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Vier Jahre zuvor

In der Bibliothek meines Vaters gibt es Bücher, die behaupten, dass es vor den Tausend Sonnen keine Lava spuckenden Berge gab, die Halradra näher als tausend Meilen waren. In den Büchern heißt es, dass die Erbauer in das geschmolzene Blut der Erde bohrten und seine Kraft tranken. Als die Sonnen verbrannten, was die Erbauer geschaffen hatten, blieben jene Wunden. Die Erde blutete, und Halradra und seine Söhne wurden in Feuer geboren.

 

Gorgoth trug mich dorthin, wo Sindri wartete. Draußen schien noch die Sonne, aber ich hatte das Gefühl, dass es dunkel sein sollte. Auf halbem Weg den Berg hinunter war ich wieder zu Sinnen gekommen, auf Gorgoths Rücken. Sie kamen einzeln, meine Sinne, zuerst der Schmerz und nur er, dann, nach langer Zeit, der Geruch meines verbrannten Fleisches, der Geschmack von Erbrochenem, das Geräusch meines Stöhnens und schließlich verschwommene Eindrücke von Halradras schwarzen Hängen.

»Himmel, bring mich einfach um«, wimmerte ich. Tränen tropften mir von Nase und Lippen, während ich wie ein Sack auf Gorgoths Schulter lag.

Es war nicht Gog, der mir leid tat. Ich tat mir selbst leid.

Zu meiner Verteidigung sei gesagt: Ein handgroßer knusprig gebratener Teil des Gesichts tut verdammt weh. Es tat noch mehr weh, während ich auf der Schulter des Monstrums lag, von jedem seiner Schritte durchgeschüttelt, als zu Anfang in der Höhle, und bereits dort hatte ich sterben wollen.

»Töte mich«, stöhnte ich.

Gorgoth blieb stehen. »Ja?«

Ich dachte darüber nach. »Jesus Christus.« Ich brauchte jemanden, den ich hassen konnte, der mich von dem Feuer ablenkte, das noch immer in mir brannte. Gorgoth wartete. Er würde mich beim Wort nehmen. Ich dachte an meinen Vater mit seiner jungen Frau und dem neuen Sohn, wie sie gemütlich in der Hohen Burg saßen.

»Vielleicht später«, sagte ich.

Ich erinnere mich an kaum etwas, bis Gorgoth mich ins Farnkraut legte und sich Sindri über mich beugte.

»Uskit’r!« Ein Wort aus seiner alten nordischen Sprache. »Das sieht übel aus.«

»Wenigstens bin ich auf der anderen Seite hübsch geblieben.« Ich würgte, drehte den Kopf zur Seite und spuckte bittere Flüssigkeit ins Gestrüpp.

»Bringen wir ihn zurück«, sagte Sindri. Er sah sich kurz um, öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Gog ist tot«, sagte ich.

Sindri schüttelte den Kopf, senkte den Blick und atmete tief durch. »Komm, wir müssen dich zurückbringen. Gorgoth?«

Das Ungeheuer rührte sich nicht von der Stelle.

»Gorgoth kommt nicht mit«, sagte ich.

Gorgoth neigte den Kopf.

»Du kannst nicht hierbleiben«, sagte Sindri besorgt. »Ferrakind …«

»Ferrakind ist ebenfalls tot«, sagte ich. Jedes Wort schmerzte, fast so sehr, dass sie zu einem Schrei wurden.

»Was?« Sindris Mund blieb offen.

»Wir sind keine Freunde, Jorg von Ankrath«, sagte Gorgoth. Seine Stimme war tiefer als jemals zuvor. »Aber wir haben den Jungen beide geliebt. Du hast ihn zuerst geliebt und ihm einen Namen gegeben. Das bedeutet etwas.«

Ich hätte ihm gern gesagt, dass er völligen Unsinn redete, aber für weitere Worte tat mir das Gesicht zu weh.

»Ich bleibe in Heimrift, in den Höhlen.«

Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht gesagt: Mögest du am Trollgestank ersticken. Aber der Preis dafür, den Mund zu öffnen, war zu hoch. Ich hob nur die Hand, und Gorgoth hob seine. So verabschiedeten wir uns.

Sindri schloss den Mund und öffnete ihn erneut. »Ferrakind ist tot?«

Ich nickte.

»Kannst du gehen?«, fragte er.

Ich zuckte die Schultern und sank ins Farnkraut zurück. Vielleicht konnte ich gehen, vielleicht auch nicht. Ich wollte nicht gehen, und darauf kam es an.

»Ich hole Hilfe, Pferde«, sagte Sindri. »Warte hier.« Er streckte beide Hände aus, als wollte er mich daran hindern, aufzustehen, machte auf der Stelle kehrt und lief los. Ich glaube, die Nachricht trieb ihn mehr an als die Hilfe, die ich brauchte. Er wollte derjenige sein, der sie überbrachte. Was ich für angemessen hielt.

Ich schaute zum blauen Himmel hoch und betete um Regen. Fliegen umschwirrten mich, angelockt vom rohen Rosarot, von Muskeln und Fett ohne Haut. Sie wollten ihre Eier legen. Nach einer Weile versuchte ich nicht mehr, sie zu verscheuchen. Stöhnend lag ich da und rutschte vorsichtig von einer Seite zur anderen, als wäre es möglich, eine bequeme Position zu finden. Dann und wann schwanden mir die Sinne, und am Nachmittag kam tatsächlich ein leichter Regen. Ich betete, dass er aufhörte, denn jeder Tropfen brannte wie Säure.

Am Abend stiegen Wolken von Mücken auf, von jenen Orten, an denen sie sich tagsüber versteckten. Im Dänland wimmelt es von den Biestern. Vielleicht ist das der Grund, warum die Dänen so blass sind: weil ihnen die Mücken das Blut aussaugen. Ich lag da, ein Schmaus für sie, und schließlich hörte ich Stimmen.

Makin kam, und ich wollte ihn um den Tod bitten, aber das Gesicht schmerzte zu sehr. Risse würden sich darin bilden, wenn ich den Mund öffnete, und Schleim und Blut würden aus den Rissen quellen. Dann trat Rike auf mich zu, dunkel vor dem Hintergrund des blauen Himmels, und ein wenig Kraft kehrte in mich zurück. Vor Rike sollte man besser nicht schwach sein, und außerdem sorgt sein Anblick dafür, dass ich mir nicht mehr den Tod wünsche und selbst töten möchte.

Fünf Tage verbrachten wir bei Alarich von Maladon. Nicht in der Unterkunft für Gäste, sondern in seinem großen Saal. Sie stellten einen Stuhl für mich aufs Podium, fast so groß wie der des Herzogs, und dort saß ich in Felle gehüllt, wenn ich zitterte, oder nackt bis zur Taille, wenn ich schwitzte. Makin und die Brüder feierten mit Maladons Leuten. Zum ersten Mal erschienen Frauen in größerer Zahl, brachten mit Messern an den Hüften Bier in Krügen und Hörnern, aßen wie die Männer am langen Tisch und tranken und lachten fast ebenso laut. Eine, beinahe so groß wie ich, blond und auf eine knochige Art hübsch, kam zu mir, als ich in Felle gewickelt auf dem Stuhl saß.

»Ich danke dir, König Jorg«, sagte sie.

»Vielleicht habe ich alles erfunden«, erwiderte ich und fühlte mich so mies, dass ich auch ihr den Tag verderben wollte.

Sie lächelte. »Der Boden hat nicht gebebt, seit man dich zurückgebracht hat. Der Himmel ist klar.«

»Was ist das?«, fragte ich. Sie hielt einen tönernen Topf in der einen Hand, gefüllt mit einer schwarzen, glänzenden Paste, daneben ein Lederbeutel.

»Ekatri hat mir dies gegeben. Eine Salbe für die Verbrennungen, und ein Pulver, das du in Wasser gelöst schlucken sollst, damit es das Gift aus deinem Blut vertreibt.«

Ich brachte ein halbes Lachen zustande, bevor die Schmerzen zu stark wurden. »Die alte Hexe, die mein Versagen voraussieht? Wenn sie mir etwas schickt, so dürfte es Gift sein. Wahrscheinlich sorgt sie auf diese Weise dafür, dass die Zukunft so wird, wie sie sie vorhersagt.«

Die Frau – oder vielleicht das Mädchen – lachte. »So sind Völvur nicht. Außerdem würde es meinem Vater gar nicht gefallen, wenn du hier sterben würdest. Es würde kein gutes Licht auf ihn werfen, und Ekatri hängt von seiner Gunst ab.«

»Dein Vater?«, fragte ich.

»Herzog Maladon, Dummerjan«, sagte sie und ließ Topf und Beutel auf meinem Schoß zurück. Ich beobachtete ihren Hintern, als sie fortging, und dachte dabei, dass ich vielleicht nicht sterben würde, wenn ich noch Zeit fand, mir wohlgeformte Hinterteile anzusehen.

Sie blickte über die Schulter und ertappte mich beim Starren. »Ich bin Elin.« Und sie ging weiter, verschwand in der Menge und im Rauch.

Ich nahm Ekatris Pulver und biss fest auf einen Lederstreifen, als Makin die Salbe auftrug. Er hat vielleicht eine leichte Hand mit dem Schwert, aber als Heiler schien er zehn Daumen zu haben. Ich hatte den Streifen fast durchgebissen, als er fertig war, aber anschließend schrumpfte der Schmerz zu einem dumpfen Dröhnen.

Die junge Frau namens Elin hatte gesagt, dass die Völva von der Gunst ihres Vaters abhing. Ich hoffte, dass es sich tatsächlich so verhielt, und nicht umgekehrt. Makin hatte sich ein wenig umgehört und meine Fragen in den richtigen Ecken gestellt, auf seine Art und Weise, auf eine Art, die ihm Antworten einbringt. Niemand hatte es gesagt, aber wenn man all die Antworten aufeinanderstapelte und den Stapel dann aus dem richtigen Blickwinkel betrachtete, so deutete einiges darauf hin, dass die Eishexe Skilfar ihre kalte Hand im nördlichen Spiel hatte. Ich zweifelte nicht daran, dass viele Jarls und Nordherren nach ihrer Pfeife tanzten, ohne etwas davon zu wissen. Doch was Ekatri betraf … Makin hatte sie als nicht so wichtig bezeichnet. Darüber dachte ich nach, mitten in der Nacht, als ich allein mit meinem Schmerz in einer dunklen Ecke saß. Alarich von Maladon sollte vorsichtig sein, fand ich, denn selbst kleine Fische können beißen.

Fünf Tage saß ich und aß Haferbrei, während die Brüder sich den Wanst mit Leckereien vollschlugen, mit geröstetem Schwein, Ochsenköpfen, dicken Forellen aus dem See, Liebesäpfeln und vielen anderen Dingen, die ich nicht kauen konnte, weil mir das zu große Schmerzen bereitet hätte. An jedem Abend trafen noch mehr Freunde und Verwandte des Herzogs ein, mit Kind und Kegel, und es kamen auch Nachbarn. Männer von Hagenfast, ihre Bärte mit den Locken jener geschmückt, die unter ihren Äxten gestorben waren, wahre Wikinger: groß, blond und grausam, von der Eisernen Festung und den Häfen im Norden, und ein einzelner dicker Krieger aus den Sümpfen von Snjar Songr. Er stank nach Robbenfett, dieser Mann, und er legte nicht eins der Felle ab, in die er gehüllt war, trotz der Wärme im großen Saal.

Ich beobachtete, wie Rike den Ringwettkampf nach zehn Durchgängen gewann, indem er schließlich einen dick mit Muskeln bepackten Wikinger zu Boden warf. Der Rote Kent errang den Sieg beim Werfen mit der Axt auf ein hölzernes Ziel und wurde Dritter beim Holzspalten. Ein großer Einheimischer mit hellen Augen schlug Grumlow beim Messerwerfen, aber Grumlow stach lieber, als dass er warf, und er zog lebende Ziele vor. Ich hörte, dass Row beim Bogenschießen seine Sache recht gut machte – dieser Wettbewerb fand draußen statt, und ich ließ mich nicht hinausbringen. Makin verlor bei allem, aber er weiß auch, dass Gewinner bewundert werden, aber kaum geliebt.

Der Herzog und Sindri saßen oft neben mir und baten um die Geschichte von Ferrakinds Ende, aber ich schüttelte den Kopf und sagte nur: »Es war nass.«

Das Bier floss in Strömen, doch ich trank nur Wasser und beobachtete die Flammen der Fackeln öfter als die Dänen beim Feiern und beim Sport. Flammen enthielten neue Farben für mich. Ich dachte an Gog, vom Feuer verzehrt, und an seinen kleinen Bruder, der den Namen, den ich ihm gab, Magog, nur wenige Stunden trug. Ich dachte an Gorgoth bei den stillen Trollen in den dunklen Höhlen. Ich hielt das Kupferkästchen in den Händen und überlegte, ob mich sein Inhalt vom Schmerz ablenken würde.

Vor allem aber erging es mir wie Jungen, wenn sie verletzt sind, und mit vierzehn stellte ich fest, dass ich noch immer ein Junge war, wenn der Schmerz stark genug wurde: Ich dachte an meine Mutter. Ich dachte daran, wie ich am Hang gelegen und gestöhnt hatte, nachdem Sindri fortgeeilt war, an die Pein, die mich fest gepackt hatte und nicht loslassen wollte, und an den Durst, der fast so schlimm gewesen war wie der heiße Schmerz. Ich hätte gut zu den Sterbenden bei Mabberton gepasst, zu den Verwundeten, die ich mit einem Lächeln beobachtet hatte, wie sie sich um ihre Verletzungen krümmten und Wasser erflehten. Wenn Männer leiden, sind sie bereit, zu verhandeln und zu feilschen. Das gilt auch für Jungen. Wir drehen und wenden uns, wir bitten und flehen, wir bieten unserem Peiniger an, was er will, damit das Leid aufhört. Und wenn es keinen Peiniger gibt, den man beschwichtigen könnte, keinen Mann in Kapuzenmantel mit heißen Eisen, nur ein Brennen, dem man nicht entkommen kann, dann verhandeln wir mit Gott, oder mit uns selbst, was von der Größe unseres Egos abhängt. Ich habe die Sterbenden von Mabberton verspottet, und jetzt beobachten ihre Geister, wie ich brenne. Nehmt mir den Schmerz, sage ich, und ich werde ein guter Mann sein. Oder wenn nicht ein guter, so doch ein besserer. Genug Schmerz macht uns alle weich. Aber ich glaube, ein kleiner Teil ging darüber hinaus. Ein kleiner Teil bestand aus dem schrecklichen zweischneidigen Schwert namens Erfahrung, und es schnitt an dem grausamen Kind, das ich war, es schnitt aus ihm den Mann, der ich werden sollte. Einen besseren versprach ich, aber ich lüge oft.

 

An dem Tag, als Mabberton brannte, waren wir nach Wennith an der Pferdeküste unterwegs. Nach Wennith, wo mein Großvater in einer hohen Burg auf seinem Thron sitzt und übers Meer blickt. Das erzählte mir jedenfalls meine Mutter, denn ich hatte jenen Ort nie gesehen. Corion stammte von der Pferdeküste. Vielleicht hatte er mir sie als Ziel geben; vielleicht sollte ich eine Waffe sein, mit der Aufgabe, dort eine alte Rechnung für ihn zu begleichen. Jedenfalls, in Herzog Maladons großem Saal, spät in der Nacht, wenn die Fackeln erloschen und auch das Licht der Lampen wich, während die am Tisch zusammengesunkenen Nordmänner schnarchten, kehrten meine Gedanken nach Wennith zurück. Ich hatte jetzt Freunde im Norden, aber um unseren, meinen Hundertkrieg zu gewinnen, brauchte ich vielleicht auch die Unterstützung der Familie.

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Das Alter legte die Hand auf Bruder Row, gab ihm ewige
fünfzig und wollte ihn kein zweites Mal berühren. Grau
und hager ist er, knorpelig und gemein. Ein helläugiger alter
Mann, der sich immer krümmt und windet, aber nie bricht.
Er hält auch da aus, wo ein besserer Mann unter der Last
zusammenbrechen würde. Der Kleinste von uns, stinkend
und schmutzig, voller vergessener Narben, oft übersehen
von Männern, denen nur wenig Zeit bleibt, über ihren
Fehler nachzudenken.