh«, sagte Ruth. Ihre Hand verließ den Mund mit einem Zahn. Es war kein kleiner Zahn, sondern ein großer Backenzahn von hinten, mit langen weißen Wurzeln und mit dunklem Blut verschmiert, so dunkel, dass er fast schwarz war. »Es tut mir leid«, sagte sie und streckte die Hand weit von sich, als könnte sie den Anblick nicht ertragen, aber als wäre sie auch nicht imstande, den Blick davon abzuwenden.

»Macht nichts«, sagte ich. Es ist seltsam, wie schnell sich unpersönliche Lust in Abscheu verwandeln kann. Vielleicht stimmt es, was die Dichter behaupten, vielleicht ist beides nur durch eine dünne Linie getrennt, ebenso wie Liebe und Hass.

»Vielleicht sollten wir essen«, sagte Makin.

Beim Gedanken an Essen drehte sich mir der Magen um. Der Sumpfgestank, der immer noch nicht ganz verschwunden war, kehrte mit neuer Kraft in die Hütte zurück.

Ma brachte drei Holznäpfe, einer mit geschnitzten Blumen geschmückt, und einen Stuhl, der für die Hütte zu fein wirkte. Sie setzte die Näpfe auf den Tisch, den mit Schnitzereien verzierten für mich, und einen vor den neuen, leeren Stuhl. Den dritten behielt sie in der Hand und schaute sich verwirrt nach etwas um. Sie hob die freie Hand zum Kopf und rieb sich geistesabwesend die Schläfe.

»Hast du etwas verloren?«, fragte ich.

»Einen Schaukelstuhl.« Sie lachte. »In einer so kleinen Hütte. Hier sollte eigentlich kein Stuhl verlorengehen können.« Sie ließ die Hand sinken, zwischen den Fingern ein weißes Haarbüschel. Wo es sich eben noch befunden hatte, zeigte sich rosarote Haut. Sie betrachtete das Büschel ebenso erstaunt wie ihre Tochter den Zahn.

»Du hast von der Burg des Herzogs gesprochen, Ruth«, sagte Makin vom Schaukelstuhl. »Welchen Herzog meinst du?« Makin konnte einem Moment die peinliche Schärfe nehmen, aber die beiden Frauen sahen ihn nicht an.

Ma stopfte das Haar in eine Tasche ihrer Schürze und schlurfte in die Küche zurück. Ruth legte den Zahn aufs Fensterbrett. »Soll es nicht Glück bringen?«, fragte sie. »Wenn man einen Zahn verliert? Das habe ich irgendwo gehört.« Sie öffnete die Fensterläden. »Lassen wir den Morgen herein.«

»Welcher Herzog regiert hier?«, fragte ich.

Ruth lächelte. In ihrem Mundwinkel zeigte sich ein kleiner Fleck aus schwarzem Blut. »Habt ihr euch vielleicht verirrt? Natürlich der Herzog Gellethar!«

In dem Moment wurde mir klar, was fehlte. Der tote Junge, der Kupferkästchen-Knabe, der immer in den Schatten lag. Aber hier nicht. Diese Schatten waren zu voll.

Die Eingangstür sprang auf, und der kleine Jamie lief herein. Jungen eines gewissen Alters scheinen immer zu rennen. Jamie streifte den Türpfosten und verlor ein Stück Haut an einen Nagel.

Er lief zu mir, mit Rotz auf der Oberlippe. »Wer bist du? Wer bist du, Herr?« Die Verletzung schien er gar nicht zu bemerken. Unter der fehlenden Haut zeigte sich deutlich das Muskelgewebe.

»Dann heißt dieses Land …« Ich achtete nicht auf den Jungen und sah in Ruths hellblaue Augen.

»Gelleth natürlich.« Sie deutete aus dem Fenster. »Der Honasberg befindet sich im Westen. In klaren Nächten kann man manchmal die Lichter sehen.«

Makin mochte derjenige von uns sein, der am besten mit Karten zurechtkam, aber ich wusste, dass wir fünfhundert Meilen von Gelleth und dem Staub entfernt waren, in den ich den Herzog verwandelt hatte. Man müsste die Augen des Gottes der Adler haben, um den Honasberg von irgendeinem Fenster in Cantanlona zu sehen. Und doch … Ruth glaubte, was sie sagte.

Sie wandte sich vom Fenster ab, die rechte Hälfte von ihr so scharlachrot, als hätte man sie in kochendes Wasser getaucht.