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Vier Jahre zuvor

Wir schienen den größten Teil unseres Lebens durch den Sumpf gelaufen zu sein. Von Kopf bis Fuß steckten wir voller Schlamm. Weiße Haut zeigten die Brüder nur, wenn sie sich Dreck von den Augen kratzten. Als die Sonne nun rot dem westlichen Horizont entgegensank, sahen sie immer wilder aus. Bald, wenn die Sonne im Sumpf ertrank und uns in Dunkelheit zurückließ, würden auch wir ertrinken.

»Noch mehr von den Scheusalen!«, rief Rike. Wieder war er der einzige, der übers Meer aus Rohr und Schilf sehen konnte.

»Wie viele?«, fragte ich.

»Alle«, sagte er. »Das ganze Schilf scheint vor ihnen zu fallen.«

Ich hörte das Knurren in der Abendluft, leise zwar, aber sehr deutlich. Ich klopfte auf das Kästchen an meiner Hüfte. Row hatte zwei Stunden gebraucht, um es zu finden, zwei lange Stunden, bis seine Hand an die Oberfläche zurückgekehrt war und mir den kleinen Behälter gegeben hatte. Den Brüdern hatte das Warten gar nicht gefallen, aber auch mit zwei zusätzlichen Stunden wären wir nicht in der Lage gewesen, Chellas schlammige Hölle zu verlassen. Wir ließen Row in dem Tümpel zurück. Makin teilte ich mit, ich hätte ihn freigegeben, aber das stimmte nicht.

»Kannst du irgendwo offenes Gelände erkennen?«, fragte ich.

Rike antwortete nicht, stapfte aber zielstrebig los, und wir folgten ihm.

Das Knurren wurde lauter, dicht hinter uns. Wir liefen, während das Platschen vieler Füße mit jeder verstreichenden Sekunde näher kam. Wir hörten, wie die Verfolger das Schilf hinter uns zerrissen.

In einem Moment rannte ich durch grünes Dickicht, und im nächsten erreichte ich eine niedrige Anhöhe. Sie fühlte sich nach einem Hügel an, obwohl sie nicht mehr als etwa einen Meter aus dem Wasser ragte.

»Gute Arbeit«, sagte ich zu Rike und schnappte nach Luft. Auf freiem Feld stirbt sich’s besser.

Chellas Heer drängte von allen Seiten heran. Die schnellen Toten, fleckig vom Sumpf, mit unsterblichem Zorn in den Gesichtern und einem unheiligen Licht in den Augen, Dutzende von ihnen … Sie schwärmten aus und umzingelten die Anhöhe. Ihnen folgten nur wenig später die grauen, verfaulten Toten durchs flachgedrückte Schilf, unter ihnen die Leichen aus der Tiefe, ihre Haut so zäh wie altes Leder, und auch so dunkel. Price überragte alle anderen, mit seinen langen Knochen und dem verrottenden Fleisch daran. Chella ging an seiner Seite und trug ein weißes Kleid mit Spitzen und Borten, ein Gewand von der Art, wie es Frauen bei der Hochzeit trugen. Und es klebte kaum Schlamm daran.

»Hallo, Jorg.« Sie flüsterte und stand weit entfernt, aber die Worte kamen aus dem Mund aller Toten.

»Kein Streit an unserem Hochzeitstag, Jorg«, sagte sie, und die wandelnden Leichen wiederholten es. »Der Tote König ist auferstanden. Die schwarzen Schiffe stechen in See. Du wirst mich begleiten und mich lieben. Zusammen öffnen wir das Goldene Tor für unseren Herrn und setzen einen neuen Kaiser auf den Thron.«

Die Toten von Gelleth kamen. Sie wankten durch den Sumpf, als hätten sie sich verirrt, torkelten mal in diese und dann in jene Richtung. Geister waren es, aber sie sahen real genug aus mit ihren Verbrennungen und Geschwüren, mit den ausfallenden Zähnen, mit dem Haar, das sich büschelweise vom Kopf löste, und mit der sich abschälenden Haut. Hunderte waren es, Tausende, und sie formten einen großen Kreis der Anklage. Ihre Masse übte einen solchen Druck auf die anderen Toten aus, dass einige der ledrigen Leichen aus den Tiefen fielen und von den Gelleth-Geistern in den Schlick getrampelt wurden.

»Heirate das Luder«, sagte Rike.

»Chella würde dich und die anderen trotzdem töten, Rike. Sie würde deine Leiche neben sich gehen lassen. Du auf der einen Seite, Price auf der anderen und die übrigen Brüder hinter euch.«

»Oh«, sagte er. »So ein Mist.«

»Komm schon, Jorg, zier dich nicht«, sagte Chella, und die Toten wiederholten ihre Worte. Dann sprach sie erneut, und diesmal fanden ihre Worte nur ein Echo, bei einer Frau, die unmittelbar vor unserer Anhöhe stand. Eine verdreckte Leiche, ein Arm bis auf den Knochen angefressen, die Haut voller Flecken, die Lippen grau und halb verfault … und etwas in ihrem Gesicht erinnerte an Ruth. »Der Tote König kommt. Die Toten erheben sich wie eine Flut. Sie sind zahlreicher als die Lebenden, und jeder Kampf schafft mehr Tote, nicht weniger.« Die Zunge der toten Frau bewegte sich, schwarz und glänzend, formte Chellas Worte. »Komm mit mir, Jorg. Es gibt hierbei einen Platz für dich. Es gibt Macht, die darauf wartet, genommen und festgehalten zu werden.«

»Es gibt noch mehr«, sagte ich. Zwar schätzte ich meine Reize sehr hoch ein, bezweifelte aber, dass Chella sich so sehr in mich verguckt hatte, dass sie ganze Länder durchquerte, nur um um meine Hand anzuhalten. Und wenn Rache sie antrieb … Sie hätte leicht Vergeltung üben können, auch ohne dieses Theater. »Du hast Angst vor dem Toten König.« Sie klang zu eifrig, fast verzweifelt. »Was will er von mir?«

Trotz der vielen Meter, die uns trennten, konnte ich ihr Gesicht deuten. Sie wusste es nicht.

Ich wollte vortreten, und dabei stieß ich mit dem Fuß gegen etwas. Als ich den Blick nach unten richtete, sah ich Zähne, den halb im Boden steckenden Kopf eines Hundes, der mich mit seinen Zähnen festhielt, obwohl er nur ein Geist war.

Ich schaute über die tote Horde und beobachtete die dichtgedrängte Menge der Geister hinter ihr. Von meinem Hund Gerechtigkeit konnte Chella nichts wissen. Sie konnte auch nicht alle Toten von Gelleth gerufen und ihre einzelnen Geschichten in Erfahrung gebracht haben. Irgendwie kam dies aus mir. Irgendwie zog Chella die Geister meiner Vergangenheit aus dem Loch, das ich in der Welt schuf. Und nicht einmal die Geister, von denen ich wusste, sondern jene, deren Tod ich verursacht hatte. Ich fühlte die Ecke einer Idee, noch nicht ihre ganze Form, nur die Ecke.

Der Hundeschädel lenkte meinen Blick wieder auf den Boden. »Das hättest du nicht tun sollen«, sagte ich und zog den Fuß zurück. Deutlich spürte ich, wie mir die Zähne über die Zehen kratzten, aber sie hinterließen keine Spuren auf meinen Stiefeln. Nur Schmerz, kein Blut. Es war mein eigener Geist, der mich gefangen hielt. Die Geister dort draußen konnten uns nichts antun, denn sonst wären wir zusammen mit ihnen verbrannt, als die Erbauer-Sonne loderte. Chella brachte sie nur, um mich zu peinigen.

»Lass uns heiraten, Liebling«, sagte sie. »Die Gemeinde ist versammelt. Bestimmt können wir einen Priester finden, der die Trauung vornimmt.«

Und durch die anderen Geister bahnte sich Friar Glen einen Weg nach vorn, ein im Tageslicht wabernder Schatten, weniger deutlich als die anderen Phantome, als versuchte etwas, ihn zurückzuhalten. An meiner Hüfte wurde das Kästchen mit den Erinnerungen schwer. Dass Friar Glen tot war, überraschte mich, aber: Vielleicht hatte ich es gewusst und dann absichtlich vergessen. Mit langsamen Schritten kam er, humpelnd, obwohl ich keine Verletzungen an ihm erkennen konnte, und besonders glücklich wirkte er nicht. In der einen Hand hielt er ein Messer, ein vertrautes Messer, rot von Blut. Als ihm ein Toter den Weg versperrte, stieß Friar Glen ihm das Messer in den Hals. Das Geschöpf fiel, mit der Klinge in der Wunde. Geister konnten Lebenden nichts anhaben, aber bei Toten schienen sie erheblichen Schaden anrichten zu können. Friar Glen humpelte weiter und blieb schließlich neben Chella stehen.

Ich fragte mich, wie der Geist des Friars hierherkam und mich mit solchem Hass anstarrte. Aus einer Entfernung von fünfzig Metern spürte ich ihn, diesen Hass. Aber mehr noch als Friar Glen beschäftigten mich Chellas Worte, die sie vor seinem Erscheinen gesprochen hatte.

Die Gemeinde ist versammelt.

Die schnellen Toten kamen näher, obwohl ich keine Anweisung gehört hatte. Mit langsamen Schritten näherten sie sich, ihre Hände bereit, zu packen, zu drehen und zu reißen. Gegen so viele konnten wir uns nicht behaupten.

»Es ist keine richtige Hochzeit, wenn meine Familie nicht an der Zeremonie teilnimmt.« Ich steckte mein Schwert in die Scheide.

»Manche Geister kann ich nicht holen. Die königlichen Toten werden in gesegneten Gräbern bestattet und liegen dort bei alter Magie. Ich hätte deine Mutter schon längst für dich tanzen lassen, wenn ich dazu in der Lage wäre«, sagte Chella. Das Flüstern erreichte mich durch die Menge, es zitterte auf den Lippen der schnellen Toten, als sie noch näher kamen.

Die Gemeinde ist versammelt, aber manche Geister kann sie nicht holen.

Hinter uns wieherten die Pferde, die uns geblieben waren. Sie waren nervös, selbst der Grauschimmel.

»Ich dachte an meine Brüder«, sagte ich und deutete nach links und rechts, auf Makin, Kent, Grumlow und Rike.

»Sie können der Zeremonie beiwohnen«, sagte Chella. »Ich lasse ihnen ihre Augen.«

»Was ist mit Musik und Dichtern für hübsch klingende Vorträge? Was ist mit Blumen?«, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.

»Du willst Zeit gewinnen«, sagte Chella.

Die Gemeinde ist versammelt. Abgesehen von denen, die sie nicht holen kann. Und die sie nicht zu holen wünscht.

»Es gibt da einen Dichter, an den ich denke, Chella. Ein Gedicht. Passend für diese Gelegenheit. Es heißt ›An seine spröde Geliebte‹.«

»Bin ich spröde?« Chella kam näher, trat durch die Reihen ihrer Toten.

Die Weisheit der Dichter hatte die der Erbauer überlebt.

»In dem Gedicht geht es um Zeit, zumindest teilweise. Darum, dass der Dichter die Zeit nicht anhalten kann. Und zum Schluss sagt er: ›Wenn das Halten der Sonne nicht kann gelingen, wir sie können doch zum Laufen bringen.‹«

Geister können Menschen nicht verletzen. Aber sie können sie in den Wahnsinn treiben. Sie können ihnen keine Wunden zufügen, sie aber so sehr quälen, dass sie sich das Leben nehmen. Diese Wahrheit spürte ich; meine gestohlene Nekromantie bestätigte sie mir. Aber Geister schienen sehr wohl in der Lage zu sein, Tote zu verletzen. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen. Die Leichen, von Chella in Bewegung gesetzt, konnten von Geistern zu Fall gebracht werden, weil sie ihrer Welt näher waren, weil sie den Toren des Todes nahe genug standen, damit Geister sie packen und würgen konnten.

»Wie nett«, sagte Chella. »Aber es wird mich nicht aufhalten.«

»Dann werde ich dich zum Laufen bringen.« Ich nahm meine ganze Willenskraft zusammen und rief die Geister, die allein mir gehörten. Ich zog sie durchs Tor, das Chella geöffnet hatte. Mit ausgebreiteten Armen rief ich alle Geister und Phantome, die mir in diesen langen Jahren gefolgt waren. Ich ließ sie durch meine Brust ziehen, und sie kamen mit dem Schlag meines Herzens. Ich konnte Chella nicht daran hindern, die Geister zu rufen, die sie hierher holen wollte, aber ich konnte sehr wohl dafür sorgen, dass alle kamen, jeder einzelne von ihnen. Und zwar schnell.

Und sie kamen. Die von Chella nicht eingeladene Gemeinde. Die brennenden Toten von Gelleth, die ersten, die das Licht der Erbauer-Sonne erreicht hatte, nicht Opfer vom Rand der Explosion wie Ruth und ihre Mutter, sondern jene, die in der Roten Burg verbrannt waren, im Herzen des Infernos. In einer endlosen Flut strömten sie aus mir. Zehn von ihnen für jedes Kind von Gelleth, das Chella gerufen hatte. Und meine Toten, die brennenden Toten, brachten ein besonderes Feuer. Sie brannten lichterloh, mit Fleisch, das ihnen halb flüssig geworden über die Knochen rann. Flammen umgaben jeden Mann und jede Frau, und sie alle schrien und taumelten. Hinter ihnen, ruhigen Schrittes, kamen Geister von einer neuen Art, jeder von einem schrecklichen Licht erfüllt, das ihr Fleisch rosarot glühen ließ und die Knochen darin in dunkle Schatten verwandelte.

Ich sah nichts als Feuer und Hitze, hörte nur Schreie, und nach einer Ewigkeit standen wir allein auf dem kleinen Hügel. Von Chella und ihrem Heer der Toten war nichts mehr zu sehen, außer verkohlten Knochen, die im Sumpf lagen und dampften.

»Die Hochzeit fällt aus«, sagte ich, orientierte mich mithilfe der untergehenden Sonne und führte die Brüder nach Süden.

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Bruder Makin hat hohe Ideale. Wenn er an ihnen festhielte, wären wir Feinde. Wenn er an seinem Versagen litte, wären wir keine Freunde.