8
Vier Jahre zuvor
Ich erwachte in einem verdunkelten Zimmer. Eine Fliege summte. Irgendwo erbrach sich jemand. Licht kroch dort durch Lücken, wo Lehm vom Flechtwerk bröckelte. Etwas mehr Licht kam durch die schief in ihrem Rahmen hängenden Fensterläden. Eine Bauernhütte. Das Würgen hörte auf und wich leisem Schluchzen. Ein Kind.
Ich setzte mich auf. Eine dünne Decke rutschte von mir herunter. Stroh pikste. Der pochende Schmerz war aus meinem Kopf verschwunden. Der gesplitterte Zahn tat verdammt weh, aber es war nichts im Vergleich damit, wie es um den Kopf gestanden hatte. Ich tastete nach meinem Schwert, ohne es zu finden.
Verschwundener Kopfschmerz hat etwas Magisches. Wie bedauerlich, dass die Freude über sein Verschwinden nicht länger dauert, dass man sie nicht jeden Augenblick im Leben genießen kann. Natürlich waren es keine gewöhnlichen Kopfschmerzen gewesen. Der gute alte Jorgy hatte sich ein angeschlagenes Gehirn geholt. Ich wusste, was es damit auf sich hatte. Einmal war Bruder Gains von seinem Pferd gefallen und mit dem Kopf aufgeschlagen, und fast zwei Tage lang war er noch verrückter gewesen als Maical. »Bin ich vom Pferd gefallen?« Mindestens tausend Mal hatte er diese Frage gestellt, im einen Moment geweint und im anderen gelacht. Wir sind zerbrechlich, wir Menschen.
Ich kam auf die Beine, die noch immer ein bisschen wacklig waren. Die Tür öffnete sich, und helles Licht umgab die Silhouette einer Frau. »Ich bringe dir Suppe«, sagte sie.
Ich nahm den Teller und setzte mich wieder. »Riecht gut.« Das stimmte. Mein Magen knurrte.
»Dein Freund Makin, er brachte zwei Kaninchen für den Topf«, sagte die Frau. »Wir hatten kein Fleisch mehr, seit uns die Schweine genommen wurden.«
Ich hob den Teller an die Lippen – einen Löffel gab es nicht. Die Frau ging, als ich zu schlürfen begann, mir dabei den Mund verbrannte und kaum darauf achtete. Eine Zeit lang schlürfte ich einfach nur und beobachtete, wie dort der Staub tanzte, wo Finger aus Licht durch die Fensterläden tasteten. Ich mampfte Kaninchenbrocken, kaute Knorpel und schluckte Fett. Es ist angenehm, mit leerem Kopf zu essen.
Schließlich stand ich erneut auf, und diesmal schienen meine Beine etwas stabiler zu sein. Ich klopfte mich ab. Der alte Dolch befand sich an meiner Hüfte, und der Beutel am Gürtel enthielt einen Klumpen, der sich als Makins Nelkenwurz herausstellte. Ich sah mich noch einmal nach dem Schwert um und ging dann zur Tür. Der Tag erschien mir ein wenig zu hell, und der Wind war kühl, trug mir den Geruch von altem Feuer entgegen. Ich streckte mich und blinzelte. Abgesehen von der Hütte, die ich gerade verlassen hatte – offenbar ein Stall für Tiere –, lag alles in Trümmern. Zwei Häuser, die Mauern eingestürzt, die Balken verkohlt, einige niedergerissene Zäune und Pferche, die wie von Pferdehufen zertrampelt aussahen. Die Frau, die mir den Teller gebracht hatte, hockte bei den Resten des nächsten Hauses und kehrte mir den Rücken zu.
Ich musste plötzlich pinkeln und stellte mich an die Hütte. Urin floss und schien mit dem Fließen gar nicht aufhören zu wollen. »Jesus! Habe ich eine ganze Woche geschlafen?«
Ein kluger Mann hat einmal gesagt: »Scheiß nicht dorthin, wo du isst.« Vielleicht Aristoteles. Auf der Straße ist das eine wichtige Regel. Erleichtere dich, wo du willst. Zieh jeden Tag weiter und lass die Scheiße – alle Arten von ihr – hinter dir zurück. In der Burg habe ich einen Aborterker. Um ganz ehrlich zu sein: Eigentlich ist es nur ein Loch in der Wand, durch das man kacken kann. In einer Burg scheißt man, wo man isst, und deshalb sollte man aufpassen, damit man die Dinge nicht durcheinanderbringt. Das habe ich in den letzten drei Monaten als König gelernt.
Endlich war ich fertig mit dem Pinkeln. Musste genug für eine Woche gewesen sein.
Es ging mir besser. Gut. Ich gab einem herzhaften Gähnen nach. Das Land erstreckte sich flach nach Norden, und die Matteracks bildeten eine gezackte Linie im Süden. Wir hatten das Hochland verlassen, oder beinahe. Ich streckte mich erneut und schlenderte zu der Frau. »Haben meine Männer das hier getan?« Mit krauser Stirn sah ich mich um. »Wo zum Teufel sind sie überhaupt?«
Sie drehte sich um, das Gesicht voller Falten, die Augen tief in den Höhlen liegend. »Soldaten von Ankrath haben es getan.« Ein Kind hing in ihren Armen, schlaff und grau, ein Mädchen, etwas sechs oder sieben.
»Ankrath?« Ich wölbte eine Braue und betrachtete das Mädchen. »Sind wir der Grenze so nahe?«
»Fünf Meilen«, erwiderte die Frau. »Sie sagten, wir könnten hier nicht leben. Das Land sei annektiert. Dann setzten sie die Häuser in Brand.«
Annektiert. Das ließ es leise in meinem Hinterkopf klingeln. Ein Disput um die Grenze. Auf den ältesten Karten reichte Lord Nossars Besitz bis hierher.
Ich konnte jetzt das Erbrochene riechen, bitter in der Morgenluft. Etwas davon klebte dunkel im Haar des Mädchens.
»Sie haben deinen Mann getötet?«, fragte ich und überraschte mich selbst. Solche Dinge wecken nicht genug Interesse in mir, als dass ich Worte an sie vergeude. Ich gab dem Schlag an den Kopf die Schuld.
»Sie töteten unseren Jungen«, sagte die Frau und sah an den verkohlten Balken vorbei, auch an mir und dem Himmel. »Davie lief schreiend und hustend nach draußen, vom Rauch blind. Kam einem Soldaten zu nahe. Er schlug zu, wie beiläufig, als wollte er einen störenden Zweig beseitigen, und plötzlich war der Leib meines Jungen offen. Seine Gedärme …« Sie blinzelte und sah auf das Mädchen hinab. »Er schrie noch immer. Wollte einfach nicht aufhören zu schreien. Ein anderer Soldat schoss ihm einen Pfeil in den Hals.«
»Und dein Mann?« Ich hatte nicht nach dem Jungen gefragt. Jene Geschichte hatte ich nicht von ihr gewollt. Und das Mädchen sah zu mir hoch, ohne Interesse und ohne Hoffnung.
»Ich weiß nicht.« Die Frau hatte eine graue Stimme. Eine solche Stimme bekommt man, wenn alle Gefühle verbrannt sind. »Er lief nicht zu Davie, er hielt ihn nicht in den Armen. Hatte zu viel Angst, dass ihn die Soldaten ebenfalls niederstrecken würden.« Das Mädchen hustete. Ein feuchter Husten, es klang gar nicht gut. »Jetzt weint er die ganze Zeit über oder starrt zu Boden.«
»Und das Kind?« Ich verfluchte meinen leeren Kopf. Kaum hatte ich eine Frage gedacht, sprang sie mir auch schon aus dem Mund.
»Krank«, antwortete die Frau. »Im Bauch. Aber ich glaube, die Krankheit steckt auch in ihrem Blut. Ich glaube, es ist der Schmutz.« Sie zog das Mädchen an sich. »Tut es weh, Janey?«
»Ja.« Ein trockenes Flüstern.
»Ein bisschen oder sehr?«
»Sehr.« Noch immer nur ein Flüstern.
Warum Fragen stellen, wenn nichts getan werden kann? »Er hat es richtig gemacht«, sagte ich. »Dein Mann. Manchmal muss man sich zurückhalten, den rechten Augenblick abwarten.« Die Dornen hatten mich im rechten Moment zurückgehalten; sie hatten die Entscheidung für mich getroffen. »Er hat es richtig gemacht.« Die Worte, die vor meinem Sturz vom Pferd wahr geklungen hatten, erschienen jetzt bedeutungslos neben der leeren Hülle, aus der sie kamen. Ein Schlag an den Kopf kann einem Mann viel Vernunft nehmen.
Ich sah Reiter auf der Wiese. Zwei Männer, drei Pferde. Makin und Rike näherten sich ohne Eile.
»Schön, dich wieder auf den Beinen zu sehen, Jorg.« Makin schenkte mir sein Lächeln. Rike zog einfach nur eine finstere Miene. »Frau Sara und Herr Marten haben sich um dich gekümmert, wie ich sehe.« Das war typisch Makin: immer Freundschaft schließen, immer die Namen behalten, immer höflich sein.
»Sara heißt du also?«, fragte ich. Dies waren vermutlich meine Untertanen. »Und die kleine Janey.« Für einen Moment sah ich eine andere Jane, von Steinen zerschmettert, wie das Licht des Lebens in ihren Augen erlosch. Jene Jane hatte mir einmal gesagt, dass ich bessere Gründe brauchte. Bessere Gründe, wenn ich siegen wollte, aber vielleicht auch bessere Gründe für alles andere.
»Bring sie hinein«, sagte ich. »Hier draußen ist es zu kalt.« Vage Schuldgefühle erfassten mich, wegen des Pinkelns an eine der vier Wände, die sie mir überlassen hatten.
Sara stand auf und trug das Mädchen in den Stall.
»Du hast mich also wie einen Toten zurückgelassen, Makin?« , fragte ich. »Wo sind die anderen?«
»Sie lagern eine Meile die Straße hinunter.« Er deutete nach Norden. »Halten nach weiteren Soldaten Ausschau.«
Ich fand es seltsam, mir vorzustellen, dass der fröhliche alte Nossar hinter diesen Überfällen steckte. Ich erinnerte mich an ihn in seinem Festsaal, wie er die auf dem Tisch vor ihm ausgebreiteten verblichenen Karten betrachtete. Nossar auf seinem Eichenstuhl im Kastell von Elm, mit grauem Bart und warmen Augen. Wir haben in dem Saal gespielt, Will und ich, als wir nicht größer waren als das Kind in Saras Armen. Nossar und die Linien auf seinen Karten. Ruppiges Gerede über »seine Jungs«, die Renars Jungs eine Abreibung verpassen würden.
»Fürs Reiten bereit?«, fragte Makin.
»Bald.« Ich ging zu meinem Pferd. »Brath« hatte der Stallmeister den Hengst genannt, und ich hatte es nicht für nötig gehalten, den Namen zu ändern. Ein kräftiges Ross, aber nicht mit Gerrod zu vergleichen, der unter dem Berg fiel, den ich in Gelleth umgestoßen hatte. Ich entnahm den Satteltaschen einige Dinge und folgte Sara.
Auf dem Weg hinaus hatte mich das Licht geblendet, und auf dem Weg hinein blendete mich die Düsternis. Der Stall stank. Das hatte ich nicht bemerkt, als ich erwacht war, aber jetzt wies mich meine Nase deutlich darauf hin. Alte Kotze, Schweiß, Dung von Tieren. Ich glaubte dem Fürsten von Pfeil, wenn er davon sprach, dass er das Volk schützen und ihm Frieden geben wollte. Ich glaubte Jane, als sie sagte, dass ich bessere Gründe für das brauchte, was ich dem Schicksal für mich abrang. Das alles glaubte ich. Ich glaubte nur nicht, dass es eine Rolle für mich spielte.
Neben der Frau ging ich in die Hocke. Es fiel mir bereits schwer, mich an ihren Namen zu erinnern. »Der neue König hat dich also nicht geschützt?«
»Es gibt einen König?«, erwiderte sie ohne Interesse und wollte, dass ich ging.
»Hallo, Janey«, sagte ich und richtete meinen Charme auf das Kind. »Hast du gesehen, dass ich den größten und hässlichsten Mann mitgebracht habe, damit du ihn dir anschauen kannst?«
Ein halbes Lächeln huschte über die Lippen des Mädchens.
»Also, was möchtest du, kleine Janey?«, fragte ich, ohne zu wissen, was ich hier machte, gebückt im Gestank von Bauern. Vielleicht wollte ich den Fürsten von Pfeil nur bei etwas übertreffen. Oder vielleicht waren es die Echos des Schlages an den Kopf. Vielleicht hatte Maical als kleines Kind einen Schlag an den Kopf erhalten, dessen Echo durch sein ganzes Leben hallte.
»Ich möchte Davie.« Das Mädchen rührte sich nicht. Nur die Lippen bewegten sich. Und die Augen.
»Was möchtest du einmal sein? Oder tun?« Ich dachte an meine Kindheit. Ich wollte der Tod mit Flügeln sein. Ich wollte die Welt aufbrechen, bis sie hergab, was mir gehörte.
»Eine Prinzessin«, sagte Janey. Sie zögerte. »Oder eine Meerjungfrau.«
»Ich erzähle ihr Geschichten, Herr«, sagte die Mutter. Es steckte noch immer Furcht in ihr, selbst jetzt, am Rand der Verzweiflung. Ich fragte mich, warum sie sich vor mir fürchten sollte. Was hätte ich ihr nehmen können? »Meine Großmutter konnte lesen«, fügte sie hinzu. »Und unsere Familie hat die Geschichten bewahrt.« Sie strich über Janeys Haar. »Ich erzähle sie, wenn der Schmerz kommt. Um sie davon abzulenken, ihren Kopf mit Unsinn zu füllen. Sie weiß nicht einmal genau, was eine Meerjungfrau ist.«
Ich biss mir auf die Zunge. Drei unmöglich zu erfüllende Wünsche in ebenso vielen Momenten. Ich hatte daran gedacht, König zu sein. Ich hatte mir die Krone und den Thron vorgestellt, meine Heere, Gold und Festungen.
Janey möchte ihren Bruder. Und sie möchte Prinzessin sein, oder eine Meerjungfrau. Der Schmutz wird sie fressen, in den Armen ihrer Mutter weinend, er wird sie in ein kaltes Loch im Boden legen. Und all die Pferde und Soldaten des Königs können nichts daran ändern.
Ich berührte sie, die kleine Janey, ganz vorsichtig an der Stirn. Es steckte bereits genug Tod in ihr, ohne dass ich ihr mehr davon gab. Aber ich berührte sie, mit meinen Fingern, und fühlte ihn in ihr, wie er das Mark ihrer Knochen fraß. Die Krankheit in Janey rief zu der Nekromantie in mir, schuf eine Verbindung. Ich fühlte ihren Herzschlag, ein Zucken unter meinem eigenen.
»Fürs Reiten bereit, Jorg?«
»Ja.« Ich schwang mich in Braths Sattel.
Wir ritten langsam los.
»Ist noch etwas vom Nelkenwurz übrig, Bruder Jorg?«, fragte Makin.
»Offenbar habe ich alles geschluckt, wegen der Schmerzen«, erwiderte ich und klopfte auf den Beutel an meinem Gürtel.
Makin rollte mit den Augen und blickte zum niedergebrannten Gehöft zurück. »Beim blutenden Christus, es war genug für …«
Er unterbrach sich, als in der Ferne das Rasseln von Becken zu hören war, außerdem das Surren von Zahnrädern, das Stampfen von Füßen. Und das Lachen eines Kindes.
»Hast du sonst noch etwas zurückgelassen, Jorg?«, fragte Makin.
»Der Rote Kent hatte recht«, sagte ich. »Das Ding war verflucht. Steckte voller Unheil. Besser, es trifft einen der Bauern, nicht wahr?«
In der Ebene kann einem der Wind Tränen in die Augen treiben.
Rike zog die Zügel und wollte kehrtmachen.
»Nein«, sagte ich.
Er blieb bei uns.
Schlaf kam spät in jener Nacht. Vielleicht vermisste ich ein weiches Bett nach den bequemen Monaten in der Burg. Der Schlaf kam spät, und als er mich erreichte, brachte er finstere Träume.
Ich lag in einem dunklem Zimmer, in dem es nach Kotze und Tieren stank, sah nur das Glitzern in den Augen eines Kindes und hörte nichts als das leise Tick-tick-tick der Uhr an meinem Handgelenk, untermalt von einem rasselnden Atmen, heiß, trocken und schnell.
Lange Zeit lag ich da, begleitet vom Ticken und Rasseln und dem Glitzern in den Augen des Mädchens.
Wir lagen da, und ein warmer Fluss trug uns mit dem Geruch von Nelken.
Tick, rassel, tick, rassel. Tick, rassel.
Und dann erwachte ich plötzlich und schnappte nach Luft.
»Was ist?«, brummte jemand, vielleicht Kent unter seiner Decke.
»Nichts«, sagte ich. Der Traum klebte noch an mir. »Ich dachte, meine Uhr wäre stehengeblieben.«
Aber es war nicht die Uhr.
Im Morgengrauen erhob sich Makin neben mir, gähnte, spuckte und rieb sich den Nacken. »Himmel, ich bin ganz wund.« Er blickte verschlafen in meine Richtung. »Nichts, das ein bisschen Nelkenwurz nicht in Ordnung bringen könnte.«
»Das Mädchen ist in der vergangenen Nacht gestorben«, sagte ich. »Es war ein leichter, kein schwerer Tod.«
Makin schürzte die dicken Lippen und ließ es dabei bewenden. Vielleicht dachte er an seine eigene Tochter, die er vor Jahren verloren hatte. Er fragte nicht einmal, woher ich es wusste.

Die Jahre scheinen für Bruder Maical
überhaupt keine Rolle zu
spielen, als ob ihn seine Unfähigkeit, sie zu
zählen, vor ihnen
schützt. Er beobachtet die Welt durch ruhige graue
Augen,
mit breiter Brust und dicken Gliedmaßen. Bruder
Grumlow
schneidet Maical das Haar, kurz an den Seiten und
hinten
lang, und rasiert ihn auch, auf dass Kinn und
Wangen immer
glatt sind. Wenn einem niemand sagt, dass Bruder
Maicals
Gedanken in einem leeren Kopf klappern, könnte man
ihn für
einen ebensolchen Schurken halten wie die anderen
Brüder. Im
Kampf jedoch werden seine Hände klug, und er
erscheint heil
und helle, bis das Getöse nachlässt, die Sterbenden
fallen und
Maical weinend übers Schlachtfeld wankt.