Kapitel 49
Durch das Fenster in Sallys Büro sah Rebecca auf den Verkehr, der auf der Straße unten vorbeifloss. Ihre Freundin probierte es erneut.
»Komm schon, Bec.«
Sie drehte sich zu Sally um und sagte noch einmal mit weit aufgerissen blauen Augen: »Nein, nein, nein. Nein!«
»Doch!«, widersprach Sally mit zusammengebissenen Zähnen.
»Du hast behauptet, ich müsste in die Stadt kommen, um einen Exportvertrag zu unterschreiben, nicht um Gespräche mit möglichen Bewerbern zu führen! Du hast mich angelogen. «
Sally seufzte und spreizte die Finger auf der Schreibtischfläche. »Bec, es ist nur in deinem Interesse und im Interesse eurer Farm. Du kannst so nicht weitermachen. Wenn ich mit offenen Karten gespielt hätte, wärst du gar nicht erst hergekommen. Wenn du nicht so ein Workaholic wärst, hättest du dir die Zeit genommen, die Zeitung zu lesen. Dann hättest du gesehen, dass wir eine Anzeige aufgegeben haben. Es zahlt sich aus, in geschäftlichen Dingen auf dem Laufenden zu bleiben.«
»Wo sollen wir deiner Meinung nach einen neuen Manager unterbringen? Noch dazu einen mit Familie?«
»Hör zu, das sind doch nur Details. Dein Vater hat vorgeschlagen, eine zweite Hütte zu bauen, außerdem ist reichlich Platz in – «
»Du hast mit meinem Dad darüber gesprochen!«
»Aber selbstverständlich. Er hat mir geholfen, die Anzeige zu verfassen. Natürlich sieht er das genauso. Er kann nicht mehr mit dir mithalten. Ihr beide braucht einen Manager für den Feldanbau und die Bewässerung.«
Rebecca seufzte und plumpste in einen Sessel. »Na schön … du hast ja immer recht, Sally Carter.«
»Verfluchte sture Ziege«, murmelte Sally vor sich hin.
Rebecca hockte kochend in ihrem Sessel und musterte mit finsterer Miene die vielen Bewerber, die nacheinander in den Raum traten und den Job als Manager für die Bewässerung und den Feldanbau haben wollten. Manchmal stellte sie unmögliche Fragen, bei den meisten weigerte sie sich, Interesse zu zeigen, stattdessen stand sie nur am Fenster und starrte hinaus. In ihrem Kopf lief der immer gleiche Film ab. Sie sah sich mit dem neuen Manager streiten. Er würde es nicht ertragen, von einer jungen Frau Anweisungen zu erhalten, er würde in ihre Privatsphäre eindringen, er hätte eine Frau und laute Kinder. Er wäre nicht gut zu den Tieren. Er wäre ein Schmiersack oder ein Voyeur. Sie hatte das Gefühl, dass jemand in ihre Welt einzudringen drohte. Doch gleichzeitig wusste Rebecca, dass Sally recht hatte. Sie brauchte jemanden, der nicht nur Hirn hatte, sondern auch anpacken konnte. Schon jetzt hatte sie ihrer Freundin verheimlicht, dass ihre Schulter ständig schmerzte und sie nachts vor Rückenschmerzen kaum schlafen konnte. Physisch, emotional und geistig hatten die letzten Jahre auf Waters Meeting sie ausgezehrt. Obwohl ihre Familie Rebecca unterstützte und Sally ihr beistand, spürte sie doch die Last der Verantwortung auf ihren Schultern. Sie vermisste es, sorgenfrei und locker zu sein. Nachts auf eine Party zu gehen oder bis zum Sonnenaufgang durchzutanzen. Sie wusste, dass Sally recht hatte, aber sie war fest entschlossen, dass niemand, der nicht perfekt zu ihr passte, in ihre Privatsphäre eindringen sollte.
Nachdem der vierte Bewerber die Hose über den Wanst hochgezogen und aus dem Raum marschiert war, knurrte Rebecca ihre Freundin an: »Wo sollten wir den unterbringen, falls wir ihn wirklich einstellen sollten? Bei mir im Haus?«
»Ich habe dir doch gesagt, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich habe mich über Fertighäuser schlau gemacht. Die wären bei deinem Budget noch drin.«
»Ach, du hast alles schon ausgetüftelt – du und dein blödes Budget! Ich kann nicht glauben, dass du mir das antust!«
»Reiß dich zusammen und halt die Klappe! Holst du den nächsten Bewerber rein oder soll ich es tun?«
Sally schaute in Rebeccas Gewittergesicht und warf die Hände in die Luft. »Na schön! Ich gehe schon. Hier, wirf einen Blick auf seinen Lebenslauf – er ist eindeutig qualifiziert; weißt du, ich glaube, du wirst feststellen, dass er genau der Mann ist, den du gesucht hast.«
Sie warf den schwarzen Ordner in Rebeccas Schoß. Statt ihn aufzuschlagen, beschäftigte sich Rebecca damit, mit einer Büroklammer ihre Fingernägel zu putzen. Sie sah nicht einmal auf, als der nächste Bewerber eintrat.
»Setzen Sie sich«, hörte Rebecca Sallys weiche, freundliche Stimme. Sally stolzierte mit ihren langen, eleganten Beinen durch den Raum und nahm ihren Platz hinter dem Schreibtisch wieder ein.
»Es freut mich, dass die Fahrt hierher angenehm war. Also, wir haben uns Ihren Lebenslauf angesehen, Ihre Qualifikationen sind exzellent, aber können Sie uns verraten, warum in aller Welt sie für diese miesepetrige, vertrocknete alte Gewitterziege hier in der Ecke arbeiten wollen?«
Rebecca blickte von ihrer Nagelsäuberung auf.
»Na ja«, antwortete der Bewerber. »Weil ich sie liebe.«
Ein heißer Schauer lief durch Rebeccas Körper, als sie Charlie auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch sitzen sah. Er ließ ein breites Lächeln aufleuchten und sagte: »Hallo, Bec.«
»Charlie!« Er sah noch besser aus als in ihren Träumen. Seine Haare waren frisch geschnitten, außerdem trug er einen Anzug. Sie hatte ihn noch nie im Anzug gesehen, er sah toll aus. Mit seiner braun leuchtenden Haut über dem Weiß seines Hemdes. Dem Grün in seiner Krawatte, das seine Augen zum Strahlen brachte. Der über seine breiten Schulter fallenden Jacke. Seinen Händen, diesen großen, gebräunten Händen, die er im Schoß gefaltet hatte. Rebecca spürte, wie ihre Wangen rot anliefen, während sie sich in dem süßen Anblick verlor.
Dann waren sie plötzlich beide aufgestanden und gingen aufeinander zu. Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn an sich. Sie meinte zu schweben, als sie ihn wieder roch und spürte und ihre Seele von Liebe überschwemmt wurde. Dann hob sie ihr Gesicht seinem entgegen, sie sahen sich tief in die Augen und küssten sich.
Gleich darauf löste sie sich wieder von ihm, weil ihr aufging, was passiert war. Sie drehte sich um und sah Sally zornblitzend an.
»Du hast es gewusst! Du hast es gewusst! Und du hast mich all diese Bewerbungsgespräche durchexerzieren lassen! Du weißt es schon seit einer Woche, wenn nicht länger!«
Sally grinste achselzuckend. »Du hast es verdient.«
Rebecca wandte sich wieder Charlie zu und spürte, wie sie gleichzeitig lachen und weinen musste. »Ihr miesen Schweine!«
Dann küsste sie ihn wieder voller Leidenschaft und verlor sich in ihm. Während er sich in ihr verlor. Ihrer Wärme, ihrer Stärke, dem weichen goldenen Haar und den starken, sinnlichen Händen. Rebecca und Charlie, die sich wieder küssten und beide spürten, wie der Fluss sie umspülte.
Rebecca zog sich zurück, hob die Hände, um sein Gesicht abzutasten, begann unter Tränen zu lachen und küsste ihn immer und immer wieder.
Schließlich räusperte sich Sally: »Ähm … heißt das, er hat den Job?«