5
Vier Jahre zuvor
»Das ist eine schlechte Idee, Jorg.«
»Es ist eine gefährliche Idee, Coddin, aber das bedeutet nicht, dass sie schlecht ist.« Ich legte mein Messer auf die Karte, damit sie sich nicht wieder zusammenrollte.
»Wie auch immer die Erfolgsaussichten sein mögen, Ihr lasst Euer Königreich ohne König.« Er legte einen Finger auf die Karte, genau auf die Spukburg, wie um sie mir zu zeigen. »Es sind erst drei Monate vergangen, Jorg. Die Leute sind sich Eurer noch nicht sicher, und der Adel wird sich gegen Euch verschwören, kaum habt Ihr die Burg verlassen. Und wie viele Soldaten wollt Ihr mitnehmen? Mit einem leeren Thron könnte das Hochland von Renar wie leichte Beute aussehen. Euer königlicher Vater könnte beschließen, uns mit dem Heer des Tores einen Besuch abzustatten. Wer weiß, wie viele Soldaten Eures Onkels Eurem Ruf folgen, wenn es darum geht, diesen Ort zu verteidigen.«
»Mein Vater hat das Heer nicht geschickt, als meine Mutter und mein Bruder starben.« Meine Finger schlossen sich von ganz allein um den Griff des Messers. »Es ist unwahrscheinlich, dass er jetzt gegen die Spukburg zu Felde zieht. Zumal seine Truppen damit beschäftigt sind, das zu übernehmen, was von Gelleth übrig ist.«
»Wie viele Soldaten wollt Ihr also mitnehmen?«, fragte Coddin. »Die Wache allein genügt nicht.«
»Ich nehme überhaupt keine mit«, sagte ich. »Selbst wenn ich das ganze verdammte Heer mitnähme, es würde in einem fremden Land Krieg bedeuten.« Coddin wollte Einwände erheben, aber ich kam ihm zuvor. »Ich nehme meine Brüder. Sie werden einige Zeit auf der Straße zu schätzen wissen. Vor einigen Jahren sind wir herumgeschlendert, ohne dass uns jemand lange aufgehalten hätte.«
Makin kehrte mit einigen großen Kartenrollen unter dem Arm zurück. »Verkleidet, nicht wahr?« Er lächelte. »Gut. Um ehrlich zu sein, ich habe schon seit einer ganzen Weile ein Kribbeln in den Füßen.«
»Du bleibst hier, Bruder Makin«, sagte ich. »Ich nehme den Roten Kent, Row, Grumlow, den jungen Sim … und Maical, warum nicht? Er mag ein Trottel sein, aber er ist schwer zu töten. Außerdem kommt natürlich der Kleine Rike mit …«
»Nein, er nicht«, warf Coddin mit kalter Miene ein. »Es steckt keine Loyalität in ihm. Er wird Euch tot in einer Hecke zurücklassen.«
»Ich brauche ihn«, sagte ich.
Coddin runzelte die Stirn. »Bei einem Kampf könnte er durchaus nützlich sein, aber er ist ohne Schliff, ohne Disziplin. Es fehlt ihm an Verstand, und er …«
»Ich würde es folgendermaßen ausdrücken«, sagte Makin. »Rike kann kein Omelett machen, ohne knietief durch das Blut von Hühnern zu waten und ihre Eingeweide als Halskette zu tragen.«
»Er versteht zu überleben«, sagte ich. »Und solche Leute brauche ich.«
»Du brauchst mich«, sagte Makin.
»Man kann ihm nicht trauen.« Coddin rieb sich die Stirn, wie immer, wenn ihn etwas besorgte.
»Ich benötige dich hier, Makin«, betonte ich. »Ich möchte, dass noch ein Königreich da ist, wenn ich zurückkehre. Und ich weiß, dass man Rike nicht trauen kann. Aber vier Jahre auf der Straße haben mich gelehrt, dass er das richtige Werkzeug für diese Aufgabe ist.«
Ich hob mein Messer, woraufhin die Karte wieder zu einer Rolle wurde. »Ich habe genug gesehen.«
Makin hob den Blick und legte seine Karten ungeöffnet auf den Tisch.
»Plant eine gute Route für mich, Coddin, und lasst sie von dem Schreiberjungen in die Karte eintragen.« Ich richtete mich auf, streckte Arme und Leib und dachte daran, dass ich mir neue Sachen beschaffen musste. Eins der Dienstmädchen hatte meine alten Lumpen verbrannt, und Samt eignet sich nicht für die Straße. Er ist wie ein Magnet für Staub.
Pater Gomst trat Makin, Kent und mir auf unserem Weg zu den Ställen entgegen. Er war von der Kapelle hierher gelaufen und rot im Gesicht, hatte sich die größte Bibel unter den Arm geklemmt und hielt das Altarkreuz in der anderen Hand.
»Jorg …« Er blieb stehen und rang nach Luft. »König Jorg.«
»Willst du uns begleiten, Pater Gomst?« Sein Erbleichen entlockte mir ein Lächeln.
»Der Segen«, stieß er noch immer kurzatmig hervor.
»Ah, dann segne mal los.«
Kent sank sofort auf die Knie, der frommste Mörder, den ich kannte. Für jemanden, der so manche Kathedrale geplündert hatte, schien es Makin ungewöhnlich eilig zu haben, Kents Beispiel zu folgen. Gomst hatte Gelleth im Licht der Erbauer-Sonne verlassen, ohne von ihrem Schein auch nur ein bisschen gebräunt worden zu sein, und deshalb hielten ihn die Brüder offenbar von Gott berührt. Der Umstand, dass es uns allen so ergangen war – mit dem Unterschied, dass wir beim Verlassen von Gelleth weniger Zeit gehabt hatten –, schien ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen.
Was mich betraf, brachte ich es trotz all der Sünden der römischen Kirche nicht fertig, Gomst so zu verachten wie zu Anfang. Sein einziges wahres Verbrechen bestand darin, ein schwacher, machtloser Mann zu sein, unfähig dazu, das Versprechen seines Herrn einzulösen, die Liebe seines Heilands zu geben oder seine Gemeinde mit überzeugenden Worten dazu zu bringen, sich Roms Joch zu unterwerfen.
Ich neigte den Kopf und hörte mir das Gebet an. Es schadet nie, alle Möglichkeiten zu berücksichtigen.
Auf dem westlichen Hof versammelte sich meine bunt gemischte Schar und überprüfte ihre Ausrüstung. Rike hatte das größte Pferd, das mir je unter die Augen gekommen war.
»Ich könnte schneller laufen als dieses Ungeheuer, Rike.« Demonstrativ sah ich hinter dem Pferd nach. »Den Pflug hast du beim Stehlen zurückgelassen, wie?«
»Es erfüllt seinen Zweck«, knurrte Rike. »Groß genug für Beute.«
»Maical nimmt nicht den Kopfkarren mit?« Ich blickte mich um. »Wo ist er überhaupt?«
»Holt den Grauschimmel«, sagte Kent. »Der Idiot will kein anderes Pferd reiten. Angeblich weiß er nicht, wie.«
»Na, das nenne ich Loyalität.« Ich warf Rike einen Blick zu. »Wo ist deine neue Frau, Bruder Rikey? Will sie sich nicht von dir verabschieden?«
»Ist mit dem Pflügen beschäftigt.« Er gab dem Pferd einen Klaps. »Hat damit jetzt viel zu tun.«
Gorgoth stapfte durchs Küchentor und ragte hinter Rike auf. Es ist beunruhigend, etwas auf zwei Beinen zu sehen, das größer und breiter ist als Rike. Gog kam hinter ihm zum Vorschein. Er nahm meine Hand, und ich ließ mich von ihm führen. Nicht viele Leute sind bereit, meine Hand zu nehmen, seitdem die Nekromantie in mir steckt. Ein Hauch von Tod klebt an meinen Fingern, nicht nur Kälte. Blumen verwelken und sterben.
»Wohin gehen wir, Bruder Jorg?« Es war noch immer die Stimme eines Kindes, trotz des Krächzens darin.
»Wir suchen einen Feuermagier, damit das Bettenverbrennen aufhört«, antwortete ich.
»Tut es weh?« Er sah mich mit großen Augen an, mit den schwarzen Schlünden.
Ich zuckte die Schultern. »Könnte sein.«
»Hab Angst«, sagte er und schloss seine Hand fester um meine. Ich fühlte, wie seine Finger wärmer wurden. Vielleicht vertrieben sie die Kälte aus meinen. »Hab Angst.«
»Das ist der richtige Weg«, sagte ich.
Gog zog die Stirn kraus.
»Man muss seine Ängste fangen und besiegen, Gog. Sie sind deine einzigen wahren Feinde.«
»Du hast vor nichts Angst, Bruder Jorg«, sagte er. »König J…«
»Ich habe Angst vor dem Verbrennen«, sagte ich. »Vor allem im Bett.« Ich blickte zu den anderen Brüdern, die ihre Waffen und Ausrüstungen verstauten. »Ich hatte einen Kusin, der gern Leute verbrannte, nicht wahr, Bruder Row?«
»Jo.« Er nickte.
»Mein Kusin Marclos«, sagte ich. »Erzähl Gog, was mit ihm geschehen ist.«
Mit dem Daumen prüfte Row die Spitze eines Pfeils. »Ist ganz allein zu ihm gegangen, unser Jorg, und hat ihn getötet, in der Mitte von hundert seiner Soldaten.«
Ich sah auf Gog hinab. »Ich habe auch Angst vor Spinnen. Es liegt daran, wie sie sich bewegen. Und wie sie still sind. Ihr plötzliches schnelles Krabbeln.« Ich ahmte es mit der Hand nach.
Erneut wandte ich mich an Row. »Wie ist das mit mir und den Spinnen, Row?«
»Komisch ist es.« Row spuckte und packte den letzten Pfeil ein. »Diese Geschichte wird dir gefallen, Gog, da du doch ein gottloses Monstrum bist.« Er spuckte erneut. Bruder Row spuckte gern. »Einmal haben wir eine ganze Woche in einer Getreidescheune verbracht. Haben uns dort versteckt. Hungern mussten wir nicht. Mit Getreide und Ratten kriegt man einen guten Eintopf. Doch unser Jorg hier wollte nichts davon. Es wimmelte überall von Spinnen. Große haarige Biester waren es.« Er spreizte die Finger, bis die Knöchel knackten. »Eine ganze Woche machte Jorg Jagd auf sie. Aß eine geschlagene Woche nichts anderes als Spinnen. Und nicht gekocht, wohlgemerkt. Nicht mal tot.«
»Und anschließend schmeckte Ratteneintopf immer gut«, sagte ich.
Gog runzelte die Stirn und bemerkte dann das Glitzern an meinem Handgelenk. »Was ist das?« Er zeigte darauf.
Ich strich den Ärmel zurück und hob den Arm, damit es alle sehen konnten. »In der Schatzkammer meines Onkels habe ich zwei Dinge gefunden, die mehr wert waren als das Gold um sie herum. Ich dachte mir: Nimm sie mit, für den Fall, dass du sie brauchst.« Ich vergewisserte mich, dass Rike das Silber an meinem Handgelenk sah. »Du kannst es dir sparen, des Nachts meine Satteltaschen zu durchsuchen, Kleiner Rikey. Der Schatz ist hier, und wenn du glaubst, dass du ihn stehlen kannst, so lade ich dich ein, es sofort zu versuchen.«
Rike lächelte spöttisch und zog einen weiteren Riemen fest.
»Was ist das?«, fragte Gog fasziniert.
»Es stammt von den Erbauern«, sagte ich. »Tausend Jahre alt ist es.«
Row und der Rote Kent kamen näher, um sich das Objekt anzusehen.
»Wie ich hörte, nennt man es ›Uhr‹«, erklärte ich.
Ich hatte den Gegenstand lange allein betrachtete. Ein Zifferblatt steckte hinter Glas, mit Markierungen für zwölf Stunden und sechzig Minuten. Zwei Zeiger bewegten sich, einer langsam, der andere noch langsamer, und beide zeigten die Zeit an. Wie verzaubert hatte ich auf der Rückseite mit dem Messer den Deckel entfernt und mir die Innereien des Objekts angesehen. Der Deckel hing an einer winzigen Angel, als hätten die Erbauer gewusst, dass ich einen Blick ins Innere werfen wollte. Jede Menge kleine Zahnräder, die sich drehten. Wie die Erbauer so kleine und präzise Dinge schufen, bleibt mir ein Rätsel; für mich ist es ein Wunder, das über von Menschen gemachte Sonnen und Glühlicht hinausgeht.
»Was hast du sonst noch, Jorg?«, fragte Rike.
»Dies.« Ich nahm es aus der tiefen Tasche an meiner Hüfte und setzte es auf den Boden: ein verbeulter Metallclown mit Resten von Farbe an Wams, Haar und Nase.
Kent wich einen Schritt zurück. »Das Ding sieht unheilvoll aus.«
Ich kniete und betätigte einen kleinen Hebel am Hinterkopf des Clowns. Mit einem Ruck und einem Surren stampfte er mit seinen Blechfüßen, bewegte die Blechhände und schlug die Becken in ihnen aneinander. Die kleine Gestalt wankte im Kreis, stampfte und schlug und marschierte ohne Ziel.
Rike begann zu lachen. Es war nicht sein »Har, har, har«, das nach einer anderen Art von Zorn klang, sondern ein echtes Lachen, aus dem Bauch heraus. »Es ist wie … Es ist wie …« Er brachte die Worte nicht hervor.
Die anderen konnten sich nicht zurückhalten. Sim und Maical gackerten zuerst. Grumlow schnaufte durch seinen Schnurrbart, der wie eine ertrunkene Ratte aussah. Auch der Rote Kent prustete los, und schließlich lachte auch Row, wie ein Kind. Gog glotzte verwundert. Selbst Gorgoth lächelte und zeigte dabei Zähne so schwarz wie Grabsteine.
Der Clown kippte um, und seine Füße stampften in leerer Luft. Rike fiel mit ihm, klopfte mit den Fäusten auf den Boden und japste.
Der Clown wurde langsamer, und schließlich bewegte er sich nicht mehr. In seinem Innern gibt es eine Feder aus blauem Stahl, die man mit einem Schlüssel aufziehen kann. Wenn der Clown aufhört, mit den Füßen zu stampfen und die Becken aneinander zu schlagen, hat die Feder keine Spannung mehr.
»Burlow … Burlow hätte das sehen sollen.« Rike wischte sich Tränen aus den Augen. Ich hörte zum ersten Mal, dass er den Namen eines Gefallenen nannte.
»Ja, Bruder Rike«, sagte ich. »Ja, das hätte er.« Ich stellte mir vor, wie Bruder Burlow mit uns lachte, wie sein Bauch dabei bebte.
Wir hatten unseren Moment, einen der Wegpunkte, die einem dabei helfen, sich an das Leben zu erinnern. Wir hatten unseren Moment, den letzten guten, der die Bruderschaft wiederauferstehen ließ und sie für die Straße bereit machte.
»Lasst uns gehen«, sagte ich.
Manchmal frage ich mich, ob wir alle eine Feder aus blauem Stahl in uns tragen, wie die Denas, die Gorgoth im Kern von uns gewickelt glaubt. Ich frage mich, ob wir alle mit den Füßen stampfen, Becken gegeneinander schlagen und im Kreis marschieren, ohne ein Ziel. Und ich frage mich, wer über uns lacht.