Kapitel 23

Du kannst doch keine Heuballen als Couch nehmen, du Dödel! « Rebecca stemmte die Hände in die Hüften und schaute zu, wie Paddy den Ballen in die Zimmerecke wuchtete und dabei eine Grasspur über den ohnehin fleckigen, penis-pinken Teppichboden legte.

»Also, nachdem du deine Anziehsachen und dein Essen im Einkaufswagen aufbewahrst, bin ich überzeugt, dass ein paar Heuballen den Gesamteindruck kaum stören«, antwortete Paddy mit hochrotem Kopf, nachdem er den Ballen fallen gelassen und seine Jeans wieder hochgezogen hatte.

»Ich hätte wissen müssen, dass es eine blöde Idee ist, mit dir zusammenzuziehen. Wir halten das nicht mal ein Semester lang durch! Schließlich habe ich dich schon kaum ertragen, als du noch einen Block entfernt von mir auf dem Campus gewohnt hast. Außerdem wird dich das Heu in deinen kleinen dicken Hintern pieken.«

»Von wegen! Lass dir gesagt sein, dass dies hier Qualitätsheu ist … und dass mein Hintern überhaupt nicht dick ist.«

»Meinetwegen kannst du dein Qualitätsheu an deine stinkenden Ziegen verfüttern – wir fahren zu St. Vinnies und besorgen eine echte Couch zum halben Preis, wenn das Heu tatsächlich so verflucht toll ist.«

Beide starrten einander finster an und strengten sich dabei an, das Lächeln hinter den scheinbar wütenden Gesichtern zu verbergen. Dann hörten beide die Haustür schlagen und drehten wie auf Kommando den Kopf zum Eingang. Gabs stand mit knallrotem Kopf vor ihnen, weil sie mehrere Supermarkttüten aus dem glühenden Datsun durch die Sommerhitze ins Haus geschleppt hatte.

»Hey, wollt ihr hier drin eine Futterkrippe einrichten?« Sie nickte zu den Heuballen hin.

»Dies ist Paddys Vorstellung zufolge die ›Couch‹.«

»Cool«, sagte Gabs, »… glaube ich.« Sie blieb kopfschüttelnd vor den Heuballen stehen. Dann fielen ihr die Tüten in ihren Armen wieder ein. »Hey Leute! Schaut mal, was ich gekauft hab! Chokoes waren im Angebot. Es gab einen ganzen Beutel für nur zwei Dollar.« Sie streckte stolz den Beutel vor.

»Chokoes?«, wiederholte Bec.

»Was ist das?«, fragte Paddy.

»Vor allem ekelhaft«, sagte Bec und schielte dabei in den Beutel mit dem grünen, zucchiniartigen Gemüse.

»Hey! Aber für zwei Dollar! Das war ein echtes Schnäppchen! «, wehrte sich Gabs.

»Was ist in den anderen Tüten?«, fragte Bec.

»Nur etwas Hack für die Spaghetti und was zu knabbern für die Bierparty heute Abend.«

»Wo wir gerade von Bier sprechen, das sollte ich lieber holen gehen.« Paddy zog die Schlüssel zu seinem Pick-up aus der Hosentasche. Gabs zog mitsamt ihren Tüten in die Küche ab.

Rebecca blieb im Zimmer stehen und blickte auf die tristen grauen Wände. Es war die einzige Mietwohnung, die ihnen die Maklerin zeigen wollte. Landwirtschaftsstudenten allein waren schon schlimm genug, aber eine Studentin mit drei Hunden bereitete ihr definitiv Kopfschmerzen. Rebecca hatte ihren feinsten Rock angezogen, den Blondschopf in einem Pferdeschwanz gezähmt und so seriös wie überhaupt möglich erklärt: »Ich kann Ihnen von der AR-Company, bei der ich zwei Jahre angestellt war, Referenzen für meine Hunde ausstellen lassen.«

Die Maklerin mit ihrer auftoupierten Mähne und den tiefen Falten um die Augen hatte Becs Blick abfällig erwidert. Trotz der sengenden Hitze draußen hatte Bec in dem großen alten Haus zu frösteln begonnen. Vor allem, als die Maklerin erzählt hatte: »Natürlich war das hier jahrelang eine Arztpraxis, ehe das Haus für eine Bestattungsfirma umgebaut wurde. Daher die breiten Doppeltüren.«

»Anscheinend waren es keine besonders guten Ärzte«, hatte Rebecca gescherzt, doch die nach kaltem Zigarettenrauch und Parfüm riechende Gottesanbeterin im Maklerinnenkostüm war wortlos an ihr vorbeigerauscht, um ihr die Küche zu zeigen. Der Garten hinter dem Haus war ein Dschungel, aber er war groß und mit einem halb verfallenen Schuppen versehen, wo sie ihre Hunde anketten konnte.

Weil Rebecca das Haus für Paddy und Gabs gefunden hatte, durfte sie als Erste ihr Zimmer wählen. Sie hatte sich für das Vorderzimmer entschieden, wo sie die Morgensonne genießen konnte; trotz der zerschlissenen Tapeten hatte das Zimmer schöne große Fenster und einen alten Marmorkamin. Bestimmt hatten sie die Leichen nicht ausgerechnet hier aufgebahrt, dachte sie.

Am Wochenende hatte sie aus zweiter Hand eine Doppelbettmatratze gekauft und sie in der Ecke auf ein paar Ziegelsteine und ein Brett gelegt. Dann hatte sie aus Apfelkisten und Sperrholz einen Tisch gezimmert und mit Stoff überzogen und schließlich in einem Gebrauchtmöbelladen einen Stuhl erstanden. Neben dem Bett standen ein paar Kerzen. Eine Lampe würde sie später kaufen. Außerdem, dachte sie, waren Kerzen viel romantischer. Sie malte sich aus, wie sie einen frisch angekommenen Erstsemester in ihr Zimmer entführte und ihn langsam auf ihrem niedrigen Bett entkleidete.

Am Abend musterte Bec das kleine Grüppchen von Jungs auf der Party vom grünen Rasen vor dem Haus aus, wo sie und Gabs auf dem Bauch lagen. Bis jetzt noch kein junges Talent, nur die immer gleiche Bande schwer saufender Prolos aus dem vergangenen Studienjahr.

»Na, altes Mädchen«, wurde sie von Gabs aus ihren Gedanken gerissen, »ist was gelaufen in den Ferien?«

»Ach was«, antwortete Bec, »da war tote Hose. Alastair hat einen neuen Jackaroo eingestellt, ein echtes Sahneschnittchen, aber der war noch ein halbes Kind. Gerade mal achtzehn.«

»Als hätte dich das schon mal abgehalten.«

Rebecca rümpfte die Nase und stippte die Lippen in den kühlen Bierschaum, mit dem ihr Becher dank Paddys stümperhafter Versuche, das Fass anzuzapfen, gefüllt war.

»Und was ist mit dir?«

»O Gott, ich würde für etwas Action alles geben. Meine Sommerferien waren die Wüste«, sagte Gabs. Sie leerte ihren Becher und griff nach Becs. »Komm, wir schauen nach, ob Paddy das Bier inzwischen zum Laufen bekommen hat.«

Es war einer jener langen Sommerabende, an denen sich der Sonnenschein ewig zu halten schien. Die Wärme stand in der dunklen Nacht, und Insekten umsummten die nackten Glühbirnen der Außenbeleuchtung.

Die Luft schwirrte vor Aufregung, als sich die Studenten des vergangenen Jahres wiedersahen und die ersten Erstsemesterstudenten gespannt auf die berüchtigte College-Party-Action in den Garten spaziert kamen. Da seit dem vergangenen Jahr sämtliche Initiationsriten untersagt worden waren, waren Bierpartys in Mode gekommen, um die Neulinge zu empfangen und kennenzulernen.

»Gott. Da kommt schon wieder eine Schar ›Und-auf-welcher-Schule-warst- du?‹-Hühner«, sagte Bec und nickte dabei zu der Gruppe hin, die eben den Garten betreten hatte. Sie trugen korrekt gebügelte, klein gemusterte Blusen mit hochgeklapptem Kragen, ihre Handgelenke und Hälse waren schwer mit antikem Schmuck behangen.

»Nach drei Monaten haben sie sich normalisiert«, sagte Gabs trocken. »Bei Kerlen wie denen da kommen sie schon bald auf den Boden.« Gabs und Bec sahen zu dem Kreis von Jungen hinüber, die mit heruntergelassenen Hosen um das Bierfass standen und sich mit der Zapfpistole Bier in den Mund schossen.

Bec hatte seit dem Mittag Bier getrunken, gerade verkohlte die zweite Ladung von Koteletts und fetten Würsten auf dem Grill. Hungrig und betrunken zerrten sie und Gabs wie Löwinnen das Fleisch von den halbrohen Koteletts.

»Zum Glück ist es dunkel. Die schmecken grauenhaft, und ich wette, sie sehen auch grauenhaft aus«, sagte Bec. Fettstriemen zogen sich über ihre Gesichter und glänzten im Licht der Außenlampen.

Die adretten Erstsemesterstudentinnen begannen bereits die Wirkung des Bieres zu spüren, und eine von ihnen begrüßte Bec und Gabs mit rosigen Wangen, während sie an einem Brotkanten kaute. Als sie und ihre Freundinnen nervös näher herantraten, reichte Bec ihr und den anderen aus ihrer Gruppe die kotelettfettige Hand. Zwischen zwei Bissen fragte Bec: »Erstsemester?«, obwohl sie das genau wusste.

»Ja«, antwortete eine mit einer großen Nase.

»Es wird euch gefallen. Im ersten Semester habt ihr Tierproduktion. Mein Lieblingsfach.«

»Meines auch«, bestätigte Gabs. »Wir durften Penisse studieren.«

»Verzeihung?«, fragte ein Mädchen mit einem Körper wie ein Model.

»Penisse!«, wiederholte Gabs lauter. »Ein wichtiger Bestandteil der Tierproduktionseinheit.«

»Ja. Stimmt«, ergänzte Bec. »Faszinierend. Wusstet ihr, dass ein Eberpenis wie ein Korkenzieher aussieht … fast gekringelt? « Sie zog kleine Kreise mit der Fingerspitze.

»Ein Bullenpenis hat eine S-Kurve und wird durch einen Reflektormuskel zur Erektion gebracht.« Gabs schob die Hüften vor und zurück.

»Genau. Du hast in der Vorlesung aufgepasst, Scabs! Hingegen hat«, fuhr Rebecca fort, »ein Widderpenis am Ende ein kleines Peitschendings namens Flagellum-Nochwas.«

»Ich weiß, dass Kater Widerhaken an ihrem Penis haben«, sagte das Mädchen mit der großen Nase.

»Stimmt genau!« Bec freute sich, dass die Mädchen allmählich auftauten.

»Unserem Professor zufolge, Ross – ihr werdet ihn noch diese Woche kennenlernen –, ähnelt der Penis eines Hengstes am ehesten dem des Mannes, weil er mit Blut gefüllt ist, wenn er erregt ist.«

Hinter Becs Schulter meldete sich eine Männerstimme zu Wort: »Weiß eine von euch, wie der Penis eines Gockels aussieht? «

Als die Mädchen, Gabs eingeschlossen, mit offenem Mund aufsahen, drehte sich Bec um. Ihre Augen wurden groß.

»Charlie Lewis! Was zum Geier tust du hier?«

»Aber, Miss Rebecca.« Seine Augen lächelten sie an, dann beugte er sich vor, um sie auf die Wange zu küssen.

»Mmm«, leckte er sich danach die Lippen. »Feinstes Kotelettfett.«

Die anderen Mädchen standen verwirrt um sie herum.

»Und wie sieht jetzt ein Gockelpenis aus?«, fragte Gabs.

Alle zuckten mit den Achseln, während Rebecca beglückt in Charlies Gesicht lächelte.

Gegen Mitternacht begannen dicke, warme Sommerregentropfen zu fallen, die zischend auf dem abkühlenden Grill landeten. Das zweite Fass war angezapft, und die Jungen wurden allmählich rauflustig. Bec, Charlie, Emma und Gabs hatten zu den Countrysongs getanzt, die aus den Lautsprechern von Paddys Pick-up dröhnten. Als Charlie dabei beiläufig den Arm um Rebeccas Taille schwang, durchzuckte sie ein Blitz der Begierde. Sie schaute zum Himmel auf, und die trägen, vereinzelten Tropfen landeten heiß auf ihrem Gesicht. Aus einem unerfindlichen Grund hätte sie in ihrem Rausch nichts lieber getan, als Charlie bei der Hand zu nehmen und ihn zu ihren Hunden zu bringen. Falls Dags genauso auf ihn reagierte wie beim letzten Mal, wüsste sie, dass er ein guter Mensch war, und dann würde sie, betrunken wie sie war, sich ihm mit ganzer Seele hingeben.

Sie sah zu ihren Hunden, die fast den ganzen Tag angebunden geblieben waren. Am Ende ihrer Ketten liegend, hatten sie die schon mittags anlaufende Party und vor allem Rebecca nicht aus den Augen gelassen. Jetzt hatten sie sich in den Schuppen zurückgezogen, wo sie sich, die Schnauzen unter den Schwanz gebettet, eingerollt hatten.

Paddy hing gemeinsam mit Hamish kopfüber an der einbetonierten Wäschespinne und maß sich mit ihm im Fledermaussaufen. Sie forderten die Erstsemester zu einem Wettkampf heraus, und wenig später knirschte und quietschte der Metallrahmen der Wäschespinne bedenklich unter dem Gewicht zwei weiterer Fledermaussäufer, die mit den Knien eingehängt an den stählernen Streben baumelten. Die Hemden fielen ihnen übers Kinn, und die Bäuche leuchteten weiß und regennass durch die Nacht. Sie setzten die Plastikbecher an den Mund und tranken, bis ihnen das Bier aus der Nase lief. Jemand begann die Wäschespinne zu drehen, die daraufhin abknickte wie ein trockener Stock, und die Jungen landeten in einem lachenden, spritzenden und regennassen Haufen auf dem Boden.

Dann verlagerte sich die Party ins Haus.

»Das ist unser ewiger Ruheraum«, erklärte Rebecca Charlie mit einer ausgreifenden Geste.

»Ewiger Ruheraum?«

»Im Gegensatz zu einem normalen Ruheraum. Offenbar hatten sie hier die Leichen aufgebahrt, als hier das Bestattungsunternehmen untergebracht war.« Sie sah ihm ins Gesicht, das im hellen Licht ihren Atem stocken ließ. Er sah besser aus, als sie es sich je ausgemalt hatte, wenn sie wie so oft den Kuss am Fluss in ihrer Fantasie nacherlebt hatte. Dunkle Stoppeln überzogen sein kantiges Kinn, und seine Augen waren grün wie die Eukalyptusblätter, die vor ihren Kinderzimmerfenstern auf Waters Meeting im Wind geschaukelt hatten.

Im Geist fuhr sie mit den Fingerspitzen über sein Gesicht und die braune, weiche Haut an seinem Hals. Er betrachtete sie so konzentriert, dass sie unter seinem intensiven Blick und dem markanten Gesicht plötzlich ganz schüchtern wurde. Wahrscheinlich war ihr ganzes Gesicht fettverschmiert, und auf ihrem Kinn prangte ein fetter Pickel. Ihre Haaren waren schon längst dem Pferdeschwanz entkommen und völlig zerzaust, zwischen ihren Locken hatten sich Grashalme und Regentropfen verfangen.

»Nette Couch«, nickte Charlie zu ihren Heuballen hin.

»Stimmt, und so praktisch in Dürreperioden.«

Im überfüllten Zimmer brach lauter Applaus aus, als Paddy und ein Erstsemester namens Bill mit einem Karton voller Rum und Coke hereingestolpert kamen. Alle hatten blutergussblaue Fünfdollarscheine in Bills ausladenden Queenslander-Hut geworfen, sodass die Expedition zum Getränkeladen von Erfolg gekrönt war.

Bec nutzte die Ablenkung, um sich aus dem Zimmer zu schleichen.

»Kacke«, war alles, was ihr einfiel, als sie ihr Gesicht im Badezimmerspiegel erblickte. Die Kotelettfetttheorie hatte sich als korrekt erwiesen, und ihre Augen waren rot gerändert.

»Trümmertante«, beschimpfte sie ihr Spiegelbild. Sie fuhr mit einem heißen Waschlappen über ihr Gesicht und bürstete hastig die Grashalme aus ihren Haaren. Ihr T-Shirt war mit Tomatensoße bekleckert und unter einem Arm eingerissen, sodass ihr grau gewaschener BH zu sehen war.

»Kacke«, sagte sie wieder.

Sie flitzte über den Flur in ihr Zimmer und an dem Pärchen vorbei, das sich knutschend an die Wände presste. In ihrem Zimmer zerrte sie sich Shorts und T-Shirt vom Leib, zog ihre Jeans an und wühlte nach ihrem engen schwarzen Top. Das Top betonte ihre blonden Haare und schmiegte sich hauteng um ihre runden Brüste. Sie wusste, dass sich die Männer nach ihr umdrehten, wenn sie es trug. Darum trug sie es so gut wie nie. Als sie es damals auf Blue Plains das erste Mal abends angezogen hatte, hatte Dave sie so angebaggert, dass sie es wieder ausgezogen hatte, bevor sie ins Pub gefahren waren. Aber das hier war ein Notfall. Sie wollte Charlie Lewis. Um jeden Preis.

Sie sah, wie Charlies Gesicht aufleuchtete, sobald sie ins Zentrum der Party zurückkehrte. Zwei Becher mit Cola-Rum in seinen großen, schmierölgrauen Farmerhänden haltend, schob er sich durch das Gedränge.

»Du hast dich umgezogen!« Er überreichte ihr einen Becher.

»Genau. Bin draußen ein bisschen nass geworden, und ich dachte, vielleicht sind die Mädels scharf darauf, später noch in einen Club zu gehen.« Sie hoffte, dass er ihr die Ausrede abnahm und sie nicht für eitel hielt. Ihr Hirn schrie: »Ich will dir meine Titten zeigen, bis du deine Lust nicht mehr zügeln kannst und mich ins Bett zerrst!«

Doch als endlich die letzte Flasche Rum geleert war, war es ihr schon wieder egal, wie sie aussah. Zwischen ihr und Charlie hatte sich eine gelöste, beschwipste Unterhaltung entsponnen, dank der die Party um sie herum wirkte, als steckten sie zu zweit in einem Aquarium, an dem die Welt vorbeispazierte. Sie hockten zu zweit auf einem riesigen Sitzsack, den Emma aus einem Trödelladen als Einweihungsgeschenk angeschleppt hatte.

»Sag mir, wenn ich dich totschwalle«, bat sie ihn.

»Nein. Nein.« Er hob die Hand. »Sag du mir, wenn ich dich totschwalle«, schwallte er.

Sie hatten über Anbau, Landmaschinen, Hunde und ihre Familien geredet – dieser Teil der Unterhaltung hatte sich über Stunden hingezogen –, sie hatten über Politik gesprochen, über den Zustand der Landwirtschaft und sogar über Periodenschmerzen. Die leicht lallende, angetrunkene Konversation plätscherte vollkommen mühelos dahin. Nur ab und zu wurde der Gesprächsfluss gestört, wenn Rum aus fremden Bechern auf sie spritzte oder andere Gäste auf sie fielen.

»Wieso hast du dich nur für das zweijährige Diplom und nicht für den dreijährigen Studiengang eingeschrieben?«, fragte Bec.

»Damit ich gleichzeitig mit dir fertig bin«, sagte Charlie.

Rebecca klappte der Mund auf, und ein ziemlich verdatterter Ausdruck trat auf ihr Gesicht, während sie versuchte, seine Antwort zu verarbeiten. Als ihr die Bedeutung aufging, änderte sich ihre Miene.

»Aber du kennst mich praktisch nicht!«

»Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass ich seit dem Tag, an dem ich dir begegnet bin, ständig an dich denken muss. Voll schräg, ich weiß, eigentlich sollte ich ›Basil Lewis, der König des B&S und berüchtigter Partyhengst‹ sein, aber ich hänge fest, Rebecca. Echt. Da ist so ein Bild von dir in meinem Kopf. Ein Bild von dir in einem Fluss. Und … in einem AR-Jahresbericht. « Er fuhr mit den Fingern durch sein kurzes, dunkles Haar und murmelte in seinen Rum: »Ehrlich, das hört sich voll nach dummem Geschwalle an. Bestimmt hältst du mich für einen Psycho. Einen geisteskranken Stalker.«

»Nein! Nein«, sagte sie liebevoll und wollte gerade nach seiner Hand fassen, um ihm zu gestehen, dass sie ganz ähnlich empfand, als ein frisch duftendes Heubündel auf ihnen landete. Im nächsten Moment wurde der Reißverschluss ihres Sitzsacks aufgezogen, und sie flogen lachend in einen See von weißen Bohnen und goldgrünen Heuhalmen. Chokoes zerplatzten an den Wänden in hellgrünen Klecksen, und Flaschen zerschellten am Stahl eines Einkaufswagens. Die Party war vollkommen außer Kontrolle geraten, und so dauerte es nicht lang, bis zwei Polizisten ins Haus traten, wo sie über einen eingerollt schlafenden Erstsemesterstudenten und eine frische, warme Pfütze aus Erbrochenem steigen mussten.

Rebecca sah Gabs ihre verantwortungsvolle Miene aufsetzen – ein eher seltener Anblick – und mit den Polizisten sprechen. Die Musik setzte aus, das Gebrüll setzte aus, die Zerstörungsorgie setzte aus. Unter den strengen und ernsten Blicken der Polizisten verzogen sich die Partygäste auf die Straße und von dort aus ohne großes Aufsehen ins Pub.

»Willst du auch ins Pub?« Bec stand knöcheltief in einem Meer aus Heu, Sitzsackbohnen, Bechern und Flaschen.

»Nein.« Charlie sah ihr in die Augen.

»Na, dann komm, ich zeig dir meine Briefmarkensammlung. « Sie nahm ihn an der Hand.

»Deine Briefmarkensammlung?«

»Ja, ich hab sie in meinem Zimmer.« Sie sah mit lachenden Augen zu ihm auf. Dann führte sie ihn in ihr Zimmer, schloss die Tür und zündete die Kerzen an.

»Es gibt gar keine Briefmarkensammlung, stimmt’s?«, sagte er und zog sie lächelnd an sich.

»Nein«, antwortete sie und wartete auf seinen Kuss.


Es war erst neun Uhr morgens, aber schon jetzt brachte die Morgensonne das Blechdach zum Glühen und kroch durch die Fenster herein, bis die Hitze im Zimmer kaum auszuhalten war. Rebecca wälzte sich herum und verzog das Gesicht, weil sie den Kater und die Hitze spürte, die auf ihren Körper drückte. Dann spürte sie die samtige Haut von Charlie Lewis, der neben ihr lag. Sie lächelte mit geschlossenen Augen und gab sich ganz seiner Berührung hin.

»Guten Morgen.« Seine tiefe, weiche Stimme spülte über sie hinweg und löste eine Gänsehaut aus.

Das ist zu schön, um wahr zu sein, dachte sie und schlug die Augen auf, um ihm ins Gesicht zu sehen. Er sah sie auf einen Ellbogen gestützt an und zwirbelte eine ihrer Haarsträhnen zwischen den Fingerspitzen.

»Hi«, antwortete sie krächzend. »Fühlst du dich genauso übel wie ich?«

»Hundeelend«, bestätigte er. »Kannst du dich noch an gestern Nacht erinnern?«

Rebecca lächelte. »Ja.«

Er zog sie an sich, und ihre nackten Brüste kamen warm auf seinem Brustkorb zu liegen.

Die deutlich definierten Muskeln in seinen Armen wölbten sich, und sie bekam urplötzlich Lust, ihre Zähne in seinen Bizeps zu senken. Farmerarme waren eben was Besonderes.

»Ich wollte nur nicht … du weißt schon … bis zum Äußersten gehen, solange wir so blau waren.« Er küsste sie und löste sich dann ein wenig, um ihr in die Augen zu sehen. »Damit es uns beiden als etwas ganz Besonderes im Gedächtnis bleibt … Hört sich das spießig an? Bestimmt hältst du mich jetzt für voll verkorkst! Aber wir waren beide so breit! Ich hielt es einfach für besser.«

»Es ist jedenfalls eine ungewöhnliche Entscheidung. Du bist jetzt am Landwirtschaftscollege, Charlie. Da heißt es: ›Keine Rücksicht auf Verluste!‹ Trotzdem war das richtig süß von dir.« Sie hielt inne und warf ihm einen spitzbübischen Blick zu. »Jedenfalls habe ich nicht geglaubt, dass du einen Alko-Hänger hattest.«

»Ganz bestimmt nicht.« Charlies Augen begannen zu funkeln.

Rebecca fuhr mit den Fingerspitzen über seinen Rücken. »Bin ich jetzt nüchtern genug für dich, Charlie Lewis?«

Er sah in ihre lächelnden blauen Augen und vergrub sein Gesicht in der weichen Haut an ihrer Halsbeuge.

»Ich will dich«, flüsterte sie und strich mit den Lippen über seine Schulter.

Er drückte sie fester an sich, bis sie seinen harten Penis an ihrem Schenkel spürte. Sie sah ihn verlegen an und fragte: »Hast du was dabei?« Sofort verzog sie angesichts ihrer klischeehaften Frage das Gesicht.

Charlie wollte gerade nach seiner Jeans fassen, die neben der Matratze auf dem Boden lag, als die Tür aufflog und die Hunde hereingaloppiert kamen, keuchend, schwanzwedelnd und vor Aufregung winselnd.

Gabs streckte den Kopf ins Zimmer und sagte: »Ich dachte, ihr steht bestimmt auf Doggie-Style.« Sie knallte die Tür wieder zu und verschwand laut lachend durch den mit Heu bestreuten Flur.

»Mossy!«, quiekte Bec, als die Hunde auf ihr Bett sprangen. »Was macht ihr im Haus?«

Charlie setzte sich mit einem breiten Grinsen auf.

»Hallo, Dags, alter Kumpel!« Er zog den Hund an seine Brust und tätschelte ihn mit festen, kumpelhaften Schlägen. Stubby hüpfte verspielt über das Bett und versuchte kläffend die Füße unter der Decke zu fangen.

»Das ist meine Crew!«, sagte Bec zu Charlie. »Hoffentlich magst du sie!«

»Sie sind irre! Hey, ich weiß was! Nachdem wir so rüde unterbrochen wurden und es hier drin so scheißheiß ist, sollten wir uns was Fettiges zu essen besorgen, um unseren Kater zu ölen, und dann mit den Hunden an den Fluss fahren. Ich kenne eine geniale Schwimmstelle. Mum und Dad haben dort immer mit uns Pause gemacht, wenn wir in der Stadt waren und wieder nach Westen rausfuhren.«

»Hört sich gut an«, sagte Bec, aber sie begann sich auch zu fragen … ob Charlie in der Schlafzimmerabteilung etwas zu verbergen hatte. Doch im selben Moment spürte sie ein Prickeln, weil er den Tag mit ihr verbringen wollte, verdrängte den Gedanken und beschloss, die Zeit mit ihm zu genießen.

»Auf, Dags. Schieb deinen schwarzen Hintern beiseite, wir stehen auf.«

Charlie sah Bec an, bevor er die Decke zurückschlug. »Nicht schauen.«

»Du machst wohl Witze – ich habe längst alles gesehen, Charlie Lewis.«

»Ich liebe das.«

»Was?«, fragte Bec.

»Ich liebe es, wenn du meinen Namen sagst.«

»Werd bloß nicht gefühlsduselig«, foppte sie ihn. »Du kannst das Handtuch nehmen, das an der Tür hängt. Die Dusche ist hinter der zweiten Tür rechts.«

In das Laken gehüllt, lehnte sie in der offenen Tür zum Gang und beobachtete seinen muskulösen Rücken, während er durch den Flur ging. Gabs kam immer noch betrunken und lachend aus ihrem Zimmer gesprungen und zerrte an seinem Handtuch, während die Hunde ihn aufgeregt bellend umtanzten. Rebecca fühlte sich versucht, ihm unter die Dusche zu folgen, entschied sich dann aber dagegen und wartete stattdessen in ihrem Zimmer, bis er zurückkam, um sich anzuziehen.

»Ich kann dir ein sauberes Hemd leihen, wenn du möchtest«, sagte Bec. »Ich hab damals ein paar von meinen Brüdern mitgehen lassen … Du musst nur in der Schublade wühlen. Ein Paar Boxershorts sind auch drin. Bedien dich.«

Während sie ins Bad verschwand, spürte Charlie einen wohligen Schauer, weil er allein Rebecca Saunders’ Schränke durchwühlen durfte. Ihren Sachen nach zu urteilen, war sie ein cooles Mädchen. Nichts von dem Blütenscheiß wie bei den Mädchen, die seiner Mutter gefielen. Charlie hielt ein T-Shirt hoch und lachte. Auf dem Rücken stand in roten Buchstaben: »Trink ihn dir schön.«


Als Rebecca aus der Dusche kam, das Haar zu nassen Löckchen gekringelt, fand sie Charlie mit einer Mülltüte in der Hand inmitten der Partyüberreste im Ewige-Ruhe-Raum wieder. Gabs lehnte auf einem Rechen und plauderte mit ihm.

»Geht’s wieder?«, fragte er.

»Halbwegs.«

Gabs nickte zur Tür hin. »Deine Hunde haben geholfen, Dongers Kotze zu beseitigen.«

»Ihh!«, sagte Bec und schickte die Hunde nach draußen.

Nachdem der Boden wieder sauber war, hätte das Haus etwas ordentlicher ausgesehen, wenn nicht lauter Chokoe-Stücke die Fenstersimse gesprenkelt hätten.

»Scheiß doch drauf«, sagte Gabs. »Ich muss schon wieder kotzen, und dann hau ich mich noch einmal hin. Den Rest machen wir heute Abend sauber.«

Im Pick-up peitschte der warme Fahrtwind Rebeccas Haare über ihre braun gebrannten Schultern. Mit Charlie Lewis über die Ampeln und aus der Stadt herauszufahren, war wie ein zum Leben erweckter Traum. Charlie erschien ihr absolut richtig. Richtig für ihr Leben. Wie er so in seinem Sitz lehnte, den Ellbogen auf den Fensterrahmen gestützt, und mit der anderen Hand nach guten Songs im Radio suchte. Schließlich fand er den Golden-Oldies-Kanal, und beide sangen laut und lachend alte Elvis-Hits mit.

Der Fluss, an den er sie führte, war atemberaubend. Ein gleißender, silberner Pfad, der durch rotbraune, zerklüftete Felsen führte. Sie mussten ziemlich lang auf einem groben Kiesweg zum Ufer absteigen. In der Hitze des Buschwerks war ihr der Schweiß ausgebrochen. Der Alkohol dampfte aus ihren Poren, und sie sehnte sich nach der kühlen Strömung des Flusses. Becs Handflächen schwitzten, weil sie Brathähnchen und Brot in einer Plastiktüte trug. Charlie hatte die Getränke übernommen, eiskalte Limonade und eine große Wasserflasche. Außerdem trug er Becs Rucksack mit zwei Handtüchern und einer Packung Kondome.

Die Hunde trotteten ihnen voran. Sie konnten den Fluss schon riechen, aus ihren Augen leuchteten Begeisterung und Vorfreude. Ab und zu drehte sich Stubby zu ihnen um und bellte kurz, als wollte er sagen: »Beeilt euch!«

Am Flussufer ragten die roten Felsklippen hoch über ihnen auf. Flach wurzelnde Bäume klammerten sich am Ufer fest und beugten sich vor, als wollten sie ihr Spiegelbild im langsam dahinfließenden Wasser betrachten. Das Wasser selbst war dunkel und kühl. Schon bald lösten die Wellen, die Charlies und Rebeccas nackte Körper aufwarfen, die Spiegelbilder auf, und Rufe und Lachen hallten von den Wänden der Schlucht wider, während sie Seite an Seite flussaufwärts schwammen. Mossy, Dags und Stubby umschwammen sie in Kreisen, während die Wallabies sie aus ihrem sicheren Versteck beobachteten. Vögel riefen. Charlie entdeckte einen Felsen im Wasser, ließ sich darauf nieder, und Rebecca tastete nach seinen Fingerspitzen. Er packte ihre Hand und zog sie durch das Wasser heran. Sie setzte sich auf seinen Schoß. Er verlor sich in ihrer Schönheit. Sie spürte seinen warmen Mund auf ihrem. Nasse Finger auf nasser junger Haut.

»Genau wie bei unserem ersten Kuss«, sagte er.

Ohne den Blick von ihr zu nehmen, zog er sie wieder flussabwärts. Zu den Handtüchern und dem Rucksack zurück. Zurück zum grasbewachsenen Ufer. Auf Rebeccas Haut glänzten Wasserperlen, auf denen winzige Spiegelbilder der Schlucht leuchteten. Als sie sich auf das Handtuch legte, zerplatzten und verschmierten die perfekten silbernen Perlen unter Charlies schwerem Körper. Er küsste die Feuchtigkeit weg und ertrank in dem Anblick von Rebecca am Fluss. Sie fuhr mit den Händen über seine braune Haut und ertastete seine festen, muskulösen Hinterbacken. Es war ein so erfüllendes Gefühl, sein Gewicht zu spüren. So tröstlich. So richtig.

Als er in sie drang, sah Rebecca an seinem nach Flusswasser duftenden Haar vorbei auf in den blauesten Sommerhimmel. Sie fühlte, wie ihre Seele aufstieg. Hoch zu dem stillen Adler, der auf der warmen, sauberen Thermik schwebte. Sie erschauerten gemeinsam und sahen sich dann still liegend in die Augen, während der Fluss leise an ihnen vorbeiströmte.

Wo die Wasser sich finden australien2
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