Aus dem Tagebuch von Katherine Ap Scorron
18. Juli, Jahr 100 Interregnum
Burg Yotrin. Bibliothek.
Orrin ist ein guter Mann, wahrscheinlich auch ein großer Mann. Alle Orakel sagen, dass er Kaiser sein und die Alles-Krone tragen wird. Aber selbst großen Männern gegenüber muss man manchmal ungehorsam sein.
Wenn Orrin hier ist, verbringt er mindestens die Hälfte seiner Zeit in dieser Bibliothek. Die Ritter und Hauptleute, die ihn suchen, betreten den Lesesaal heimlich und verstohlen. Sie fühlen, dass sie nicht hierher gehören, und sie beobachten die Wände voller Argwohn, als könnte Wissen aus all den Büchern sickern und sie infizieren. Sie finden uns, Orrin in einer Ecke und mich in einer anderen, und er sieht sie über eins der großen, wertvollen, in Leder gebundenen Bücher hinweg an. »General Soundso«, sagt er dann. Er erlaubt den Königreichen, die er übernommen hat, jeweils einen General. Die Leute brauchen ihren Stolz und ihre Helden, sagt er. Das sei wichtig. »General Soundso«, sagt er. Und General Soundso tritt vom einen Bein aufs andere und fühlt sich sichtlich unwohl in der Nähe so vieler geschriebener Worte; er hat nicht erwartet, dass der zukünftige Kaiser so sehr nach einem Gelehrten aussieht, wie jemand, der eine Lesebrille tragen sollte.
Orrin liest die großen Bücher. Die Klassiker aus der Zeit vor den Erbauern, bis hin zu den Griechen und Homer. Er wählt die größten und eindrucksvollsten Bücher nicht etwa, um damit anzugeben, aber irgendwie landen sie immer in seinen Händen. Er liest gern über Philosophie, Militärgeschichte, das Leben großer Männer und Naturkunde. Immer wieder zeigt er mir Tafeln mit den Bildern seltsamer Tiere. Das macht er zumindest, wenn er hier ist. Bei manchen Geschöpfen könnte man glauben, dass der Autor sie an einem heißen Nachmittag erfunden hat. Aber Orrin sagt, die Bilder wurden aufgenommen, nicht gemalt, wie erstarrte Spiegelbilder. Er ist davon überzeugt, dass es diese Kreaturen wirklich gab und noch gibt. Einige von ihnen hat er mit eigenen Augen gesehen. Er zeigt mir eine Tafel, auf der ein Wal zu sehen ist, und hält den Fingernagel neben das Maul, um damit die Größe eines Pferds anzugeben. Er sagt, einmal hat er den Rücken eines solchen Wals von Bord eines Schiffes aus gesehen, vor der Küste von Afrique. Er sagt, der Riese rollte durchs Wasser, mit einem endlos langen grauen Rücken, breit genug für eine Kutsche und länger als unser Speisesaal.
Ich lese die kleinen, verlorenen Bücher. Jene hinter den Reihen in den Regalen. In verschlossenen Truhen. In Stücken, die zusammengesetzt werden müssen. Sie scheinen recht alt zu sein. Einige sind es: hundert Jahre, dreihundert, vielleicht fünfhundert. Aber Orrins Bücher sind noch älter. Meine sehen älter aus, als ob das, was in ihnen geschrieben steht, Pergament und Leder schneller altern lässt. Meine wurden nach dem Brennen geschrieben, nachdem die Erbauer ihre vielen Sonnen entzündet hatten.
Die alten Bücher erzählen eine klare Geschichte. Euklid gibt uns Gestalt und Form. Mathematik und Wissenschaft schreiten geordnet voran. Vernunft behält die Oberhand. Die neuen Geschichten hingegen bestehen aus Verwirrung. Widersprüchliche Ideen und Ideologien. Neue Mythologien, neue Magie, mit ernsten Absichten dargeboten, aber in hundert Varianten, jede in einem eigenen Paket aus Aberglauben und Unsinn, doch mit einem Kern Wahrheit. Die Welt hat sich verändert. Irgendwann im Lauf der Jahre hat sie sich verändert, und was nicht möglich war, ist möglich geworden. Unvernunft ging in Wahrheit über. Das alles in einer reinen Architektur zusammenzufügen, in einer neuen Wissenschaft, die Kontrolle über das gegenwärtige Chaos ermöglicht, wäre Arbeit genug nicht für ein Leben, sondern für viele. Aber ich mache einen Anfang. Ich finde es interessanter als Nähen.
Orrin sagt, ich sollte es ruhen lassen. Er meint, solches Wissen verdirbt, und wenn er Gebrauch davon machen muss, so durch andere, wie Olidan, der Sageous benutzte, und Renar, der auf Corions Hilfe zurückgriff. Ich weise ihn darauf hin, dass er die Marionette und den Marionettenspieler miteinander verwechselt. Er lächelt und antwortet, vielleicht, aber wenn die Zeit kommt, wird er an den Fäden ziehen und nicht von ihnen gezogen werden. Orrin sagt, er sei sicher, dass ich aus dem gleichen Brunnen schöpfen könnte wie Sageous, aber jenes Wasser würde mich bitter machen, und süß hat er mich lieber.
Ich liebe Orrin, ich weiß, dass ich ihn liebe. Doch manchmal ist es leichter, jemanden mit Fehlern zu lieben, die man ihm verzeihen kann, damit einem die eigenen Fehler vergeben werden.

In den roten Resten der Schlacht
sieht der Rote Kent oft aus,
als käme er geradewegs aus der Hölle. In einem
anderen
Leben hätte er sein Land bestellt und wäre im Bett
gestorben,
beklagt von Enkeln, aber im Kampf besitzt der Rote
Kent eine
Klarheit, die entsetzt und verwüstet. Bei allem
anderen ist
er ein von seinen eigenen Widersprüchen verwirrter
Mann –
die Instinkte eines Mörders, mit der Seele eines
Bauern
verheiratet. Nicht groß, nicht breit, aber kräftig
und schnell,
mit robusten Wangenknochen, dunklen Augen, aus
denen Mord
blickt, rissigen Lippen, narbigen Händen und dicken
Fingern.
Treue und der Wunsch, treu zu sein, stehen überall
an ihm
geschrieben.