19
Vier Jahre zuvor
Die Wälder der Dänlor haben einen eigenen Charakter, dicht an dicht stehende Kiefern, die den Tag in Düsternis verwandeln und die Nacht in eine tintenschwarze Suppe, ob Mond oder nicht. Alte Nadeln dämpfen jeden Schritt, von Mensch und Tier; das trockene Kratzen toter Zweige ist das einzige Geräusch. An einem solchen Ort braucht man nicht viel Phantasie, um allen Koboldgeschichten zu glauben. Und wenn man ins Freie zurückkehrt, versteht man, dass es nicht die Streitaxt war, die dieses Land erobert hat, sondern die Axt des Holzfällers.
Wir kehrten früh zu Herzog Alarichs Feste zurück – die Hähne krähten, und jeder Schatten streckte sich lang durchs Gras, als wollte er die Richtung weisen. Bodennebel hing noch in Fetzen an den Bäumen und wogte dort, wo die Pferde hindurchtraten. Einige Bedienstete eilten zwischen dem großen Saal und den Küchen hin und her. Stallknechte sattelten Pferde, und aus dem nahen Dorf kam ein Bäcker mit warmen Brotlaiben auf einem Karren.
Zwei Burschen vom Stall nahmen unsere Pferde. Ich gab Brath einen Klaps aufs Hinterteil, als die Knechte ihn wegbrachten. Ein leichter Regen fiel. Ich hatte nichts dagegen.
Der Regen gab dem Mauerwerk Glanz und wurde schnell stärker. Ein interessantes Wort: Glanz. Silberne Ketten an heiligen Bäumen, der Glanz auf kussbereiten Lippen, Tau an Spinnweben, Schweiß auf Brüsten. Glanz, Glanz, Glanz. Man wiederhole das Wort immer wieder, bis es seine Bedeutung verliert, und selbst ohne Bedeutung bleibt es wahr. Der Regen gab dem grauen Stein Glanz. Nicht ganz ein Funkeln, und nicht ganz ein Glühen. Die Steine glänzten, es gluckerte in den Regenrinnen, Blätter beugten sich unter Wasserlasten, die dann in kleinen Wasserfällen zu Boden strömten. Ein Stück Stroh schwamm an meinem Fuß vorbei, suchte sich seinen Weg wie ein Kajak im Wildwasser, tanzte und drehte sich, erreichte den Abfluss, drehte sich dort noch einmal und verschwand.
Manchmal wird die Welt langsamer, und dann bemerkt man alle kleinen Dinge, als stünde man zwischen zwei Herzschlägen der Ewigkeit. Mir schien, dass ich schon einmal auf diese Weise empfunden hatte, bei Corion und Sageous, auch bei Jane. In der Luft hing schwer der metallische Geruch des Regens. Ich fragte mich: Wenn ich hier draußen im strömenden Regen stehenblieb, würde er ein graues Leben umhüllen und ihm Glanz geben? Sollte ich stehenbleiben, die Arme ausbreiten und den Kopf heben, um mich sauber waschen zu lassen? Oder gingen meine Flecken zu tief?
Ich lauschte dem Regen, dem Trommeln und Tropfen, dem Klatschen und Platschen. Die anderen bewegten sich um mich herum, reichten den Stallknechten Zügel, nahmen Satteltaschen und beschäftigten sich mit den Dingen der Lebenden, als hätten sie nicht bemerkt, dass ich außerhalb dieser Dinge stand. Als spürten sie überhaupt nichts von ihr.
Rike kam aus der Feste und rieb sich Schlaf aus den Augen.
»Himmel, Rike«, sagte ich. »Wir sind nur einen Tag weg gewesen. Wie konntest du dir einen Bart wachsen lassen?«
Er zuckte die Schultern und rieb sich Stoppeln, die fast so lang waren, dass die Finger darin verschwanden. »Andere Länder, andere Sitten.«
Es erstaunte mich, dass er diese Redensart kannte, die allerdings mit seinem Bart kaum etwas zu tun hatte. Ich ließ es dabei bewenden und stellte eine näherliegende Frage. »Warum bist du auf?« Auf der Straße kroch Rike immer als letzter aus seinem Schlafsack; nie stand er ohne eine Drohung oder einen besonderen Anreiz auf.
Er kratzte sich am Kopf, als er meine Frage hörte. Sindri kam aus dem Stall und klopfte mir auf die Schulter. »Mit einem Bart wird er gut aussehen. Wir machen noch einen richtigen Wikinger aus ihm!«
Rike runzelte die Stirn. »Sie hat mich zum Ende des Sees gerufen.«
»Wer?«
Die Falten in seiner Stirn wurden tiefer und länger. Schließlich hob und senkte er erneut die Schultern und kehrte ins Gebäude zurück.
Ich blickte über den See. Auf der anderen Seite, von den grauen Regenschleiern fast verhüllt, stand ein Zelt, eine Jurte, so alt, dass sie vergilbt war. Ein dünner Rauchfaden kam oben durchs Rauchloch. Dort hatte die Seltsamkeit ihren Ursprung. Dort wartete sie.
Sindri folgte meinem Blick. »Das ist Ekatri, eine Völva aus dem Norden. Sie kommt nicht oft. Zweimal war sie während meiner Kindheit hier.«
»Völva?«, wiederholte ich.
»Sie weiß über Dinge Bescheid und sieht in die Zukunft«, sagte Sindri. »Eine Hexe. So nennt ihr sie, nicht wahr?« Er zog die Stirn kraus. »Ja, eine Hexe. Du solltest besser zu ihr gehen. Es wäre nicht gut, sie warten zu lassen. Vielleicht liest sie deine Zukunft für dich.«
»Ich gehe jetzt gleich«, sagte ich. Manchmal wartet und beobachtet man; bei anderen Gelegenheiten macht man sich sofort auf den Weg. Man findet nicht viel heraus, wenn man außerhalb eines Zeltes steht.
»Wir sehen uns drinnen.« Sindri nickte zur Feste und wischte sich Regen aus dem Bart. Er würde seinen Vater wecken, bevor ich das Ende des Sees erreichte, und ihm von den Trollen und Gorgoth erzählen. Ich fragte mich, was der gute Herzog von all dem halten würde. Vielleicht konnte ich es von der Hexe erfahren.
Der Boden bebte einmal, als ich am Ufer entlangging, und das Wasser des Sees tanzte dazu. Ich roch jetzt den Rauch vom Zelt der Hexe. Er legte mir einen bitteren Geschmack in den Mund und erinnerte mich an die Vulkane. Der Wind lebte auf und blies mir Regen ins Gesicht.
Der alte Lehrer Lundist hatte mir von Sehern, Wahrsagern und den Sternguckern erzählt, die unser zukünftiges Leben den Bewegungen der Planeten am Himmel entnehmen. »Wie viele Worte wären nötig, um die Geschichte deines Lebens zu erzählen?«, hatte Lundist gefragt. »Wie viele, um diesen Punkt zu erreichen, und wie viele mehr bis zum Ende?«
»Viele?« Ich lächelte und wandte den Blick vom Lehrer ab, sah durchs schmale Fenster in den Hof, zum Tor und den Feldern jenseits der Stadtmauern. Es juckte mir in den Füßen; ich wollte loslaufen, hierhin oder dorthin, solange die Sonne noch schien.
»Dies ist unser Fluch.« Lundist stampfte und stand mit einem Ächzen auf. »Der Mensch ist dazu verurteilt, seine Fehler ständig zu wiederholen, denn er lernt nur aus Erfahrung.«
Er glättete eine alte Schriftrolle auf dem Tisch, bedeckt von den Piktogrammen seiner Heimat. Sie wies auch Bilder im östlichen Stil auf, bunt und interessant. »Der Tierkreis«, sagte er.
Ich zeigte auf den Drachen, mit einigen kühnen Strichen in Rot und Gold dargestellt. »Dies hier«, sagte ich.
»Dein Leben ist vom Moment der Geburt bestimmt, Jorg, du kannst dir dein Zeichen nicht aussuchen. Alle Worte deiner Geschichte lassen sich auf ein Datum und einen Ort zurückführen. Wo sich die Planeten in jenem Moment befanden, wie sie ihre Gesichter drehten, welcher von ihnen in deine Richtung sah … Daraus ergibt sich ein Schlüssel, und dieser Schlüssel schließt all das auf, was ein Mensch jemals sein wird«, erklärte Lundist.
Ich wusste nicht zu sagen, ob er sich einen Scherz erlaubte. Lundist war immer ein Mann der Nachforschungen gewesen, der Logik und des Bewertens, der Geduld und des Scharfsinns. All das erschien mir sinnlos, wenn unser Weg von der Wiege bis zum Grab bereits unveränderlich in den Sternen geschrieben stand.
Ich erreichte die Jurte, ohne es zu bemerken. Abrupt blieb ich stehen und vermied es gerade noch, gegen sie zu stoßen. Langsam ging ich um das Zelt herum, fand den Eingang und duckte mich wortlos hindurch. Immerhin sollte die Hexe von mir wissen, wenn sie die Zukunft kannte.
»Hör zu«, sagte sie, als ich den Mund öffnete.
Mit überschlagenen Beinen nahm ich unter baumelnden Schoten Platz und schwieg.
»Gut«, sagte sie. »Du bist besser als die meisten. Besser als diese frechen, dreisten Jungen, die so gern Männer sein wollen und denen es eigentlich nur darum geht, die Worte aus ihrem eigenen Mund zu hören.«
Ich hörte das trockene Schnaufen, als die Hexe sprach, hörte das Knarren des Zeltes, das beharrliche Pochen des Regens und das Klagen des Windes.
»Du hörst also, aber verstehst du auch, was du hörst?«, fragte sie.
Ich beobachtete die Völva. Sie war alt, und man sah es ihr deutlich an. Ein Auge erwiderte meinen Blick; das andere lag eingesunken in grauen Hautfalten. Etwas rann daraus hervor, wie Rotz aus der Nase.
»Wer weiß, wie du nach neunzig Wintern aussiehst«, höhnte die Hexe. Ihr genügte ein Auge, um meinen Gesichtsausdruck zu deuten. »Die ersten fünfzig besonders harten verbrachte ich im Land von Feuer und Eis, wo die wahren Wikinger leben.«
Sie sah wie zweihundert aus, mit all den Falten, Warzen und Flecken. Nur das eine Auge wirkte jung, und das enttäuschte mich, denn ich war auf der Suche nach Weisheit hierhergekommen.
»Ich höre«, sagte ich. Meine Fragen behielt ich für mich, denn Besucher kamen nur, um Fragen zu stellen. Vielleicht mussten sie gar nicht ausgesprochen werden, wenn sie die Antworten kannte.
Die Hexe griff unter die vielen Lumpen und Felle an ihrer Hüfte. Sofort nahm der Gestank zu, und ich gab mir alle Mühe, nicht zu würgen. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam – mehr eine knöcherne Klaue, die Finger wie Krallen –, hielt sie ein Glasgefäß mit einer Flüssigkeit darin. »Erbauer-Glas«, sagte sie und befeuchtete sich die Lippen mit einer flinken rosaroten Zunge, wie fehl am Platz in ihrem verwelkten Mund. Sie hielt die Flasche vorsichtig in den Armen. »Wie haben wir diese Kunst verloren? Selbst wenn du fünf Wochen reitest, in welche Richtung auch immer, du wirst niemanden finden, der so etwas herstellen kann. Und wenn ich sie einen Fingerbreit über einem Stein fallen lassen würde … Zerstört! In tausend wertlose Splitter zerfallen.«
»Wie alt?« Die beiden Worte rutschten mir aus dem Mund, trotz meiner Entschlossenheit, keine Fragen zu stellen.
»Zehn Jahrhunderte, vielleicht zwölf«, sagte die Hexe. »In dieser Zeit sind ganze Paläste zu Staub zerfallen. Die Statuen von Kaisern liegen zerbrochen und begraben. Und dies …« Sie hielt die Flasche hoch. Ein Auge drehte sich langsam in der grünlichen Flüssigkeit. »Noch immer ganz.«
»Ist das dein Auge?«, fragte ich.
»Ja, das ist es.« Sie beobachtete mich mit ihrem seltsam jungen Auge und setzte das andere in der Erbauer-Flasche auf den Boden.
»Ich habe es für Weisheit geopfert«, sagte sie. »Wie Odin bei Mimirs Brunnen.«
»Und hast du Weisheit bekommen?« Es war eine unverschämte Frage, wenn man bedachte, dass sie von einem vierzehnjährigen Jungen kam, aber die Hexe hatte mich zu sich gerufen, nicht umgekehrt, und je länger ich hier saß, desto kleiner und älter sah sie aus.
Sie grinste und zeigte dabei einen einzelnen braunschwarzen Zahnstumpf. »Ich habe festgestellt, dass es klug gewesen wäre, das Auge neben dem anderen zu lassen.« Das Auge blieb ganz unten in der Flasche liegen und sah links an mir vorbei.
»Wie ich sehe, hast du ein Kind mitgebracht«, sagte die Hexe.
Ich schaute zur Seite. Dort lag der Knabe mit gebrochenem Schädel, aus dem das Hirn quoll. Blut gab es kaum, aber was davon geflossen war, lag in schockierendem Rot auf dem milchweißen Kopf. Nur selten zeigte sich das Kind in dieser Deutlichkeit, aber Ekatris Jurte enthielt Schatten, die Geister einluden. Ich sagte nichts.
»Zeig mir das Kästchen.« Sie streckte die Hand aus.
Ich nahm es von seinem Platz unter meinem Brustharnisch und hielt den kleinen Behälter fest, als ich ihn der Hexe reichte. Sie langte danach, viel schneller, als man es von einer Alten erwartete, und zog die Hand erschrocken zurück. »Mächtig«, kommentierte sie. Blut tropfte von ihren Fingern, aus zahlreichen kleinen Stichwunden, wie von Dornen. Der Umstand, dass die alten knochigen Finger überhaupt Blut enthielten, erstaunte mich.
Ich ließ das Kästchen wieder unter dem Brustharnisch verschwinden. »Ich sollte dich darauf hinweisen, dass ich nicht viel von Horoskopen und dergleichen halte«, sagte ich.
Sie leckte sich erneut die Lippen und schwieg.
»Wenn du es unbedingt wissen willst, ich bin eine Ziege«, fuhr ich fort. »Ja, eine verdammte Ziege. Hinter dem Ostwall gibt es ein ganzes Volk, das meine Geburt im Jahr der Ziege bestätigen kann. Ich habe keine Zeit für Horoskope, in denen ich als Ziege erscheine. Und es ist mir völlig gleich, wie alt die Zivilisationen sind, von denen solche Wahrsagereien stammen.«
Ekatri griff nach der Flasche, schüttelte sie kurz und stellte sie wieder ab. »Das Auge darin sieht in andere Welten«, sagte sie, als hätte ich gar nicht gesprochen.
»Das ist gut, nehme ich an«, erwiderte ich.
Sie hob eine Hand zu ihrem lebenden Auge. »Dieses sieht ebenfalls in andere Welten. Und es hat einen klareren Blick.« Sie holte einen Lederbeutel unter ihren stinkenden Lumpen hervor und legte ihn neben die Flasche. »Runensteine«, erklärte sie. »Wenn du nach Osten reitest und über den großen Wall kletterst, bist du vielleicht eine Ziege. Hier im Norden erzählen die Runen deine Geschichte.«
Ich erinnerte mich wieder an mein Versprechen und gab keinen Ton von mir. Entweder erzählte sie mir von meiner Zukunft, oder sie tat es nicht. Und was sie mir ohne Fragen sagte, entsprach vielleicht der Wahrheit.
Ekatri entnahm dem Beutel einige graue Steine und ließ sie klacken. »Honorous Jorg Ankrath.« Sie hauchte meinen Namen in die Steine und ließ sie dann fallen. Sie schienen eine Ewigkeit zu brauchen, um den Boden zu erreichen. Jeder von ihnen drehte sich langsam, von einer Seite zur anderen, wobei die Runen über sie wanderten, verschwanden und wieder erschienen. Und dann schlugen sie auf, schwer wie Ambosse. Ich fühle die Erschütterungen selbst jetzt noch; sie hallen in meinen Knochen wider.
»Die Perth-Rune, Beginn«, sagte die Hexe. »Thurisaz, Uruz, Kraft.« Sie stieß diese Runen beiseite, als wären sie nicht weiter wichtig, und drehte eine andere. »Wunjo, Freude, nach unten. Und hier Kano, die Rune der Eröffnung.«
Ich legte einen Finger auf Thurisaz, und die Völva schnappte nach Luft. Sie schnitt eine finstere Miene und schlug mir auf die Hand, damit ich sie wegnahm. Der Stein war kalt, ihre Hand noch kälter, die Haut dünn wie Papier. Den Namen der Rune hatte sie nicht in der Sprache des Reiches genannt, aber ich kannte die alte Sprache des Nordens aus Lundists Büchern.
»Die Dornen«, sagte ich.
Ekatri schlug erneut, und ich zog die Hand fort. Ihre Finger strichen schnell über die anderen und zählten. Dann nahm sie die Steine und gab sie zu den anderen im Beutel. »Es befinden sich Pfeile vor dir«, sagte sie.
»Werden sie mich töten?«
»Du wirst glücklich leben, wenn du den Pfeil nicht brichst.« Die Hexe nahm die Flasche, blickte in ihr eigenes Auge und schauderte. »Öffne deine Tore.« In der anderen Hand hielt sie den Wunjo-Stein, als hätte sie ihn nicht gerade in den Beutel gelegt. Freude. Sie drehte ihn, sodass die leere Seite nach oben zeigte. »Oder auch nicht.«
»Was ist mit Ferrakind?«, fragte ich. An Pfeilen war ich nicht interessiert.
»Er!« Ekatri spuckte etwas Dunkles in ihre Felle. »Geh nicht dorthin. Das solltest selbst du wissen, Jorg, mit deinem finsteren Herzen und deinem leeren Kopf. Geh nicht in die Nähe jenes Mannes. Er brennt.«
»Wie viele Steine hast du in dem Beutel, Alte?«, fragte ich. »Zwanzig? Fünfundzwanzig?«
»Vierundzwanzig«, sagte sie und legte eine Klaue auf den Beutel. Die Finger bluteten noch immer.
»Das sind nicht viele Worte, um die Geschichte vom Leben eines Mannes zu erzählen«, sagte ich.
»Das Leben eines Mannes ist eine einfache Sache«, gab Ekatri zurück.
Ich fühlte ihre Hände an mir, obwohl eine auf dem Beutel lag und die andere das gläserne Gefäß hielt. Ich fühlte, wie sie zwickten und drückten, wie sie in mich krochen und in meinen Erinnerungen suchten. »Hör auf«, sagte ich und ließ den Nekromanten in mir aufsteigen, scharf und ätzend in meiner Kehle. Die toten Dinge um uns herum bewegten sich. Eine getrocknete Pfote zuckte, und die dunklen Windungen menschlicher Gedärme knisterten, als sie sich wie eine Schlange wanden.
»Wie du willst.« Wieder huschte die rosarote Zunge über die Lippen, und die Hände wichen aus mir.
»Warum bist du hierhergekommen, Ekatri?«, fragte ich. Es überraschte mich, dass ich ihren Namen nannte. Normalerweise behalte ich keine Namen. Vielleicht deshalb, weil mich die Leute nicht interessieren.
Ihr Auge starrte mich an, als sähe sie mich jetzt zum ersten Mal. »Als ich jung war, jung genug, um begehrenswert für dich zu sein, Jorg von Ankrath, o ja … Als ich jung war, wurden die Runen für mich geworfen. Vierundzwanzig Worte genügen nicht, um das ganze Leben einer Frau zu erzählen, erst recht nicht, wenn eins davon an einen Jungen vergeudet wird, auf den sie so lange gewartet hat, dass sie zur Greisin geworden ist. Ich habe dich hierher gerufen, weil es mir vor langer Zeit bestimmt war, noch bevor sich deine Großeltern trafen.«
Sie spuckte erneut, diesmal auf den Boden.
»Du gefällst mir nicht, Junge«, sagte sie. »Du bist zu … bissig. Du benutzt deinen Zauber wie eine Klinge, aber mit Bezaubern kommt man bei alten Hexen nicht weit. Wir sehen bis zum Kern, und dein Kern ist verfault. Wenn es dort noch etwas Anständiges gibt, so ist es tiefer begraben, als ich suchen möchte, und wird vermutlich bald sterben. Aber ich bin gekommen, weil die Runen für mich geworfen wurden, und sie forderten mich auf, sie auch für dich zu werfen.«
»Geschwätz von einer alten Schachtel, die riecht, als wäre sie schon seit zehn Jahren tot«, sagte ich und mochte es nicht, wie sie mich ansah, mit dem einen Auge. Aber indem ich sie beleidigte, fühlte ich mich nicht besser, sondern wie ein Vierzehnjähriger. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass ich mich König nannte, und zwang die Finger fort vom Dolch an meiner Hüfte. »Warum sollten deine Runen dich schicken, damit du mich ärgerst, Alte, wenn es für mich keine Chance gibt? Wenn ich verloren bin?«
Sie zuckte die Schultern, was ihre Lumpen in Bewegung brachte. »Es gibt für jeden Hoffnung. Ein bisschen. Die Hoffnung eines Narren. Selbst ein Mann mit einem Pfeil im Bauch hat eines Narren Hoffnung.«
Bei diesen Worten war mir danach, zu spucken, aber königliche Spucke hätte diesen Ort vermutlich verbessert. Außerdem können Hexen selbst mit ein wenig Rot oder Schleim und vielleicht dem einen oder anderen Haar viel Unheil anrichten. Ich stand auf und deutete eine knappe Verbeugung an. »Das Frühstück wartet auf mich, wenn ich meinen Appetit wiederfinde.«
»Wer mit Feuer spielt, verbrennt sich«, sagte sie. Es war fast ein Flüstern.
»Verdienst du dir deinen Lebensunterhalt mit banalen Worten?« , fragte ich.
»Steh nicht vor dem Pfeil«, sagte sie.
»Ein guter Rat.« Ich wich zum Ausgang zurück.
»Der Fürst von Pfeil wird den Thron nehmen«, sagte Ekatri und verzog dabei das Gesicht, als bereitete es ihr Schmerzen, diese Worte zu sprechen. »Die Weisen wussten es schon vor der Geburt des Vaters deines Vaters. So viel hat Skilfar gesagt, als sie meine Runen warf.«
»Ich bin nie ein Freund der Wahrsagerei gewesen.« Ich griff nach der Zeltplane und strich sie beiseite.
»Warum bleibst du nicht?« Die Hexe klopfte auf die Felle an ihrer Seite, und wieder zeigte sich kurz die Zunge. »Es könnte dir gefallen.« Und für einen Herzschlag saß Katherine dort, im saphirblauen Satin des Gewands, das sie an jenem Abend in ihrem Gemach getragen hatte. Als ich sie geschlagen hatte.
Daraufhin lief ich los. Ich hetzte durch den Regen, gefolgt von Ektaris Lachen, und mit meinem Mut weit vor mir. Der Appetit kehrte nicht fürs Frühstück zurück.
Während die anderen aßen, saß ich in den Schatten beim kalten Kain und wippte auf meinem Stuhl. Makin kam, in der Faust einen Knochen mit kaltem Hammelfleisch, grau und fettig. »Was Interessantes entdeckt?«, fragte er.
Ich antwortete nicht, öffnete aber die Hand. Thurisaz, die Dornen. Es ist nicht sehr schwer, eine einäugige Frau zu bestehlen. Der Stein fraß die Schatten und gab nichts zurück, zeigte eine einzelne Rune. Die Dornen. Vergangenheit und Zukunft lagen in meiner Hand.