20
Vier Jahre zuvor
Makin kennt einen besonderen Zauber, den er bei Menschen anwendet. Wenn er auch nur eine halbe Stunde in ihrer Gesellschaft verbringt, mögen sie ihn. Er muss dafür nichts Besonderes tun. Er verwendet offenbar keine Tricks, scheint sich nicht einmal anzustrengen. Jedes Mal verhält er sich ein wenig anders, immer mit dem gleichen Ergebnis. Er ist ein Mörder, ein harter Mann, und in schlimmer Gesellschaft scheut er nicht vor schlimmen Dingen zurück, aber nach einer halben Stunde möchte man sein Freund sein.
»Guten Morgen, Herzog Maladon«, sagte ich, als mich seine Axtkämpfer in den großen Saal führten.
Ich strich mir den Regen aus dem Haar. Makin saß auf einem Stuhl eine Stufe unter dem Podium des Herzogs. Er hatte Maladon gerade einen Krug gereicht und trank Bier aus seinem eigenen, als ich näher trat. Man hätte glauben können, dass sie seit zehn Jahren jeden Morgen auf diese Weise beisammen saßen.
»König Jorg«, sagte der Herzog. Das musste man ihm lassen: Er zögerte nicht, mich König zu nennen, obwohl ich tropfnass in meinen Straßensachen vor ihm stand.
Der große Saal lag in Schatten, abgesehen von den Stellen, wo sich der graue Morgen einen Weg durch die hohen Fenster suchte, und den Lampen, die auf jeder zweiten Säule leuchteten. Alarich Maladon wirkte eindrucksvoll auf seinem Thron, wie ein Bild aus den Legenden vom Anbeginn der Zeit.
»Ich hoffe, Makin hat dich nicht mit seinen Geschichten gelangweilt«, sagte ich. »Er neigt dazu, unverschämte Lügen zu erzählen.«
»Du hast den Kommandeur der Wache deines Vaters also nicht einen Wasserfall hinuntergestürzt?«, fragte der Herzog.
»Vielleicht doch …«
»Und hast du nicht einen Nekromanten geköpft und sein Herz gegessen?«
Makin wischte sich Schaum vom Schnurrbart und beobachtete, wie einer der Hunde an einem Knochen nagte. Alle Brüder schienen bestrebt zu sein, sich Bärte wachsen zu lassen. Ich glaube, bei den Dänen fühlten sie sich nackt im Gesicht.
»Nicht alles, was man von ihm hört, ist eine Lüge«, sagte ich. »Aber sei auf der Hut.«
»Hatte Ekatri freundliche Worte für dich?«, fragte der Herzog. Diese Nordmänner schienen immer sofort zur Sache zu kommen.
»Sollte das nicht zwischen ihr und mir bleiben? Bringt es nicht Pech, davon zu erzählen?«
Alarich zuckte die Schultern. »Woher sollten wir wissen, ob die Hexe was taugt, wenn niemand erzählt, was sie gesagt hat?«
»Ich glaube, sie gab eine fast hundert Jahre alte Mitteilung weiter, die mich auffordert, stillzuhalten und dem Fürsten von Pfeil meinen Hintern darzubieten.«
Makin schnaubte in sein Bier, und einige der Nordmänner grinsten, obwohl man wegen ihrer dichten Bärte nicht sicher sein konnte.
»Ich habe Ähnliches gehört«, sagte Alarich. »Ein Wahrsager von den Fjorden, mit Eis in den Adern und der Fähigkeit, die Zukunft in warmen Gedärmen zu lesen. Sagte mir, die alten Götter und der weiße Christus wären einer Meinung. Die Zeit für einen neuen Kaiser sei gekommen, und er würde aufsteigen aus der Saat des Alten. Bei den Hundert flüstert man, dass alle diese Zeichen auf Pfeil deuten.«
»Der Fürst von Pfeil kann mich am Arsch lecken«, sagte Sindri. In den Schatten hinter den Wächtern seines Vaters hatte ich ihn nicht gesehen.
»Du bist ihm nicht begegnet, Sohn«, sagte Alarich. »Er soll sehr eindrucksvoll sein.«
»Was geschieht mit deinen Toren, Herzog von Maladon, wenn der Fürst nach Norden kommt?«, fragte ich.
Der Herzog lächelte. »Du gefällst mir, Junge.«
Ich überhörte das »Junge«.
»Ich habe immer gedacht, dass sich das Blut des Reiches im Norden sammelt«, sagte Alarich. »Ich bin immer der Meinung gewesen, dass ein Däne den Kaiserthron nehmen sollte, mit Axt und Feuer, und dass ich dieser Mann sein könnte.« Er nahm einen Schluck aus seinem Krug und wölbte buschige Brauen. »Wie sähe es mit deinen Toren aus, wenn der Fürst eines Morgens zu dir käme?«
»Das, mein Freund, hinge davon ab, wie der Morgen beschaffen wäre. Aber es hat mir nie gefallen, unter Druck gesetzt zu werden, erst recht nicht von Wahrsagern und Hexen. Ich gebe nichts auf die Worte von Toten oder Prophezeiungen, die sich auf die unsichtbaren Bewegungen von Planeten gründen, auf irgendwelche Tafeln gekritzelt sind oder den ausgelegten Gedärmen eines unglücklichen Schafes entnommen werden.«
»Andererseits …«, sagte Alarich. »Es sind sehr alte Prophezeiungen. Der Weg des neuen Kaisers wird seit hundert Jahren und mehr vorbereitet. Vielleicht ist wirklich der Fürst von Pfeil gemeint.«
»Alte Männer machen alte Worte heilig. Ich sage, alte Worte sind abgenutzt und sollten beiseitegelegt werden. Man nehme eine junge Braut ins Bett, keine alte«, sagte ich und dachte an Ekatri. »Jeder Narr kann etwas auf eine Tafel kritzeln, und wenn es niemand wegwischt, wird das Gekritzel in tausend Jahren zu alter Weisheit.«
Die Krieger nickten und grinsten erneut. »Ekatris Mitteilung kam von Skilfar im Norden.« Dieser Hinweis ließ die Männer schnell ernst werden.
Alarich spuckte zur Seite. »Eine Eishexe im Norden, ein Feuermagier vor unserer Tür. Die Wikinger wurden im Land von Eis und Feuer geboren und fanden ihre Kraft, indem sie sich beidem widersetzten. Schreib deine eigene Geschichte, Jorg.«
Ich mochte den Herzog. Sollten die verborgenen Spieler versuchen, die Figur des Herzogs von Maladon auf ihrem Spielbrett zu bewegen – vielleicht stellten sie dann fest, dass sie den einen oder anderen Finger verloren.
Der Boden bebte, eine Vibration, die ein Summen in meine Zähne brachte und uns alle schweigen ließ, bis es vorbei war. Die Lampen schwangen nicht, sondern zitterten an ihren Haken, und die Schatten verschwammen.
»Und wie hat dir Heimrift gefallen?«, fragte Alarich.
»Recht gut«, erwiderte ich. »Ich habe Berge immer zu schätzen gewusst.«
Im großen Kamin neben uns stieg von der Asche des vergangenen Abends ein wenig Rauch auf. Er erinnerte mich an den Vulkan Vallas und den Rauch, der aus seinen Flanken kam.
»Und bist du bereit, dich auf die Suche nach Ferrakind zu machen?«, fragte Alarich.
»Das bin ich«, bestätigte ich und hatte das Gefühl, dass Ferrakind schon sehr bald nach mir suchen würde, wenn ich nicht zu ihm ging.
»Erzähl mir von den Trollen«, sagte Alarich. Er überraschte mich, dieser Herzog, mit seiner alten Art, den Göttern von damals, seinen Äxten und Fellen. Man konnte ihn für einen stumpfen Gegenstand halten, für den Krieg und kaum etwas anderes geschaffen, doch seine Gedanken waren so schnell, dass der Mund von einem Thema zum nächsten springen musste, um mit ihnen Schritt zu halten. »Von den Trollen und deinen seltsamen Begleitern«, fügte er hinzu. Und als hätte er damit das Stichwort gegeben, schwang die Tür am Ende des Saals auf, und herein kam Gorgoth, ein dunkler Riese, der aus dem Regen trat.
Die Krieger des Herzogs schlossen ihre Hände fester um die Griffe ihrer Äxte, als Gorgoth näher kam. Stille herrschte im großen Saal; nur das Geräusch von Gorgoths schweren Schritten war zu hören. Hinter ihm lief Gog. Regennässe löste sich als Dampf von ihm, und jede Lampe, an der er vorbeikam, glühte heller.
Wieder geriet der Boden in Bewegung, diesmal so stark, als hätte in der Nähe ein Riese seinen Hammer fallen gelassen. Draußen knirschte etwas und fiel krachend. Neben mir rutschte eine Lampe von ihrem Haken, zerbrach auf dem Boden und verspritzte brennendes Öl. Einige Spritzer trafen meine Hosenbeine und brannten dort, ohne dass der regennasse Stoff Feuer fing. Gog reagierte schnell, richtete eine Klauenhand auf mich und die andere auf den Kamin. Er stieß einen kurzen, fast schrillen Schrei aus, und die aus dem Lampenöl züngelnden Flammen verschwanden. Dafür brannte plötzlich ein Feuer im Kamin, als läge dort trockenes Holz und keine Asche.
Die Männer um uns herum fluchten. Ich wusste nicht, ob ihre Flüche dem starken Beben oder der Sache mit der zerbrochenen Lampe galten. Vielleicht machten sie einfach nur ihrer Anspannung Luft, die sie beim Anblick von Gorgoth erfasst hatte.
»Das ist ein guter Trick.« Ich ging in die Hocke, um auf einer Augenhöhe mit Gog zu sein, und winkte ihn zu mir. »Wie hast du das gemacht?« Meine Finger berührten die Stellen, wo das Feuer gebrannt hatte, an den Hosenbeinen und auf dem Boden. Als ich sie hob, waren sie kalt und ölig.
»Was gemacht?«, fragte Gog mit hoher Stimme. Er sah den Herzog an und betrachtete die Äxte in den Händen der Männer.
»Wie hast du das Feuer ausgemacht?« Ich blickte zum Kamin. »Ich meine, wie hast du das Feuer bewegt?«, korrigierte ich mich.
Gog wandte den Blick nicht von Alarich auf seinem hohen Stuhl ab. »Es gibt nur ein Feuer, Dummerjan«, sagte er und vergaß alles mit Königen und Herzogen. »Ich habe es nur gedrückt.«
Ich runzelte die Stirn. Ich ahnte, was er meinte, aber das Verstehen entzog sich mir. Was ich gar nicht mochte. »Erkläre es mir.« Ich drehte ihn an den Schultern, bis sich unsere Blicke trafen.
»Es gibt nur ein Feuer«, wiederholte er. Seine Augen waren dunkel, zeigten ihr übliches Schwarz, aber es lag etwas Heißes darin, etwas Unangenehmes, als könnten sie entzünden, was sie sahen.
»Ein Feuer«, sagte ich. »Und all diese …« Ich zeigte auf die Lampen. »Sind es Fenster für das eine Feuer?«
»Ja.« Gog seufzte gereizt und begann zu zappeln. Er sehnte sich nach einem neuen Spiel.
Vor dem inneren Auge sah ich einen Vorleger. Einen Vorleger mit einer Falte. Die Erinnerung an ihn stammte aus weicheren Tagen. Aus einer Zeit, in der ich in einer Welt geschlafen hatte, die nie bebte oder brannte, in einem Zimmer, in dem mich meine Mutter mit einem Gutenachtkuss in den Schlaf geschickt hatte. Ein Vorleger mit einer Falte, und eine Bedienstete, die versuchte, sie mit dem Fuß zu glätten. Jedes Mal, wenn sie darauf trat, entstand in der Nähe eine neue Falte. Aber nie zwei. Denn es gab nur eine Falte in dem Vorleger.
»Du kannst Feuer von einem Ort nehmen und es zu einem anderen bringen«, sagte ich.
Gog nickte.
»Weil es nur ein Feuer gibt, und was wir sehen, sind Teile davon«, fuhr ich fort. »Du drückst an einer Ecke und ziehst an einer anderen.«
Gog nickte erneut und zappelte stärker.
»Mehr machst du nicht«, sagte ich.
Gog antwortete nicht, als wäre er zu beschäftigt für einen Kommentar. Ich ließ ihn los, und er lief unter den nächsten Tisch, spielte dort mit einem Hund, der ein rotes Fell hatte.
»Was ist mit den Trollen?«, fragte Alarich und klang wie jemand, der sich um Geduld bemühte.
»Wir sind einigen begegnet. Gorgoth kann mit ihnen sprechen. Sie scheinen ihn zu mögen«, sagte ich.
Alarich wartete. Kein schlechter Trick. Wenn man nichts sagt, drängt es andere, die Leere des Schweigens zu füllen, selbst mit Dingen, die sie lieber nicht ausgesprochen hätten. Kein schlechter Trick, aber ich kannte ihn und wartete ebenfalls.
»Der Herzog von Maladon weiß über Trolle Bescheid«, sagte Gorgoth. Die Dänen zuckten zusammen, als er sprach, als hätten sie angenommen, dass er gar nicht dazu fähig war und nur knurren konnte. »Die Trolle dienen Ferrakind. Der Herzog möchte wissen, warum jene, denen wir begegnet sind, nicht in den Diensten des Feuermagiers stehen.«
Alarich bewegte die Schultern. »Das stimmt.«
»Die Trolle dienen Ferrakind aus Angst«, sagte Gorgoth. »Ihr Fleisch brennt so leicht wie das von Menschen. Einige verstecken sich vor ihm.«
»Warum verlassen sie Heimrift nicht einfach, wenn sie in Freiheit leben wollen?«, fragte ich.
»Menschen«, lautete die Antwort.
Für einen Moment verstand ich nicht. Man kann sich solche Geschöpfe kaum als Opfer vorstellen. Ich erinnerte mich an ihre schwarzen Klauenhände, dazu imstande, einem Mann den Kopf abzureißen.
»Einst waren sie viele«, fügte Gorgoth hinzu.
»Du hast gesagt, dass sie als Soldaten erschaffen wurden. Warum verstecken sie sich dann?«, fragte ich.
Gorgoth nickte. »Für den Krieg geschaffen, ja. Geschaffen, um zu dienen. Aber nicht, um gejagt zu werden, verstreut in fremden, seltsamen Ländern.«
Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf, inzwischen gut eins achtzig. »Ich denke …«
»Was denkst du, Makin?«, kam mir der Herzog zuvor.
Makin bemerkte meinen Blick und bot mir den Hauch eines Lächelns. »Ich denke, all diese Dinge gehören zum gleichen Feuer«, sagte er. »Alles hier führt letztlich zu Ferrakind. Die toten Bäume, das kranke Vieh, die verlorenen Ernten, das Einstürzen der Gebäude, Ziegel um Ziegel, Dachbalken um Dachbalken, die Trolle, die Chancen von euch beiden, eines Tages wirklich Anspruch auf den Kaiserthron zu erheben … In der Mitte davon brennt Ferrakind.«
Es sind immer unterschiedliche Dinge, die Makin bei seiner besonderen Magie helfen. Diesmal war es seine Klugheit. Aber was auch immer, zum Schluss wollte man Makins Freund sein.