45
Hochzeitstag
Das Donnern der gegen die Burgmauer schmetternden Steine übertönte mich. Ein Schild löste sich vom Haken und fiel klappernd zu Boden. Staub rieselte von der Decke.
»Das Tor wird nicht halten«, sagte ich noch einmal.
»Dann kämpfen wir auf dem Hof gegen sie«, erwiderte Sir Hebbron.
Ich verzichtete auf den Hinweis, dass er vor vier Jahren auf eben jenem Hof vor mir kapituliert hatte, obwohl ich nur mit Gog und Gorgoth gekommen war und nicht mit vierzehntausend Soldaten, wie sie dem Fürsten von Pfeil zur Verfügung standen.
Wenn Coddin bei uns gewesen wäre, so hätte er von Kapitulation gesprochen. Nicht aus Furcht, sondern aus Mitgefühl. Vielleicht hätte er vorgeschlagen, uns dem Feind unter der Bedingung zu ergeben, dass er die einfachen Leute verschonte, die in der Spukburg Zuflucht gesucht hatten.
Aber Coddin war nicht da.
Der tote Knabe beobachtete mich von einer dunklen Ecke. Mit jedem verstreichenden Jahr war er älter und trauriger. Aus dem Augenwinkel gesehen schien er zu sprechen, aber wenn ich in seine Richtung sah, blieben die blauen Lippen unbewegt. Welcher Mann kann sich einen Sieg erhoffen, wenn ihn Unheil aus jedem Schatten anstarrt? Er gehörte allein mir, dieser Geist. Er war kein Trick von Chella, kein Gesandter des Toten Königs, nur eine traurige und stumme Erinnerung an ein Verbrechen, das selbst Luntars Kästchen nicht völlig geheimhalten konnte.
Wieder donnerte es, und mein Blick glitt fort von der dunklen Ecke. Ich schüttelte den Moment von mir ab.
Die Ritter und Hauptleute beobachteten mich, während das durch die hohen Fenster kommende Licht auf ihren Rüstungen glänzte. Diese Männer lebten für den Kampf. Ich fragte mich, wie viele von ihnen ich opfern musste, um den Fürsten von Pfeil aufzuhalten. Wie viele von ihnen würde ich opfern, nur um den Fürsten zu verletzen, um ein größeres Loch in sein Heer zu schlagen?
Die Antwort lautete: alle.
»Wenn sie kommen, treten wir auf dem Hof gegen sie an. Wir kämpfen überall in der Burg gegen sie, in den Türen, auf jeder Treppe, bis zu diesem Zimmer, wenn es sein muss.« Meine Wange schmerzte dort, wo ich die Haut mit dem Messer aufgeritzt hatte, bei jedem Wort tat sie weh. Ich strich mit den Fingern über die Linie aus schwarzem geronnenen Blut.
»Sir Makin, Sir Kent, ihr seid für die Verteidigung des Tors zuständig. Ich möchte, dass alle in diesem Raum dort draußen sind.«
Sie gingen zur Tür. Kent blieb stehen.
»Sir Kent?«, fragte er.
»Lass es dir nicht zu Kopf steigen«, sagte ich. »Und erwarte keine Zeremonie.«
Kent schüttelte langsam den Kopf. Ich sah, wie seine Augen glänzten. Ich hatte nicht gedacht, dass es ihm viel bedeutete.
»Nehmt die Skorpione von den Mauern und stellt sie auf den Hof. Vorn und in der Mitte. Ihr habt einen Schuss, und dann bilden sie eine Barrikade«, sagte ich. »Und Makin … Vergiss deine Rüstung nicht.«
Die Spukburg hatte fünf Skorpione, riesige Armbrüste auf Rädern, die einen Speer vierhundert Meter weit schicken konnten. Wenn sich genug Männer vor ihnen befanden, bekam man etwas in der Art der Fleischspieße, die an der Tafel der Burg Morrow serviert wurden.
»Du nicht, Miana, bleib hier«, sagte ich, als sie den Rittern folgen wollte. »Und Lord Jost!«, fügte ich hinzu. »Ich verlasse mich auf deine Hilfe. Es ist alles getan.«
Lord Jost setzte seinen kegelförmigen Helm auf und legte sich den schleierartigen Kettenhemd-Nackenschutz über die Schultern. Sein Blick ging von Miana zu mir. »Unser Bündnis erfordert die vollzogene Ehe, König Jorg.«
Meine Hände flogen nach oben. »Beim blutenden Christus! Du hast gesehen, wie wir verheiratet wurden. Es ist mitten am Tag, und wir sind mitten im Gefecht.«
»Trotzdem.« Kein Platz für Verhandlungen in dem eingefallenen Gesicht. Er drehte sich, um Sir Makin zu folgen. »Euer Großvater weiß, dass das Blut beider Eltern in Euren Adern fließt, Sire. Ich kann nicht handeln, bevor die Ehe vollzogen ist.«
Und das ließ mich auf einem Thron in einem leeren Raum mit lauter Stille zurück. Gesellschaft boten mir nur Miana in ihrem weißen Hochzeitsgewand und zwei Wächter an der Tür, die auf ihre Füße starrten.
»Mist.« Ich war mit einem Satz auf den Beinen, nahm Mianas Hand und führte sie zur Tür, kam mir dabei wie jemand vor, der mit einem Kind spazieren gehen wollte.
Ich rauschte an den Wächtern vorbei und eilte zur Treppe des Ostturms. Miana musste ihr Gewand heben und halb laufen, um mit mir Schritt zu halten. Ich nahm jeweils zwei oder drei Stufen auf einmal.
Ein wuchtiger Tritt öffnete die Tür meines Schlafzimmers. »Hinaus!«, rief ich, und mehrere Dienstmädchen stoben mit Tüchern und Bürsten fort. Ich glaube, sie haben nicht saubergemacht, sondern sich versteckt.
»Lord Jost verlangt, dass ich dir deine Jungfräulichkeit nehme«, sagte ich zu Miana. »Andernfalls kann mir das Haus Morrow nicht helfen.« Ich hatte nicht so unverblümt sein wollen, doch ich steckte voller Ärger, und außerdem war mir dies peinlich.
Miana biss sich auf die Lippe. Sie schien sich zu fürchten, wirkte aber auch entschlossen. Ihre Finger tasteten nach den Schnüren an der Seite des Gewands.
»Halt«, sagte ich. Es hatte mir noch nie gefallen, unter Druck gesetzt zu werden. Miana war recht hübsch, und zwölf ist so jung nicht. Ich hatte mit zwölf getötet. Aber manche Frauen erblühen früh und andere spät. Miana mochte den Verstand einer Piratin haben, aber sie sah aus wie ein Kind.
»Du willst mich nicht?« Sie zögerte. Dem Schmerz von Enttäuschung und Zorn gesellten sich Furcht und Entschlossenheit hinzu.
Auf der Straße habe ich beobachtet, dass es alte Männer sind, denen junge Mädchen gefallen. Bruder Row und Bruder Lügner hatten es auf die Jüngsten abgesehen, auf Mädchen, die noch jünger als Miana waren. Bruder Sim und ich haben immer Erfahrung zu schätzen gewusst. Die reifere Form. Deshalb: Nein, ich wollte sie nicht. Und wenn man aufgefordert wird, etwas zu nehmen, das man nicht nehmen mag … Es ist wie die Aufforderung, pikanten Tintenfisch zu essen, wenn man lieber Rindfleisch und Bratkartoffeln möchte. So etwas bringt einen um den Appetit. Um jede Art von Appetit.
»Ich möchte dich derzeit nicht«, sagte ich. Das war diplomatischer, als sie pikanten Tintenfisch zu nennen.
Ich legte die Hand auf meinen linken Oberschenkel, wo nach dem Lauf die Treppe hoch ein gemeiner Schmerz pulsierte. Es hatte sich eine Wunde geöffnet, an die ich mich gar nicht erinnerte. Vielleicht habe ich sie mir zugezogen, als ich in die Höhle gefallen bin, kurz vor der Lawine. Sechstausend Tote, das Ergebnis der Arbeit dieses Morgens, und ich hatte eine Wunde am Hintern. Als ich die Hand zurückzog, klebte Blut an den Fingern.
Vier schnelle Schritte brachten mich zum Bett. Ich riss die Decke zur Seite, und Miana zuckte zusammen, als hätte ich sie geschlagen. Meine Hand strich übers saubere Laken, kehrte zur Wunde im Oberschenkel zurück, drückte mehr Blut heraus und wiederholte den Vorgang.
»Hier«, sagte ich. »Sieht das echt genug aus?«
Miana machte große Augen. »Ich …«
»Es muss genügen. Für mich sieht’s echt aus. Es muss reichen. Mehr Blut quetsche ich nicht aus mir heraus, verdammt.«
Ich riss das Laken vom Bett und schob es durch die Lücke zwischen den Gitterstäben am Fenster. Dabei bemerkte ich zwei Pfeile auf dem Boden, die offenbar von den Bogenschützen auf der Anhöhe stammten. Ich band das Laken an einem Gitterstab fest und ließ es im Wind flattern, damit alle sehen konnten, dass ich eine Frau aus Miana gemacht hatte.
»Wenn du jemandem auch nur ein Wort davon sagst, besteht Lord Jost darauf, dass wir es auf dem Tisch im Festsaal tun, während alle zusehen«, sagte ich.
Miana nickte.
»Wohin willst du?«, fragte sie, als ich zur Tür eilte.
»Nach unten.«
»Gut.« Sie setzte sich aufs Bett. Ihre Füße erreichten den Boden nicht.
Ich legte die Hand auf die Klinke.
»Aber man wird jahrelang Lieder über den Schnellen Jorg singen. Schnell mit dem einen Schwert, noch schneller mit dem anderen«, sagte sie.
Ich nahm die Hand von der Klinke, drehte mich um und ging besiegt zum Bett.
»Worüber möchtest du sprechen?«, fragte ich und setzte mich neben sie.
»Ich bin Orrin von Pfeil und seinem Bruder Egan begegnet«, sagte Miana.
»Ich ebenfalls.« Wenn ich daran dachte, wie jener Schwertkampf ausgegangen war, bekam ich Kopfschmerzen. »Und wo fand eure Begegnung statt?«
»Sie besuchten die Burg meines Vaters in Wennith, bei einer ihrer großen Reisen durchs Reich. Orrin hatte seine neue Frau dabei.« Sie beobachtete mich und hielt nach einer Reaktion Ausschau. Jemand musste ihr etwas erzählt haben.
»Katherine.« Ich reagierte trotzdem. Die Heirat mit einem Kind änderte nichts an meiner Faszination Frauen gegenüber, insbesondere dieser. »Und welchen Eindruck hast du von dem Fürsten gewonnen?« Ich wollte nach Katherine fragen, nicht nach Orrin und seinem Bruder, aber ich gab diesem Wunsch nicht nach. Rücksicht auf Mianas Gefühle war nicht der Grund, vielmehr Abscheu vor der Schwäche, die mir auch nur die Erwähnung von Katherine gab.
»Orrin von Pfeil erschien mir als der beste Mann, dem ich jemals begegnet bin«, sagte Miana, die es offenbar nicht für nötig hielt, Rücksicht auf meine Gefühle zu nehmen. »Seinen Bruder Egan hingegen halte ich für eingebildet. Das sagte auch mein Vater. Die falsche Mischung aus schwach und gefährlich. Orrin aber … Er könnte ein guter Kaiser sein, dem es vielleicht gelänge, die Hundert friedlich zu einen. Hast du nie an die Möglichkeit gedacht, ihm zur gegebenen Zeit Treue zu schwören?«
Ich begegnete Mianas Blick. Es waren schlaue Augen, die im Gesicht eines Kinds eigentlich nichts zu suchen hatten. Die Wahrheit lautete: Ich hatte oft darüber nachgedacht, was ich tun würde, wenn Orrin von Pfeil zur Spukburg zurückkehrte, ob er dabei ein Heer mitbrachte oder nicht. Zweifellos hielt mich nicht eine einzige Person für geeigneter als Orrin, auf dem Thron des Kaisers zu sitzen, und doch waren Tausende bereit gewesen, ihr Blut zu geben, um ihn aufzuhalten. Um im Leben etwas zu erreichen, muss man über Leichen gehen, und ich habe meinen Weg mit Leichen über Leichen gepflastert. Gelleth brannte für meinen Ehrgeiz und brennt noch immer dafür.
»Ja, ich habe daran gedacht.«
Die Worte überraschten Miana. Sie hatte nicht mit einer Antwort gerechnet.
»Es gab einmal eine Zeit, in der ich vielleicht als Verwalter für den Kaiser Orrin gearbeitet hätte. Eine Zeit, in der ich bereit gewesen wäre, meine Ziegenhirten und seine Bauern friedlich miteinander leben zu lassen. Aber die Dinge ändern sich, Ereignisse tragen uns fort, selbst wenn man glaubt, zu führen und die Befehle zu geben. Brüder sterben. Bestimmte Entscheidungen werden uns abgenommen.«
»Katherine ist sehr schön«, sagte Miana, und diesmal senkte sie den Blick.
Draußen erklangen Schreie. Pfeile zischten, Gebrüll kam aus der Ferne. »Haben wir uns jetzt Zeit genug gelassen?« Ich hatte nicht nach Katherine gefragt, und eine Schlacht wartete auf mich. Als ich aufstehen wollte, legte mir Miana die Hand aufs Bein, nervös und auch kühn.
Sie griff erneut nach ihrem Gewand, und ich dachte schon, dass vielleicht mehr Entschlossenheit in ihr steckte als Furcht, aber sie löste nicht die Schnüre, sondern holte einen schwarzen Samtbeutel hervor, der an einer Schnur baumelte. Er war gerade groß genug für einen Augapfel.
»Meine Mitgift«, sagte Miana.
»Ich hatte mir etwas Größeres erhofft.« Ich lächelte und nahm den Beutel entgegen.
»Sollten das nicht meine Worte sein?«
Ich lachte laut. »Jemand hat eine böse alte Frau in den Körper eines Mädchens gesteckt und ihn mit der kleinsten Mitgift auf der ganzen Welt zu mir geschickt.«
Ich gab den Inhalt des Beutels auf meine Hand. Ein einzelner Rubin, so groß wie ein Auge, von einem Experten geschliffen und mit einem roten Stern, der in seinem Innern brannte. »Hübsch«, sagte ich. Der Rubin fühlte sich warm an und brachte dort Hitze in mein Gesicht, wo ich die Brandnarben trug.
»Es ist ein Werk von Magie«, sagte Miana. »Ein Feuermagier hat die Wärme von tausend Herzen darin verstaut. Der Stein kann Fackeln entzünden, Wasser kochen, ein Bad erhitzen und Licht machen. Er kann sogar genug Hitze erzeugen, um zwei Eisenstücke miteinander zu verbinden. Ich zeige es dir, wenn du möchtest.«
Sie streckte die Hand nach dem Edelstein aus, aber ich schloss die Finger darum. »Jetzt weiß ich, warum Feuerverfluchte Rubine mögen«, sagte ich.
»Sei vorsichtig«, mahnte Miana. »Es wäre … unklug, ihn zu zerbrechen.«
Meine Finger hatten sich gerade um den Rubin geschlossen, als mich plötzlich eine Woge der Hitze erfasste und mir den Arm verbrannte. Für einen Moment sah ich nur ein Lodern und glaubte, Gogs Krallenhände an meinen Seiten zu fühlen, als säße er hinter mir auf Braths Rücken, wie an so vielen Tagen im Frühling. Ich hörte seine hohe Stimme, fast wie die Musik meiner Mutter, die versuchte, mich aus zu weiter Ferne zu erreichen. Etwas entzündete sich in meinem Kern, und das Strömen des Feuers kehrte sich um, es brannte unsichtbar durch meinen Arm und in den Edelstein. Ein Knacken kam von dem Rubin, und mit einem Aufschrei ließ ich ihn los. Miana fing ihn – wie flink ihre Hände waren! Ich rechnete damit, dass sie ebenfalls schrie und den Rubin fallen ließ, aber er lag kühl auf ihrer Hand, Sie legte ihn aufs Bett.
Ich stand auf. »Es ist eine würdige Mitgift, Miana. Du wirst eine gute Königin des Hochlands sein.«
»Und du?«, fragte sie.
Ich ging zum Fenster. Auf der Anhöhe, wo die Bogenschützen des Fürsten in Stellung gegangen waren, herrschte noch immer großes Durcheinander. Inzwischen hatten sich die Trolle vermutlich in ihre Höhlen zurückgezogen, aber welche Soldaten möchten schon Aufstellung beziehen, während sie fürchten, dass eine schwarze Pranke erscheint und ihnen den Kopf abreißt?
»Und du?«, wiederholte Miana.
»Schwer zu sagen.« Ich nahm das Kupferkästchen aus seinem Beutel. Am vergangenen Abend hatte ich vor diesem Fenster gesessen und den kleinen Kasten betrachtet. Ein Kelch, das Kästchen, ein Messer. Trinken, um zu vergessen; den Deckel öffnen, um sich zu erinnern; oder das Messer, um alles zu beenden. »Es ist schwer zu sagen, wenn man nicht weiß, wer man ist.«
Ich hielt mir das Kästchen vor die Augen. »Geheimnisse. Ich habe dich mit Geheimnissen gefüllt, und es ist noch ein Geheimnis übrig, schwärzer als die anderen.« Gewisse Wahrheiten sollten vielleicht für immer unausgesprochen bleiben. Manche Türen sollte man nicht öffnen. Ein Engel hatte mich einmal aufgefordert, all das Üble loszulassen, das ich zu fest an mich drückte, und mich von den Fehlern zu befreien, die mir Gestalt gaben. Was dann von mir übrig bliebe, hätte Vergebung erfahren und dem Engel in den Himmel folgen können. Ich hatte abgelehnt.
Bergstürze, eine Lawine und Trolle, das alles spielte keine Rolle. Das Heer des Fürsten von Pfeil würde uns trotzdem zermalmen. Mit solchen Mühen zu kämpfen und dem Sieg nicht einmal nahe zu kommen … Das war bitter.
Ich hatte dem Tod oft gegenüberstanden, manchmal mit Überlebenschancen nicht größer als jetzt, aber zum ersten Mal sah ich dem Ende als gebrochener Mann entgegen, mit einem Teil des eigenen Selbst in einem Kästchen verschlossen. Luntar hatte in seiner brennenden Wüste vollbracht, was dem Engel verwehrt geblieben war. Er hatte etwas von mir genommen und einen Kompromiss hinterlassen, der in Jorg Ankraths Stiefeln umherlief.
Öffne das Kästchen nicht.
Der tote Knabe beobachtete mich aus der Ecke des Zimmers, als hätte er dort immer gestanden und schweigend Tag für Tag auf diesen Moment gewartet, auf die Gelegenheit, meinem Blick zu begegnen. Bleich war er, aber ohne Wunden, ohne besondere Merkmale, abgesehen von den fischbauchweißen Abdrücken auf seiner Haut, wie die Narben, die Chellas tote Diener vor langer Zeit an Gogs kleinem Bruder hinterlassen hatten.
Wenn du es öffnest, wird das, was ich für dich getan habe, rückgängig gemacht.
Ich drehte das Kästchen, bis das Licht auf die Dornenmuster fiel. Zum Teufel mit Luntar, und zum Teufel mit dem toten Kind. Wenn ich Pfeils Legionen zum letzten Mal gegenübertrat, wollte ich ganz sein.
Wenn du es öffnest, bist du erledigt.
Meine Hände zitterten nicht am Kupfer. Dafür war ich dankbar. Ich klappte den Deckel hoch, und damit nicht genug. Mit einer schnellen Bewegung löste ich ihn ganz vom Kästchen und warf ihn am blutigen Laken vorbei.
Öffne auf keinen Fall das Kästchen.
Ich bin wieder in Friar Glens Zimmer, erhellt vom Glühen des Heiden, und sofort verlangt es meine Hände danach, ihn zu töten.
»Es gab Blut und Schleim«, sagt Sageous. Er lächelt. »Saraem Wics Gifte bewirken so etwas. Aber ein Kind gab es nicht. Ich bezweifle, dass es jetzt jemals eins geben wird. Die Gifte der alten Hexe sind nicht sehr freundlich. Sie kratzen eine Gebärmutter leer.«
Ich finde die Klinge und nähere mich Sageous. Ich versuche zu laufen, habe jedoch das Gefühl, durch tiefen Schnee zu stapfen.
»Dummer Junge. Glaubst du, ich bin wirklich hier?« Er versucht nicht, zu entkommen.
Ich bemühe mich, ihn zu erreichen, aber ich stolpere.
»Ich bin nicht einmal in dieser Stadt«, sagt Sageous.
Frieden umhüllt mich. Ein honigsüßer Traum von Sonnenschein, Kornfeldern und spielenden Kindern.
»Du glaubst, ich bin wie du, Jorg.« Er schüttelt den Kopf, und Schatten huschen durchs Zimmer. »Rachgier hat dich durch Königreiche getrieben, und du glaubst, dass es mir ähnlich geht. Ich bin nicht hier, um dich zu strafen. Ich hasse dich nicht. Ich liebe alle Menschen gleichermaßen. Aber du musst gebrochen werden. Du hättest mit deiner Mutter sterben sollen.« Sageous’ Finger tasten zu den Buchstaben an seinem Hals. »Es steht geschrieben.«
Und als ich ihn erreiche, ist er nicht mehr da.
Ich wanke in den Flur. Leer. Ich schließe die Tür und lasse die Klinke mithilfe meines Metallstreifens herab. Friar Glen wird um Hilfe beten müssen. Ich habe für ihn jetzt keine Zeit mehr, und selbst durch all die von Sageous geschaffenen Schichten aus Lügen und Träumen nehme ich an, dass er irgendeine Schuld trägt.
Katherine hat mich nicht zur Hohen Burg gebracht, und Friar Glen bestimmt nicht. An der Weggabelung in den Ken-Sümpfen habe ich nicht die rechte Abzweigung gewählt, nur um das Grab meines Hundes zu besuchen. Und ich muss jetzt schnell sein. Wer weiß, welche Träume Sageous in meine Richtung schicken könnte?
Sim hat mir gezeigt, wie man schnell und leise ist. Es geht dabei nicht so sehr um Geräusche. Die Kunst besteht darin, immer zielstrebig in Bewegung zu bleiben. Jedes Zögern lädt zu einer Herausforderung ein. Andererseits: Wenn es keine vernünftige Erklärung für die eigene Präsenz gibt, so kann völlige Stille einen verborgen halten, selbst wenn man deutlich zu sehen ist. Das Auge sieht dich, aber wenn du ein Stein bist, schenkt dir der Verstand keine Beachtung.
»Du da. Bleib stehen.«
Schließlich versagen alle Tricks, und jemand spricht einen an. Selbst an diesem Punkt fällt es den anderen schwer, zu glauben, dass man ein Eindringling ist. Wächter sind besonders stumpfsinnig, nicht zuletzt wegen des langweiligen Dienstes über viele Jahre hinweg.
»Wie bitte?« Ich wölbe die Hand am Ohr.
Man gebe vor, nicht zu verstehen, wenn man zum Stehenbleiben aufgefordert wird. Man gehe weiter, bis man nahe genug herangekommen ist. Man sei schnell, wenn man dem Wächter die Hand auf den Mund legt, ganz flach, damit er nicht hineinbeißen kann. Man stoße ihn gegen die Wand, wenn eine in der Nähe ist. Und dann ein Stich ins Herz. Achte darauf, es nicht zu verfehlen. Und sieh ihm in die Augen. Das lenkt den Wächter vom Versuch ab, Alarm zu schlagen, und außerdem stirbt niemand gern allein. Lass ihn an der Wand zu Boden sinken und verstecke ihn an einer dunklen Stelle.
Ich lasse den Toten hinter mir zurück. Ein zweiter Wächter stirbt am Ende des nächsten Flurs.
»Du!« Dieser Mann kommt mit dem Schwert in der Hand um die Ecke. Hätte mich fast zu Boden geschickt.
Scharfe Hände. Das hat Grumlow mir gesagt. Scharfe Hände. Es ist seine Anleitung für Messerarbeit. Bei einem Schwert geht es um Schwingen und Stoßen, um das richtige Bewegungsmoment, um den richtigen Zeitpunkt für Angriff und Parade. Ein Mann mit einem Messer ist ein Mann mit scharfen Händen, mehr nicht. Ein Messerkampf ist eine üble Sache. Deshalb ziehen die meisten Männer das Schwert vor, weil man einen gewissen Abstand halten und weglaufen kann, wenn es nötig ist. Beim Messer bleibt einem nichts anderes übrig, als schnell anzugreifen, bevor der Gegner seinerseits Gelegenheit zum Angriff erhält, und sofort zuzustoßen und ihn zu töten.
Ich greife schnell an. Das Schwert des Mannes fällt auf den langen Läufer und klappert nicht.
Hinter der Ecke finde ich die gesuchte Tür. Verschlossen. Ich nehme den Schlüssel vom Gürtel des Wächters, und die Tür schwingt an geölten Angeln auf. Stille. Die Angeln eines Kinderzimmers quietschen nie. Säuglingen fällt der Schlaf schwer genug.
Die Amme schnarcht in einem Bett am Fenster. Eine Laterne mit heruntergedrehtem Docht steht auf dem Sims; nur wenig Licht geht von ihr aus. Die Schatten der Kinderbettstangen zeigen auf mich.
Ich sollte die Amme töten, aber es scheint die Alte Mary zu sein, die sich damals um Will und mich gekümmert hat. Ich sollte sie töten, doch ich lasse sie schlafen. Sie wäre schlecht beraten, jetzt zu erwachen.
Ich ziehe den Wächter ins Zimmer und schließe die Tür. Für einen langen Moment rühre ich mich nicht von der Stelle und denke an den Fluchtweg. Der Raum hat einen zweiten Ausgang, der ins Ammenzimmer führt. Solange es zwei Richtungen für die Flucht gibt, fühle ich mich einigermaßen sicher. Es gibt Tunnel, durch die man die Burg verlassen kann. Geheime Tunnel, die an verborgenen Türen in der Hohen Stadt enden. Von außen lassen sich jene Türen nicht öffnen, aber von innen schon.
Ich atme tief durch. Weißer Moschus, das Parfüm seiner Mutter. Ich schleiche zum Kinderbett und sehe auf meinen Bruder hinab. Degran nennen sie ihn. Wie klein er ist. So klein habe ich ihn mir nicht vorgestellt. Ich beuge mich vor und hebe ihn hoch. Er füllt kaum meine Hände und seufzt leise, ohne zu erwachen.
Die Arbeit eines Mörders ist schmutzig.
Ich habe geschworen, den Kaiserthron zu nehmen, den schwersten Weg einzuschlagen und den Hundertkrieg zu gewinnen, um jeden Preis. Und hier halte ich in meinen beiden Händen einen Schlüssel zum Goldenen Tor. Der Sohn der Frau, die den Platz meiner Mutter einnahm. Der Sohn, für den mein Vater mich verstieß. Der Sohn, der mein Erbe bekommen soll.
»Ich bin gekommen, um dich zu töten, Degran«, flüstere ich.
Er ist weich und warm, hat einen großen Kopf und winzige Hände. Das Haar so fein. Mein Bruder.
Das Glühen der Lampe findet die weißen Narben an meinen Armen, als ich den Säugling hebe. Erneut fühle ich die Dornen in mir.
Ich sollte ihm schnell das Genick brechen und diesen Ort verlassen. Im Spiel des Reichs wäre dies kein seltener Zug, nicht einmal ein ungewöhnlicher. Brudermord. Es geschieht so oft, dass es ein Wort dafür gibt. Und häufig sind es tatsächlich die Hände des Bruders, die das Verbrechen begehen.
Warum also zittern meine Hände so?
TU es, bring es hinter dich.
Du bist schwach, Jorg. Selbst mein Vater fordert mich auf, es zu tun. Schwach.
Ich fühle die Dornen tief in mir, wie sie sich mir in die Knochen bohrten, als ich versuchte, William zu retten, Blut strömt an mir herab. Ich spüre es. Es strömt mir über die Wangen und in die Augen, es macht mich blind. Die Dornen halten mich fest.
TU ES.
Nein.
Ich werde die Welt verbrennen, wenn sie mir trotzt, ich werde Zerstörung in ihre fernsten Winkel tragen, aber ich werde nicht meinen Bruder töten. Nicht noch einmal. Ich bin hierhergekommen, um diese Entscheidung zu treffen. Um zu zeigen, dass ich wählen kann. Um zu beweisen, dass die Entscheidung bei mir liegt.
Ich lege Degran ins Kinderbett zurück. Ein Schaf aus Wolle erwartet ihn dort, mit Stummelbeinen und Knopfaugen. Schlaf, Bruder. Schlaf gut.
Er rollt schlaff aus meinen Händen, weiß dort, wo ihn meine Finger berührt haben. Ich verstehe nicht. Eiseskälte umschlingt mich, eine seltsame Leere entsteht in mir, bis ich nichts weiter bin als eine spröde, zerbrechliche Hülle. Ich stoße den Säugling an.
»Wach auf.«
Ich ziehe an dem Laken unter ihm und schüttele das Kinderbett. »WACH AUF!«
Er rollt hin und her, weiß von meinen Fingern, seine weiche Haut eine stumme Anklage.
»Wach auf!«, schreie ich, aber nicht einmal die Amme erwacht.
Sageous ist da, glühend steht er in einer Ecke des Zimmers. »Nekromantie, Jorg. Wie viele Schneiden hat das Schwert?«
»Ich habe ihn nicht getötet. Ich hätte ihn töten können und sollen, aber ich habe es nicht getan.«
»Doch, das hast du.« Meine Stimme ist schrill, aber Sageous spricht ganz ruhig.
»Ich will dies nicht!«, rufe ich.
»Die Nekromantie hört auf dein Herz, Jorg. Sie hört das, was du nicht sagen kannst. Sie tut, was der geheime Kern von dir möchte und braucht. Was der Mund sagt, kümmert sie nicht. Du hast den Tod kleiner Dinge in deinen Fingern, und ein kleines Ding ist gestorben.«
»Nimm sie mir!« Ich flehe. »Bring ihn zurück.«
»Ich?«, fragt Sageous. »Ich bin nicht einmal hier, Jorg. Ich kann kaum mehr tun, als die dicke Schlampe dort schlafen zu lassen. Außerdem, ich wollte, dass du ihn tötest. Warum, glaubst du, habe ich dich hierher gebracht?«
»Du hast mich hierher gebracht?« Ich kann den Blick nicht auf ihn oder Degran richten. Auch nicht auf die Schatten, denn vielleicht starren mich Mutter und William von dort aus an.
»Mit Träumen von Katherine, die dich zur Burg brachten, und von William, um dich in sie zu locken. Wirklich, Jorg, einem intelligenten Jungen wie dir hätte inzwischen klar sein sollen, wie ich vorgehe. Nicht die Todesträume sind meine besten Waffen; es sind die subtilsten Werkzeuge, die die größte Wirkung erzielen. Ein kleiner Anstoß hier, ein Schubs dort.«
»Nein.« Ich schüttele den Kopf, als könnte ich seine Worte damit in eine Lüge verwandeln.
»Ich blute für dich, Jorg«, sagt Sageous voller Mitgefühl und mit sanftem Blick. »Ich habe dich lieb, aber du musst gebrochen werden, es ist der einzige Weg. Du hättest sterben sollen, und jetzt kann das Gleichgewicht nur wiederhergestellt werden, wenn du brichst. Nur dann können die Ereignisse den Lauf nehmen, den sie nehmen sollten.«
»Welche Ereignisse?«
»Der Fürst von Pfeil wird uns einen. Das Reich wird neu erblühen. Es bedeutet Leben für Tausende und Abertausende, die sonst gestorben wären. Im Frieden kehrt die Wissenschaft zu uns zurück. Und ich leite die Hand des Kaisers, damit alles gut wird. Ist das nicht mehr wert als du, Jorg? Ist das nicht das Leben eines einzelnen Säuglings wert?«
Ich schreie und springe ihm entgegen, als könnte Zorn den Kummer vertreiben, doch was ich getan habe, hat einen Riss in mich gebracht, und durch diesen Riss gießt Sageous Wahnsinn, jede Menge davon. Ich taumele blind und heule.
Ich sehe nichts mehr. Überhaupt nichts, bis dieser Moment mich in das leere Kästchen starren lässt, das seinen Deckel verloren hat.
So viel Wahnsinn und Bedauern strömten in mich, dass kein Platz für Erinnerungen blieb, nichts für das Kästchen. Welche Instinkte oder welches Glück mich ohne Entdeckung aus der Burg brachten, oder wie viele Leichen ich dabei zurückließ, kann ich nicht sagen.
»Jorg?«
Ich drehte mich um und sah Miana an. Meine Wangen waren feucht von Tränen. Sageous’ Magie prickelte unter meiner Haut, aber es war nicht sein Zauber, der die Leere in mir schuf. Ich habe meinen Bruder getötet.
Sein Geist lag auf dem Bett, hinter Miana ausgestreckt. Nicht der weiche Säugling, sondern der kleine Junge von vier Jahren, der er gewesen wäre. Zum ersten Mal lächelte er mich an, als wären wir Freunde und als freute er sich, mich zu sehen. Seine Gestalt verblasste, während ich ihn noch beobachtete, und ich wusste, dass er nicht zurückkehren, nicht wachsen oder heilen würde.
Jemand hämmerte an die Tür. »Sire, das Tor ist offen!«
Ich wich an die Wand zurück und sank zu Boden. »Ich habe ihn getötet.«
»Jorg?«, fragte Miana besorgt. »Der Feind kommt durchs Tor.«
»Ich habe meinen Bruder getötet, Miana«, erwiderte ich. »Soll der Feind kommen.«