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Vier Jahre zuvor

In meinem vierzehnten Jahr nahm ich den Thron meines Onkels und fand, dass er mir gefiel. Ich hatte eine Burg, eine Gruppe von Dienstmädchen für meine Neugier, einen Hof mit Adligen – oder was im Hochland als Adel galt –, die ich unterdrücken konnte, und eine Schatzkammer, die es zu plündern galt. Während der ersten drei Monate gab ich mich diesen Aktivitäten hin.

 

Ich erwachte schweißgebadet. Normalerweise erwache ich plötzlich, mit einem klaren Kopf, aber diesmal fühlte ich mich dem Ersticken nah.

»Zu heiß …«

Ich rollte herum, fiel aus dem Bett und prallte schwer auf den Boden.

Rauch.

Schreie in der Ferne.

Ich fand die Nachttischlampe und drehte den Docht hoch. Der Rauch kam von der Tür, kroch nicht unter ihr hervor, sondern stieg von jedem Quadratzentimeter des verschmorten Holzes auf und bildete einen wogenden Vorhang.

»Mist …« Bei lebendigem Leib zu verbrennen, war immer eine meiner Ängste gewesen. Nennt es eine persönliche Schwäche. Manche Leute fürchten sich vor Spinnen. Ich fürchte mich vor dem Verbrennen. Und auch vor Spinnen.

»Gog!«, rief ich.

Er war im Vorraum gewesen, als ich mich zurückgezogen hatte. Ich näherte mich der Tür, von der Seite her. Enorme Hitze strahlte mir entgegen. Entweder verließ ich das Zimmer durch die Tür, oder ich konnte versuchen, mich durch eine Lücke zwischen den drei Gitterstäben des Fensters zu quetschen, bevor ich mir Gedanken darüber machte, wie ich anschließend den Sturz dreißig Meter in die Tiefe überleben sollte.

Ich nahm eine Axt aus dem Gestell und stand mit dem Rücken an der steinernen Wand neben der Tür. Meine Lunge schmerzte, und ich konnte nicht richtig sehen. Als ich die Axt schwang, fühlte sie sich so schwer an wie ein erwachsener Mann. Die Klinge bohrte sich ins Holz, und die Tür explodierte regelrecht. Orangefarbenes und weißes Feuer fauchte ins Zimmer, heiß wie ein Schmelzofen, eine große Flammenzunge, aus der kleinere flackerten. Und dann, fast ebenso plötzlich, erstarb das Lodern, ging zu Ende wie ein Hustenanfall und hinterließ nichts weiter als versengten Boden und ein brennendes Bett.

Im Vorraum schien es noch heißer zu sein als in meinem Schlafzimmer. Alles war rußgeschwärzt, vom Boden bis zur Decke, und in der Mitte ruhte ein großes, glühendes Stück Kohle. Ich wankte in Richtung Bett zurück. Die Hitze verdampfte das Wasser in meinen Augen, und ich konnte besser sehen. Das Stück Kohle war Gog, wie ein Neugeborener zusammengerollt, voller Flammen.

Etwas Großes brach durch die Tür des Wachzimmers. Gorgoth! Mit einer dreifingrigen Hand hob er den Jungen hoch und gab ihm mit der anderen einen Klaps. Gog erwachte mit einem plötzlichen Schrei, und von einem Augenblick zum anderen verließ ihn das Feuer. Übrig blieb ein schlaffes Kind, die Haut rot und schwarz getupft, und der Gestank von verbranntem Fleisch.

Wortlos wankte ich an ihnen vorbei und ließ mir von den Wachen helfen.

Sie mussten mich praktisch bis zum Thronraum schleifen  – erst dort kam ich wieder zu Kräften. »Wasser«, brachte ich hervor. Als ich getrunken und mit dem Messer die verbrannten Enden meines Haars abgeschnitten hatte, hustete ich: »Bringt die Monstren her.«

Makin polterte herein, noch damit beschäftigt, einen Panzerhandschuh überzustreifen. »Schon wieder?«, fragte er. »Noch ein Feuer?«

»Ein schlimmes diesmal, ein regelrechtes Inferno«, sagte ich. »Wenigstens brauche ich nicht länger den Anblick der Möbel meines Onkels zu ertragen.«

»Du darfst sie nicht in der Burg schlafen lassen«, sagte Makin.

»Das ist mir gerade klargeworden«, erwiderte ich.

»Bring die Sache zu einem schnellen Ende, Jorg.« Makin zog den Panzerhandschuh wieder aus. Immerhin fand kein Angriff statt.

»Ihr könnt ihn nicht gehen lassen.« Coddin traf ein, mit dunklen Ringen unter den Augen. »Er ist zu gefährlich. Jemand wird ihn benutzen.«

Und so hingen die Worte unausgesprochen in der Luft. Gog musste sterben.

Es donnerte dreimal an der Haupttür, und dann kam Gorgoth mit Gog in den Thronraum, begleitet von vier meiner Tafelritter, die neben ihm wie Kinder aussahen. In der Gesellschaft von Menschen wirkten die Leucrota genauso ungeheuerlich wie an jenem Tag, als ich sie unter dem Honasberg gefunden hatte. Gorgoth kniff trotz der Düsternis die Katzenaugen zusammen, und seine blutrote Haut schien fast schwarz zu sein, als hätte sie einen Teil der Nacht aufgesaugt.

»Du bist jetzt wie alt, Gog, acht? Und du bemühst dich noch immer, meine Burg niederzubrennen.« Ich fühlte Gorgoths Blick. Die großen Sparren seiner Rippen bewegten sich bei jedem Atemzug.

»Der Große wird kämpfen«, murmelte Makin neben mir. »Ein schwerer Gegner.«

»Acht«, wiederholte Gog. Er wusste es nicht, aber er stimmte mir gern zu. Er hatte eine hohe, liebliche Stimme gehabt, als wir uns unter dem Honasberg begegnet waren. Jetzt klang sie rau und trug das Knistern von Flammen in sich, als könnte er das Zeug atmen und wie ein verdammter Drache Feuer speien.

»Ich bringe ihn fort«, sagte Gorgoth mit so tiefer Stimme, dass man sie kaum hörte. »Weit weg.«

Du bist am Zug, Jorg. Stille dehnte sich aus.

Ich säße nicht auf diesem Thron, wenn Gorgoth nicht das Tor gehalten und die Männer des Grafen verbrannt hätte. Die Haut in meinem Gesicht fühlte sich noch immer straff gespannt an, und nach wie vor fiel mir das Atmen schwer. Außerdem hatte ich noch immer den Gestank von verbranntem Haar in der Nase.

»Das mit deinem Bett tut mir leid, Bruder Jorg«, sagte Gog. Ein dicker Finger von Gorgoth traf ihn an der Schulter, und der Stoß genügte, ihn taumeln zu lassen. »König Jorg«, fügte er hinzu.

Ich saß auf diesem Thron, weil mir viele Leute geholfen hatten, und weil mir der Zufall zu Hilfe gekommen war, oft von uns gelenkt. Hauptsächlich aber verdankte ich den Thron dem Opfer vieler Männer, manche von ihnen besser als andere. Man sollte nicht immer neue Schuldenlasten auf sich laden, denn sonst wird ihr Gewicht schnell zu groß.

»Du warst bereit, diesen Jungen den Nekromanten zu überlassen, Gorgoth«, sagte ich. »Ihn und seinen Bruder, sie beide.« Ich fragte nicht, ob er bereit war zu sterben, um Gog zu schützen. So viel stand in seinem Gesicht geschrieben.

»Die Dinge ändern sich«, entgegnete Gorgoth.

»Sie sollten besser einen schnellen Tod finden, hast du gesagt.« Ich stand auf. »Die Veränderungen werden bei diesen Kindern zu schnell kommen, lauteten deine Worte. So schnell, dass sie unerträglich werden. Die Veränderungen werden ihr Innerstes nach außen kehren, hast du gesagt.«

»Lass ihn versuchen, damit fertigzuwerden.«

»Ich bin heute Nacht fast in meinem Bett gestorben.« Ich trat vom Podium herunter, mit Makin direkt neben mir. »Die königlichen Gemächer liegen in Asche. Und es war nie meine Absicht, im Bett zu sterben. Es sei denn als Kaiser an Altersschwäche unter einer zu leidenschaftlichen Konkubine.«

»Es ist nicht zu ändern.« Gorgoths Hände wurden zu großen Fäusten. »Es liegt in seiner Denas.«

»In seiner was?« Meine Hand ruhte nun auf dem Schwertknauf. Ich erinnerte mich daran, wie Gog für die Rettung seines kleinen Bruders gekämpft hatte. Wie rein jener Zorn gewesen war. Diese Reinheit vermisste ich in mir. Erst am vergangenen Tag war mir jede Entscheidung leicht gefallen. Schwarz oder weiß. Stich Gemt in den Nacken oder nicht. Und jetzt? Grauschattierungen. In solchen Grauschattierungen kann ein Mann ersticken.

»In seiner Denas. Die Geschichte eines Jeden ist in seinem Kern niedergeschrieben, was er ist, was er werden wird«, sagte Gorgoth. »In einer Wicklung steht es geschrieben, im Kern von uns allen.«

Nie zuvor hatte ich von dem Monstrum so viele Worte hintereinander gehört. »Ich habe viele Leute geöffnet, Gorgoth, und wenn etwas in ihnen geschrieben stand, so rot auf rot, und mit üblem Geruch.«

»Das Zentrum eines Mannes lässt sich nicht mit deiner Geometrie finden, Hoheit.« Er sah mich aus diesen Katzenaugen an. Auch das geschah zum ersten Mal, dass er mich Hoheit nannte. Vermutlich kam es für ihn einem Flehen so nahe, wie es möglich war.

Ich beobachtete Gog, der geduckt dastand und dessen Blick zwischen Gorgoth und mir hin und her wanderte. Ich mochte den Jungen. Schlicht und einfach war er. Wir hatten beide einen toten Bruder, den wir nicht retten konnten. In uns beiden brannte etwas, eine elementare Zerstörungskraft, die jeden Tag freigesetzt werden wollte.

»Sire«, sagte Coddin, der diesmal wusste, was mir durch den Kopf ging. »Um diese Dinge sollte sich nicht der König kümmern. Nehmt mein Quartier und lasst uns morgen früh darüber reden.«

Geh und überlass es uns, die schmutzige Arbeit für dich zu erledigen. Die Botschaft war deutlich genug. Und Coddin wollte es nicht tun. Er kannte meine Gedanken, und ich kannte seine. Er hatte seinem Pferd nicht die Kehle durchschneiden wollen, als es wegen eines lockeren Steins lahmte. Aber er hatte es getan. Und er würde es auch jetzt tun. Das Spiel der Könige war nie sauber.

Mach deinen Zug.

»Es lässt sich nicht ändern, Jorg.« Makin sprach mit sanfter Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter. »Er ist zu gefährlich. Wer weiß, was aus ihm werden könnte.«

Mach deinen Zug. Beweg deine Figuren. Gewinn das Spiel. Triff die harten Entscheidungen.

»Gog«, sagte ich. Er richtete sich langsam auf, sah mir dabei in die Augen. »Man teilt mir mit, dass du zu gefährlich bist. Dass ich dich nicht bei mir behalten und dich auch nicht gehen lassen kann. Dass du ein zu großes Risiko bist. Eine Waffe zu schwer für meine Hand.« Ich drehte mich um, und mein Blick strich durch den Thronraum, über die hohen Gewölbe und dunklen Fenster. Dann wandte ich mich Coddin, Makin und den Rittern meiner Tafel zu. »Ich habe eine Sonne der Erbauer unter Gelleth geweckt, und dieses Kind soll für mich zu viel sein?«

»Es waren verzweifelte Zeiten, Jorg«, sagte Makin und schaute dabei auf den Boden.

»Die Zeiten sind immer verzweifelt«, erwiderte ich. »Glaubst du, hier sind wir sicher, am Hang des Berges? Von innen mag diese Burg groß und mächtig erscheinen. Eine Meile entfernt kann man sie mit dem Daumen bedecken.«

Ich sah Gorgoth an. »Vielleicht brauche ich eine neue Geometrie. Vielleicht sollten wir diese Denas suchen und herausfinden, ob die Geschichte neu geschrieben werden kann.«

»Die Macht des Kindes ist außer Kontrolle, Jorg«, sagte Coddin. Ein tapferer Mann, der mich unterbrach, wenn ich in Schwung war. Die Art von Mann, die ich brauchte. »Wir müssen damit rechnen, dass es immer wilder wird.«

»Ich bringe den Jungen nach Heimrift«, sagte ich. Gog ist eine Waffe, und dort werde ich ihn schmieden.

»Heimrift?« Gorgoth öffnete seine Fäuste. Die Knöchel knackten.

»Ein Ort der Dämonen und des Feuers«, brummte Makin.

»Ein Vulkan«, sagte ich. »Eigentlich sogar vier. Und ein Feuermagier. Das hat mir zumindest mein Lehrer erzählt. Stellen wir die Vorzüge einer königlichen Bildung auf die Probe. Wenigstens wird es Gog dort gefallen. Alles brennt.«