14
Als Jeremy Cara Spornitz zum ersten Mal sah, stand sie blutüberströmt und ziemlich ungehalten vor ihm. Schweiß glänzte auf ihrem herzförmigen Gesicht. Die Haare hatte sie straff nach hinten gebunden, doch einige dunkle Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr über die Augen, die in einem fast unnatürlich tiefen Violett schimmerten. Sie wollte sie wegstreifen, doch ihre Hände steckten bis zu den Ellenbogen in Gummihandschuhen, und so wischte sie sich die Stirn an ihrem erhobenen linken Arm ab und hinterließ dabei einen breiten roten Streifen. Sie trug ein altes T-Shirt unter der Schürze, und alles, was Jeremy sonst noch erkennen konnte, waren Gummistiefel, ausgewaschene Jeans, eine schmale, aber zähe und sportliche Figur und jede Menge Ärger in ihren Augen, die ihn angriffslustig anblitzten.
Aus dem Stall kam das laute Muhen einer Kuh.
»Was gibt’s denn so Dringendes?«
Er war mitten in die komplizierte Geburt eines Kalbes gestolpert. Die Frau, die in Caras Praxis so lange die Stellung hielt, bis ihre Chefin wieder im Haus war, hatte ihn in ein winziges Dorf hinter Vockerode geschickt. Jeremy hatte den Namen in dem Moment vergessen, in dem er Cara Spornitz gegenüberstand.
»Platzen Sie immer so herein, ohne anzuklopfen?«
»Es tut mir leid. Ich wollte nicht stören.«
Sie streifte sich mit energischen Bewegungen die blutigen Handschuhe ab und schüttelte den Kopf. Jeremy wollte sie nicht darauf aufmerksam machen, dass er sehr wohl geklopft und gerufen hatte. Eine ältere Frau im Vorderhaus, die noch ein Kopftuch trug und ihn daran erinnerte, dass die Zeiten von Tracht und Kopfbedeckung auch in Deutschland noch gar nicht so lange her waren, hatte ihn zum Stall geschickt. Unterwegs war er an einem VW Passat vorbeigekommen, der aussah, als ob er nur noch von dem getrockneten Schlamm auf seiner Karosserie zusammengehalten wurde. Auf diesen Wagen ging Cara Spornitz zu, öffnete die nicht abgeschlossene Beifahrertür und holte eine Flasche Wasser heraus.
Sie trank mit geschlossenen Augen. Er beobachtete, wie sich dabei die Muskeln an ihrem schmalen Hals bewegten. Sie waren fast gleich alt, aber sie wirkte wesentlich jünger. Ihr Gesicht erinnerte ihn an das einer Porzellanpuppe: seltsam bleich, mit leicht geröteten Wangen und einem kleinen, rosigen Mund. Als sie die Flasche absetzte und ihn wieder ansah, verflüchtigte sich der Eindruck sofort. Sie hatte nichts Puppenhaftes an sich. Sie sah einfach nur sehr gesund aus und war mit einer Stupsnase gesegnet, deren Niedlichkeit sie durch das ärgerliche Stirnrunzeln fast komplett konterkarierte.
»Mein Name ist Jeremy Saaler. Ich versuche seit Tagen, Sie zu erreichen. Sie haben nie zurückgerufen.«
Er hatte seine Nachrichten mit der Bemerkung hinterlassen, es gehe um ihre Schwester. Jede andere hätte sich sofort gemeldet. Nicht Cara Spornitz. Sie ließ sich verleugnen, war ständig unterwegs oder hatte Sprechstunde. Seine Bitten um Rückruf waren von ihr beharrlich ignoriert worden. Schließlich hatten er und Brock sich darauf geeinigt, dass Jeremy es persönlich versuchen sollte. Es war Freitagnachmittag. Auf den jungen Psychologen warteten eine Runde Golf mit seinem Vater und Henny, ein langweiliges Wochenende mit Fachliteratur, eine schon längst überfällige und immer wieder angemahnte Aussprache mit seiner Ex, die sich vor Monaten mit dem Hinweis von ihm getrennt hatte, das Leben an seiner Seite sei so spannend wie das eines Laternenmastes, und die trotzdem immer wieder darauf bestand, jede einzelne von Jeremys Unterlassungen und Fehlleistungen zu diskutieren. Er hätte noch ins Fitnessstudio gehen können, das er in letzter Zeit etwas vernachlässigt hatte, oder mit einem Bekannten aus Studienzeiten erst ins Kino und dann in einen der Clubs oder eine der angesagten Bars, für die er sich weder weltläufig noch reich genug fühlte und die er im Morgengrauen jedes Mal mit brummendem Schädel und dem Gefühl, nichts Weltbewegendes verpasst zu haben, verlassen hatte.
Warum also nicht Dessau? Bauhaus, Industriearchitektur, viel Grün. Er war auf dem Weg zu Cara Spornitz’ Praxis durch eine von Krieg und Wiederaufbau ihres Charakters beraubte Stadt gefahren, mit der üblichen Haupteinkaufsstraße und den üblichen Geschäften, einigen wenigen schönen Altbauten und viel austauschbarer Belanglosigkeit.
Sie warf die halbleere Flasche zurück auf den Sitz. »Na, jetzt ist es Ihnen ja gelungen. Um was geht es? Lassen Sie mich raten. Ihr Jagdpferd hat eine Kolik.«
Jeremy musste lächeln. Er trug Timberlands zur Cordhose, ein Baumwollhemd mit offenem Kragen und dazu einen Blazer aus englischem Tweed. Unbewusst hatte er sich offenbar auf Landpartie, Heu und Kleinstadt eingestellt.
»Nein. Ich bin hier …«
»Ihr Hund? Ein Golden Retriever, wenn Sie nicht zur Jagd gehen. Was hat er denn, was nicht warten kann?« Sie pustete sich eine Strähne aus der Stirn. Ihre Stimme verriet weder Ablehnung noch Spott. Sie war einfach nur genervt. Sie griff nach der Beifahrertür, um sie zuzuschlagen.
»Es geht um eine Familienangelegenheit. Das hatte ich am Telefon schon erwähnt.«
Ihre Hand fiel herunter. Ihr Blick und ihre Haltung veränderten sich. Langsam knotete sie die Bänder ihrer Schürze auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Ihres Hundes?«
»Nein. Es geht um Charlotte Rubin. Wir sollten das vielleicht nicht hier erörtern.«
»Sie sind … aus Berlin?«
Sie drehte sich um und musterte das Hofgelände. In der Luft lag der satte Geruch von reifendem Korn und gemähtem Gras. Vielleicht suchte sie seinen Wagen. Er hatte ihn vor dem Haus am Straßenrand geparkt.
»Ja.«
Sie streifte die Schürze ab und legte sie sorgfältig zusammen. Dann umrundete sie den Wagen und öffnete den Kofferraum. Sie warf das Kleiderbündel auf die Ladefläche, setzte sich und zog die Gummistiefel aus, um in ein Paar Sneakers zu schlüpfen. Das Blut auf ihren Oberarmen und ihrer Stirn trocknete, und sie hatte dunkle Flecken auf dem T-Shirt, die nicht nach Schweiß aussahen. Jeremy folgte ihr. Die Sonne stand schon tief. Er warf einen langen Schatten und bemühte sich, dass dieser nicht auf sie fiel.
»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte sie, während sie die Schnürsenkel festzurrte.
»Im Internet.«
»Ach ja. So kriegt mich jeder. Was wollen Sie?«
»Ich komme im Auftrag von Professor Brock. Er ist der Gutachter Ihrer Schwester. Er meint, es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn Sie …«
Jeremy brach ab. Sie war fertig mit ihren Schuhen und stand auf. Aus dem Stall kamen zwei Männer. Einer groß und breitschultrig, der andere jünger und schmaler. Beide trugen blaue Overalls. Sie sahen sich ähnlich. Jeremy tippte auf Vater und Sohn. Der Sohn trug eine schwere Arzttasche. Cara ging auf sie zu, wechselte ein paar Worte mit ihnen, verabschiedete sich mit Handschlag und trug die Tasche zu ihrem Wagen zurück. Er trat einen Schritt zur Seite, damit sie sie auf die Ladefläche stellen konnte, auf der ein buntes Durcheinander von Pappkartons, Schuhen, Kitteln, Geräten und weiteren Taschen herumlag.
»Wir würden gerne mit Ihnen reden.«
Er sah sich um. Die beiden Männer gingen ins Haus, wo sie von der Frau mit dem Kopftuch erwartet wurden, die in der Eingangstür stand und neugierig herüberstarrte. Cara schenkte ihm ein höfliches Lächeln.
»Ich rede nicht über meine Schwester.«
»Wir glauben, dass es wichtig ist, mehr über sie zu erfahren. Die Gespräche mit ihr sind nicht einfach. Alles, was mit ihrer Kindheit zu tun hat, interessiert uns sehr.«
Ihr Gesichtsausdruck gefror. Noch bevor er sich fragen konnte, was er falsch gemacht hatte, war sie auch schon an der Fahrertür.
»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Das hat Frau Rubin bereits angedeutet. Aber ich glaube das nicht.«
»Charlie …« Sie lehnte sich an den Wagen und verschränkte die Arme. »Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Wie geht es ihr? Wie kommt sie mit allem zurecht?«
»Tut mir leid. Darüber darf ich keine Auskunft geben.«
»Aha.« Sie scharrte mit den Fußspitzen auf der staubtrockenen Erde. »Dann geht es also um Vertrauen gegen Vertrauen? Ich gebe dir etwas und du mir?«
Jeremy wusste, dass das Du nicht persönlich gemeint war. Trotzdem verwirrte es ihn.
»Professor Brock wird Ihnen sicher weitere Auskünfte geben können.«
»Und Sie?«
»Ich kann Sie nur bitten, so bald wie möglich nach Berlin zu kommen.«
»Einfach so? Ohne Gegenleistung?«
»Frau Rubin hat letzte Woche einen Selbstmordversuch unternommen. Ich weiß, dass ich damit gegen die Regeln verstoße, wenn ich Ihnen das sage. Aber Sie sind eine Angehörige. Hat Sie niemand informiert?«
»Nein.« Das höfliche kleine Lächeln war wie aus dem Gesicht gewischt. »Oh mein Gott. Nicht schon wieder.«
»Dann hat sie so etwas schon öfter gemacht?«
Cara zuckte hilflos mit den Schultern. »Sie ist ein paar Jahre älter als ich. Als Teenager hatte sie wohl eine harte Zeit. Ich habe das nicht so mitbekommen, ich war ja noch ein Kind. Aber sie hat es wohl mal mit Schlaftabletten versucht. Und einmal, wann war das? Ich weiß es nicht mehr. Es war eine unglaubliche Aufregung. Ein Nachbar brachte sie nach Hause, völlig aufgelöst. Sie hätte wohl versucht, sich vor sein Auto zu werfen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie es besonders ernst meinte. Ein paar Tage später lachte sie schon wieder und tat so, als ob nichts passiert wäre. Wo hat sie es versucht? Im Gefängnis?«
»In unserer Praxis.«
Er wollte zu einer Erklärung oder Entschuldigung ansetzen, aber Cara achtete gar nicht darauf. Für sie schien das Elend ihrer Schwester bedeutungslos zu sein. Es war irritierend, denn sie machte sonst den Eindruck einer absolut normalen, schlagfertigen, intelligenten Frau.
Sie deutete auf ihr T-Shirt. »Ich würde mich jetzt wahnsinnig gerne duschen und umziehen. Und um fünf habe ich noch die Kleintiersprechstunde. Erfahrungsgemäß plaudern da nicht die Sittiche und Katzen, sondern ihre mehrheitlich älteren, alleinstehenden Besitzerinnen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Es tut mir wirklich leid, was mit Charlie passiert ist. Aber wir stehen uns so nah wie Sie und ich. Ich werde sie besuchen, sobald ich kann. Ich muss jetzt leider los.«
Jeremy wusste nicht, ob sie wirklich so herzlos war, wie sie tat, oder ob sie ihre Sorge nur gekonnt verbarg. Sehr gekonnt, setzte er hinzu, als er sah, wie sie sich hinters Lenkrad setzte, die Sonnenblende herunterklappte und ihr Gesicht mit einem unwilligen Kopfschütteln musterte. Sie ist ihre Schwester, dachte er. Der einzige Mensch, der ihr nahesteht. Das kann nicht alles spurlos an ihr vorübergehen.
»Dann werde ich mir jetzt einen Sittich zulegen.«
Sie sah ratlos zu ihm hoch.
»Vielleicht reden Sie dann mit mir?«
»Ersparen Sie es sich und dem armen Tier.«
»Wann ist die Sprechstunde zu Ende?«
»Ich sagte Ihnen doch schon …«
Das Auto roch nach Pferd, Heu, Gülle und Blut. Und nach etwas Frischem, Süßem, das aus ihren verschwitzten Haaren kommen musste. Erstaunlich, weil sie eben noch in einem Stall durch Blut gewatet war.
»Ich warte auf Sie. Wo?«
Cara seufzte und steckte den Zündschlüssel ins Schloss.
»Sie lassen wohl nie locker?«
Er stützte sich mit den Händen auf dem Autodach ab und wartete darauf, dass sie ihm die Tür vor der Nase zuschlagen würde. Doch sie tat es nicht. Sie streckte zwar den Arm nach dem Griff aus. Aber sie hielt inne.
»Kennen Sie Wörlitz?«
»Nur dem Namen nach.«
»Um acht an den Gondeln im Park.«
Er klopfte leicht aufs Dach und grinste. »Um acht.«
An den Gondeln. Hätte Cara Spornitz nicht eine Schwester, die einen Menschen ermordet hatte, könnte das beinahe ein Date werden.