6
Vier Jahre zuvor
Drei Monate vorher hatte ich die Spukburg allein betreten, voller Blut, das nicht mein eigenes war, und in der Hand ein gestohlenes Schwert. Meine Brüder waren mir gefolgt. Jetzt verließ ich die Burg mit anderen Brüdern. Ich hatte das Blut meines Onkels gewollt. Die Krone nahm ich, weil andere Männer sagten, ich könnte sie nicht bekommen.
Wenn die Spukburg an einen Totenkopf erinnert – und daran erinnert sie mich –, so könnte man die lächerlichen Brocken Stadt vor ihren Toren für das getrocknete letzte Erbrochene des Gestorbenen halten. Eine Gerberei hier, ein Schlachthaus dort, all die notwendigen, aber stinkenden Übel des modernen Lebens, außerhalb unserer Mauern, wo der Wind sie scheuert. Wir hatten gerade die letzten Bruchbuden hinter uns gebracht, als Makin zu uns aufschloss.
»Vermisst du mich bereits?«
»Die Waldwache hat mir mitgeteilt, dass Besuch unterwegs ist«, sagte Makin kurzatmig.
»Wir sollten der Wache einen anderen Namen geben«, erwiderte ich. Das Beste, was das Hochland an Wald zu bieten hatte, war eine gelegentliche Ansammlung von Bäumen, die sich krumm und windgebeugt in einem tiefen Tal zusammendrängten.
»Fünfzig Ritter«, sagte Makin. »Mit der Fahne von Pfeil.«
»Pfeil?« Ich runzelte die Stirn. »Sie haben einen weiten Weg hinter sich.« Die Provinz lag am Rand der Karte, die wir vor kurzer Zeit zusammengerollt hatten.
»Sie scheinen ziemlich frisch zu sein, wie es in den Berichten heißt.«
»Ich denke, ich empfange sie auf der Straße«, sagte ich. »Als Straßenbrüder bekommen wir vielleicht eine interessantere Geschichte von ihnen zu hören.« In Wirklichkeit wollte ich mir nicht wieder Seide und Hermelin anziehen und die ganzen Förmlichkeiten erdulden müssen. Die Ritter waren bestimmt zur Burg unterwegs. Man schickte keine fünfzig Mann in Plattenpanzern auf eine geheime Mission.
»Ich begleite dich«, sagte Makin. Sein Ton machte deutlich, dass er diesmal kein »Nein« hören wollte.
»Du siehst nicht wie ein Straßenbruder aus«, sagte ich. »Man könnte dich für einen Mann des Theaters halten, der die Requisitenkiste geplündert und ihr die besten Ritter-Klamotten entnommen hat.«
»Roll ihn durch Scheiße«, schlug Rike vor. »Dann geht er als Straßenbruder durch.«
Zufälligerweise befanden wir uns direkt neben Jerrings Ställen, und ein Haufen Dung lag in der Nähe. Ich zeigte darauf.
»Unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Leben am Hof.« Makin schnitt eine Grimasse und warf sein Gewand in den Kopfkarren. Maical hatte ihn aus reiner Angewohnheit an den Grauschimmel gespannt.
Als der Hauptmann meiner Wache mehr wie ein heruntergekommener Heckenritter aussah, setzten wir unsere Reise fort. Gog ritt mit mir und klammerte sich fest. Gorgoth trottete neben uns, denn kein Pferd würde ihn tragen, und nicht nur wegen des Gewichts. Etwas in ihm erschreckte jedes Ross.
»Bist du jemals in Pfeil gewesen, Makin?«, fragte ich und lenkte mein Pferd in den Wind.
»Nein, nie«, sagte er. »Es ist ein kleines Fürstentum. Sollen ziemlich harte Leute sein, wie man hört. Bereiten den Nachbarn seit Jahren Kopfzerbrechen.«
Eine Zeit lang ritten wir schweigend. Nur das Klappern der Hufe und das Knarren des Kopfkarrens durchbrachen die Stille der Berge. Die Straße – beziehungsweise der Weg, wenn ich ehrlich bin, denn die Erbauer schienen nie ins Hochland gekommen zu sein, um auch hier ihre Wunder zu tun – wand sich nach unten, schlängelt sich dabei hin und her, um nicht zu steil zu werden. Als wir tiefer kamen, wurde mir klar, dass in den unteren Tälern bereits der Frühling begonnen hatte. Selbst hier zeigte sich gelegentlich neues Grün und ließ die Pferde schnüffeln.
Eine Stunde später sahen wir die Vorreiter des Fürsten und die Hauptgruppe eine Meile dahinter. Row machte sich daran, den Weg zu verlassen.
»Ich sage, wann wir den Weg verlassen oder uns behaupten, wenn du gestattest, Bruder Row.« Ich warf ihm einen Blick zu. Die Brüder hatten begonnen, den alten Jorg zu vergessen. Sie hatten zu lange faul in der Burg herumgelegen, waren zu lange ihrer eigenen Boshaftigkeit überlassen geblieben.
»Es sind ziemlich viele, Bruder Jorg«, sagte der junge Sim. Natürlich war er älter als ich, aber mit einer Rasierklinge konnte er noch immer wenig anfangen, abgesehen davon, Kehlen durchzuschneiden.
»Wenn man zum König reitet, gilt es als unfein, unterwegs Reisende umzubringen«, sagte ich. »Selbst so schäbige wie uns.«
Ich ritt weiter. Die anderen zögerten kurz und folgten mir dann.
Von der nächsten Anhöhe aus konnten wir sie besser sehen. Zu zweit nebeneinander ritten sie, langsam und ruhig, mit zwei im Wind von Renar wehenden schmalen Fahnen. Kein Gesindel, sondern Tafelritter von einem hohen Hof, mit einer Harmonie in Waffen und Rüstung, neben der meine Wache armselig wirkte.
»Dies ist keine gute Idee«, sagte Makin. Er stank nach Pferdedung.
»Wenn du jemals aufhörst, das zu sagen … Dann weiß ich, dass ich mir Sorgen machen muss.«
Die Männer von Pfeil näherten sich. Wir hörten die Hufe ihrer Pferde auf dem felsigen Untergrund. Ich fühlte mich plötzlich versucht, mitten auf dem Weg anzuhalten und einen Zoll zu verlangen. Das wäre Stoff für eine Geschichte gewesen, aber vielleicht für eine zu kurze. Ich entschied, am Wegesrand zu warten, ließ dabei den Blick über unsere Gruppe streichen. Ein hässlicher Haufen, aber die Leucrota gewannen den ersten Preis.
»Versuch dich hinter Rikes Pferd zu verstecken, Gorgoth«, sagte ich. »Dachte ich mir doch, dass der Ackergaul nützlich sein würde.«
Ich nahm das Messer vom Gürtel und begann damit, meine Fingernägel zu reinigen. Gogs Krallen bohrten sich unter meinen Brustharnisch, als die ersten Männer uns erreichten.
Die Ritter ließen ihre Pferde gehen, als sie zu uns gelangten. Einige drehten den Kopf, aber die meisten kamen vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen, ihre Gesichter blieben hinter den Visieren verborgen. In der Mitte der Kolonne ritten zwei Männer, die meine Aufmerksamkeit weckten, zumindest ihre Rüstungen, die auf Hochglanz poliert und im teutonischen Stil gerillt waren. Bunte Reflexe entstanden dort, wo das geölte Metall das Licht brach. Ein Jagdhund lief zwischen den Pferden, mit kurzem Fell, breitem Brustkorb und langer Schnauze. Der Mann auf der linken Seite hob die Hand, woraufhin die Kolonne verharrte, auch die Ritter weiter vorn, obwohl sie ihn gar nicht sehen konnten.
»Heda«, sagte er und sprach das Wort betont deutlich.
Er nahm den Helm ab, was dumm war, wenn man das Ziel von verborgenen Armbrüsten sein konnte, und schüttelte den Kopf. Das schweißfeuchte blonde Haar klebte an der Stirn.
»Guten Tag, Herr Ritter«, sagte ich, nickte und deutete eine Verbeugung an.
Der Mann maß mich mit einem ruhigen Blick seiner blauen Augen. Er erinnerte mich an Katherines Meisterkämpfer, Sir Galen. »Wie weit noch bis zur Renar-Burg, Junge?«, fragte er.
Etwas sagte mir, dass dieser Ritter genau wusste, wie weit es noch bis zur Burg war, sowohl Luftlinie als auch Wegeslänge.
»Zur Burg von König Jorg geht es etwa zehn Meilen dort entlang.« Ich winkte mit dem Messer über den Weg. »Ungefähr eine Meile davon nach oben.«
»Ein König ist er?« Der Ritter lächelte. Auch attraktiv wie Galen war er, mit dem kantigen Kinn, das viele Frauen mochten. »Der alte Renar bezeichnete sich nicht als König.«
Er gefiel mir immer weniger. »Graf Renar regierte nur übers Hochland. König Jorg ist Erbe von Ankrath und den Ländern von Gelleth. Das ist genug Land, um ihn zu einem König zu machen, zumindest hier in dieser Gegend.«
Ich beugte mich vor und warf einen Blick auf den Brustharnisch des Burschen. Drachen hatte er dort, ins Metall geätzt und mit roter Emaille versehen. Jeder von ihnen hatte sich aufgerichtet und umklammerte einen vertikalen Pfeil, größer als er selbst. Gute Arbeit. »Von Pfeil kommt Ihr, Herr?«, fragte ich, wartete keine Antwort ab und wandte mich an Makin. »Weißt du, warum man jenes Land Pfeil nennt, Makin?«
Er schüttelte den Kopf und starrte auf den Sattelknauf. Der Wunsch, »Dies ist keine gute Idee« zu sagen, zitterte auf seinen Lippen.
»Wie ich hörte, nennt man das Land so, weil man einen Pfeil von der Küste im Norden bis zur Grenze im Süden schießen kann«, sagte ich. »Wie ich hörte, hätte man das Land auch ›Niesen‹ nennen können. Ich frage mich, wie man den Mann nennt, der dort regiert.«
»Du weißt viel über Wappenkunde, Junge.« Der Ritter musterte mich noch immer ruhig. Sein Begleiter griff nach dem Schwert; der Panzerhandschuh klickte am Heft. »Den Mann, der dort regiert, nennt man den Fürsten von Pfeil.« Er lächelte. »Aber du kannst mich Fürst Orrin nennen.«
Es schien unbedacht zu sein, mit nur fünfzig Mann in das Reich eines anderen Herrschers zu reiten, selbst wenn es Männer wie diese waren. Ich hatte mich gegen so etwas entschieden.
»Fürchtet Ihr nicht, dass König Jorg die Gelegenheit nutzen könnte, das Schlachtfeld Eures Hundertkrieges ein wenig auszudünnen?« , fragte ich.
»Als sein Nachbar wäre ich vielleicht besorgt«, erwiderte der Fürst. »Aber mich zu töten oder als Geisel meinen Feinden zu überlassen, würde nur die Position seiner eigenen Feinde festigen und ihnen bessere Möglichkeiten geben, ihm zu schaden. Und wie ich hörte, hat der König einen guten Blick für seine Chancen. Außerdem wäre es nicht gerade einfach.«
»Ich dachte, Ihr seid auf der Suche nach einem Grafen gekommen«, sagte ich. »Aber mir scheint, Ihr wisst bereits von König Jorg und seinem guten Blick.«
Der Fürst zuckte die Schultern und wirkte dabei recht jung. Zwanzig vielleicht. Kaum älter. »Das ist ein hübsches Schwert«, sagte er. »Zeig es mir.«
Ich hatte das Heft mit altem, schmutzigem Leder umwickelt. Die Scheide war älter als ich und trug den Glanz der Jahre. Was auch immer das Schwert meines Onkels einst gewesen sein mochte, hübsch war es jetzt gewiss nicht. Zumindest nicht, bis ich es gezogen und sein Metall gezeigt hätte. Sollte ich den Dolch werfen? Mit der Klinge im einen Auge hätte Blondschopf vermutlich nicht mehr so gut gesehen. Vielleicht hatte er daheim sogar einen Bruder, der froh darüber gewesen wäre, der neue Fürst von Pfeil zu sein, und der mir deshalb einen Gefallen geschuldet hätte. Ich sah es vor dem inneren Auge: wie uns der attraktive Fürst mit meinem Dolch im Gesicht über die Hänge jagte.
Normalerweise gebe ich nicht viel auf sollte. Aber dieses Sollte wäre vielleicht besser gewesen.
Ich steckte das Messer weg und zog das Schwert meines Onkels, ein Erbstück seiner Familie. Die Klinge aus Erbauer-Stahl fing das Licht des Tages ein und gab es scharf zurück.
»Heda«, sagte Fürst Orrin noch einmal. »Ein ungewöhnliches Schwert hast du da, Junge. Wem hast du es gestohlen?«
Der Bergwind wehte kalt, fand jede Ritze in meiner Rüstung, und ich fröstelte trotz der Wärme von Gog in meinem Rücken. »Warum sollte der Fürst von Pfeil mit nur fünfzig Männern den ganzen weiten Weg zum Hochland von Renar zurücklegen, frage ich mich?« Ich stieg ab. Die Augen des Fürsten wurden groß, als er Gog sah, der auf dem Pferd sitzen blieb, halb nackt und wie ein Tiger gestreift.
Ich kletterte auf einen Felsen am Wegesrand, um zu zeigen, dass ich nicht laufen wollte.
»Warum sollte ich die Gründe dafür einem Räuberkind nennen, das mit einem gestohlenen Schwert am Wegesrand steht?«, erwiderte der Fürst und sprach noch immer ganz ruhig.
Gegen das »gestohlen« konnte ich mich nicht wehren, aber an dem »Kind« nahm ich Anstoß. »Vierzehn ist hierzulande das Alter eines Mannes, und ich weiß mit diesem Schwert besser umzugehen als jeder andere, der es vor mir besaß.«
Der Fürst lachte, sanft und ungezwungen. Selbst wenn er ein Buch darüber gelesen hätte, wie man mich zur Weißglut brachte, er hätte in dieser Hinsicht keine bessere Arbeit leisten können. Stolz ist immer meine Schwäche gewesen, und gelegentlich auch meine Stärke.
»Dann bitte ich um Entschuldigung, junger Mann.« Der Ritter an seiner Seite trug ein Visier, aber ich konnte trotzdem sehen, wie er bei diesen Worten die Stirn runzelte. »Ich reise, um die Länder zu sehen, über die ich als Kaiser herrschen werde, um ihre Bewohner und Städte kennenzulernen. Und um mit den Adligen zu sprechen, mit den Baronen und Grafen … auch mit den Königen, die mir dienen werden, wenn ich auf dem Thron des Reiches sitze. Ich ziehe es vor, ihre Dienste mit Weisheit, Worten und Gunst zu gewinnen anstatt mit Schwert und Feuer.«
Eine pompöse kleine Rede, aber mit Worten konnte dieser Mann gut umgehen. O meine Brüder, wie er sie sprach! Es war eine neue Art von Magier. Hintergründiger als Sageous’ versteckte Fallen – selbst der Heide mit seinem Traumzauber hätte den Fürsten um diese Art von Überzeugungskraft beneidet. Jetzt verstand ich, warum Orrin den Helm abgenommen hatte. Die Magie lag nicht allein in den Worten, sondern auch im Blick, der Ehrlichkeit und Vertrauen vermittelte, als ob jeder Mann, der den Fürsten hörte, seine Freundschaft verdiente. Ein Talent, vor dem man auf der Hut sein sollte, vielleicht noch wirkungsvoller als die Macht, mit der Corion mich durchs Reich geschickt und meinen Onkel von hinter seinem Thron gelenkt hatte.
Der Hund setzte sich, sah mich an und bleckte die Zähne. Er schien groß genug zu sein, ein kleines Lamm zu verschlingen.
»Und warum sollten die Leute auf Euch hören, Fürst von Pfeil?« Ich hörte Trotz in meiner Stimme und hasste mich dafür.
»Der Hundertkrieg muss beendet werden«, sagte Orrin. »Er wird enden. Aber wie viele müssen vor dem Frieden in Blut ertrinken? Es muss wieder jemand auf dem Thron sitzen. Sollen die Adligen ihre Schlösser und Burgen behalten, ihr Land regieren und ihr Gold sammeln. Nichts geht verloren. Nichts geht zu Ende, bis auf den Krieg.«
Und da war sie wieder, die Magie. Ich glaubte ihm. Er brauchte gar nicht extra darauf hinzuweisen – ich glaubte, dass es ihm tatsächlich um den Frieden ging, dass er ein gerechter Kaiser sein würde, dem Wohl und Wehe seiner Untertanen am Herz lagen. Er würde dafür sorgen, dass die Bauern ihr Land bestellen, Händler Handel treiben und Gelehrte Wissen sammeln konnten.
»Wenn man dir den Thron des Reiches böte«, sagte Orrin und sah nur mich an, »würdest du ihn nehmen?«
»Ja.« Ich wollte ihn auch, ohne dass man ihn mir anbot.
»Warum?«, fragte der Fürst. »Warum willst du ihn?«
Er leuchtete in meine dunklen Ecken, dieser Bilderbuch-Fürst mit dem ruhigen Blick. Ich wollte gewinnen, und der Thron war nur die Trophäe meines Sieges. Ich wollte auch gewinnen, weil andere Männer gesagt hatten, dass ich nicht siegreich sein würde. Ich wollte kämpfen, weil der Kampf mich durchdrang. Auf die Leute gab ich nicht mehr als auf den Dunghaufen, in dem wir Makin gerollt hatten.
»Er gehört mir.« Das war die einzige Antwort, die ich finden konnte.
»Tatsächlich?«, entgegnete Orrin. »Er gehört dir, Verwalter?«
Er untermalte das letzte Wort mit einer schwungvollen Geste, die mir meine Schande zeigte. Ihr solltet wissen, dass die Männer, die im Hundertkrieg kämpfen – und es sind nur Männer, bis auf die Königin von Rot – von zwei Seiten eines großen Baumes stammen. Die Linie der Verwalter, wie unsere Feinde uns nennen, reicht auf direktem Weg zum Thron, aber es ist der Große Verwalter, Honorous, der fünfzig Jahre diente, bei dem die Saat des Reiches versagte. Und Honorous saß damals vor dem Thron, nicht auf ihm. Dennoch, Erbe des Mannes zu sein, der der eigentliche Kaiser war, auch wenn er nicht den Titel trug, führt zu größerem Anspruch auf den Thron als die schwache Behauptung, Erbe des letzten nominellen Kaisers zu sein. So sehen wir »Verwalter« das jedenfalls. Wie dem auch sei: Ich würde mir selbst dann mit dem Schwert einen Weg zum Thron schneiden, wenn mich ein als Bastard geborener Ziegenhirte mit einer Straßendirne gezeugt hätte – entweder ist mir der Stammbaum zu Diensten, oder ich fälle ihn und mache einen Rammbock daraus. Beides soll mir recht sein.
Viele aus der Linie der Verwalter ähneln mir: hager, groß, dunkel in Haar und Augen, einfallsreich. Selbst unsere Feinde nennen uns schlau. Die Linie des Kaisers ist verworrener. Sie verliert sich in niedergebrannten Bibliotheken, trägt den Makel von Wahnsinn und Ausschweifung. Und viele, die behaupten, aus dieser Linie zu stammen, sind wie Fürst Orrin gebaut: blond, mit dicken Armen, manchmal so groß wie Rike. Und attraktiv.
»Verwalter, wie?« Ich rollte das Handgelenk, und mein Schwert tanzte. Der Hund stand abrupt auf und knurrte.
»Weg damit, Jorg«, sagte Orrin. »Ich kenne dich. Du hast das Gesicht der Ankraths. Der dunkelste aller Zweige im Verwalter-Stammbaum. Ich habe gehört, dass ihr euch noch immer gegenseitig umbringt.«
»Nicht Jorg, sondern König Jorg«, sagte ich und wusste, dass ich wie ein verzogenes Kind klang. Aber ich konnte nicht anders. Etwas in Orrins Ruhe, in seinem Licht, warf einen Schatten auf mich.
»König? Ah, ja, wegen Ankrath, und Gelleth«, sagte der Fürst. »Aber ich habe auch gehört, dass dein Vater den jungen Prinzen Degran zu seinem Erben ernannt hat. Also vielleicht …« Er hob die Hände und lächelte.
Das Lächeln fühlte sich wie ein Schlag ins Gesicht an. Mein Vater hatte also den neuen Sohn, den mit der Scorron-Hure gezeugten, zu seinem Nachfolger bestimmt. Mein Geburtsrecht hatte er ihm geschenkt. »Wollt Ihr ihm auch das Hochland geben?«, fragte ich und behielt das breite Grinsen im Gesicht, obwohl es wegkriechen wollte. »Ihr solltet wissen, dass hundert Soldaten meiner Wache zwischen den Felsen versteckt sind, dazu bereit, Pfeile durch die Lücken eurer hübschen Rüstung zu schicken.« Es hätte sogar wahr sein können. Ich wusste, dass zumindest einige Männer der Wache die Ritter im Auge behielten.
»Wohl eher um die zwanzig«, sagte Fürst Orrin. »Ich glaube kaum, dass es Bergmänner sind, oder? Hast du sie bei deiner Flucht aus Ankrath mitgenommen, Jorg? Sie scheinen recht geschickt zu sein, aber wahre Bergmänner wären schwerer zu entdecken.«
Er wusste zu viel, dieser Fürst. Dies wurde allmählich zu einer ärgerlichen Sache. Und ärgerliche Sachen machen mich ärgerlich und sogar zornig, wie ihr wisst.
»Jedenfalls …«, fuhr er fort, als stünde ich nicht kurz vor der Explosion, als wäre ich nicht kurz davor, ihn mit meinem Schwert zu durchbohren, »ich werde dich nicht töten, so wie auch du mich nicht töten wirst. Es würde zwei schwache Königreiche durch ein stärkeres ersetzen. Wenn mich die Straße zum Thron des Reiches – zu meinem Thron – hierher führt, möchte ich lieber dich und deine Freunde vorfinden, wie ihr die Bauern terrorisiert und euch betrinkt, anstatt von deinem Vater oder Baron Kennick geschaffene Ordnung. Und ich hoffe, dass du nicht nur größer, sondern auch klüger geworden bist, wenn ich hier eintreffe, dass du dein Land mir als Kaiser öffnest.«
Ich sprang von dem Felsen herunter, und blitzschnell war der Hund da und versperrte mir den Weg. Er knurrte nicht, sondern zeigte mir nur seine von Geifer feuchten Zähne. Ich fixierte ihn mit dem Blick, was eine gute Möglichkeit ist, sich ins Gesicht beißen zu lassen, aber mir ging es darum, das Tier einzuschüchtern. Das Schwert hielt ich an Heft und Klinge, die flache Seite nach vorn, machte einen weiteren Schritt und fühlte ein Grollen in mir aufsteigen. Ich habe einmal einen Hund gehabt, einen guten, den ich liebte, bevor mir solche weichen Worte genommen wurden, und es lag mir nichts daran, diesen zu töten. Aber ich würde ihn töten, wenn mir keine Wahl blieb. »Zurück.« Es war mehr ein Knurren als ein Wort, und ich sah ihm direkt in die Augen.
Der Hund legte die Ohren an, wimmerte und wich zwischen die Beine des Pferds zurück. Vielleicht fühlte er den Tod in mir. Eine bittere Mahlzeit, das Herz des Nekromanten. Ein weiterer Schritt fort von der Welt. Manchmal scheine ich drei Schritte außerhalb des Lebens anderer Menschen zu stehen. Einer für das Herz. Ein zweiter für den Dornbusch. Und der erste vielleicht für den Hund, an den ich mich in meinen Träumen erinnere.
Ich nenne ihn meinen Hund, aber er gehörte meinem Bruder William und mir. Eine Art Wolfshund, größer als wir beide, ein Streitross für zwei junge Ritter. Er konnte William tragen – Will, der erst vier war –, aber wenn ich ebenfalls auf seinen Rücken sprang, warf er uns beide ab und zwickte mich ins Bein. Wir nannten ihn Gerechtigkeit.
»Beeindruckend«, sagte Fürst Orrin und wirkte alles andere als beeindruckt. »Wenn du mit meinem Hund fertig bist, können wir vielleicht weiterreiten. Ich möchte nach Orlanth, durch den Hohen Pass oder den Pass des blauen Mondes, wenn er frei ist, und Graf Samsar einen Besuch abstatten.«
»Ihr reitet weiter, wenn ich es erlaube«, sagte ich und sehnte mich noch immer nach … was? Vielleicht nach Furcht? Mit etwas Respekt hätte ich mich zufriedengegeben. »Und Ihr werdet den Weg nehmen, den ich Euch gestatte.« Es gefiel mir nicht, dass er mein Land besser zu kennen schien als ich selbst.
Er wölbte eine Braue und hielt sein Lächeln im Zaum. Aus irgendeinem Grund ärgerte er mich damit noch mehr, als wenn er gelächelt hätte. »Und wie entscheidet Ihr, König Jorg?«
Alles in mir drängte danach, ihn zu verletzen, ihm wehzutun. Bei jedem anderen Mann hätten die Worte selbstgefällig und arrogant geklungen, aber hier an diesem kalten Berghang klangen sie ehrlich und aufrichtig. Ich hasste ihn dafür, so offensichtlich der bessere Mann zu sein. Dann bemerkte ich etwas in seinen Augen und begriff, dass er Mitleid mit mir hatte.
»Kreuzt das Schwert mit mir, Bruder Orrin«, sagte ich. »Ihr tut gut daran, an Frieden zu denken. Warum sollten meine Ziegenhirten oder Eure Schweinebauern in einem Krieg leiden, nur um zu sehen, welche Kehrseite von uns den leeren Thron küsst? Kreuzt das Schwert mit mir, und wenn ich verliere … Dann werde ich nicht gegen Euch kämpfen, wenn Ihr kommt und Anspruch auf das Reich erhebt. Nur zu, zieht Eure Klingen. Oder lasst Euren Meisterkämpfer sein Glück versuchen, wenn er will.« Ich nickte dem Mann an Orrins Seite zu.
»Ah«, sagte der Fürst. »Gegen ihn möchtest du nicht kämpfen. Das ist mein Bruder Egan. Gott hat ihn dafür erschaffen, hinter einem Schwert zu stehen. Manchmal macht er mir Angst! Und außerdem, ihr beide ähnelt euch zu sehr. Egan hält all dies Gerede für Zeitverschwendung. Er würde unsere Bauern gegen deine Hirten in den Kampf schicken und am liebsten die ganze Welt in Blut tränken, nicht wahr, Egan? Ich habe einen Traum für das Reich. Für mein Reich. Einen hellen, schönen Traum. Aber ich fürchte, Egans Träume sind vor allem rot.«
Egan brummte wie gelangweilt.
Der Fürst stieg ab. »Macht den Weg frei, und dass sich niemand einmischt.«
»Dies ist …«
»Ich weiß, Makin«, unterbrach ich ihn. »Es ist keine gute Idee.«
Makin schwang sich vom Rücken seines Pferds und trat neben mich, als Orrins Männer zurückwichen. »Er könnte gut sein«, sagte er.
»Gut ist gut«, sagte ich. »Ich bin großartig.«
»Ich bestreite nicht, dass du es großartig verstehst zu töten, Jorg«, sagte Makin leise. »Aber dies ist Fechtkunst, und Fechtkunst allein.«
»Dann muss ich mir eben etwas einfallen lassen«, erwiderte ich. Der Fürst hatte nicht gefragt, was ich von ihm verlangen würde, falls ich gewann. Das hinterließ einen bitteren Geschmack.
Wir traten aufeinander zu, zwei der Hundert, die Abstammungslinien von Kaiser und Verwalter trafen sich zum Kampf.
»Wir könnten dies klug anstellen, Jorg«, sagte Orrin. Er verstand mich gut genug, um nicht »auf die leichte Weise« zu sagen. »Unterstütze mich. Der neue Kaiser wird einen neuen Verwalter brauchen.«
Ich spuckte in den Dreck.
»Du weißt nicht, was du willst, oder warum du es willst, Jorg«, fuhr Orrin fort. »Du hast nichts von dem Reich gesehen, das du für dich willst. Bist du im Osten gewesen? Bist du dort der Sonne bis zu den Mauern von Utter gefolgt? Hast du die Küsten des dunklen Afrique gesehen? Hast du mit den Jarls gesprochen, die von ihrer nördlichen Feste lossegeln, wenn es das Eis erlaubt? Wenn du in der Leere des Arral geboren wärst, hättest du in all den Jahren deiner Wanderungen nichts als Grasland gesehen. Mit dem Schiff, Jorg, mit dem Schiff muss man reisen, um das Reich zu sehen. Bist du jemals am Meer gewesen?«
Der Grauschimmel furzte selbstzufrieden und ersparte mir damit eine Antwort. Ich habe dieses Pferd immer gemocht.
Wir umkreisten uns. Mit dem Schwertkampf, insbesondere mit Langschwertern, ist es wie mit dem Leben: Es kommt darauf an, den richtigen Moment zu wählen. Wenn man ausholt, geht man eine Verbindlichkeit ein, die oft das ganze Leben betrifft. Man wartet auf eine gute Gelegenheit, und dann wettet man sein Leben darauf. Wenn man gegen einen Mann in Plattenpanzer antritt, braucht man seine ganze Kraft. Jeden einzelnen Muskel. Damit genug Schmerz das Metall durchdringt, um den Gegner zu beschäftigen, während man neue Kraft für den nächsten Hieb sammelt. Ein Sprung nach vorn kann verlockender sein, erfordert jedoch Präzision. Man muss die Lücke in der Rüstung des Gegners finden und die Klinge hineinstoßen, bevor er die Lücke bei einem selbst entdeckt und sie zum Ziel seines Schwertes macht.
Ich holte aus, nicht um ihn zu verletzen, sondern damit sich die Klingen trafen. Orrins Schwert sah rauchig aus, wie von etwas Dunklem im Erbauer-Stahl. Das Klirren hallte laut und weit über die Hänge. Irgendwie rollte der Fürst sein Schwert in dem Augenblick, als die Klingen aufeinandertrafen, und fast wäre es ihm gelungen, mir damit die Waffe aus der Hand zu reißen. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ich setzte ihn unter Druck, mit kurzen, schnellen Hieben, die seine Hände ermüden und ihn davon abhalten sollten, derart trickreich zu sein. Es fühlte sich an, als hackte ich nach einer steinernen Säule. Schon nach kurzer Zeit taten mir die Hände weh, und der Schmerz kroch in die Handgelenke.
»Du bist besser, als ich dachte«, sagte Orrin.
Und er griff an: ein Sprung, dann ein Hieb, und noch ein Sprung. Kombinationen so schnell, dass ihnen meine Gedanken kaum folgen konnten.
Wir üben, damit unsere Muskeln lernen. Damit unsere Augen zu Armen und Händen sprechen, ohne den Umweg über das Gehirn und die Notwendigkeit, zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen. Es ist wie das Lernen von Noten für eine Harfe. Zuerst durchdenkt man es gründlich, A, C, C, D … und wenn die Finger schließlich Bescheid wissen, hat man die Noten vergessen.
Mein Schwertarm bewegte sich, ohne das Gehirn zu fragen.
»Wirklich nicht übel«, sagte Orrin.
Aber wenn man versucht, das Musikstück schneller zu spielen, und schneller, und noch etwas schneller … Irgendwann zögern die Finger. Was kommt jetzt?, wollen sie wissen? Was kommt als Nächstes?
Eine dicke Eisenstange an den Kopf, das schien als Nächstes zu kommen. So fühlte sich die flache Seite des Schwertes an. Ich stieß etwas hervor, das zur einen Hälfte ein Fluch und zur anderen ein Ächzen war, spuckte Blut und ging so zu Boden, als hätte der Fürst alle meine Fäden durchgeschnitten.
»Gib auf.« Es hörte sich an, als riefe er vom Ende eines langen Tunnels.
»Scheiß drauf.« Mehr Blut, vielleicht auch einige Zahnsplitter.
»Deine letzte Chance, Jorg«, sagte Orrin. Die Schneide seines Schwertes ruhte kalt an meinem Hals.
»Er gibt auf.« Makin stand am Ende desselben Tunnels. »Er gibt auf.«
»Von wegen.« Himmel und Boden trennten sich voneinander. Ich konzentrierte mich auf den dunklen Fleck, der vielleicht Orrin war.
»Gib auf«, sagte er noch einmal. Wärme rann mir dort über den Hals, wo scharfer Stahl die Haut aufgeritzt hatte.
Ich brachte es fertig, zu lachen. »Ihr habt gesagt, dass Ihr mich nicht töten würdet, Fürst von Pfeil. Es liegt nicht in Eurem Interesse. Warum also sollte ich aufgeben?« Ich spuckte erneut. »Wenn Ihr jemals die Grenzen meines Landes mit einem Heer erreicht … Dann werde ich entscheiden, was es zu tun gilt.«
Orrin wandte sich voller Abscheu ab.
»Der Hohe Pass«, sagte ich. »Ich erlaube Euch, durch den Hohen Pass zu reiten. Beglückt den Grafen mit Eurem Moralisieren. So viel habt Ihr verdient.« Ich versuchte aufzustehen, aber es gelang mir nicht. Makin half mir auf die Beine.
Wir beobachteten, wie die Ritter fortritten. Der Bruder, Fürst Egan, warf mir einen bösen Blick zu, als er vorbeikam. Orrin drehte nicht einmal den Kopf.
Wir sahen ihnen nach, bis das letzte Pferd hinter der Anhöhe verschwunden war.
»Wir brauchen ein größeres Heer«, sagte ich.

Sir Makin entspricht fast dem
legendären Bild des stattlichen
Ritters: dunkle Locken, groß, die Statur eines
Schwertkämpfers,
die Augen schwarz, seine Rüstung immer sauber und
poliert,
die Klinge scharf. Nur seine dicken Lippen und die
spitze Nase
lassen ihn nicht ganz den Traum aller Frauen sein.
Sein Mund
ist zu ausdrucksvoll, sein Gesicht zu streng. Auch
in anderer
Hinsicht ist Sir Makin ein »fast«. Fast ehrenhaft,
fast ehrlich.
Seine Freundschaft aber kennt kein Fast.